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Full text of "Die Lehre von den Unterleibsbrüchen (Hernien)"

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Speeielle  Chirurgie. 


Von 

Prof.  Karl  May  dl, 

Vnvstaiifl  der  k.  k.  bölmi.  (•hirurgischeii  Klinik  in 


1.  Theil: 

Die  Lehre  von  den  UnterleilDsbrüclien 

(Hernien). 


Mit  124  Abbildungen. 


WIEN. 

VERLAG  VON  JOSEF  SAFÄR. 
1898. 


Die  Lehre 

von  den 

Unterleibsbrüehen 

(HeT^nieri). 


Von 

Prof.  Karl^M^aydl, 

Vorstand  der  k.  k.  böhm.  cliiriirgischeii  Klinik  in  Prag. 


Mit  124  Abbildungen. 


VERLAG 


WIEN. 

VON  JOSEF 
1898. 


ÖAFÄR. 


Alle  Reciite  vorbehalten. 


llHIV(ll$inCf  LCED6 

KEOicAi  mm 


Meinem  ehemaligen  klinischen  Vorstande, 

dem  Herrn 

k.  k.  Hofratlie  und  Obersanitätsratlie 


rof. Eduard  Albert, 


Herrenhausmitgliede, 
Comthiir  des  k.  k.  Franz  Josef-Ordens  mit  dem  Sterne, 
Ritter  des  k.  k.  Leopold-Ordens, 
Besitzer  mehrerer  ausländischer  hoher  Orden, 
etc.  etc.  etc., 


sei  dieses  Bucli  in  aulrichtiger  Vereiirung' 
gewidmet 

vom  gewesenen  Assistenzarzte 


Prof.  Maydl. 


Vorwort. 


Das  vorliegende  Buch  stellt  eine  Neubearbeitung  der 
I.  Abtheilung  des  Lehrbuches  der  speciellen  Chirurgie  dar, 
welches  für  meine  Studierenden  zu  verfassen,  ich  mir  als 
Lebensaufgabe  gesteckt  habe.  Die  Eigenthümlichkeit  der  Ver- 
hältnisse, in  denen  das  Buch  entsteht,  dürfte  es  erklären,  v^arum 
schon  diese  I.  Abtheilung  für  die  gewöhnliche  Ausdehnung  eines 
Lehrbuches  allzu  ausführlich,  ich  möchte  sagen  monographisch 
gehalten  ist.  Dasselbe  hat  eben  nicht  nur  ein  Compendium, 
Lehrbuch,  Handbuch,  sondern  auch  größere  Sammelwerke  in 
Einem  zu  vertreten. 

Als  weitere  Abtheilungen  sollen  folgen : 
II.  Fracturen,  Distorsionen  und  Luxationen. 

III.  Die  chirurgische  Tuberculose. 

IV.  Angeborene  und  erworbene  Difformitäten  und  Defecte. 
V.  Organchirurgie. 

Allen  diesen  Veröffentlichungen  liegt  das  reiche  Materiale 
meiner  Klinik  zugrunde  mit  ihren  circa  1800  stationären  Kranken 
und  an  denselben  ausgeführten  circa  1200  größeren  operativen 
Eingriffen,  nebst  einer  an  9000  Nummern  zählenden  poliklinischen 
Ordination,  in  der  auch  gegen  2000  kleinere  Operationen  im 
Laufe  eines  Jahres  vorgenommen  werden. 


VIII 


Vorwort. 


Diese  Anstalt  wurde  im  Jahre  1891  vollendet  und  von  mir 
nach  meiner  Ubersetzung  von  Wien  nach  Prag  übernommen; 
sie  untersteht  seither  meiner  Leitung.  Sie  ist  in  einem  ziemlich 
gut  eingerichteten  Neubaue  untergebracht,  welcher  fast  alle 
modernen  Einrichtungen,  sogar  eine  Station  für  Durchleuchtung 
mit  Röntgen's  X-Strahlen,  wenn  auch  in  karg  bemessenen 
Localitäten,  besitzt. 

Prag,  am  1.  Februar  1898. 


Prof.  Maydl. 


Inhalts  -Verzeichnis. 


Seite 


Vorwort                                                                                        .  III 

Definition  des  Bruclies   1 

I.  Abtheilung: 

Anatomische  Einleitung-  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen    ....  3 

II.  Abtheilung: 

Statistik   13 

III.  Abtheilung: 

Einzelne  Brucharten  ...........  19 

1.  Der  Leistenbruch  (Hernia  inguinalis)  .19 

2.  Über  Schenkelbrüche  (Hernia  cruralis)        .        .        .        .        .  .55 

3.  Über  Nabelbrüche  (Exomphalus  oder  Oraphalocele)       ....  72 

a)  Der  Nabelschnurbrucli  (Hernia  funiculi  umbilicalis)  ....  74 

b)  Die  Nabelhernien  der  Kinder  ........  80 

c)  Die  Nabelhernie  bei  Erwaclisenen  (Hernia  umbilicalis  adultorum)      .  82 

4.  Über  seltenere  Brucharten  87 

a)  Hernia   obturatoria  oder   Hernia   foraminis  ovalis  (der  Bruch  des 
eirunden  Loches    ..........  87 

b)  Hernia  ischiadica  (der  Bruch  des  Hüttbeinausschnittes)     ...  96 

c)  Der  Mittelflei schbrnch  (Hernia  perinealis)         .....  97 

(/)  Der  Lendenbruch  (Hernia  lumbalis)         ......  100 

e)  Vordere  Bauchbrüche  (Hernia  ventralis  anteriori  im  weiteren  Sinne  104 

a)  Die  Bauchbriiche  oder  Ventralhernien  im  engeren  Sinne  104 

ß)  Hernise  linese  alba;  und  Herniae  epigastricce         ....  108 

/')  Über  Zwerchfellhernien  (Hernias  diaphragmaticae)      ....  113 

5.  Innere  Hernien  .                                             .        .        .        .        .  121 

Hernia  foraminis  Winslowii        .        .        .        .        .        .        .        .  122 

Hernia  recessus  intersigmoidei     ........  124 

Hernia  periccecalis     ..........  127 

Hernia  retroperitonealis  sinistra  .        .        .        .        .        .        .        .  130 

Hernia  retroperitonealis  dextra    .        .        .        .        .        .        .        .  138 


X 


Inhalts- Verzeichnis. 


Seite 

IV.  Abtheilung: 

Hernien  nach  ihrem  Inhalt  eingetheilt      .......  139 

1.  Scheinbare  Hernien    .........  140 

2.  Leere  Bruchsäcke      ..........  144 

3.  Netzbräche  (Epiplocele  oder  Hernia  omentalis)    .....  146 

4.  Darmbrnche  (Enterocele  oder  Hernia  intestinalis)  .....  151 
Darmwandhernien  (Hernia  intest,  lateralis)  ......  157 

5.  Harnblasenbrüche  (Cystocele)      ........  175 

6.  Über  den  Bruch  des  Eileiters  (Hernia  tubaj  Fallopise)    ,        .        .  .181 

7.  Über  den  Bruch  der  Gebärmutter  (Hernia  uteri)   .....  185 

8.  Die  Brüche  des  Eierstocks  (Hernia  ovarii)    ......  189 

9   Über  Magenbrüche  (Gastrocele)    ........  193 

V.  AbtheÜung: 

Die  radicale  Beliandlung-  dei-  Hernien       .......  199 

Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche  .  .  .  199 
Über  die  Bruchbandbehandlung  der  Brüche     .                .        .        .  .213 

Über  die  ßadicaloperationen  der  Hernien  im  allgemeinen  .                .        .  224 

Über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches  .....  234 

Über  die  Radicaloperation    des  Schenkelbruches       .....  250 

Über  die  Radicaloperation  der  Nabel-  und  Ventralhern ien  ....  258 

Über  die  Behandlung  des  angeborenen  Nabelbruches         ....  258 

Über  die  Behandlung  des  Nabel l)ruc]ies  älterer  Kinder  .  .  .  .  263 
Über  die  Behandlung  des  Nabelbruches  bei  Erwachsenen  und  der  Ventral- 

hernien    ............  267 

VI.  Abtheilung: 

Die  patitolog'isclien  Vorgänge  an  den  Hernien   ......  272 

Die  Irreponibiütät   272 

Auszug  aus  der  Geschichte  der  Anschauungen  über  die  Irrepouibilität  im 

weitesten  Sinne  ...........  272 

1.  Über  die  Verstopfung  des  Darmes  im  Bruche       .....  274 

2.  Über  die  Entzündung  des  Brachsackes  und  Bruchinhaltes  und  seine  Folgen  275 
Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien  ....  284  —  287 
Jahrestafeln   288—292 

3.  Über  Einklemmung  der  Brüche  .        .                        .        .        .        .  293 

Geschichtliche  Bemerkungen       ........  293 

Allgemeine  Bemerkungen  über  die  eingeklemmten  oder  incarcerierten 

Hernien         ...........  294 

(()  Über  die  Netzeinklemmung  (Incarceratio  omentalis)      .        .        .  297 

h)  Incarceration  des  Darmes  (Incarceratio  intestini)  ....  300 

Über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis                 .        .■       .        .  321 

Der  Bruchschnitt  (Herniotomie  oder  Kelotomie)        .        .        .                •  327 

Verlauf  nach  der  Herniotomie.        ........  365 

Über  die  Scheinreduction        .........  370 

Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten     .        .        .  393 

a)  Die  Herniotomie  beim  Leistenbruche        ......  393 

b)  Die  Herniotomie  beim  Schenkelbruche      ......  395 

c)  Die  Herniotomie  beim  Nabelbruche  .......  398 

(l)  Die  obturatorische  oder  subpubische  Herniotomie     ....  400 


Inhalts- Verzeichnis. 


XI 


Seite 


Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  (Fistula  stercoralis)  und  des  wider- 
natürlichen Afters  (Anus  prajternaturalis)     ......  402 

Über  Hernientuberculose .        .........  430 

Innere  Darmobstruction  ..........  433 

Der  paralytische  Ileus    ..........  452 

Über  Darmltnickung       ..........  454 

Abplattung,  Compression  des  Darmes      .        .        .        .        .        .        .  460 

Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Strictureu  ......  462 

Fremdkörper.        ...........  478 

Volvulus   483 

Über  die  Einschiebung  des  Darmes  (Invagination,  Intussusception)  .  489 

Über  die  innere  Einklemmung        .......  493 

Über  Peritonitis  nacli  Continuitiitstrennungen  des  Magend;umcanals  und 

ihre  Behandlung.        ..........  498 


Anhang 


515 


Figuren-Verzeiehnis. 


Fig. 

Seite 

1.  Querschnitte  der  vorderen  Bauclivvand  (die  obere  Abbildung  veranschau 

licht 

die  Verhältnisse  ober  dem  Nabel,  die  untere  die  Verliältnisso  unter 

dem 

Nabel)  

5 

2.  Trigonum  Petiti  .......... 

7 

H.  Ansicht  der  Gegend  des  inneren  Leistenringes  .... 

25 

4.  Congenitaler  Bruchsack  beim  Weibe,  in  der  Wand  Durclischnitt  des 

Lig. 

rotundum 

29 

5.  und  6.  Hernia  inguinalis  interstitialis  ...... 

31 

7.  Hernia  inguinalis  sensus  trictiori  (buhonocele),  beiderseitiger  Kryptorchismus 

33 

8.  Hernia  scrotalis  sin.  ......... 

35 

9.  Hernia  labialis  dext.  ......... 

35 

10.  und  11.  Eventratio  inguinalis  dextra  beim  Manne 

37 

12.  Eventratio  inguinalis  sin.  beim  Manne  ....... 

39 

13.  Rechtsseitige  labiale  Riesenhernie  ....... 

41 

14.  Große  rechtsseitige  Labialhernie   . 

43 

15.  Hernia  inguino-interstitialis  sin.  beim  Weibe         .       .  •  . 

4» 

16.  Hernia  supravesicalis  ......... 

50 

17.  Hydrocele  tunicai  vaginalis  propria;  testis  lat.  utrsque,  rechts  groß,  links 

klein 

Öl 

18.  Fibrolipoma  funic.  sperm.  d.  recidivum  ...... 

51 

51 

20.  Spermatokele  bilateralis  

51 

21.  Hydrocele  bilateralis  vaginalis  

53 

22.  Fibromyxochondroma  testis  ........ 

54 

2'd.  Verticaler  i^zur  Haut)  Durchschnitt  durch  das  Poupart'sc-lie  Band 

56 

24,  Lage  des  Schenkelbruchsackes  

57 

25.  Hernia  multilocularis  Hesselbachi  

61 

26.  Vergleichende  Ansicht  (von  rückwärts)  der  Lage  einer  Leistenhernie  (rechts) 

und  einer  Schenkelhernie  (links)  ....... 

63 

27.  Linksseitiger  hängender  Schenkelbruch  ..... 

66 

28.  Linksseitiger,  flach  aufsitzender  Schenkelbruch  .... 

66 

29.  Linksseitiger  Schenkelbruch  

67 

30.  Rechtsseitiger  hängender  Schenkelbruch  ..... 

67 

31.  Schenkelbruchrecidive  nach  Herniotomie  beim  Manne.  Narbe  sichtbar 

71 

32.  Hernia  funiculi  umbilicalis,  Vorfall  der  Leber,  des  Magens  und  des  Dünn- 

darmes  

73 

33.  Hernia  funiculi  umbilicalis,  Vorfall  des  Düiui-  und  des  Dickdarmes 

73 

XIV 


Figuren -Verzeichnis. 


Fig. 

Seite 

34.  Ein  neugeborenes  Kind  mit  Hernia  fun.  umbil. 

na 
lO 

35.  Derselbe  Nabelschnurbruch  mit  gespaltener  Hülle  , 

nc 
/O 

3ß.  Derselbe  Bruch  nach  Emporheben  der  lieber  , 

7ß 
ID 

37.  Nabelhernie  beim  K.naben,  von  vorne  .... 

öl 

Dip*Nplbe  von  det*  Seife 

81 

39.  Kleine  subumbilicale  Hei'nie  ...... 

84 

40.  Isolierte  Hernie  der  Nabelnarbe  ..... 

85 

41.  Nabelhernie  von  großer  Ausdehnung,  mit  Narben  . 

85 

42.  Verticaler  Durchschnitt  des  Bruchsackes  einer  linksseitigen 

Hernia 

obtura- 

toria,  von  innen  gesehen.  Lateral hernie.  Der  Darm  entfernt 

91 

43.  Hernia  obturat.  s.  (Ansicht  vom  kleinen  Becken  aus)  . 

44.  Hernia  veutralis  lateralis  

45.  Bauchhernie  nach  Perityphlitis,  von  reclits  gesehen 

46.  Dieselbe  von  links  gesehen  ...... 

lUO 

47.  Congestivabscess  nach  Wirbelsäulecaries.  einem  Bruche  sehr 

ähnlich 

107 

48.  Ventralhernie  nach  Durchbruch  eines  parametritischen  Abscesses, 

vor  der 

Operation  .   . 

int) 

49.  Dieselbe  nach  der  Operation  ...... 

109 

50.  Bauchbruch  nach  einer  Stichverletzung  des  Abdomens  . 

109 

51.  Bauchhernie  nach  Laparotomie  ..... 

III 

52.  Hernia  epigastrica  ........ 

IIB 

53.  Angeborene  Hernia  diaphragm.    (durch  den  Hiat.  oesoph.). 

Linker 

Thorax 

von  Därmen  erfüllt.  Herz  verdrängt  .... 

115 

54.  Der  Lihalt  des  Thorax  auseinandergelegt 

117 

55.  Hernia  retroperitonealis  sin.  ...... 

135 

56.  Senkrechter  Schnitt  durch  ein  Stigma  .... 

143 

57.  Darmwandhernie  der  convexen  Seite  (von  außen  betrachtet) 

163 

58.  Darmwandhernie  des  convexen  Randes  (von  innen  gesehen) 

163 

59.  Volkserzeugnis  zum  Zwecke  der  Retention  zweier  Leistenbrüche  . 

219 

60.  Abbildungen  der  gangbarsten  Bruchbänder 

223 

«)  Leistenbruchband. 

h)  Leistenbruchband  für  Scrotalbrüche. 

c)  Linksseitiges  Schenkelbruchband. 

d)  Rechtsseitiges  Schenkelbruchband  mit  Stützpolster  für  das  Krevizbein, 

e)  Nabelbruchband  für  Kinder  aus  mit  Gummi  durchwebtem  Stoff. 

/)  Nabelbruchband  für  Erwachsene,    mit  Haclier  Pelotte  und  gekreuzten 

Riemen  zum  Festmachen. 
(?)  Nabelbruchband,  mit  drei  gekreuzten  Federn  versehen. 
61.,  62.  und  63.   Die  drei  Stadien   der   Bassini'schen    Radicaloperation  der 


Hernia  inguinalis     ............  239 

64.  Radical  operierte  rechtsseitige  Leistenhernie  (wegen  gleichzeitigem  Kryptor- 
chismus  Orchidopexis)  aus  dem  Jahre  1892   .......  247 

65.  Radical  operierte  linksseitige  Leistenhernie  aus  dem  Jahre  1886  .       ,       .  249 

66.  Radicaloperation  des  Schenkelbruches  nach   Bassini:  Die  Naht  der  Plica 
falciform.  an  die  Fase,  pect.,  vor  dem  Knüpfen     ......  257 

67.  Radicaloperation  des  Schenkelbruches  nacli  Bassiui :  Naht  der  Plica  falciform. 

an  die  Fase,  pect.,  geknfipft    ..........  257 

68.  Ventralhernie  nach  Parametritis  vor  der  Operation       .....  269 

69.  Dieselbe  nach  der  Operation  (vergl.  auch  Seite  109)      .....  269 


Figuren-Verzeichnis.  XV 

Fig.  Seite 

70.  Chronisch-entzündliche  Induration  einer  Bruchschlinge,  welche  Anlass  zn 
darmstenotischen  Erscheinungen  gegeben  hatte  und  deshalb  reseciert  wurde. 
Ausgang  in  Heilung  280 

71.  Mikroskopischer  Durchschnitt  (bei  schwacher  Vergrößerung)  der  chronisch- 
entzündlich-indvirierten  Bruchschlinge  aus  Fig.  70    281 

72.  Mikroskopischer  Durchschnitt  (bei  schwacher  Vergrößerung)  der  an  die  ver- 
dickte Darmschlinge  (aus  Fig.  70)  angrenzenden,  innerhalb  der  Bauchhölile 
befindlichen  normalen  Darmwand  (behufs  Illustration  der  Differenz  der 
Darmwanddicke)       ............  281 

73.  Inguinalhernie  bei  einer  Frau.  Mehrere  Darmfisteln  an  der  Basis  des 
Bruches  283 

74.  Inguinalliernie  bei  einer  Frau.  Vorfall  von  granulierenden  Netzzipfeln  am 
Scheitel  des  Bruches        ...........  283 

75.  Incarceriertes  Netz  mit  Thrombose  aller  Gefiiße  und  beginnender  Gangrän  .  299 

76.  Retrograd  incarcerierter  Wurmfortsatz    ........  318 

77.  Retrograd  incarcerierte  Tuba  .  .       .       .       .       .       .       .  .318 

78.  Retrograil  incarcerierter  gestielter,  subseröser  Darmtumor  .       .  319 

79.  Schleimhautdefect  an  der  abführenden  Schlinge  eines  Bruches;  der  Defect 
entspricht  dem  Incarcerationsring    .........  333 

80.  Incarcerationsspur  am  Darme  (Defect  der  Mucosa  und  Muscularis)  335 

81.  Defect  der  Serosa  am  Incarcerationsringe  einer  Darmwandhern ie  .       .       .  347 

82.  Girculäre  diaphragmatische  Darmstrictur,  nach  Reposition  eines  Bruches 
entstanden  (Längsdnrchschnitt  derselben)       .......  349 

83.  Ein  Anus  prsternaturalis  mit  zwei  deutlichen   Offnungen  und  Vorfall  des 

zu-  und  abführenden  Schenkels.  In  den  Öffnungen  Drainröhren  .       .  353 

84.  Ein  Anus  praeternaturalis  mit  einer  deutlich  sichtbaren  Öffnung,  und  zwar 
an  dem  prolabierten,  zuführenden  Schenkel :  die  zweite  Öffnung  unter  dem 
Narbenrande  versteckt     ...........  353 

85.  Scheinbarer  Anus  pneternaturalis  ;  eigentlich  anatomisch  eine  Stercoralfistel 

mit  Vorfall  der  Mesenteriaiseite  (zwei  Öffnungen)  ......  355 

86.  Anus  praeternaturalis.  Aussehen  einer  scheinbaren  Darmfistel  (eine  Öffnung). 
Die  andere  ist  aber  versteckt.  Außerdem  besteht  Communication  der  Därme 
innerhalb  der  Bauchhöhle       ..........  355 

87.  Anns  prieternaturalis  mit  3  Öffnungen  (Ileum,  Colon  asc.  und  Proc.  vermif.)  357 

88.  Anus  praiternaturalis  mit  3  Öffnungen;  in  das  Ileum  und  den  Proc.  vermif. 
Röhren  eingeführt,  das  Cöcum  evertiert ........  357 

89.  Anus  praeternaturalis  mit  3  Öffnungen;  das  Ileum  leicht  evertiert,  das  Colon 
asc.  im  rechten  Winkel  der  Narbe  verborgen;  zwischen  beiden  mündet  der 

Proc.  vermif.    .   .        ....  357 

90.  Die  Dicke  des  Darmes:  a  innerhalb,  b  außerhalb  des  Bruchringes  bei  einem 

Anus  prceternaturalis       ...........  359 

91.  Bruchsackriss,  Reductio  falsa  in  fossam  iliacam  (von  der  medialen  Seite 
gesehen)    ..............  383 

92.  Bruchsackriss,  Reposifio  falsa  in  fossam  iliacam  (von  der  lateralen  Seite 
gesehen)   383 

93.  Arten  der  Darmnähte      ...........  411 

94.  Arten  der  ein-  und  mehrreihigen  (Etagen-)  Naht   ......  413 

95.  Mikroskopischer  Durchschnitt  einer  vor  längerer  Zeit  genähten  Darmwunde  415 

96.  97.  98  und  99.  Arten  der  Vereinigung  der  resecierten  Enden               .    416  -418 


XVI 


Figuren  -  Verzeichnis . 


Fig.  Seite 

100.  Frey 's  Application  der  Enden   419 

101.  Vereinigungsmetliode  nach  Angabe  des  Verfassers   419 

102.  Naht,  mit  Hilfe  der  Prothesen   422 

103.  Denans'  Methode   422 

104.  Littlewood's  Methode   422 

105.  Murphy's  Knopf   423 

lOß.  Chaput's  Anastomose  valvulaire   426 

107.  Günstige  und  ungünstige  Lage  der  Enden  bei  der  Anastomose  .  .  42fi 

108.  Ubergang  der  Darmschleimhaut  in  die  Haut  am  Rande  eines  Anus  praeter- 
naturalis       .............  429 

109.  Wellenbewegung  der  Dünndarmschlingen  bei  einer  zweifachen  Darmstrictur  443 

110.  Gipsabguss  einer  mehrfachen  Knickung  und  Verengerung  des  Darmes       .  450 

111.  Scheitel  der  Flexura  romana  am  Boden  des  kleinen  Beckens  fixiert  und 

auf  eine  längere  Strecke  stricturiert     ........  458 

112.  Innerer  Wachsabguss  des  Präparates  der  Fig.  III  vor  dem  Aufschneiden  .  459 

113.  Volksproduct,  bestehend  aus  einem  Gurt  und  einer  Pelotte,  an  welcher 
sich  ein  Abflussrohr  befindet,  an  das  ein  blind  endigendes  Gummirohr  an- 
gesetzt ist  ;  in  diesem  soll  sich  der  eventuell  trotzdem  abfließende  Darm- 
inhalt ansammeln  ............  467 

114.  Der  Länge  nach  aufgeschnittene  Strictur  des  Darmes  nach  einer  früher 
vorhandenen,  ofi'enbar  eingeklemmten  Hernie       ......  469 

115.  Wachsabguss  der  in  Fig.  114  abgebildeten  Darmstrictur  vor  dem  Auf- 
schneiden      ........    469 

116.  Volvulus  des  Blinddarmes     ..........  487 

117.  Ileocöcale  Darminvagination,  durch  Resection  geheilt  .....  491 

118.  Die  gewaltsame  Einstülpung  eines  Bruchsackes    ......  494 

119.  Die  Kreuzung  der  Arme  in  der  künstlichen  Öffnung   495 

120.  Der  Durchschnitt  eines  durch  ungenügende  Involution  der  Dottergefäße 
entstandenen  Stranges  ...........  497 

121.  Zahlreiche  stercorale  Geschwüre  in  verschiedenen  Entwickelungsstadien     .  509 

122.  Eine  Enteroepiplocele  cruralis  incarcerata  partialis  d.        ....  516 

123.  Enterocele  cruralis  d.  lateralis  incarcerata   516 

124.  Eine  Hernia  obturatoria  incarcerata  s.  .       .       ,       .       .       .       .       .  517 


Definition  des  Bruches. 


Wenn  irgend  ein  Eingeweide  aus  der  dasselbe  einschließenden 
Höhlung,  oder  wenn  irgend  ein  Organ  aus  der  es  umschließenden  Hülle 
nach  außen,  durch  eine  streng  umschriebene  Öffnung  näher  zur  Oberfläclie 
vordringt,  jedoch  so,  dass  es  zum  mindesten  noch  mit  Haut  bedeckt 
bleibt,  dann  nennen  wir  diesen  Zustand  einen  Bruch. 

Der  Durchtritt  kann  entweder  durch  eine  natürliche  oder  durch  eine 
künstliche  Spalte  der  Höhlenwand  oder  der  Hülle,  welche  das  Eingeweide 
oder  das  Organ  beherbergt,  stattfinden.  Daher  kennen  wir  eine  Gehirnhernie. 
einen  Lungenbruch,  einen  Bruch  der  Baucheingeweide  einerseits,  aber 
andererseits  auch  einen  Muskelbruch.  Dadurch,  dass  ein  Eingeweide  oder 
Organ,  nachdem  es  näher  an  die  Oberfläche  getreten  ist,  dennoch  von 
Haut  bedeckt  ist,  unterscheiden  wir  den  Bruch  vom  Vorfalle  (Prolaps),  bei 
welchem  unter  sonst  ziemlich  gleichen  Verhältnissen  diese  Hautbedeckung 
entfällt,  daher  das  Organ  oder  Eingeweide  vollständig  entblößt  vor  uns 
liegt.  Ein  Darmvorfall  oder  ein  Lungenvorfall  findet  durch  eine  bis  in  die 
Bauch-  oder  Brusthöhle  dringende  Wunde  statt.  Die  vorgefallene  Scheide 
oder  der  vorgefallene  Mastdarm  liegt  unbedeckt  vor  der  Vulva  oder  dem 
After,  hieraus  geht  hervor,  wie  unverhältnismäßig  gefährlicher  der  Vorfall 
der  Baucheingeweide  oder  Organe  gegen  ihre  Hernien  ist. 

Wenn  wir  die  obere  Definition  commentieren,  so  müssen  wir  bemerken, 
dass  nicht  jede  Hernie  nur  von  Haut  bedeckt  zu  sein  pflegt;  die. 
sogenannten  inneren  Bauchhernien  sind  nicht  nur  von  Haut:  sondern  auch 
von  der  muskulösen  Bauchwand  eingehüllt;  eine  Zwerchfellhernie  ist  unter 
anderem  auch  von  der  knöchernen  Brustwand  und  dem  Rippenfell  u.  s.  w. 
bedeckt. 

Es  braucht  jedoch  nicht  jede  Hernie  von  jener  serösen  Membran 
bedeckt  zu  sein,  welche  jene  Höhle,  aus  welcher  sie  hervortritt,  aus- 
kleidet. Die  Blasenbrüche  haben  gewöhnlich  nur  einen  theilweisen  Bauch- 
fellüberzug, ein  Lungenbruch  nach  geheilter  Schusswunde  kann  über  sich 

May  dl,  Spec.ielle  Chirurgie.  1.  1 


2 


Definition  des  Bruches. 


der  gewöhnlichen  Bedeckung,  welche  aus  den  Rippen,  Muskeln  und  auch 
Brustfell  besteht,  entbehren,  da  dieselben  durch  die  Verletzung  zerstört 
worden  sein  können. 

Durch  die  Abheilung  einer  Wunde,  inmitten  welcher  ein  Prolaps 
liegt,  kann  dieser  sich  zu  einem  Bruche  umwandeln,  nur  dass  dieser 
Bruch  nicht  von  normaler  Haut,  sondern  von  einer  Narbe  bedeckt  ist. 
Diese  Art  von  Brüchen  nennen  wir  traumatisch,  postoperativ,  cicatritiell 
oder  Narbenbrüche.  Sie  entstehen  auch  durch  Dehnung  von  Narben. 

Den  Gegenstand  dieser  Abhandlung  bilden  sogenannte  Bauchbrüche, 
besser  gesagt  Bauchhöhlenbrüche,  indem  darunter  solche  Hernien  verstanden 
werden,  welche  von  Eingeweiden  gebildet  worden  sind,  die  nicht  nur  innerhalb 
des  Bauchfells,  sondern  im  allgemeinen  innerhalb  der  Bauchwandungen  gelegen 
sind,  es  können  daher  den  Inhalt  solcher  Brüche  auch  Eingeweide  bilden, 
welche  ganz  oder  theilweise  außerhalb  des  beinahe  überall  den  Bauch- 
wandungen dicht  anliegenden  Bauchfells  gelegen  sind. 


I.  Abtheilung. 

Anatomische  Einleitung  zu  der  Lehre 
von  den  Brüchen. 

Die  Zusammensetzung  der  Bauchwand  hat  für  die  Entwickelung  der 
Brüche  eine  weittragende  Bedeutung,  daher  soll  eine  allgemeine  Beschreibung 
derselben  der  detaillierten  Lehre  von  den  einzelnen  Brüchen  vorausgeschickt 
werden. 

Die  Bauchwand  ist  an  der  Vorderseite  des  Rumpfes  aus  einer  drei- 
fachen Muskellage  in  den  seitlichen  Partien,  aus  einer  einfachen  in  der 
mittleren  zusammengesetzt  (Fig.  1,  s.  Seite  5).  Lateral  besteht  die  Bauchwand 

1.  aus  dem  äußeren  schiefen  Bauchmuskel  (M.  obliquus  abdominis  descendens 
s.  externus).  welcher  auf  der  äußeren  Fläche  der  sieben  bis  acht  unteren 
Rippen  entspringt  und  nach  einem  Verlaufe  von  oben  und  außen  nach 
unten  und  innen  sich  mit  seinen  äußeren  Fasern  am  Darmbeinkamme 
befestigt,  während  sich  seine  übrigen  Faserbündel  sehnig  werdend  in  eine 
feste  Aponeurose  zusammenflechten,  welche  sich  am  Poupart'schen  Bande 
inseriert  und  in  der  Mittellinie  mit  der  gleichnamigen  Aponeurose  der 
anderen  Seite  verschmilzt.  Der  hintere  Rand  dieses  Muskels  ist  frei  und 
verschmilzt  nicht  mit  der  Fascia  lumbo-dorsalis,  wie  die  übrigen  zwei 
Muskelschichten.  Die  äußere  Fläche  dieses  Muskels  ist  von  einer  Schichte 
lockeren  Zellengewebes  bedeckt,  welche  wir  Fascia  superficialis  abd.  nennen. 

2.  Der  inneren  Fläche  des  eben  genannten  Muskels  liegt  ein  zweiter, 
flächenhaft  breiter  Muskel  an,  dessen  Fasern  umgekehrt,  nämlich  von 
außen  und  unten  nach  innen  und  oben  verlaufen,  und  den  wir  als  den 
inneren  schiefen  Bauchmuskel  bezeichnen  (M.  obliquus  abdominis  ascendens 
s.  internus).  Derselbe  entspringt  am  tieferen  Blatte  der  Fascia  lumbo- 
dorsalis,  an  den  vorderen  zwei  Dritteln  des  Darmbeinkammes  und  an  der 

1* 


4 


Anatomische  Einleitung  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


äußeren  Hälfte  des  Poupart'schen  Bandes  und  befestigt  sich  nach  einem 
nach  oben,  innen  und  unten  ausstrahlenden  Verlaufe  an  den  3  unteren 
Rippen  und  fließt  in  der  Mittellinie  in  Form  einer  breiten  Aponeurose  mit 
der  gleichnamigen  anderseitigen  zusammen,  nachdem  sich  dieselbe  in  der 
über  dem  Nabel  liegenden  Hälfte  am  äußeren  Rande  des  geraden  Bauch- 
muskels in  zwei  Blätter  gespalten  hatte.  3.  Endlich  folgt  eine  dritte 
Muskelschichte,  ebenfalls  breitflächig,  welche  am  Poupart'schen  Bande,  am 
Darmbeinkamme,  am  tiefen  Blatte  der  Fascia  lumbo-dorsalis  und  an  den 
inneren  Flächen  der  untersten  6  Rippen  entspringt.  Die  Fasern  dieses 
Muskels  verlaufen  horizontal  von  rückwärts  nach  vorne  und  befestigen 
sich  an  der  äußeren  Seite  des  geraden  Bauchmuskels  in  einer  nach  außen 
convexen  Linie,  in  welcher  sie  sich  oberhalb  des  Nabels  am  hinteren  Blatte, 
unterhalb  des  Nabels  jedoch  am  vorderen  (d.  h.  vor  dem  Rectus  gelegenen) 
Blatte  der  Aponeurose  des  inneren  Bauchmuskels  inserieren.  Von  da  ver- 
laufen ihre  Ausläufer  also  entweder  hinter  dem  oder  vor  dem  geraden 
Bauchmuskel  bis  zur  Linea  alba,  der  Mittellinie  der  vorderen  Bauch  wand: 
diese  Muskelschichte  heißt  der  quere  Bauchmuskel  (M.  transversus  ab- 
dominis).  4.  Entlang  der  Mittellinie  liegt  beiderseits  eine  einzige  Muskel- 
schichte, von  den  beiden  geraden  Bauchmuskeln  gebildet  (M.  recti  abdominis), 
welche  an  dem  fünften,  sechsten  und  siebenten  Rippenknorpel  und  am 
Schwertfortsatze  entspringen  und  am  Schambeinrande  bis  zum  Schambein- 
höcker sich  inserieren;  diese  Muskeln  verschmälern  sich  gegen  das  untere 
Ende  hin  und  ihre  Breite  wird  ergänzt  von  zwei  kleinen  Muskelchen: 
M.  pyramidales  abdominis,  welche  knapp  an  der  Symphyse  entspringen, 
mit  der  Basis  nach  abwärts,  mit  dem  Scheitel  nach  aufwärts  gerichtet 
sind,  und  sich  ebenfalls  in  der  Mittellinie  berühren.  Die  geraden  Bauch- 
muskeln sind  in  ihrem  Verlaufe  von  queren  sehnigen  Streifen  unterbrochen, 
welche  man  Inscript.  tendineae  nennt  und  in  deren  Höhe  der  Muskel  fest 
mit  seiner  vorderen  Hülle  verwächst. 

Nach  den  Muskelschichtcn  folgt  eine  Lage,  welche  wir  Fascia  abdominis 
transversa  (nach  Cooper)  oder  Fascia  abdominis  profundissima  (nach  Teale) 
nennen.  Diese  Lage  ist  identisch  mit  der  Fascie,  welche  in  das  kleine  Becken 
herabsteigend,  die  Fascia  pelvis  genannt  wird  und  als  Bedeckung  des 
M.  iliacus  Fascia  iliaca  benannt  ist;  es  ist  eine  stellenweise  sehr  feste,  stellen- 
weise aber  locker  gewebte  Membran  mit  querer  Streifung.  welche  an 
ihrer  Innenfläche  vom  serösen  Blatte  des  Bauchfells  überzogen  ist,  mit 
welchem  sie  bei  besser  genährten  Individuen  mittels  einer  subserösen 
Grewebsschichte,  welche  fettreicher  oder  fettärmer  ist,  verbunden  ist. 

Diese  letzte,  fetthaltige  Schichte  lässt  sich  auch  manchmal  in  mehrere 
Blätter  .spalten.  D'w  Einschaltung  derselben  zwischen  die  vorletzte  und  letzte 
Schichte  bedingt  es,  dass  sich  das  Bauchfell  leicht  losschälen  lässt.  Die 
reichliche  Entwickelung  von  Fett,  besonders  von  solchem,  welches  an  den 


Anatomische  Einleitung  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


5 


Gefäßlücken  gelegen  ist,  ist  die  Veranlassung  zur  Entwickelung  von  sogenannten 
Fetthernien  (Hernise  adiposse).  welche  auch  vielfach  sein  können  und  Netz- 
hernien  sehr  ähnlich  sehen.  Hie  und  da  vpurden  solche  Fettbrüche  auch 
thatsächlich  als  Netzhernien  operiert. 

Die  eigentliche  Bauchhöhle  ist  also  von  dem  innersten  Blatte,  einer 
serösen  Membran,  nämlich  dem  Bauchfell  umschlossen,  vrelches  auf  seiner 
inneren  Fläche  mit  Endothel  überzogen  ist.  Das  Bauchfell  bildet  bis  auf 
das  offene  abdominale  Ende  des  Eileiters  einen  vollständig  geschlossenen  Sack, 
so  dass  eigentlich  alle  Eingeweide  außerhalb  desselben  gelegen  sein  müssten, 
ursprünglich  außerhalb  auch  thatsächlich  gelegen  waren:  und  doch  sprechen 


M.  ob!,  ext. 


ai.  obl.  int. 


Muse,  transv.  Muse.  rect.  abd.   Bauchfell.    Fascia  transversa. 

Haut  Weiße  Linie  Fase,  supcrfie. 


M.'obl.  e.xt. 


M.  obl.  int. 


M.  transv. 


M.  rect. 
abd. 


iiauchfell 


Fase,  transv. 


Fig.  1. 

Querschnitte  der  vorderen  Bauchwand. 

Die  obere  Abbildung  veranschaulicht  die  Verhältnisse  ober  dem  Nabel,  die  untere  die 

Verhältnisse  unter  dem  Nabel. 


wir  von  Eingeweiden,  welche  extraperitoneal  und  zwar  prä-  oder  retro- 
peritoneal,  und  von  Organen,  welche  endoperitoneal  gelegen  sind. 

Der  Unterschied  zwischen  diesen  beiden  Gruppen  besteht  darin,  dass 
in  dem  ohne  Unterbrechung  verlaufenden  Bauchfellsack  von  außen  einzelne 
Eingeweide  seichter,  andere  tiefer  eingesenkt  sind,  so  dass  die  ersteren 
bloß  auf  einer  Seite,  die  anderen  allseitig  mit  Bauchfell  überzogen  sind,  ja 
einige  von  den  letzteren  sogar  an  langen  zweiblätterigen  Bändern,  den 
sogenannten  Aufhängebändern,  suspendiert  sind,  welche  ungefähr  den  Weg 
andeuten,  welchen  die  Eingeweide  bei  ihrer  Einsenkung  ins  Peritoneum 
genommen  hatten. 

So  entstehen  in  der  ersten  Gruppe  die  extraperitonealen  Eingeweide 
(Zwölffingerdarm,  der  aufsteigende  und  absteigende  Grimmdarm,  die  obere 


6 


Anatomische  Einleitung  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


Partie  des  Mastdarmes,  die  Nieren  und  das  Pankreas),  in  der  anderen  Gruppe 
dagegen  die  endoperitonealen  Organe. 

Die  Bauchfell-Übergänge  von  der  Bauchwand  zu  jener  Organfläche, 
welche  von  der  Bauchhöhle  am  längsten  abgewendet  war  oder  bleibt, 
nennen  wir  die  Aufhängebänder  (Lig.  suspensoria)  derselben:  bei  Ein- 
geweiden, welche  vollständig  in  den  Bauchfellsack  versenkt  sind,  nennen 
wir  jene  dann  freilich  zweiblätterigen  Bänder  Mesenterien  (Mesocoecum. 
Mesocolon  trs.  u.  s.  w.).  Das  Bauchfell  ist  entweder  parietal,  soweit  es 
die  Bauchwand  überkleidet,  oder  es  heißt  visceral,  wenn  es  die  Eingeweide 
einhüllt.  Am  stärksten  ist  das  Bauchfell  in  der  Lendengegend,  am 
schwächsten  in  der  Nabelgegend.  Es  wurde  bereits  erwähnt,  dass  an 
einzelnen  Stellen  infolge  massenhafterer  Fetteinlagerung  das  Bauchfell 
gegen  die  Fascia  transversa  leichter  verschieblich  ist.  so  dass  that- 
sächlich  ein  Bruchsack  durch  eine  Ausstülpung  des  Bauchfells  entstehen 
kann,  während  dort,  wo  das  Bauchfell  enger  an  die  Umgebung  angelöthet  ist, 
der  Bruchsack  nur  durch  Dehnung  des  Peritoneums  entstehen  kann,  wie 
wir  es  z.  B.  an  der  Nabelhernie  zu  sehen  gewohnt  sind.  Das  Bauchfell 
ist  im  allgemeinen  sehr  elastisch,  sofern  es  die  Eingeweide  überzieht, 
sehr  zart. 

Aus  der  eben  geschilderten  Zusammensetzung  der  Bauchwand  kann 
man  manche,  für  die  Lehre  der  Hernien  wichtige  Einzelheiten  ableiten. 

Für  den  Durchtritt  der  Brüche  eignen  sich  besonders  jene  Stellen  der 
Bauchwand,  welche  weniger  als  die  benachbarten  Partien  durch  die  Musku- 
latur geschützt  sind.  Eine  solche  Stelle  befindet  sich  in  der  Lendengegend, 
wo  hinter  dem  freien  hinteren  Rande  des  äußeren  schiefen  Bauchmuskels 
der  innere  schiefe  Muskel  und  ein  Theil  der  Fascia  lumbo-dorsalis  unbedeckt 
bleibt,  besonders  dann,  wenn  der  vordere  Rand  des  breiten  Rippenmuskels 
(M.  latissimus  dorsi)  nicht  weit  genug  nach  vorne  reicht.  Zwischen  den  er- 
wähnten beiden  Muskelrändern  (dem  hinteren  des  schiefen  äußeren  Bauch- 
und  dem  vorderen  des  breiten  Rückenmuskels)  bleibt  dann  ein  dreieckiger 
Raum  übrig,  dessen  Grund  vom  inneren  schiefen  Bauchmuskel  gebildet 
wird  und  welcher  das  Petit'sche  Dreieck  (Fig.  2 ;  Trigonum  Petiti)  genannt 
wird.  Neben  diesem  Petit'schen  Dreieck  beschrieb,  und  zwar  unter  dem 
Namen:  das  obere  Lendendreieck,  Lesshaft  ein  anderes  Dreieck,  welches 
ebenfalls  eine  schwächere  Muskelstelle  darstellt  und  daher  für  den  Durchtritt 
von  Brüchen,  aber  auch  zu  Eiteransammlungen  gut  geeignet  ist.  Diese  Stelle 
befindet  sich  knapp  unter  der  zwölften  Rippe  und  hat  als  obere  Grenze 
den  M.  serratus  post.  inf.,  als  äußere  Grenze  den  Obliquus  abd.  ext.  und 
als  innere  die  Hülle  des  Extensor  dorsi,  endlich  als  untere  den  Obliqu.  int. 

Außerdem  wurde  von  W  y  s  s  noch  eine  weitere  Spalte,  u.  zw.  in  der 
Mitte  des  schiefen  äußeren  Bauchmuskels,  beschrieben,  welche  höchst- 
wahrscheinlich  mit   der   fötalen   Entwickelung  einzelner  Partien  dieses 


Anatomische  Einleitung  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


7 


Muskels  und  der  Entwickelung  einer  in  dem  Falle  von  Wyss  beobachteten 
seitlichen  Lendenhernie  zusammenhängt.  Einen  analogen  Fall  hat  der  Ver- 
fasser dieses  Buches  unlängst  operiert. 

Eine  der  häufigsten  Hernien  betritt  aber  einen  Weg.  welchen  wir  den 
Leistencanal  nennen,  eine  Stelle,  an  welcher  sich  ebenfalls  die  Muskeln 
nicht  vollkommen  decken,  denn  es  reicht  der  innere  schiefe  Bauchmuskel 
mit  seinen  Muskelfasern  bei  weitem  mehr  nach  vorne  als  der  äußere,  dessen 


M.  latissimus  dorsi 


M.  obliquus  ext.  abd. 


Trigonum  l'etiti 


M.  glutieiLs  mcdius 


Trigonum  Petiti 


Muskelfasern  weiter  nach  außen  aufhören  und  dessen  nicht  besonders  starke 
Aponeurose  über  den  inneren  schiefen  Bauchmuskel  gegen  die  Mittellinie 
hin  streicht.  Wenn  wir  außerdem  bemerken,  dass  der  Leistencanal  eine  über- 
haupt muskelfreie  Stelle  in  der  Bauchwand  darstellt,  welche  zum  Durch- 
tritte des  Samenstranges  und  seiner  Gefäße  benützt  wird,  so  werden  wir 
es  leicht  begreiflich  finden,  dass  die  diesen  Weg  beschreitenden  Hernien, 
nämlich  die  Leistenbrüche,  die  häufigsten  von  allen  sind.  Die  nächste 
Stelle,  ebenfalls  sehr  zum  Durchtritte  von  Brüchen  prädisponiert,  ist  die 


8 


Anatomische  Einleitung  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


Nabelgegend,  weil  liier  die  geraden  Bauchmuskeln  normalerweise  auseinander- 
treten,  während  dieselben  oberhalb  des  Nabels,  noch  mehr  aber  unterhalb 
desselben  sich  wieder  nähern:  daher  geschieht  es  auch,  dass  die  sogenannte 
weiße  Linie  über  dem  Nabel  bei  weitem  breiter  ist  und  der  Sitz  von  epi- 
gastrischen Hernien  zu  sein  pflegt,  welche  allerdings  auch  nur  präperi- 
toneales Fett  enthalten  können.  Aber  auch  sonst  können  zwischen  den 
gezähnten  Ausläufern  der  sich  in  der  Mittellinie  zur  Linea  alba  verwebenden 
Aponeurosen  Lücken  entstehen,  welche  normalerweise  zum  Durchtritte  von 
Nerven  und  Gefäßen  benützt  werden,  abnormerweise  aber  auch  zum 
Sich-Durchdrängen  von  kleinen  Brächen  dienen  können,  welche  dann 
Hernien  der  weißen  Linie  genannt  werden.  Endlich  befindet  sich  eine  nicht 
genug  geschützte  Stelle  unter  dem  Poupart'schen  Bande  zwischen  der  Schenkel- 
vene und  dem  Gimbernat'schen  Bande,  eine  Stelle,  welche  gegen  die  Bauch- 
höhle nur  von  einem  siebförmig  durchbrochenen  Fortsatze  der  Fascia 
transversa,  geschützt  ist,  welcher  das  Septum  crurale  genannt  wii'd- 
von  manchen  Beobachtern  auch  geleugnet  wird.  Nicht  nur  durch  Aus- 
buchtung dieses  Blättchens,  sondern  auch  durch  Ausweitung  einzelner  Lücken 
desselben  wird  das  Bauchfell  nach  außen  vorgedrängt  und  zu  Bruchsäcken 
umgewandelt. 

Eine  andere  Folge  der  Zusammensetzung  der  Bauchwand  ist  die, 
dass  Eingeweide  jene  Wege  zum  Durchtritte  nach  außen  benützen,  welche 
ihnen  dadurch  voi'gezeichnet  werden,  dass  die  Fascia  transversa  entlang 
sämmtlicher  Gebilde,  welche  normalerweise  aus  der  Bauchhöhle  nach 
außen  treten,  ob  es  nun  schon  die  Schenkelgefäße  oder  die  Arteria  ob- 
turatoria  oder  der  Samenstrang  ist,  Fortsätze  nach  außen  sendet,  wodurch 
diese  ebenfalls  zu  äußeren  bindegewebigen  Bruchhüllen  umgewandelt  und 
verwendet  werden. 

Wie  in  der  Bauchwand,  so  findet  sich  auch  bei  den  Bruchhüllen  das 
Bauchfell  in  demselben  Verhältnis  zu  diesen  fascialen  Fortsätzen  und  wir 
finden  daher  bei  einzelnen  Brucharten  stets  als  äußere  Hülle  die  Ab- 
kömmlinge der  Fascia  transversa,  auf  welche  dann  erst  das  präperitoneale 
Fett  und  endlich  das  Bauchfell  folgt,  aus  welcher  Lagerung  wir  wichtige 
Orientierungswinke  während  der  Operation  entnehmen. 

Was  das  Bauchfell  selbst  betrifft,  so  sei  vor  allem  bemerkt,  dass  je 
länger  die  erwähnten  zweiblätterigen  Aufhängebänder  der  Eingeweide  sind, 
desto  beweglicher  die  Eingeweide  selbst  werden,  woraus  wir  uns  er- 
klären, dass  am  häufigsten  als  Bruchinhalt  jene  Stelle  des  Dünndarms 
getroffen  wird,  welche  das  längste  Mesenterium  besitzt,  eine  Stelle,  welche 
sich  20 — 50  cm  vom  Blinddarme  befindet. 

Aus  den  angeführten  Einzelheiten  geht  hervor,  dass  bei  Verschiebung 
von  Eingeweiden,  welche  einen  unvollständigen  Bauchfellüberzug  haben. 
Brüche  entstehen,    welche  stellenweise  ebenfalls  des  Bauchfellüberzuges. 


Aiiatoiiiisehe  Eiiileiliuig  zu  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


9 


nämlich  des  Bruchsackes  entbehren,  so  z.  B.  Blasen))rüche.  welche  unter 
der  Haut  liegend  theils  von  einem  peritonealen  Sacke  umschlossen  sind, 
theils  aber  nach  Durchtrennung  der  Haut  vollständig  nackt  vor  uns 
liegen  können. 

Es  muss  auch  der  Unterschied  in  der  Zusammensetzung  der  Bauch- 
vvand  in  den  unteren  und  . den  oberen  Partien  derselben  hingewiesen  werden. 
Die  Aponeurose  des  inneren  schiefen  Bauchmuskels  bildet  die  Hülle  des 
geraden  Bauchmuskels  dadurch,  dass  sie  sich  knapp  am  äußeren  Rande 
des  letzteren  in  zwei  Blätter  spaltet:  in  ein  vorderes,  welches  in  der  ganzen 
Länge  des  Muskels  vor  demselben  gegen  die  Mittellinie  verläuft  und  auf 
diesem  Wege  mit  der  Aponeurose  des  äußeren  schiefen  Bauchmuskels  ver- 
wächst; und  in  ein  hinteres  Blatt,  welches  über  die  hintere  Fläche  des 
Muskels  hinstreichend  mit  der  Vorderfläche  der  Aponeurose  des  queren 
Bauchmuskels  verwächst.  So  liegen  die.  Verhältnisse  in  der  oberen  Hälfte 
der  vorderen  Bauch  wand,  so  dass  die  vordere  und  hintere  Hülle  des 
geraden  Bauchmuskels  nahezu  gleich  stark  ist. 

Unter  dem  Nabel  ändern  sich  aber  diese  Verhältnisse,  weil  ungefähr 
in  der  Mitte  zwischen  Nabel  und  Symphyse  die  ungespaltene  Aponeurose 
des  inneren  schiefen  Bauchmuskels  mit  jener  des  queren  verwächst,  worauf 
sich  dieses  vereinigte  Blatt  auch  auf  die  Vorderfläche  des  geraden  Bauch- 
.  muskels  hinlegt. 

Diese  Ubergangsstelle  ist  auf  der  Hinterseite  durch  eine  Falte  ge- 
kennzeichnet, deren  Concavität  nach  abwärts  zieht,  und  welche  wir  die  Linea 
semicircularis  Doüglasii  nennen.  Es  würde  daher  unterhalb  dieser  Stelle 
der  hintere  Überzug  des  geraden  Bauchmuskels  nur  von  der  Fascia  trans- 
versa und  dem  Bauchfell  gebildet,  was  aber  nur  in  der  unmittelbaren  Nähe 
des  Beckens  zutrifl't,  \yährend  unmittelbar  unter  der  Linea  semicircularis 
Doüglasii  zwischen  die  Fascie  und  den  Muskel  sich  eine  neue  Fascienlage 
einschiebt,  welche  wir  die  Fascia  Retzii  nennen. 

Wenn  wir  gegen  die  vordere  Baucliwand  von  rückwärts  hinsehen,  so 
bemerken  wir,  dass  die  hintere  Fläche  derselben  nicht  ganz  eben  verläuft, 
sondern  dass  die  Nabelgrube  das  Centrum  für  vier  Falten  abgibt,  deren 
drei  nach  abwärts,  nur  eine  dagegen  nach  aufwärts  hinstrebt.  Die  drei  unteren 
Falten,  welche  sich  durchgehends  an  die  Harnblase  befestigen,  nennen  wir 
Lig.  vesicoumbilicalia,  und  zwar  die  mittlere  Falte  das  Lig.  vesicoumbilicale 
medium,  welches  gegen  den  Scheitel  der  Harnblase  verläuft;  die  seit- 
lichen benennen  wir  Lig.  vesicoumbilicalia  lateralia,  welche  die  Seitenränder 
der  Blase  mit  dem  Nabel  verbinden.  Das  mittlere  Nabelharnblasenbahd  ist  der 
für  gewöhnlich  mehr  oder  weniger  obliterierte  Urachus,  die  seitlichen 
Bänder  sind  die  obliterierten  fötalen  u.  zw.  arteriellen  Gefäßwege.  Die  vom 
Nabel  aufwärts  verlaufende  Falte  nennt  man  im  ganzen  das  Aufhänge- 
band der  Leber  (Lig.  Suspensorium  hepatis),  in  dessen  Rande  das  runde 


10 


Anatomisclie  Einleitung  zu  de  r  Lelire  von  den  Brüclien. 


Leberband  (Lig.  teres  hepatis)  enthalten  ist.  und  welches  den  obliterierten 
fötalen  u.  zw.  venösen  Gefäßweg  darstellt.  Zu  den  obengenannten  drei 
Falten,  welche  sich  unterhalb  des  Nabels  befinden,  treten  noch  zwei  weitere 
hinzu,  von  denen  je  eine  nach  außen  von  den  genannten  liegt,  und  welche 
dadurch  entstehen,  dass  die  untere  Arteria  epigastrica  nach  ihrem  Ursprung 
von  der  äußeren  Hüftarterie  nach  oben  und  innen  zum  äußeren  Rande 
des  geraden  Bauchmuskels  verläuft  und  das  Peritoneum  auf  diesem  Wege 
etwas  emporhebt:  diese  Falten  nennen  wir  die  epigastrischen  Falten.  Durch 
diese  im  ganzen  also  fünf  Plicae  (eine  mittlere  und  je  zwei  zu  beiden 
Seiten)  sind  drei  Paar  Gruben  begrenzt,  von  denen  die  zwei  innersten,  zu 
beiden  Seiten  des  mittleren  Blasennabelbandes  gelegenen,  die  Fovese  inguinales 
internai  genannt  werden,  die  zwei  symmetrischen,  von  den  vorigen  nach  außen 
gelegenen,  die  Fovese  inguinales  medise,  welche  also  zwischen  den  Harn- 
blasennabelbändern  und  den  epigastrischen  Falten  gelegen  sind,  endlich  die 
äußeren,  noch  mehr  nach  außen  gelegenen  Foveae  inguinales  externae; 
diese  liegen  nach  außen  von  den  epigastrischen  Falten,  haben  aber  nach  außen 
keine  bestimmte  Begrenzung.  Diese  äußersten  zwei  Grübchen  sind  dadurch 
noch  mehr  gekennzeichnet,  dass  sich  in  denselben  die  sogenannten  Trichter 
oder  die  Infundibula  des  Processus  vaginalis  peritonei  befinden,  welche 
nicbts  anderes  sind,  als  die  Eintrittsstellen  des  ehedem  offenen  Fortsatzes 
dieses  Namens,  weiterhin  dadurch,  dass  gegen  diese  äußeren  Grübchen 
und  zwar  ihren  Innenrand  ein  röhrenförmiges  Gebilde  aus  dem  kleinen 
Becken  hinzieht,  welches  wir  das  Vas  deferens  nennen. 

Auch  diese  drei  Paare  von  Grübchen  bilden  eine  besondere  Dis- 
position zur  Bruchbildung,  insbesondere  die  äußeren  und  mittleren,  da  sie 
die  Eintrittsstellen  der  häufigsten  Bruchart,  nämlich  der  Leistenbrüche, 
abgeben. 

Ebenso  wie  die  örtliche  Zusammensetzung  der  vorderen  Bauchwand 
eine  Prädisposition  zur  Bildung  äußerer  Brüche  abgibt,  ebenso  geben  die 
Entwickelung  und  die  Eigenschaften,  von  den  letzteren  insbesondere  die 
Faltenbildung  an  den  Übergängen  des  parietalen  und  des  visceralen  Bauch- 
fells, eine  Prädisposition  zur  Entwickelung  von  inneren  Brüchen  ab.  Es 
sind  dies  insbesondere  jene  Falten,  welche  dort  entstehen,  wo  ein  fixierter 
retroperitonealer  Darmtheil  in  einen  beweglichen  endoperitonealen  über- 
geht, oder  wo  das  umgekehrte  stattfindet,  daher  die  Falten  am  Übergang  des 
Zwölffingerdarms  in  den  Dünndarm,  des  Dünndarms  in  den  Blinddarm,  und 
am  Übergang  des  absteigenden  Dickdarms  in  die  freischwebende  Flexur. 
An  allen  diesen  Stellen  können  sich  innere  Brüche  entwickeln,  deren 
allgemeines  Charakteristikon  ist,  dass  der  Bruchsack,  welcher  sie  umschließt, 
im  extraperitonealen  Zellgewebe  liegt,  dass  sie  nicht  durch  die  Bauchwand 
u.  zw.  weder  durch  die  knöcherne  noch  durch  die  muskulöse  nach  außen 
dringen,  und  dass  in  einer  Reihe  derselben  in  dem  Bruchringe  entweder 


Anatomische  Einleitung  zu  der  Lelire  von  den  Brüchen. 


11 


eine  offene,  oder  eine  obliterierte  oder  tbrombosierte  Vene  oder  Arterie 
verläuft.  Doch  gibt  es  von  dieser  Definition  auch  Ausnahmen,  wovon  in 
dem  Capitel  über  innere  Hernien  das  Nähere  erwähnt,  ebenso  das  Notli- 
wendige  über  die  fötale  Entstehung  und  Erklärung  dieser  Falten  mit- 
getheilt  werden  wird. 

Nach  abwärts  ist  die  Bauchhöhle  durch  das  kleine  Becken  und  das 
das  letztere  abschließende  muskulöse  Diaphragma  abgeschlossen. 

Sowohl  in  den  knöchernen  Wänden  des  kleinen  Beckens,  als  in  den  die 
letzteren  vertretenden  bindegewebigen  und  muskulösen  Weichtheilen  sind 
Lücken  constatiert,  durch  welche  Hernien  hindurchtreten;  vor  allem  ist  es 
der  Durchtritt  der  obturatorischen  Gefäße  und  Nerven  am  oberen  Rande 
des  verstopften  Loches,  wo  die  Hernia  subpubica  nach  außen  tritt,  sodann 
ist  es  in  der  hinteren  seitlichen  Wand  der  große  Hüftbeinausschnitt,  welcher 
durch  den  birnförmigen  Muskel  in  zwei  Hälften  abgetheilt  ist.  Durch  beide 
Spalten  pflegen  Hernien  durchzutreten,  u.  zw.  entweder  entlang  der  oberen 
Glutealgefäße  und  Nerven  oder  entlang  der  gleichnamigen  unteren:  auch 
aus  dem  unteren  Hüftbeinausschnitt  austretende  Brüche  wurden  bereits 
beobachtet.  Durch  das  Diaphragma  pelvis  treten  ebenfalls  Brüche  nach 
außen,  meist  durch  Spalten  in  diesem  Muskel  selbst  und  zwar  entweder 
durch  solche  zwischen  dem  Levator  ani  und  dem  Musculus  ischio-coccygeus 
oder  zwischen  dem  letzteren  und  dem  M.  coccygeus.  Je  nachdem  dieselben 
entweder  mehr  in  der  Nähe  des  Afters  oder  in  der  Nähe  des  Hodensackes 
oder  der  großen  Schamlippen  nach  außen  treten,  nennen  wir  sie  entweder 
vordere  oder  hintere  Mittelfleischbrüche. 

Gegen  die  Brusthöhle  ist  der  Bauchrand  durch  eine  muskulöse  be- 
wegliche Scheidewand  abgeschlossen,  welche  das  Diaphragma  genannt  wird. 
Dasselbe  entspringt  vom  ersten  und  zweiten  Lendenwirbel,  weiter  von 
einem  sehnigen  Bogen,  welcher  sich  vom  ersten  Lendenwirbel  gegen  die 
letzte  Rippe  spannt,  sodann  von  den  sechs  unteren  Rippen  und  mit 
zwei  Faserbündeln  auch  von  dem  Schwertfortsatze.  Das  Diaphragma  bildet 
ein  kuppeiförmiges  Dach  über  der  Bauchhöhle,  dessen  Convexität  also  gegen 
die  Brusthöhle  hin  gewendet  ist,  dessen  Scheitel  je  nach  der  Respiration 
seine  Höhe  ändert,  dessen  Mittellage  aber  ungefähr  in  der  Höhe  der 
fünften  Rippenknorpels  auf  der  rechten,  in  der  Höhe  des  sechsten  Rippen- 
knorpels auf  der  linken  Seite  sich  befindet. 

In  der  Mitte  des  Zwerchfellmuskels  befindet  sich  eine  Sehne,  an  der 
sich  sämmtliche  Muskelfasern  ansetzen  und  welche  die  Form  eines  drei- 
lappigen Blattes  hat.  Nachgiebigere  Stellen  im  Diaphragma  befinden  sich 
dort,  wo  zahlreiche  röhrenförmige  Organe  (Speiseröhre,  die  Bauchschlagader, 
die  untere  Hohlvene,  der  Ductus  thoracicus)  hindurchtreten,  u.  zw.  entweder 
durch  Muskellücken  oder  durch  Sehnenspalten  oder  endlich  durch  Räume, 
welche  nur  einerseits  von  Muskeln,  andererseits  von  Knochen  begrenzt  sind. 


12 


Anatomische  Einleitung  zn  der  Lehre  von  den  Brüchen. 


Man  würde  a  priori  voraussetzen,  dass  die  Zwerchfellbrüche  diese  Lücken 
.benützen  werden,  um  in  die  Brusthöhle  zu  gelangen;  doch  rnnss  schon 
an  dieser  Stelle  l^emerkt  werden,  dass  dieselben  fast  niemals  diese  prä- 
formierten' Öffnungen,  sondern  meistens  Defecte  congenitalen  oder  trau- 
matischen Ursprunges  zu  ihrem  Durchtritte  loenützen. 


II.  Abtheilung. 


Statistik. 

Es  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  durch  statistische  Angaben  über  das 
Vorkommen  von  Hernien  mancherlei  Belehrung  über  die  Ätiologie  der 
Brüche  gewonnen  werden  kann.  Es  ist  aber  ein  ziemlich  mühsames  Unter- 
nehmen, wenn  diirch  eine  Zusammenstellung  über  Brüche  etwas  Verlässliches 
[ausgesagt  werden  soll.  Kleinere  Statistiken  können  ihre  Verlässlichkeit  nur 
durch  Vergleich  mit  größeren  Statistiken  nachweisen.  Wofern  aus  der 
Statistik  einer  Einzelkiinik  etwas  Verlässliches  mitgetheilt  werden  kann, 
wird  auch  aus  der  Klinik  des  Verfassers  an  passenden  Stellen  durch  Bei- 
fügung von  Tabellen  das  Nothwendige  illustriert.  An  anderen  Stellen 
wird  die  Einschaltung  von  Tabellen  freilich  einen  anderen  Zweck  verfolgen, 
so  z.  B.  die  gewissermaßen  abgekürzte  Darstellung  einer  gewissen  Thätigkeit 
liefern,  z.  B.  eine  Ubersicht  über  Operationen  einzelner  Brucharten,  je 
nach  Altersclassen  oder  nach  verschiedenen  Methoden  geben,  oder  das 
Vorkommen  gewisser  Brucharten,  je  nach  Geschlecht,  Altersclasse  u.  s.  w. 
in  unseren  Landstrichen  übersichtlich  darstellen. 

W^ir  verfügen  über  einige  größere  statistische  Bearbeitungen  des 
Hernienmaterials  im  allgemeinen. 

Es  existiert  nämlich  eine  größere  Zusammenstellung  von  Malgaigne 
aus  dem  Jahre  1840,  eine  andere  von  Wernher  vom  Jahre  1869,  von 
Macready  aus  dem  Jahre  1893,  endlich  die  jüngste  von  Paul  Berger 
aus  dem  Jahre  1896. 

Die  letzteren  drei  datieren  daher  aus  der  Neuzeit  und  sind  auf  einem 
sehr  reichen  Materiale  begründet,  nämlich  jene  Wernher 's  und  Macready's 
auf  den  Aufzeichnungen  der  sogenannten  Truss-Society  in  London  oder  der 
sogenannten  Bandagengesellschaft  (die  erstere  aus  den  Jahren  1860 — 1867, 
die   zweite   aus   den   Jahren  1888 — 1890).    Die  Zusammenstellung  von 


14 


Statistik. 


Malgaigni'  und  Berger  beruht  auf  der  Aufzeichnung  des  Bureau  central 
des  consultation  des  bandages  aus  dem  Jahre  1836 — 1837,  die  zweite 
aus  der  Zeit  vom  2.  Februar  1881  bis  11.  August  1884.  An  beiden 
Stellen  wurden  eigentlich  die  Aufzeichnungen  an  Kranken  vorgenommen, 
welche  mit  einem  Bruchbande  betheilt  werden  sollten,  daher  bei  Lebzeiten 
derselben  und  ohne  weitere  Operations-  oder  Sectionscontrole.  Insofern 
sind  auch  beide  Statistiken  stückhaft,  dass  sie  uns  keinerlei  Aufschlüsse 
über  das  Innere  des  Bruchsackes,  über  den  Inhalt  des  letzteren  geben 
können,  und  insofern,  als  sie  sich  nicht  weiter  mit  der  Therapie  der 
Hernien  befassen. 

An  dieser  Stelle  wollen  wir  nur  einige  allgemeine  Fragen,  welche 
Hernien  betreffen,  beantworten. 

1.  In  welchem  gegenseitigen  Verhältnis  werden  die  beiden  Geschlechter 
von  Brüchen  befallen? 

Nach  Berger  kommt  vor: 
Bruchart 
Leisten-    j  einseitig 
Bruch     I  beiderseitig 
Schenkel-  |  einseitig 

Bruch     I  beiderseitig 
Nabelbruch 
Epigastrischer  Bruch 


Männern 

Frauen 

Knaben 

Mädchen 

Summa 

1042 

560 

628 

78 

2308 

4526 

311 

306 

24 

5167 

41 

506 

5 

2 

554 

43 

215 

258 

15 

438 

143 

179 

775 

22 

7 

1 

30 

5689 

2037 

1082 

284 

6771  (M.)  2321  (Fr.) 

Die  anderen  Angaben  betreffen  die  complicierten  Brüche.  Wenn  wir 
die  beiderseitigen  Brüche  doppelt  rechnen,  so  hat  Berger  bei  9967  Indi- 
viduen zusammen  16.500  Hernien  beobachtet. 

Es  verhält  sich  daher  das  männliche  zu  dem  weiblichen  Geschlecht 
in  Betreff  von  Brüchen  wie  6771  zu  2331. 

Nach  der  englischen  Statistik  werden  beobachtet: 

Leistenbrüche      bei  34.788  Männern,  bei  3.085  Frauen, 

Schenkelbrüche     „     1.373       „         „  3.968  „ 

Nabelbrüche        „     1.158       „         „  3.322  „ 

bei  37.319  Männern,  bei  10.375  Frauen. 

Nach  unserer  klinischen  Zusammenstellung  entfallen  von  927  operierten 
Brüchen: 

auf  Leistenbrüche       475  bei  Männern,  128  bei  Frauen, 
„   Schenkelbrüche      40    „         „       284   „  „ 

daher  Brüche:  515  bei  Männern,  412  bei  Frauen. 


Statistik. 


15 


2.  Auf  welcher  Seite  erscheinen  die  Brüche  häufiger:  auf  der  linken 
oder  auf  der  rechten,  oder  sind  die  beiderseitigen  die  häufigsten? 

Nach  Berger  gab  es 


an  Leistenbrüchen: 

bei  Männern 

Knaben 

Frauen 

Mädchen 

rechterseits 

557 

436 

294 

54 

linkerseits 

485 

192 

266 

24 

beiderseits 

4526 

306 

311 

24 

an  Schenkelbrüchen: 

bei  Männern 

Knaben 

Frauen 

Mädel  len 

rechterseits 

28 

2 

335 

linkerseits 

41 

5 

506 

2 

beiderseits 

43 

215 

Nach  diesen  Angaben  würde  die  rechte  Seite  bei  Leistenbrüchen 
u.  zw.  bei  Männern  überwiegen,  während  von  dieser  Brnchart  bei  Frauen 
beide  Seiten  gleich  häufig  befallen  würden.  Bei  den  Schenkelbrüchen 
jedoch  würde  bei  Frauen  die  linke  Seite  überwiegen,  desgleichen  bei 
Männern.  Beiderseitige  Leistenbrüche  wären  demnach  die  häufigste  Bruch- 
form  (bei  Männern),  von  den  einseitigen  die  Schenkelbrüche. 

Diese  Verhältnisse  kehren  sich  in  den  beiden  englischen  Statistiken 
um,  es  constatierte  nämlich 

Wernher      15.012  beiderseitige  und  23.433  einseitige  )    t  •  ,    ,  i 
T\/r  A        R  üßA  inKon  Leistenbrüche. 

Macready  "  5.860         ,,  „    10.569       „  | 

Nach  den  Aufzeichnungen  unserer  Klinik  wurden  bei 

Leistenbrüchen    375  rechtsseitige, 

77  linksseitige 

und  18  beiderseitige  constatiert. 

Das  Verhältnis  der  links-  und  rechtsseitigen  Brüche  bei  Männern 

und  Frauen  wurde  nach  der  Berger 'sehen  Statistik    unter  Nummer  2 

angeführt. 

Schenkelbrüche  kommen  in  folgender  Anzahl  vor : 

Nach  Wernher      2540  einseitige  gegen  789  beiderseitige. 
„     Macready     899        „  „     260  „ 

„     Berger  506         „  „     215  „ 

Die  klinischen  324  Fälle  von  Schenkelbrüchen  waren,  bis  auf  2, 
sämmtlich  einseitig. 

Unter  Schenkelbrüchen  bei  Frauen  fand 

Wernher  1648  rechtsseitige  und  892  linksseitige, 

Macready  519  „  „  308 

Berger  335  „  „  171  , 

nach  unserer  Statistik  164  „  „  105  „ 


16 


Statistik. 


3.  Es  erübrigt  uns  die  Frage  zu  erörtern,  wie  häufig  die  Hernien  in 
den  einzelnen  Altersclassen  des  menschlichen  Lebens  vorkommen. 

Bei  Männern  erreichen  die  einfachen  rechts-  oder  linksseitigen  Leisten- 
brüche bis  zum  5.  Lebensjahre  ihr  Maximum,  um  hierauf  vom  25.  bis  30.  Jahre 
abzunehmen,  worauf  die  Zahl  abermals  bis  zum  55.  Lebensjahre  ansteigt, 
um  sich  bis  zum  75.  auf  gleicher  Höhe  zu  erhalten,  worauf  die  Zahl 
rapid  (u.  zw.  offenbar  mit  der  Abnahme  der  Individuenzahl)  abnimmt. 

Bei  Männern  sind  beiderseitige  Leistenbrüche  bis  zum  30.  Jahre 
verhältnismäßig  selten,  worauf  sie  bis  zum  65.  Jahre  als  ein  Zeichen  der 
Schwäche  (Hernie  de  faiblesse),  zunehmen,  von  welcher  Zeit  in  gleichem 
Verhältnis  mit  der  Zahl  der  Absterbenden  die  Gesammtzilfern  abnehmen. 

Leistenbrüche  kommen  bei  Frauen  bis  zur  Pubertätsperiode  in  geringer 
Zahl  vor.  Vom  25.  bis  zum  70.  Jahre  nimmt  sodann  die  Zahl  beständig  zu. 

Schenkelbrüche  werden  bei  Männern  bis  zum  Beginne  der  Pubertät 
nur  ausnahmsweise  beolmchtet,  worauf  sie  bis  zum  65. — 70.  Lebensjahre 
stets  zunehmen. 

Bei  Frauen  kann  man  die  Anzahl  der  Schenkelbrüche  bis  zum 
Beginne  des  25.  Lebensjahres  fast  vernachlässigen:  nachher  steigt  sie,  wie 
bei  den  Leistenbrüchen,  bis  zum  70.  Lebensjahre,  um  dann  rapid  ab- 
zunehmen. 

Die  Nabelbrüche  sind  häufig  bei  Knaben  im  1.  Jahre  zu  beobachten, 
sodann  nehmen  sie-  bis  zum  5.  Jahre  allmählich,  bis  zum  10.  dagegen 
rasch  ab,  so  dass  ihre  Zahl  nach  dem  15.  Lebensjahre  beim  männlichen 
Geschlechte  ganz  unbedeutend  ist.  Beim  weiblichen  Geschlechte  ist  die 
Phase  bis  zum  10.  Jahre  gleich  wie  beim  männlichen,  auch  bei  Frauen  ist 
die  Zahl  der  Nabelbrüche  bis  zum  25.  Lebensjahre  unbedeutend,  von  da 
ab  aber  steigt  die  Zahl  bis  zum  40.  Jahre  an,  erhält  sich  bis  zum  65.  auf 
bedeutender  Höhe,  um  sodann  sehr  schnell  zu  schwinden. 

4.  Das  gegenseitige  Verhältnis  der  Leisten-  und  Schenkelbrüche  bei 
demselben  Geschlechte  wird  durch  folgende  Ziffern  ausgedrückt: 

Nach  Wernher  entfallen  bei  Männern  auf  34.788  Leistenbrüche 
1373  Schenkelbrüche,  also  wie  25'34  :  1; 

nach  Macready  entfallen  bei  Männern  17.260  Leistenbrüche  auf 
570  Schenkelbrüche,  also  wie  30-92  :  1: 

nach  Berg  er  kommen  auf  7151  Leistenbrüche  419  Schenkelbrüche 
bei  Männern,  daher  wie  17-06  :  1. 

Bei  Frauen  entfallen: 

Nach  Wernher  3085  Leisten-  auf  3958  Schenkelbrüche,  daher 
wie  0-77  :  1; 

nach  Macready  1841  Leisten-  auf  1223  Schenkelbrüche,  daher 
wie  1-50  :  1: 

nach  Berger  1123  Leisten-  auf  831  Schenkelbrüche,  daher  1-35  :  1. 


Statistik.  17 


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Mayill,  Specielle  Chirurgie.  I. 


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18 


Statistik. 


Diesen  Ziffern  gegenüber  fallen  natürlich  die  Zahlen  unserer  Klinik 
nicht  in  die  Wagschale,  umsoweniger,  als  sie  nicht  das  Gesammtvor- 
kommen  von  Hernien  in  irgend  einem  Territorium  veranschaulichen,  sondern 
nur  angeben,  wieviel  von  den  mit  Leisten-  oder  Schenkelbrüchen  behafteten 
Individuen  sich  zur  Aufnahme  in  die  Klinik  behufs  Operation  entschlossen 
haben. 

Auf  Seite  17  führen  wir  eine  Berger  entnommene  Tabelle  an, 
welche  das  Vorkommen  von  Hernien  überhaupt  im  Verhältnis  zur 
Anzahl  der  Einwohner  der  Stadt  Paris  veranschaulichen  soll.  Hiebei  wird 
angenommen,  dass  die  Zahl  der  im  Bureau  central  sich  meldenden  Bruch- 
bandwerber auch  die  Gesamintzahl  von  Bruchleidenden  darstellt. 


III.  Abtheilung. 


Einzelne  Brueharten. 


1.  Der  Leistenbruch  (Heriiia  iiiguinalis). 

Unter  den  anatomisch  streng  voneinander  geschiedenen  Brucharten 
ist  der  Leistenbruch  bei  weitem  der  wichtigste.  Derselbe  tritt  stets  durch 
den  äußeren  Leistenring  nach  außen  unter  die  Haut,  seine  Eintrittsstelle 
in  die  vordere  Bauchwand  von  der  Bauchseite  her  kann  jedoch  verschieden 
sein.  Bevor  wir  von  den  ■  einzelnen  Unterarten  des  Leistenbruches  sprechen, 
müssen  wir  daher  eine  genauere  anatomische  Beschreibung  der  uns 
interessierenden  Gegend  vorausschicken. 

In  den  untersten,  knapp  den  inneren  Hälften  des  Leistenbandes  an- 
liegenden Partien  der  vorderen  Bauchwand  sind  zwei  längliche  Hohlräume, 
Canäle,  in  derselben  ausgespart,  welche  nach  innen  und  unten  miteinander 
convergieren  und  Leistencanäle  genannt  werden.  Die  Wände  derselben  sind 
verschieden  dick,  da  sie,  je  nachdem  es  sich  um  die  vordere  oder  die  hintere 
Wand  dieser  Canäle  handelt,  von  verschiedenen  Fascien  und  Muskelschichten 
gebildet  werden.  Im  allgemeinen  kann  man  sagen,  dass  sich  die  vordere, 
zugleich  äußere  Wand  dieses  schiefen  Durchlasses  von  außen  nach  innen 
verschmälert,  während  sich  die  innere,  zugleich  hintere  Wand  von  außen 
nach  innen  verstärkt.  Die  erstere  ist  gebildet  in  ihrer  inneren  Hälfte  fast 
nur  von  der  breiten  Aponeurose  des  äußeren  schiefen  Bauchmuskels  und 
der  dieselbe  deckenden,  locker  gewebten  Fascia  superficialis,  während  nach 
außen  die  Wand  dadurch  stärker  wird,  dass  einestheils  die  Aponeurose  in 
den  fleischigen  Theil  des  Bauchnmskels  übergeht,  anderntheils  dadurch, 
dass  sich  an  der  Bildung  dieser  Wand  der  Muse,  obliquus  abdominis 
internus  und  transversus  mitbetheiligen.  Die  erstgenannte  Aponeurose  des 
äußeren  schiefen  Bauchmuskels  theilt  sich  in  der  Gegend  des  Schambein- 
höckers in  zwei  Pfeiler  oder  Ränder,  deren  innerer  sich  an  der  Symphyse, 

2* 


20 


Der  Leistenbruch. 


deren  äußerer  dagegen  sich  mit  dem  Ligamentum  Pouparti  am  Tuberculum 
pubicum  anheftet.  Diese  zwei  Pfeiler  oder  Schenkel  (Columna  seu  crura) 
sind  im  oberen  äußeren  Winkel  durch  bogenförmige  Fasern  miteinander 
verbunden,  welche  Fibrse  intercolumnares  seu  intercrurales  genannt  werden 
und  den  sonst  spitzen  Winkel  abrunden.  Die  innere  oder  hintere  Wand  des 
Canales  ist  von  der  Aponeurose  des  inneren  schiefen  und  queren  Bauch- 
muskels gebildet.  Diese  Wand  schmälert  sich  nach  außen  und  rückwärts 
derart  zu,  dass  sie  tmdlich  nur  in  eine  dünne,  bindegewebige  Palte  (Plica 
semilunaris)  ausläuft.  Dieselbe  ist  ein  Abkömmling  der  quergestreiften  Fascia 
transversa  und  markiert  von  innen  her  die  innere  Umrandung  der  hinteren 
Öffnung  des  Leistencanals.  Die  untere  Wand  des  Leistencanals  ist  gebildet 
vom  Poupart'schen  Bande,  welches  sich  in  seiner  inneren  Hälfte  bedeutend 
verbreitert  und  in  die  daselbst  befindliche  Rinne  den  runden  Funiculus  sper- 
maticus  aufnimmt.  Die  obere  Wand  des  Canals  ist  von  den  untersten  Fasern 
des  inneren  schiefen  und  queren  Bauchmuskels  gebildet,  welche  überhaupt 
mit  dem  Poupart'schen  Bande  nicht  organisch  verwachsen  sind,  sondern 
nur  an  dessen  obere  Fläche  angelehnt,  in  der  Gegend  des  Leistencanals 
nur  weiter  vom  Leistenbande  abgedrängt  erscheinen. 

Die  Verbindung  dieser  letztgenannten  Muskeln  untereinander  und 
jene  der  dahinter  liegenden  Fascia  transversa  mit  dem  Bauchfell  geschieht 
nur  durch  ein  schütteres  und  schwaches  Bindegewebe,  was  nicht  nur  wegen 
der  jetzt  allerdings  seltenen,  eitrigen  Infiltrationen  nach  operativen  Ein- 
griffen von  Bedeutung  ist,  sondern  an  dieser  Stelle  besonders  hervorgehoben 
werden  muss  vor  allem  als  Prädisposition  zur  Bildung  falscher  Wege  für  die 
subcutan  reponierten  Hernien,  endlich  auch  deswegen  im  Gedächtnis  behalten 
werden  muss,  damit  man  die  präperitoneale  Abart  des  Leistenbruches  ver- 
stehe. Die  auf  die  Fascia  transversa  folgende  Schichte  des  präperitonealen 
Bindegewebes  enthält  reichlich  Fett  und  in  dieser  Schichte  verlaufen  die 
unteren  epigastrischen  Gefäße.  Jede  Leistenhernie  ist  daher  außer  vom 
Peritoneum  auch  von  einer  ziemlich  dicken  Schichte  präperitonealen  Fettes 
bedeckt,  während  die  epigastrischen  Gefäße,  je  nach  der  Art  des  Leisten- 
bruches, entweder  nach  außen  oder  innen  vom  Bruchsackhalse  ver- 
laufen. 

Die  untere,  in  der  aufrechten  Lage  des  Körpers  zugleich  hintere 
Wand  des  Leistencanals  erscheint  an  der  medialen  Seite  durch  ein  binde- 
gewebiges, dreieckiges  Blatt  verstärkt,  welches  nach  oben  in  die  Hülle  des 
geraden  Bauchmuskels  übergeht,  mit  seiner  Concavität  nach  außen  gewendet 
ist  und  dass  Colles'sche  Band  genannt  wird;  der  Rand  desselben  heißt  die 
Falx.  Einzelne  erkennen  die  Selbständigkeit  dieses  Bandes  nicht  an,  indem 
sie  dasselbe  für  einen  Ausläufer  der  Aponeurose  des  äußeren  schiefen 
Bauchmuskels  ansehen.  Lateral  schließt  sich  an  dieses  Band  die  Fascia 
transversa  an,  wobei  schon  im  voraus  bemerkt  werden  soll,  dass  bei  den 


Der  Leistenbruch. 


21 


sogenannten  inneren  Leistenhernien  wohl  die  letztere,  nie  aber  die  Falx 
zur  Bruchbedeckung  umgewandelt  wird. 

Wir  sehen  daher,  dass  bei  der  Bildung  des  Leistencanals  von  allen 
Seiten  die  Muskelfasern  zur  Bildung  der  Wand  herbeigezogen  werden,  aus- 
genommen die  untere  Wand,  so  dass  durch  Contraction  der  betreffenden 
Muskeln  eine  namhafte  Verengerung  des  Leistencanals  bemerkt  werden 
kann;  da  jedoch  diese  Bildungen  auch  bei  krampfhafter  Zusammenziehung 
der  Muskeln  nur  einer  augenblicklichen  Verkürzung  fähig  sind,  so  folgt 
daraus,  dass  durch  den  ebengenannten  Mechanismus  die  frühere  Lehre  von 
der  krampfhaften  oder  spastischen  Einklemmung  der  Brüche  nicht  hin- 
reichend begründet  erscheint,  da  durch  die  genannte  Vorrichtung  eine 
dauernde  Verengerung  des  Canals  nicht  erfolgen  kann. 

Der  Leistencanal  endet  mit  zwei  Offnungen,  deren  äußere,  respective 
vordere,  mehr  nach  innen,  deren  innere,  respective  hintere,  näher  nach 
außen  und  zwar  ungefähr  über  der  Mitte  des  Poupart'schen  Bandes  zu 
liegen  kommt.  Diese  Offnungen  nennt  man  Leistenringe  (Annuli).  Der 
äußere,  auch  schlechtweg  Leistenring  oder  Leistenöffnung  des  Canals 
genannt,  wurde  schon  oben  theilweise  beschrieben;  es  bleibt  nur  zu 
bemerken,  dass  der  innere  Pfeiler  dieser  Öffnung  etwas  weiter  nach  vorne 
gelegen  ist,  weshalb  er  auch  der  vordere  Pfeiler  heißt,  während  dagegen  der 
äußere  aus  naheliegenden  Gründen  manchmal  auch  der  hintere  benannt  wird. 
Die  eigentliche  Befestigung  des  inneren  Pfeilers  geschieht,  indem  derselbe 
über  die  Symphyse  hinwegläuft,  am  Schambeinhöcker  der  anderen  Seite, 
während  der  äußere  Pfeiler  mittelst  Fasern,  welche  von  der  Spina  anterior 
inferior  ausstrahlen,  sich  am  Schambeinhöcker  derselben  Seite  anheftet.  Von 
den  Rändern  dieses  ungefähr  dreieckigen  äußeren  Leistenringes  steigen  entlang 
des  Samenstranges,  denselben  umhüllend,  Fasern  nach  abwärts,  so  dass 
die  äußere  Leistenöffnung  eigentlich  keine  Öffnung,  sondern  einen  Trichter 
darstellt,  welcher  die  sämmtlichen  Gebilde  des  Funiculus  spermaticus  als 
äußere  spermatische  Fascie  (Cooper)  einhüllt.  Der  innere  Pfeiler  der 
Leistenöffnung  ist  gewöhnlich  breiter  und  schwächer,  während  der  äußere 
kürzer  und  stärker  ist.  Diese  Leistenöffnung  ist  ungefähr  2 — 3  cm  von  der 
Mittellinie  entfernt. 

Durch  die  Öffnung  kann  man  in  den  Canal  nur  eindringen,  wenn 
man  mit  dem  Finger  die  Scrotalhaut  einstülpt,  wobei  wir  uns  überzeugen 
können,  dass  die  Lichtung  des  Canals  zunimmt,  wenn  wir  die  flectierte 
untere  Extremität  supinieren  und  die  Bauchmuskeln  erschlafft  werden, 
wohingegen  dieselbe  verengt  wird,  wenn  die  stramm  extendierten  Extre- 
mitäten parallel  nebeneinander  liegen  und  die  Bauchmuskeln  gespannt  sind. 
Es  ist  begreiflich,  dass  wir  die  erstere  Lage  bei  Reposition  sowohl  freier 
als  auch  eingeklemmter  Brüche  vorziehen.  Die  Länge  des  Leistencanals 
beträgt  21/2 — 5        und  liegt  das  innere  Ende  desselben,  der  Bauchring 


22 


Der  Leistenbruch. 


oder  der  innere  Leistenring,  circa  cm  über  dem  Leistenbande.  Durch 
diese  Öffnung  tritt  allerdings  präperitoneal  das  Vas  deferens  ein,  eigentlich 
aus,  um  nach  abwärts  und  innen  gegen  die  Samenbläschen  herabzusteigen: 
desgleichen  benützen  die  dieses  Gebilde  begleitenden  spermatischen  Gefäße 
und  Nerven  diesen  Ring  zum  Durchtritte  in  den  Leistencanal.  Wir  haben 
bereits  erwähnt,  dass  diese  Öffnung  nach  innen  von  einer  halbmondförmigen 
Falte  begrenzt  wird,  welche  mit  ihrer  Concavität  nach  außen  gewendet  ist. 
Auf  der  Hinterfläche  derselben  verläuft  die  Arteria  epigastrica  mit  ihren 
zwei  Begleitvenen. 

Ebenso  wie  der  äußere,  so  ist  auch  der  innere  Leistenring  eigentlich 
keine  Öffnung,  sondern  ein  Trichter,  denn  ein  trichterförmiger  Fortsatz  der 
Fascia  transversa  stülpt  sich  mit  in  den  Leistencanal  hinein  und  überzieht, 
den  letzteren  auskleidend,  ebenfalls  die  Gebilde  des  Samenstranges.  Dieses 
trichterförmige  Gebilde  nennen  wir  den  Processus  vaginalis  fascise  transversse 
oder  Fascia  infundibuliformis  oder  weiter  unten  Tunica  vaginalis  communis  - 
funiculi  spermatici  et  testis. 

Im  Leistencanale  verläuft  zuerst  der  Samenstrang  hinter  dem  queren, 
sodann  unter  dem  unteren  freien  Rande  des  inneren  schiefen  Bauchmuskels, 
von  welch  letzterem  er  nach  mehreren  Untersuchern  auch  von  den  beiden 
genannten  Muskeln  begleitende  Muskelbündel  empfängt,  welche  auch  als 
Aufliängemuskel  des  Hodens  (Muse,  cremaster)  bezeichnet  werden.  Sie  ver- 
laufen schleifenförmig  über  die  Tunica  communis  und  treten  selbstver- 
ständlich auch  zum  äußeren  Leistenringe  nach  außen. 

Der  Leistencanal  ist  je  nach  dem  Geschlechte  verschieden.  Bei  der 
Frau  enthält  er  bloß  das  runde  Gebärmutterband  und  ist  daher  bei  weitem 
enger,  dafür  aber  länger,  weil  das  Becken  breiter  ist.  Der  rechte  Leisten- 
canal pflegt  bei  beiden  Geschlechtern  breiter  zu  sein,  wodurch  sich  vielleicht 
das  häufigere  Vorkommen  der  rechtsseitigen  Leistenhernien  erklären  ließe. 

Bei  kleinen  Kindern  liegen  die  beiden  Leistenringe  direct  hinter- 
einander, weshalb  Leistenhernien  im  Kindesalter  sehr  leicht  entstehen  und 
auch  leicht  reponiert  werden  können.  Erst  später,  offenbar  durch  das 
ungleiche  Wachsthum  einzelner  Stellen  der  vorderen  Bauch  wand,  entwickelt 
sich  der  schiefe  Verlauf  des  Leistencanals,  wodurch  natürlicherweise  der 
Entstehung  eines  Leistenbruches,  wenn  auch  nicht  gänzlich,  vorgebeugt 
wird,  indem  die  Weiterentwickelung  bestehender  Brüche  oder  der  Eintritt 
der  Eingeweide  in  einen  angeborenen  Bruchsack  nicht  verhindert  werden  kann. 

Hieraus  kann  auch  die  Tragweite  der  Begründung  der  Operation  von 
Bassini  erschlossen  werden,  der  da  behauptet,  dass  die  Aufgabe  seiner 
Methode  der  Radicaloperation  eines  Leistenbruches  darin  besteht,  dass  der 
Verlauf  des  Leistencanals  wieder  normalerweise  schief  gemacht  wird, 
während  er  bei  jeder  halbwegs  älteren  Leistenhernie  wieder  wie  in  der 
Kindheit  gerade  geworden  ist.  Man  würde  glauben,  dass  ebenso  wie  die 


Der  Leistenbruch. 


23 


natürlich  schiefen  Leistencanäle,  ebenso  künstlich  schiefgemachte  endlich 
dennoch  vom  Andränge  der  Eingeweide  überwunden  werden  können. 

Felizet  (1894)  unterscheidet   drei  Qualitäten  des  Leistencanales: 

1.  Vollkommen  zu  nennende  Leistencanäle  (Trajets  parfaits),  wenn 
die  Umrandung  derselben  den  eingeführten  Finger  eng  umschließt. 

2.  Trajets  mediocres,  demnach  Canäle  von  mittelmäßiger  Wider- 
standskraft, die  Pfeiler  sind  schwach  membranös  und  schlapp;  die  Aponeu- 
rosis  des  Externus  ist  schwach  entwickelt,  lückenhaft  und  auch  die  übrige 
Muskulatur  (z.  B.  die  des  Herzens)  schwach  entwickelt. 

8.  Trajets  mauvais.  unvoUkomüiene  Canäle,  bei  denen  der  äußere 
Pfeiler  entweder  gänzlich  fehlt  oder  der  innere  schwächlich  entwickelt  ist, 
oder  auch  beide  welk  und  schlapp  anzufühlen  sind. 

Wie  das  Vas  deferens,  so  erfährt  auch  der  ganze  Inhalt  des  Leisten- 
canals  eine  doppelte  Knickung:  die  erste  am  inneren,  die  andere  am 
äußeren  Leistenring;  deswegen  werden  alle  umfänglicheren  und  schwereren 
Leistenbrüche  den  bisher  schiefen  Verlauf  des  Leistencanals  in  einen 
geraden  anteroposterioren  umzuwandeln  suchen,  da  durch  den  Zug  des 
Inhalts,  insbesondere  des  vom  Scrotum  bogenförmig  durch  den  Leisten- 
canal  wieder  gegen  die  Mittellinie  verlaufenden  Vas  deferens,  der  innere 
Rand  des  Bauchringes  nach  innen  zu  dislociert  wird.  Durch  die  Configu- 
ration  des  Leistencanals  bei  Kindern  und  bei  schon  längere  Zeit  bestehenden 
Hernien  geschieht  es,  dass  der  Leistenbruch  auf  Grund  seines  Verlaufes 
sehr  wohl  ein  gerader  oder  directer  benannt  werden  könnte,  wiewohl  er 
nach  seiner  anatomischen  Beschaffenheit  unter  die  schiefen  Leistenbrüche 
gehören  kann.  Wir  stoßen  hier  zum  erstenmale  auf  zwei  Bezeichnungen, 
welche  demnach  einer  näheren  Erklärung  bedürfen. 

Hiezu  ist  nothwendig,  dass  wir  uns  die  vordere  Bauchwand  im 
Zusammenhange  mit  dem  Becken  besehen.  Wenn  wir  nun  auf  diese 
vordere  Bauchwand  von  rückwärts,  daher  auf  ihre  Hinterfläche  hin- 
schauen, so  gewahren  wir  bei  genügender  Anspannung  der  Bauchwand 
fünf  Falten,  welche  unter  dem  Bauchfell  vorspringen,  und  zwar .  eine, 
welche  in  der  Mittellinie  verläuft,  den  Blasenscheitel  mit  dem  Nabelring 
verbindet  und  das  mittlere  Blasennabelband  genannt  wird  (Ligamentum 
vesicoumbilicale  med.).  Es  ist  dies  der  gewöhnlich  vollständig  obliterierte, 
manchmal  streckenweise  offene  ürachus.  Zu  beiden  Seiten  dieser  Mittel- 
falte verläuft  je  eine,  manchmal  fast  gar  nicht  ausgeprägte  Falte,  welche 
ein  Uberrest  der  fötalen  und  zwar  arteriellen  Gefäßwege  ist,  nach  der 
Geburt  überflüssig  wird  und  daher  obliteriert,  woraus  sich  zwei  dünne, 
ebenfalls  gegen  den  Nabel  hinstrebende,  aber  von  den  Seitenflächen  der 
Blase  abgehende  Bänder  (Ligamenta  vesicoumbilicalia  lateralia)  entwickeln. 
Das  Grübchenpaar,  welches  durch  die  eben  beschriebenen  Falten  begrenzt 
wird,  nennt  man  die  Fossa  inguinalis  interna.   Nach  außen  von  den  seit- 


24 


Der  Leistenbruch. 


liehen  Blasennabelbändern  liegt  beiderseits  je  ein  weiteres  Grübchen,  welches 
nach  außen  zu  durch  die  Falte  begrenzt  wird,  welche  durch  die  sich  von 
der  hinteren  Bauchwandfläche  leicht  abhebenden  epigastrischen  Gefäße  (je 
eine  Arterie,  von  zwei  Venen  begleitet,  auf  jeder  Seite)  gebildet  wird. 
Diese  Falten  ziehen  nicht  nach  dem  Nabel,  sondern  eher  nach  dem  lateralen 
Rectusrande  der  entsprechenden  Seite;  diese  Grübchen  benennen  wir  Fossa 
inguinalis  med.  Nach  außen  von  der  epigastrischen  Falte  liegt  endlich 
jederseits  die  Fossa  inguinalis  externa,  welche  nach  außen  ohne  bestimmte 
Begrenzung  verstreicht,  nichtsdestoweniger  die  ausgeprägteste  von  allen 
drei  Leistengruben  ist,  weil  das  Bauchfell  in  derselben  zu  einem  flachen 
Trichter  vertieft  ist,  auf  dessen  "Wänden  radiär  gestellte  Falten  gegen  die 
Mitte  zu  verlaufen,  wodurch  das  sogenannte  Infundibulum  processus  vaginalis 
peritonei  gebildet  wird.  Nicht  immer  wurde  die  im  Vorstehenden  angewendete 
Terminologie  im  gleichen  Sinne  gebraucht,  insofern  nämlich,  als  Scarpa 
die  ganze  Doppelgrube,  welche  nach  außen  vom  Ligamentum  vesico-umbilicale 
lat.  gelegen  ist,  als  die  äußere  Leistengrube  beschrieben,  und  welche  nach 
Hesselbach  u.  a.  durch  die  epigastrische  Falte  im  Sinne  unserer  obigen 
Beschreibung  abgetheilt  wird.  Diese  epigastrische  Falte,  von  allen  unbe- 
stritten die  wichtigste,  scheidet  die  Eintrittsstellen  für  den  sogenannten 
äußeren  und  inneren  Leistenbruch  voneinander,  indem  durch  die  äußere 
Leistengrube  die  äußeren  oder  schiefen,  durch  die  mittlere  Leistengrube 
aber  die  inneren  oder  geraden  Leistenbrüche  nach  außen  treten.  Wir 
nennen  die  erstere  Bruchart  schiefer  Leistenbruch  (Hernia  ing.  ext.  s.  obliqu., 
Fig.  3),  weil,  bevor  sie  unter  die  Haut  tritt,  der  ganze  schiefe  Leisten- 
canal  durchlaufen  werden  muss,  während  die  andere  Bruchart  als  gerade 
bezeichnet  wird,  weil  die  mittlere  Leistengrube  fast  gerade  hinter  dem 
äußeren  Leistenringe  gelegen  ist,  daher  der  Verlauf  der  Hernie  von  dem 
ersteren  zu  dem  letzteren,  durch  welchen  sie  ebenfalls  stets  nach  außen 
tritt,  ein  gerader  ist.  Jene  ungemein  seltenen  Hernien,  welche  durch  die 
innere  Leistengrube  hervortreten,  zählen  wir  nicht  mehr  zu  den  Leisten- 
brüchen, sondern  zu  den  vorderen  Bauchwandbrüchen  überhaupt;  ja,  es 
scheint,  dass  diese  Brüche  eine  besondere  Tendenz  haben,  sich  nicht  nach 
außen,  sondern  ins  präperitoneale  Bindegewebe  zu  entwickeln.  Wir  können 
daher  im  allgemeinen  jene  Brüche,  welche  nach  außen  von  der  epigastrischen 
Falte  austreten,  mit  dem  Namen  „die  äußeren",  und  jene,  deren  Austritt  nach 
innen  davon  erfolgt,  als  „die  inneren"  bezeichnen,  oder  man  kann  sagen, 
dass  sich  die  Kreuzungsstelle  zwischen  der  Vasa  epigastrica  und  dem  Vas 
deferens  bei  den  schiefen  äußeren  Leistenbrüchen  am  inneren  Umfange  des 
Brustsackhalses  befindet,  bei  den  geraden  inneren  Leistenbrüchen  dagegen 
auf  deren  äußerer  Peripherie.  Wir  können  uns  demnach  ebensogut  nach 
den  epigastrischen  Gefäßen,  als  auch  nach  dem  Samenstrange  richten. 
Der  Befund,  welchen  wir  rücksichtlich  dieser  Gebilde  bei  kindlichen  und 


Der  Leistenbruch. 


25 


älteren  Hernien  erheben,  niclit  aber  die  Richtung  ihres  Verlaufes  entscheidet 
über  die  Classification  der  Bruchart.  Die  inneren  Leistenbrüche  entwickeln 
sich  besonders  im  höheren  Alter,  wenn  die  Bauchwand  bereits  schlaff  wird 
und  die  Entleerung  des  Darmes  und  der  Blase  infolge  der  Atonie  der 
Muskulatur,  bei  Männern  auch  infolge  der  Hypertrophie  der  Prostata  sich 
immer  schwieriger  gestaltet;  man  kann  sie  daher  recht  wohl  als  Hernies 
de  faiblesse  bezeichnen.  Sie  treten  gewöhnlich  beiderseits  auf,  und  wir  können 
diese  Bruchart  am  besten  dadurch  mittelst  unsertu-  Finger  erkennen,  dass 
wir  mit  dem  in  den  Leistencanal  eingeführten  Finger  constatieren,  dass 
die  Hernie  durch  ein  anderes  Foramen  aus  der  Bauchhöhle  tritt,  als  der 


Annul.  inq.  int.      Plica  semil.  fasr-.  trsv.       Lig.  Poup. 


Fig.  3. 


Samenstrang  in  dieselbe,  u.  zw.  der  letztere  weiter  nach  außen  von  der 
Lücke,  durch  welche  wir  die  Hernie  reponiert  haben.  Paul  Berger  theilt 
jedoch  in  seiner  im  Jahre  1896  erschienenen  Hernien-Statistik  mit.  dass 
nach  seinen  anatomischen  Untersuchungen  in  der  Ecole  pratique  und  im 
Hospiz  von  Bicetre  und  nach  seinen  Befunden,  die  er  gelegentlich  der 
Radicaloperation  von  Hernien  gemacht  hat,  zu  dem  Schlüsse  gekommen 
ist,  dass  manche  scheinbar  innere  Hernie  in  Wirklichkeit  eine  äußere  ist. 
Er  wage  es  demnach  gar  nicht,  aus  solchen  Hernien  eine  besondere  Gruppe 
zu  bilden,  wiewohl  unter  5568  Leistenbrüchen  249  das  Aussehen  von 
inneren  Hernien  hatten.  Er  sei  von  keinem  dieser  am  Lebenden  (natürlich 
auch  ohne  Operation)  untersuchten  Fälle  überzeugt,  dass  es  sich  um  einen 
wirklichen  inneren  Leistenbruch  gehandelt  habe.  Nur  in  zwei  Fällen,  wo 


26 


Der  Leistenbruch. 


der  Canal  nach  innen  und  hinter  das  Schambein  verlief,  sodann  wo  auf 
einer  Seite  zwei  Leistenbrüche  nebeneinander,  aber  voneinander  unabhängig 
bestanden  hatten,  glaubte  Berger  es  mit  einer  inneren  Hernie  zu  thun 
zu  haben  (Hernia  vesicü-pubienne).  Auch  bei  Operationen  konnte  er  sie  seither 
einigemal  constatieren,  jedoch  ohne  dass  er  sie  früher  diagnosticiert  hätte. 

Das  scheinbar  einfachste  Mittel,  diese  Brüche  zu  unterscheiden, 
nämlich  das  Austasten  der  Arteria  epigastrica,  misslingt  bei  reponiblem 
Bruche  ziemlich  oft  und  ist  bei  einem  angewachsenen,  entzündeten  oder 
eingeklemmten  Bruche  vor  der  Operation  überhaupt  unmöglich. 

Nachdem  der  äußere  Leistenbruch  in  seinex  weiteren  Entwickelung 
dem  Samenstrang  folgen  muss,  und  zwar  innerhalb  der  Tunica  vag.  comm., 
so  muss  derselbe  endlich  auch  in  den  Hodensack  herabsteigen,  so  dass  wir 
kaum  fehlgehen,  wenn  wir  jeden  Hodensackbruch  unter  die  äußeren  Brüche 
einreihen.  Der  nach  außen  von  der  epigastrischen  Falte  beschriebene  Falten- 
trichter, die  Eintrittsstelle  für  die  äußeren  Leistenbrüche,  ist  ein  Uberrest 
jener  großen  peritonealen  Ausstülpung,  welche  wir  den  Processus  vag. 
peritonei  nennen,  und  welche,  durch  den  Inguinalcanal  tretend  und  den 
Samenstrang  begleitend,  bis  zum  unteren  Pole  des  Hodens  reicht,  allerdings 
gewöhnlich  nur  in  der  Fötalzeit,  häufig  jedoch  auch  in  der  Zeit  nach  der 
Geburt.  Diese  Ausstülpung  pflegt  nämlich  normalerweise  zu  verwachsen, 
bis  auf  jenen  Theil,  welcher  den  Hoden  umschließt  und  welcher  Tunica 
vag.  propria  testis  genannt  wird:  im  späteren  Leben  ist  derselbe  kaum 
mehr  in  Form  eines  fadenförmigen  Gebildes  unter  den  anderen  Bestand- 
theilen  des  Samenstranges  nachzuweisen.  Dieser  Bauchfellfortsatz  kann 
aber  auch  vollständig  offen  bleiben  und  bildet  dann  den  Urtypus  einer 
äußeren  Leistenhernie,  welche  umso  leichter  bis  auf  den  Grund  des  Hoden- 
sackes herabsteigt,  da  sie  den  Weg  bereits  in  der  beschriebenen  Form  vor- 
gezeichnet firidet. 

Die  Leistenbrüche  unterscheiden  wir  sehr  oft  in  zwei  Unterarten,  und 
zwar  in  die  angeborenen  und  in  die  erworbenen  Leistenbrüche.  Was  den 
angeborenen  Leistenbruch  betrifft,  so  kann  derselbe  schon  thatsächlich  bti 
der  Geburt  vorhanden  sein  oder  er  fängt  an,  unmittelbar  nach  der  Geburt 
sich  zu  entwickeln.  Wir  können  aber  auch  jene  Unterart  des  Leistenbruches 
als  angeboren  bezeichnen,  wenn  an  ihr  thatsächlich  nur  der  Bruchsack 
angeboren  ist,  insofern,  als  wir  durch  die  Bezeichnung  des  Bruches  als 
congenital  nur  den  Umstand  hervorheben  wollen,  dass  die  die  Eingeweide 
umgebende  Hülle  nicht  durch  Verschiebung  oder  Dehnung  des  Bauchhöhlen- 
Peritoneums  entstand,  sondern  dass  der  Bruch  in  einen  Hohlraum  eintritt, 
der  von  Natur  aus  präformiert  ist. 

In  solche  angeborenen  Bruchsäcke  braucht  der  Inhalt  auch  erst  in 
der  späteren  Lebensperiode  einzutreten,  ohne  dass  die  anatomische  Charak- 
terisierung von  jener  verschieden  wäre,  bei  welcher  auch  die  Eingeweide 


Der  Leistenbruch. 


27 


Von  Geburt  aus  im  Bruchsa,cke  vorgelagert  sich  vorfanden.  Solche  Ge- 
legenheiten, bei  welchen  ein  angeborener  Bruchsack  in  einen  wirklicliiMi 
Bruch  umgewandelt  wird,  sind  z.  B.  sämnitliche  Anstrengungen  fler  Bauch- 
presse, wie  sie  beim  Keuchhusten,  bei  einer  chronischen  Bronchitis,  bei 
langdauernder  Obstipation  oder  bei  sehr  ■  enger  Phimose,  desgleichen  aber 
auch  bei  irgend  einer  unvorhergesehenen,  gewaltsamen  Bewegung  überhaupt 
abzulaufen  pflegen.  Das  charakteristische  eines  angeborenen  Leistenbruches 
besteht  darin,  dass  nebst  Zeichen  einer  äußeren  oder  schiefen  Hernie  noch 
folgende  hinzutreten:  Diese  Brüche  steigen  sehr  rasch  bis  ins  Scrotum 
herab,  ja  es  gibt  Fälle,  wo  ein  ziemlich  beträchtlicher  Scrotall)ruch  bei 
irgend  einer  Gelegenheit  auf  einmal  entsteht,  so  dass  wir  dieses  Merkmal 
des  plötzlichen  Entstehens  eines  halbwegs  umfänglicheren  Bruches  zu 
Gunsten  der  Diagnose  eines  angeborenen  Bruches  zu  verwenden  pflegen.  Ist 
ja  doch  von  vornherein  klar,  dass  derartige  Brüche  kaum  je  durch  Dehnung 
oder  Verschiebung  des  parietalen  Peritoneums  entstehen  können,  da  hiezu 
jedenfalls  ein  länger  dauerndes  allmähliches  Einwirken  der  dehnenden 
Gewalt  gehört.  Die  älteren  Autoren  unterschieden  wegen  dieses  Umstandes 
auch  zweierlei  Kategorien  von  Brüchen:  jene  per  distentionem  und 
jene  per  ruptixram.  indem  sie  hiemit  andeuten  wollten,  dass  es  eine  Art 
von  Brüchen  gebe,  deren  Bruchhülle  unmöglich  durch  Dehnung  des  Bauch- 
felles entstanden  sein  konnte  und  welche  sie  daher  hüllenlos  durch 
Sprengung  oder  Riss  des  Bauchfelles  sich  entwickeln  ließen.  Diese  letzteren 
Brüche  würden  wir  eben  mit  unseren  jetzigen  anatomischen  Kenntnissen  als 
Brüche  bezeichnen,  die  in  die  angeborenen  Bruchsäcke  herabsteigen.  Ein 
weiteres  Zeichen  der  congenitalen  Hernien  ist  jenes,  dass  sie  den  Hoden 
von  vorne  umgeben  und  verdecken,  dass  der  Hode,  von  außen  als  ge- 
sondertes Gebilde  nicht  wahrnehmbar,  einen  Theil  der  hinteren  Hernien- 
wand  bildet,  daher  erst  nach  Reposition  des  Bruches  genau  austastbar  ist, 
oder  wenn  diese  nicht  ausführbar,  nach  jenem  eigenthümlichen  Gefühle  zu 
erkennen  ist,  welches  bei  Druck  auf  den  Testikel  entsteht  und  welches  wir 
so  oft  zur  Bestimmung  der  Lage  des  Hodens  bei  Hydrocele  vaginalis  aus- 
nützen. Im  Falle  einer  Torsion  des  Samenstranges  liegt  natürlicherweise 
der  Hode  in  der  vorderen  Wand  der  Hernie.  Diese  Lage  können  wir  auch 
bei  radicalen  Bruchoperationen  und  Herniotomien  constatieren,  und  sagen, 
dass  zum  mindesten  jene  Hernien  als  congenital  zu  bezeichnen  sind,  nach 
deren  Spaltung  an  irgend  einer  Stelle  des  Bruchsackes  die  Albuginea  des 
Hodens  sichtbar  ist,  wo  sich  demnach  der  Bruch  in  demselben  Räume 
befindet,  welchen  wir  sonst  Tunica  vag.  ppr.  testis  zu  benennen  pflegen. 

Diesen  angeborenen  Leistenbrüchen  steht  eine  Gattung  von  erworbenen 
Brüchen  entgegen,  deren  Entstehung  gei)ieinhin  so  geschildert  wird,  dass 
bei  vollständig  verwachsenem  Processus  vaginalis  peritonei  —  freilich  den 
Theil  ausgenommen,   welcher  den  Hoden  umschließt  —  sich  eine  voll- 


28 


Der  Leistenbruch. 


ständig  neue  Ausstülpung  des  Bauchfelles  entwickelt,  die  irgend  ein  Ein- 
geweide beherbergt,  aber,  wenn  sie  auch  in  der  Hodensack  herabsteigt, 
leicht  vom  Hoden  zu  sondern  ist.  Diese.  Hernien  weisen  nach  Spaltung  des 
Bruchsackes  eine  vollständig  gleichmäßige  Innenwand  auf,  welche  nirgends 
von  der  bläulichen  Albuginea  des  Hodens  unterbrochen  ist.  Neben  diesen 
zwei  Kategorien  von  Brüchen  kennen  wir  noch  eine  dritte  Abart  von 
äußeren  Leistenbrüchen,  deren  Entstehung  wir  uns  so  vorstellen,  dass  der 
Processus  vaginalis  peritonei  oder  der  Scheidenfortsatz  des  Bauchfells 
allerdings  über  den  Hoden  verwächst,  aber  in  seiner  oberen  Hälfte,  ein- 
schließlich der  inneren  ()lTnung,  offen  bleibt.  Brüche,  welche  in  einen  derart 
offen  gebliebenen  Scheidenfortsatz  herabsteigen,  können  mit  Recht  als  an- 
geboren bezeichnet  werden,  da  sie  aber  peripherwärts  über  den  Samenstrang 
nicht  hinausreichen,  bezeichnen  wir  sie  mit  Recht  als  Hernia  ingu.  congen. 
funicularis,  als  Gegensatz  zu  der  früher  beschriebenen  congen.  testicularis. 
Es  muss  jedoch  bemerkt  werden,  dass  es  recht  schwer  ist,  eine  angeborene 
Leistenhernie  des  Samenstranges  von  einer  erworbenen  zu  unterscheiden, 
so  dass  auch  jene  Auffassung  denkbar  ist,  dass  sämmtliche  äußeren  Leisten- 
hernien angeboren  sind  (Roser,  Zuckerkandl),  von  denen  jedoch  die 
einen,  im  vollständig  offenen  Processus  vaginalis  peritonei  gelegen,  bis  an 
den  Hoden  herabreichen,  die  anderen  aber  sich  in  demselben  Räume  be- 
finden, nur  dass  er  über  dem  Hoden  verwachsen  ist.  Diese  Auffassung  wird 
durch  mannigfache  anatomische  Erfahrungen  begründet.  E.  Zuckerkandl 
fand  nämlich  bei  100  Kindern,  welche  in  der  1.  bis  12.  Lebenswoche  ver- 
ötorl)en  sind,  20mal  den  Processus  vaginalis  peritonei  auf  beiden  Seiten 
ofi'en,  12mal  nur  auf  der  rechten  und  8mal  nur  auf  der  linken  Seite;  es 
würden  daher  an  40%  Kinder  eine  angeborene  Prädisposition  zur  Hernien- 
bildung  mit  auf  die  Welt  bringen. 

Auch  bei  Frauen  findet  sich  eine  angeborene  Abart  des  äußeren 
Leistenbruches,  wiewohl  diesem  Gegenstande  bisher  ziemlich  wenig  Aufmerk- 
samkeit gewidmet  wurde.  Während  man  bei  Knaben  und  Männern  die  an- 
geborene Leistenhernie  schon  aus  gewissen  klinischen  Zeichen  zu  erschließen 
vermag  (so  z.  B.  dass  sie  den  Hoden  umschließt,  dass  die  cylindrische  Hernie 
gleich  anfangs  bis  zum  oberen  Pole  des  Hodens  herabgestiegen  ist,  dass  das 
Kind  den  Bruch  mit  auf  die  Welt  brachte,  dass  auf  derselben  Seite  gleich- 
zeitig eine  Hodenektopie  besteht,  u.  s.  w.),  haben  wir  bei  Frauen  nicht 
eines  dieser  Zeichen,  um  daraus  etwa  auf  den  congenitalen  Ursprung  der 
Hernie  schließen  zu  können.  Nur  der  innige  Zusammenhang  mit  dem 
Ligamentum  rotundum  lässt  darauf  schließen,  dass  sich  die  Hernie  im  nicht 
obliterierten  Processus  vaginalis  peritonei  entwickelt  habe.  Die  mikro- 
skopische Untersuchung  eines  exstirpierten  Bruchsackes,  der  muthmaßlich 
congenital  ist,  auf  glatte  Muskelfasern  in  seiner  Wand,  ist  dringend  noth- 
wendig.    Das  Aussehen  ist  durch  die  beigefügte  Figur  4  veranschaulicht. 


Der  Leistenbruch. 


29 


Wie  schwer  es  fällt,  von  einer  congenitalen  Abart  der  äußeren  Leisten- 
hernien bei  Frauen  zu  sprechen,  erhellt  daraus,  dass  z.  B.  Paul 
Berger  in  seiner  statistischen,  über  10.000  Hernien  umfassenden  Arbeit 
aus  dem  Bureau  central  in  Paris  dieser  Abart  der  Leistenbrüche  mit 
keinem  einzigen  Worte  erwähnt,  wiewohl  er  auf  sie  hätte  aufmerksam 
werden  sollen  dadurch,  dass  unter  305  Kindern  weiblichen  Geschlechtes 
118  an  einer  Leistenhernie  litten,  welche  entweder  links-  oder  rechtsseitig 
war,  oder  beiderseits  vorkam  (87  : 24),  oder  mit  einer  anderen  Bruchart 
combiniert  war. 

s 


Fig.  4. 

a  =  Brach  sackhöhle,    h  =  Durchschnitte  der  glatten  Muskelfasern  im  Lig.  rot. 

Wir  unterscheiden  mehrere  Grade  der  Leistenhernie,  und  zwar: 

1.  Wir  sprechen  von  einer  Prädisposition,  wenn  der  Leistencanal  für 
einen  Finger  (Klein-  bis  Zeigefinger)  durchgängig  ist,  ohne  dass  wir  uns 
dabei  mit  Bestimmtheit  darüber  aussprechen  könnten,  ob  sich  in  diesem 
Leistencanale  auch  ein  präformierter  offener  Scheidenfortsatz  befindet.  Es 
wäre  dies  also  die  Diagnose  auf  einen  offenen  Leistencanal  oder  offene 
Leistenringe,  wie  sie  bei  Assentierungen  öfters  gebraucht  wird,  und  welche 
mit  den  nachgiebigen  Felizet 'sehen  Leistendurchgängen  (Trajets  mauvais) 
identisch  wären. 

2.  Als  zweiten  Grad  bezeichnen  wir  jene  Leistenhernie,  welche  bei 
der  gewöhnlichen  Thätigkeit  der  Bauchpresse  nicht  in  den  Leistencanal 
eintritt,   sondern   wo  dieser  für  gewöhnlich  leer  ist  und  sich  nur  bei 


30 


Der  Leistenbruch. 


besonderen  Anstrengungen  der  Bauchpresse  füllt,  so  z.  ß.  beim  Husten 
oder  bei  der  Defäcation.  Der  Inhalt  des  Leistencanals  zieht  sich  beim  Nach- 
lassen der  Bauchpresse  wieder  zurück,  so  dass  wir  mit  dem  Finger  unter 
Einstülpung  der  Scrotalhaut  auch  den  inneren  Leistenring  abtasten  können; 
eine  solche  Hernie  nennen  wir  Hernia  inguinalis  incipiens  (beginnende 
Leistenhernie). 

3.  Als  nächsten  Grad  bezeichnen  wir  jene  Hernie,  welche  zwar  den 
ganzen  Leistencanal  für  gewöhnlich  füllt,  jedoch  durch  den  äußeren  Leisten- 
ring nicht  nach  außen  tritt;  diese  Hernie  heißt  Hernia  inguinalis  inter- 
stitialis,  nicht  aber  inguino-interstitialis.  Die  Fig.  5  und  6  veranschaulichen 
solche  Fälle. 

4.  Den  vierten  Grad  bilden  Hernien,  welche  in  der  Gegend  des 
äußeren  Leistenringes  eine  deutliche  Emporwölbung  bilden  (Bubonocele) 
und  auch  Hernia  inguinalis  im  engeren  Sinne  genannt  werden.  Ein  Beispiel 
hievon  zeig-t  uns  Fig.  7  auf  Seite  33. 

5.  Den  fünften  Grad  bilden  jene  Brüche,  welche  die  Wurzel  des 
Hodensackes  füllen  und  mehr  oder  weniger  in  denselben  oder  in  die 
äußere  große  Schamlippe  herabsteigen.  (Hernia  scrotalis  oder  oscheocele 
beim  Manne  [Fig.  8  auf  Seite  35],  Hernia  labialis  bei  der  Frau  [Fig.  9 
auf  derselben  Seite]). 

6.  Als  6.  Grad  endlich  bezeichnen  wir  jene  im  Hoden  befindliche 
Hernie  von  Riesendimensionen,  bei  welcher  die  größere  Partie  der  Bauch- 
eingeweide im  Bruchsacke,  die  kleinere  in  der  Bauchhöhle  liegt;  diesen 
Grad  nennen  wir  Eventration.  (Siehe  Fig.  10,  11  [Seite  37]  und  12  [Seite  39] 
beim  Manne;  Fig.  13  [Seite  41]  und  14  [Seite  43]  beim  Weibe.) 

Indem  wir  zu  dem  inneren  Leistenbruche  übergehen,  müssen  wir 
bemerken,  dass  derselbe  gemeinhin  keine  angeborene  Unterart  aufzuweisen 
hat,  dass  demnach  derselbe  stets  erworben  ist.  Diese  Bruchart  stülpt  die 
hintere  Wand  des  Leistencanals,  und  zwar  nach  innen  von  der  epigastrischen 
Falte,  vor,  tritt  demnach  sofort  in  die  mediale  Hälfte  des  Leistencanals 
ein  und  begibt  sich  nach  kurzem  Laufe  in  denselben,  in  vielen  Fällen 
auch  sofort,  ebenso  wie  der  äußere  Leistenbrach  durch  den  äußeren  Leisten- 
ring in  das  Unterhautzellgewebe.  Es  muss  demnach  der  Samenstrang  auf 
der  äußeren  Seite  dieses  Bruches  verlaufen,  wodurch  diese  Unterart  noch 
leichter  von  der  äußeren  zu  unterscheiden  ist,  als  durch  die  Austastung 
der  Arteria  epigastrica,  welche  so  häufig  misslingt.  Nachdem  wir  einen 
solchen  inneren  Leistenbruch  reponiert  haben,  können  wir  constatieren, 
dass  durch  den  jetzt  leeren  Bruchring  weder  das  Vas  deferens  noch  irgend 
ein  anderes  Gebilde  des  Samenstranges  in  die  Bauchhöhle  eintritt.  Von 
diesen  Brüchen  ist  bekannt,  dass  sie  höchst  selten  größere  Dimensionen 
annehmen,  dass  sie  gewöhnlich  in  der  Größe  der  Bubonocelen  im  Leisten- 
buge gelegen  sind  und  dass  sie  kaum  jemals  in  den  Hodensack  herab- 


steigern.  Jolängcr  also  ein  Bruch 
besteht  und  je  länger  derselbe 
auf  die  Leistenbeuge  in  der 
Gegend  des  äußeren  Leisten- 
ringes beschränkt  bleibt,  den 
Hodensack  freilassend,  umso 
wahrscheinlicher  ist  die  Dia- 
gnose eines  inneren  oder  ge- 
raden Leistenbruchs. 

Sowohl  die  radicale 
(Operation  der  Leistenbrüche 
überhaupt,  als  auch  die  Hernio- 
tomie,  d.  h.  sowohl  die  Ope- 
ration des  freien  als  auch  die 
des  eingeklemmten  Leisten- 
bruches, erheischen  eine  ge- 
naue Kenntnis  der  Schichtung 
der  Bruchhüllen. 

Jede  äußere  Hernie  ist 
außen  zuerst  von  der  Haut 
und  dem  Unterhautzellgewebe 
bedeckt,  die  scrotale  Abart 
auch  von  der  damit  zusammen- 
hängenden Tunica  dartos,  dann 
folgt  eine  Schichte,  welche  von 
der  Fascia  superficialis  abdo- 
minis  herstammt,  worauf  eine 
Schichte  folgt,  die  wieder  ein 
Abkömmling  der  Fascia  inter- 
columnaris  ist  und  nach 
manchen  Forschern  von  den 
Rändern  der  beiden  Leisten- 
pfeiler abgeleitet  wird.  A.  C  o  o- 
p  e  r .  beschreibt  bei  älteren 
Brüchen,  wie  übrigens  schon 
angeführt  wurde,  eine  beson- 
dere Hülle,  welche  unter  der 
Tunica  dartos  gelegen  ist, 
Fascia  spermatica  externa  ge- 
nannt wird  und  welche  eben- 
falls von  der  Aponeurose 
dos  äußeren  schiefen  Bauch- 


32 


Der  Leistenbruch. 


muskels  abgeleitet  wird.  Auf  die  Fascia  spermatica  externa  oder  auf  die 
Fascia  intercolumnaris  folgt  eine  Lage  von  Muskelfasern  des  Musculus 
cremaster,  welche  aus  schlingenförmigen  Bündeln  besteht,  die  auf  der 
Vorderfläche  des  Bruches  herabsteigen  und  auf  der  Hinterfläche  sich 
verlieren.  Ihr  Ursprung  liegt  in  der  Abspaltung  einzelner  Muskelbündel 
vom  Rande  des  inneren  schiefen  und  des  queren  Bauchmuskels,  unter 
welchem  bekanntlich  dieser  Bruch  hindurchtritt.  Diese  Muskelschlingen 
sind  ziemlich  eng  an  die  folgende  Schichte  angeheftet,  welche  die  Fascia 
infundibuliformis  fasciae  transversse  oder  Tunica  vaginalis  communis  funiculi 
spermatici  et  testis  genannt  wird  und  welche  ein  Derivat  der  Fascia  trans- 
versa ist.  Die  sämmtlichen  bisher  genannten  Schichten  nennen  wir  nach 
Cooper's  Beispiel  die  Fascia  hernise  propria  Cooperi. 

Der  innere  Leistenbruch  hat  beinahe  dieselben,  bisher  genannten, 
tieferen  Schichten  des  äußeren  Bruches,  nur  dass  die  Schichte,  welche  durch 
Abspaltung  der  Muskelfasern  und  durch  die  Vorstülpung  der  Fascia  trans- 
versa entstanden  ist,  bei  weitem  schwächer  ist  als  bei  der  schiefen 
Hernienabart. 

In  beiden  Fällen  folgt  nun  der  eigentliche  Brachsack  nach  außen, 
von  einer  verschieden  dicken  Schichte  präperitonealen  Fettgewebes  be- 
wachsen. Da  die  Vorstülpung  der  Fascia  transversa  einen  Sack  bildet, 
welcher  auf  seiner  Innenwand  glatt  ist  und  mit  der  folgenden  Schichte 
nicht  verwächst,  so  könnte  schon  diese  Hülle  von  Ungeübten  für  den  peri- 
tonealen Bruchsack  gehalten  werden,  und  dann  folgerichtig  das  präperi- 
toneale Fettgewebe  für  das  fettreiche  Netz,  welches  allenfalls  noch  eine 
Darmschlinge  einhüllen  könnte.  Dieser  Irrthum  ist  leicht  zu  vermeiden, 
wenn  wir  uns  erinnern,  dass  die  Fascia  transversa  eine  quergestreifte,  feste, 
gefäßarme  Membran  ist,  das  Peritoneum  dagegen  eine  dünne,  bläulich 
durchscheinende,  von  dendritisch  verzweigten  Gefäßen  durchzogene  Membran, 
welche  beinahe  immer  nach  außen  von  einer  Lage  Fett  belegt  ist.  Bei 
eingeklemmten  Brüchen  ist  auch  das  Hervorquellen  des  Bruchwassers  ein 
willkommenes  Merkmal  der  Eröffnung  des  serösen  Bruchsackes,  da  sich 
dasselbe  in  keiner  anderen  Schichte  anzusammeln  pflegt,  als  im  Bruchsacke. 
Ist  einmal  der  Bruchinhalt,  insbesondere  die  in  demselben  enthaltene  Darm- 
schlinge, mit  dem  Bruchsacke  flächenhaft  verwachsen,  dann  ist  wohl  die 
Unterscheidung  des  Bruchsackes  von  der  Darmserosa  recht  schwierig. 

Das  Aussehen  und  die  Zahl  der  genannten  Schichten  pflegt  bei 
einzelnen  Brüchen  ziemlich  verschieden  zu  sein.  Wir  meinen  damit  nicht 
jene  Brüche,  welche,  abweichend  von  den  üblichen  Verhältnissen,  manchmal 
durch  eine  besondere  Öffnung  der  Fascia  transversa  nach  außen  treten  oder 
sich  mit  einer  zusammenhängenden  Schichte  von  Muskelgewebe  bedeckt 
erweisen,  sondern  wir  haben  dabei  besonders  jene  Brüche  im  Auge, 
welche  neben  der  äußeren  Bruchabtheilung  noch  eine  andere,  verschieden 


Der  Leistenbruch. 


33 


\ 


l 


1 


tief  zwischen  den  einzelnen  Schichten  der  Bauchwand  gelegene  -auf- 
weisen. Zum  Verständnis  der  hiebei  herrschenden  Verhältnisse  müssen  wir 
jedoch  noch  einige  Worte  über  das  Verhältnis  des  Samenstranges  zum 
Leistenbruche  vorausschicken. 

Wir  können  uns  nämlich  durch  eine  sorgfältige  Dissection  über- 
zeugen, ob  irgend  ein  Leistenbruch  in  einem  angeborenen  nicht  verwachsenen 
Processus  vaginalis  peritonei  oder  in  einer  Ausstülpung  des  Peritoneums 
neuer  Formation  gelagert  ist.  Ist  nämlich  die  Hernie  in  den  offenen 
Scheidenfortsatz  herabgestiegen,  so  ist  der  Bruchsack  innig  mit  der  Tunica 
vaginalis  communis  verwachsen,  er  ist  deshalb  auch  nur  schwer  von  den 
übrigen  Bruchhüllen  abzulösen,  während  der  Bruchsack  einer  erworbenen 
Hernie  gewöhnlich  leicht  aus 
der  Umgebung  ausgehülst 
werden  kann,  was  man  be- 
sonders dann  sofort  merkt, 
wenn  man  Gelegenheit  hat. 
eine  größere  Reihe  von  Radical- 
operationen  auszuführen.  Das- 
selbe gilt  auch  vom  Samen- 
strange, dessen  Gebilde  sich 
bei  einem  erworbenen  Bruche 
leicht,  schwer  aber  von  dem 
Bruchsacke  eines  angeborenen 
Bruches  abpräparieren  lassen. 
Weiters  pflegen  auch  die  ein- 
zelnen Gebilde  des  Samen- 
stranges beim  angeborenen 
Bruche  breit  über  den  Bruch- 
sack vertheilt  zu  sein,  beim 
erworbenen    jedoch  werden 

sie  mehr  zu  einem  Bündel  zusammengefasst  angetroffen.  Die  Entstehung 
dieses  eben  erwähnten  Verhältnisses  des  Samenstranges  zum  Bruchsacke 
wurde  in  den  früheren  Zeiten,  von  Hunt  er  angefangen,  so  erklärt,  dass 
der  Hode  in  den  ersten  Zeiten  der  fötalen  Entwickelung  am  oberen  und 
inneren  Ende  des  drüsigen  Wolf'schen  Körpers  hinter  dem  Bauchfell  unter 
der  Niere  gelagert  ist.  Diese  Lage,  analog  jener  der  Nieren,  hätte  zur  Folge, 
dass  die  Vorderfläche  einen  peritonealen  Überzug  hätte,  während  die  hintere 
eines  solchen  bar  wäre  und  in  sich  die  ernährenden  Gefäße  aufnehmen 
und  von  sich  den  Samenstrang  abtreten  lassen  würde.  Von  der  mit  Bauchfell 
überzogenen  Fläche  zöge  in  der  Richtung  gegen  den  inneren  Leistenring 
eine  Bauchfellfalte,  die  einen  muskulösen  Strang  enthalten  sollte,  dessen 
unteres  Ende  sich  im  Grunde  des  Hodensackes  befestigen  würde.  Dieser 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  3 


Fkj.  7  (siehe  Seite  30). 


34 


Der  Leistenbruch. 


aus  glatten  Muskelfasern  bestehende  Strang  wäre  daher  einer  activen  Con- 
traction  fähig.  Derselbe  wurde  das  Leitband  des  Hodens  benannt  (Guber- 
naculum  Hunteri)  und  entlang  und  unter  Leitung  desselben  sollte  der 
Hode  bis  in  den  Grund  des  Hodensackes  herabsteigen.  Da  man  voraussetzt, 
dass  die  Vorderfläche  des  Hodens  mit  dem  Bauchfell  innig  verwachsen  ist, 
und  da  der  ganze  Abstieg  des  Descensus  testiculi  retroperitoneal  erfolgen 
sollte,  so  war  es  nothwendig,  dass  entsprechend  dem  Herabrücken  des 
Hodens  eine  peritoneale  Ausstülpung  sich  ausbilde,  an  deren  unterstem  Ende 
sich  der  Hode  befände.  Ist  dieser  einmal  bis  ins  Scrotum.  herabgetreten, 
dann  müsste  auch  diese  eben  erwähnte  handschuhfingerförmige  Ausstülpung 
des  Bauchfells  durch  den  Leistencanal  bis  ins  Scrotum  herabreichen.  Dieses 
Peritonealdivertikel  wäre  eben  der  Scheidenfortsatz  oder  Processus  vag. 
perit.,  von  dem  wir  schon  erwähnten,  dass  er  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  ver- 
wächst, dass  er  aber  bei  neugeborenen  Eandern  von  E.  Zuckerkandl  in 
40%  der  Fälle  einerseits  oder  beiderseits  unverwachsen  oder  offen  ange- 
troffen wurde.  Auch  nach  dieser  älteren  Lehre  verkürzt  sich  also  die  er- 
wähnte Bauchfellfalte,  gleichzeitig  mit  dem  Gubernaculum  Hunteri,  tritt 
aber  gleichzeitig  durch  die  Öffnung  in  der  vorderen  Bauchwand  in  den 
Hodensack,  so  dass  mit  dem  Gubernaculum,  und  zwar  vor  dem  Hoden, 
ein  Bauchfelldivertikel  herabrückt.  Seiler  entdeckte  dieses  Bläschen  zuerst 
beim  Pferde,  später  auch  beim  Menschen.  In  diesem  Divertikel  entwickeln 
sich  die  angeborenen  Hernien  und  Hydrocelen  bei  Kryptorchismus.  Ein 
Analogon  dieses  Raumes  kennen  wir  in  der  Form  des  Nuck'schen  Canals 
bei  Frauen,  welcher  nichts  anderes  ist,  als  ein  blindes  Bauchfellsäckchen,  an- 
gewachsen an  der  vorderen  Seite  des  runden  Mutterbandes. 

Die  eben  geschilderte  Lehre  vom  Descensus  testiculi  erfuhr  in  den 
letzten  Jahren  eine  wesentliche  Abänderung.  Auch  nach  der  modificierten 
Auffassung  dieses  Vorganges  ist  der  Leistencanal  die  Bahn  für  den  Abstieg 
des  Hodens.  Weil-Bramann  constatierten  nach  ihren  übereinstimmenden 
Untersuchungen,  dass  gleich  bei  Beginn  des  Hodenabstieges  das  Bauchfell 
sich  in  den  inneren  Leistenring  einstülpe,  welche  Einstülpung  sich  bei 
fortschreitendem  Descensus  vertiefe,  worauf  Bramann  besonderes  Gewicht 
legt,  betonend,  dass  der  Abstieg  des  unteren  Poles  des  Scheidenfortsatzes 
dem  Herabrücken  des  Hodens  vorausgehe.  Ebenso  übereinstimmend 
bestreiten  die  genannten  Forscher,  dass  sich  das  Gubernaculum  Hunteri 
je  am  Grunde  des  Hodensackes  inseriere,  vielmehr  geben  sie  zu,  dass  es 
sich  analog  dem  runden  Gebärmutterbande  an  der  Vorderfläche  der  Sym- 
physe befestige.  Durch  die  Contraction  des  Gubernaculums  könnte  demnach 
der  Hode  höchstens  vor  den  äußeren  Leistenring  hervordringen,  worauf 
für  seinen  Abstieg  in  den  Grund  des  Hodensackes  eine  neue  Kraft  noth- 
wendig wäre.  Als  eine  solche  wurde  von  Weil  der  Umstand  angeführt, 
dass  die  myxomatöse  Masse,  welche  ursprünglich  den  Hodensack  ausfüllte, 


Der  Leistenbruch. 


schwindet,  wodurch  der  ^ 
Hode  gewissermaßen  gegen  \^ 
den  Hodensackgrund  aspi-  | 
riert  werde.  / 

Entsprechend  dieser  ' 
Entwickelung  sind  die  ein- 
zelnen Elemente  des  Sa-  : 
menstranges     innig     mit  ^ 
irgend  einer  Seite  des  an-  j 
geborenen  Bruchsackes  ver-  ; 
wachsen,  so  dass  eine  Aus-  | 
schälung  des  letzteren  nur  | 
gelingt,  wenn  man  einzelne  | 
dieser  Gebilde,  Gefäße  oder  | 
Nerven  zerstört,  oder  jenen  | 
Streifen  des  Bruchsackes,  \ 
an   welchen   die   Samen-  j 
Strangelemente  angelöthet 
sind,  an  demselben  zurück- 
lässt,  dagegen  den  übrigen 
Bruchsack  exstirpiert. 

Der   Bruchsack  der 

inneren  Leistenhernie  hängt  j 

mit     den    Gebilden  des 

Samenstranges    in  keiner 

Weise  zusammen  und  kann 

deshalb  ohne  Tangierung 

derselben  leicht  ausgeschält  | 

werden.  Das  Vas  deferens  ß 

liegt  stets  an  der  hinteren  / 

und   seitlichen   Peripherie  f' 

dieser  Bruchart,  die  Bruch-  .- 

pforte  ist  gewöhnlich  breit,  | 

weswegen  auch  Einklem-  [ 

mungen  dieser  Bräche  recht  ^i. 

•  I 
selten  sind.  Anders  ist  es  I' 

\ 

beim  äußeren  Leistenring,  I 
wo  die  Einklemmung  nicht 
nur  am  inneren,  sondern 
auch  am  äußeren  Leisten-  \ 
ring  geschehen  kann,  ebenso 
aber  auch  im  Verlaufe  des 


Fi(/.  8  (siehe  Seite  30). 


Fig.  9  (siebe  Seite  30). 


36 


Oer  Leistenbruch. 


Bruchsackhalses.  Bei  älteren  Brüchen  pflegen  die  Einklemmungen  an  jenen 
Stellen  zu  sitzen,  an  welchen  durch  Auflagerungen  eine  künstliche  Verengerung 
des  Bruchsackhalses  besteht;  sie  können  manchmal  recht  weit  vom  äußeren 
Leistenring  sich  befinden,  waren  aber  nichtsdestoweniger  ursprünglich 
weiter  central  gesessen,  und  wurden  durch  die  Entwickelung  des  Bruches 
nach  außen  herabgedrängt. 

A.  Cooper  hat  eine  besondere  Hernienabart  beschrieben  und  sie 
encystierte  Hernien  genannt.  Sie  entstehen,  wenn  die  centrale  Partie  des 
Scheidenfortsatzes  verwachsen  ist,  wenn  sich  in  dem  peripheren  unver- 
wachsenen Theile  Flüssigkeit  angesammelt  hat,  und  wenn  der  jetzt  sich 
bildende  Bruchsack  sich  in  das  Innere  des  Hydrocelenraumes  hinein  ent- 
wickelt, so  dass  der  Bruchinhalt  in  einem  solchen  Falle  von  einem 
doppelten  serösen  Sacke  eingeschlossen  ist,  nämlich  dem  eigenen  Bruchsack 
und  dann  dem  Hydrocelensack,  zwischen  welchen  beiden  eine  Flüssigkeits- 
schichte liegt. 

Als  eine  besonders  interessante  und  wichtige  Abart  des  Leisten- 
bruches wurde  in  der  letzten  Zeit  eine  Bruchart  beschrieben,  welche  man 
die  inguino-properitoneale  benannt  hat  und  von  welcher  bisher  mehrere 
Abarten  bekannt  sind.  Behufs  anatomischer  Fundierung  der  Lehre  von 
den  properitonealen  Leistenbrüchen  unternahm  E  p  p  i  n  g  e  r  eine  gründliche 
Untersuchung  des  Leistencanals,  deren  Ergebnisse  mit  den  Thatsachen, 
welche  klinisch  beobachtet  wurden,  auf  das  innigste  sich  decken,  und  welche 
darin  gipfeln,  dass  es  im  Verlaufe  des  Leistencanals  gewisse  prädisponierte 
Stellen  gebe,  an  denen  sich  die  properitoneale  Abart  mit  VorHebe  entwickelt. 

Bei  der  Erklärung  dieser  Bruchart  handelt  es  sich  vor  allem  darum, 
was  eigentlich  die  innere  Leistenöffnung  ist  und  ob  man  thatsächlich  mit 
Grund  den  inneren  Leistenring  und  die  Bruchsackpforte  voneinander  unter- 
scheidet. Wenn  wir  uns  an  die  Schilderung  Eppinger's  halten,  so  gibt 
es  drei  Abschnitte  des  Leistencanals,  und  zwar: 

1.  Der  innerste  erstreckt  sich  vom  anatomischen  inneren  Leistenring 
bis  zur  Eintrittsstelle  des  Processus  infundibuliformis  fascise  transversae  in 
den  Muse,  transversus.  Dieser  Abschnitt  ist  eigentlich  ein  kurzer  Trichter, 
welcher  bei  schichten  weiser  Präparation  zur  Plica  semilunaris  zusammen- 
sinkt. Um  diesen  Eingangsabschnitt  herum  befindet  sich  zwischen  der 
Fascia  transversa  und  dem  Peritoneum  ein  lockeres,  verschieden  fett- 
haltiges Bindegewebe.  Medianwärts  ist  die  Arteria  epigastrica  nur  ca.  7  mm 
vom  Eingangsabschnitte  des  Leistenspaltes  angeheftet.  Der  mittlere  Ab- 
schnitt des  Leistenspaltes  befindet  sich  im  Bereiche  des  Musculus  obliquus 
internus  und  transversus,  ist  ungefähr  10—12  mm  lang  oder  wegen  des 
schiefen  Durchtrittes  noch  etwas  länger.  An  senkrechten  Schnitten  erkennt 
man,  dass  diese  Muskeln  den  Spalt  dicht  umschließen  und  dass  der  quere 
Bauchmuskel  mit  dem  inneren  schiefen  gerade  hier  fest  verwebt  ist. 


Der  Leistenbruch. 


37 


Der  Ausgangsabschnitt  des  Leistencanals  befindet  sich  in  der 
lockeren  Bindegewebsschichte  zwischen  dem  inneren  und  äußeren  schiefen 
Bauchmuskel  und  zwischen  den  straffen  Pfeilern  des  Leistencanalausganges. 
Es  lassen  sich  demnach  am  ganzen  Leistenspalte  hauptsächlich  zwei  Stellen 
nachweisen,  an  denen  die  Umgebung  nachgiebiger  ist  und  wo  sich  der 
im  Leistenspalte  befindliche  Bruchsack  divertikelartig  ausstülpen  könnte. 
Dies  könnte  geschehen  zwischen  dem  Peritoneum  und  der  Fascia 
transversa,  und  zwar  am  leichtesten  lateral-  und  abwärts,  am  schwierigsten 
nach  aufwärts.  Stülpt  sich  der  Eingangsabschnitt  medianwärts  aus,  so  ist 
die  Arteria  epigastrica  nicht  am  inneren 


/'"///.  10  (siehe  Seite  30  und  52).  .      Fiy.  11  (siehe  Seite  3U). 


fest  an.  Im  mittleren  Abschnitte  ist  eine  Ausweitung  ziemlich  schwierig, 
während  in  dem  Ausgangsabschnitte  dieselbe  sich  leichter  vollzieht,  und 
zwar  leichter  nach  außen  und  oben  zwischen  die  beiden  schiefen  Bauch- 
muskeln, als  nach  innen  und  hinten. 

Dieser  anatomischen  Disposition  entsprechen  genau  die  zwei  Haupt- 
abarten der  properitonealen  Hernien.  Krön  lein  beschrieb  zuerst  gründlich 
eine  Abart  des  angeborenen  Leistenbruches,  welche  er  die  Hernia  inguino- 
properitonealis  benannt  hat.  Er  versteht  darunter  einen  Leistenbruch, 
dessen  Bruchsack  aus  zwei  Abschnitten  besteht,  deren  einer  im  Leisten- 
canale  liegt  und  gewöhnlich  vom  offenen  Processus  vag.  perit.  gebildet 


38 


Der  Leistenbruch. 


wird,  deren  anderer  dagegen  zwischen  der  Bauchwand,  eigentlich  der  Fascia 
transversa  und  dem  Bauchfelle  gelegen  ist,  mit  welchem  er  fest  verwachsen 
zu  sein  pflegt.  Krönlein  wies  schon  darauf  hin,  dass  einschlägige  Be- 
obachtungen bei  älteren  Autoren  unter  verschiedenen  Bezeichnungen  vor- 
gefunden werden,  so  unter  anderem  in  Streubel's  Monographie  „Über 
Scheinreduction  der  Hernien"  allein  14  Beobachtungen.  Verschiedene 
Nuancen  stellte  Krön  lein  bei  dieser  Hernienart  dadurch  fest,  dass  die 
Verbindung  zwischen  den  beiden  Abschnitten  der  properitonealen  Hernie 
entweder  breit  oder  recht  eng  sein  kann,  dass  der  äußere  Abschnitt  größer, 
aber  auch  kleiner  als  der  innere  sein  kann,  ja  dass  der  äußere  sogar 
nur  angedeutet  oder  auch  vollständig  fehlen  kann. 

Rümpel  fügt  zu  den  Krönlein'schen  Beobachtungen  der  Hernia 
properitonealis,  deren  er  57  gesammelt  hat,  eine  weitere  Hernienabart 
hinzu,  welche  sich  von  der  Krönlein'schen  dadurch  unterscheidet,  dass 
der  divertikelartige  Abschnitt  mit  seinem  Eingange  innerhalb  des  Leisten- 
canals  liegt  und  sich  regelmäßig  zwischen  den  Muse,  obliquus  internus  und 
externus  hineinerstreckt.  Diese  Abart  wurde  allerdings  schon  von  Goyrand 
als  Hernia  inguino-interstitialis  und  von  Boy  er  als  Hernia  intrainguinalis 
beschrieben.  Auch  diese  Hernie  besteht  aus  zwei  Abschnitten  eines 
gewöhnlich  angeborenen  Bruchsackes,  wovon  der  eine  vor  dem  äußeren 
Leistenring,  der  andere  nach  auf-  und  auswärts  vom  Leistencanale  zwischen 
dem  äußeren  und  inneren  schiefen  Bauchmuskel  gelegen  ist.  Beide  Abschnitte 
münden  innerhalb  des  Leistencanals  in  einen  gemeinschaftlichen  Abschnitt 
des  Bruchsackhalses,  dessen  Eingang  allerdings  am  inneren  Leistenring 
sich  befindet.  Auch  bei  dieser  Bruchart  kann  der  äußere  Antheil  verschieden 
groß  sein,  er  kann  auch  vollständig  verwachsen  sein  oder  fehlen,  so  dass 
wir  nur  den  intraparietalen  Abschnitt  vor  uns  haben,  welcher  mit  dem  im 
Leistencanale  oder  mittelst  des  im  Leistencanale  liegenden  Theiles  am 
inneren  Leistenring  in  die  große  peritoneale  Höhle  mündet;  es  würde  sich 
demnach  die  allerdings  schon  anderweitig  verwendete  Bezeichnung  als 
Hernia  interstitialis  vorzüglich  eignen.  (Siehe  Figur  15  auf  Seite  49.) 

Küster  endlich  hat  eine  dritte  Abart  des  Leistenbruches  beschrieben 
und  Hernia  inguino-superficialis  benannt.  Hieher  würden  jene  angeborenen 
Leistenbrüche  gehören,  bei  denen  der  nach  außen  vom  äußeren  Leistenring 
gelegene  Bruchantheil  sich  nicht  ordnungsmäßig  gegen  den  Fundus  des 
Hodensackes  entwickeln  würde,  sondern  seitlich  von  dem  genannten  Ringe; 
oder  der  Bruch  steigt  normalerweise  ins  Scrotum  herab,  entsendet  aber 
knapp  am  äußeren  Leistenring  ein  Divertikel  nach  außen  und  oben. 

Bei  der  Seltenheit  dieser  Fälle  wollen  wir  von  jeder  eben  geschil- 
derten Abart  einen  Sectionsbericht  beifügen. 

Ein  derartiger  Sectionsbefund  der  Krönlein'schen  Abart  lautet  wie 
folgt:  Nach  links  von  der  Symphyse  finden  wir  an  der  inneren  Oberfläche 


Der  Leistenbruch. 


39 


der  vorderen  Bauchwand  das  Peritoneum  bis  zu  5  cm  Höhe  halbkugelförmig 
mit  einer  Basis  von  5  :  6  cm  vorgewölbt.  Dieser  Sack  hat  auf  seiner 
Außenseite  eine  Öffnung  von  2'5  cm  Breite,  der  Rand  derselben  ist  oben 
stumpf,  unten  scharf.  Durch  diese  Öffnung  stülpt  sich  das  Peritoneum  in 
jenen  Raum  aus  und  überkleidet  ihn  an  seiner  Innenfläche.  Der  Grund 
dieses  Sackes  ist  gegen  die 
Symphyse  hingewendet; 
derselbe  ist  an  seiner 
Hinterfläche  mit  dem  Peri- 
toneum parietale  über- 
zogen und  mit  ihm  fest 
verwachsen;  die  Vorder- 
fläche des  Sackes  liegt  der 
Fascia  transversa  innig  auf. 
Mittels  einer  Öffnung  ist 
derselbe  mit  einem  anderen 
sackartigen  Abschnitte  in 
Verbindung,  welcher  im 
Leistencanale  liegt,  und  bis 
vor  den  äußeren  Leistenring 
und  gegen  den  Hodensack 
in  Form  eines  8  cm  langen 
und  2  cm  breiten  Fort- 
satzes herabsteigt. 

Auch     diese     Aus-  '\ 
stülpung  ist  in  ihrer  ganzen  \ 
Länge  von  dem  Processus  \ 

...  .  i\ 

infundibuliformis  der  Fascia  Sf 
transversa  eingehüllt.  An 
der  inneren  Fläche  des  pro- 
peritonealen Sackes  findet 
sich  mittels  eines  beweg- 
lichen Mesorchiums  der 
Hode  mit  seinem  Neben- 
hoden aufgehängt. Von  dem- 
selben geht  das  Vas  deferens  ab,  welches  extraperitoneal  zuerst  nach  aufwärts 
und  dann  in  einer  Länge  von  3  cm  auf  der  linken  Seite  der  Harnblase  herab- 
steigt. Von  derselben  Stelle,  an  welcher  der  Samenleiter  entspringt,  geht  auch 
ein  Strang  aus,  welcher  zwischen  der  Fascia  transversa  und  der  Wand  des 
inguinalen  Abschnittes  des  Bruchsackes  bis  ans  Ende  der  äußeren  Hervor- 
stülpung  des  letzteren  herabreicht  und  auf  seinem  Wege  die  hintere  Wand 
desselben  faltenförmig  emporhebt.  An  der  gleichen  Stelle  entspringt  endlich 


Fig.  12  (siehe  Seite  30). 


40 


Der  Leistenbruch. 


ein  drittes  Band  von  8  mm  Breite,  welches  seine  Ursprungsfasern  ins 
Mesorchium  einpflanzt  und  dann  am  inneren  Rande  des  properitonealen 
Sackes  an  jenen  Stellen  herabsteigt,  wo  das  Bauchfell  auf  die  Außenfläche 
dieses  Sackes  umbiegt,  sodann  weiter  verläuft  zu  jener  Stelle,  wo  sich  der 
Samenleiter  mit  den  großen  Gefäßen  kreuzt,  von  da  weiter  dorthin,  wo 
der  absteigende  Grimmdarm  in  die  Flexur  übergeht,  um  endlich  im  retro- 
peritonealen  Zellgewebe  in  der  Nierengegend  zu  enden.  In  diesem  Bande 
befinden  sich  die  inneren  Samengefäße.  Auf  der  rechten  Seite  wurde  der 
Hode  nicht  im  Hodensacke  vorgefunden,  sondern  bloß  ein  Bruchsack, 
welcher  breit  in  die  Bauchhöhle  mündete;  an  der  medialen  Seite  des 
Bruchsackhalses  befand  sich  der  atrophische  Hode. 

Das  zweite  Beispiel  betrifft  eine  Hernia  inguino-interstitialis. 
Es  handelt  sich  in  diesem  Falle  um  einen  nicht  eingeklemmten  Bruch.  Die 
rechtsseitige  Unterbauchgegend  ist  bedeutend  geschwellt,  die  Leistengegend 
ebenfalls  von  einer  Schwellung  vorgetrieben,  in  welche  die  Vergrößerung 
des  Hypogastriums  ausläuft.  Der  Schnitt  wurde  über  der  Schwellung 
geführt  und  in  letzterer  das  Netz  und  der  Hode  vorgefunden,  letzterer  am 
inneren  Leistenring  gelegen;  außerdem  fand  man  aber  noch  den  Dünndarm 
und  das  Cöcum.  Das  Netz  wurde  abgebunden,  irgend  ein  incarcerierender 
Bing  konnte  jedoch  nicht  constatiert  werden.  Beim  nächsten  Verbandwechsel 
musste  die  Wunde  geöffnet  werden,  und  man  fand  in  derselben  ein  Stück 
dem  Anscheine  nach  gangränösen  Dünndarms;  derselbe  wurde  angeschnitten 
und  ein  Drainagerohr  eingeführt.  Der  Kranke  starb.  Die  Beschreibung  des 
Präparates  lautet:  Der  Hodensack  asymmetrisch,  in  der  linken  Hälfte  der 
Hode  vorhanden,  rechts  und  unterhalb  des  Nabels  beginnt  ein  15  an  langer 
Schnitt,  welcher  in  einen  Sack  führt,  der  vom  Peritoneum  ausgekleidet 
ist.  Dieser  Sack  ist  23  cm  lang  und  besteht  aus  zwei  Abtheilungen,  welche 
voneinander  durch  eine  kreisförmige  Falte  geschieden  sind;  diese  Falte 
entspricht  dem  äußeren  Leistenring.  Der  Umfang  derselben  misst  bis 
10  cm.  Die  Innenwand  der  scrotalen  Abtheilung  ist  zart  und  faltig  und 
weist  einige  Divertikel  auf.  Die  Wand  der  inguinalen  Abtheilung  ist  fester, 
glatt;  im  oberen  und  äußeren  Antheil  der  hinteren  Wand  dieser  Abtheilung 
•befindet  sich  eine  Öffnung  von  5  cm  Breite,  welche  in  die  Bauchhöhle 
führt;  der  hintere  Rand  derselben  ist  scharf.  Am  inneren  Rande  dieser 
Öffnung  verläuft  die  Arteria  epigastrica  inferior,  wodurch  die  ()ffnung  als  der 
innere  Leistenring  charakterisiert  erscheint.  Es  befindet  sich  demnach  die 
erwähnte  Leistenabtheilung  des  Doppelsackes  zwischen  den  beiden  Leisten- 
ringen. Der  äußere  schiefe  Bauchmuskel  hört  mit  seinem  muskulösen  Antheile 
auf  der  rechten  Seite  des  Sackes  auf.  seine  Aponeurose  verläuft  über  die 
Vorderfläche  des  Sackes  und  heftet  sich  am  Poupart'schen  Bande  an.  Auch 
der  innere  schiefe  Bauchmuskel  befestigt  sich  auf  der  rechten  Seite  um 
den   Scheitel  des  Bruchsackes   bis   zum   lateralen   Rande    des  inneren 


Der  Leistenbruch. 


41 


Leistenringes,  umspannt  mit  seinem  unteren  Rande  den  linken  Rand  der 
Öffnung  und  endet  hinter  dem  Leistenantheile  des  Bruchsackes  am 
horizontalen  Aste  des  Schambeines  gleichzeitig  mit  der  Sehne  des  geraden 
Bauchmuskels.  Auch  der  quere  Bauchmuskel  befestigt  sich  am  Rande  der 
inneren  Leistenöffnung  und  verschmilzt  hinter  dem  Leistenbruchsacke  mit 
der  Sehne  des  inneren  schiefen  Muskels.  Der  gerade  Bauchmuskel  liegt 
mit  seinem  äußeren  Drittel  hinter  dem  intrainguinalen  Antheile  -des 
Bruchsackes. 

Nach  dieser  Anordnung  / 
wölbt  sich  der  innerhalb  des 
Leistencanals  befindliche  Theil 
stark  nach  vorne.  Die  rechte 
Seite  ist  an  die  Ränder  des 
inneren  und  queren  Bauch- 
muskels gestemmt,  die  hintere 
Wand  ist  medial  vom  inneren 
Leistenringe  vom  geraden 
Bauchmuskel  unterlegt,  wäh- 
rend der  Scheitel  des  Sackes 
zwischen  den  äußeren  Rand 
des  geraden  Bauchmuskels 
und  die  sehnigen  Anheftungen 
des  inneren  schiefen  und 
queren  Bauchmuskels  hinein- 
geschoben ist,  welche  sich 
über  jenen  Rand  hinüber- 
schieben, und  ist  gedeckt  von 
der  Aponeurose  des  schiefen 
äußeren  Muskels.  Knapp  unter 
dem  unteren  Rande  des  Bauch- 
ringes ist  an  der  hinteren  Wand 
der  intrainguinalen  Abthei- 
lung des  Sackes  der  Hode  mit 
dem  Nebenhoden  und  einem  trichterförmigen  Mesorchium  gelegen.  Vom 
Schwänze  des  Nebenhodens  zieht  in  der  hinteren  Wand  der  Leistenabtheilung 
des  Bruchsackes  eine  senkrechte  Falte  bis  in  den  Grund  des  Hodensackes, 
welche  sich  oben  am  Nebenhuden  befestigt  und  unten  fächerförmig  den 
Grund  der  scrotalen  Abtheilung  des  Bruchsackes  umfängt.  Von  der  hervor- 
springenden Insertion  des  Mesorchiums  am  unteren  Rande  der  inneren 
Leistenöffnung  sehen  wir  einen  Strang  von  5  cm  Länge  bis  zum  Blinddarm 
verlaufen,  welcher  derb  ist  und  als  eine  Bauchfellduplicatur  an  der  äußeren 
Seite  vom  Ansätze  des  Wurmfortsatzes  sich  anheftet.    Der  Samenstrang 


/ 


Fig.  IS  (siehe  Seite  30). 


42 


Der  Leistenbruch. 


verläuft  auf  der  rechten  Seite  der  Harnblase  und  dann  entlang  des  Stranges 
zwischen  dem  Blinddarm  und  dem  Bruchring  zum  unteren  Rande  des 
letzteren,  von  da  ab  dann  direct  zum  Schwänze  des  Nebenhodens.  Die 
Fascia  transversa  wölbt  sich  in  der  Umgebung  des  Eintrittes  in  den  Bruchsack 
in  Form  des  Processus  infundibuliformis  hervor  und  bildet  die  gemein- 
schaftliche Hülle. 

Die  bisher  beschriebenen  zwei  Abarten  der  properitonealen  Leisten- 
hernie wurden  bisher,  zwei  Fälle  ausgenommen,  stets  nur  bei  Männern 
beobachtet.  Von  diesen  zwei  Fällen  wurde  einer  in  unserer  Klinik 
beobachtet  und  wird  demnächst  veröffentlicht  werden.  Auf  beiden  Seiten 
wurde  operiert:  links  wegen  entzündeter,  rechts  wegen  eingeklemmter 
Hernie.  Im  letzteren  Falle  musste  ein  widernatürlicher  After  angelegt  und 
nachträglich  wegen  desselben  der  Darm  kreisförmig  reseciert  werden. 

Die  Küster'sche  Abart  der  Leistenhernie  entsteht  also,  wenn  der 
durch  den  äußeren  Leistenring  hervorgewachsene  Bruchsack  anormaler- 
weise sich  nach  außen  in  der  Richtung  des  Leistenbandes  lagert.  Bei  dieser 
eigentlichen  Dystopie  des  Bruchsackes  sollte  im  Grunde  nachgewiesen 
werden,  dass  es  sich  nicht  um  ein  gewöhnliches  Divertikel  eines  Leistenbruch- 
sackes handelt,  welcher  sonst  in  den  Hodensack  herabsteigt,  was  manchmal 
allerdings  am  ehesten  noch  durch  die  Lagerung  des  Hodens  entschieden 
werden  könnte.  Im  Falle  Küster 's  wurde  wegen  Einklemmung  operiert; 
der  Kranke  starb  am  fünften  Tage,  daher  eine  Beschreibung  des  Präparates 
mitgetheilt  werden  kann.  Die  Operationswunde,  oberhalb  des  Poupart'schen 
Bandes  beginnend,  reichte  bis  in  die  obere  Partie  des  Hodensackes  und 
führte  nach  Trennung  der  Wundränder  in  die  Bauchhöhle,  aus  welcher  geruch- 
loses Gas  entweicht  und  in  der  mit  Blut  bedeckte  Darmschlingen  gelagert 
sind.  Auch  in  der  Bauchhöhle  befindet  sich  eine  große  Menge  entfärbten 
flüssigen  Blutes  und  auch  die  Wundhöhle  ist  mit  Blutgerinseln  ausgefüllt. 
Der  atrophische  Hode  liegt  in  der  durch  Nähte  verschlossenen  Bauchfell- 
ausstülpung, der  Samenstrang  verläuft  wie  bei  gewöhnlichen  äußeren  Leisten- 
hernien; die  epigastrischen  Gefäße  wurden  nicht  untersucht.  Wenn  wir  uns 
den  Beftxnd  aus  dem  klinischen  Status  ergänzen,  so  würde  der  Befund 
folgendermaßen  lauten:  Die  rechte  Hodensackhälfte  ist  in  der  unteren 
Hälfte  leer,  ober  dem  rechten  Poupart'schen  Bande  wölbt  sich  bis  drei  Quer- 
finger von  der  Spina  anterior  superior  eine  Schwellung,  welche  mit  ihrer 
Längsachse  entlang  des  Leistenbandes  gelagert  ist.  Nach  innen  und  unten 
sitzt  diese  Schwellung  einer  zweiten  auf,  welche  die  obere  Hälfte  des 
Hodensackes  ausfüllt.  Beide  Schwellungen  sind  von  einander  durch  einen 
kreisförmigen  Einschnitt  getrennt.  Der  obere  Antheil  des  Bruches  war  nur 
von  Haut  bedeckt,  denn  nach  Spaltung  der  Haut  und  des  Unterhautzell- 
gewebes erschien  sofort  der  Bruchsack,  aus  welchem  nach  Eröffnung 
desselben  einige  Löffel  Bruchwassers  abflössen.    Aus  der  Schnittöffnung 


Der  Leistenbruch. 


43 


prolabierte  ein  Netzzipfel,  unter  welchem  der  Hode,  seinerseits  knapp  unter 
dem  oberen  äußeren  Rande  der  Bruclipforte  gelagert,  sichtbar  wurde.  Der 
Samenstrang  verläuft  an  der  inneren  unteren  Wand  des  Leistencanals. 
Außerdem  befand  sich  im  Bruchsack  eine  15  cm  lange  Darmschlinge, 
welche  so  nach  außen  umgebogen  war,  dass  ein  Theil  des  Darmes  bis  an 
den  Darmbeinkamm  heranreichte;  die  eingeklemmte  Darmschlinge  wurde, 
obwohl  blutend,  reponiert,  das  Netz  nach  Unterbindung  ebenso,  worauf  die 
Bruchpforte  sichtbar  ward. 

Diese    bildete    einen    für  ! 
drei  Finger  durchgängigen 
Canal,  welcher  von  vorne 
nach  rückwärts  zog  und  an 
dessen  innerem  Rande  der 
Samenstrang  verlief.  Von  i 
der   äußeren   Bruchpforte  / 
reichte   eine   kleine   Aus-  i 
stülpung  in  den  Hodensack  | 
herab,  die  größere,  oben  be-  1 
schriebene,  wandte  sich  im  | 
rechten  Winkel  nach  außen  i 
und  oben;  ihre  Unterlage  l 
wurde  von   der   Aponeu-  ' 
rose  des  äußeren  schiefen 
Bauchmuskels  gebildet,  ihre 
Grenze  war  das  Lig.  Poup. 
Der  Bruchsack  wurde  ex- 

stirpiert,    bis    auf   einen  \  \'|  ,  V 

Theil,  aus  welchem  eine 
Tunica  vag.  prop.  testis 
gebildet  wurde. 

Als  Ergänzung  dieser 
Auseinandersetzungen  wol- 
len   wir  noch  bemerken, 

dass  wir  Gelegenheit  hatten,  unter  den  klinischen  Füllen  zwei  besondere 
Abarten  der  properitonealen  Hernien  zu  beobachten,  und  zwar  zuerst  einen 
aus  zwei  Abtheilungen  bestehenden  Bruch,  deren  eine  wie  ein  gewöhnlicher 
scrotaler  Leistenbruch  gelegen  war,  während  die  andere  unter  dem  die 
Darmbeingrube  überkleidenden  Bauchfelle  lag;  das  letztere  wurde  hiedurch 
tumorartig  emporgehoben.  Wir  hätten  es  somit  in  diesem  Falle  mit  einer 
Hernia  inguino-retroperitonealis  zu  thun,  nur  waren  die  in  dem  retro- 
peritonealen  Antheile  gelegenen  Darmschlingen  eingeklemmt  und  brandig, 
daher  vom  Verfasser  ein  Anus  praeternaturalis  angelegt  wurde,  den  man 


Fi(j.  Ii  (siehe  Seite  30). 


44 


Der  Leistenbruch. 


später  mit  einer  Darmnaht  erfolgreich  schloss.  Im  zweiten  Falle  wurde 
von  einem  Hilfsarzte  wegen  Ileus  eine  mediane  Bauchincision  vorgenommen, 
und  eine  Darmschlinge  eingeklemmt  vorgefunden,  wobei  der  Bruchring 
zwischen  der  Plica  vesicoumbilicalis  media  und  lateralis  zu  liegen  schien. 
Der  Fundus  der  Hernie  stieg  zwischen  dem  Peritoneum  und  der  Becken- 
fascie  direct  nach  unten,  so  dass  er  beinahe  den  Blasenscheitel  berührte. 
(Siehe  Fig.  16  auf  Seite  50.)  Bei  der  Operation  wurde  nach  der  Innenseite  der 
Urachus  durchgeschnitten:  bei  der  Section  des  Falles  bestätigte  es  sich, 
dass  der  Bruchring  an  der  genannten  Stelle  saß.  Die  mit  einem  kurzen 
Mesosigma  versehene  S-förmige  Schlinge  war  in  der  Gegend  des  inneren 
Leistenringes  angewachsen  und  verlegte  derart  den  Zutritt  zum  Infundi- 
bulum.  Wir  werden  von  diesem  Falle,  sowie  von  dieser  Bruchart  im 
allgemeinen  bei  den  inneren  Bauchbrüchen  ausführlicher  sprechen. 

Eine  Abhandlung  über  Leistenhernien  wäre  unvollständig,  wenn  man 
nicht  hinzufügen  würde,  dass  sich  diese  Hernienabart  nicht  eben  selten 
mit  Kryptorchismus  combiniere,  welche  auf  einen  unvollständigen  Abstieg 
des  Hodens  zurückzuführen  ist  und  in  einer  Ektopie  des  Hodens  zum 
Ausdrucke  kommt.  Unter  18  eingeklemmten  Brüchen  des  Jahres  1895/96 
wurde  Kryptorchismus  in  zwei  Fällen,  unter  42  freien,  einer  Radical- 
operation  unterzogenen  Leistenbrüchen  wurde  er  ebenfalls  zweimal  vor- 
gefunden. Dafür  hat  man  in  zwei  Fällen  von  pro-,  resp.  retroperitonealen 
Leistenhernien  einen  Kryptorchismus  nicht  beobachtet,  obwohl  wir  an  einer 
anderen  Stelle  bereits  darauf  hingewiesen  haben,  dass  sich  derselbe  mit 
inguino-properitonealen  und  inguino-interstitialen  Hernien  mit  Vorliebe 
combiniere. 

Der  Hode  kann  an  einer  unrichtigen  Stelle,  und  zwar  entweder 
knapp  am  äußeren  Leistenringe  oder  innerhalb  des  Leistencanals  oder 
in  der  Gegend  des  inneren  Leistenringes  oder  in  der  Bauchhöhle 
gelagert  sein. 

Paul  Berger  hat  constatiert,  dass  unter  7433  inguinalen  Hernien 
bei  Männern  sich  216  congenitale  Brüche  mit  69  Fällen  von  Hodenektopie 
befanden;  unter  263  angeborenen  Brüchen  bei  Knaben  konnte  man  97  Ver- 
lagerungen des  Hodens  sicherstellen.  Nach  den  Aufzeichnungen  der  Bruch- 
band-Gesellschaft in  London  hat  man  bei  16.538  Hernien  466  Fälle  von 
Hodenektopie,  und  zwar  227mal  auf  der  rechten,  135mal  auf  der  linken 
und  104mal  auf  beiden  Seiten  beobachtet. 

Außerdem  constatiert  man  häufig  auch  andere  Anomalien  in  dieser 
Gegend,  z.  B.  eine  Atrophie  der  Hoden,  eine  congenitale  oder  erworbene 
Hydrocele,  und  zwar  sowohl  deren  vaginale  als  auch  funiculare  Form. 
Besonders  bei  älteren  Männern  combiniert  sich  eine  senile  Form  der 
Hydrocele  vaginalis  und  eine  Leistenhernie  ziemlich  häufig  und  gibt  sogar 
nicht  selten  zu  Verwechslungen  beider  Affectionen  Anlass. 


Der  Leistenbruch. 


45 


Eine  statistische  Verarbeitung  des  Materials  einer  einzelnen  Klinik 
ist  jedenfalls  sehr  wünschenswert,  und  zwar  ,  sowohl  deshalb,  weil  die  ver- 
schiedene Gruppierung  der  Fälle  die  Gesammtstatistik  nach  mancher 
Richtung  corrigiert,  als  auch  aus  dem  Grunde,  damit  man  sich  der  Ab- 
weichungen, welche  zwischen  den  Ergebnissen  einer  Massenstatistik  und 
jenen  der  statistischen  Zusammenstellung  einer  einzelnen  Anstalt  bewusst 
werde;  deshalb  wollen  wir  auch  an  dieser  Stelle  einige  statistische  Angaben 
betreffs  der  Leistenhernie  aus  unserer  Klinik  mittheilen. 

Es  wurden  auf  des  Verfassers  Klinik  in  Prag  an  Leistenhernien 
beobachtet: 


vom  1.  Oct.  1891  bis  1.  Oct.  1892  30  Fälle  bei  Männern  und  12  bei  Frauen, 

„       „     1892  „       „    1893  36    „     „       „        „  3  „  „ 

„     1893  „     ■  „    1894  50    „     „       „        „  6  „ 

„       „     1894  „       „    1895  80    „     „       „        „  13  „  „ 

„     1895  „       „    1896  78    „     „       „        „  12  „ 


also  in  5  Jahren  zusammen  274  Fälle  bei  Männern  und   46  bei  Frauen. 


Außerdem   wurden   vor   der   Übernahme   des   Instituts  durch  den 
Verfasser  auf  der  Klinik  beobachtet: 


im 

Jahre 

1881 

bei 

Männern 

10 

Fälle, 

bei 

Frauen  5, 

n 

n 

1882 

jj 

14 

33 

33 

33  ^3 

T) 

V 

1883 

» 

33 

15 

33 

3T 

33  8, 

n 

n 

1884 

33 

12 

33 

33 

„  12, 

V 

n 

1885 

y) 

33 

55 

33 

33 

33  8) 

51 

)) 

1886 

11 

33 

27 

33 

33 

Q 

33 

V 

)j 

1887 

)i 

33 

13 

33 

35 

33  3) 

V 

); 

1888 

V 

33 

20 

33 

33 

6, 

)) 

n 

1889 

)J 

33 

17 

33 

33 

33  «^S 

)) 

V 

1890 

)7 

33 

16 

33 

33 

33  6, 

!? 

3) 

1891 

35 

33 

21 

33 

33 

33_18, 

demnach  in  11  Jahren  zusammen  bei  Männern  220  Fälle,  bei  Frauen  85, 
oder  in  16  Jahren  in  Summa  494  Fälle  bei  Männern  und  131  Fälle  bei 
Frauen  bei  einer  Gesammtzahl  von  625  Leistenbrüchen. 

Man  ersieht  hieraus,  dass  eine  bedeutende  Prädisposition  des  männ- 
lichen Geschlechtes  für  die  Entwickelung  des  Leistenbruches  besteht. 

Was  die  Körperseite  betrifft,  so  wurden,  soweit  aus  den  früheren 
Zeiten  bestimmte  Angaben  vorliegen,  die  Leistenhernien  wie  folgt  con- 
statiert : 


46 


Der  Leistenbruch. 


bei  Männern:  bei  Frauen: 


Im 

Jahre 

1881 

5mal 

rechts, 

4mal 

links: 

3mal  rechts, 

Imal 

links 

55 

1882 

7 

55 

55 

4 

55 

55 

2  „ 

55 

1 

55 

55 

r) 

55 

1883 

9 

55 

55 

4 

55 

55 

4  „ 

55 

4 

55 

55 

■n 

55 

1884 

7 

55 

55 

4 

55 

55 

4  „ 

55 

7 

55 

55 

)? 

55 

1885 

24 

55 

55 

16 

55 

55 

6  „ 

55 

1 

55 

55 

)) 

\  55 

1886 

15 

55 

55 

— 

55 

55 

6  ,5 

55 

3 

55 

55 

n 

55 

1887 

7 

55 

55 

3 

55 

55 

—  „ 

55 

3 

55 

55 

n 

55  ■ 

1888 

16 

55 

55 

4 

55 

55 

4  „ 

55 

1 

55 

55 

n 

55 

1889 

10 

55 

55  ■ 

6 

55 

55 

1  „ 

55 

4 

55 

55 

V 

55 

1890 

11 

55 

55 

3 

55 

55 

3  „ 

55 

1 

55 

55 

n 

55 

1891 

12 

55 

55 

3 

55 

55 

7  „ 

55 

7 

55 

55 

55 

55 

189i 

27 

55 

55 

3 

55 

55 

7  „ 

55 

5 

55 

55 

51 

55 

189| 

24 

55 

55 

12 

55 

55 

1  ,5 

55 

2 

55 

55 

)) 

55 

189f 

34 

55 

55 

16 

55 

55 

3  55 

55 

3 

55 

55 

55 

■  55 

189f 

50 

55 

55 

30 

55 

55 

10  „ 

55 

3 

55 

55 

55 

55. 

189| 

46 

55 

55 

32 

55 

55 

7  „ 

55 

5 

55 

55 

Zusammen  304mal  rechts,  151mal  links;     68mal  rechts,  51mal  links. 


Man  ersieht  hieraus,  dass  bei  Männern  die  rechtsseitigen  Leisten- 
hernien nahezu  um  das  doppelte  jene  der  linken  Seite  überwiegen.  Bei 
Frauen  ist  der  Unterschied  ein  derart  geringer,  dass  man  von  der  Prä- 
disposition einer  Seite  nicht  gut  sprechen  kann. 

Uber  den  Umstand,  welche  Altersclassen  von  Leistenhernien  am 
meisten  heimgesucht  werden,  belehrt  uns  nebenstehende  Tafel,  zu  welcher 
wir  nur  soviel  bemerken  wollen,  dass  die  den  ersten  zwei  Decennien  ent- 
sprechenden Zahlen  nicht  der  Ausdruck  der  thatsächlichen  Verhältnisse 
sind,  da  es  wahrscheinlich  ist,  dass  die  meisten  mit  Leistenhernien  behafteten 
Patienten  auf  einer  der  zwei  in  Prag  bestehenden  Kinderkliniken  Aufnahme 
gesucht  und  gefunden  haben;  sonst  würde  nach  den  mitgetheilten  Ziffern 
die  Zahl  der  Leistenhernien  vom  zartesten  Kindesalter  bis  zum  höchsten 
Mannes-  und  Frauenalter  zunehmen.  Im  kräftigsten  Mannesalter,  zwischen 
30  und  50  Jahren,  kommen  Leistenhernien  ungefähr  5mal  so  häufig  vor 
als  im  ersten  und  zweiten  Jahrzehnt,  nach  dem  60.  Lebensjahre  werden 
sie  lOmal  häufiger  als  im  ersten  Decennium,  demnach  2mal  häufiger  als 
zwischen  30  und  50  Jahren. 

Es  kann  übrigens  nicht  verschwiegen  werden,  dass  infolge  der  immer 
mehr  in  Aufschwung  kommenden  Radicaloperationen  der  Hernien  die  Zahl 
der  auf  einer  Klinik  und  so  auch  auf  jener  des  Verfassers  stationär  ver- 
pflegten Hernienfälle  stetig  zunimmt,  natürlich  vor  allem  jener,  die  nicht 
eingeklemmt  sind;  solche  Fälle  wurden  früher  aus  dem  Ambulatorium  mit 
einer  Anweisung  auf  ein  Bruchband  zum  Bandagisten  geschickt,  erscheinen 


Der  Leistenbruch. 


47 


1_ 

-10 

10- 

-20 

20- 

-30 

30- 

-40 

40- 

-50 

50- 

-60 

60 

crur. 

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c 

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3 

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crur. 

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crur. 

1 

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1 

4 

1 

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4 

1 

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3 

5 

5 

— 

o 

1 

4: 

3 

4 

Q 
O 

i 

4 

6 

6 

1883 

1 

— 

— 

Q 
O 

— 

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5 

1 

b 

4 

11 

4 

1  OOA 

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2 

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4 

3 

14 

6 

1 

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4 

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1 

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1 

Q 
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2 

13 

1889 

— 

— 

4 

1 

1 

3 

11 

4 

12 

10 

7 

1890 

2 

1 

1 

4 

2 

3 

5 

5 

9 

6 

1891 

1 

5 

5 

1 

4 

ü 

12 

6 

10 

5 

;   Summa  .  . 

9 

11 

1 

34 

7 

45 

23 

46 

40 

61 

53 

93 

68 

daher  in  den  Ausweisen  der  klinischen  Kranken  bis  1891  nicht  ver- 
zeichnet. Die  Zahl  der  eingeklemmten  Leistenbrüche  erscheint  durch  den 
oberwähnten  Umstand  kaum  berührt,  da  dieselben  sowohl  vor  als  nach 
dem  Jahre  1891,  wenn  auch  manchmal  nur  zu  der  Vornahme  des  ein- 
fachsten Eingriffes,  einer  Taxis  nämlich,  zum  stationären  Aufenthalte  auf 
die  Klinik  aufgenommen  wurden. 

Unter  des  Verfassers  klinischer  Leitung  wurde  auch  stets  der  Inhalt 
der  operierten  Leistenbrüche  verzeichnet,  und  zwar  fand  man  als  Inhalt 


der  Brüche: 
im  Jahre  Dünndarm 

Netz 

Dünndarm 
Netz 

'  Dickdarm 

Dickdarm, 
Dünndarm, 
Netz 

leerer 
Bruchsack 

1891/92 

20 

5 

4 

1892/93 

22 

8 

3 

1 

1893/94 

32 

12 

4 

1 

4 

1 

1894/95 

35 

27 

8 

4 

3 

15 

1895/96 

31 

25 

8 

3 

7 

Summa 

140 

77 

27 

9 

7 

23 

unter  283 

Leistenhernien. 

Von 

der  ganzen 

Darmlänj 

^e  wurde  n 

atürlich  am 

häufigsten  der  Dünn- 

darm im  Bruche  vorgefunden,  der  Dickdarm  9mal  allein,  mit  dem  Netze 


48 


Der  Leistenbruch. 


oder  dem  Dünndarm  gemeinschaftlich  7mal;  von  den  einzelnen  Theilen  des 
Dickdarms  fand  man  das  Cöcum  4mal  allein  und  5mal  mit^  anderen  Ein- 
geweiden, der  übrige  Dickdarm  wurde  6mal  allein  und  7mal  mit  anderen 
Eingeweiden  (darunter  auch  das  Cöcum)  constatiert.  Leere  Bruchsäcke 
wurden  22mal  und  eine  Bruchsackcyste  einmal  verzeichnet.  Es  sind  demnach 
die  Leistenhernien  nach  unseren  Angaben  ungefähr  in  der  Hälfte  der  Fälle 
reine  Darmbrüche  (Enterocelen)  [149  von  283],  ungefähr  im  vierten  Theile 
Netzbrüche,  und  ungefähr  im  zehnten  Theile  zusammengesetzte  Entero- 
epiplocelen. 

Bei  der  modernen  Therapie  sowohl  der  eingeklemmten  als  nicht 
eingeklemmten  Brüche  werden  wir  sehr  bald  auch  das  richtige  Verhältnis 
der  zweifellos  angeborenen  testiculären  Leistenbrüche  zu  der  Zahl  der 
erworbenen  feststellen  können,  während  wir  das  Verhältnis  der  angeborenen 
funicularen  Hernien  zu  den  acquirierten  kaum  verlässlich  anzugeben  im 
Stande  sein  werden. 

Auch  bezüglich  der  properitonealen  Leistenbrüche  erlaubt  die  jüngst 
veröffentlichte  Breit  er 'sehe  Zusammenstellung  einige  statistische  Angaben 
mitzutheilen.  Es  zeigte  sich:  dass  sich  unter  36  Fällen  dieser  merk- 
würdigen Bruchart  20  rechtsseitige,  13  linksseitige  und  3  mit  nicht  näher 
bestimmtem  Sitze  befanden.  Noch  bemerkenswerter  ist  der  Hinweis  darauf, 
dass  in  35  Fällen  nur  Männer  von  dem  Leiden  betroffen  waren,  in  einem 
einzigen  Falle  dagegen  eine  Frau.  Weiters  wurde  sichergestellt,  dass  unter 
diesen  35  Fällen  in  14  Beobachtungen  der  Hode  höher  als  auf  der  anderen 
Seite  stand,  oder  dass  es  sich  um  einen  ganz  entschiedenen  Kryptorchismus 
handelte.  Rechnen  wir  hiezu  die  von  Krön  lein  ursprünglich  veröffentlichten 
Fälle,  so  wurde  unter  58  Iiiehergehörigen  Fällen  23mal  ein  mehr  oder 
weniger  vollständiger  Kryptorchismus  beobachtet. 

Unter  jenen  35  Fällen  bei  Männern  wurde  in  21  Beobachtungen 
unwiderleglich  ein  Angeborensein  des  Bruches  constatiert,  insofern  nämlich, 
als  der  Proc.  vag.  perit.  bis  zur  Albuginea  des  Hodens  offen  geblieben 
war;  9  Fälle  bezeichnet  Breiter  als  entschieden  erworbene  Brüche. 

Was  den  Lihalt  der  Leistenbrüche  betrifft,  so  kehren  sich  die  früheren, 
auf  Grund  von  Herniotomien  bei  eingeklemmten  Brüchen  gewonnenen 
Zahlenverhältnisse  infolge  der  bei  Radicaloperationen  gewonnenen  Erfahrungen 
vollständig  um. 

Während  in  den  Jahren  1891/92  und  1893/94  jährlich  die  Darm- 
brüche sich  zu  den  Netzbrüchen  verhalten  wie  3  :  1,  so  ergeben  sich  im 
Jahre  1894/95  schon  Verhältniszahlen  wie  35  :  36,  im  Jahre  1895/96  wie 
31  :  25.  Es  geht  daraus  klar  hervor,  dass  durch  Operationen  von  freien 
und  angewachsenen  Brüchen  sich  die  Zahl  von  Netzbrüch-en  wesentlich 
vermehrt,  wodurch  gewiss  eine  wichtige  Correctur  in  den  bisherigen 
Ziffernangaben  im  allgemeinen  eintreten  wird. 


Der  Leistenbruch. 


49 


Dem  entgegen  ändert  sich  die  Anzahl  der  eingeklemmten  Brüche 
von  Jahr  zu  Jahr  nur  unwesentlich;  so  wurden  im  Jahre  1892  19.  im 
Jahre  1892/93  18,  im  Jahre  1893/94  16,  im  Jahre  1894,95  16  und  im 
Jahre  1895/96  20  eingeklemmte  Leistenbrüche  bei  Männern  operiert. 
Dafür  steigt  beständig  noch  die  Anzahl  der  Radicaloperationen,  und 
zwar  wurden  im  Jahre  1891/92  8  Fälle  operiert,  im  Jahre  1894/95 
34  Fälle  und  im  Jahre  1895/96  32,  wodurch  also  das  natürliche  Aus- 
sehen der  Statistik  sich  wesentlich  ändert.  So  z.  B.  bezüglich  der  Gesammt- 
zahl  der  Leistenhernien,  deren  in  dem  11jährigen  Zeitraum  1881 — 1891 
(inclusive)  254  beobachtet  wurden,  während  in  dem  vom^^ Amtsantritte 
des  Verfassers  verflossenen 
Quinquennium  1891^ — 96  be- 
reits 320  Fälle  zur  Aufnahme 
kamen,  wodurch  das  klinische 
Hernien-Material  weit  mehr 
als  verdoppelt  wurde. 

Zum  Schlüsse  dieser 
anatomischen  Beschreibung 
erscheint  es  noch  zweckmäßig 
darauf  hinzudeuten,  wieso  die 
anatomisch-klinischen  Kennt- 
nisse verwertet  werden  sollen: 

Soll  irgend  ein  Bruch 
für  einen  Leistenbruch  aner- 
kannt werden,  so  muss  er 
folgende  Eigenschaften  haben: 
Die  durch  Bruch  verursachte 
Schwellung  ist  entweder  schon 
außen  vor  dem  äußeren 
Leistenring  sichtbar  oder  sie 

ist  erst  mittelst  des  in  den  Leistencanal  eingeführten  Fingers  und  zwar 
entweder  unter  allen  Umständen  oder  erst  bei  Anstrengung  der  Bauch- 
presse in  demselben  tastbar.  Dadurch,  dass  sich  im  Leistencanal  ein  tast- 
barer, nachgiebiger,  blasenförmig  abgerundeter  Körper  entweder  vorfindet 
oder  in  denselben  eintritt,  sich  aber  aus  demselben  vollständig  in  die 
Bauchhöhle  reponieren  lässt,  beim  Herausziehen  des  Fingers  oder  beim 
Husten  wieder  erscheint,  während  der  gleichseitige  Hode  im  Scrotum  ist;  ist 
diese  Schwellung  im  Leistencanale  hinlänglich  als  Leistenbruch  charak- 
terisiert, wobei  wir  es  unentschieden  lassen,  ob  als  äußerer  oder  als 
innerer.  Über  die  Unterscheidungsmerkmale  der  letzteren  zwei  Kategorien 
wurde  bereits  früher  gesprochen.  Ist  jedoch  die  fragliche  Schwellung 
bereits  nach  außen  vom  äußeren  Leistenringe  sieht-   und  tastbar,  so  ist 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  4 


Fig.  15  (siehe  Seite  .38). 


50 


Der  Leistenbruch. 


dieselbe  durch  einen  Leistenbruch  bedingt,  wenn  sie  einen  Stiel  gegen 
die  Bauchhöhle  aufzuweisen  hat,  welcher  jedenfalls  durch  den  äußeren 
Leistenring  in  die  vordere  Baucliwand  eindringt,  weiter  wenn  dieser  Stiel 
nach  oben  vom  Poupart'schen  Bande  und  nach  innen  vom  Schambein- 
höcker liegt. 


Fig.  10  (siehe  Seite  44). 

a  =  Hernia  prnpperitonealis  supravesicalis.    Die  Ausdehnung  und  der  Eingang  des 

Bruchsackes  punktirt.  Der  Sack  enthielt  eine  eingeklemmte  Darmschlinge. 
c  =  Harnblase,  d  =  gespaltener  Blasenhals ;  h  =  ein  symmetrischer,  offenbar  in  die 
Bauchhöhle  zurückgestiilpter  Bruchsack,  mit  Fett  ausgefüllt,  einen  Polypen  bildend; 
Urachus  trennte  beide  Bruchsäcke;  e  e  —  Peritoneum  parietale. 

Ist  diese  Schwellung  einmal  in  den  Hodensack  herabgetreten,  so  kommt 
bereits  eine  compliciertere  Diagnostik  zur  Geltung,  welche  theilweise  auch 
ihre  Berechtigung  hat,  wenn  eine  solche  Schwellung  in  die  große  Scham- 


Der  Leistenbruch. 


51 


Fiij.  19  (siehe  Seite  55).  Fig.  20  (siehe  Seite  55). 

Varices  lab.  maj.  s.  Spermatokele  bilateralis. 


52 


Der  Leistenbruch. 


lippe  herabgestiegen  ist.  Ein  solcher  in  den  Hodensack  herabsteigender  Bruch 
ist  mit  erdrückender  Wahrscheinhchkeit  ein  äußerer  Leistenbruch,  und  zwar 
aus  folgenden  Gründen:  Sowohl  der  äußere  Leistenring  als  auch  die  Gebilde 
des  Samenstranges  treten  in  den  Leistencanal  durch  das  Infundibulum 
fasc.  transv.  ein.  Weil  eine  Fortsetzung  dieser  Fascie  die  gemeinschaftliche 
Hülle  des  Hodens  und  des  Samenstranges  bildet,  so  muss  sich  auch  die 
weitere  Entwickelung  der  äußeren  Leistenhernie  innerhalb  dieser  Hülle,  also 
jedenfalls  in  der  Richtung  gegen  die  gleichnamige  Hodensackhälfte,  ja  unter 
Umständen  bis  an  den  Hoden  heran  vollziehen,  welcher  mitunter  auch  bei 
riesenhaften  Dimensionen  eines  Bruches  am  unteren  Pole  des  letzteren  ab- 
gesondert sieht-  und  tastbar  erscheint  (siehe  Figur  10  auf  Seite  37),  wenn 
nämlich  der  Bruch  nicht  gerade  ein  congenitaler  testiculärer  ist.  Durch 
einen  scrotalen  Leistenbruch  wird  die  Rhaphe  des  Hodensackes  nach  der 
anderen  Seite  hin  verschoben,  bei  größeren  Brüchen  wird  die  Haut  des 
Penis  und  die  Vorhaut  zur  Bedeckung  des  Bruches  aufgezehrt,  es  führt 
dann  von  der  Präputial grübe  auf  die  Vorderfläche  des  Bruches  eine  S-förmige 
Falte,  welche  nach  der  gegenüberliegenden  Seite  hinzieht. 

Es  dürfte  sich  empfehlen,  den  diagnostischen  Vorgang  ungefähr 
folgendermaßen  zurechtzulegen:  Es  gibt  bei  Schwellungen  einer  Hodensack- 
hälfte im  allgemeinen  drei  Möglichkeiten:  1.  entweder  ist  es  eine  Hernie 
(oder  jene  Abart  der  Hydrocele,  welche  wir  die  communicierende  nennen), 
oder  2.  ist  es  eine  Schwellung,  welche  von  den  Hüllen  des  Hodens  oder  Samen- 
stranges ausgeht,  oder  es  ist  3.  ein  Tumor  des  Hodens  oder  Nebenhodens. 

ad  1.  Ist  es  eine  Hernie  (oder  eine  Hydrocele  communicans),  so  hängt 
die  Schwellung  mittels  eines  Fortsatzes  mit  der  Bauchhöhle  zusammen; 
dieser  Fortsatz  verläuft  oberhalb  des  Poupart'schen  Bandes.  Die  Percussion 
über  der  Schwellung  ist  entweder  tympanitisch,  ein  untrügliches  Zeichen, 
dass  es  sich  um  eine  Hernie  handelt,  oder  die  Percussion  ist  vorne  leer 
und  rückwärts  tympanitisch,  was  ebenfalls  zur  Diagnose  einer  Hernie  genügt. 
Die  leere  Percussion  stammt  nachher  vom  Netz  her.  Oder  es  ist  endlich 
die  Percussion  in  der  ganzen  Ausdehnung  der  Schwellung  leer,  es  kann 
dann  die  Schwellung  entweder  von  einem  Netzbruch  oder  von  einer 
Hydrocele  communicans  herstammen.  Lässt  sich  die  Schwellung  reponieren, 
dann  kann  man  während  dieses  Actes  durch  die  auf  den  Leistencanal 
aufgelegten  Finger  bei  Hydrocele  communicans  ein  Rieseln  tasten,  oder  man 
kann,  nachdem  die  Spannung  der  Schwellung  abgenommen  hatte,  in  der 
Schwellung  selbst  deutliche  Stränge  und  Läppchen  des  Netzes  durchtasten, 
oder  wir  vernehmen  deutliche  gurrende  Geräusche  bei  gemischten  Darm- 
netzhernien  oder  bei  einer  reinen  Enterocele. 

Bei  jeder  Anstrengung  der  Bauchpresse  steigt  derselbe  Inhalt  wieder 
in  den  Bruch  herab.  Bei  jeder  Exspiration  schwillt  der  Bruch  vorüber- 
gehend an,  um  bei  der  Inspiration  wieder  abzufallen.  Wenn  wir  den  Abfluss 


Der  Leistenbruch. 


53 


4,  - 


der  Hydrocele  communicans  aus  der  Bauchhöhle  verschließen,  so  können 
wir  durch  Anlegung  einer  Flamme  einer-,  eines  umgekehrten  Hörrohres 
andererseits  die  Durchscheinbarkeit  der  Schwellung  dadurch  sicherstellen, 
dass  in  dem  Hörrohr  eine  rothe  Scheibe  sichtbar  wird,  nämlich  die  durch- 
leuchtete Flüssigkeitsschichte  und  Haut. 

Ist  der  Bruch  bis  an  den  Hoden  herabgestiegen,  so  kann  er  denselben 
von  vorne  her  verdecken,  wenn  es  ein  angeborener  testiculärer  Leistenbruch 
ist.  Oder  es  ist  zwischen  dem  unteren  Pole  des  Bruches  und  dem  Hoden 
noch  ein  Zwischenraum  übrig,  worauf  es  entweder  ein  erworbener  oder 
ein  angeborener  funiculärer  Leistenbruch  ist.  Bei  dem  letzteren  kann  man 
nur  schwer  die  einzelnen 
Gebilde  des  Samenstranges, 
besonders  das  Vas  deferens, 
von  der  Oberfläche  des 
Bruches,  in  dessen  Bruch- 
sackwand sie  verlaufen, 
isolieren.  Beim  angeborenen 
Bruche  kann  man  insbe- 
sondere am  unteren  Pole 
des  Bruches  das  Vas  de- 
ferens leicht  vom  Sacke 
absondern. 

ad   2.   Ist   es  eine 
Schwellung,  die  von  den 

Hüllen  ausgeht,  dann  kann     1  ^Hl&^^^^  1 

man,  einzelne  Ausnahms- 
fälle unberücksichtigt  las- 
send, gewöhnlich  in  der 
ganzen  Ausdehnung  Fluc- 
tuation  constatieren.  Die 
Schwellung  hat  keinen  Stiel 
gegen  die  Bauchhöhle, 
manchmal  aber  allerdings  eine  scheinbare  Fortsetzung  in  den  Leisten- 
canal  und  über  denselben  hinaus,  in  der  Richtung  gegen  die  Bauchhöhle  hin 
(die  zweikämmerige  Hydrocele  oder  en  bissac  oder  bilocularis).  In  jedem 
Falle  weist  auch  diese  Fortsetzung  deutlichste  Fluctuation  auf.  Für 
gewöhnlich  setzt  diese  ebenso  wie  die  Schwellung  am  äußeren  Leistenring 
oder  noch  in  einer  Entfernung  von  demselben  scharf  ab,  wodurch  allerdings 
das  Vorhandensein  einer  Hernie  gänzlich  ausgeschlossen  ist.  Bei  einer 
Hydrocele  en  bissac  lässt  sich  bei  schlaffer  Füllung  der  Inhalt  aus  dem 
äußeren  Antheile  in  den  inneren,  wenigstens  zum  Theile  reponieren,  aber  nie 
vollständig  entleeren.  Die  Schwellung  ist  durchscheinend  und  steht  nicht  unter 


/  \ 

Fiy.  21  (siehe  Seite  55). 
Hydrocele  bilateralis  vaginalis. 


/ 


54 


Der  Leistenbruch. 


der  Einwirkung  der  Bauchpresse.  Es  war  ein  besonderer  Zufall,  welcher 
dem  Verfasser  unlängst  untergekommen  ist,  dass  ein  ähnliches  Bild  dadurch 
hervorgebracht  wurde,  dass  in  einem  Bruchsacke  der  Zugang  zu  dem- 
selben durch  einen  Netzzipfel,  welcher  ringsherum  angewachsen  war,  ver- 
schlossen wurde,  und  in  dem  Sacke  durch  Entzündung  eine  Exsudation  bis 
zur  prallen  Füllung  stattfand,  wodurch  das  Bild  einer  Hydrocele  mit  einem 

deutlich  tastbaren  Stiele 
entstand.  Bei  dem  Ver- 
suche, ob  es  nicht  ge- 
länge, die  Verwachsung 
V?  ^1  des   Netzes    zu  lösen, 

/.•••.  ,  C  /     \         gelang  thatsächlich  die 

Trennung  der  Adhä- 
sionen, worauf  sich 
durch  die  nun  offene 
Bruchpforte  auch  der 
flüssige  Bruchsackinhalt 
entleerte.  Der  Befund 
wurde  durch  eine  bald 
darauf  ausgeführte  Radi- 
caloperation  verificiert. 

I  'I  \  Ziemlich  häufig 

combiniert  sich  eine 
Hernie  mit  einer  Hydro- 
cele, wobei  die  letztere 
immer  unter  der  ersteren 
liegt,  daher  immer  der 
obere  Antheil  entleerbar 
ist.  Bei  der  encystierten 
Cooper'schen  Hernie 
^   ''    j  ''^        ^:     ^    liegt  die  Hydrocele  nicht 

'  \  '    nur  nach  abwärts,  son- 

Fig.  22  (siehe  Seite  55).         "  ^^^^  ^^^^  ^-^^^^ 

Fibromyxochondroma  testis.  unteren  Pol  oder  die 

ganze  Hernie. 

ad  3.  Endlich  gibt  es  die  Möglichkeit,  dass  die  Schwellung  durch 
neoplastische  Vorgänge  am  Hoden  oder  Nebenhoden  bedingt  ist.  Die 
gestielten  (die  Scrotalwurzel  als  Stiel  gedacht),  im  Anfange  durch  einen 
Zwischenraum  vom  äußeren  Leistenring  getrennten  soliden  oder  wenigstens 
nicht  in  ihrer  ganzen  Ausdehnung  fluctuierenden,  nicht  durchscheinenden 
ziemlich  schweren  Geschwülste  lassen  sich  gewöhnlich  ohne  Schwierigkeiten 
als  solche  erkennen,  obwohl  man  wissen  muss,  dass  viele  dieser  Tumoren 


über  Schenkelbrüche. 


55 


von  einer  wenn  auch  dünnschichtigen  Hydrocele  begleitet  zu  sein  pflegen. 
Auch  muss  man  zugestehen,  dass  die  Unterscheidung  der  Hydrocelen 
mit  stark  hyperplastischer  Wandung  von  Neubildungen  schwer  zu  machen 
ist,  doch  die  Unterscheidung  der  Neoplasmen  von  Leistenbrüchen  unterliegt 
keineswegs  unüberwindlichen  Schwierigkeiten. 

Behufs  Veranschaulichung  der  äußeren  Ähnlichkeit  verschiedener,  im 
Vorstehenden  angeführten  Zustände  mit  den  Leistenhernien  haben  wir  einige 
einschlägige  Abbildungen  beigefügt,  und  zwar: 

Fig.  17:  Hydrocele  tunicee  vag.  propr.  testis  lat.  utrsq.,  rechts  groß, 
links  kleiner  (siehe  Seite  51); 

Fig.  18:  Fibrolipoma  funic.  sperm.  d.  recidivum  (siehe  Seite  51); 

Fig.  19:  Varices  lab.  maj.  sin.  (siehe  Seite  51); 

Fig.  20:  Spermatokele  bilateralis  (siehe  Seite  51); 

Fig.  21:  Hydroceie  vag.  lat.  utrsq.  (siehe  Seite  53); 

Fig.  22:  Fibromyxochondroma  testis  (siehe  Seite  54). 


2.  Über  Selienkelbriiehe  (Hernia  eruralis). 

Der  Zwischenraum  zwischen  dem  Poupart'schen  Bande  und  dem 
oberen  Rande  des  Beckens  ist  durch  eine  schiefe  sehnige  Spange  in  zwei 
Lücken  getheilt,  deren  Begrenzung  gegeneinander  schief  von  oben  und 
außen  nach  unten  und  nach  innen  verläuft.  Durch  die  äußere  tritt  der  ver- 
einigte Ileopsoas  und  an  seiner  inneren  Seite  der  Nervus  eruralis.  Diesen 
Raum  nennt  man  daher  die  Lacuna  musc;  durch  die  innere  Lücke  treten 
die  großen  Schenkelgefäße  hindurch,  und  zwar  außen  die  Arterie,  innen  die 
Vene.  Den  Zwischenraum  zwischen  der  letzteren  und  der  Innenwand  dieser 
Lücke  füllt  eine  Lymphdrüse,  die  sogen.  Rosenmüller'sche,  aus.  Diese  Lücke 
nennt  man  daher  die  Gefäßlücke  oder  die  Lacuna  vasorum.  (Siehe  Fig.  23 
von  innen,  Fig.  24  von  außen  auf  Seite  56  und  57).  Dieselbe  ist  also 
folgendermaßen  begrenzt:  nach  aufwärts  durch  das  Poupart'sche  Band,  nach 
außen  durch  die  erwähnte  Scheidewand,  welche  die  Muskellücke  nach  innen 
abschUeßt:  nach  abwärts  durch  den  horizontalen  Schambeinast,  nach  innen 
durch  das  Ligamentum  Gimbernati.  Die  erwähnte  Scheidewand  zwischen  den 
beiden  Gefäßlücken  verläuft  in  der  bereits  erwähnten  Richtung  gegen  das 
Tuberculum  ileopectineum.  Die  ganze  Lücke  bildet  ein  Dreieck,  dessen  breite 
Basis  das  Ligamentum  Pouparti  und  dessen  Scheitel  gegen  das  Tuberculum 
ileopectineum  hinsieht;  doch  ist  der  nach  innen  zu  sehende  Winkel  zwischen 
dem  Poupart'schen  Bande  und  dem  horizontalen  Schambeinaste  dadurch 
abgerundet,  dass  noch  vor  der  Insertion  des  letzteren  Bandes  am  Tuber- 


56 


über  Schenkelbrüche. 


culum  pubicum  von  der  unteren  Seite  desselben  bogenförmige  Faserzüge, 
mit  ihrer  Concavität  nach  außen  gewendet,  abgehen  und  sich  am  Knochen 
inserieren.  Diese  bogenförmigen  Fasern  nennt  man  eben  das  Ligamentum 
Gimbernati.  Die  Breite  dieses  Bandes  beträgt  1-25  bis  1-63  cm.  Dieses  Band 
ist  bei  Frauen  sehr  schwach  entwickelt,  wodurch  sich  das  häufigere  Vorkommen 
der  Schenkelbrüche  bei  Frauen  erklärt.  Die  untere  Begrenzung  der  Lacuna 
vasorum  ist  eigentlich  auch  nicht  vom  nackten  horizontalen  Schambeinaste 
gebildet,  sondern  von  einem  Bande,  welches  vom  Ligamentum  Gimbernati 
nach  außen  zur  Insertion  der  erwähnten  Scheidewand  am  Tuberculum  ileo- 


M.  add. 
long. 


M.  pect. 


Gl.  lymph.  „  ,      .  ^  ^  Fase.  lat., 

Rosenm.  ^-  N.  crur.  g^pgj.f. 


M.  sart. 


Fi  ff.  23  (siehe  Seite  55). 

pubicum  zieht,  allerdings  entlang  dieses  Knochens,  jedoch  demselben  nicht 
unmittelbar  anliegend,  da  auch  der  Knochen  hier  etwas  geschweift,  concav 
nach  oben  geformt  ist.  Dieses  Band  nennt  man  auch  das  Ligamentum 
Cooperi  oder  die  Fascia  pubica,  mit  welcher  die  Fascia  pectinea  nach  oben 
hin  abschließt.  Unter  diesem  Bande  befindet  sich  sofort  der  Muse,  pectineus. 
Nach  oben  hängi  dasselbe  mit  der  Fascia  transversa  zusammen.  Jener 
Theil  des  Poupart'schen  Bandes,  welcher  nach  oben  die  Lacuna  vasorum 
abschließt,  wurde  von  Henle  Arcus  cruralis  genannt.  Mit  dem  Poupart'schen 
Bande  (der  Arcade  de  Faloppe  der  Franzosen)  vereinigt  sich  von  oben 
sowohl  die  Fascia  superficialis  abdominis,  als  die  Fascia  transversa,  endlich 
auch  die  Aponeurose   des   äußeren   schiefen   Bauchmuskels;   von  unten 


über  Schenkelbrüche. 


57 


befestigt  sich  an  ihm  das  oberflächliche  Blatt  der  Fascia  lata  und  von 
hinten  her  vereinigt  sich  mit  ihm,  vrenigstens  in  seiner  äußeren  Hälfte, 
die  Fascia  iliaca,  welche  später  als  tiefes  Blatt  der  Fascia  lata  auf  dem 
Oberschenkel  weiterzieht.  In  der  so  begrenzten  Lacuna  vasorum  bleibt 
zwischen  der  Vena  femoralis  und  dem  concaven  Rande  des  Ligamentum 
Gimbernati  ein  Raum  übrig,  welcher  von  einem  schwachen  bindegewebigen 
Blättchen  ausgefüllt  ist,  welches  man  früher  das  Septum  criirale  Cloqueti 

Fascia  iliaca. 


M.  iliacus  - 

N.  cruralis  - 
M.  ijsoas  - 

A.  iliaca  ext. 

V.  iliaca  ext.  - 
N.  obtur.  - 
Art.  obt.  ' 


Ramns  pub.  art.  obt. 


Fi  ff.  24  (siehe  Seite  55). 
Lage  des  Schenkelbruchsackes. 

genannt  hat.  Die  Existenz  dieses  Blättchens  wird  nicht  von  allen  Anatomen 
anerkannt,  was  insoferne  richtig  ist,  als  thatsächlich  manchmal  die  Ent- 
wickelung  desselben  so  schwach  ist,  dass  es  anatomisch  kaum  darstellbar 
ist.  Dasselbe  dient  zur  Unterlage  der  von  außen  oder  richtiger  von  vorn 
aufliegenden  Rosenmüller'schen  Lymphdrüse.  Es  würde  demnach  in  vielen 
Fällen  eigentlich  kein  Hindernis  für  die  Vorbauchung  des  Bauchfelles  an 
dieser  Stelle  vorliegen.  Da  nun  eben  die  Schenkelbrüche  an  dieser  Stelle 
hervortreten,  so  gäbe  es,  insbesondere  bei  Frauen,  fast  keine  genug  aus- 
giebige Barriere  gegen  die  Entwickelung  von  Brüchen  an  dieser  Stelle. 


58 


über  Schenkelbrüche. 


Der  Zwischenraum  zwischen  dem  Gimbernat'schen  Bande,  zwischen 
der  Schenkelvene,  dem  medialen  Viertel  des  Poupart'schen  Bandes  und 
zwischen  dem  Ligam.  pubicum  Cooperi  ist  die  Spalte,  durch  welche  die 
Schenkelbrüche  hindurchtreten  und  welche  von  einzelnen  Forschern  der 
innere  Schenkelring  genannt  wird.  Die  äußere  Hälfte  der  Lacuna  vasorum 
ist  gegen  die  Bauchhöhle  mittelst  eines  starken  fibrösen  Blattes  ab- 
geschlossen, welches  von  der  Fascia  transversa  ausgeht  und  nach  Ver- 
wachsung mit  dem  Ligamentum  Pouparti  gegen  die  Schenkelgefäße  nach 
abwärts  läuft,  mit  der  Hülle  derselben  verschmelzend  und  endlich  in  die 
Fascia  iliaca  übergehend. 

Da  manche  Herniologen  bemüht  waren,  zwischen  der  Leistenhernie 
und  der  Schenkelhernie  eine  durchgreifende  Analogie  gleichzustellen,  so 
wurde  auch  bei  der  Schenkelhernie  ein  innerer  und  ein  äußerer  Schenkel- 
ring und  zwischen  den  beiden  der  Schenkelcanal  beschrieben.  W^enn  wir 
auch  diesen  Bestrebungen  Rechnung  tragen  wollen,  so  müssen  wir  eine 
Beschreibung  der  Hüllen  der  Femoralgefäße  vorausschicken. 

Knapp  unter  dem  Poupart'schen  Bande  finden  wir  durch  Verschmelzung 
verschiedener  Bindegewebsfaserzüge,  welche  theils  von  der  Fascia  abdomin. 
superf.,  theils  von  der  Fascia  lata  abstammen,  einen  Trichter  gebildet,  in 
welchem  sich  nicht  nur  die  Femoralgefäße  befinden,  sondern  in  welchem 
auch  die  Schenkelhernien  nach  abwärts  rücken,  so  dass  es  scheint,  als  ob 
die  letzteren  in  den  Umhüllungen  der  Schenkelgefäße  herabsteigen  würden. 
Das  vordere  und  hintere  Blatt  dieses  Trichters  vereinigt  sich  auf  der 
Außenseite  mit  der  eigentlichen  Hülle  der  Schenkelgefäße,  welche  sich  ober 
dem  Poupart'schen  Bande  von  der  Fascia  iliaca  abgelöst  hat  und  welche 
als  Vagina  vasorum  propria  innerhalb  des  oberwähnten  Trichters  die 
Gefäße  umschließt.  Durch  diese  besondere  Gefäßhülle  sind  demnach  die 
Schenkelhernien,  welche  ebenfalls  in  jenem  Trichter  gelegen  sind,  von  den 
Gefäßen  getrennt;  deswegen  nennt  man  die  erwähnten  zwei  Blätter  dieses 
Trichters  auch  Vagina  vasorum  (sc.  et  hernise  cruralis)  communis,  die 
gemeinschaftliche  Scheide  der  Schenkelgefäße  (und  des  Schenkelbruches). 
Die  Basis  dieses  Trichters  bildet  der  Rand  der  Lacuna  vasorum  und  seine 
Spitze  ist  an  den  Schenkelgefäßen  unterhalb  des  Poupart'schen  Bandes 
gelegen. 

In  früheren  Zeiten  hat  man  gemeint,  dass  die  Schenkelhernien 
in  der  Gefäßscheide  selbst  herabsteigen,  doch  diese  Anschauung  wurde 
dadurch  hervorgebracht,  dass  durch  die  Schenkelhernien  manchmal  das 
Septum  crurale  Cloqueti  nach  außen  hervorgewölbt  wird,  welches  sich  mit 
seinem  inneren  Rande  an  der  Innenseite  der  Vagina  vasorum  propria 
anheftet  und  welches  durch  das  allmähliche  Herabrücken  der  Schenkel- 
hernien nach  und  nach  von  der  Gefäßscheide  abgelöst  wird.  Das  Septum 
crurale  oder  die  aus  demselben  herstammende  Schichte  spannt  sich  bei 


über  Schenkelbrüche. 


59 


Streckung  und  Abduction  in  der  Hüfte,  wird  aber  bei  Beugung  und  Ad- 
duction  entspannt,  weswegen  man  vornehmlich  diese  Stellung  bei  Reposition 
von  Schenkelbrüchen  einnehmen  lässt.  Wir  könnten  demnach  als  inneren 
Schenkelring  entweder  den  Zwischenraum  zwischen  der  Schenkelvene  und 
dem  äußeren  Rande  des  Ligam.  Gimbernati  oder  eine  Öffnung  in  dem  den- 
selben ausfüllenden  Septum  crurale  bezeichnen.  Bezüglich  der  Austrittsstelle 
der  Schenkelbrüche  unter  die  Haut  mögen  folgende  anatomische  Details  ins 
Gedächtnis  zurückgerufen  werden:  Die. Vena  saphena  magna  ergießt  sich 
unter  dem  Poupart'schen  Bande,  und  zwar  von  der  inneren  und  der  vorderen 
Seite  in  die  Schenkelvene;  aus  diesem  Grunde  ist  in  dem  oberflächlichen  Blatte 
der  Fascia  pectinea  eine  Lücke,  welche  zu  diesem  Durchtritte  benützt  wird. 
Diese  Lücke  entsteht  dadurch,  dass  das  oberflächliche  Blatt  der  Fascia 
pectinea  mit  einem  scharfen  halbkreisförmigen  Rande  absetzt,  welcher  mit 
seiner  Concavität  nach  abwärts  oder  gegen  die  Peripherie  oder  nach  innen 
gewendet  ist  und  die  Plica  oder  Processus  falciformis  genannt  wird.  Das 
obere  und  innere  Horn  dieser  halbmondförmigen  Plica  verwächst  mit  dem 
Ligamentum  Pouparti.  Das  tiefe  Blatt  der  Fascia  pectinea  bedeckt  den 
Muse,  pectineus,  und  mit  dieser  Fascie  verwächst,  ungefähr  3  cm  unter  dem 
Poupart'schen  Bande,  das  äußere  oder  untere  Horn  der  halbmondförmigen 
Falte.  Es  ist  demnach  in  der  vorderen  Wand  der  Vagina  vasorum  communis 
ein  Defect  ausgespart,  dessen  Concavität  nach  innen  und  unten  sieht,  während 
die  hintere  Wand  continuierlich  in  der  Tiefe  dieses  Defectes  verläuft.  Die 
Grube,  welche  durch  diesen  Defect  unterhalb  des  Poupart'schen  Bandes 
entsteht,  nennt  man  die  Fovea  subinguinalis  oder,  wegen  ihrer  Form, 
ovalis.  Über  ihren  unteren  oder  peripheren  Rand  krümmt  sich  die  Vena 
saphena,  um  in  die  Schenkelvene  zu  gelangen.  Der  Raum  innerhalb  der 
Plica  falciformis  ist  jedoch  für  gewöhnlich  nicht  leer,  sondern  von  einem 
aponeurotischen  Blättchen  ausgefüllt,  welches  von  dem  oberflächlichen 
Blatte  der  Fascia  lata  abgeht  und  mit  dem  Rande  der  Plica  falciformis 
innig  verwächst.  Dieses  Blättchen  nennt  man  die  Lamina  cribrosa,  da  es 
siebartig  durchbrochen  ist.  Durch  die  Öffnungen  dieses  Netzes  treten  außer 
der  Vena  saphena  noch  mehrfache  kleinere  venöse  und  lymphatische  Gefäße 
in  die  Tiefe;  in  einzelnen  davon  liegen  lymphatische  Drüschen  und  Fett- 
läppchen. Der  Durchtritt  der  Vena  saphena  durch  dieses  netzartige  Blättchen 
wurde  früher  für  den  äußeren  Schenkelring  gehalten. 

Jetzt  wissen  wir  aber,  dass  die  Schenkelhernien  durch  irgend  eine 
Öffnung  dieser  Fascia  cribriformis  und  zwar  in  der  oberen  Hälfte  derselben 
unter  die  Haut  treten  und  dass,  falls  sie  sich,  an  Größe  zunehmend,  weiter 
entwickeln,  sie  sich  mit  Vorliebe  um  den  Rand  der  Plica  falciformis  nach 
aufwärts  gegen  das  Poupart'sche  Band  hinaufkrümnien.  Es  ist  demnach  eine 
dieser  Öffnungen  der  Fascia  cribrosa  der  äußere  oder  Schenkelring  des 
Schenkelcanales,  als  welch  letzteren  wir  jenen  Theil  der  Vagina  vasorum 


60 


Über  Schenkelbrüche. 


communis  bezeichnen  könnten,  welcher  zwischen  den  beiden  Schenkelringen 
gelegen  ist.  In  .  den  sog.  inneren  Schenkelring  stülpt  sich  auch  thatsächlich 
das  Bauchfell  ein,  welches  den  Bruchsack  zu  bilden  bestimmt  ist,  weswegen 
auch  diese  Stelle,  analog  wie  bei  den  Leistenbrüchen,  die  Fovea  femoralis 
genannt  wird.  Die  Bauchfellausstülpung  hat  an  dieser  Stelle  keine  Unter- 
lage an  irgend  einem  Ausläufer  der  Fascia  transversa,  da  diese  am  Ligam. 
Pouparti  aufhört.  Es  folgt  daraus,  dass  sobald  eine  Schenkelhernie  sich 
entwickelt  hat,  dieselbe  als  innerste  Hülle  eine  Bauchfell  ausstülp ung  haben 
wird,  auf  welche  eine  zweite  Schichte  folgt,  welche  durch  Ablösung  des 
Septum  crurale  von  der  inneren  Gefäßscheide  folgt.  Da  jedoch  manche 
Schenkelhernien  durch  Offnungen  in  dem  Septum  crurale  hindurchtreten, 
da  weiter  dasselbe  manchmal  fast  gär  nicht  ^  angedeutet  ist  (und  deshalb 
auch  von  einzelnen  ganz  geleugnet  wurde),  so  kann  ein  Schenkelbruch  auch 
dieser  zweiten  Umhüllung  vollständig  entbehren.  Wenn  diese  zweite  Schichte, 
ein  Derivat  des  Septum,  schon  für  den  eigentlichen  Bruchsack  gehalten 
wurde,  so  mühte  man  sich  gewöhnlich  mit  den  hierauf  folgenden  Repo- 
sitionsversuchen  vergeblich  ab:  in  einem  solchen  Falle  musste  man  con- 
sequenterweise  das  prseperitoneale  Fett  für  einen  Netztheil  gehalten  haben. 
Im  allgemeinen  wird  behauptet,  dass  die  Reposition  von  Brüchen,  welche 
durch  eine  Öffnung  im  Septum  hindurchgetreten  sind,  recht  schwierig,  das 
Zurückbringen  solcher,  welche  nach  Ablösung  des  Septum  von  der  Gefäß- 
scheide nach  außen  dringen,  ziemlich  leicht  sei. 

Dem  weiteren  Abwärtsrücken  der  Schenkelbrüche  steht,  wie  begreiflich, 
der  äußere  untere  Theil  der  Plica  falciformis,  welche  an  das  tiefe  Blatt 
der  Fascia  pectinea  oder  ileopectinea  oder  lata  fest  angewachsen  ist,  im 
Wege,  weswegen  die  Brüche  sich  entweder  nach  oben  wenden,  oder  die 
Fascia  cribrosa  vorbauchen,  oder  durch  ein  oder  mehrere  Offnungen  der- 
selben ins  Unterhautzellgewebe  treten.  Im  letzteren  Falle  hat  der  Bruch 
ein  grobhöckeriges  Aussehen  (die  sog.  Hesselbach'sche  Hernie),  wie 
solche  das  Bild  Fig.  25  auf  Seite  61  aus  unserer  Klinik  wiedergibt.  Es 
kann  demnach  ein  Schenkelbruch  eine  dreifache  Hülle  besitzen,  oder  er 
braucht  überhaupt  keine  Hülle  zu  haben,  sogar  der  Bauchfellüberkleidung 
entbehren,  wenn  der  Bruch  ein  Eingeweide  enthält,  welches  mit  einem 
bauchfellfreien  Theile  sich  in  die  Hernie  hineinbegibt,  wie  es  z.  B.  bei 
cruralen  Blasenbrüchen  der  Fall  ist. 

Diese  innerste  PeritonealumhüUung  ist  nie  ein  im  voraus  vorhandener 
angeborener  Sack,  daher  auch  Schenkelbrüche  bei  Kindern,  das  weibliche 
Geschlecht  nicht  ausgenommen,  eine  recht  seltene  Erscheinung  sind. 
Bezüglich  der  Entstehung  der  Schenkelbruchsäcke  behaupten  einzelne 
Forscher,  am  entschiedensten  L inhart  und  Roser,  dass  dieselben  durch 
Fettknoten,  welche  zumeist  eine  birnförmige  Gestalt  haben,  dem  prä- 
peritonealen Fette  angehören  und  nach  außen  gezerrt  werden,  indem  die- 


über  Schenkelbrüche. 


61 


selben  eine  sehr  merkbare  Neigung  zum  Herausgleiten  besitzen  und  das 
Bauchfell,  an  dem  sie  wie  gestielt  aufsitzen,  nachziehen.  Durch  das  Wächs- 
thum dieser  vorgefallenen  Fettkliimpchen  wird  immer  mehr  vom  parietalen 
Peritoneum  hervorgezerrt,  bis  darin  ein  Eingeweide  Platz  findet.  Und  that- 
sächlich  findet  man,  wenn  man  darauf  achtet,  an  der  Spitze  der  kleinen 
Schenkelbrüche  eine  geschwulstartige  Anhäufung,  ein  kleines  Lipom  vor, 
ebenso  wie  man  die  Außenfläche  älterer  und  größerer  Schenkelbrüche  nicht 
selten  von  einem  recht  stattlichen  grobhöckerigen  Lipom  eingehüllt  antrifft. 
Auch  hat  man  ab  und  zu  Gelegenheit,  kleine  trichterförmige  leere  Bruch- 
säcke zu  beobachten,  welche  an  der  Spitze  ein  kleines  Fettträubchen 
tragen.  Doch  gibt  es  auch  Fälle  ohne  solche  Lipome,  da  dieselben  durch 
Druck  seitens  der  Bruchbänder 
plattgedrückt  oder  atrophisch 
gemacht  werden  können.  (Siehe 
weitere  Details  in  dem  Capitel 
über  Fetthernien.) 

Die  Rosenmüller'sche  Lymph- 
drüse, welche  den  eigentlichen 
inneren  Schenkelring  verlegt, 
wird  durch  die  hervortretende 
Schenkelhernie  nicht  immer  in 
gleicher  Richtung  verschoben, 
indem  sie  sich  einmal  mehr  auf 
der  inneren,  ein  andermal  auf 
der  äußeren  Oberfläche  des 
Bruches  befindet.  Die  Cooper'sche 
Fascia  propria  hernise  cruralis 
wird  von  diesem  Forscher  von 
der  Ausstülpung  des  Septums 
hergeleitet,  während  sie  von  jenen,  welche  das  Septum  nicht  anerkennen, 
als  die  vorgebauchte  Fascia  cribrosa  aufgefasst  wird.  Es  wurde  schon  an- 
geführt, dass  manche  Hernien  nicht  einmal  diese  Hülle  besitzen.  Den 
Schenkelbruchsack  kann  man  entblößen,  ohne  dass  irgend  welche  größere 
Gefäße  verletzt  werden,  da  einzelne  kleine  Zweige  der  Arteria  epigastrica 
superficialis  und  der  pudenda  externa  gewöhnlich  hinter  dem  Bruche 
verlaufen.  Die  Schenkelvene  liegt  unter  dem  Poupartschen  Bande  auf 
der  Außenseite  der  Schenkelhernie  und  ist  von  ihr,  wie  schon  erwähnt, 
.  durch  die  besondere  Gefäßscheide  getrennt.  Im  weiteren  Verlaufe  legt 
sich  die  Schenkelhernie  entweder  an  die  Innenseite  der  Schenkelvene 
oder  steigt  nach  Ablösung  des  Septums  auf  ihre  Vorderfläche,  dem- 
nach auf  die  Vorderfläche  der  in  dieselbe  einmündenden  Vena 
saphena. 


Fig.  2ö. 


62 


Über  Sclienkelbriiclie. 


Die  Gefäßverliältnisse  verdienen  auch  insofern  einer  weiteren  Er- 
wähnung, als  die  Arteria  obturatoria  nicht  immer  ein  Endzweig  der  Arteria 
hypogastrica  zu  sein  braucht,  sondern  manchmal  von  der  Arteria  epigastrica 
inferior  abgeht  und  nach  einem  kurzen  gemeinschaftlichen  Verlaufe  mit 
dieser  an  der  Innenseite  der  Schenkelbruchpforte  in  der  Nähe  des  Randes 
des  Ligamentum  Gimbernati  gegen  den  Ausschnitt  im  eirunden  Loche  sich 
nach  abwärts  begibt,  so  dass  der  ganze  Bruchsackhals  von  einem  Gefäß- 
kranze umgeben  ist,  ein  Umstand,  welcher  die  älteren  Beobachter  zu  dem 
Namen  Corona  mortis  veranlasste.  Bei  sehr  kurzem  gemeinschaftlichen 
Verlaufe  der  Arteria  epigastrica  und  obturatoria  kann  die  letztere  auch  an 
der  Innenseite  der  Schenkelvene  und  an  der  Außenseite  der  Schenkel- 
hernie  nach  abwärts  verlaufen.  Ein  im  wesentlichen  gleicher  Verlauf  wie 
die  Corona  mortis  kann  aucli  bei  vollständig  normalem  Abgang  der  Epi- 
gastrica aus  der  Schenkelarterie  und  der  Obturatoria  aus  der  Hypogastrica 
dann  hervorgebracht  werden,  wenn  eine  stärkere  Anastomose  zwischen 
beidun  an  der  Innenseite  des  Schenkelringes  verläuft.  (Siehe  Fig.  26.) 

Eine  Einklemmung  der  Schenkelhernie  kann,  wie  aus  Vorstehendem 
hervorgeht,  sowohl  am  inneren  als  auch  am  äußeren  Schenkelringe,  sowie 
im  Verlaufe  des  Bruchsackhalses,  endlich  auch  unter  verschiedenen  künst- 
lichen Adhäsionssträngen  stattfinden.  Die  Richtung  eines  Erweiterungs- 
schnittes bei  Schenkelhernien  ist  durch  die  beschriebenen  Gefäßverhältnisse 
bestimmt.  Wollten  wir  überhaupt  jede  Gefäßverletzung  sicher  vermeiden, 
so  bliebe  nichts  anderes  übrig,  als  den  Schnitt  in  der  Richtung  gegen  den 
horizontalen  Ast  des  Schambeines  zu  führen.  Es  wäre  eine  fehlerhafte  An- 
schauung, wenn  man  dächte,  dass  an  dieser  Stelle  an  Raum  nichts  zu 
gewinnen  sei;  denn  thatsächlich  können  wir  durch  Einkerbung  des  Ligamentum 
Cooperi  in  genügender  Weise  die  Bruchpforte  erweitern,  so  dass  der  Bruch 
reponiert  werden  kann.  Die  Befürchtungen  vor  einer  Gefäßverletzung 
sind  jedoch  mehr  theoretisch-anatomischer  als  praktisch-chirurgischer  Natur, 
da  dieselben  nur  dann  berechtigt  wären,  sobald  man  nach  alter  Sitte  große, 
bis  1  Zoll  tiefe  Einschnitte  machen  würde,  während  sie  bei  den  jetzigen 
seichten,  aber  mehrfachen  Einkerbungen  gegenstandslos  sind,  umsomehr 
natürlich,  wenn  dieselben  durch  stumpfe  Dilatation  des  Schnürringes  ersetzt 
werden. 

Die  Hüllen  einer  Schenkelhernie  können,  wie  schon  angedeutet  wurde, 
mehr  oder  minder  zahlreich  sein.  Es  kann  nämlich  eine  Schenkelhernie 
vor  sich  her  ausstülpen  1.  das  Peritoneum  als  Bruchsack,  dann  2.  das 
Septum  crurale,  und  3.  das  Blatt  der  Lamina  cribrosa,  von  denen  jedes 
auf  seiner  äußeren  Fläche  eine  Fettschichte  tragen  kann.  Tritt  aber  die 
Hernie  durch  eine  Öffnung  der  siebförmigen  Fascie  oder  auch  noch  durch 
eine  Lücke  im  Septum  crurale  nach  außen,  so  kann  man  dieselbe,  nur 
vom  Bauchfell  und  präperitonealen  Zellgewebe  bedeckt,  unter  der  Haut 


über  Schenkelbrüche. 


63 


antreffen  (Hernia  [A.]  Cooperi).  Ja,  es  kann  sogar  vorkommen,  dass 
der  Inhalt  des  Braches  von  einem  Organ  gebildet  wivd,  welches  theilweise 
präperitoneal  liegend,  mit  dieser  bauchfellfreien  Fläche  voran  in  den  Bruch 
hinabsteigt,  z.  B.  die  Harnblase,  in  welchem  Falle  wir  dann  begreiflicher- 
weise das  Eingeweide  vollständig  nackt  ohne  Bruchsack  unter  der  Haut 
vorfinden  können.  Es  ist  demnach  streng  darauf  zu  sehen,  dass  man  eine 
Darmschlinge,  welche  von  einem  Zipfel  des  großen  Netzes  eingehüllt  ist, 
welches  gewöhnlich  fettreich  zu  sein  pflegt,  nicht'  für  das  Septum  crurale 


Ves.  semin.  Ves.  urin.  Ureter 


Fig.  26. 

oder  das  Peritoneum  mit  entsprechender  Fettschichte  bedeckt  halte  und  in 
dieser  falschen  Auffassung  nach  Durchtrennung  des  Fettes  nicht  die  Serosa 
des  Darmes  anreiße  oder  anschneide.  Aus  demselben  Grunde  geht  die  Un- 
zweckmäßigkeit  der  Louis'schen  Vorschrift  hervor,  dass  man  den  Inhalt 
einer  Schenkelhernie  mit  zwei  Schnitten  entblößen  soll,  deren  einer  die 
Haut,  der  andere  den  Bruchsack  durchtrennt. 

Die  Lagerung  der  Hernie  zum  Peritoneum,  zu  den  Gefäßen  ist  auch 
auf  zwei  späteren  Abbildungen  (Incarceration  des  Schenkelbruches)  er- 
sichtlich gemacht. 

Es  wurde  schon  oben  auseinandergesetzt,  dass  die  Schenkelhernie  in 
den  inneren  Theil  der  Lacuna  vasorum  herabsteige  und  dass  dies  in  dem 
trichterförmigen  Räume  geschehe,  welcher  zwischen  dem  oberflächlichen 


64 


über  Schenkelbrüche. 


und  tiefen  Blatte  der  Fascia  lata  an  dieser  Stelle  gelegen  ist  und  den  man 
auch  die  Vagina  vasorum  communis  (sc.  et  Hernise  cruralis)  zu  benennen 
vorgeschlagen  hat.  Die  Schenkelhernie  ist  nach  außen  von  einem  ziemlich 
unnachgiebigen  Blatte  der  bindegewebigen  Vagina  vasorum  propria  begrenzt, 
welches  infolge  seiner  Unnachgiebigkeit  der  Grund  ist,  dass  die  Schenkel- 
vene nicht  durch  die  Schenkelhernie  comprimiert  wird,  weshalb  man  auch 
bei  Schenkelhernien  weder  ein  dauerndes  noch  ein  vorübergehendes  Ödem 
der  unteren  Extremität  beobachtet.  Doch  nicht  immer  nimmt  die  Schenkel- 
hernie diesen  Weg  und  wir  beobachten  dann  verschiedene,  im  ganzen 
freilich  recht  seltene  Unterarten  des  Schenkelbruches,  denen  wir  einige  Worte 
widmen  wollen. 

Auf  diese  abweichende  Entwickelung  wurden  die  Chirurgen  dadurch 
aufmerksam,  dass  sie  Hernien  beobachteten,  welche  aus  zwei  Abtheilungen 
bestanden;  die  eine  nahm  den  gewöhnlichen  Weg,  die  andere  war  von  der 
Schenkelbruchpforte  durch  eine  mehr  oder  weniger  breite  Bindegewebs- 
brücke  getrennt,  trug  aber  sonst  unverkennbare  Zeichen  einer  Schenkel- 
hernie an  sich.  Bei  näherer  anatomischer  Untersuchung  stellte  es  sich 
heraus,  dass  diese  zwei  Abtheilungen  der  Hernie  nicht  durch  zwei  gleich- 
wertige Lücken  im  Septum  oder  in  der  Fascia  cribrosa  hindurchgetreten 
sind,  sondern  dass  die  eine  Abtheilung  den  normalen  Weg,  die  andere 
jedoch  durch  Lücken  im  Ligamentum  Pouparti  oder  im  Ligamentum 
Gimbernati  oder  an  der  Insertion  der  Fascia  pectinea  durch  Offnungen  im 
Ligamentum  Cooperi,  wodurch  die  Unterarten  der  Herniae  crurales 
interligamentosse  (Hernia  lig.  [Nuhn]  und  Hernia  lig.  Gimbernati 
[Lau gier]  oder  interpectinse  [Cloquet])  entstanden. 

Im  Falle  Nuhn 's  trat  ein  kleiner  Bruchsack  durch  eine  Lücke  im 
Ligamentum  Pouparti  hindurch;  auch  Linhart  beobachtete  etwas  ähnliches, 
nämlich  den  Durchtritt  eines  Bruches  durch  eine  Spalte  in  der  Mitte  des 
Leistenbandes.  Da  aber  diese  Spalte  nach  einem  Trauma  entstanden  sein 
soll,  und  zwar  infolge  eines  Stoßes  mit  dem  Kuhliorn,.  so  zählte  Linhart 
diesen  Bruch,  und  zwar  mit  vollständiger  Berechtigung,  eher  zu  den 
ventralen  Hernien. 

Die  typischeste,  wiewohl  ebenfalls  eine  seltene  Erscheinung,  ist  die 
Hernia  (inter)pectinea  Cloqueti.  Anatomisch  dringt  die  Hernie  durch  irgend 
eine  Lücke  oder  Spalte,  die  in  der  Fascia  pectinea  präformiert  ist,  und 
zwar  im  weiteren  Verlaufe  zwischen  dieser  und  dem  Muskel  nach  abwärts, 
während  die  Eintrittsöffnung  nach  Cloquet  in  der  Höhe  des  horizontalen 
Schambeinastes  gelegen  ist.  Dieser  Bruch  liegt  sehr  tief  hinter  den 
Gefäßen  und  kann  sehr  leicht  mit  einer  Hernia  obturatoria  verwechselt 
werden.  Legendre  hat  fünf  Fälle  dieser  Art  bereits  im  Jahre  1859 
gesammelt.  Nach  ihm  hätte  Callisen  diesen  Bruch  zum  erstenmale  und 
zwar  zwischen   dem   Musculus   pectineus  und  psoas  beobachtet.  Dieser 


über  Schenkelbrüche. 


65 


Beobachter  hielt  den  Bruch  für  eine  geschwollene  Lymphdrüse  und  die 
von  der  Hernie  ausgehenden  Erscheinungen  für  die  eines  Ileus.  Legendre 
definiert  den  detaillierten  Verlauf  dieser  Hernie  so,  dass  er  sie  als  eine 
gewöhnliche  Schenkelhernie,  nach  außen  vom  Ligamentum  Gimbernati,  nach 
innen  von  der  Schenkelvene  hindurchtretend,  beschreibt,  worauf  sich  die- 
selbe vor  dem  Ligamentum  Cooperi  zwischen  den  Musculus  pectineus  und 
psoas  in  die  Tiefe  begibt,  oder,  die  Fascia  pectinea  perforierend  und  dem 
horizontalen  Aste  des  Schambeines  folgend,  hinabsteigt  und  derart  einen 
Bogen  bildet,  dessen  Concavität  gegen  den  horizontalen  Schambeinast 
gewendet  ist.  In  der  Tiefe  liegt  der  Bruch  entweder  auf  dem  Musculus 
pectineus  oder  ist  von  demselben  vollständig  eingehüllt.  Die  großen  Gefäße 
liegen  entweder  vor  oder  nach  außen  von  diesem  Bruche.  Die  Zartheit  der 
Fascien  in  dieser  Gegend  und  die  Enge  des  Schenkel ringes  unterstützen 
nach  A I  b  e  r  t  i  wesentlich  das  Entstehen  dieser  Bruchart.  Auch  auf  unserer 
Klinik  wurde  ein  ähnlicher  Fall  beobachtet:  sämmtliche  Bruchpforten, 
besonders  die  Schenkelbruchpforte,  schienen  leer  zu  sein,  die  Erscheinungen 
wurden  daher  von  einem  der  Hilfsärzte  für  Ileussymptome  aus  unbe- 
kannter Ursache  gehalten  und  deshalb  ein  medianer  Schnitt  geführt,  worauf 
man  dann  von  innen  her  constatieren  konnte,  dass  gegen  den  Schenkel- 
ring eine  Darmschlinge  hinzieht,  welche  man  ohne  Schwierigkeiten  nach 
innen  herausziehen  konnte.  An  der  Schlinge  waren  zwei  Incarcerations- 
furchen  wahrzunehmen.  Ob  unter  dem  Ligamentum  Pouparti  in  der  Tiefe 
eine  Schwellung  tastbar  gewesen,  erscheint  nicht  verzeichnet. 

Aus  einer  weiteren  Gruppe  von  Schenkelhernien  könnte  man  aber- 
mals eine  Abart  des  Schenkelbruches  zusammenstellen,  indem  man  die 
Analogie  mit  der  Leistenhernie  weiter  durchführen  würde.  Wir  könnten 
nämlich  die  gewöhnliche  Schenkelhernie,  welche  außeihalb  der  besonderen 
Schenkelgefäßscheide  herabsteigt,  Hernia  externa,  besser  extravaginalis, 
benennen,  während  wir  jene  Abart,  welche  innerhalb  der  Vagina  vasorum 
propria  herabsteigt,  als  interna,  besser  intravaginalis  bezeichnen  könnten. 
Abgesehen  davon,  dass  dies  nur  terminologische  Spielereien  sind,  müssen 
wir  die  intravaginale  Abart  hervorheben  als  diejenige,  welche  eventuell 
ein  Odem  des  Beines  hervorbringen  könnte  (siehe  später). 

Hesselbach  unterschied  eine  Hernia  femoralis  externa  mit  der 
besonderen  Bedeutung,  dass  dieselbe  durch  die  Lacuna  musculorum  nach  außen 
dringen  würde,  somit  in  derselben  Spalte  enthalten  wäre,  wie  der  Nervus 
cruralis.  L inhart,  welcher  den  Hesselbach'schen  Fall  nachuntersuchte, 
fand  die  Fascia  iliaca  in  der  Nähe  des  Poupart'schen  Bandes  dehisciert,  daselbst 
eine  kleine  peritoneale  Ausstülpung  und  in  derselben  das  S-romanum;  der 
Bruchsack  war  bloß  einen  halben  Zoll  tief.  Über  die  Entstehung  dieser 
Hernie  ist  nichts  Genaueres  verzeichnet.  Stanley 's  und  Mac  Ilwain's 
Abart  der  Schenkelhernie,  ebenfalls  Hernia  cruralis  externa  genannt,  wird 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  5 


66 


Über  Schenkelbrüche. 


von  Linhart  nicht  anerkannt.  Die  Beobachtungen  der  beiden  genannten 
entbehren  eines  Sectionsbefundes  und  enthalten  in  der  Beschreibung  mehrere 
Widersprüche.  Diese  Hernie  sollte  zwar  durch  die  Lacuna  vasorum  nach 
I  außen  treten,  jedoch  nicht  an 

/  der   Innen-,    sondern    an  der 

,i  ,  Außenseite  derselben. 

Bisweilen  nehmen  die 
Schenkelhernien  ihren  Weg  nicht 
durch  jenen  Theil  des  Fallop'schen 
Bogens  der  Franzosen  oder  des 
Ligamentum  Pouparti,  welchen 
wir  als  den  Arcus  cruralis 
benannten,  nämlich  nach  innen 
von  den  Schenkelgefäßen,  sondern 
durch  die  besondere,  die  beiden 
großen  Schenkelgefäße  ein- 
hüllende Gefäßscheide  nach  ab- 
wärts und  dringen  daher  nicht 
durch  irgend  eine  Öffnung  der 
Fascia  cribrosa  ins  Unterhautzell- 
gewebe; diese  Hernien  liegen  vor 
den  Schenkelgefäßen  und  decken 
4/  dieselben;  sie  wurden  Hernise 
/  crurales  intravaginales  be- 
I       .  ä       nannt.  Aus  dem  einfachen  Be- 

?  funde  jedoch,  dass  eine  Schenkel- 

I  ;      hernie  die  Vena  oder  sogar  die 

^}  ,  ■      Arteria  femoralis  deckt,  darf  man 

I  nicht  schließen,  dass  es  sich  um 

I  die  eben  erwähnte  Varietät  der 

I  I      Schenkelhernien    handelt.  Wir 

haben  ja  schon  erwähnt,  dass 
sich  die  Entwickelung  des 
Schenkelbruches  wenn  nicht 
früher,  also  jedenfalls  an  dem 
unteren  Horn  der  Plica  falci- 
formis  staut  und  dass  sich  dann 
der  Brach  in  verschiedener  Rich- 
tung hinwendet,  so  z.  B.  nach  oben  gegen  das  Ligamentum  Pouparti,  wodurch 
sich  die  Erscheinung  mehr  der  einer  Leistenhernie  nähert.  Manchmal 
wendet  sich  dieselbe  aber  auch  nach  außen,  der  Stiel  liegt  aber  immer  an 
der  classischen  Austrittsstelle  der  Schenkelhernie.   Excessive  Fälle  solcher 


Fig.  27  (siehe  Seite  70). 
Linksseitiger  hängender  Schenkelbruch. 


/  f.  / 

Fig.       (siehe  Seite  10). 
Linksseitiger,  flach  aufsitzender  Schenkelbruch. 


über  Schenkelbrüche. 


67 


Art,  wo  die  Schenkelhernie  sogar  den  Nervus  cruralis  deckte,  haben  einzelne 
Beobachter  dazu  veranlasst,  die  Schenkelhernie  in  einem  solchen  Falle 
zwischen  den  Gefäßen  und  der  Spina  anterior  superior  austreten  zu  lassen, 
was  freilich  schon  der  scharfsinnige  Scarpa  energisch  bestritt.  Zum  Nach- 
weise einer  intravaginalen  Abart  der  Schenkelhernie  wäre  daher  nothwendig, 
dass  man  die  gemeinschaftliche  Hülle  der  Hernie  und  der  Gefäße  und 
zwar  innerhalb  einer  zweiten  Hülle,  der  Vagina  communis,  nachweise. 

Auch  eine  properitoneale  Abart  der  Schenkelhernie  kennen  wir  (nach 
der  Krönlein 'sehen  Terminologie),  wiewohl  sie  bei  der  Schenkelhernie 
bei  weitem  nicht  jenes  herniogenetisclie  Interesse  darbietet,  wie  bei  der 
Leistenhernie.  In  der  Breit  er 'sehen,  der  jüngsten  Zusammenstellung  über 


*  'i  i  •  •  ( 


Fig.  29  (siehe  Seite  70).  Fig.  30  (siehe  Seite  70). 

Linlvsseitiger  Schenkelbruch.  Rechtsseitiger  hängender  Schenkelbruch. 

diesen  Gegenstand,  finden  wir  bloß  9  Fälle  dieser  cruro-properitonealen 
Hernienabart,  von  denen  4  auf  der  rechten  und  3  auf  der  linken  Seite 
gelegen  waren,  während  bei  2  die  Seite  nicht  angegeben  wird.  Da  diese 
sämmtliehen  Fälle  nach  dem  33.  und  vor  dem  72.  Lebensjahre  beobachtet 
vvurden,  so  sehließt  man  daraus,  dass  es  sich  nicht  um  angeborene,  sondern 
um.  erworbene  Hernien  gehandelt  habe.  Nur  in  zwei  Fällen  bildete  die 
Hernie  durch  ihren  properitonealen  Antheil  einen  außen  sichtbaren  Tumor, 
aus  welchem  auch  die  Diagnose  gestellt  werden  konnte;  in  den  anderen  Fällen 
konnte  vor  der  Operation  oder  vor  der  Section  keine  bestimmte  Diagnose 
gemacht  werden,  weil  sich  der  properitoneale  Sack  zwischen  dem  Bauchfell 
und  der  übrigen  vorderen  Bauchwand  und  zwar  gegen  das  kleine  Becken 
nach  abwärts  entwickelt  hatte,  somit  äußerlich  nicht  sichtbar  war  und  auch 
nicht  in  allen  Fällen  an  eine  rectale  Untersuchung  gedacht  wurde.  Über  Ab- 

5* 


68 


Über  Schenkelbrüche. 


stufungen  der  properitonealen  Bruchabart,  wie  wir  sie  bei  der  Leistenhernie 
als  properitoneale,  interstitielle  und  superficielle  kennengelernt  haben,  wurde 
bisher  in  der  Literatur  nichts  berichtet.  Bemerkenswert  ist,  dass  sämmtliche 
Fälle  der  cruro-properitonealen  Hernie  bei  Frauen  beobachtet  wurden 
Bezüglich  der  Incarceration  kann  bemerkt  werden,  dass  sich  dieselbe  an 
drei  Stellen,  und  zwar  an  dem  Eingang  in  den  äußeren,  oder  an  jenem  in 
den  inneren,  oder  endlich  an  dem  gemeinschaftlichen  Eingang  zu  den  beiden 
Sackantheilen  ereignen  könne. 

Zum  Schhasse  mögen  noch  einige  statistische  Angaben  über  den 
Schenkelbruch  mitgetheilt  werden.  Der  Schenkelbruch  wird  vornehmlich 
bei  Frauen  beobachtet.  An  der  Klinik  des  Verfassers  wurden 


im 

Jahre 

1881 

bei 

Männern 

2, 

bei 

Frauen 

9  Fälle 

dieser  Hernie, 

n 

55 

1882 

55 

55 

3, 

55 

55 

14 

55 

55  55 

55 

1883 

55 

55 

55 

55 

14 

55 

55  55 

n 

55 

1884 

55 

55 

55 

55 

11 

55 

55  55 

■n 

55 

1885 

55 

55 

4, 

55 

55 

17 

55 

55  55 

Tl 

55 

1886 

55 

55 

55 

55 

15 

55 

55  55 

r> 

55 

1887 

55 

55 

2, 

55 

55 

14 

55 

55  55 

r) 

55 

1888 

55 

55 

1, 

55 

55 

23 

55 

55  55 

V 

55 

1889 

55 

55 

6, 

55 

55 

26 

55 

55  55 

v 

55 

1890 

55 

55 

1, 

55 

55 

17 

55 

55  55 

r> 

55 

1891 

55 

55 

4, 

55 

55 

13 

55 

55  55 

75 

55 

1891/92 

55 

55 

5, 

55 

55 

27 

55 

55  55 

J5 

55 

1892/93 

55 

55 

55 

55 

25 

55 

55  55 

V 

55 

1893/94 

55 

55 

3! 

55 

55 

21 

55 

55  55 

55 

55 

1894/95 

55 

55 

7, 

55 

55 

17 

55 

55  55 

55 

55 

1895/96 

55 

55 

2, 

55 

55 

24 

55 

55  55 

somit  bei  Männern  40. 

bei  Frauen 

287 

Fälle 

von  Schenkel- 

hernien  bei  einer  Gesammtzahl  von  327  Beobachtungen  verzeichnet. 

Davon  hat  man  beobachtet: 

rechterseits    linkerseits    unbestimmt    beiderseits  zusammen 

bei  Männern  26  11  1  2  40 

bei  Frauen  164  105  14  4  287 

zusammen  190  611  15  6  327 

Es  scheint  daher,  dass  auch  bei  Schenkelhernien  häufiger  die  rechte 
Seite  ergriffen  wird  als  die  linke.  Jedenfalls  ist  das  seltene  Vorkommen 
der  - beiderseitigen  Schenkelbrüche  als  bemerkenswert  den  Leistenbrüchen 
gegenüber  zu  betonen.  Erst  in  den  letzten  fünf  Jahren  war  es  möglich, 
die  verhältnismäßige  Anzahl  der  freien  und  eingeklemmten  Schenkelbrüche 
sicherzustellen.  Es  wurden  nämlich  auf  der  Klinik  aufgenommen: 


über  Schenkelbrüche. 


69 


im  Jahre  1891/92  an  eingekl.  Hernien 

an  freien  „ 

„    1892/93  an  eingekl.  „ 

an  freien  „ 
„      „    1893/94  an  eingekl. 

an  freien  „ 

„      „    1894/95  an  eingekl.  „ 

an  freien  „ 

„      „    1895/96  an  eingekl.  „ 

an  freien  „ 


5  Fälle  bei  Männern,    27  bei  Frauen; 


)5  ))                     )1                                 V  )) 

24 

"      n  n             T)                    11  n 

n  )1                  55                            55  55 

6  14 

"        55  55                  55                            55  55 

1  R 

55  55                  55                    "      55  55 

1  91 

55  55                  55                ^-^      55  55 

1  4 

^        55         55  »   ^     55  55 


in  Summa  an  eingekl.  Hernien  15  Fälle  bei  Männern,  106  bei  Frauen, 

an  freien        „   2     „     „         „  9   „  „ 

^  zusammen       17  Fälle  bei  Männern,  125  bei  Frauen, 

142  Talle. 

Dem  Leser  wird  jedenfalls  die  unverhältnismäßig  kleine  Zahl  der 
freien  gegen  die  Anzahl  der  eingeklemmten  Brüche  auffallen.  Aus  diesen 
Daten  lässt  sich  jedoch  nur  die  Thatsache  erschließen,  dass  die  Frau,  als 
das  am  häufigsten  von  einem  Schenkelbruche  befallene  Geschlecht,  sehr 
selten  Hilfe  sucht  gegen  eine  freie  Schenkelhernie,  mag  nun  die  herrschende 
Therapie  im  Anlegen  eines  Bruchbandes  oder  in  der  Ausführung  einer 
Radicaloperation  bestehen.  Und  zwar  geschah  dies  bezüglich  der  letzteren 
im  Laufe  von  5  Jahren  nur  neunmal.  Es  ist  zweifellos,  dass  dabei  die 
Schamhaftigkeit  der  Frau  vor  dem  sie  untersuchenden  Arzte  das  Ent- 
scheidende ist,  so  dass  sie  nur  dann  zu  einer  Untersuchung  sich  herbei- 
lässt,  wenn  die  Größe  des  Bruches  eine  bedeutende  ist,  oder  wenn  der 
Bruch  sich  einklemmt.  Daraus  würde  mit  einer  gewissen  Wahrscheinlichkeit 
folgen,  dass  der  nicht  eingeklemmte  Schenkelbruch  der  Frau  bei  weitem 
weniger  Beschwerden  verursache  als  die  entsprechende  Bruchqualität  bei 
Männern,  was  übrigens  ohne  weiteres  aus  der  anatomischen  Lage  des 
Bruches  begreiflich  ist.  Es  folgt  aber  auch  daraus,  dass  uns  die  verhältnis- 
mäßig hohe  Zahl  der  übergroßen  Schenkelbrüche  unter  der  Zahl  der  nicht 
eingeklemmten  Hernien  dieser  Art  nicht  überraschen  darf,  denn  nur  diese 
Größe  zwingt  die  Frauen  zur  Berathung  mit  einem  Arzte.  Da  jedoch  eine 
große  Zahl  von  Frauen  als  Dienstboten  aller  Art  und  als  landwirtschaftliche 
Arbeiterinnen  schwere  Arbeiten  verrichten  muss,  so  bleibt  eigentlich  die 
geringe  Belästigung  der  Frauen  seitens  ihrer  Schenkelbrüche  auffällig  genug. 

Als  Inhalt  der  Schenkelbrüche  wurde  constatiert  (soweit  Aufzeich- 
nungen bestehen): 


70 


Über  Schenkelbrüche. 


Im 
Jahre 

Zahl  der 
Brüche 

Den  Inhalt  bildeten: 

Leerer 
Bruchsack 

Diinnclarm 

Netz 

Dünndarm 
und  Netz 

Dickdarm 

Dickdarm, 
Netz  und 

event. 
Dünndarm 

Tuba 

1891/92 

25 

i, 

— 

24 

21 

2 

1 

I 

I 

1893/94 

22 

17 

3 

1 

1 

1894/95 

25 

15 

4 

2 

rerm.) 

1 

2 

1895/96 

27 

9 

8 

9 

1  (Cyste) 

123 

85 

19 

13 

1 

1 

1 

3 

Es  wurde  demnach  in  mehr  als  zwei  Dritteln  der  Fälle  der  Darm, 
und  zwar  der  Dünndarm,  entweder  allein  oder  mit  dem  Omentum  vorgefunden. 

Das  Netz  kam  allein  und  in  Verbindung  mit  Darmtheilen  ungefähr 
nur  in  einem  Viertel  der  Fälle  vor.  Andere  Eingeweide  wurden  in  Schenkel- 
brüchen verhältnismäßig  nur  selten  vorgefunden  und  wird  hievon  bei  Be- 
sprechung der  Brüche  dem  Inhalte  nach  Erwähnung  gethan  werden. 
Dreimal  wurden  leere  Bruchsäcke  angetroffen,  hievon  einmal  mit  cystöser 
Umwandlung. 

Den  diagnostischen  Vorgang  bei  dem  Verdachte  auf  einen  Schenkel- 
bruch kann  man  dahin  zusammenfassen,  dass  man  bei  jedem  Bruche  der 
Leistengegend  vor  allem  entscheiden  muss,  ob  der  Stiel  desselben  unter 
dem  Poupart'schen  Bande  oder  über  demselben  hindurchtritt  und  ob  der 
Hals  des  Bruches  nach  innen  oder  nach  außen  vom  Tuberculum  pubicum 
gelegen  ist.  Jeden  Bruch,  dessen  Stiel  (nicht  Scheitel)  unter  dem  Poupart'schen 
Bande  und  über  dem  Schambein  und  zwar  nach  außen  vom  Tuberculum 
pubicum  gelegen  ist,  nennt  man  einen  Schenkelbruch.  (Fig.  27  und  28  beim 
Manne,  Fig.  29  und  30  bei  einer  Frau;  siehe  Seite  66  und  67;  eine  Bruch- 
recidive  nach  Herniotomie  bei  einem  Manne  zeigt  Fig.  31  auf  Seite  71. 
Immer  muss  man  darauf  Rücksicht  nehmen,  dass  sich  die  Schenkelbrüche 
manchmal  am  unteren  Rande  der  Plica  falciformis  stauen  können  und  sich 
dann  im  weiteren  Wachsthum  gegen  das  Poupart'sche  Band  wenden,  so  dass 
sie  dann  mit  einem  Theile  ihres  ümfanges  über  dem  Poupart'schen  Bande 
liegen ;  da  entscheidet  das  Austasten  des  Leistencanals  und  die  daraus  hervor- 
gehende Sicherstellung,  dass  der  Bruch  nicht  über  dem  Poupart'schen 
Bande  hindurchtritt,  demnach  kein  Leistenbruch  ist,  sondern  dass  sein 
Hals  doch  ausschließlich  unter  dem  Poupart'schen  Bande  hindurchgeht,  was 
man  beim  weiblichen  Geschlechte,  welches  ja  vornehmlich  vom  Schenkel- 
bruche heimgesucht  wird,  auch  mittelst  der  bimanuellen  Untersuchung, 
also  auch  per  vaginam  leicht  zu  constatieren  vermag.  Bei  Schenkelbrüchen 
von  gewöhnlicher  Größe  kann  man  die  Diagnose  schon  beim  bloßen  Ansehen 


über  Schenkelbrüche. 


71 


maehen,  weil  Schenkelhernien  denn  doch  eigentlich  im  obersten  Antheile 
des  Schenkels  gelegen  sind,  während  die  äußeren  Leistenhernien,  sobald 
sie  aus  dem  äußeren  Leistenring  hervortreten,  sofort  entweder  in  die 
Scrotalwurzel  oder  gegen  die  großen  Schamlippen  eindringen;  die  inneren 
Leistenhernien  sind  dagegen  mit  ihrer  Fortsetzung  gegen  die  Bauchhöhle 
weit  mehr  gegen  die  Mittellinie  gelegen,  so  dass  sie  ein  geübtes  Auge 
kaum  je  mit  einem  Schenkelbruche  wird  verwechseln  können;  Schenkel- 
hernien dürfen  aber  nie  mit  varicösen  Ausdehnungen  ,der  Vena  saphena 
knapp  vor  ihrer  Ausmündung  in  die  Schenkelvene  verwechselt  werden, 
welche  Einlenkung  unter  der  Bildung  eines  Bogens  mit  der  Convexität 
gegen  das  Poupart'sche  Band  geschieht.  Derartige  Ausdehnungen  haben 
mancherlei  Zeichen  mit  dem  Schenkelbruche  gemeinschaftlich,  z.  B.  die, 
wenn  auch  scheinbare,  Reponibilität, 
also  Verkleinerung,  weiter  die  An- 
spannung beim  Husten.  Nachlass  dieser 
Spannung  bei  der  Inspiration.  Bei 
Bildung  von  Gerinseln  und  Venen- 
sti'inen  kann  die  Tastempfindung  einen 
Netzschenkelbruch  mit  indurierten 
Läppchen  vortäuschen,  aber  diese 
varicöse  Ausdehnung  pflegt  gewöhnlich, 
wenn  auch  nicht  immer,  mehrfach, 
also  auch  auf  anderen  Stellen  der- 
selben Vene  vorzukommen.  Manchmal 
scheint  die  Färbung  der  Schwellung 
in  ihrer  ganzen  Ausbreitung  bläulich 

durch,  zeigt  aber  keinen  tympanitischen    r,  ,    i  lu     i      i-         i.  tt  •  •  i 

'      °  r  fechenkelbrucnrecidive.  nach  Herniotomie 

Percussionsschall  oder  Gurren  bei  Re-  beim  Manne.  Narbe  sichtbar. 

Positionsversuchen.    In  zweifelhaften 

Fällen  empfiehlt  es  sich,  den,  wenn  auch  scheinbaren  Bruch  zu  reponieren, 
sodann  den  Schenkelring  mit  dem  Finger  zu  verlegen,  worauf  man  die 
Extremität  von  den  Zehenspitzen  hinauf  mit  Binden  einzuwickeln  beginnt. 
Hiedurch  tritt  eine  Varix  immer  deutlicher  empor,  während  der  Schenkel- 
bruch nicht  wieder  erscheint.  Bei  dem  Verdachte  auf  eingeklemmten 
Schenkelbruch  und  mit  Rücksicht  auf  eine  geplante  Taxis  muss  man 
sich  wohl  vor  einer  Verwechslung  mit  einer  Venenentzündung  und 
Thrombose  hiiten,  da  eine  bei  ungenügender  Assistenz  bei  einem  solchen 
Varix  ausgeführte  Herniotomie  zu  großen  Verlegenheiten  und  folgenschweren 
Unterbindungen  führt,  wie  später  einmal  gelegentlich  der  Unterbindungen 
der  großen  Venen  in-  dieser  Gegend  des  näheren  angeführt  werden  wird. 
Aber  auch  die  Taxis  eines  derartigen,  fälschlich  für  eine  Hernie  ge- 
haltenen   Varix   mit   Thrombose   kann    zu    bedenklichen,  ja  tödtlichen 


i  \ 


Fig.  31. 


72 


Über  Nabelbrüche. 


Erscheinungen  führen,  indem  durch  die  Repositionsversuche  ein  Stück 
Blutgerinsel  abgelöst  werden  kann,  worauf  eine  Yertragung  desselben 
in  den  kleinen  Kreislauf  und  eine  Embolo- Thrombose  der  Lungenarterie 
mit  plötzlichem  Tode  erfolgen  kann. 

Dass  bei  jedem  Schenkelbruche  auch  auf  das  Verhältnis  des  Bruches 
zu  den  Schenkelgefäßen  geachtet  werden  soll,  ergibt  sich  aus  der  vorher- 
gehenden Darstellung. 


8.  Über  Nabelbrüche  (Exomphalus  oder  Omphaloeele). 

Nabelbruch  nennt  man  jene  Hernie,  welche  durch  das  Vordrängen 
eines  Eingeweides  durch  den  Nabelring  entsteht. 

Wir  unterscheiden  zweckmäßigerweise  1.  einen  sogenannten  Nabel- 
schnurbruch, sodann  2.  einen  congenitalen  oder  kindlichen  Nabelbruch,  und 
3.  den  Nabelbruch  der  Erwachsenen. 

Behufs  weiteren  Verständnisses  mögen  einzelne  kurze  Bemerkungen 
über  die  embryonale  Verwendung  und  die  anatomische  Constitution  des 
Nabelringes  oder  der  Nabelnarbe  vorausgeschickt  werden. 

Bevor  sich  die  beiden  Hälften  der  vorderen  Bauchwand  vereinigen, 
hängt  die  Bauchhöhle  mit  der  amniotischen  Höhle  mittelst  einer  langen 
Spalte  in  der  vorderen  Bauchwand  zusammen.  Durch  Verengerung  dieser 
Spalte  entsteht  später  der  Nabelring.  Durch  diese  Öffnung  traten,  nachdem 
sich  die  Vesicula  umbilicalis  und  der  Darm  in  die  Bauchhöhle  hinein- 
gezogen hatten,  die  Nabelgefäße  und  der  ürachus  hindurch,  jene  in  eine 
sulzige  Masse  eingehüllt,  welche  wir  die  Wharton'sche  Sülze  nennen.  Gleich 
nach  der  Geburt,  sobald  das  Neugeborene  des  mütterlichen  Blutes,  das 
durch  die  Placenta  hindurchfließt,  entrathen  muss,  obliterieren  die 
betreffenden  Gefäße,  und  zwar  mittelst  eines  Vorganges,  welcher  parallel 
mit  dem  Abfalle  der  Nabelschnur  geht,  und  wandeln  sich  auch  die  im 
Neugeborenen  zurückbleibenden  Strecken  in  solide,  später  gewöhnlich  als 
Bänder  bezeichnete  Stränge  um.  Die  Nabelschnur,  welche  aus  der  Ver- 
einigung der  drei  Nabelgefäße  und  des  ürachus  besteht,  wird  bis  zu  einer 
wechselnden  Entfernung  von  der  Bauchwand  von  einer  ungefähr  1  bis  i/g  cm 
langen  Manschette,  die  aus  gewöhnlicher,  röthlicher,  fettunterlegter  Haut 
besteht,  eingehüllt.  Dieselbe  endet  mit  einem  scharfen  kreisförmigen  Rande. 
An  diesem  Rande  entsteht  nach  der  Geburt  durch  Verschwärung  eine 
Demarcationsrinne,  welche  von  der  Oberfläche  gegen  die  Tiefe  fortschreitet, 
endlich  zur  Ablösung  der  ganzen  Nabelschnur  führt,  unter  Zurücklassung 
einer  granulierenden  Fläche,  welche  allmählich  sich  mit  Epidermis  bedeckt 
und  wie  jede  Narbe  nach  dem  Centrum  schrumpft.   Dieselbe  wird  auch 


über  Nabelbrüche. 


73 


immer  mehr  gegen  die  Tiefe  eingezogen,  da  sich  auch  die  obliterierten 
Gefäßstrecken  verkürzen.  Diese  Vertiefung  wird  auch  umso  deutlicher,  je 
mehr  das  Unterhautfettgewebe  um  den  Nabel  zunimmt,  da  die  Haut  der 
Nabelnarbe  selbst,  als  Narbe  eben,  kein  Fett  aufnimmt.  So  geschieht  es, 
dass  wir,  mit  dem  Finger  entlang  der  Linea  alba  streichend,  ungefähr 
in  der  Mitte  derselben  bei  Druck  einen  geringeren  Widerstand  fühlen  als 
sonst,  ohne  dass  an  dieser  Stelle  eine  präformierte  Grube  im  Bauchfelle  zu 
sehen  wäre.   Eine  solche  ist  aber  an  dieser  Stelle  selbst  durch  leisen 


Fig.  32  (siehe  Seite  74). 


Fig.  33  (siehe  Seite  74). 


Druck  leicht  zu  erzeugen.  Eine  Depression  fehlt  an  dieser  Stelle,  weil  die 
Gefäße,  nämlich  zwei  Nabelarterien  ^ind  eine  Nabelvene,  im  präperitonealen 
Zellgewebe  zwischen  dem  Bauchfell  und  der  Ausbreitung  des  Quermuskels 
verlaufen.  Die  schon  an  einer  anderen  Stelle  erwähnten  Nabelarterien  (die 
späteren  Ligamenta  vesico-umbilicalia  lateralia)  und  der  Urachus  (das 
spätere  Ligamentum  vesico-umbilieale  medium)  verlaufen  über  den  unteren 
Rand  des  Nabelringes  nach  abwärts  gegen  die  Blasenränder  und  den 
Blasenscheitel,  während  die  Umbilicalvene  (das  spätere  Ligamentum 
hepatis  teres  mit  seinem  Mesoligament,   dem   Ligamentum  Suspensorium 


74 


Über  Nabelbrüche. 


liepatis)  nach  oben  gegen  den  Lebereinsclmitt  verläuft.  Wenn  man  das 
Bauchfell  ablöst,  so  bemerkt  man,  dass  sich  die  in  lockeres  Zellgewebe 
eingehüllte  Vene  leicht  von  dem  oberen  Rande  des  Nabelringes  ablösen 
lässt,  während  die  Nabelarterien  und  der  Urachus  gegen  den  unteren  Rand 
desselben  fest  und  dicht  angeheftet  sind,  so  dass  man  sie  ohne  Verletzung 
derselben  beinahe  nicht  ablösen  kann.  Zwischen  der  Vene  und  dem  sehnigen 
oberen  Boden  bleibt  nach  sauberer  Präparierung  gewöhnlich  eine  ansehnliche 
Lücke  zurück. 

a)  Der  Nabelsclimirbrucli  (Hernia  fiiniculi  umbilicalis). 

Derselbe  repräsentiert  einen  Zustand,  wie  er  am  Ende  des  fötalen 
Lebens  normalerweise  bestanden  hat  und  nun  auch  nach  der  Geburt 
persistiert.  W^ir  bezeichnen  mit  dem  Namen  Hernia  funiculi  umbilicalis 
jenen  Nabelbruch,  welcher  schon  beim  ersten  Anblick  dadurch  auffällt,  dass 
er  nicht  von  gewöhnlicher  Haut  bedeckt  ist,  sondern  von  einer  durch- 
sichtigen Membran,  welche  es  zulässt,  dass  man  auch  ohne  Eröffnung  des 
Sackes  sich  durch  den  Gesichtssinn  vom  Inhalte  des  Bruches  überzeugen 
kann.  Die  Zartheit  dieser  Bedeckungen,  sowie  die  Eigenthümlichkeit  der- 
selben, an  der  Luft  einzutrocknen  und  zu  zerfallen  (siehe  Fig.  32  und  33 
auf  Seite  73),  bedingt  es,  dass  die  Träger  solcher  Hernien  kaum  je  heran- 
wachsen, außer  wenn  in  den  ersten  Stunden  oder  Tagen  nach  der  Geburt 
schon  eine  entsprechende,  am  besten  freilich  operative  Therapie  eingeleitet 
worden  ist.  Andernfalls  kommt  es  nach  dem  Zerfall  dieser  zarten  Decke 
zu  einer  eitrigen  Infection  des  Bruchinhaltes,  welche  sich  in  die  Bauch- 
höhle hinein  fortsetzend,  den  wenig  widerstandsfähigen  kindlichen  Orga- 
nismus rasch  tödtet. 

Die  durchsichtigen  Bedeckungen  des  Nabelschnurbruches  übergehen 
in  einer  gewissen  Entfernung  von  der  vorderen  Bauchwand  mittelst  eines 
circularen  Randes  in  eine  den  Bruch  an  seiner  Basis  umschließende  Haut- 
manschette über,  während  sich  die  Nabelschnur  an  verschiedenen  Stellen 
bald  links,  bald  rechts,  mehr  gegen  den  unteren  Rand  oder  am  Scheitel 
des  Bruches  implantiert.  Die  Untersuchung  und  Deutung  der  durchsichtigen 
Bruchbedeckung  ist  bisher  durchaus  nicht  vollständig  übereinstimmend.  Nach 
den  neuesten  Untersuchungen  von  Berger  besteht  jene  transparente  Mem- 
bran aus  zwei  von  einander  leicht  zu  sondernden  Schichten,  zwischen  denen 
eine  wechselnd  dicke  Schichte  Wharton'scher  Sülze  eingelagert  ist,  welcher 
Umstand  eben  die  Sonderung  in  zwei  Blätter  zulässt.  Die  äußere  Schichte 
endet  kindswärts  mit  scharfem  Rande  an  der  erwähnten  Hautmanschette 
•  und  übergeht  placentarwärts  in  die  amniotische  Hülle  der  Nabelschnur,  es 
ist  demnach  das  Amnion.  Der  Unterschied  zwischen  der  gewöhnlichen 
Haut  und  dem  Amnion  ist  sehr  auffällig:  während  die  Hautmanschette  das 


über  Nabelbrüche. 


75 


Aussellen  einer  normalen  Baucliliaut  hat,  ist  die  amniotische  Hülle,  wie 
schon  Seme  ring  bemerkt,  aalglatt,  sehr  fein,  haai--  und  gefäßlos.  durch- 
sichtig, von  einheitlichem  Aussehen  und  leicht  zerreißlich.  Die  tiefere 
Schichte,  also  die  unmittelbare  Hülle  der  im  Bruche  eingeschlossenen 
Eingeweide,  ist  ein  Analogon  des  Bruchsackes,  kleidet  auch  als  solches 
die  ersterwähnte  Schichte  an  der  Innenfläche  aus  und  übergeht  im  Niveau 
der  Nabelöffnung  ins  Bauchfell.  Auch  diese  Membran  ähnelt  sehr  einer 
amniotischen  Hülle,  sowohl  durch  das  Aussehen,  als  auch  durch  die  Con- 
sistenz :  sie  ist  dünn,  durchsichtig,  bei  dem  geringsten  Zuge  einreißend, 
vollständig  gefäßlos  und  ohne  jede  fibröse  Organisation.  Im  Niveau  der 
Bauchdecke  übergeht  sie  aber  plötzlich  ins  Bauchfell,  welches  an  dieser 
Stelle  gerade  durch  reichliche  Gefäßbildung  ausgezeichnet  ist,  und  welche 
Vascularisation  bei  der  Berührung  mit  Luft  infolge  plötzlich  stärkerer 
Füllung  der  Gefäße  besonders  deutlich  sichtbar  wird,  eine  Veränderung, 
welche  an  der  beschriebenen  Innenmembran  des  Bruches  nicht  eintritt. 
Wenn  an  der  Innenfläche  des  Nabelschnurbruches  der  Blinddarm  an- 
geheftet ist,  so  übergeht  auch  dann  die  erwähnte  Innenschichte  am  Rande 
des  Blinddarmes  in  den  reichlich  vascularisierten  serösen  Uberzug'  des 
Blinddarmes,  während  die  übrige  Innenmembran  ihr  gefäßlöses  Aussehen 
behält. 

Der  Fortschritt  in  der  Kenntnis  dieser  Bruchart  besteht  eben  darin, 
dass  man  die  eigentliche  Natur  der  Innenmembran  erkannt  hat.  Dieselbe 
wurde  früher  einfach  für  das  Peritoneum  gehalten,  so  dass  die  äußere 
Schichte  dieser  Brüche  aus  einer  amniotischen,  die  innere  ' aus  einer  peri- 
tonealen Haut  bestünde,  welche  voneinander  durch  eine  Schichte  Wharton'scher 
Sülze  getrennt  ■  wären.  Duplay  befasste  sich  in  seiner  Aggregationsthese 
mit  der  Frage  der  embryologischen  Entwickelung  der  Bauchwand.  Er  sagt, 
entsprechend  der  Rath ke 'sehen  Theorie,  dass  sich  die  Bauchwand  auf 
Kosten  der  Primitivmembran  entwickele,  und  gibt  zu,  dass  die  Entwickelung 
der  Oberhaut  und  des  Bauchfelles  mit  jener  der  Bauchplatten  gleichen 
Schritt  halte,  welche  ihrerseits  auf  beiden  Seiten  der  Urwirbelmassen  liervor- 
wachsen.  Wird  aus  irgend  einem  Grunde  die  Entwickelung  dieser  seitlichen 
Theile  der  Urwirbel  gehemmt,  so  wird  auch  die  Weiterentwickelung  der 
Haut  und  des  Bauchfelles  angehalten,  und  in  der  Spalte,  welche  durch 
jenen  unvollständigen  Heranwuchs  der  Bauchplatten  entsteht,  sind  die 
Baucheingeweide  nur  mit  dem  bedeckt,  womit  sie  vom  Anfange  an  über- 
kleidet waren,  nämlich  außen  mit  einem  amniotischen  Blatte  und  innen 
mit  den  Uberresten  der  inneren  Schichte  der  Rathke'schen  Primitivmembran. 
Noch  Lindfors  hat  in  seiner  vor  nicht  langer  Zeit  veröffentlichten  Ab- 
handlung über  diesen  Gegenstand  (Volkmann's  Sammlung  klinischer  Vorträge) 
die  Meinung  ausgesprochen,  dass  der  Innenraum  des  Bruches  vom  Bauchfell 
ausgekleidet  ist,  welches  an  den  Rändern  der  Spalte  umbiegt  und  in  das 


76 


Über  Nabelbrüche. 


Peritoneum  parietale  übergeht.  Derselbe  sagt,  dass,  wenn  wir  nach  dem 
Beispiele  der  Franzosen  die  Innenmembran  für  einen  Überrest  der  Membrana 

reuniens  Rathke  ableiten  wollten, 
V,,  ■■!  man  dann  zugeben  müsste,  dass  aus 

dieser  Membran  das  ganze  parietale 
Peritoneum  entstehe.  Berger  aber 
meint  in  einer  neueren  Arlieit  trotz- 
dem, dass  infolge  des  verschiedenen 
Aussehens  und  des  verschiedenen 
Verhaltens  diese  Innenmembran 
denn  doch  ein  AbkömmHng  der 
Rathke'schen  Primitivplatte  sei, 
welche  sich  nicht  in  Peritoneum 
.  umgewandelt  hatte.  Die  nicht  selten 

beobachtete  Implantation  des  Blind- 
darmes in  der  Innenwand  des 
Bruches  dient  als  Stütze  für  die 
Anschauung,  dass  es  sich  in  einem 
solchen  Falle  nicht  um  Verschle- 
iß. 34.  Ein  neugeborenes^  Kind  mit  Hernia     bangen   von   Eingeweiden  handle, 

^.  T5  1  ,        7   D    1    •  T        11  j  V        sondern  dass,  wie  es  übrigens  schon 

JJie  Bedeckungen  des  Bruches  m  diesem  Falle  derber,                               '  ° 
weiß.  Am  unteren  Pole  die  Nabelschn^^^^  Berard    Und  Vidal    de  Cassis 
{Das  Innere  ist  mit  spateren  Abbildungen  veran- 
schaulicht.) ausgesprochen  haben,    wir  es  bei 

einem  angeborenen  Nabelbruche  mit 
den  Folgen  einer  Entwickelungs- 
hemmung  zu  thun  haben,  so  dass 
ein  gewisser  Theil  des  Digestions- 
Leber  tractus,  welcher  ursprünglich  in  der 
Nabelschnur  gelegen  war,  nicht  in 
d.uni     '  ^    .  _    """""'II^^Rk  die  Bauchhöhle  zurückgetreten  ist 

Unter  den  65  Fällen  von  Lindfors 
hat  man  den  Blinddarm  nur  zweimal, 
unter  den  16  Fällen  von  Herzfeld 
jedoch  fünfmal  im  Bruche  con- 
statiert.    Berger  selbst  berichtigt 


Iliinn- 


Nabelschnur 


die  unvollständigen  Angaben  jenes 
Fi(i.  S'i.  Nabel schnnrbruch  mit  gespaltener  i         •       •      i         T^■■^^  j 

Hülle  l^orschers  irr  einzelnen  l^  allen,  und 

findet,  dass  in  der  Zusammenstellung 
von  Lindfors  weitere  7,  in  der  Zusammenstellung  von  Herzfeld  weitere 
4  Fälle  sicher  oder  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  den  Blinddarm  oder  einen 
Theil  des  Dickdarms  enthalten  haben.  Fig.  34  veranschaulicht  einen  Nabel- 
schnurbruch bei  intacter  Hülle.  In  Fig.  35  ist  das  Bruchinnere  nach  Abnahme 


über  Nabelbräche. 


77 


der  Hüllen  abgebildet.  Es  ist  links  land  oben  die  Leber,  sonst  Dünndarm- 
schlingen zu  sehen.  In  Fig.  36  ist  der  Inhalt  auseinandergeklappt.  Man  sieht 
in  der  Tiefe  den  Magen,  darunter  den  Dickdarm  mit  Proc.  vermiformis,  zu 
Unterst  Dünndärme.  Am  Leberrande  deutliche  Abdrücke  der  Därme.  Am 
Thorax  eine  schiefe  Thoraxspalte,  durch  einen  Defect  des  medialen  Theiles 
der  Clavicula  bedingt. 

Welches  die  Ursache  ist,  dass  in  so  häufigen  Fällen  der  Dickdarm 
den  Bruchinhalt  der  embryonalen  Omphalocele  bildet,  lässt  sich  bis  nun 
nicht  mit  hinlänglicher  Sicherheit  klarstellen.  Die  Entwickelung  des  Ductus 
omphalo-mesentericus  und  der  Ansa  vitellina  scheinen  in  keinem  Zusammen- 
hange mit  diesem  Factum  zu  sein.   Aus  den  Forschungen  über  die  Ent- 


Schiefe 
Thoraxspalte 


Leber 


Milz 


D  üu  ndarm  — 


Nabelschnur 


Fiij.  36. 

Wickelung  des  Bauchfelles  ist  bekannt,  dass  der  Gastrointestinal-Tractus 
beim  Embryo  anfangs  der  vierten  Woche  eine  gerade  Röhre  bildet,  deren 
hintere  Wand  mittelst  eines  Primitivmesenteriups  mit  der  Mittellinie  der 
hinteren  Rumpfwand  zusammenhängt.  Doch  schon  im  Laufe  der  sechsten 
Woche  kann  man  an  dem  früher  geraden  Gebilde  drei  Abtheilungen  unter- 
scheiden, von  denen  die  erste  dem  Gefäßbezirke  der  Arteria  cceliaca,  die 
zweite  dem  der  Arteria  mesenterica  superior  und  die  dritte  jenem  der 
Arteria  mesenterica  inferior  entspricht.  Der  erste  Theil  besteht  aus  dem 
Magen  und  dem  Zwölffingerdarm,  und  hat  noch  ein  gemeinschaftUches 
Mesenterium,  welches  man  Mesogastroduodenum  nennen  könnte.  Der 
Magen  ist  bereits  nach  seiner  Form  zu  erkennen  und  ist  mit  seiner  kleinen 
Curvatur  nach  vorn  und  rechts  (wie  in  der  Abbildung  einer  congenitalen 
Zwerchfellhernie,  siehe  diese),  mit  der  großen  nach  hinten  und  links  ge- 


78 


Über  Nabelbräche. 


wendet;  der  Fundus  liegt  oben,  der  Pylorus  in  der  Mittellinie.  Hieraus 
folgt,  dass  das  Duodenum  einen  nach  vorne  und  rechts  sehenden  Halbkreis 
bildet,  in  dessen  Concavität  zwischen  den  Mesenterialblättern  das  Pankreas 
liegt.  Von  der  hinteren  Rumpfwand  ist  zur  Zeit  das  Duodenum  durch  die 
Leber  abgesondert;  das  Ende  des  Zwölffingerdarmes  liegt  abermals  in  der 
Mittellinie.  Es  ist  dies  die  Plexura  duodeno-jejunalis,  welche  auch  jetzt 
sehr  stramm  an  die  hintere  Rumpfwand  herangezogen  ist  und  kein 
Mesenterium  besitzt;  diese  Stelle  bildet  eine  nach  vorne  gewendete  Biegung. 
Der  zweite  Theil,  von  Toldt  als  die  Nabelschlinge  des  Darmes  benannt, 
bildet  eine  einfache  langgestreckte  Schlinge,  deren  vorderer  Theil  (Kuppe) 
sich  in  die  Nabelschnur  hinein  fortsetzt  und  daselbst  in  einer  Ausstülpung 
der  Peritonealhöhle  liegt.  An  dieser  vorerst  einfachen  Schlinge  können  wir 
den  von  der  Flexura  duodeno-jejunalis  nach  abwärts  verlaufenden  proxi- 
malen, sodann  die  Umbiegungsstelle.  endlich  den  distalen  oder  aufsteigenden 
Arm  unterscheiden.  Beide  sind  durch  eine  dünne  Mesenterialplatte,  zwischen 
deren  Blättern  die  Arteria  mesenterica  superior  verläuft,  miteinander  ver- 
bunden; die  Basis  dieser  Schlinge  entspricht  dem  Urspi-unge  der  genannten 
Arterie  von  der  Aorta.  Der  proximale  Arm  liegt  ursprünglich  schon  etwas 
weiter  gegen  die  linke  Seite,  so  dass  die  ganze  Schlinge  mehr  in  einer 
horizontalen  Ebene  verläuft.  Diese  ganze  Schlinge  ist  die  Anlage  für  das 
Jejunum,  Ileum,  Cöcum,  den  aufsteigenden  und  queren  Grimmdarm.  Die 
erste  Anlage  des  Grimmdarms  und  des  wurmförmigen  Anhanges  ist  an 
dem  vordersten  Theile  des  distalen  Armes  angedeutet,  dessen  übrige  Hülle 
zur  Bildung  des  Colon  verwendet  wird.  Das  Ende  des  distalen  Armes  über- 
geht wieder  in  der  Nähe  der  Plexura  duodeno-jejunalis  unter  einem  scharfen 
Winkel  in  den  Schlusstheil  des  Darmes,  entspricht  daher  ungefähr  der  Flexura 
lienalis  des  Colon.  Dieser  Schlusstheil  des  Darmes  ist  abermals  mittelst 
eines  kurzen  Mesenteriums  an  der  hinteren  Bauchwand  befestigt  und  aus 
ihm  entwickelt  sich  das  Colon  descendens,  die  Flexura  sigmoidea  und  das 
Rectum,  welche  sämmtlich  zu  dem  Gefäßbezirke  der  Arteria  mesenterica 
inferior  gehören.  Indem  wir  uns  nur  mit  der  Weiterentwickelung  des 
mittleren  Antheiles  an  dieser  Stelle  beschäftigen,  so  wollen  wir  andeuten, 
dass  die  Anlage  des  Dünndarms  in  den  Zustand  lebhaftester  Proliferation 
übergeht,  welche  sich  durch  Bildung  zahlreicher  bogenförmiger  Schlingen 
offenbart,  von  denen  einzelne  noch  am  Schlüsse  des  zweiten  Monates  in 
der  Nabelschnur  gelagert  sind.  Der  Colontheil  der  Schlinge  wächst  jedoch 
nur  langsam  und  bleibt  noch  längere  Zeit  hindurch  ein  gerades  Rohr. 
Durch  diese  verschiedene  Entwickelung  der  einzelnen  Strecken  geschieht 
es.  dass  das  Dünndarmschlingen-Convolut  jenen  Theil  der  Nabelschlinge, 
welcher  mit  dem  Blinddarme  anfängt  und  mit  der  Flexura  lienalis  endet, 
derart  in  die  Höhe  hebt  (siehe  diesbezüglich  Fig.  36),  dass  der  Blinddarm 
zu  einer  bestimmten  Zeit  sich  sogar  über  dem  Nabel  befindet  und  daselbst 


über  Nabelbrüche. 


79 


in  der  Mittellinie  an  der  vorderen  Banchwand  anliegt.  Von  dieser  Stelle  an 
verläuft  der  Colonantlieil  der  Nabelschlinge  auf  den  Diinndarmschlingen 
zur  Milzflexur  des  Colon,  welche  vi'eiter  nach  rückwärts  und  oben  gelagert 
ist.  Es  ist  gar  kein  Zweifel,  dass  die  Nabelbrüche,  welche  den  Blinddarm 
oder  ein  Stück  Grimmdarm  enthalten,  aus  dieser  Periode  stammen.  Die 
Lagerung  des  Blinddarms  in  der  Nabelschnurhernie  ist  daher,  wie  Borger 
.anführt,  kein  schwer  zu  erklärendes  Ereignis,  da,  wie  die  soeben  mit- 
getheilte  Entwickelungsgeschichte  lehrt,  dieses  Vorkommen  zu  einer  be- 
stimmten Periode  des  embryonalen  Lebens  zur  Norm  gehört,  umsomehr 
das  Vorkommen  der  Dünndarmschlingen  in  der  Nabelschnurumhüllung.  Es 
bliebe  demnach  nur  übrig,  die  Zeit  näher  zu  bestimmen,  zu  welcher  der 
Blinddarm  oder  die  Blinddarmschlingen  sich  in  die  Bauchhöhle  zurück- 
ziehen, um  sodann  genauestens  bestimmen  zu  können,  aus  welcher  Zeit 
ungefähr  der  Nabelbruch  und  die  ihn  bedingende  Wachsthumsstörung  der 
Bauchwand  stammt. 

Da  wir  theils  durch  die  durchscheinende,  wenn  auch  unversehrte 
Bedeckung  dieser  Bruchart,  theils  nach  Abtragen  derselben  unmittelbar 
den  Inhalt  des  Bruches  überblicken  können,  so  kann  leicht  das  Detail  des- 
selben festgestellt,  der  Plan  behufs  Beseitigung  dieses  Bruches  beschlossen, 
sowie  auch  jede  Verletzung  des  Contentums  vermieden  werden.  Bei  kleinen 
Hernien  wird  der  Inhalt  nur  von  einigen  Windungen  des  Dünndarms 
gebildet,  worauf  eine  ganze  Stufenleiter  von  weiteren  Entwickelungsstadien 
solcher  Brüche  bekannt  ist,  bis  zum  vollständigen  Fehlen  der  vorderen  und 
seitlichen  Bauchwand,  so  dass  die  Eingeweide  sämmtlich  außerhalb  des 
Körpers  gelagert  sind.  (Zwei  Beispiele  einer  ziemlich  ausgedehnten  Even- 
tration sind  in  den  Abbildungen  Fig.  32  und  33  auf  Seite  73  veranschaulicht, 
deren  eine  auch  bereits  die  Complication  dieser  Brüche  mit  anderweitigen 
Missbildungen  [Hasenscharte,  in  anderen  Fällen  Extremitätenverbindungen, 
Rückgratsspalten  und  ähnliches]  andeutet.) 

Diese  Brüche  sind  eigentlich  extraperitoneal  gelagert,  wenn  wir  der 
Anschauung  Berg  er 's  beipflichten,  dass  auch  die  innere  Auskleidung 
amniotischen  Ursprunges  ist,  so  dass  über  die  Berechtigung,  diese  Bildungen 
als  Brüche  zu  bezeichnen,  schließlich  gestritten  werden  könnte,  da  sie  Ein- 
geweide enthalten,  welche  nie  anderwärts  gelagert  waren,  auch  nicht  eine 
Hauthülle  besitzen. 

Da  die  durchscheinende  Bedeckung  sehr  leicht  der  Eintrocknung  und 
Schmelzung  verfällt,  so  ist  es  klar,  dass  bei  halbwegs  ausgedehnten 
Bildungen  dieser  Art  bei  der  unvermeidlichen  breiten  Eröffnung  des  Bruch- 
inneren eine  Infection  nahezu  unvermeidlich  ist,  weswegen  Träger  größerer 
Nabelschnurhernien  ohne  Therapie  kaum  je  überleben,  sondern  meist  in. 
den  ersten  Lel^nstagen  zugrunde  gehen.  Dagegen  sind  spontane  Heilungen 
bei  wenig  umfangreichen  Brüchen  mehrfach  bekannt  geworden  und  erfolgen 


80 


über  Nabelbrüche. 


offenbar  so,  dass  nach  Abfall  der  Nabelschnur  die  granulierende  Fläche, 
mit  welcher  die  benachbarten  Eingeweide  verwachsen  und  so  einen  Abschluss 
der  Bauchhöhle  bilden,  sich  concentrisch  zusammenzieht  und  überhäutet, 
woraus  eine  für  immer  persistierende  Verwachsung  eines  Theiles  des 
Bauchinhaltes  mit  der  Bauchwand  resultiert.  Diese  Brüche  können 
auch  der  Einklemmung  verfallen.  Cahier  führt  hievon  vier  Beispiele  an. 
Manche  Forscher  jedoch  zweifeln,  und  wahrscheinlich  mit  Recht,  an  dieser 
Thatsache,  indem  sie  sagen,  dass  die  entzündlichen  peritonealen  Er- 
scheinungen als  Einklemmungssymptome  gedeutet  wurden,  denen  sie  in  der 
That  recht  ähnlich  sind. 

Zur  nächsten  Gruppe  rechnen  wir 

b)  die  Nabelhernien  der  Kinder, 

und  müssen  ätiologisch  zugeben,  dass  dieselben  entweder  ein  Uberrest  von 
Brüchen  der  ersten  Gruppe  sein  können,  oder  durch  Dehnung  der  bereits 
eingesunken  gewesenen  Nabelnarbe  zustande  kommen.  Wiewohl  wir  die 
letztere  Abtheilung  nicht  im  eigentlichen  Sinne  als  angeboren  bezeichnen 
könnten,  so  theilen  dieselben  doch  das  Symptom  mit  angeborenen  Hernien, 
da  sie  entweder  sofort  oder  bald  nach  der  Geburt,  allerdings  aber  auch 
manchmal  erst  einige  Wochen  oder  Monate  nach  derselben,  beobachtet 
werden.  Auch  haben  wir  gewöhnlich  bei  allen  diesen  Brüchen  des  Kindes- 
alters keinen  angeborenen  Bruchsack,  doch  können  wir  immerhin  von  einer 
Prädisposition  dieser  Bruchentwicklung  sprechen,  da  gerade  die  Stelle  des 
Nabelringes  weniger  gegen  den  Anprall  der  Baucheingeweide  geschützt  ist, 
ja  insofern,  als  nach  geringfügigen  Nabelschnurhernien  und  deren  Ab- 
heilung eine  grübchenartige  Vertiefung  in  der  Nabelgegend  zurückzubleiben 
pflegt.  Diese  Brüche  des  zarten  Kindesalters  zeichnen  sich  dadurch  aus, 
dass  sie  selten  ein  größeres  Caliber  erreichen,  sich  sehr  oft  spontan  aus- 
heilen und  jedenfalls  eine  günstige  Prognose  gewähren,  wenn  wir  die 
natürliche  Tendenz  durch  die  rechtmäßige  chirurgische  Therapie  unter- 
stützen. 

Die  Nabelbrüche  des  Kindesalters  bilden  regelmäßig  Schwellungen 
in  der  Nähe  der  Nabelvene  und  sind  in  einem  peritonealen  Sacke  enthalten, 
welcher  innig  an  die  Haut  der  gedehnten  Nabelnarbe  angeheftet  ist.  Bis 
zum  6.  Lebensjahre  pflegt  den  Inhalt  solcher  Brüche  nur  der  Darm  zu 
bilden  und  zwar  entweder  der  Dünndarm  oder  der  Dickdarm.  Das  Netz 
ist  bis  zu  dieser  Zeit  so  wenig  entwickelt,  dass  dasselbe  kaum  den  Nabel 
erreicht.  Nach  dem  6.  Monate  kann  natürlich  auch  das  Netz  zum  Inhalt 
der  kindlichen  Nabelbrüche  werden.  Die  Entstehung  der  Nabelbrüche  wird 
theils  durch  eine  gewisse  hereditäre  Neigung  zur  Entwickelung  von  Nabel- 
brüchen gefördert,  theils  ist  sie  durch  eine  angeborene  Schwäche  der 


über  Nabelbrüche. 


81 


Nabelgegend,  welche  ihrerseits  von  einer  unvollkommenen  Involution  des 
Nabelringes  begründet  wird,  bedingt,  oder  man  sucht  den  Grund  der 
Schwächung  der  Bauchwand  in  den  Dehnungen,  welche  dauernd  z.  B.  bei 
rhacliitischen  Kindern  oder  vorübergehend  bei  verschiedenen  Krankheiten, 
z.  B.  bei  Pertussis,  bei  chronischen  Laryngitiden,  bei  chronischer  Ent- 
zündung des  Darmes  u.  dgi.,  beobachtet  werden. 

Hochgradige  Beschwerden  werden  durch  diese  Brüche  nicht  verursacht, 
wiewohl  einige  Ärzte  verschiedene  Unregelmäßigkeiten  in  der  Verdauung 
auf  diese  Brüche  beziehen,  wie  z.  B.  Kolikschmerzen,  Diarrhöen  u.  a., 


was  aus  dem  Umstände  geschlossen  wird,  dass  dergleichen  Beschwerden 
nach  Reposition  solcher  Hernien  sofort  aufhören.  Andere  beziehen  allerdings 
dieselben  Beschwerden  wieder  auf  eine  unvorsichtige  Reposition  solcher 
früher  bestandenen  Hernien.  Die  schwerste  aller  Erscheinungen  bei  Brüchen, 
nämlich  die  Einklemmung,  beobachtet  man  bei  den  Brüchen  des  kindlichen 
Alters  beinahe  gar  nicht.  Dafür  beobachtet  man  bei  Kindern,  die  nur 
ungenügende  Pflege  haben,  Ulcerationen  auf  der  Oberfläche,  sowie  ent- 
zündliche Anfälle,  durch  welche  der  Bruchinhalt  an  den  Bruchsack  an- 
wächst (siehe  Fig.  37  und  38,  welche  eine  Nabelhernie  bei  einem  Knaben 
darstellen,  deren  Dimensionen  schon  recht  ungewöhnlich  sind). 


May  dl,  Specielle  Chirurgie.  1.  6 


Fig.  37. 


Fig.  38. 


82 


über  Nabelbrüche. 


c)  Die  Nabellieruie  bei  Erwachsenen  (Hernia  umlbilicalis  adultorum). 

Man  muss  abermals  mit  den  anatomischen  Verhältnissen  des  bereits 
definitiv  geformten  Nabels  bekannt  werden.  Von  vorne  ist  die  Nabelnarbe 
beinahe  immer,  auch  bei  sehr  corpulenten  Personen,  fettlos  und  unmittelbar 
an  das  Peritoneum,  welches  den  Bruchsack  bildet,  angewachsen,  so  dass 
man  recht  vorsichtig  den  Schnitt  führen  muss,  wenn  man  nicht  schon  bei 
dem  ersten  Hautschnitt  den  Bruchsack  eröffnen  will,  eventuell  den  Bruch- 
inhalt nicht  verletzen  soll.  Der  Nabelring  ist  beim  Erwachsenen  von  sehr 
starken  Bindegewebsfasern  gebildet  und  ist  derselbe  gewöhnlich  in  der 
unteren  Hälfte  bei  weitem  schärfer  als  in  der  oberen,  so  dass  bei  ein- 
geklemmten Nabelbrüchen,  welche  sich  durch  ihre  Schwere  nach  unten 
entwickelt  hatten,  der  Incarcerationsring  immer  mehr  auf  der  unteren 
Hälfte  des  Bruchstieles  deutlicher  ausgeprägt  ist  als  anderswo.  Wenn  wir 
den  Nabelring  von  rückwärts  betrachten,  so  begegnen  wir  daselbst  den 
uns  bereits  bekannten  Gebilden:  den  von  unten  herantretenden  Blasen- 
nabelbändern  und  dem  von  oben  sich  einpflanzenden  runden  Leberbande. 
Diese  sämmtlichen  Gebilde  sind  hiebei  nur  sehr  wenig  sichtbar,  da  dieselben 
das  sie  bedeckende  Peritoneum  nur  unbedeutend  emporheben.  Insbesondere 
verliert  sich  die  obliterierte  Vena  umbilicalis  einige  Centimeter  oberhalb  des 
Nabels  in  das  präperitoneale  Gewebe,  in  welchem  sie  dann  bis  zum  Nabel 
abwärts  verläuft,  aber  gegen  die  Bauchhöhle  zu  noch  von  der  sogenannten 
'Fascia  umbilicalis  bedeckt  ist,  welche  zwischen  sie  und  das  Peritoneum 
gewissermaßen  eingeschaltet  erscheint.  Erst  wenn  wir  diese  zwei  Schichten 
beseitigen,  werden  wir  des  ganzen  Verlaufes  der  Vene  ansichtig.  Bei 
manchen  Schriftstellern  wird  —  allerdings  um  nur  die  Analogie  mit  der 
Nomenclätur  bei  anderen  Brucharten  durchzuführen  —  jene  Strecke,  welche 
zwischen  dem  Nabel  und  jener  Stelle,  wo  sich  die  Nabelvene  noch  von 
der  Bauchwand  abhebt  und  von  rückwärts  sichtbar  ist,  der  Umbilicalcanal 
genannt.  Wenn  wir  nun  auch  die  Nabelvene  beseitigen,  so  gewahren  wir 
den  Boden  der  sogenannten  Nabelgrube  oder  Nabelfurchc.  unter  welcher 
Bezeichnung  die  vordere  Wand  des  erwähnten  Umbilicalcanals  gemeint 
ist..  Diese  Furche  ist  von  einem  Netze  von  sich  kreuzenden,  ziemlich  festen 
Fasern  ausgekleidet,  welche  unter  stumpfen  Winkeln  zusammenfließen 
und  zwischen  sich  kleine  Spalten  übrig  lassen,  durch  die  einige  Gefäße 
hindurchtreten,  aber  auch  Fettträubchen  der  subserösen  Schichte  nach 
außen  dringen  und  zipfelförmige  Ausstülpungen  des  Bauchfelles  nach  sich 
ziehen  können.  Diese  peritonealen  Säckchen  können  sich  ausbreiten,  und 
werden  zu  Bruchsäcken,  sobald  eine  Darmschlinge  oder  Netz  in  dieselben 
eintritt.  Wenn  eine  derartige  Hernie  sich  knapp  am  Nabel  ausbildet,  dann 
kann  es  leicht  geschehen,  dass  derartige  Brüche  für  Nabelhernien  gehalten 
werden,  es  aber  anatomisch  eigentlich  nicht  sind.  Man  nennt  solche  Brüche 


über  Nabelbrüche. 


83 


supraumbilicale  und  sollte  dieselben  zu  den  später  zu  erwähnenden  Brüchen 
der  weißen  Linie  hinzuzählen.  Solche  Bildungen  erklären  die  Erscheinung, 
dass  man  mitunter  Nabelbrüche  vorfindet,  deren  Austrittsstelle  gewisser- 
maßen mehrfach  ist.  Eine  von  den  mehrfachen  OfPnungen  kann,  muss  aber 
nicht,  der  wirkliche  Nabelring  sein.  Wollte  man  diese  Brüche  auseinander- 
halten, so  könnte  man  sich  an  die  von  großer  Sachkenntnis  zeugende 
Darstellung  Scarpa's  halten,  welche  darauf  hinweist,  dass  auch  diese 
Brüche  der  weißen  Linie  eine  plattgedrückte  Gestalt  haben,  während  der 
Nabelbruch  mehr  eine  sphärische  Form  beibehält.  Jene  Erscheinung  der 
paraumbilicalen  oder  supraumbilicalen  Brüche  sei  dadurch  bedingt,  dass 
dieselben  nicht  nur  von  den  Hautbedeckungen,  sondern  auch  von  jenem  dicken 
Zellgewebe  und  jener  sehnigen  Schichte  überkleidet  sind,  welches  ober- 
flächlich über  die  Bauchmuskeln  sich  hinzieht,  bei  den  Nabelbrüchen  aber 
regelmäßig  fehlt.  Weiter  hebt  derselbe  Forscher  hervor,  dass  die  zu  der 
Größe  des  Bruches  gemeinhin  verhältnismäßig  enge  Bruchpforte  eine  ovale, 
mit  ihreiri  längeren  Durchmesser  in  der  Längsachse  des  Körpers  gelegene 
Spalte  darstellt,  während  die  Pforte  des  Nabelbruches  für  den  Finger  leicht 
zugänglich,  annähernd  kreisförmig  oder  queroval  zu  sein  pflegt. 

Aus  diesen  anatomischen  Verhältnissen  kann  man  es  erklären,  dass 
bei  einem  Nabelbruche  mehrfache  Incarceration  bestehen  kann,  und  dass 
es  demnach  nothwendig  ist,  sorgfältig  die  Basis  des  Bruches  zu  revidieren, 
um  nicht  eine  verborgene  und  vielleicht  gerade  die  die  Einklemmung  ver- 
ursachende Öffnung  zu  übersehen.  Dieses  Versehen  kann  umso  eher 
begegnen,  als  man  durch  gewisse  Verhältnisse  nicht  eben  allzuselten  ge- 
zwungen ist,  sich  nach  dem  Beispiele  Cooper's  mit  der  bloßen  Lösung 
der  Einklemmung  ohne  oder  nur  mit  theilweiser  Reposition  des  Bruch- 
inhaltes zu  begnügen.  Ein  solcher  Fehler  ist  des  weiteren  umso  eher  zu 
begehen,  als  die  an  Nabelbrüchen  leidenden  Personen  meistens  von  unge- 
wöhnlicher Dicke  sind,  demnach  auch  einen  mächtig  entwickelten  Unter- 
hautfettpolster haben,  welcher  leicht  eine  kleine  incarcerierte  paraumbilicale 
Hernie  verborgen  halten  kann.  Es  empfiehlt  sich  demnach,  nach  gelöster 
Einklemmung  ebenso  wie  bei  anderen  Brüchen  auch  hier  sich  mittelst  des 
durch  den  Nabelring  in  die  Bauchhöhle  eingeführten  Fmgers  zu  überzeugen, 
ob  nicht  in  der  unmittelbaren  Nähe  des  Nabelringes  noch  eine  zweite 
Hernie  in  die  Bauchwand  eintritt.  Die  geschilderten  anatomischen  Ver- 
hältnisse erklären  auch  die  Erscheinung,  dass  die  Bruchsäcke  zweier  über- 
einander liegenden  Brüche  durch  gegenseitigen  Druck  usuriert  werden 
und  miteinander  in  Communication  treten  können,  wodurch  aber  natür- 
lich auch  die  Möglichkeit  entsteht,  dass  sich  irgend  ein  Nabelbruch 
oder  ein  Theil  desselben  nicht  in  der  eigentlichen  Bruchpforte,  sondern 
in  diesen  secundären  Communicationsöfl^nungen  einklemmt.  Ahnliche 
secundäre   Ausstülpungen   können   aber  auch   durch  die  ungleichmäßige 

6* 


84 


über  Nabelbrüche. 


Ausdehnung  der  von  unnachgiebigen  Faserzügen  durchzogenen  Nabelnarbe 
herstammen. 

Die  Nabelhernie  bei  Erwachsenen  beobachten  wir  vor  allem  bei 
Frauen  und  zwar  hauptsächlich  bei  wohlbeleibten,  während  das  Vorkommen 
des  Nabelbruches  bei  Männern  und  bei  Individuen,  welche  nie  fettleibig 
gewesen  sind,  zu  den  seltenen  Erscheinungen  gehört.  Da  bisher  die 
Operationen  von  nichteingeklemmten  Nabelbrüchen  immerhin  zu  den 
selteneren  Ereignissen  gehören,  so  haben  wir  reichlich  Gelegenheit,  geradezu 
riesige  Nabelbrüche  zu  beobachten,  so  dass  man  eher  von  einer  Eventration 
sprechen  könnte.  Es  scheint,  dass  die,  wie  schon  erwähnt,  wohlbeleibteren 
Frauen  anfangs  den  Bruch  leicht  übersehen,  sich  sodann  aber  auch  nur 
ungerne  zu   einem  operativen  Eingriff  entschließen,  welcher  ihnen  bisher 

aber     auch  höchstwahrscheinlich 
/  l      recht  selten  angeboten  wurde.  Daher 

begegnete  man  bei  Operationen  von 
nicht  incarcerierten  Nabelbrüchen 
ziemlich  bedeutenden  Schwierig- 
keiten, insbesondere  bei  der  Ver- 
nähung der  weit  auseinander  ge- 
tretenen Ränder  der  geraden  Bauch- 
muskeln. (Siehe  Fig.  39,  40  und  41.) 

Die  Nabelhernien  haben  weiter 
die  Eigenthümlichkeit,  dass  ihre 
Bedeckungen  durch  die  anliegenden 
Kleider  oder  durch  den  Druck 
der  leider  gewöhnlich  nutzlosen 
Bandagen  aufgerieben  und  ge- 
schwürig werden,  wodurch  in  dem 
anliegenden  Bruchsacke  eine  Entzündung  hervorgerufen  wird,  welche  den 
Inhalt  gegen  die  innere  Bruchsackoberfläche  fixiert  und  auf  diese  Weise, 
sei  es  durch  Fixation  der  sonst  beweglichen  Därme  oder  durch  scharfe 
Biegung  derselben,  bedeutende  Verdauungsbeschwerden  verursachen,  anderer- 
seits aber  sowohl  die  Radicaloperation  als  die  Herniotomie  des  Nabel- 
bruches bedeutend  erschweren.  Der  Inhalt  des  Nabelbruches  der  Erwachsenen 
besteht  sehr  häufig  aus  Netz,  nicht  selten  aus  Netz  und  Darm,  seltener 
dagegen  aus  Darm  allein.  Bezüglich  der  Darmstrecken,  welche  im 
Nabelbruche  enthalten  zu  sein  pflegen,  muss  man  besonders  die  mittleren 
Jejunumschlingen  und  das  Colon  transversum  als  diejenigen  bezeichnen, 
welche  zumeist  vorgefunden  werden,  solange  der  Nabelbruch  mittlere 
Dimensionen  einhält,  während  bei  den  größeren  Formen  auch  der  Magen 
in  dieselben  herabgezerrt  wird,  wodurch  natürlich  die  Beschwerden 
eines  solchen  Nabelbruches  bedeutend  gesteigert  werden.    Wir  treffen  in 


Fig.  39. 


über  Nabelbrüche. 


85 


solchen  Fällen  den  Magen  zu  einem  sanduhrförmigen  Gebilde,  welches 
theils  in  der  Bauchhöhle,  theils  in  der  Hernie  liegt,  ausgezogen,  und  man 
muss  gestehen,  dass  die  gewundenen  Wege,  welche  der  Darminhalt  Jahre 
hindurch  hat  nehmen  müssen,  ohne  kaum  je  zu  bedeutenderen  Incarcerations- 
erscheinungen  Veranlassung  gegeben  zu  haben,  höchst  erstaunlich  sind. 


Fig.  41. 

Allerdings  sind  Beobachtungen  verzeichnet,  dass  ein  solch  jahrelanges 
Stadium  der  Euphorie  ohne  besondere  Prodromen  plötzlich  eine  letal  ab- 
laufende Perforationsperitonitis  unterbricht,  wie  wir  dies  vor  vielen  Jahren 
bei  einer  Frau  beobachtet,  welche  knapp  zuvor  eine  ihrer  reichlichen 
Mahlzeiten  eingenommen  hatte.  In  diesem  Falle  wurde  bei  einer  sonst 
ziemlich  normalen  Hernie,  welche  aber  den  Magen  enthielt,  eine  Ruptur 


86 


Über  Nabelbrüche. 


des  letzteren  beobachtet,  welche  der  Ausgangspunkt  der  septischen 
Bauchfellentzündung  war.  Dieser  Fall  wurde  von  Lantschner  ver- 
öffentlicht, worauf  bald  ein  analoger,  von  Chiari  publicierter,  folgte. 

Wenn  der  Nabelbruch  sich  selbst  überlassen  bleibt,  auch  durch  kein 
Bruchband  zurückgehalten  oder  nicht  einmal  gestützt  wird,  dann  entwickelt 
er  sich  gewöhnlich  nach  abwärts,  so  dass  er  auch  über  die  Geschlechts- 
theile  herabhängen  kann.  Der  Stiel  des  Nabelbruches  ist  eigentlich  stets 
rund  und  nicht  selten  ziemlich  umfänglich,  so  dass  man  nach  Reposition 
des  Bruches  manchmal  mit  der  ganzen  Hand  durch  die  Bruchpforte 
dringen  und  den  Inhalt  der  Bauchhöhle  abtasten  kann.  Die  eigentlichen 
Brüche  der  weißen  Linie  wachsen  zu  derartigen  Dimensionen  nicht  an, 
wiewohl  Petit  behauptet,  dass  unter  100  Nabelbrüchen  bei  Erwachsenen 
nicht  zwei  durch  den  Nabelring  hindurchtreten,  sondern  stets  Lücken 
oberhalb  oder  seitwärts  von  demselben  im  Durchgange  benützen.  Dann 
gäbe  es  selbstverständlich  darunter  auch  riesige  paraumbilicale  Hernien  der 
weißen  Linie.  Wir  halten  aber  nach  unseren  recht  zahlreichen  Erfahrungen 
bei  Radicaloperationen  und  Herniotomien  von  Nabelbrüchen  diese  Angabe 
für  unrichtig  und  eher  das  umgekehrte  Verhältnis  als  den  Thatsachen 
entsprechend. 


Inhalt  der  ventralen  und  umbilicalen  Hernien  (1891 — 97). 


H  e  r  n  i  a 

Dünn- 
darm 

Dünndarm 

und 
Omentnm 

Omentum 

lleuni, 
Col.  transv., 
Omentum 

Col.  transT., 
Omentum 

Dickdarm 

und 
Omentum 

ventralis    .   .  . 

5 

1 

1 

1 

1  (Präpcriton.  Lipom 

mit  hervorgezog.  Periton.) 

umbilical.  libera 

2 

1 

2 

1 

1 

1 

umbilicalis  in- 

carcerata    .  . 

2 

1 

Herniae  ventr.  und  umbilic.  operatse. 


Hernia  umbilicalis 

Jahr 

Hernia  ventralis  lib. 

libera 

incarcerata 

1891—92 

2 

1 

1892—93 

1 

2  (1  accreta) 

1893-94 

1 

1 

1894-95 

2 

2 

1895-96 

3 

1  (accreta) 

1896—97 

2  (1  accreta) 

2  t«) 

Zusammen  .  . 

9 

8 

3 

f  a)  Kalfus,  79  Jahre,  7  Tage  nach  der  Operation  an  Pneuraonia  hypostat.  bilateral., 
sonst  alle  Fälle  geheilt. 


über  seltenere  Brucharten. 


Außerdem  wurden  aufgenommen  noch  4  Ventralhernien,  10  freie  und 
1  incarcerierte  Nabelhernie,  bei  denen  nicht  operiert  wurde.  Die  Hernia 
umb.  incarc.  wurde  durch  Taxis  reponiert.  Eine  Ventralhernie  war  mit 
Hern.  ing.  d.  und  sin.,  sowie  mit  Hernia  crur.  sin.,  eine  Umbilicalhernie 
mit  einer  Hern.  lin.  albee  und  ing.  d.  compliciert. 


4.  Über  seltenere  Brueliarteii. 

Außer  den  bereits  beschriebenen  drei  gewöhnlichen  Brucharten,  dem 
Leistenbruche,  dem  Schenkelbruche  und  dem  Nabelbruche,  kennen  wir  noch 
eine  Reihe  seltener  vorkommender  Hernien,  welche  vor  allem  überaus 
wichtig  sind,  sobald  es  sich  um  einen  Fall  von  Ileus  handelt.  Der  Regel 
nach  trachtet  man  daher,  bevor  man  an  andere  Möglichkeiten  der 
Darmverlegung  denkt,  die  Bruchpforten  auch  dieser  selteneren  Brucharten 
abzusuchen,  da  ja  Einklemmungen  an  diesen  Stellen  die  allgemeinen  Er- 
scheinungen sehr  wohl  verursachen  können,  wiewohl  ihre  Ursachen,  d.  h. 
manchmal  recht  unbedeutende  und  versteckte  Brüche,  schwer  auffindbar 
sind.  Zu  solchen  Brüchen  gehört  vor  allem  die 

a)  Hernia  obturatoria  oder  Hernia  foraminis  ovalis  (der  Bruch  des 

eirunden  Loches), 

welche  nicht  nur  deshalb,  weil  sie  verhältnismäßig  selten  vorkommt,  sondern 
auch  deswegen,  weil  ihre  Lage  eine  ziemlich  versteckte  ist,  häufig  über- 
sehen wird  und  daher  oft  unerkannt  unter  den  Erscheinungen  einer  inneren 
acuten  Darmobstruction  tödtlich  verläuft.  Diese  Bruchart  ist  zwar  so  selten, 
dass  z.  B.  der  Vorgänger  B  i  1 1  r  o  t  h  's  an  einer  der  Wiener  chirurgischen 
Kliniken,  Professor  Schuh,  keine  einzige  Hernie  dieser  Art  jemals  zu 
Gesicht  bekam,  und  doch  konnte  Englisch  im  Jahre  1891  135  Fälle 
dieser  Bruchart  zusammenstellen  und  ihre  Anatomie,  Pathologie  und 
Therapie  auf  Grund  dieser  Sammlung  nach  allen  Richtungen  analysieren. 

Bevor  wir  über  die  klinische  Erscheinung  dieses  Bruches  sprechen, 
rufen  wir  uns  abermals  die  anatomischen  Einzelnheiten  jener  Gegend,  wo 
diese  Hernie  ihren  Sitz  hat,  ins  Gedächtnis  zurück. 

Das  Foramen  obturatum  ist  ringsum  vom  Schambein,  Sitzbein  und 
Hüftbein  begrenzt;  es  ist  oval  beim  Manne,  dreieckig  bei  der  Frau  und 
sieht  nach  außen  abwärts.  Die  Ränder  dieser  Öffnung  sind  überall  scharf, 
ausgenommen  die  Stelle,  wo  der  größte  verticale  Durchmesser  am  oberen 
Rande  endet;  hier  nämlich  beginnt  sich  dieser  Rand  in  zwei  Kanten  zu 


88 


Über  seltenere  Bruch  arten. 


spalten,  welche  miteinander  parallel  verlaufen  und  zwischen  sich  eine  seichte 
Furche  lassen.  Die  vordere  Kante  läuft  in  den  oberen  und  inneren  Rand 
der  Hüftgelenkspfanne  aus,  die  hintere  verliert  sich  an  der  inneren  Fläche 
des  kleinen  Beckens.  Die  Furche  zwischen  derselben  verläuft  demnach  von 
vorne  und  innen  nach  außen  und  rückwärts.  An  diesen  Kanten  inseriert 
sich  je  ein  bindegewebiges  Blatt;  diese  beiden  Blätter  verschmelzen  weiter 
nach  abwärts  miteinander  und  bilden  im  ganzen  die  das  Foramen  obturatum 
überspannende  Membran.  Diese  demnach  im  oberen  Theile  doppelte 
Membran  schließt  mit  der  erwähnten  Furche  zusammen  jenen  Canal  ein, 
durch  welchen  die  obturatorischen  oder  subpubischen  (V  i  n  s  o  n,  1844) 
Hernien  nach  außen  treten.  Am  Rande  des  obturatorischen  Durchlasses 
befinden  sich  zwei  Tubercula:  ein  oberes,  mit  welchem  der  äußere  Rand 
der  Hüftgelenkspfanne  und  zwar  oberhalb  des  an  der  Innenseite  befind- 
lichen Einschnittes  für  das  Ligamentum  teres  endet,  und  ein  unteres  einige 
Millimeter  tiefer.  Auch  zwischen  diesen  zwei  Gebilden  ist  eine  kleine 
Furche,  durch  welche  die  von  der  Arteria  obturatoria  abgehenden  oder 
zu  ihr  zurückkehrenden  Gefäße  hindurchgehen.  Die  erwähnten  Höckerchen 
nennt  man  das  Tuberculum  obturatorium  superius  et  inferius. 

Die  obturatorische  Membran  ist  ein  dünnes,  in  der  unteren  Hälfte 
einfaches  Bindegewebsblatt;  in  der  oberen  Hälfte  spaltet  sie  sich,  wie  er- 
wähnt, in  zwei  Blätter,  deren  je  eines  für  jeden  obturatorischen  Muskel 
(den  inneren  und  den  äußeren)  als  ürsprungsfläche  bestimmt  ist.  Das 
innere  Blatt,  gegen  das  Becken  gewendet,  ist  an  jenem  Rande,  welcher 
mit  seiner  Concavität  gegen  den  obturatorischen  Canal  gewendet  ist,  von 
einem  Bande  verstärkt,  welches  am  Tuberculum  obturatorium  superius  ent- 
springt und  am  gegenüberliegenden  Rande  dieser  Öffnung  inseriert.  Durch 
dieses  Band  (besonders  durch  seinen  scharfen  Rand)  entsteht  manchmal 
die  Einklemmung  der  subpubischen  Hernien,  da  dasselbe  den  unteren 
Rand  der  inneren  Mündung  des  obturatorischen  Canals  bildet.  Vom  Tuber- 
culum obturatorium  externum  entspringt  neben  anderen  nebensächlichen 
Strängen  ein  starkes  Band,  welches  strahlenförmig  sich  ausbreitend,  am 
gegenüberliegenden  Rande  des  eiförmigen  Loches  sich  befestigt.  Dieses 
Band  macht  ungefähr  die  Hauptmasse  der  Membrana  obturatoria  externa 
aus,  von  welcher  ungefähr  die  mittlere  Partie  des  äußeren  Musculus  ob- 
turatorius  entspringt.  Die  innere  Membran  mit  dem  hinteren  Rande  der 
obturatorischen  Furche  bildet  die  hintere  Wand  des  Canalus  obturatorius, 
während  die  äußere  Membran  mit  dem  vorderen  Furchenrand  die  schmälere 
Vorderwand  desselben  Durchlasses  formiert.  Bei  Abduction  der  unteren 
Extremitäten  spannt  sich  eines  der  für  den  äußeren  Muskel  bestimmten 
Bänder  an,  so  dass  sich  bei  Repositionsversuchen  im  Falle  einer  Ein- 
klemmung einer  obturatorischen  Hernie  die  Annäherung  der  betreffenden 
unteren  Extremität  an  die  andere  empfiehlt.  Auch  die  äußere  Membran 


über  seltenere  Brucharten. 


89 


endet  dort,  wo  ihr  Rand  die  Öffnung  des  subpubischen  Canals  umkreist, 
in  ein  verstärkendes,  mit  einem  scharfen  Rande  versehenes  Band. 

Der  innere  Musculus  obturatorius  entspringt  auf  der  ganzen  Innen- 
fläche der  inneren  Membran  und  an  den  Knochen,  welche  die  Umrandung 
des  eiförmigen  Loches  bilden;  nur  in  der  Gegend  der  inneren  Mündung 
des  subpubischen  Canals  entspringt  er  vom  scharfen  Rande  jener  Membran, 
welcher  die  untere  Hälfte  der  Mündung  bildet.  Es  ist  daher  ziemlich 
schwer,  den  inneren  Muskel  von  der  inneren  Membran  abzulösen,  da  es 
zwischen  diesen  Gebilden  keinen  freien  Raum  gibt.  Der  äußere  Muskel 
dagegen  besteht  aus  drei  Portionen,  welche  schon  äußerlich  mittelst  hin- 
durchtretender Gefäße  und  dazwischen  gelagerter  Fettstreifen  voneinander 
geschieden  sind.  Das  obere  Bündel  entspringt  von  dem  unteren  Rande  der 
äußeren  Mündung  des  Canales  und  den  umgebenden  Knochenrändern,  sowie 
von  der  dünnen  äußeren  obturatorischen  Membran.  Auch  das  mittlere 
Bündel  entspringt  von  der  äußeren  Membran  und  dem  Schambein  und  ist 
durch  Gefäß-  und  Nervenzweige  vom  vorigen  geschieden.  Die  dritte 
Portion  des  Muskels  entspringt  vom  Os  ischii,  doch  nicht  von  der  unteren 
Hälfte  der  einfachen  Membrana  obturatoria,  sondern  dieser  unterste  Muskel- 
antheil  ist  von  ihr  durch  eine  Schichte  Fettes  getrennt,  so  dass  die  ob- 
turatorischen Hernien  in  diesem  Räume  Platz  finden  könnten,  indem  sie 
jenen  Muskeitheil  emporhöben. 

Der  Canalus  subpubicus,  im  ganzen  etwa  3  cm  lang,  besteht  aus 
zwei  Theilen,  von  denen  der  äußere  von  oben  und  außen,  rückwärts  nach 
unten,  innen,  vorne,  der  andere  fast  horizontal  nach  vorne  verläuft.  Durch 
die  hintere  Mündung  des  obturatorischen  Canals.  welche  15 — 20  mm 
im  größeren,  8 — 10  mm  im  kleinen  Durchmesser  misst,  treten,  und  zwar 
in  der  hinteren  Hälfte  dieser  Öffnung,  der  Nerv,  sodann  die  Arterie,  endlich 
die  hier  noch  einfache  Vene  in  den  Canal  ein  und  verlaufen  in  der  äußeren 
Hälfte  desselben  allein,  während  die  innere  außerdem  von  einem  Fett- 
läppchen, das  ziemlich  beweglich  ist,  ausgefüllt  erscheint.  Die  äußere 
(vordere)  Öffnung  ist  nach  oben  von  der  subpubischen  Furche,  unten  vom 
bereits  erwähnten  bindegewebigen  scharfen  Rande  begrenzt,  sie  ist  von 
spindelförmiger  Gestalt  und  dient  in  seiner  äußeren  Partie  für  den  Nerv 
und  eine  größere  Vene,  in  seiner  inneren  für  eine  kleinere  Vene  und  die 
ungefähr  auf  die  Hälfte  reducierte  Arterie  zum  Durchtritte. 

Was  das  gegenseitige  Verhältnis  der  Gefäße  und  Nerven  zueinander 
betrifft,  so  liegi  die  Arterie  im  ganzen  genommen  nach  innen  und  unter- 
halb vom  Nerven,  wenn  sie  aus  der  Arteria  hypogastrica  entspringt.  Ist  die 
Arteria  obturatoria  ein  Zweig  der  Arteria  epigastrica,  so  umkreist  sie  das 
Schambein  und  legt  sich  ebenfalls  unter  den  Nerv  und  an  seine  Innenseite. 
Die  Arterie  zerfällt  stets  in  zwei  Zweige:  hievon  verläuft  der  eine  auch 
durch  die  innere  Hälfte  des  Canals  und  spaltet  sich  außerhalb  des  letzteren 


90 


Über  seltenere  Brucharten. 


in  die  muskulären  Endzweige:  der  zweite  Ast  geht  in  der  ersten  Hälfte 
des  Canals  vom  Hauptstamme  ab  und  steigt  zwischen  den  obturatorischen 
Membranen  vertical  am  hinteren  Rande  des  eiförmigen  Loches  nach  abwärts. 
Ein  Astchen  dieser  Arterie  ist  die  Arterie  .  des  Ligamentum  teres.  Eine 
doppelte  Vene  begleitet  einen  jeden  dieser  Arterienzweige.  Der  Nervus 
obturatorius,  aus  dem  zweiten,  dritten  und  vierten  Lendennervenpaare 
entspringend,  geht  durch  den  Musculus  psoas  hindurch  und  zieht  ungetheilt 
in  die  hintere  Mündung  des  obturatorischen  Canals  ein.  Ein  Zweig  dieses 
Nerven  läuft  durch  die  ganze  Länge  des  Canals  und  spaltet  sich  am 
oberen  Rande  des  äußeren  Muskels  in  die  Muskeläste  für  den  Obturator 
externus.  die  Adductoren  und  den  Vast.  internus:  der  andere  Zweig  durch- 
bohrt die  untere  Wand  des  Canals  und  tritt  zwischen  der  oberen  und 
mittleren  Muskelpartie  mit  einer  schwachen  Arterie  und  zwei  Venen  nach 
außen.  Auch  entlang  dieser  Gefäße  können  manche  subpubischen  Hernien 
nach  abwärts  treten. 

Der  innere  Musculus  obturatorius  ist  von  einer  Fascie,  sodann  vom 
Peritoneum  überzogen,  welches  beim  Manne  ziemlicli  fest  anliegt.  Die  innere 
Mündung  des  Leistencanals  ist  manchmal  durch  ein  seichtes  oder  tieferes 
Grübchen  markiert.  Bei  den  Frauen,  welche  zumeist  von  obturatorischen 
Hernien  befallen  werden,  hängt  das  präperitoneale  Fett  mit  dem  Fett- 
läppchen im  Inneren  des  Canals  zusammen.  Wenn  wir  das  letztere  anziehen, 
so  erzeugen  wir  in  der  Gegend  der  inneren  Mündung  ein  Grübchen. 

■  Die  erste  wichtigere  Publication  über  diese  Bruchart  erschien  1743 
im  ersten  Bande  der  „Memoires  de  l'academie"  von  Lecroissant  de 
Garengeot,  welcher  außer  zwei  eigenen  Beobachtungen  sämmtliche  damals 
bekannten  Fälle  zusammentrug.  Drei  sehr  genau  beobachtete  Fälle  mit 
instructiven  Abbildungen  veröffentlichte  im  Jahre  1853  Blazina  aus  der 
Prager  Klinik.  Die  letzte  Arbeit  über  diesen  Gegenstand  stammt  von 
Auerbach  aus  dem  Jahre  1890  (Münchener  Medic.  Wochenschrift). 

Was  die  einzelnen  Unterarten  dieses  Bruches  betrifft,  so  unterscheiden 
wir  mit  Fischer:  1.  die  subpubischen  Hernien  des  ganzen  Canals;  2.  eine 
subpubische  Hernie  mit  einer  secundären  Ausstülpung  zwischen  den  Partien 
des  vorderen  Muskels;  3.  die  Entwickelung  der  Hernie  zwischen  den  beiden 
Membranae  obturatoriae;  endlich  4.  die  Ausstülpung  zwischen  die  äußere 
Membrana  obturatoria  und  die  Hüftgelenkspfanne.  Picque  und  Poirier 
haben  die  bisher  bekanntgemachten  Beobachtungen  analysiert  und  erkannt, 
dass  thatsächlich  die  ersten  drei  Unterarten  unter  denselben  vertreten  sind, 
nur  die  vierte  konnte  durch  keine  Beobachtung  belegt  werden.  Mit  Rück- 
sicht auf  diese  Unterarten  sollte  man  sich  in  concreten  Fällen  erinnern, 
dass.  abgesehen  von  einer  unvollständigen  oder  interstitiellen  Abart  der 
ersten  gewöhnlichsten  Hernienkategorie,  noch  eine  Hernie  der  zweiten 
Kategorie  vorliegen  kann,  welche  demnach  vom  äußeren  Musculus  obtu- 


über  seltenere  Brucliarten. 


91 


Uoriz.  Ast  des 
Schambeines 


ratorius  bedeckt,  nach  Verziehung  des  Musculus  pectineus  nocli  nicht 
sichtbar  sein  muss  und  dass  man  demnach  auch  die  Gegend  unter  jenem 
Muskel  untersuchen  müsse. 

SämmtUche  genannte  Unterarten  der  obturatorischen  Hernie  haben 
ihren  Hals  stets  in  der  inneren  (hinteren)  Mündung  des  subpubischen  Canals. 
Freilich  entwickelt  sich  beim  Durchtritte  der  Hernie  durch  den  ganzen 
Canal  oder  beim  Durchtritte  zwischen  der  oberen  und  mittleren  Muskel- 
partie noch  ein  zweiter  vorderer  Bruchsackhals.  Die  Lage  der  Gefäße  zum 
Bruchsackhalse  ist  durchaus  nicht  so  constant,  dass  man  die  Richtung  des 
debridierenden  Schnittes  hieraus  ableiten 
könnte.  Auerbach  sagt  über  diese 
Beziehungen,  dass  wenn  die  Arteria  ob- 
turatoria  aus  der  Arteria  hypogastrica 
entspringt,  sie  mehr  gegen  die  untere 
Hälfte  des  Canals  gelegen  ist,  wogegen 
wenn  sie  aus  der  Arteria  epigastrica 
stammt,  sie  sich  mehr  gegen  die  obere 
Peripherie  hinhält;  es  kommt  jedoch  auch 
vor,  dass  Zweige  beider  Arterien  gegen 
die  Canalöffnung  hinstreben  und  sodann 
entweder  vereinigt  oder  getrennt  durch 
denselben  verlaufen.  Im  ganzen  lässt 
sich  der  allgemeine  Befund,  einige  Aus- 
nahmsfälle unberücksichtigt  lassend,  dahin 
zusammenfassen,  dass  bei  der  ersten 
Varietät  der  Brachsack  auf  den  Gefäßen 
(Fig.  42),  bei  der  zweiten  und  dritten 
Unterart  jedoch  die  Gefäße  auf  dem 
Bruchsackhalse  ruhen.  Abweichungen  be- 
züglich des  Innen  und  Außen  hängen 
von  der  Richtung  des  mehr  nach  innen 
oder  nach  außen  sich  hinlagernden  Bruchsackes  ab. 

Der  Bruchsack  besteht,  wenn  er  durch  die  äußere  Mündung  des  Canals 
hervortritt,  ausschließlich  aus  dem  Peritoneum.  Bei  einer  Unterart  der 
zweiten  Hernienart  bildet  der  wenn  auch  verdünnte  Musculus  obturatorius 
externus  gleichfalls  eine  Schichte  der  Hernie,  wiewohl  manche  Beobachter 
bald  aus  der  Fascia  pelvis,  bald  aus  der  Fascia  iliaca  — ■  im  letzteren 
Falle  allerdings  irrthümlich  —  eine  accessorische  Schichte  dieser  Bruchart, 
demnach  gleichsam  eine  Fascia  propria  hernise  (Labbe)  herleiteten. 

Als  Inhalt  der  obturatorischen  Hernie  wurde  zumeist  Darm  an- 
getrofPen.  Nach  Englisch  fand  man  unter  160  Fällen  146mal  Dünndarm 
als  Inhalt  dieser  Bruchart.  Selten  findet  sich  darin  der  Processus  vermi- 


Musc.  et 
S  memb.  obt. 

Fig.  42. 

Verticaler  Durchschnitt  des  Bruch- 
sackes einer  linksseitigen  Hernia  ob- 
turatoria,  von  innen  gesehen.  Lateral- 
hernie.  Der  Darm  entfernt.  (S.  Ab- 
bildung einer  Hern.  obt.  incarcerata.) 

Das  art.   Gefiiß  in  seinem  Verlaufe  durch 
Punkte    ersichtlich    gemacht.  Bruchhülle 
doppelt:  Peritoneum  und  Fascia  pelvis.  Außen 
noch  Auflagerungen. 


92 


Über  seltenere  Brucharten. 


formis,  ein  Darmdivertikel.  ein  Fettanhängsel  oder  ein  Netzzipfel.  Der  Darm 
ist  im  Bruche  entweder  als  Schlinge  vorhanden  oder  man  findet  bloß  einen 
Theil  der  Darmperipherie  im  Bruchsackhalse.  Verhältnismäßig  oft,  von  der 
Nähe  der  Kleinbeckeneingeweide  bedingt,  findet  man  als  Bruchinhalt  die 
Blase  (4mal),  die  Tuba  mit  dem  Ovarium  (7  mal),  oder  die  Gebärmutter 
(Blazina).  Sehr  oft  meldet  man  auch  die  innige  Verwachsung  der  vor- 
getretenen Eingeweide  mit  dem  Bruch  sacke,  was  natürlich  den  Gang  der 
Operation,  besonders  einer  eingeklemmten  Hernie  dieser  Art,  bedeutend 
erschwert. 

Bezüglich  der  Entstehung  dieser  Bruchart  concurrieren  mehrere 
fördernde  Umstände.  Nach  einigen  Beobachtungen  scheinen  Bruchsäcke, 
wenn  auch  geringer  Dimensionen,  bereits  lange  Zeit  vor  Entstehung  der 
eigentlichen  Brüche  zu  bestehen,  wenigstens  trifft  man  ab  und  zu  Fälle,  in 
denen  leere  obturatorische  Bruchsäcke  vorhanden  sind.  (Die  beigegebene 
Abbildung  Fig.  43  illustriert  einen  Fall  von  obturatorischer  Hernie,  in  dem 
gleichzeitig  auch  noch  ein  äußerer  Leistenbruchsack  und  ein  ischiadischer 
deutlich  ausgeprägt  ist).  Bei  Vorhandensein  einer  solchen  Prädisposition 
genügt  eine  unerwartet  hohe  Steigerung  des  intraabdominalen  Druckes, 
um  durch  den  günstig  gelegenen  subpubischen  Canal  (bei  seinem  infolge 
der  Beckenneigung  verticalen  Verlaufe)  ein  Eingeweide  nach  außen  zu 
pressen.  Eine  Schwächung  dieser  Gegend  durch  Schwund  des  präperi- 
tonealen Fettes,  vielleicht  auch  eine  Atrophie  des  äußeren  obturatorischen 
Muskels  begünstigen  die  Entstehung  der  obturatorischen  Hernie.  Auch  die 
Roser'sche  Theorie  vom  allmählichen  Hervorzerren  des  Peritoneums  durch 
Lipome  des  präperitonealen  Fettgewebes,  welche  sich  durch  den  sub- 
pubischen Canal  nach  außen  drängen,  wurde  zur  Erklärung  der  Genese 
dieser  Bruchart  herangezogen,  wiewohl  einige  Beobachter  auch  die  plötzliche 
Entstehung  des  Bruches,  demnach  die  gleichzeitige  Vorstülpung  eines  Bruch- 
sackes und  sofortige  Füllung  desselben  mit  Inhalt,  zugeben. 

Die  Diagnose  der  eben  abgehandelten  Hernie  scheint  eine  ziemlich 
schwierige  Aufgabe  zu  sein,  da  Auerbach  unter  35  in  den  Jahren 
1870 — 1885  veröffentlichten  Fällen  nur  20  (=  57  Percent)  richtig  erkannte 
Fälle  anführt,  wogegen  die  anderen  entweder  überhaupt  nicht  erkannt  oder 
mit  anderen  Krankheiten  verwechselt  worden  sind.  Nach  Englisch 
wurde  unter  165  Fällen  nur  35mal  eine  richtige  Diagnose  gestellt.  Auf 
Grund  gemachter  Erfahrungen  muss  man  demnach  auch  darauf  bedacht 
sein,  eine  Hernia  obturatoria  auch  dann  zu  erkennen,  wenn  äußerlich 
keine  Schwellung  am  typischen  Orte  sichtbar  ist.  Unter  anderen  Symptomen, 
auf  welche  Rücksicht  zu  nehmen  wäre,  ist  das  sogenannte  Romberg'sche 
Symptom  zu  nennen,  d.  h.  eine  Neuralgie  im  Bereiche  des  obturatorischen 
Nerven,  offenbar  durch  Druck  auf  diesen,  gleichzeitig  mit  der  Arterie  und 
den  Venen  durch  den  gleichnamigen  Canal  nach  außen  tretenden  Nerven 


über  seltenere  Brucharten. 


93 


bedingt.  Dieses  Symptom  wird  für  so  wichtig  gehalten,  dass  einige 
Chirurgen  einzig  und  allein  auf  Grund  desselben  die  Operation  der  obtu- 
ratorischen,  äußerlich  nicht  erkennbaren  Hernie  unternommen  haben.  Es 
muss  jedoch  darauf  hingewiesen  werden,  dass  dieses  Symptom  in  einigen 
Fällen  der  Hernia  obturatoria  nicht  beobachtet  worden  ist,  sodann  darauf, 
dass  sich  dasselbe  auch  durch  andere  krankhafte  Zustände  erklären  ließe 
und  auch  auf  solche  bezogen  worden  ist.  So  bezog  man  das  Romberg'sche 
Symptom  einmal  auf  Hysterie,  ein  andermal  auf  Rheumatismus,  ja  im  Falle 
des  Entdeckers  selbst  regten  die  gleichzeitig  vorhandenen  Schulterschmerzen 


Lig.  Poup. 


Bruchsack  einer 
Hernia  crur. 
(leer) 


Hern,  obtur. 

(Bruclisack  einer 

Hernia  isch. 
(über  dem  Muse, 
pyr.) 


bympliyse 


Fig.  43. 

Hernia  obtiirat.  s.    Ansicht  vom  kleinen  Becken  aus. 

den  Gedanken  an  eine  Neuralgie  an.  Ein  andermal  verleitete  ein  vorausge- 
gangener Schenkelhalsbruch  oder  das  gleichzeitig  vorhandene  Malum  Pottii 
zu  einer  anderen  Diagnose.  Landerer  beobachtete  ein  ähnliches  Symptom 
bei  einer  acuten  Osteomyelitis  des  Randes  des  obturatorischen  Canals.  In 
diesem  Falle  hätte  das  Symptom  besonders  leicht  zu  einer  Hernienoperation 
verleiten  können,  weil  gleichzeitig  Zeichen  des  Ileus  vorhanden  waren,  der 
seinerseits  wieder  durch  Verwachsung  der  torquierten  Flexur  mit  der 
Mündung  des  obturatorischen  Canals,  in  dessen  Nähe  der  Eiterherd  lag, 
bedingt  war.  Nachträglich  wurde  ein  Sequester  an  dieser  Stelle  entfernt. 

Erinnern  wir  uns  weiter,  dass,  wiewohl  der  Ursachen  für  Neuralgie 
des  Nervus  obturatorius  recht  wenige  sind,  wir  dennoch  zugeben  müssen, 


94 


über  seltenere  Brucharten. 


dass  es  auch  reflectorisclie  Neuralgien  desselben  geben  könne,  weiter  dass 
Schmerzen  im  Bereiche  des  Obturatorius  mit  ähnlichen  im  Nervus  cruralis. 
oder  im  inneren  Schenkelhautnerven  verwechselt  werden  können,  welche 
nach  0 1  s  h  a  u  s  e  n  eine  Parametritis,  nach  G  r ü  n  f  e  1  d  Gebärmutterkrank- 
heiten überhaupt,  nach  Krönlein  eine  Peritonitis  u.  s.  f.  begleiten.  Aus 
allem  dem  geht  hervor,  dass  das  Romberg'sche  Phänomen  ein  sehr  wert- 
voller diagnostischer  Behelf  ist,  dass  wir  uns  aber  für  den  Fall  der  Ab- 
wesenheit desselben  nach  anderen  Zeichen  umsehen  müssen,  welche  es 
ersetzen  könnten,  und  auch  für  den  Fall  des  Vorhandenseins  desselben  die 
Vermuthung  einer  obturatorischen  Hernie  noch  weiter  sichern  müssen.  In 
dieser  Beziehung  ist  die  Untersuchung  der  äußeren  und  inneren  Mündung 
des  subpubischen  Canals  unumgänglich  nöthig.  Eine  beschränkte,  ziemlich 
bedeutende  Schmerzhaftigkeit  an  der  Stelle,  wo  der  Nerv  und  die  Gefäße 
in  den  Canalis  exturatorius  eintreten,  dürfte  in  äußerst  wenigen  Fällen 
fehlen.  Besonders  sollte  also  eine  regelmäßige  Untersuchung  des  Eintrittes 
in  den  obturatorischen  Canal  in  keinem  Falle  von  Ileus,  welcher  ja  ab 
und  zu  durch  eine  verborgene  Hernia  obturatoria  bedingt  sein  könnte, 
unterlassen  werden:  bei  der  Frau  mittels  der  Untersuchung  per  vaginam, 
beim  Manne  per  rectum.  Bei  der,  besonders  bimanuellen  Untersuchung 
müsste  man  auch  einen  durch  das  kleine  Becken  zur  inneren  Öffnung  des 
subpubischen  Canals  tastbaren  Strang  durchtasten  können.  Doch  muss  man 
sich  stets  vor  Augen  halten,  dass  derselbe  je  nach  dem  Inhalte  der  Hernie 
aus  einer  Darmschlinge  oder  auch  nur  aus  einem  Netzzipfel  oder  aus  der 
Tuba  oder  einem  anderen  der  kleineren  röhrenförmigen  Anhängsel  des 
Darmes,  z.  B.  dem  Meckel'schen  Divertikel  oder  dem  Processus  vermiformis 
bestehen  kann. 

Bei  weitem  leichter  ist  die  Unterscheidung  der  Hernia  obturatoria. 
wenn  in  der  Gegend  unter  dem  Pectineus  irgend  eine,  selbst  noch  so 
kleine  Schwellung  wahrgenommen  wird.  Dieselbe  kann  allerdings  auch 
bezüglich  ihrer  Provenienz  und  ihres  Wesens  falsch  gedeutet  werden,  so 
z.  B.  muss  man  sich  insbesondere  vor  der  Verwechslung  mit  einer  Schenkel- 
hernio  inacht  nehmen,  da  die  obturatorische  Hernie  unter  Umständen  einem 
Schenkelbruche  sehr  ähnlich  sein  kann;  doch  hat  diesbezüglich  schon 
H  e  a  t  h  darauf  hingewiesen,  dass  die  Hernie  des  eirunden  Loches  doch 
mehr  in  der  Tiefe  gelegen,  insbesondere  aber  von  einer  dickeren  Schichte 
von  Weichtheilen,  namentlich  in  den  Anfangsstadien,  gedeckt  ist.  Man  muss 
jedoch  im  allgemeinen  auch  daran  festhalten,  dass  die  Hernia  obturatoria 
doch  mehr  nach  unten  und  innen  von  dem  Sitze  des  gewöhnlichen 
Schenkelbruches  gelegen  ist,  und  vor  allem,  dass  der  Stiel  einer  Hernia 
obturatoria  gewöhnlich  nicht  tastbar  und  jedenfalls  nicht  gegen  den  Crural- 
canal  hinzieht.  Gegen  die  sogenannte  pectineale  Unterart  des  Schenkel- 
bruches, welche  sich  in  die  Substanz  des  Musculus  pectineus  einlagert. 


über  seltenere  Brncharten. 


95 


kann  man  den  subpubischen  Bruch  äußerlich  wohl  sehr  schwer  unter- 
scheiden, außer  wenn,  wie  in  der  Beobachtung  von  Nicaise,  beide  Brüche 
sich  gleichzeitig  entwickelt  hätten.  Von  den  übrigen  Krankheiten,  welche 
statt  einer  Hernia  obturatoria  bereits  diagnosticiert  worden  sind,  wollen  wir 
nur  Abscesse  der  Leistengegend.  Inversion  der  Grebärmutter  (!),  ein  Lipom, 
endlich  eine  verhärtete  Lymphdrüse,  einen  Varix,  ein  Aneurysma  nennen. 
Doch  auch  andere  pathologische  Processe  wurden  statt  einer  Hernia 
obturatoria  vorübergehend  oder  definitiv  diagnosticiert,  z.  B.:  ein  mit  dem 
Darm  communicierender  Abscess,  welcher  entlang  der  subpubischen  Gefäße 
nach  außen  sich  gesenkt  hatte  und  unter  Erscheinungen  einer  inneren  Ein- 
klemmung verlaufen  war.  wurde  längere  Zeit  für  eine  unter  dem  horizontalen 
Schambeinaste  hervortretende  Hernie  gehalten. 

Wir  wollen  an  dieser  Stelle  der  obturatorischen  Hernie  den  Sections- 
befund  eines  nicht  operierten  Falles  anführen:  Die  obere  Partie  des 
Dünndarmes  hochgradig  ausgedehnt,  die  untere  vollständig  zusammen- 
gezogen und  im  kleinen  Becken  gelagert.  Auch  das  Scrotum  war  voll- 
ständig contrahiert.  Die  Partie  dea  Dünndarmes,  welche  25  cm  von  der 
ileocöcalen  Klappe  gelegen  ist,  verläuft  schief  von  hinten  und  von  links 
nach  rechts  zu  der  rechtsseitigen  Seitenwand  des  kleinen  Beckens  in  Form 
einer  langen  Schlinge,  die  brückenartig  das  kleine  Becken  überschreitet 
und  am  Foramen  obturatorium  befestigt  ist.  Der  zuführende  Arm  liegt 
nach  rechts,  der  abführende  nach  hnks.  Der  letztere  steigt  ins  kleine  Becken 
herab  und  kehrt  auf  der  rechten  Seite  dieses  Raumes  und  zwar  hinter 
jener  Schlinge  zum  Blinddarme  zurück.  Die  erwähnte  Schlinge  bedeckt  die 
rechte  Hälfte  der  Gebärmutter;  diese  selbst  ist  aufgerichtet,  gegen  die  Blase 
hingedrängt  und  nach  rechts  hin  gebeugt.  Man  fand,  dass  das  Ende  der 
Schlinge  im  Canalis  obturatorius  gelegen  war,  aus  welchem  der  abführende 
Arm  durch  einen  mäßigen  Zug  hervorgezogen  werden  konnte.  Die  Ränder 
der  hinteren  Öffnung  desselben  waren  grünlichschwarz,  dünn  und  brüchig, 
der  zuführende  Arm  im  Canal  fixiert.  Das  Bauchfell  tritt  von  der  Vorder- 
wand des  kleinen  Beckens  in  den  subpubischen  Canal  ein  und  bildet 
darin  eine  breiartig  zerfließende  Masse.  Neben  einer  ungefähr  4  cm  langen 
Darmschlinge,  deren  zuführender  Arm  offen  ist  und  in  welchem  ein  Kaut- 
schukrohr steckt,  befand  sich  als  Inhalt  im  Bruche  die  Tuba  mit  dem 
rechtsseitigen  breiten  Mutterbande  und  dem  Ovarium.  Der  Bruchsack  ist 
durch  den  obturatorischen  Canal  halsförmig  zusammengeschnürt,  für  den 
Zeigefinger  durchgängig,  und  misst  17  7nm  in  der  Peripherie.  Die  Arteria 
obturatoria.  welche  in  diesem  Falle  aus  der  Arteria  hypogastrica  entsprang, 
tritt  in  Begleitung  des  Nerven  von  der  Außenseite  in  den  Canalis  obtu- 
ratorius. Auch  auf  der  anderen  Seite  ist  bereits  ein  kleiner  Bruchsack 
in  der  identischen  Gegend  angelegt,  welcher  jedoch  bloß  für  die  Spitze 
des  kleinen  Fingers  durchgängig  ist. 


96 


über  seltenere  Brucharten. 


In  der  Nähe  dieses  Bruches  tritt  eine  andere  Hernie  aus  dem  Becken, 
welche  den  Namen 

b)  Hernia  ischiadica 

trägt.  Dieser  seltene  Bruch,  zuerst  im  Jahre  1750  von  Papen  (Göttingen) 
beschrieben,  figurierte  in  den  neueren  Lehrbüchern  häufig  in  der  verhältnis- 
mäßig großen  Zahl  von  29  Fällen,  doch  hat  Garre  in  der  letzten  Zeit  (1892) 
klargestellt,  dass  nur  ein  geringer  Theil  derselben  thatsächlich  ischiadische 
Hernien  sind.  Bloß  10  Fälle  von  den  genannten  (außer  seiner  eigenen  Be- 
obachtung) hat  er  als  wirkliche  Brüche  des  Hüftsitzbeinausschnittes 
constatieren  können,  wenn  wir  uns  nämlich  nach  der  von  ihm  gegebenen 
Definition  richten.  Derselbe  sagt:  „Unter  dem  Namen  Hernia  ischiadica 
fassen  wir  diejenigen  Bruchformen  zusammen,  welche  durch  einen  der 
beiden  hinteren  Hüftbeinausschnitte,  die  Incisura  ischiadica  major  und 
minor,  aus  dem  Becken  unter  die  äußeren  Bedeckungen  treten."  Nach  seiner 
Beschreibung  ist  eigentlich  die  Möglichkeit  für  den  Austritt  solcher  Brüche 
an  drei  Stellen  gegeben,  und  zwar  dadurch,  dass  die  Incisura  ischiadica 
major  durch  den  birnförmigen  Muskel  in  der  Weise  überbrückt  ist,  dass 
also  sowohl  an  seinem  oberen  (ein  hergehöriger  leerer  Bruchsack  ist  in  Fig.  43 
abgebildet)  als  auch  am  unteren  Rande  eine  spaltförmige  Öffnung  bleibt. 
An  beiden  diesen  Stellen  treten  regelmäßig,  und  zwar  oben,  die  Arteria 
und  Vena  glutea  superior,  durch  die  untere  die  Arteria  und  Vena  glutea 
inferior,  beide  in  Begleitung  des  gleichnamigen  Nerven,  nach  außen.  Durch 
die  letztere  verläuft  außerdem  noch  die  Arteria  pudenda  und  meistens 
auch  der  mächtige  Nervenstamm  des  Ischiadicus.  Diese  beiden  Öffnungen 
können  Bruchpforten  werden.  Die  dritte  Stelle  endlich  bildet  die  Incisura 
ischiadica  minor  selbst. 

Diese  sämmtlichen  drei  Unterarten  sind  gegenüber  einer  anderen 
weiter  zu  erwähnenden  Hernie,  nämlich  der  sogenannten  ischio-rectalen 
oder  hinteren  Abart  des  Mittelfleischbruches,  dadurch  charakterisiert,  dass 
sie  sämmtlich  das  Ligamentum  tuberoso- sacrum  unter  sich  haben,  während 
dieses  Band  bei  der  erwähnten  perinealen  Hernie  stets  den  oberen  Rand 
der  Bruchpforte  bildet.  Auch  außen  sind  sich  diese  zwei  Hernien  dadurch 
ungemein  ähnlich,  dass  sie  beide  fast  an  derselben  Stelle,  nämlich  am 
unteren  Rande  des  großen  Gesäßmuskels,  sichtbar  werden,  allerdings  die 
eine  sofort  wie  sie  aus  dem  Bruchcanal  heraustritt,  die  andere  jedoch  erst 
nachdem  sie  einen  längeren  oder  kürzeren  Weg  unterhalb  des  Gesäßmuskels 
zurückgelegt  hatte.  Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  sich  diese  Brüche  desto 
ähnlicher  werden,  je  mehr  sie  an  Umfang  zunehmen  oder  wenn  der  sie 
trennende  Strang  bei  der  Erweiterung  des  Einklemmungsringes  durch- 
geschnitten wird.  Es  sollten  also  die  Beziehungen  beider  Brüche  zu  dem 
erwähnten   Ligamentum   tuberoso-sacrum   stets    vor   der  Durchtrennung 


über  seltenere  Brucharten. 


97 


sichergestellt  werden  müssen,  wenn  ein  Bruch  in  die  eine  oder  die  andere 
Kategorie  eingereiht  werden  soll.  In  den  Gar re 'sehen  Fällen  wurde  die 
Diagnose  sechsmal  durch  die  Autopsie  oder  durch  die  Operation  bestätigt, 
während  in  dem  von  Papen  selbst  an  Hauer  mitgetheilten  Falle  eine 
Hernia  perinealis  ischio-rectalis  vorgelegen  wäre,  da  derselbe  selbst  sagt, 
dass  diese  „Hernia  dorsalis  sub  ligamento  sacro-ischiadico  ex  pelvi  exiret." 
Diese  Hernien  können  angeboren  oder  erworben  sein  und  kommen  bei  beiden 
Geschlechtern  vor  (5  Weiber  und  2  Männer)  zwischen  46  und  52  Jahren; 
sie  kommen  links  und  rechts  vor,  ihr  Inhalt  kann  Darm,  Ovarium  und 
sogar  ein  Blasendivertikel  sein.  Incarceration  wurde  dreimal  und  zwar  am 
Darm  und  Ovarium  beobachtet.  Die  Größe  der  Hernien  kann  apfel-  bis 
kindskopfgroß  sein,  jedoch  scheinen  die  lang  ausgezogenen,  bis  zu  den 
Knien  herabreichenden  Hernien  eher  zu  den  perinealen  Brüchen  gerechnet 
werden  zu  müssen. 

Das  folgende  Beispiel  einer  Hernia  ischiadica  stammt  von  einem  auf 
der  normalen  Anatomie  gemachten  Sectionsbefunde :  Vor  allem  wurde  auf 
der  hinteren  Wand  des  kleinen  Beckens  eine  Peritonealausstülpung  vor- 
gefunden und  direct  vor  ihr  lag  der  Eierstock  derselben  Seite.  Die  breiten 
Mutterbänder  waren  bedeutend  verlängert  und  die  Gebärmutter  vergrößert. 
Wenn  man  die  Gebärmutter  gegen  die  Schamfuge  anzog,  so  zeigte  sich  die 
Arteria  hypogastrica  als  eine  scharfe  Falte,  von  welcher  einige  secundäre 
sichelförmige  Fältchen  hervorkamen  und  die  Bruchpforte  umfiengen.  Auf 
der  äußeren  Seite  verlief  die  Arteria  obturatoria,  deutlich  unter  dem  Peri- 
toneum kenntlich.  Die  Bruchpforte  war  kreisförmig,  im  Durchmesser  ungefähr 
2  cm  messend.  Durch  dieselbe  gelangte  man  in  einen  4 — 5  cm  langen 
Bruchsack,  welcher  eng,  in  der  Mitte  durch  eine  Querfalte  abgetheilt  war. 
Der  Bruchsackhals  wurde  nach  obenhin  durch  den  Rand  des  großen  Hüft- 
sitzbeinausschnittes umkreist,  unten  vom  leicht  verschiebbaren  oberen  Rande 
des  birn  förmigen  Muskels.  Es  trat  demnach  die  Hernie  am  oberen  Rande 
dieses  Muskels  und  zwar  in  Begleitung  des  kleinen  Nervus  gluteus  superior 
nach  außen,  während  eine  starke  Arterie  desselben  Namens  an  der  hinteren 
Peripherie  dieser  Öffnung  gelegen  ist,  wo  sie  aus  einem  kleinen  dreieckigen 
Räume,  welcher  von  dem  Muskel,  dem  Hüftbeinausschnitt  und  dem  Bruche 
begrenzt  ist,  nach  außen  tritt  und  sofort  in  eine  Reihe  von  kleineren  Asten 
zerfällt,  von  denen  einer  quer  über  dem  Bruchsackhals  verläuft.  Der  dicke 
Rand  des  mittleren  Gesäßmuskels  deckt  zur  Hälfte  den  Bruch  und  ist  von 
ihm  durch  eine  Schichte  lockeren  Zellgewebes  getrennt. 

<-)  Der  Mittelfleisclibruch  (Hernia  perinealis). 

Die  verschiedenen  Unterarten  dieser  Bruchart  haben  das  gemein- 
schaftliche Merkmal,  dass  sie  durch  den  muskulösen  Abschluss  am  Grunde 

M  a  y  d  1,  Specielle  Chirurgie.  I.  7 


98 


über  seltenere  Brucharten. 


des  kleinen  Beckens  nach  außen  treten,  sich  sodann  in  der  Gegend  darunter 
ausbreiten,  und  zwar  entweder  im  Perineum  selbst,  oder  in  der  hinteren 
Partie  der  großen  Schamlippe  beim  Weibe,  doch  auch  in  der  vorderen 
Wand  des  Mastdarmes,  und  endlich  in  der  vorderen  oder  hinteren  Wand 
der  Scheide.  Dementsprechend  nannte  man  diese  Hernie  auch  Hernia 
perinei,  Hernia  pudendalis,  Hernia  rectalis  und  Hernia  vaginalis.  Eigent- 
liche Mittelfleischbrüche,  d.  h.  solche,  welche  bis  unter  die  Haut  des  Peri- 
neums nach  außen  treten,  selten  in  der  Mittellinie,  häufiger  aber  zwischen 
dem  After  und  zwischen  dem  Tuber  osis  ischii  sichtbar  werden,  kennen 
wir  nur  aus  wenigen  Beispielen,  d.  h.  aus  ungefähr  30  annähernd  sicher- 
gestellten Beobachtungen.  Die  erste  richtige  Beschreibung  einer  solchen 
Hernie  stammt  von  Scarpa  her,  aus  dem  Jahre  1822. 

Ebner,  welcher  zuletzt,  und  zwar  im  Jahre  1887,  diese  Bruchart 
monographisch  bearbeitete,  kam  durch  häufige  Präparation  des  Perineums 
zii  der  Ansicht,  dass  der  Bauchfellüberzug  des  Kleinbeckenbodens  bis  zum 
Trigonum  Lieutändii  beim  erwachsenen  Manne  und  bis  zum  hinteren 
Laquear  beim  erwachsenen  Weibe  herabreiche,  dass  demnach  die  Entfernung 
des  Bauchfells  vom  Beckenboden  bedeutend  ist,  und  zwar  sowohl  im 
Douglas'schen  Räume,  als  auch  zu  beiden  Seiten  der  Harnblase,  und  dass 
man  sich  die  Entstehurig  von  Perinealhernien  demnach  nur  derart  vor- 
stellen kann,  indem  ausnahmsweise  eine  Peritonealausstülpung  außerordent- 
lich tief  zwischen  Scheide  und  Mastdarm,  oder  zwischen  dem  letzteren  und 
die  Vorsteherdrüse  herabreicht. 

Nach  Ziegenspeck  theilen  die  Douglas'schen  Falten  den  recto- 
vesicalen,  resp.  recto vaginalen  Raum  in  zwei  übereinander  liegende  Ab- 
theilungen, und  zwar  eine  obere  klaffende  und  eine  untere,  welche  eigent- 
lich nur  einen  capillaren  Spalt  vorstellt  und  erst  eröffnet  wei'den  muss, 
wenn  eine  der  oben  erwähnten  Abarten  des  Mittelfleischbruches  entstehen 
soll.  Thatsächlich  reicht  bei  neugeborenen  Kindern  der  Douglas'sche  Raum 
noch  weiter  nach  abwärts;  bei  Mädchen  bedeckt  das  Peritoneum  noch  das 
obere  Drittel  der  Scheide,  bei  Knaben  reicht  die  Peritonealfalte  bis  zum 
Scheitel  der  Vorsteherdrüse.  Je  jünger  der  Fötus  oder  der  Embryo  ist. 
desto  weiter  nach  abwärts  reicht  die  Peritonealhöhle,  bei  Knaben  z.  B.  bis 
zur  Pars  membranacea  urethraä. 

Die  zur  Bildung  eines  Peritonealbruches  disponierenden  Divertikel 
des  Douglas'schen  Raumes  wären  demnach  gewissermaßen  angeborene  Defecte 
(Ebner,  0.  Zuckerkandl).  Der  zukünftige  Inhalt  einer  solchen  Hernie 
würde  so  weit  nach  abwärts  rücken,  dass  er  auf  das  Septum  recto-urethrale 
(bei  der  Frau  urethro- vaginale  und  recto-vaginale)  stoßen  würde,  wodurch 
derselbe  für  einige  Zeit  aufgehalten,  jedenfalls  aber  vom  weiteren  Fort- 
schreiten in  der  Mittellinie  abgelenkt  und  gegen  die  eine  oder  die  andere 
Seite  der  Prostata  oder  Vagina,  also  in  das  linke  oder  rechte  Cavum 


über  seltenere  Bruch  arten. 


99 


ischiorectale  hingedrängt  würde,  worauf  derselbe  auf  die  obere  Fläche  des 
Levator  ani  aufzuliegen  käme.  Wenn  wir  die  Zusammensetzung  dieses 
Muskels  etwas  genauer  besehen,  so  können  wir  nach  Henle  ziemlich 
regelmäßig  folgende  Abtheilungen  unterscheiden:  Derselbe  besteht  nämlich 
aus  dem  Levator  ani  im  engeren  Sinne,  aus  dem  Musculus  ischiococcygeus 
und  dem  Musculus  coccygeus,  welche  voneinander  durch  deutliche  Spalten 
abgetheilt  sind.  Durch  eine  dieser  Spalten,  welche  beim  Hunde  constant 
sind  und  die  einzelnen  Abschnitte  des  Muskels  sondern,  tritt,  die  Hernia 
perinealis  nach  außen. 

Eine  wesentliche  Bedingung  der  Entstehung  der  Perinealhernie  ist 
also  der  niedrige  Stand  der  Douglas'schen  Falte.  Andere  gelegentlichen 
Ursachen,  z.  B.  Trauma,  eine  hochgradige  Einwirkung  der  Bauchpresse 
oder  eine  Zerreißung  der  Mittelfleischmuskulatur,  müssen  nach  dieser  An{- 
fassung  abgelehnt  werden,  außer  ihr  schließlicher  Effect  würde  so  gedeutet 
werden,  dass  durch  sie  in  einen  präexistierenden  Raum  Inhalt  eingepresst 
würde,  durcli  einen  ähnlichen  Mechanismus,  wie  er  bei  den  plötzlich  ent- 
stehenden Leistenbrüchen  mit  angeborenen  Bruchsäcken  geltend  ge- 
macht wird. 

Die  Bedeckungen  eines  perinealen  Bruches  würden  demnach  be- 
stehen: aus  dem  Peritoneum,  aus  dem  extraperitonealen  Fett,  sodann  aus 
d(?r  Beckenfascie,  welche  die  obere  Fläche  des  Diaphragma  pelvis  überzieht, 
endlich  aus  dem  ischiorectalen  Fett  und  der  Haut.  Doch  auch  die  Mast- 
darmwand könnte  durch  die  erwähnten  Spalten  hindurchgepresst  werden, 
„ein  Fall,  welcher  öfters  beim  Hunde  beobachtet  wird,"  worauf  freilich  ein 
Peritonealüberzug  diesem  Brache  abgienge.  Dies  wäre  dem  Inhalte  nach 
ein  echter  Rectal-  oder  Mastdarmbruch.  Dasselbe  gilt  vorne  auch  von  der 
Blasenwand. 

Hager  (1838)  machte  einen  Versuch,  die  Perinealbrüche  in  Unter- 
abtheilungen zu  zerlegen,  indem  er  ihre  Beziehungen  zum  Musculus  trans- 
versus  hervorhob.  Er  theilte  sie  in  vordere  und  hintere  Perinealbrüche,  je 
nachdem  sie  vor  oder  hinter  dem  Musculus  transversus  perinei  gelegen 
waren.  Diese  Eintheilung  kümmerte  sich  nicht  um  die  erwähnten  Spalten 
im  Musculus  levator  ani,  durch  welche  die  eigentlichen  Perinealhernien 
nach  außen  treten,  noch  darum,  dass  die  nach  Hager  sogenannten  vorderen 
Mittelfleischbrüche  in  -  Wirklichkeit  gar  nicht  beobachtet  werden  können. 

Ebner  unterscheidet: 

I.  einen  completen  Perinealbruch  beim  Manne,  welcher  aus  der 
Bauchhöhle  zwischen  dem  Mastdarm  und  der  Blase  hervortritt  und  unter 
der  Haut  entweder  in  der  Nähe  des  Afters  (als  Hernia  perinealis  postica) 
oder  in  der  Nähe  des  Scrotums  (als  Hernia  perinealis  ant.)  sichtbar  wird. 
Bei  der  Frau  tritt  diese  Hernie  zwischen  dem  ,  Mastdarm  und  der  Gebär- 
mutter nach  außen  und  liegt  entweder,  wie  beim  Manne,  in  der  Nähe  des 

7* 


100 


über  seltenere  Brucharten. 


Afters  (als  Hernia  perin.)  oder  sie  dringt  durch  die  große  Schamlippe  von 
hintenher  ein  und  wird  zur  Hernia  labii  majoris  post.  (gleich  der  Hernia 
perinei  ant.  beim  Manne).  Daneben  unterscheidet  Ebner  eine  unvoll- 
ständige Hernie,  wo  die  Hernien  am  Grunde  des  kleinen  Beckens  stehen 
bleiben  und  äußerlich  keine  Hervorragungen  bilden.  Wenn  diese  Säcke 
sammt  dem  Inhalte  in  den  Mastdarm  hinein  sich  einstülpen,  so  entsteht 
eine  echte  Hedrocele  oder  ein  Mastdarmbruch  (in  diesem  Falle 
nach  der  anatomischen  Region  benannt),  oder  vrenn  dies  gegen  die  Blase 
hin  geschieht,  eine  Hernia  vesicalis  oder  ein  Blasenbruch.  Bei  der 
Frau  entsteht  statt  der  letzteren  eine  Hernia  vaginalis  posterior. 

Diese  Hernien  treten  durch  die  Spalten  zwischen  dem  Musculus 
ischio-coccygeus  und  coccygeus,  bei  der  Frau  also  hinter  dem  breiten 
Mutterbande  nach  außen. 

U.  Durch  die  Spalte  zwischen  dem  Musculus  coccygeus  und  levator 
ani  im  engeren  Sinne,  demnach  vor  dem  breiten  Mutterbande,  zwischen 
Gebärmutter  und  Blase,  tritt  die  Hernia  lab.  majoris  postica,  wenn  es  ein 
vollständiger  Bruch  ist,  dagegen  vor  dem  Durchtritte  durch  das  Diaphragma 
pelvis,  also  als  unvollständiger  Bruch,  die  Hernia  vaginalis  posterior  oder 
Hernia  vesicalis. 

Ebner  sammelte  aus  der  Literatur  sämmtliche  Beobachtungen  des 
Mittelfleischbruches  und  classificierte  sie  auch  nach  dem  Inhalte. 

Er  unterscheidet: 

A.  Enterocele  perinealis  (completa)    6  Fälle  bei  Männern; 

„         imperfecta    ....  2     „       „  „ 

B.  „         perinealis  (completa)  11     „       „  Frauen; 

C.  „         in  reg.  lab.  maj.         6     „       „  „ 

D.  Epiplocele  perinealis      ...      1  Fall  (bei  einer  Frau); 

E.  Rectocele         „        ....      1    »    (bei  einem  Manne): 

F.  Cystocele         „        ....      2  Fälle  bei  Männern; 

G.  „  „        ....     11    „      bei  Frauen. 
Außerdem  noch  8  nicht  näher  definierte  Fälle. 


d)  Der  Leiidenbruch  (Hernia  lumbalis). 

Diese  Bruchart  wurde  zuletzt  von  Braun  monographisch  bearbeitet. 
Die  älteste  Beobachtung  hievon  stammt  von  Barbette,  welcher  sagt: 
„Experientia  me  docuit,  peritoneum  etiam  in  parte  posteriori  versus  dorsum 
posse  discrumpi  et  ibi  herniam  efficere."  Neben  dieser  älteren  Bemerkung 
muss  man  die  Beobachtung  Plenk's  als  die  erste  gründliche  Beschreibung 
bezeichnen,  welcher  von  einem  Lendentumor  meinte,  es  sei  dies  das  aus- 
gedehnte Nierenbecken;  derselbe  war  weder  schmerzhaft  noch  gespannt, 
ließ  sich  durch  Pressen  in  den  Bauch  reponieren,  worauf  ein  stärkeres 


über  seltenere  Brucharten. 


101 


AusflieI5en  von  Urin  erfolgte.  Braun  theilte  die  ihm  bekannten  Beobachtungen 
in  drei  Abtheilungen.  In  die  erste  reihte  er  die  angeborenen  und  spontanen 
oder  nur  nach  unbedeutenden  äußeren  Traumen  entstandenen  Brüche;  in 
die  zweite  diejenigen  Hernien,  welche  an  Stelle  einer  früheren  Verwundung 
odqr  einer  stärkeren  Körperverletzung  überhaupt  entstanden  sind;  in  die 
dritte  endlich  jene,  welche  unter  die  Lumbalhernien  eigentlich  nicht  gehören, 
jedoch  als  solche  entweder  ursprünglich  veröffentlicht  oder  zu  solchen 
später  hinzugezählt  wurden.  Er  sammelte  20  Beobachtungen  erster,  9  zweiter 
und  8  dritter  Kategorie. 

Die  Lumbalhernie  ist  eine  Unterart  der  Dorsalhernien  und  wurde 
von  Larrey  mit  dem'  Namen  „Hernie  intercostoiliaque"  belegt;  Huguier 
benannte  sie  „Hernie  susiliaque".  Alle  Autoren  behaupten,  dass  diese  Hernien 
durch  das  Petit'sche  Dreieck  nach  außen  dringen. 

Das  Trigonum  Petiti  (siehe  Fig.  2  auf  Seite  7)  findet  sich  nicht  bei 
allen  Leuten;  wo  dasselbe  entwickelt  ist,  liegt  es  knapp  über  dem  Darm- 
beinkamme. Es  ist  ein  Raum,  welcher  über  der  Crista  ossis  ilei  vor  den 
Befestigungen  des  Latissimus  dorsi  liegt  und  von  rückwärts  und  unten 
nach  vorne  und  oben  verläuft  und  von  den  Insertionen  des  Muse.  obl. 
abd.  ext.,  welcher  von  vorne  und  unten  nach  rückwärts  und  oben  verläuft, 
unbedeckt  bleibt.  Wo  die  Insertionen  dieser  Muskel  breiter  werden,  so  dass 
dite  Bündel  des  breiten  Rückenmuskels  weiter  nach  vorne  oder  der  hintere 
Rand  des  äußeren  schiefen  Bauchmuskels  weiter  nach  rückwärts  reicht, 
dort  gibt  es  überhaupt  kein  Petit'sches  Dreieck,  ja  die  erwähnten  Muskel- 
ränder können  sich  streckenweise  auch  decken.  Wo  aber  dieses  Dreieck 
zur  Entwickelung  kommt,  da  ist  es  ungefähr  in  der  Mitte  zwischen  dem 
oberen  hinteren  und  oberen  vorderen  Darmbeinstachel  gelegen.  Es  ist 
begrenzt  nach  abwärts  durch  den  Darmbeinkamm,  nach  rückwärts  durch 
den  breiten  Rückenmarkmuskel,  nach  vorne  durch  den  äußeren  schiefen 
Bauchmuskel.  Die  Basis  des  Dreieckes  liegt  am  Darmbeinkamm,  der  Scheitel 
ist  nach  aufwärts  gerichtet.  Der  Grund  desselben  ist  von  den  dünnen 
Muskelbündeln  des  inneren  schiefen  Bauchmuskels  gebildet,  unter  welchem 
noch  der  quere  Bauchmuskel  und  die  quere  Bauchfascie  gelegen  sind. 
Dieses  Dreieck  fehlt  am  häufigsten  bei  Kindern,  während  es  bei  Erwachsenen, 
besonders  bei  Frauen,  ziemlich  regelmäßig  vorkommt. 

Nach  der  Anschauung  Coze's  nimmt  man  ziemlich  allgemein  an, 
dass  bei  der  Ausbildung  dieser  einen  Lumbalhemie  die  den  Grund  des 
Petit'schen  Dreieckes  bildenden  Muskel  zuerst  nach  außen  vorgestülpt  und 
sodann  ihre  Bündel  durch  die  vordringende  Bruchgeschwulst  auseinander 
getrennt  werden. 

Neben  diesem  Petit'schen  Dreieck,  welches  Lesshaft  das  untere 
Lendendreieck  nennt,  beschreibt  dieser  noch  ein  zweites,  das  sogenannte 
obere  Lendendreieck  (Grünfeldt's  Triangle  lumbo-costo-abdominal),  in 


102 


Über  seltenere  Bruch  arten. 


welchem  ebenfalls  Brüche  nach  außen  treten  könnten,  weil  es  die  dünnste 
Partie  der  Bauch  wand  ist.  Nach  Lesshaft's  Beschreibung  liegt  diese  Stelle 
unter  der  zwölften  Rippe  zwischen  dem  Muse,  serratus  post.  inf.,  welcher 
den  Raum  von  oben,  weiter  zwischen  dem  Muse.  obl.  ext.  abd.,  welcher 
ihn  von  außen,  und  zwischen  der  Muskelhülle  des  Muse,  extensor  dorsi, 
welcher  ihn  nach  innen,  sowie  endlich  zwischen  dem  Muse,  obliq.  abd. 
inter.,  welcher  ihn  nach  abwärts  hin  begrenzt. 

Wiewohl  das  Lesshaft 'sehe  obere  Lendendreieck  für  constanter 
angesehen  wird,  als  das  untere,  so  scheint  es  doch,  dass  die  Mehrzahl  der 
Lumbalhernien  durch  die  Petit'sche  Spalte  hindurchgeht,  denn  wir  kennen 
bisher  nur  eine  Hernie  des  Lesshaft 'sehen  Dreiecks.  Es  ist  dies  eine  von 
Bayer  veröffentlichte  Beobachtung,  welche  aber  mit  keinem  Operations- 
oder Sectitnsbefunde  belegt  ist.  In  diesem  Falle  wurden,  wie  bei  zahl- 
reichen anderen  lumbalen  Hernien,  in  der  Umgebung  des  Bruches  Narben 
vorgefunden,  welche  von  der  Incision  eines  Abscesses  herrührten,  der  sich 
seinerseits  nach  zweimonatlicher  fieberhafter  Krankheit  in  der  Ledengegend 
gebildet  hatte  und  nach  erfolgter  Eröffnung  binnen  14  Tagen  unter 
Eiterung  ausheilte. 

Unter  den  übrigen  von  Braun  gesammelten  Lendenbrüchen,  deren 
zwar  29  vorliegen,  von  denen  wir  aber  9,  welche  durch  stärkere  Traumen 
entstanden  waren,  ausscheiden,  wurden  8  auf  der  linken  und  4  auf  der 
rechten,  zwei  auf  beiden  Seiten  beobachtet,  während  bei  6  die  Seite  nicht 
angegeben  erscheint.  Von  den  9  Brüchen,  welche  nach  stärkeren  Traumen 
entstanden,  lagen  5  auf  der  rechten  und  4  auf  der  linken  Seite.  Das 
Geschlecht  scheint  von  keinem  besonderen  Einflüsse  zu  sein,  denn  von 
19  Fällen  wurden  10  bei  Frauen  und  9  bei  Männern  constatiert,  während  die 
nach  Traumen  entstandenen  Brüche  sämmtlich  bei  Männern  beobachtet  wurden, 
was  man  ja  wegen  der  Beschäftigung,  der  die  Männer  nachgehen  müssen, 
als  natürlich  ansehen  wird.  Die  Diagnose  der  Lunibalhernie  hat  einen 
ziemlich  beschwerlichen  Weg  durchgemacht.  Im  Petit 'sehen  Falle  dachte 
man  an  einen  mit  Luft  oder  Milch  gefüllten  Raum,  im  Falle  Basset's 
an  ein  Lipom,  und  erst  vor  der  Operation  wurde  die  Diagnose  rectificiert. 
In  drei  Fällen  (Larrey,  Dolbeau  und  Coze)  wurde  der  Bruch  für 
einen  Congestivabscess  gehalten  und  im  Dolbeau 'sehen  Falle  auch  an- 
geschnitten, wodurch  ein  widernatürlicher  After  entstand.  In  anderen  Fällen 
wurde  der  Bruch  mit  einer  Muskelhernie  verwechselt,  auch  mit  einem  Blut- 
austritt oder  mit  einem  perinephritischen  Abscess.  Auch  umgekehrt  ist  es 
geschehen,  dass  verschiedene  andere  Krankheiten  für  einen  Lumbaibruch 
angesehen  wurden.  Nicht  nur  Geschwülste  und  innere  eingeklemmte  Brüche, 
sondern  auch  Ventralbrüche  und  Brüche  der  Incisura  ischiadica  und  sog-ar 
eine  Spina  bifida  wurden  unrichtigerweise  für  Lendenbrüche  gehalten, 
obgleich  bei  genauer  Uretersuchung  ein  Irrthum  beinahe  ausgeschlossen 


über  seltenere  Brucharten. 


103 


erscheint,  da  aus  dem  tympanitischen  Percussionsschall  und  dem  Gurren 
bei  Repositionsversuchen  man  einen  freien  Lendenbruch  erkennen  kann, 
der  sich  übrigens  auch  beim  Husten  und  Drängen  vergrößert,  während  man 
einen  eingeklemmten  Lendenbruch  aus  der  früher  beschriebenen  Geschwulst, 
welche  an  der  Pforte  schmerzhaft  ist  und  sich  nicht  reponieren  lasst,  weiter 
aus  den  Übelkeiten,  Erbrechen  nebst  Bauchschmerzen  mit  Verstopfung,  kurz 
aus  den  Zeichen  des  Ileus  bei  einiger  Sorgsamkeit  diagnosticieren  kann. 
Im  großen  und  ganzen  kann  man  das  Verhältnis  der  freien  zu  den  ein- 
geklemmten Brüchen  kaum  je  verlässlich  abschätzen,  da  bisher  bloß  die 
Fälle  von  eingeklemmten  Lendenbrüchen  in  ärztliche  Hände  geratlien  sind. 
Bei  allen  bisher  beobachteten  Brüchen  ist  die  Taxis  gelungen,  bloß 
Ravaton  war  zur  Operation  gezwungen.  Irgend  welche  größere  Beschwerden 
dürfte  es  bei  der  Operation  kaum  je  geben; 
die  Blutung  aus  den  einzelnen  Arterien  (Aa. 
lumbales,  a.  ileo-lumbales,  a.  circumflexa  ilei) 
wird  man  wohl  immer  mit  den  jetzigen  Hilfs- 

mittein  stillen  können.   Wie  schon  bemerkt,         l  f   '  / 

muss  der  Umstand  besonders  .  hervorgehoben  v 
werden,  dass  eine  ziemliche  Anzahl  der  Lumbal- 
hernien nach  verschiedenen  Krankheiten  dieser 
G$gend  entstanden  ist;  so  wurde  in  den  Fällen 
von  Wolf,  Hardy,  Bayer  und  Camperl  an 
der  Stelle  des  Bruches  früher  eine  Abscesshöhle  i 
beobachtet,  welche  entweder  von  einer  Tuber-  _  'f^^ 

culose  der  Wirbelsäule  oder  von  einem  .Bein- 

fräße  oder  einer  Nekrose  der  Hüftknochen  ^'9-  (siehe  Seite  104). 
ausgegangen  war.  Es  dürfte  demnach  von  be-       Hemia  ventralis  lateralis. 

1  Tj_  •         1         j-iTiT         Der  punktierte  Bezirk   deutet  die 

•:  sonderem   Interesse    sem,    hauptsächlich    die        Gröue  des  Muskeidefectes  an. 
■  späteren  Stadien  der  ausgeheilten  perinephri- 
tischen und  Lumbalabscesse  überhaupt  ^u  untetsuchen,  ob  in  den  nach 
Operationen  derselben  zurückbleibenden  Narben  sich  nicht  Lumbalhernien 
entwickeln.  Beide  Lendendreiecke  bilden  ja  gewiss  nicht  nur  für  Hernien, 
sondern  auch  für  Eiteransammlungen  beliebte  Durchtrittsstellen. 

Außer  den  eben  erwähnten  zwei  Arten  von  Lumbaibrüchen  hat 
0.  Wyss  eine  weitere  Abart  beschrieben,  welche  bei  Lebzeiten  für  einen 
Lesshaft'schen  Bruch  gehalten,  jedoch  erst  bei  der  Section  in  ihrem 
richtigen  Wesen  erkannt  wurde.  Der  Körper  des  zehnmonatlichen  Kindes 
war  der  Sitz  zahlreicher  angeborener  grob  sichtbarer  Missbildungen  (Hemi- 
atrophia  facialis,  Microphthalmia,  Microtia,  Micrognathia  der  rechten  Seite, 
Atresia  ani  u.  s.  w.).  Der  Bruch  trat  durch  die  Mitte  des  äußeren  schiefen 
Bauchmuskels  nach  außen,  welch  letzterer  Durchbruch  sozusagen  in  zwei 
Partien  (in  eine  hintere  und  eine  vordere)  gespalten  war.  Die  Bruchpforte 


104 


Über  seltenere  Bnicharten. 


war  spaltförmig  und  in  der  unteren  Hälfte  in  der  Tiefe  durch  quer- 
verlaufende  Fasern  des  TransT.  abd.  gedeckt.  Der  innere  schiefe  Bauch- 
muskel war  in  seiner  vorderen  Partie  sehr  dünn,  seine  hintere  Partie, 
welche  gewöhnlich  von  der  11. — 12.  Rippe  zur  Fascia  lumbodorsalis 
verläuft,  fehlte  vollständig.  Es  war  demnach  der  Bruch  durch  verschiedene 
angeborene  Muskeldefecte  bedingt,  wie  es  Braun  bei  der  congenitalen 
Lumbalhernie  bereits  geahnt  hatte.  Es  scheint,  dass  schon  1829  Co  11  es 
einen  solchen  Bruch  bei  Lebzeiten  beobachtet  hatte  und  1726  Reneaulme 
de  Lagarenne  höchstwahrscheinlich  einen  solchen  Bruch  nach  einem 
Präparate  beschrieb  (nach  Dolee).  Ein  hergehöriger  Fall  wurde  jüngst  vom 
Verfasser  operiert.  Die  Abbildung  des  Falles  illustriert  Fig.  44  auf  Seite  103. 
Wenn  wir  uns  die  Lumbaigegend  derart  begrenzen  würden,  dass  sie  von  dem 
Processus  spinosi  der  Lendenwirbelsäule  zwischen  der  12.  Rippe  und  dem 
Darmbeinkamme  bis  zu  einer  Verticalen  reicht,  welche  man  am  Ende  der 
12.  Rippe  zum  Darmbeinkamme  zieht,  so  müsste  man  den  Wyss'schen 
Bruch  als  eine  seitliche  Ventralhernie  mit  congenitalem  Ursprung  be- 
zeichnen. Dieselbe  würde  dann  einen  natürlichen  Übergang  zu  den  folgenden 
Hernien  bilden,  welche  wir  als 

e)  vordere  Bauchbrüche  (Hernia  yentralis  anterior)  im  weiteren  Sinne 

bezeichnen.  Unter  diesen  Hernien  verstehen  wir  alle  jene  Brüche,  welche 
durch  die  vordere  Bauch  wand,  jedoch  nicht  durch  gewisse  anatomisch  prän 
formierte  Öffnungen  hervorkommen,  sondern  durch  zufällige  unbestimmte, 
veränderliche  Bruchpforten.  Aus  diesen  so  abgesteckten  Brüchen  scheiden 
wir  jedoch  unter  der  Bezeichnung  „Brüche  der  weißen  Linie"  jene  Brüche 
aus,  welche  in  der  Mittellinie  der  vorderen  Bauchwand  nach  außen  dringen. 
Diese  letzteren  theilen  wir  abermals  in  zwei  Gruppen,  nämlich  in  jene, 
welche  in  der  Mittellinie  ober  dem  Nabel  beobachtet  werden  und  die  wir 
als  epigastrische  bezeichnen,  und  in  solche,  welche  unterhalb  des  Nabels 
in  der  weißen  Linie  sichtbar  werden  und  die  wir  Hernise  lineae  albae  im 
engeren  Sinne  benennen. 

Wir  unterscheiden  demnach  zuerst 

a)  Die  Bauchbrüche  oder  Ventralhernien  im  engeren  Sinne, 

d.  h.  solche,  welche  durch  die  vordere  Bauchwand  und  zwar  bis  zu  den 
vorderen  Axillarlinien  beiderseits  hindurchtreten,  jedoch  die  Leistengruben 
und  den  Nabelring,  sowie  den  Schenkelring  und  die  weiße  Linie  freilassen. 
Genauer  bekannt  sind  dieselben  erst  seit  dem  18.  Jahrhundert,  und  zwar 
aus  einer  Abhandlung  von  Lachosse  (De  Hernia  ventrali)  und  aus  einer 
Dissertation  von  Klinkosch  (Dissertationes  Pragenses,  Tom.  V.).  Später 


über  seltenere  Brucharien. 


105 


beschäftigte  sich  mit  denselben  Regnier  und  in  neuester  Zeit  Witzel, 
welcher  in  der  Volkmann 'sehen  „Sammlung  klinischer  Vorträge"  einen 
Aufsatz  („Über  Bauchbrüche")  über  diesen  Gegenstand  veröffentlichte;  weiters 
zogen  auch  Brackel  und  Kramer  diese  Hernienabart  in  den  Kreis  ihrer 
Erörterungen. 

Bauchbrüche  finden  wir  überall  dort,  wo  die  Bauchwand  durch  irgend 
einen  Krankheitsvorgang  (Entzündung,  Abscess,  Verwundung)  in  ihrer 
Resistenz  wesentlich  geschwächt  wurde.  Ein  Beispiel  hievon  sind  Fig.  45 
und  46,  welche  einen  Bauchbruch  veranschaulichen,  welcher  über  der 
äußeren  Hälfte  des  Poupart'schen  Bandes  nach  Durchbruch  eines  peri- 
typhlitischen Abscesses  durch  die   vordere    Bauchwand    entstanden  ist. 


; 

7 


Fig.  45.  Fi(j.  46. 


Fig.  47  auf  Seite  107  gibt  ein  dem  Anscheine  nach  ähnliches  Gebilde 
wieder,  welches  aber  durch  einen  Congestivabscess  nach  Wirbelsäulecaries 
entstanden  ist.  Fig.  48  und  49  auf  Seite  109  ist  die  Abbildung  eines  nach 
Durchbruch  eines  parametritischen  Abscesses  oberhalb  des  Poupart'schen 
Bandes  entstandenen  Bauchbruches  (vor  und  nach  der  Operation).  Fig  50 
auf  Seite  109  illustriert  einen  Bauchbruch  nach  Stichverletzung  des  Ab- 
domens. Besonders  in  den  ersten  Zeiten  der  antiseptischen  Wundbehandlung, 
verbunden  mit  Drainage  der  Peritonealhöhle,  waren  postoperative  Bauch- 
brüche in  den  Operationsnarben  recht  häufig.  (Siehe  übrigens  noch  den  Absatz 
über  die  Hernien  der  weißen  Linie.) 

Die  spontanen  Bauchbrüche  treten  an  gewissen  Stellen  mit  besonderer 
Vorliebe  hervor,  von  denen  wir  an  erster  Stelle  die  halbkreisförmigen  Linien 
(Lineae  semicircular.  Spig.)  nennen.  Unter  letzteren  verstehen  wir  die  bogen- 


106 


Über  seltenere  Brucharten. 


förmige,  mit  ihrer  Convexität  nach  außen  gerichtete  Linie,  welche  durch  den 
Übergang  des  muskulösen  Theiles  des  queren  Bauchmuskels  in  die  aponeu- 
rotische  Endigung  entsteht  und  von  den  Rippenknorpeln  der  letzten  falschen 
Rippen  bis  ungefähr  in  die  Nachbarschaft  der  Symphyse  hin  reicht,  mit  der 
gleichnamigen  Linie  der  anderen  Seite  eine  Ellipse  einschließend,  innerhalb 
'  welcher  die  geraden  Bauchmuskeln  verlaufen.  An  diesen  Übergängen  der 
muskulösen  in  die  aponeurotischen  Pasern  bemerken  wir  zahlreiche  Gefäß- 
lücken, welche  sehr  leicht  zu  Bruchpforten  umgewandelt  werden  können.  In 
allen  beschriebenen  Fällen  lagen  die  Brüche  unterhalb  der  Nabellinie.  Neben 
diesen  Hernien  verzeichnen  wir  noch  Brüche  im  Bereiche  der  geraden  Bauch- 
muskeln, welche  jedoch  ausschließlich  in  der  oberen  Hälfte  dieser  Muskeln 
vorkommen  und  zumeist  in  der  Höhe  der  Inscriptiones  tendinae  beobachtet 
wurden.  Endlich  finden  sich  Hernien  auch  an  verschiedenen  anderen  Stellen 
der  vorderen  Bauchwand,  was  dadurch  bedingt  ist,  dass  infolge  der  Kreuzung 
dreier  Muskellagen  hie  und  da  correspondierende  Spalten  entstehen,  welche 
zum  Durchtritt  von  Hernien  dienen  können.  Da  es  jedoch  vorkommt,  dass 
diese  Spalten  einander  nicht  genau  gegenüberliegen,  so  ist  es  auch  möglich, 
dass  Hernien,  welche  durch  irgend  eine  Spalte  eines  inneren  Bauchmuskels 
hindurchgetreten  sind,  sodann  eine  längere  Strecke  zwischen  den  Bauch- 
muskelschichten verlaufen  müssen,  bis  sie  wieder  einer  Spalte  in  einem 
oberflächlichen  Muskel  begegnen,  um  sodann  im  Unterhäutzellgewebe 
sichtbar  zu  werden. 

In  dem  Verhalten  der  Bruchhüllen-  besteht  ein  wesentlicher  Unter- 
schied, je  nachdem  dieselben  nach  irgend  welchen  Erkrankungen  oder 
zufälligen  oder  beabsichtigten  Verwundungen  der  vorderen  Bauchwand  oder 
spontan,  ohne  irgend  eine  besondere  Ursache,  entstanden  sind.  Im  ersteren 
Falle  können  die  Bruchhüllen  nur  von  einer  ganz  dünnen,  narbenähnlichen 
Haut  ge^bildet  werden,  welche  an  den  Rändern  des  Bruches  nicht  nur  mit 
der  umgebenden  normalen  Haut,  sondern  auch  mit  dem  parietalen  Blatte 
des  Peritoneums  verschmilzt.  Bei  Entzündungen  aber  kann  auch  eine  oder 
die  andere  Schichte  durch  den  Krankheitsprocess  zerstört  worden  sein,  so 
dass  man  bloß  bei  den  spontanen  Brüchen  von  irgend  welchen  constanten 
Bruchhüllen  sprechen  kann.  Diesen  letzteren  fehlt  allerdings  nie  ein  peri- 
tonealer Bruchsack  und  eine  hievon  streng  geschiedene  Hautschichte. 
Zwischen  diese  zwei  Gebilde  schiebt  sich,  je  nachdem  die  Hernie  noch 
zwischen  den  Bauchmuskelschichten  enthalten  ist.  eine  Muskelschichte  ein, 
wie  z.  B.  bei  der  sogenannten  intraparietalen  ventralen  Hernie  Klinkosch's, 
während  an  anderen  Stellen  überhaupt  jede  Muskelschichte  in  den  Bruch- 
hüllen fehlen  kann. 

Doch  auch  in  der  jüngsten  Zeit  wurden  Fälle  von  ventralen  Hernien 
beobachtet,  in  denen  die  Hernie  trotz  der  exactesten  mehrschichtigen  Bauch- 
wandnaht und  trotz  einer  tadellosen  Primaheilung  entstanden  ist,  während 


über  seltenere  Brucharten. 


107 


andererseits  nach  notorischem  Verhist  einer  der  Baucliwandschichton  keine 
Bauchbrüche  entstanden,  ja  sogar  auch  dann  nicht,  wenn  überhaupt  gar 
keine  Naht  angek'gt  worden  war. 

Behufs  Erklärung  dieser  Erscheinungen  unternahm  Waitz  eine  Unter- 
suchung der  betreffenden  Präparate  und  erkannte  hiebei,  dass  ein  wichtiger 
Umstand  hiebei  durch  die  Verwachsungen  der  Därme  miteinander  und  mit 
anderen  Eingeweiden  vermittels  Narben  und  Adhäsionen  gebildet  wird. 
Solche  Verlöthungen  finden  wir  am  häufigsten  in  der  Umgebung  des 
Blinddarmes,  der  weiblichen  Genitalien,  der  Gallenblase  und  in  der  Umgebung 
der  Bruchpforten  und  am  ehemaligen  Brucliinhalte.  Der  ursächliche 
Zusammenhang  zwischen   diesen  Befunden  und  den  Bauchbrüchen  wird 


1:  <  / 

Fig.  i7  (siehe  Seite  105). 
Congestivabscess  nach  Wirbelsäulecaries,  einem  Bruche  sehr  ähnlich. 

durch  die  Erschwerung  der  Circulation  des .  Darminhaltes,  weiter  durch 
Anhäufung  von  gasförmig  flüssigen  und  auch  festen  Bestandtheilen  ober- 
halb der  verengten  Stellen,  sowie  durch  die  Dilatation  der  über  einer  ver- 
engten Partie  gelegenen  Darmtheile  vermittelt.  Kennen  wir  doch  Fälle,  wo 
die  Steigerung  des  intraabdominellen  Druckes  bei  vollständig  intacten 
Bauchwänden  bereits  zur  Entwickelung  von  Hernien  führt,  so  z.  B.  bei 
angeborener  Phimose,  bei  Keuchhusten,  bei  Prostatahypertrophie,  bei 
chronischen  Magenkrankheiten,  bei  Verengerungen  der  Urethra  u.  dgl.  m. 
Umsomehr  dürfte  die  Verwachsung  der  Därme  zu  ähnlichen  Defect(>n 
führen,  da  sie  sich  ja  innerhalb  von  Bauchwänden  ereignet,  welche  bereits 
durch  vorhergehende  Verwundungen,  Operationen  oder  Krankheitsprocesse 
geschwächt  worden  sind.  Durch  die  beständigen  Anstrengungen,  das  durch 


108 


über  seltenere  Brucharten. 


die  Verwachsungen  gebildete  Hindernis  zu  überwinden,  wird  die  Narbe  in 
den  Bauchwänden  gedehnt,  bis  dieselbe,  hinreichend  gedehnt,  zum  Bruch- 
sack wird.  Eine  stellenweise  fehlerhaft  angelegte  Naht  dürfte  auch  nur  zu 
einer  theilweisen  Dehnung  der  Narbe  Veranlassung  geben. 

Auf  Grund  solcher  Erwägungen,  denen  allerdings  bisher  nur  wenig 
zahlreiche  Beobachtungen  zugrunde  liegen,  würde  es  sich  bei  Laparotomien 
in  erster  Linie  darum  handeln,  das  Vorkommen  von  Darm  Verwachsungen 
innerhalb  der  Bauchhöhle  zu  vereiteln.  Die  Versuche,  welche  in  dieser 
Richtung  unternommen  wurden,  beantworten  bis  heute  nicht  ganz  hinreichend 
alle  in  dieser  Richtung  auftauchenden  Fragen.  Es  scheint  jedoch,  dass  es 
überaus  wichtig  ist,  jeder  Infection  von  außen  vorzubeugen,  weiters  keine 
blutenden  Flächen  in  der  Bauchhöhle  zurückzulassen,  wozu  am  besten 
eine  fehlerlose  vollständige  Naht  des  Peritoneums  beiträgt.  Es  empfiehlt 
sich  daher,  die  Bauchwandnaht  mit  einer  besonderen  Naht  des  Peritoneums 
zu  beginnen.  Zu  demselben  Zwecke  empfiehlt  Thomson  die  Ausbreitung 
des  Netzes  über  die  Wände,  bevor  die  Bauchhöhle  geschlossen  wird.  Des- 
gleichen scheint,  als  ob  aus  diesem,  sowie  aus  einem  noch  später  zu 
erwähnenden  Grunde  von  der  Darreichung  von  Opium  nach  Laparotomien, 
behufs  Ruhigstellung  der  Därme.  Umgang  genommen  werden  müsste;  im 
Gegentheil,  die  Darreichung  von  milden  Abführmitteln  (Lawson  Tait) 
ist  empfehlenswert,  da  hiedurch  Obstructionserscheinungen  infolge  von 
Darmparalyse,  sowie  Verwachsungen  der  Därme  untereinander  am  besten 
entgegengearbeitet  werden  kann  (Lucas  Championniere). 

ß)  Hernise  linese  albae  und  Herniaa  epigastricae. 

Dadurch,  dass  die  Ausläufer  der  Aponeurosen  einzelner  breiter  Bauch- 
muskeln in  der  Mittellinie  sich  fingerförmig  miteinander  verflechten,  ent- 
steht ein  bindegewebiger,  gekreuzt  gefaserter  Streifen,  welcher  am  schwert- 
förmigen Fortsatze  beginnt  und  über  der  Symphyse  mit  einem  dreieckigen 
Bande,  dem  Adminiculum  linese  albae,  endet.  In  der  oberen  Hälfte  ist  dieser 
Streifen  breiter,  in  der  Höhe  des  Nabels  18  —20  mm  messend,  in  der 
unteren  Hälfte  jedoch  sich  bis  auf  2  mm  verschmälernd,  wo  derselbe  die 
geraden  Bauchmuskeln,  knapp  oberhalb  der  Symphyse  aber  die  Musculi 
pyramidales  voneinander  scheidet.  In  diesem  Streifen,  genannt  Linea  alba, 
dessen  Verlauf  bei  mehrfach  Gebärenden  durch  eine  schwarze  Linie  in  der 
Haut  markiert  wird,  treten  Nerven  und  Gefäße  aus  und  ein,  und  diese 
Nervengefäßlücken  können  durch  Dehnung  (z.  B.  bei  Schwangerschaft, 
aber  auch  ohne  dieselbe)  zu  Bruchpforten  werden.  Die  Hernien,  welche  in 
dieser  Linie  oberhalb  des  Nabels  hervortreten,  nennen  wir  Hernise 
epigastricae  (Oberbauchbrüche),  jene,  welche  unterhalb  des  Nabels  nach  außen 
dringen,  Hernien  der  weißen  Linie  im  engeren  Sinne.  Die  ersteren  kommen 


über  seltenere  Brucharten. 


109 


häufiger  zur  Beobachtung  und  wir  werden 
über  sie  etwas  ausführlicher  berichten. 
Die  letzteren  sind  eine  überaus  seltene 
Erscheinung,   wenn  wir  nicht  Diastasen 
der  weißen  Linie  und  Hernien  in  post- 
laparotomischen    Narben  hinzurechnen 
wollen.   Diastasen  sind  freilich  ein  all- 
tägliches   Vorkommnis,    während  cica- 
tritielle   Brüche   der  Linea  alba  nach 
Operationen  in  der  ersten  Zeit  der  anti- 
septischen    Wundbehandlung  ziemlich 
häufig  zur  Beobachtung  kamen,  dagegen 
in  der  letzten  Epoche,  wo  wir  in  Etagen 
nähen,  immer  seltener  werden.  Nur  dort, 
wo  wir  durch  die  veranlassende  Krank- 
heit   zur    Drainage  ge- 
zwungen werden,  wie  z.  B.  /  .  _ 
bei  der  tuberculösen  Bauch-  / 
fellentzündung,   oder  was  / 
als  solche  hie  und  da  ge-  / 
nanht  wird,  oder  wo  wir  / 
die  Wunde  in  der  Bauch-  i 
wand  offen  lassen  müssen,  |; 
z.  B.  wenn  wir  nach  einer  | 
Hysterolaparotomie      den  \ 
Stiel  nach  der  extraperi- 
tonealen   Methode  (nach 
Pean)    versorgen,  beob- 
achten wir  hinterher  noch 
eine  traumatische  Hernie,  meistens  in  der 
Linea  alba,  da  auch  die  meisten  Opera- 
tionen in  dieser  Linie  ausgeführt  werden. 
(Siehe  Fig.  51  auf  Seite  III.)  Eine  Ein- 
klemmung dieser  Hernien  ist  ein  seltenes 
Ereignis,  da  die  Bruchpforte  gewöhnlich 
sehr  breit  und  die  Ränder,  wenigstens 
auf  den   Seiten   hin,   recht    flach  sind. 
Eine  Incarceration  bei  Diastasen  wurde 
bisher  nicht  beobachtet. 

Die  Hernien  der  Linea  alba  wurden 
schon  von  den  ältesten  Beobachtern  (so 
z.B.  von  Richter  1785,  von  Hessel- 


ZV//.  48  (siclie  Seite  lOö). 


Fiij.  49  (sielic  Seif.c  lO.ö). 


Fig.  50  (siehe  Seite  105). 


HO 


über  seltenere  Brucharten. 


bach  1829)  zu  einer  besonderen  Gruppe  zusammengefasst.  Den  Namen 
„epigastrische  Hernien"  gab  -ihnen  1848  Vidal  de  Cassis  und  1886 
Terrier;  endlich  lieferte  Roth  im  Jahre  1891  eine  ausführliche  Studie 
theils  über  die  epigastrischen  und  adumbilicalen  Hernien,  theils  über  die 
Hernien  der  Linea  alba  im  allgemeinen. 

Über  die  epigastrischen  Hernien,  besonders  jene,  welche  in  der  un- 
mittelbaren Nachbarschaft  des  Schwertfortsatzes  vorzukommen  pflegen, 
wurde  von  Garengeot  die  fälschliche  Ansicht  ausgesprochen,  dass  sie 
einen  Theil  der  Magenwand  enthalten  (daher  Gastrocele  oder  Hernie  de 
l'estomac)  und  dass  dies  der  Grund  sei, ,  warum  bei  ihnen  Brechneigung, 
besonders  nach  Genuss  von  Speisen,  beobachtet  wurde.  Dieser  Ansicht 
wurde  in  ihrer  Allgemeinheit  schon  durch  Günz  widersprochen,  welcher 
nachwies,  dass  besonders  die  kleineren  Hernien  dieser  Art  nicht  die  Magen- 
wand, sondern  das  Colon  transversum,  manchmal  das  Netz,  manchmal  nur 
Fettläppchen  enthalten.  Derselbe  Günz  sprach  zugleich  die  Meinung  ans, 
dass  diese  Fettläppchen  von  dem  Fettgewebe  herstammen,  welches  das 
Ligamentum  Suspensorium  begleitet.  Im  Jahre  1780  veröffentlichte  Pelletan 
zwei  Fälle  dieser  Art,  nämlich  zwei  derartige  scheinbare  Fettbrüche:  er 
fand  jedoch  keinen  Glauben.  Die  weitere  Eigenthümlichkeit,  dass  nämlich 
diese  epigastralen  Fettläppchenbrüche  auch  Bauchfellbruchsäcke  hinter  sich 
hervorzerren  können,  wurde  höchstwahrscheinlich  von  Boy  er  entdeckt, 
welcher  sonst  kein  Gegner  der  Ansichten  Garengeot's  über  den  Inhalt 
dieser  Hernien  war.  Diese  Ansicht  wurde  allgemein  über  die  Entstehung 
der  Hernien  ausgesprochen  von  J.  Cloquet,  in  Deutschland  viel  später 
von  Roser,  jene  Anschauung  nämlich,  dass  subseröse  Lipome  durch  den 
Gefäßstiel,  mittelst  welches  das  Bauchfell  an  sie  angeheftet  ist,  dieses 
nach  außen  hervorziehen  können.  Endlich  wurde  eine  weitere  Eigenthüm- 
lichkeit dieser  Hernien,  nämlich,  dass  dieselben,  auch  wenn  sie  aus- 
schließlich präperitoneale  Fettläppchen  enthalten,  zu  scheinbaren  Incarcera- 
tionserscheinungen  Veranlassung  geben  können,  von  Tartra  und  Scarpa 
gründlich  beschrieben.  In  der  allerneuesten  Zeit  bemüht  sich  Roth  aus 
der  Bergmann'schen  Klinik,  diese  Eigenschaft  nur  einem  sehr  geringen 
Theile  solcher  Brüche  zu  vindicieren,  indem  er  äußert,  dass  auf  Grund 
sorgfältiger  Präparation  dieser  Gegend  er  die  Behauptung  aussprechen 
möchte,  dass  ein  Theil  jener  Fälle,  welche  als  subseröse  Lipome  beschrieben 
und  operiert  worden  sind,  eigentlich  Netzbrüche  waren.  Diese  Bemühung 
ist  wohl  begreiflich,  da  trotz  alles  Forschens  bis  nun  eine  hinlängliche 
Erklärung  dafür  nicht  gefunden  wurde,  warum  diese  Hernien  derartig 
schwere  Reflexerscheinungen  hervorbringen.  Aber  unsere  persönlichen  Er- 
fahrungen widerstreiten  einer  solchen  Auslegung.  Wir  konnten  in  einer 
ganzen  Reihe  von  Beobachtungen  feststellen,  dass  es  sich  bei  den  epi- 
gastrischen Hernien  am  häufigsten  um  ein  präperitoneales  Lipom  oder  um 


über  seltenere  Brucharten. 


III 


/ 


einen  durch  ein  solches  hervorgezerrten  Bruchsack  gehandelt  habe.  Ahnlich 
auch  in  dem  in  Fig.  52  auf  Seite  113  abgebildeten  Falle. 

Das  verhältnismäßige  Vorkommen  von  Hernien  der  weißen  Linie  gegen- 
über den  epigastrischen  ist  zwar  nicht  ziffermäßig  festgestellt,  jedoch  gewiss 
unbedeutend.  Schon  über  A.  Cooper  äußert  Walter  im'  Jahre  1850: 
„A.  Cooper  eas  supra  umbilicum  magno  numero,  infra  tres  tantum  vidit." 
P  e  c  k  constatierte  die  epigastrische  Hernie  bloß  in  drei  Fällen  bei  1000  Re- 
cruten,  Hamilton  bei  1400  Recruten  ebenfalls  bloß  dreimal;  es  wäre  dies 
demnach  eine  nicht  besonders  seltene  Hernienart.  Roth  hat,  abgesehen  von 
einzelnen  zerstreuten ■  Fällen,  aus  den  größeren  Statistiken  (Uhde  13,  Le 
Page  19,  Roth  6  u.  s.  f.)  44  Fälle  gesammelt,  von  denen  29  Männer  und 
15  Frauen  betreffen.  Bei  Kindern  (Walter  und  Le  Page)  und  bei  Säug- 
lingen (Malgaigne)  wurde  diese  Bruch-  ■ 
art  ebenfalls  constatiert.  A.  Cooper  con- 
statierte bei  einem  Kinde  drei  Brüche 
der  weißen  Linie  und  schließt  daraus, 
dass  der  Grund  hiefür  in  einer  unvoll- 
ständigen Entwickelung  der  vorderen 
Baucliwand  zu  suchen  sei. 

Neben  diesem  ursächlichen  Momente 
wird  eine  angeborene  Schwäche  der  Bruch- 
wand, das  Heranwachsen  eines  Fett- 
läppchens, endlich  auch  ein  Trauma  als 
Grund  eines  Bruches  der  weißen  Linie 
zugegeben.  Die  Spalten,  durch  welche 
Hernien  hervortreten,  können  bereits 
embryonal  angelegt  worden  sein ;  dieselben 
sind  aber  auch  manchmal  normale  Durch- 
trittsstellen von  Gefäßen  durch  die  Bauchwand,  in  welche  ein  Fettläppchen 
hineinwachsen  kann;  endlich  können  sie  auch  Rissstellen  nach  einem 
Trauma  sein.  Da  nach  Roth  durch  dasselbe  Trauma  auch  das  Peritoneum 
einreißen  kann,  so  kann  bei  solchen  Brüchen  überhaupt  das  Peritoneum 
vollständig  fehlen.  Von  den  Traumen  scheint  besonders  jene  Anstrengung 
der  Bauchmuskeln  gefährlich  zu  sein,  welche  den  nach  hinten  zurück- 
gebeugten und  durch  irgend  eine  Last  noch  beschwerten  Rumpf  nach 
vorne  zu  bringen  versucht;  daneben  freilich  auch  directe  Verletzungen  mit 
stumpfen  Gegenständen  oder  auch  mit  Verletzungen  der  Bauchwand  ein- 
hergehende Traumen,  sowie  Operationen,  bei  welchen  die  Wunden  drainiert 
oder  die  Wundränder  nach  der  alten  Methode  mangelhaft  vereinigt  worden 
sind.  Roth  bezeichnet  besonders  jene  Stelle  als  Lieblingssitz  von  Hernien, 
wo  die  oberen  Inscriptiones  tendinese  einander  gegenüberliegen,  welche 
Angabe  freilich  den  Beobachtungen  anderer  Autoren,  welche  die  erwähnten 


Fifi.  r,l  (siehe  Seite  109). 


112 


Über  seltenere  Brucharten. 


Hernien  am  häufigtsen  in  der  oberen  Hälfte  der  Distanz  zwischen  Nabel 
oder  dem  Schwertfortsatze  beobachtet  haben,  widerstreitet.  Die  Form 
des  Bruches  pflegt  flach  zu  sein  und  die  Contouren  desselben  ver- 
lieren sich  häufig  allmählich  in  die  Umgebung.  Am  häufigsten  jedoch 
pflegen  die  Brüche  überhaupt  unsichtbar  zu  sein,  besonders  in  wagrechter 
Stellung;  dieselben  sind  meistens  nur  tastbar,  und  zwar  am  ehesten  in 
aufrechter  oder  vornüber  gebeugter  Stellung.  Besonders  bei  fetten  Indi- 
viduen sind  die  Brüche  recht  schwer  im  ünterhautfottgewebe  als  solche 
zu  isolieren  und  als  Hernien  zu  erkennen.  Die  einzelnen  krankhaften  Er- 
scheinungen wurden  bereits  angeführt. 

Solche  krankhafte  Symptome  führten  in  den  Fällen  von  Scarpa 
und  Tartra  zu  operativen  Eingriffen,  welche  sich  insoferne  als  überflüssig 
erwiesen,  als  man  keine  incarcerierte  Hernie,  sondern  bloß  eine  gestielte 
Fettgeschwulst  entdeckte.  Auch  durch  Exstirpation  dieser  wurden  die  früher 
auf  Incarceration  bezogenen  Erscheinungen  nicht  auf  einmal  beseitigt, 
sondern  dieselben  schwanden  erst  nach  Gebrauch  von  inneren  Mitteln  und 
auch  dies  erst  nach  längerer  Zeit.  Dieselbe  Erfahrung  wiederholte  sich 
bei  einer  Operation  von  Wernher,  woraus  derselbe  schloss,  dass  die 
Deutung  der  Symptome  als  Folgen  einer  Incarceration  eine  fälschliche 
gewesen  sei.  Gussenbauer  hat  bei  Gelegenheit  der  Beobachtung  einer 
interessanten  doppelten  symmetrischen  epigastrischen  Hernie,  deren  jede 
eine  kleine  Dünndarmschlinge  enthielt  (bei  gleichzeitigem  Bestände  von 
anderen  symmetrischen  Lipomen)  die  Meinung  geäußert,  dass  die  nervösen 
Erscheinungen  bei  leeren  oder  Fettläppchen  enthaltenden  Brüchen  folgender- 
maßen erklärt  werden  sollten:  Die  Gefäße  und  Nerven,  welche  in  Stiele 
verlaufen  und  die  ihrerseits  fest  mit  dem  Bauchfelle  verwachsen  sind, 
können  durch  die  Zusammenziehung  der  Bauchmuskeln  zusammengedrückt 
werden  und  hiedurch  jene  Nervenreizung  hervorrufen,  welche  ihrerseits 
auf  reflectorischem  Wege  die  bereits  erwähnten  und  andere  Erscheinungen 
hervorbringt.  Deswegen  schwinden  solche  Beschwerden  nach  der  Reposition 
oder  kurz  nach  der  Operation  und  kehren  nicht  wieder,  wenn  durch 
Bandagen  das  Wiedererscheinen  der  Hernien  vereitelt  wird  oder  wenn  wir 
dasselbe  Ziel  durch  die  Operation  erreicht  haben.  Unter  den  nervösen 
Erscheinungen  werden  von  Wernher  folgende  aufgeführt:  eine  nervöse 
Verstimmung  und  Unfähigkeit  zu  irgend  einer  geistigen  oder  körperlichen 
Leistung.  Die  Kranken  klagen  über  Schwäche  der  Verdauung,  Auf- 
getriebenheit  des  Bauches,  Aufstoßen,  Erbrechen,  Schmerzen,  besonders  in 
der  Magengegend.  Nach  der  Nahrungsaufnahme,  stärkeren  Bewegungen 
oder  bei  Rückwärtsbeugen  des  Rumpfes  werden  die  erwähnten  Beschwerden 
wesentlich  gesteigert.  Beim  weiblichen  Geschlechte  vermehrt  die  Menstrual- 
zeit  die  Schwere  der  Erscheinungen.  Viele  der  Kranken  magern  mit  der 
Zeit  ab,  ihr  Teint  ist  blass,  ihre  Kräfte  schwinden;  die  Ärzte  sind  geneigt. 


über  seltenere  Brucharten. 


113 


da  der  verursachende  Tumor  nur  klein  und  schwer  tastbar  ist,  den  ganzen 
Symptomencomplex  als  Hysterie  oder  Hypochondrie  zu  deuten. 

Wir  haben  auch  der  Einklemmung  der  epigastrischen  Hernien  Er- 
wähnung gethan.  Insofern,  als  es  sich  um  reine  Fettbrüche  handelt,  müssten 
wir,  falls  wir  auf  die  Theorie  Gussenbauer's  nicht  eingehen  wollten, 
dieselben  als  Erscheinungen  anderer  krankhafter  Zustände  ansehen,  z.  B. 
von  leichten  Entzündungen  des  Bauchfells  oder  von  leichten  Anfällen  von 
chronischem  Ileus  durch  Darmparese  oder  durch  Verwachsungen,  Ver- 
schlingungen, als  Folgen  von  Magenkrankheiten  (z.  B.  von  Geschwüren) 
u.  s.  f.  Sobald  die  Fetthernie  aber  in  sich  einen  Rest  eines  früheren 
Bruchsackes  enthält  oder  hinter  sich  eine  vorläufig  nur  zipfelförmige  Aus- 
stülpung des  Bauchfells  herzieht  (sogenannte    Hernie   en   pointe),  dann 


können  freilich  die  Incarcerationserscheinungen  und  zwar  durch  Einklem- 
mung eines  Netzzipfels  oder  eines  lateralen  Darmbruches  hinreichend  be- 
gründet sein.  Jedoch  können  auch  leere  Bruchsäcke  durch  Entzündung  zu 
der  fälschlichen  Annahme  einer  Incarceration  Veranlassung  geben. 

f)  Uber  Zwerchfellhernien  (Herni«  diaphragmaticae). 

Baucheingeweide  können  durch  das  Zwerchfell  in  die  Brusthöhle 
eintreten:  entweder  durch  einen  angeborenen  Defect  im  Diaphragma  oder 
durch  späteres  Entstehen  eines  solchen,  wozu  am  häufigsten  ein  Trauma 
die  Veranlassung  abgeben  wird.  Hernien,  welche  durch  einen  angeborenen 
Defect  des  Zwerchfells  entstehen,  werden  gewöhnlich  bei  Föten  beobachtet, 
welche  auch  sonst  zum  Weiterbestande  nicht  geeignet  sind,  woraus  ge- 
folgert werden  kann,  dass  diese  Bruchart,  mehr  eine  pathologisch-ana- 

Maydl,  Specielle  Cliirurgie.  I.  8 


Fig.  52  (siehe  Seite  III). 


114 


über  seltenere  Brucharten. 


tomische  Besonderheit  als  Gegenstand  eines  praktisch-chirurgischen  Ein- 
greifens zu  sein  pflegt.  Wie  schon  angedeutet,  gibt  es  wenig  Beispiek^ 
in  denen  ein  mit  einem  Zwerchfellbruch  behaftetes  Kind  längere  Zeit  gelebt 
hätte.  In  Fig.  53  und  54  (Seite  115  und  117)  bilden  wir  einen  solchen  Fall 
ab,  welcher  von  einem  asphyktisch  geborenen  Kinde  herstammt,  bei  dem 
behufs  Belebung  Schulze'sche  Schwingungen  gemacht  wurden,  jedoch 
ohne  Erfolg,  so  dass  das  Kind  bald  nach  der  Geburt  zur  Section  gelangte. 
Die  complicierten  Verhältnisse  in  diesem  Falle  werden  am  besten  durch 
die  obige  Abbildung  wiedergegeben,  wobei  wir  erwähnen  wollen,  dass 
vom  Vorstande  de?  pathologischen  Institutes,  Professor  Hlava.  die 
Meinung  geäußert  wurde,  dass  bei  einzelnen  Diaphragmalliernien  die  er- 
wähnten Schwingungen  vielleicht  von  ätiologischer  Bedeutung  sein  könnten, 
was  allerdings  in  dem  gegenwärtigen  Falle  schon  aus  dem  Grunde  nicht 
angewendet  werden  kann,  weil  an  dem  verlagerten  Darme  deutliche  Spuren 
von  embryonaler  Bildungsabweichung  constatiert  wurden. 

Man  würde  ghiuben,  dass  bei  Erwachsenen  die  Diaphragmalhernien 
entweder  durch  die  natürlichen  Spalten  im  Zwerchfell,  durch  welche  Speise- 
röhre, Aorta  und  Vena  cava  herab-  oder  emporsteigen,  oder  durch  ab- 
norme Spalten  hindurchtreten  werden,  welche  entweder  durch  stumpfe 
Gewalt  (also  durch  Laceration  des  Zwerchfells),  oder  durch  Verwundungen 
(meistentheils  nach  Stich-  und  Schusswunden)  entstanden  sind.  A.  Cooper 
berichtet  jedoch,  dass  er  nach  seiner  50jährigen  reichen  Erfahrung  auf 
diesem  Felde  nicht  ein  einzigesmal  eine  Zwerchfellhernie  gesehen  hat, 
welche  durch  eine  der  natürlichen  Spalten  im  Zwerchfell  nach  aufwärts 
gedrungen  wäre.  Er  beruft  sich  aber  auf  Morgagni,  welcher  einige  Fälle 
solcher  Hernien  beschreibt  und  insbesondere  einen  Zwerchfellbruch  bei 
einem  jungen  Manne  beobachtet  hat,  welcher  unter  den  Erscheinungen 
von  Magenschmerzen  und  Erbrechen  gestorben  ist.  Bei  der  Section  desselben 
fand  man,  dass  das  Netz  mit  einem  Theile  des  Grimmdarmes,  sodann  der 
Zwölffingerdarm,  das  Jejunum  und  das  Ileum  sich  in  der  Brusthöhle  be- 
fanden, in  welche  sie  durch  dieselbe  Öffnung  gedrungen  waren,  durch 
welche  die  Speiseröhre  dieselbe  verlässt.  Die  Lunge  und  das  Herz  waren 
auf  ein  ganz  geringes  Volumen  zusammengedrückt.  Wenn  hie  und  da  doch 
ein  Individuum  mit  einer  Zwerchfellhernie  längere  Zeit  am  Leben  bleibt, 
in  welchem  Falle  natürlich  der  Bruch  klein  zu  sein  pflegt,  dann  finden 
wir  gewöhnlich,  dass  sich  die  Hernie  auf  der  linken  Seite  entwickelt  hatte. 
Bei  einem  solchen  Defect  können  später  natürlich  auch  andere  Eingeweide 
sich  durchdrängen,  bis  sich  der  Bruch  so  weit  vergrößert  hatte,  dass  durch 
ihn  die  Lunge  und  das  Herz  in  ihren  Functionen  gehemmt  werden.  Auf 
der  rechten  Seite  ist  das  Entstehen  von  Zwerchfellhernien  wesentlich  er- 
schwert durch  das  breite  Anliegen  der  Leber  an  die  untere  Zwerchfell- 
fläche, die  hiedurch  ausreichend  geschützt  erscheint,  jedoch  nur  gegen  das 


über  seltenere  Brucharten. 


115 


Andrängen  von  Baucheingeweiden  im  späteren  Leben,  weniger  in  der 
Fötalzeit,  wo  durch  Lageveränderung  der  Leber  eine  Partie  des  Zwerch- 
fells bloßgelegt  werden  kann,  vielleicht  auch  umgekehrt  durch  Anlage 
einer  Zwerchfellliernie  das  Einrücken  der  Leber  in  ihre  spätere  normale 
Stellung  verhindert  wird. 

Je  nach  der  Ent- 
stehung einer  diaphrag- 
malen  Hernie  kann  die- 
selbe entweder  einen  Peri- 
tonealülierzugbesitzen.oder 
dieselbe  entbehrt  eines 
solchen.  Ersteres  trifft 
bei  manchen  angeborenen 
Zwerchfelll)riichen  zu,  letz- 
teres beobachtet  man  sehr 
häufig  bei  erworbenen,  be- 
sonders traumatischen  Dia- 
phragmalhernien. 

Bezüglich  der  Be- 
sehwerden, welche  Dia- 
phr'agmalhernien  verur- 
sachen können,  bestehen 
verbürgte  Nachrichten,  das« 
in  Fällen,  in  denen  l)eim 
eröten  Blicke  in  die  Baucli- 
höhle  kein  Dünndarm  in 
derselben  constatiert  wurde, 
derselbe  sich  vielmehr  in 
der  Brusthöhle  befand,  die 
Kranken  bei  Lebzeiten  so 
wenig  durch  diesen  Zu- 
stand belästigt  wurden,  dass 
diese  Brüche  nie  der  Gegen- 
stand einer  Therapie,  ja 
sehr  oft  nicht  einmal  Ge- 
genstand einer  diagnostischen  Bemühung  geworden  sind. 

Anders  verhalten  sich  die  Dinge  mit  den  erworbenen  Zwerchfell- 
brüchen, besonders  mit  jenen,  welche  durch  Traumen,  daher  plötzlich  ent- 
standen sind.  Diese  Brüche  sind  demnach  mit  einer  subcutanen  Ruptur 
des  Zwerchfells  oder  mit  einer  Verwundung  desselben  compliciert. 

Die  Diaphragmalhernien  bei  einem  subcutanen  Trauma  haben  natürlich 
stets  einen  Riss  des  Zwerchfells  zur  unerlässlichen  Bedingung.  Solche 

8* 


Fiy.  53  (siehe  Seite  114). 

Angeborene  Hernica  diaphrauni.  (durch  den  Hiat.  oesopli.) 
Linker  Thorax  von  Diirmen  erfüllt.    Herz  verdrängt. 
Im  Abdomen  nui'  //  =  Hepar,  G  =  Magen,   SL'  = 
S-romanum. 


116 


über  seltenere  Brucharten. 


Rupturen  des  Zwerchfells  pflegen  nicht  die  einzigen  Folgen  der  Ver- 
letzung zu  sein,  sondern  sind  gewöhnlich  mit  Rupturen  eines  oder  des 
anderen  Brust-  oder  Baucheingeweides  combiniert.  Solche  Risse  des  Zwerch- 
fells können  ohne  jede  weitere  nachtheilige  Folge  bleiben,  wenn  sie  nicht 
allzu  ausgedehnt  und  beispielsweise  auf  der  rechten  Seite  des  Zwerchfells 
gelegen  sind,  in  welchem  Falle  sie  ziemlich  vollständig  durch  die  an- 
liegende Leber  tamponiert  und  so  zur  Heilung  oder  wenigstens  zur  Ver- 
stopfung gebracht  werden  können. 

Auf  der  linken  Seite  genügt  jedoch  schon  ein  kleiner  Riss  des 
Zwerchfells,  indem  er  zum  Durchtritte  irgend  eines  Eingeweides  führt,  zur 
Entwickelung  eines  Bruches.  Es  wurden  allerdings  auch  Fälle  beobachtet,  in 
denen  ein  solcher  Riss  statt  einer  Hernie  die  Entwickelung  eines  Abscesses 
zur  Folge  hatte,  wie  es  Holmes  in  seinem  „System  of  Surgery"  (H.  Theil) 
in  dem  von  Pollock  bearbeiteten  Capitel  von  einem  22jährigen  Manne 
erzählt,  welcher  von  einem  20  Fuß  hohen  Gerüste  herabfiel,  sich  aber  von 
seiner  Verletzung  bereits  ziemlich  erholt  zu  haben  schien,  als  er  2^/2  Monate 
hierauf  starb,  nachdem  er  einige  Tage  zuvor  seinen  ersten,  wenn  auch 
nur  kurzen  Spaziergang  unternommen  hatte.  In  diesem  Falle  wurde  die 
linke  Pleura  in  zwei  übereinander  liegende  Räume  abgetheilt  gefunden;  in 
der  linken  Lunge,  welche  an  der  Basis  mit  dem  Zwerchfell  verwachsen 
war,  hatte  sich  ein  sehr  ausgedehnter  Abscess  gebildet,  welcher  seinerseits 
mit  einem  zweiten  Abscess  communicierte,  der  zwischen  der  Lunge  und 
dem  Zwerchfell  gelegen  war  und  von  dem  wieder  eine  ungefähr  einen 
Zoll  lange  spaltförmige  Öffnung  in  eine  dritte  intraabdominelle  Eiterhöhle 
führte;  dieselbe  lag  auf  der  linken  Seite  des  Magens  und  hinter  demselben 
und  wurde  begrenzt  von  dem  ebengenannten  Organ,  dem  queren  Grimm- 
darm, von  dem  Zwerchfell  und  vom  oberen  Pole  der  linken  Niere;  die 
Milz  war  in  zwei  gleiche  Theile  gerissen,  der  obere  Theil  befand  sich, 
allseitig  von  Eiter  umspült,  innerhalb  des  Abscesses,  der  übrige  Theil  vor 
demselben.  In  der  Abscesshöhle  befand  sich  ungefähr  ein  halbe  Pinte 
Eiters.  Die  untere  Oberfläche  des  Zwerchfells  war  in  der  Größe  von 
ungefähr  6  Zoll  entzweigerissen;  der  Riss  verlief  von  der  Mittellinie  gegen 
die  linke  Seite. 

Devergie  befasste  sich  mit  der  Bestimmung  des  Sitzes  des  Zwerch- 
felleinrisses und  constatierte,  dass  sich  die  größte  Zahl  auf  der  linken 
Seite  befindet.  Die  Symptome  der  Zwerchfellrisse  sind  ziemlich  unklar; 
man  muss  jedoch  an  etwas  derartiges  denken,  wenn  ein  Verletzter  von 
größerer  Höhe  herabgestürzt  ist  oder  eine  höhere  Gewalt  auf  die  untere 
Thoraxhöhle  eingewirkt  hatte.  Meistens  sind  die  Erscheinungen  anderer 
Eingeweideeinrisse  bei  weitem  mehr  in  die  Augen  springend,  besonders 
Erscheinungen  einer  Leberverletzung  oder  eines  Magen-,  Darm-  oder  Milz- 
einrisses.   Man  würde  glauben,  dass  die  Respiration  besonders  erschwert 


über  seltenere  Brucharten. 


117 


und  schmerzhaft  sein  müsse;  es  werden  auch  thatsächlich  Beispiele  an- 
geführt, wo  der  Verletzte  einige  Minuten  hindurch  kaum  zu  athmen  ver- 
mochte. Derartige  Einrisse  scheinen  aber  nicht  absolut  tödtlich  zu  sein,  da 
man  eine  ziemliche  Anzahl  von  entwickelten  Zwerchfellbrüchen  kennt, 
welche  zu  ihrer  Entwickelung  jedenfalls  längere  Zeit  gebraucht  haben  müssen. 

Die  häufigste  und 
gewöhnlichste  Folge  der 
Zwerchfelleinrisse  ist  das 
Eindringen  des  Magens 
in  die  Brusthöhle,  öfters 
mit  Zerreißiing  seiner 
Wand  und  Extravasation 
seines  Inhalts  einher- 
gehend, doch  wurden 
auch  Theile  des  Dünn- 
darms, des  Quercolons 
und  des  Netzes  in  der 
Brusthöhle  vorgefunden, 
sobald  die  Risse  des 
Diaphragmas  umfäng- 
licher waren.  Derartige 
Verletzungen  können 
sich  auch  mit  Brüchen 
oder  Infraction  der  Rip- 
pen, weiters  mit  selbst- 
ständiger oder  durch 
Rippenfragmente  be- 
dingter Zerreißung  der 
Lunge  combinieren. 

Es  kann  demnach 
ein  Zwerchfelleinriss  so- 
wohl die  Entwickelung 
einer  Zwerchfellhernie 
des  Magens  als  auch 
die  eines  Pneumothorax 
zur  Folge    haben,  in 

welch  letzterem  Falle  die  Luft  entweder  aus  dem  Magen,  dem  Darm  oder 
der  Lunge  herstammen  kann,  oder  es  kann  auch  zur  Ansammlung  von  Blut, 
Eiter  oder  Jauche  kommen,  in  welchen  Flüssigkeiten,  nach  erfolgtem  Einstich 
oder  Einschnitt,  ab  und  zu  Nahrungsbestandtheile  constatiert  werden  können. 

Die  Erscheinungen  einer  derartigen  Verletzung  können  demnach  in 
Folgendem  bestehen:  zuerst  in  der  Ausdehnung  der  entsprechenden  Thorax- 


Fig.  54  (siehe  Seite  114). 
Der  Inhalt  des  Thorax  auseinandergelegt. 

C  —  Cor.,  P  —  Pulmo.,  C.  a.  =  Colon  ascendens,  C.  t.  = 
Colon  transv.,  f/.  =  Colon  descendens  (sehr  ausgedehnt), 
Pr.  V.  =  Proc.  vermif.,  Diaf.  =  Zwerchfell,  H.  =  Leber, 
L.  Sjj.  —  Lob.  Spigelii,  G.  =  Magen,  r.  =  Niere  links. 
Dd.  —  Duoden.,    V.  f.  =  Ves.  fellea.,  J  =  Dünndarm. 


118 


Über  seltenere  Brucliarten. 


hälfte,  in  der  Verdrängung  des  Herzens;  die  Percussion  kann,  wenn  Magen 
oder  Darm  in  die  Brusthöhle  eingetreten  sind,  tympanitisch.  sie  l^ann  aber 
auch  leer  sein,  wenn  in  die  Brusthöhle  ein  solides  Eingeweide  gedrungen  ist. 

Uber  den  eingedrungenen  Eingeweiden  hören  wir  keine  Athmungs- 
geräusche,  dagegen  beobachten  wir  öfters  hartnäckiges  Erbrechen,  sowie 
Erscheinungen  von  Circulationsstörungen  an  den  eingedrungenen  Einge- 
weiden. Rascher  letaler  Ausgang  kann  entweder  durch  Incarceration  des 
Bruchinhaltes  erfolgen  oder  infolge  einer  intensiven  Infection  durch  den 
ungehörigen  Inhalt  der  Brusthöhle. 

Die  Behandlung  der  Zwerchfellhernien  war  bis  zur  antiseptischen 
Zeit  wohl  ganz  unmöglich,  während  in  der  letzten  Phase  der  Wund- 
behandlung dieselbe  identisch  ist  mit  der  Behandlung  der  Zwerchfelleinrisse 
bei  äußerer  Wunde,  an  welcher  Stelle  wir  etwas  eingehender  über  diesen 
Gegenstand  sprechen  wollen. 

Wir  haben  bereits  einmal  erwähnt,  dass  besonders  Stich-  und  Schuss- 
wunden gegen  die  untere  Partie  des  Thorax,  vornehmlich  an  seiner  hinteren 
und  lateralen  Fläche,  sich  nicht  selten  mit  der  Entwickelung  eines  Bruches 
combinieren.  Es  sind  dies  besonders  jene  Stichwunden,  welche  mit  einem 
breiten,  aber  kurzen  Messer  geführt  wurden,  die  nicht  selten  außer  der 
äußeren  Wunde  auch  die  Eröffnung  der  Brusthöhle,  Durchstich  des  unteren 
Liingenlappens  und  in  geringer  Ausdehnung  eine  Verletzung  des  Zwerch- 
fells zur  Folge  haben.  Durch  eine  derartige  Zwerchfelllücke  entsteht  sehr 
leicht  ein  Prolaps  des  Magens  oder  anderer  anliegender  Baucheingeweide, 
entweder  bei  verletzter  oder  unverletzter  Continuität  ihrer  Oberfläche. 
Wenn  in  einem  solchen  Falle  der  Magen  oder  der  Quergrimmdarm  durch 
das  verletzende  Instrument  ebenfalls  verletzt  worden  sind,  dann  ist  allerdings 
das  Eindringen  in  die  Brusthöhle  recht  erschwert,  da  unter  der  Einwirkung 
der  Bauchpresse  es  eher  zu  einer  Extravasation  des  Inhalts  in  die  Brust- 
höhle kommt,  worauf  infolge  Verschiebung  der  Ränder  ein  ähnlicher  Inhalts- 
austritt in  die  Bauchhöhle  oder  in  den  subphrenischen  Raum  erfolgen  kann. 

Aus  dem  eben  angeführten  Grunde  ist  die  Anzahl  der  Vorfälle  eines 
verletzten  Eingeweides  in  der  Brusthöhle  verschwindend  klein  gegen  jene 
Fälle,  in  denen,  wenigstens  im  Augenblicke  der  Verletzung,  das  Eingeweide 
unverletzt  blieb,  wobei  es  allerdings  nicht  ausgeschlossen  ist,  dass  dieses 
Organ,  nur  in  seinen  äußeren  Schichten  verletzt,  ohne  Einklemmungs- 
mechanismus  dennoch  in  die  Brusthöhle  perforiert.  Ein  ähnlicher  Fall 
wurde  frisch  vom  Verfasser  beobachtet  und  ward  Gegenstand  einer  lite- 
rarischen Nachforschung  von  H  o  r  o  c  h,  welcher  mehrere  derartige  Fälle 
sammelte,  aus  welchen  ,  sich  ergab,  dass  sie  sämmtlich  zum  Tode  geführt 
hatten,  einerseits  wegen  der  schweren  Verletzung  an  und  für  sich,  ander- 
seits wegen  der  in  der  vorantiseptischen  Zeit  unmöglichen  zweckent- 
sprechenden Behandlung.    In  dem  angedeuteten  Falle  aus  des  Verfassers 


über  seltenere  Brucharten. 


119 


eigener  Beobachtung  handelte  es  sich  um  eine  Wunde  am  äußeren  Cucul- 
larisrand,  welche  zwischen  zwei  Rippen  eindrang;  im  Brustraum  war  ein 
drittel  Liter  extravasiertes  Blut,  die  linke  Lunge  collabiert,  an  der  Oberfläche 
missfärbig,  ihr  unterer  Lappen  von  einer  etwa  4  cm  langen  Stichwunde 
durchsetzt.  Im  unteren  Theile  des  Brustraumes  lag  ein  kindskopfgroßer 
kugelig  aufgeblähter  Körper,  welcher  sich  als  der  linke  Theil  des  Magens 
herausstellte.  Dieser  Körper  fällt  beim  Anfassen  zusammen,  worauf  eine 
4  cm  lange  schlitzförmige  Öffnung  entsteht,  aus  welcher  sich  Mageninhalt 
entleert.  Im  sehnigen  Theile  des  Magens  ein  8  cm  langer  Schlitz,  quer- 
gestellt, der  eine  Rand  desselben  auf  2  cm.  quer  eingeschnitten.  Die  ein- 
getretene Magenhälfte  tamponiert  diese  Öffnung  und  ist  durch  die  Ränder 
eingeklemmt.  Der  vorgefallene  Magenantheil  schiefergrau  verfärbt,  erweicht. 
Im  Dünndarm  mäßiger,  kaffeesatzförmiger  Inhalt.  Nach  Herausnahme  der 
Eingeweide  stellte  sich  heraus,  dass  die  Außenwunde  zwischen  der  8.  und 
9.  Rippe  verlief. 

Bei  einem  derartigen  Magenprolaps  muss  man  sich  davor  hüten,  den 
kugelig  aufgeblähten  Magen  nicht  für  den  angewachsenen  unteren  Lungen- 
lappen zu  halten,  was  besonders  dann  geschehen  kann,  wenn  bei  unge- 
nügender Länge  der  Außenwunde  wir  nur  auf  die  Abtastung  des  Brust- 
inneren angewiesen  wären. 

Da  der  Vorfall  des  Magens  in  die  Brusthöhle  mit  Einklemmung  in 
der  Zwerchfellwunde  gewöhnlich  mit  unerträglichen  Magenschmerzen  und 
Intoleranz  desselben  gegen  Genossenes  verbunden  ist,  so  müssen  wir,  falls 
wir  bei  äußerer  Wunde  am  entsprechenden  Orte  durch  die  ebenerwähnten 
Erscheinungen  aufmerksam  gemacht  worden  sind,  dass  ein  Magenvorfall 
besteht,  unverzüglich  für  gehörige  Brustübersicht  sorgen.  Haben  wir  die 
äußere  Wunde  dilatiert  und  den  erwähnten  Befund  erhoben,  dann  ist  es 
wohl  am  zweckmäßigsten,  durch  eine  in  der  Mittellinie  gelegene  Wunde 
die  Bauchhöhle  zu  eröffnen  und  mittelst  der  eingeführten  Hand  die  in  den 
Brustraum  eingedrungenen  Eingeweide  zurückzuziehen,  falls  die  Oberfläche 
des  Eingeweides  unverletzt  ist.  Nach  Reposition  in  die  Bauchhöhle  ver- 
nähen wir  sodann  die  Wunde  im  Zwerchfell,  indem  wir  uns  dieselbe  durch 
die  in  den  Bauchraum  eingeführte  Hand  gegen  die  Thoraxwand  ausgiebig 
nähern.  Ist  dagegen  das  Eingeweide  verletzt,  wenn  auch  vielleicht  nur  in 
den  äußeren  Schichten,  dann  muss  um  jeden  Preis  die  Continuitäts- 
trennung  verschlossen  werden,  und  zwar  entweder  vor  der  Reposition  in 
die  Brusthöhle  oder  nach  der  Reposition  von  der  Bauchwunde  aus;  welcher 
Weg  eingeschlagen  wird,  hängt  von  den  Einzelheiten  des  Falles  ab.  Die 
weitere  Versorgung  ist  gleich  wie  bei  der  Verletzung  des  Zwerchfells  ohne 
gleichzeitige  Continuitätstrennung  des  Eingeweides.  Jedenfalls  gilt  nicht 
mehr,  was  im  Jähre  1870  Holmes  schrieb,  nämlich:  „Wir  können  nicht 
hoffen,  dass  wir  jene  Öffnung  durch  irgend  ein  Mittel  verschließen  könnten, 


120 


über  seltenere  Brncharten. 


welches  die  Wissenschaft  oder  die  mechanische  Chirurgie  rechtfertigen 
könnten,  und  deshalb  müssen  wir  darauf  verzichten,  auch  wenn  wir  das 
Eindringen  von  Baucheingeweiden  durch  die  Zwerchfelllücke  mit  der  aller- 
größten Verlässlichkeit  constatieren  könnten,  uns  um  die  Reposition  dieser 
Eingeweide  in  den  Bauchraum  zu  bemühen,  vielleicht  in  der  Erwartung, 
dass  wir  dem  Kranken  nützen  und  uns  weiteres  Vertrauen  verdienen 
könnten."  Im  Gegentheile  bildet  der  im  Obigen  geschilderte  Vorgang  nicht 
mehr  eine  phantastische  Construction,  sondern  schildert  eine  und  zwar 
mit  Erfolg  ausgeführte  Operation.  Es  wiederholt  sich  demnach  hier  dieselbe 
Erfahrung,  welche  wir  bei  der  Exstirpation  der  Schilddrüsengeschwülste 
gemacht  haben,  über  welche  sich  Dieffenbach  in  ähnlicher,  aber  noch 
schärferer  Weise  ablehnend  ausgesprochen  hat. 

Zum  Beweise,  dass  auch  eine  schwere  Zwerchfellverletzung  mit  Ein- 
geweidevorfall zur  Heilung  gelangen  kann,  diene  ein  Beispiel  ebenfalls 
aus  der  Praxis  des  Verfassers,  welches  eine  nach  einer  Schussverletzung 
entstandene  Zwerchfellhernie  betrifft.  Der  betreffende  Mann  wurde  im 
Jahre  1866  durch  einen  Thoraxschuss  verwundet  und  nach  einigen  Wochen 
geheilt  entlassen.  In  der  Folge  bemerkte  er  vier  Querfinger  unter  der  linken 
Brustwarze  das  Vordrängen  einer  kleinen  Geschwulst,  welche  ihm  aber 
niemals  Beschwerden  machte.  Der  Kranke  erlag  der  Incarceration  einer 
Blinddarmhernie  16  Jahre  nach  der  Verletzung.  Die  betreffende  Geschwulst 
ist  kugelig  und  luftkissenartig  anzufühlen.  In  der  Geschwulst  deckt  die 
Haut  eine  strahlige  Narbe;  Percussion  tympanitisch.  Bei  der  Section  fand 
man,  dass  mehrere  Dünndarmschlingen,  das  große  Netz,  der  Fundustheil 
des  Magens,  endlich  die  linke  Colonflexur  durch  eine  Lücke  in  der  linken 
Zwerchfellhälfte  in  den  Brustraum  eingedrungen  waren.  Nur  die  Darm- 
schlingen waren  reponierbar,  der  übrige  Inhalt  im  Brustraume  fixiert.  Die 
Zwerchfelllücke  war  9  cm  lang,  5  cm  breit,  sagittal  gestellt,  ihre  Ränder 
abgerundet,  narbig,  der  äußere  vordere  Rand  in  einer  Öffnung  der  Brust- 
wand verstreichend,  durch  welche  man  in  die  äußere  Geschwulst  gelangt. 
Die  im  Brustraume  befindlichen  Eingeweide  von  einer  zarten  gestrickten 
Pseudomembran  umschlossen,  dieser  Sack  mit  der  Brustwand  und  der  ver- 
drängten Lunge  verwachsen  und  bis  zum  zweiten  Intercostal räume  hinauf- 
reichend. Das  Herz  in  die  rechte  Thoraxhälfte  verdrängt,  in  der  7.  Rippe 
ein  Defect  nachweisbar. 

Zum  Schlüsse  wollen  wir  noch  einen  typischen  Fall  einer  subcutanen 
erworbenen  Zwerchfellhernie  anführen,  welcher  von  Cooper  herstammt. 
Ein  Mann  war  36  Fuß  tief  gefallen  und  brach  sich  die  6  unteren  Rippen. 
Erschwerte  Athmung,  bedeutende  Schmerzen,  Crepitation,  mäßiges  Emphysem, 
bald  darauf  andauerndes  Erbrechen,  Schluchzen,  am  nächsten  Tage  Tod. 
Bei  der  Section  fand  man  einen  kleinen  Einriss  auf  der  hinteren  unteren 
Partie  der  rechten  Lunge.  In  der  rechten  Brusthälfte  ein  Theil  des  Dünn- 


Innere  Hernien. 


121 


darmes,  welcher  livid  verfärbt  war.  Nach  Eröffnung  der  Bauchhöhle  zeigte 
es  sich,  dass  es  ein  Theil  des  Ileum  ist,  welcher  durch  eine  hinter  der 
Leber  gelegene  Lücke  in  dem  Zwerchfell  in  den  Brustraum  eingetreten  ist. 
Diese  Lücke  lag  2  Zoll  vom  sehnigen  Centrum  des  Diaphragmas  im  Muskel- 
antheile  desselben,  sie  war  ganz  von  der  Dünndarmschlinge  ausgefüllt  und 
vollständig  incarceriert.  Der  Zwerchfelleinriss  entstand  durch  ein  Fragment 
der  10.  Rippe.  Im  Bauchraume  die  übrigen  Eingeweide  unversehrt,  daselbst 
eine  größere  Menge  blutig-seröser  Flüssigkeit. 

Es  ist  gar  kein  Zweifel,  dass  die  im  Obigen  geschilderte  modern 
operative  Therapie  auch  auf  subcutane  Zwerchfellrupturen  mit  Hernien- 
bildung  und  Einklemmung  anwendbar  ist  und  in  dem  geschilderten  Falle 
erfolgversprechend  war.  Ja,  man  kann  sogar  den  Gedanken  concipieren, 
einen  ähnlichen  Weg  einzuschlagen,  wenn  es  sich  einmal  um  eine,  be- 
deutende Beschwerden  verursachende  Zwerchfellhernie  ohne  Einklemmung 
handeln  würde. 

Bezüglich  des  obigen  Falles  möchten  wir  noch  auf  die  durch  den- 
selben sichergestellte  Möglichkeit  der  Entstehung  eines  erworbenen  Zwerch- 
fellbruches auf  der  rechten  Seite  trotz  der  Lebervorlagerung  nachdrücklichst 
hinweisen. 


5.  Innere  Hernien. 

Es  ist  ein  unleugbares  und  auch  von  niemandem  bestrittenes  Ver- 
dienst des  Prager  Professors  Treitz,  des  ehemaligen  Directors  des  Prager 
pathologisch-anatomischen  Institutes,  dass  es  im  Gebiete  der  sogenannten 
inneren  Hernien,  wo  man  allenthalben  früher  auf  Ansichten  der  crassesten 
Natur  und  auf  unvereinbare  Widersprüche  stieß,  zu  einer  einheitlichen 
Anschauung  kam,  welche  auf  einer  gründlichen  Untersuchung  der  Ver- 
hältnisse und  zwar  sowohl  am  erwachsenen  als  am  in  Entwickelung  be- 
griffenen Körper  basiert,  zu  welchen  in  der  neuesten  Zeit  auch  genauere 
und  verlässlichere  klinische  Beobachtungen  hinzutreten. 

Treitz  hat  nämlich  im  Jahre  1857  in  einer  Schrift,  welche  von 
der  Hernia  retroperitonealis  handelt,  zuerst  die  Definition  der  inneren 
Hernien  ausgesprochen,  welche,  bis  auf  einige,  durch  die  Fortschritte  der 
Zeit  nothwendig  gewordenen  Ergänzungen  bis  auf  unsere  Tage  giltig  ist. 
Er  sagte,  dass  es  bei  jedem  Bruche  drei  wesentliche  Dinge  gäbe:  nämlich 
den  Bruchring  oder  die  Bruchpforte;  den  Bruchsack  und  das  in  den 
letzteren  eingedrungene  Eingeweide;  ferner  dass  jene  Hernien,  deren  Bruch- 
sack sich  nach  außen  von  der  peritonealen  Höhle  vorstülpt  oder  vor- 
stülpen kann,  äußere  Hernien  zu  nennen  sind,  jene  dagegen,  deren  Bruch- 


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Innere  Hernien. 


sack  wegen  besonderer  Lage  der  Brucbpforte  auch  stets  innerhalb  der 
Bauchhöhle  verbleiben  muss,  als'  innere  zu  bezeichnen  wären.  Wenn  wir 
statt  „Bauchhöhle"  „innerhalb  der  Bauchwandungen"  setzen  würden,  so 
wäre  die  Definition  noch  zutreffender  und  der  Zusatz  nicht  nothwendig, 
dass  bei  der  Treitz 'sehen  Definition  das  ganze  Peritoneum  zu  den  Ein- 
geweiden gerechnet  und  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  als  innerhalb  des 
Cavum  abdominis  gelegen  gedacht  wird.  Mit  Rücksicht  auf  den  Bruch  der 
Bursa  omentalis  verlangen  einige,  dass  man  zu  jener  eben  angeführten  Be- 
zeichnung noch  hinzufüge,  dass  das  im  Bruche  enthaltene  Eingeweide  nicht 
erst  den  Bruchsack  vorstülpen  müsse,  sondern  dass  derselbe  bereits  prä- 
formiert vorliegen  kann,  ein  Verlangen,  welches  auch  hinsichtlich  der 
äußeren  Hernien  besonders  der  angeborenen  Leistenhernie,  wohl  gerecht- 
fertigt erscheint.  Da  im  Falle  einer  Hernie  des  Foramen  Winslowii  der 
Bruchsack  ein  Raum  ist,  welcher  normalerweise  bei  jedem  vorgefunden 
wird,  auch  ohne  dass  er  an  Bruch  litte,  so  müssten  wir  die  letztere  Bruchart 
nicht  von  den  inneren  Hernien  abscheiden,  ebenso  wie  wir  den  congenitalen 
Leistenbruch  nicht  von  dem  äußeren  trennen,  wiewohl  derselbe  in  einem 
präformierten  Räume  liegt,  welcher  auch  bei  anderen,  nicht  an  diesem 
Bruche  leidenden  Individuen  —  allerdings  nicht  bei  allen  —  offen  an- 
getroffen wird. 

Von  den  inneren  Hernien,  welche  gewöhnlich  nach  den  Eintritts- 
pforten benannt  werden,  unterscheiden  wir  zuerst 

a)  die  Hernia  foraminis  Winslowii.  Das  letztere  liegt  zwischen 
dem  Ligamentum  hepato-duodenale  und  duodeno- reale.  Durch  diese  Öffnung 
kann  man  in  einen  Sack  eindringen,  welcher  Saccus  peritonei  retroventri- 
cularis  oder  Bursa  omentalis  genannt  wird.  Damit  wir  die  Wesenheit  dieses 
Raumes  richtig  auffassen,  ist  es  nothwendig,  eine  kurze  anatomische 
Recapitulation  einzuschalten.  Die  Peritonealhöhle  bildet  einen  zusammen- 
hängenden Sack  mit  verschiedenen  Ausstülpungen;  dieser  Sack  commu- 
niciert  mittelst  des  Foramen  Winslowii  mit  einem  kleineren,  welcher  an 
dessen  Rückseite  gelegen  ist.  Wenn  wir  die  Grenzen  beider  Räume  an 
einem  sagittalen  Durchschnitte  begehen  wollen,  so  beschreiben  wir  den 
folgenden  Weg:  am  Nabel  beginnend  bedeckt  das  Peritoneum  als  einfache 
Schichte,  nämlich  als  Peritoneum  parietale,  die  vordere  Bauchwand  bis 
zur  vorderen  Anheftung  des  Zwerclifells,  welches  seinerseits  ebenfalls  einen 
Bauchfellüberzug  bekommt,  und  zwar  bis  zu  jenem  Orte,  wo  die  Speiseröhre 
und  die  untere  Hohlvene  durchtritt.  Von  dieser  Stelle  aus  überspringt  das 
Peritoneum  auf  die  convexe  Oberfläche  der  Leber  rechterseits.  auf  den  Magen 
und  die  Milz  linkerseits.  Die  hinterste  Partie  des  Zwerchfells  liegt  dem- 
nach vom  Peritoneum  unbedeckt  da,  und  auch  der  Magen  hätte  bis  nun  auf 
der  hinteren  Fläche  keinen  Peritonealüberzug.  Den  Übergang  des  Zwerch- 
fellperitoneums  auf  die  Leber  nennen  wir  das  Ligamentum  coronarium 


Innere  Hernien. 


123 


hepatis.  Von  da  an  bedecfe^  das  jetzt  zum  Peritoneum  viscerale  gewordene 
Bauchfell  die  obere  convexe  Leberfläche,  geht  sodann  um  den  vorderen 
scharfen  Leberrand  auf  die  untere  Fläche  der  Leber,  daselbst  die  Gallen- 
blase mit  überziehend,  und  reicht  bis  zu  der  queren  Leberfurche  (Porta 
hepatis),  woselbst  es  vor  den  •  Gefäßen  und  groben  Gallengängen  zum 
oberen  Rande  des  Magens  und  Duodenums  umbiegt.  Diesen  Ubergang 
nennen  wir  das  Omentum  minus  oder  das  Ligamentum  hepatogastricum 
und  hepatoduodenale.  Auf  der  rechten  Seite  der  Gefäße  stülpt  sich  nun 
.oberhalb  des  Magendarmcänals  das  .Peritoneum  nach  rückwärts  aus,  sowohl 
nach  links  als  nach  rechts,  nach  oben  und  nach  unten,  und  bildet  so  das 
hintere  Blatt  des  Omentum  minus  und  des  Ligamentum  hepatoduodenale. 
Es  hat  sich  eben  um  die  Ränder  des  sogenannten  Foramen  Winslowii 
nach  rückwärts  ausgestülpt  und  beginnt  sofort  das  vordere  Blatt  der 
flachen  Bursa  omentalis  zu  bilden.  Diese  Vorderwand  der  Bursa  steigt  nun 
auf  der  Hinterfläche  des-  Magens  bis  zur  großen  Curvatur  desselben  und. 
im  Vereine  mit  der  auf  der  Vorderfläche  des  Magens  herabrückenden 
E'ortsetzung  des  Omentum  minus,  als  vorderes  Doppelblatt  des  großen 
Netzes  bis  zum  Beckenrand,  wo  beide  Blätter  nach  rückwärts  umbiegen 
und  als  Duplicatur  bis  zum  unteren  Rande  des  Quercolons  aufsteigen. 
Das  große  Netz  besteht  demnach  aus  vier  Blättern,  deren  erstes  vorderstes 
und  viertes  hinterstes  als  Fortsetzung  des  vorderen  Magenüberzuges  be- 
trachtet werden,  während  das  zweite  und  dritte  Blatt  als  Fortsetzung  des 
hinteren  Magenüberzuges  angesehen  werden  kann.  Da  nun  letzterer  die 
Vorderwand  der  Bursa  bildet,  so  ist  hieraus  klar,  dass  stets  hinter  ihm, 
nämlich  hinter  dem  zweiten  Blatte  des  großen  Netzes,  der  Raum  der 
Bursa  gelegen  ist.  ebenso  auch,  dass  dieser  Raum  vor  dem  dritten  Blatte 
des  Omentum  majus  liegt  und  somit  die  Bursa  omentalis  zwischen  dem 
zweiten  und  dritten  Blatte  des  Netzes  bis  zu  dessen  Rand  herabsteigen 
muss.  Nach  der  Umbiegung  am  Netzrande  begann  demnach  die  Bildung 
der  hinteren  Wand  der  Bursa  omentalis.  Nachdem  die  beiden  zwei  hinteren 
Blätter  (das  dritte  und  vierte)  des  Netzes  am  unteren  Rande  des  Quer- 
grimmdarmes angelangt  sind,  weichen  sie  auseinander  und  schließen 
zwischen  sich  das  Quercolon  ein,  das  dritte  Blatt  von  vorne,  das  vierte 
von  rückwärts  dasselbe  umgreifend;  das  dritte  steigt  nun  vom  oberen 
Rande  des  Colon  gegen  die  hintere  Bauchwand  auf  der  Vorderfläche  der- 
selben nach  aufwärts  und  bildet  somit  die  hintere  Wand  der  Bursa 
omentalis,  bis  dasselbe,  die  Vorderfläche  des  Pankreas  überziehend,  auf 
das  um  den  oberen  Rand  des  Foramen  Winslowii  sich  ausstülpende  Peri- 
toneum trifft,  worauf  die  Bursa  omentalis  geschlossen  erscheint.  Die  hinter 
dem  Magen  und  vor  dem  Pankreas  gelegene  Partie  der  Bursa  omentalis 
reicht  seitwärts  bis  zur  Milz  und  der  hnken  Niere,  rechterseits  taucht  in 
dieselbe  der  Lobus  Spigelii  der  Leber  ein.    Diese  ebenerwähnten  Grenzen 


124 


Innere  Hernien. 


der  Bursa  omentalis  werden  aber  erst  sichtbar,  nachdem  wir  durch  ein  in 
das  Foramen  Winslowii  eingebundenes  Grlasrohr  Luft  in  die  Bursa  ein- 
geblasen  haben,  wozu  noch  zu  bemerken  ist,  dass  der  Raum  zwischen  den 
Netzblättern  allerdings  nach  der  Geburt  nachweisbar  ist,  später  jedoch 
durch  Verschmelzung  des  zweiten  und  dritten  Blattes  immer  mehr  und 
mehr  schwindet. 

Das  Foramen  Winslowii  ist  gewöhnlich  für  zwei  Finger  durchgängig,  und 
es  wurde  bereits  bemerkt,  dass  Verwachsungen  dieser  Öffnung  im  späteren 
Lebensalter  öfters  vorzukommen  pflegen,  so  dass  wir  nach  Aufhebung  der 
Leber  auf  der  rechten  Seite  der  Blutgefäße  und  Gallengänge  keine  Öffnung 
sehen,  sondern  das  Ligamentum  hepatoduodenale  ununterbrochen  in  das 
Ligamentum  hepatorenale  übergeht.  Der  linke  Rand  der  Winslowii'schen 
Öffnung  wird  im  unteren  Theile  durch  den  Ductus  choledochus,  im  oberen 
Theile  durch  den  Ductus  hepaticus  und  cysticus  gebildet,  jedoch  überragt 
manchmal  der  Rand  des  Ligaments  die  Gallengänge  um  zwei  Fingerbreiten 
und  reicht  oft  bis  an  die  obere  horizontale  Partie  des  Zwölffingerdarms, 
ja  sogar  bis  zur  Gallenblase. 

Fälle,  in  denen  die  Bursa  omentalis  mit  Inhalt  angefüllt  vorgefunden 
wurde,  beschrieben  Blandin,  Rokitansky,  Treitz  u.  a.  In  sechs  Fällen 
wurde  der  Bruchinhalt  vom  Dünndarm,  in  zwei  vom  Colon  gebildet;  in 
den  letzteren  zwei  Fällen  hatte  sich  am  Blinddarm  und  am  aufsteigenden 
Colon  ein  Mesenterium  gebildet,  wodurch  diese  Darmtheile  beweglich 
wurden.  Viermal  von  acht  Fällen  war  der  Bruch  eingeklemmt,  und  zwar 
in  zwei  Fällen  in  einer  Öffnung  des  Ligamentum  gastro-hepaticum.  In 
einem  anderen  Falle  drang  der  Bruchinhalt  durch  eine  Öffnung  im  Meso- 
colon  transversum  wieder  in  die  große  Peritonealhöhle. 

Dass  Brüche  dieser  Art  sich  nicht  häufiger  entwickeln,  erklären 
einzelne  Autoren  dadurch,  dass  das  Quercolon  und  sein  Mesenterium  sowie 
die  Leber  für  gewöhnlich  ein  Hindernis  abgeben,  welches  erst  überwunden 
werden  muss,  bevor  die  V^inslowii'sche  Öffnung  zugängig  wird.  Es  scheint, 
dass  bei  Entstehung  dieser  Brüche  der  Umstand  eine  wichtige  Rolle  spielt, 
dass  bei  jeder  Inspiration  durch  Hebung  der  vorderen  Rippenenden  auch 
der  vordere  Leberrand  emporgehoben  wird,  wodurch  der  Raum  unterhalb 
der  Leber  zum  Klaffen  gebracht  wird,  so  dass  eine  Darmschlinge  daselbst 
eindringen  kann,  besonders  wenn  das  Netz  dürftig  entwickelt  oder,  wie 
bei  Gallenblasenprocessen,  zur  Seite  gezogen  und  adhärent  wird.  Hat  sich 
einmal  eine  Darmschlinge  in  das  Foramen  engagiert,  dann  kann  die  Öffnung 
durch  den  passierenden  Darminhalt  sowie  durch  Nachziehen  neuer  Darm- 
schhngen  beliebig  weit  diktiert  werden. 

b)  Die  zweite  Abart  der  inneren  Bauchbrüche  sind  die  Hernien 
des  Recessus  intersigmoideus,  zuerst  von  Hensing  beobachtet. 
Wenn  wir  nach  Treitz  das  S-romanum  emporheben,  so  bemerken  wir 


Innere  Hernien. 


125 


am  Fuße  des  linken  odBf  unteren  Blattes  des  Mesocolon  romanum  ab  und 
zu  eine  Öffnung,  welch^die  Eintrittsstelle  des  sogenannten  Recessus  inter- 
sigmoideus  bildet.  Dieser  selbst  liegt,  falls  er  entwickelt  ist,  in  jener  Furche, 
welche  der  mediale  Rand  der  linken  Niere  und  der  Musculus  psoas  bildet; 
sein  blindes  Ende  ist  gegen  das  Ende  des  Zwerchfells  gerichtet.  In  der 
hinteren  Wand  dieses  Raumes  liegt  der  linke  Ureter,  in  der  vorderen 
dagegen  die  Gefäße,  welche  für  das  untere  Ende  des  Colon  descendens 
bestimmt  ist,  also  die  Arteria  und  Vena  mesenterica  inferior.  Der  Raum 
selbst  ist  entweder  trichterförmig  mit  breiter  Eingangspforte  oder  handschuh- 
fingerförmig mit  enger  Eintrittsstelle,  manchmal  auch  nur  in  Form  eines 
Grübchens  angedeutet.  Das  obere  Ende  dieses  Raumes  wurde  bis  in  der 
Nähe  des  Zwölffingerdarmes,  ja  sogar  in  der  Nachbarschaft  des  Pankreas 
constatiert.  Nach  der  Geburt  obliteriert  dieser  Raum  für  gewöhnlich  und 
zwar  von  seinem  oberen  Ende  angefangen,  ja  es  scheint  die  Tendenz  dieses 
Raumes,  zu  schrumpfen  und  selbst  vollständig  zu  verwachsen,  nach  Treitz 
ziemlich  lange  fortzubestehen.  Der  Recessus  intersigmoideus  liegt  nicht  im 
Mesocolon  romanum,  sondern  hinter  dem  parietalen  Blatte  des  Peritoneums 
und  vor  der  hinteren  Batichwand. 

Die  Entstehung  des  Recessus  intersigmoideus  erklärt  Treitz  durch 
den  Descensus  der  linken  Geschlechtsdrüse,  die  mittels  der  Falte,  welche 
die  inneren  Leistengefäße  enthält  und  Plica  genito-enterica  genannt  wird, 
das  Mesocolon  descendens  nach  sich  zieht.  Waldeyer  brachte  einige 
Einwände  gegen  die  Treitz 'sehe  Lehre  vor  und  erklärt  die  Entstehung 
jenes  Raumes  folgendermaßen:  Während  des  Wachsthums  der  S-Schlinge, 
deren  Mesenterium  sich  immer  mehr  von  der  Bauchwand  abhebt,  wider- 
stehen an  einer  bestimmten  Stelle,  welche  beim  Embryo  genau  am  linken 
Harnleiter  liegt,  zwei  Gefäßfalten  und  hiedurch  entwickelt  sich  ein  trichter- 
förmiges, anfangs  nur  von  diesen  zwei  Falten  begrenztes  Grübchen.  Im 
weiteren  Verlaufe  verbinden  sich  diese  beiden  Falten  mit  einer  unteren 
sichelförmigen  Duplicatur  des  Bauchfells,  wodurch  die  Öffnung  dieses  Raumes 
immer  mehr  über  die  Fußlinie  des  Mesenterium  der  S-Flexur  empor- 
gehoben wird.  Toldt  hingegen  führt  an,  dass  das  Mesocolon  descendens, 
ursprünglich  in  der  Mittellinie  gelegen,  im  vierten  fötalen  Monate  sich 
gegen  die  linke  Seite  hinlegt  und  mit  dem  linksseitigen  parietalen  Bauch- 
fellüberzug der  hinteren  Bauchwand  verschmilzt.  Diese  Verwachsung  beginnt 
jedoch  nicht  in  der  Nähe  der  Mittellinie  an  der  Gekröswurzel  und  schreitet 
nicht  nach  links  hin  fort,  sondern  beginnt  oben  links  neben  der  Wirbel- 
säule und  neben  dem  oberen  Pole  der  linken  Niere  und  schreitet  über  die 
convexe  Nierenfläche  nach  abwärts  und  seitwärts,  so  dass  in  der  zweiten 
Hälfte  des  5.  Monates  diese  Verwachsung  bis  zum  unteren  Pole  der  linken 
Niere  vorgeschritten  ist;  auch  diese  Verlöthung  zwischen  dem  Mesocolon 
descendens  und  dem  parietalen  Bauchfell,  besonders  in  der  Furche  zwischen 


126 


Innere  Hernien. 


der  linken  Niere  und  der  Wirbelsäule,  kann  in  größerer  oder  kleinerer 
Ausdehnung  unterbleiben,  wodurch  ein  Hohlraum  entsteht,  welcher  rückwärts 
vom  parietalen  Peritoneum,  an  der  Wurzel  gegen  die  Mittellinie  vom 
Mesocolon  descendens,  nach  vorne  durch  die  hintere  Fläche  des  letzteren, 
nach  außen  durch  jene  Linie  begrenzt  wird,  in  welche  das  Mesocolon  an 
die  Vorderfläche  der  Niere  anzuwaclisen  pflegt.  Dieser  Raum  ist  der  Anfang 
des  Recessus  intersigmoideus. 

Wir  kennen  von  Brüchen  dieses  Raumes  bis  nun  nur  zwei  Fälle: 
den  von  Jovini  und  jenen  von  Eve.  Alle  bisherigen  Forscher  wiesen 
darauf  hin,  dass  bei  normaler  Lage  des  S-romanum  die  Eintrittsstelle  in 
den  Recessus  intersigmoideus  so  verborgen  /ist,  dass  Diinndarmschlingen 
nur  mit  der  allergrößten  Schwierigkeit  in  denselben  eindringen  können. 
Es  wäre  demnach  zur  Entstehung  einer  Hernia  intersigmoidea  nothwendig, 
dass  das  S-romanum  durch  irgend  einen  Umstand  gegen  das  Zwerchfell 
hin  emporgehoben  und  dadurch  das  untere  Blatt  des  Mesenteriums  genügend 
gespannt  würde;  wenn  auch  ein  gewisser,  größerer  oder  kleinerer  Theil 
des  Dünndarms  in  den  Recessus  intersigmoideus  eingedrungen  wäre,  so 
müsste  dennoch  ein  Theil  desselben  auch  vor  der  Flexura  sigmoidea  liegen 
bleiben  und  im  Eingange  zu  jener  peritonealen  Ausstülpung  müsste  ein 
doppeltes  Darmrohr  liegen,  von  dem  das  eine  dem  lleum,  das  andere  dem 
Jejunum  näher  sein  müsste.  Im  Falle  von  Jovini  war  der  Dickdarm 
normal  gelegen  und  umgab  ,  den  Bruchsack  in  Gestalt  eines  Bilderrahmens. 
Die  Flexura  sigmoidea,  in  diesem  Falle  ohne  jedes  Mesenterium,  wurde  zur 
Bedeckung  des  Bruchsackes  mit  verwendet.  Die  Bruchpforte,  nach  links 
von  der  Wirbelsäule  gelegen  und  7 — 9  cm.  vom  S-romanum  entfernt,  lag 
an  der  unteren  und  hinteren  Seite  des  Sackes.  Im  Bruchsacke  war  der 
ganze  Dünndarm  enthalten,  nur  das  obere  Drittel  des  Zwölffingerdarms 
und  einige  Centimeter  des  Ileumendes  lagen  noch  außerhalb  desselben. 
Nach  dieser  eigenthümliclien  Lage  des  Dünndarms  auf  der  Unterfiiche  des 
Mesocolon  sigmoideum  scheint  es,  als  ob  es  sich  in  einzelnen  Fällen  gar 
nicht  um  Hernien  des  Recessus  intersigmoideus  gehandelt  hätte. 

Der  zweite  Fall  (von  Eve)  ist  besser  beschrieben.  In  demselben  bildete 
der  Dickdarm  eine  doppelte  Schlinge.  Die  rechte  Hälfte  dieses  S  umfasste 
den  Blinddarm  und  den  aufsteigenden  Dickdarm,  die  linke  Hälfte  sodann 
den  absteigenden  Dickdarm  und  die  Flexur.  Der  Bruchsack  lag  auf  der 
linken  Seite,  der  Eingang  in  denselben  entsprach  sehr  wohl  dem  Eintritte 
des  Recessus  intersigmoideus.  Das  lleum  zog  vor  der  mit  dem  Blinddarm 
verlötheten  Flexur  nach  links  hin  bis  zur  Eintrittsstelle  des  Recessus;  im 
Bruchsacke  lag  bloß  das  lleum;  das  Jejunum  lag  an  jener  Stelle,  welche 
gewöhnlich  das  Colon  ascendens  einzunehmen  pflegt.  Wie  das  lleum  in  das 
Jejunum  übergieng,  ist  auch  in  diesem  Falle  nicht  klar.  Die  beschriebene 
Verlöthung  der  Flexur  mit  dem  Blinddarm  wird  für  embryonal  gehalten. 


Innere  Hernien. 


127 


6')  D r i 1 1 e n s  unterscheiden  wir  innere  Hernien  in  der  Umgebung 
des  Blinddarms. 

Waldeyer  unterscheidet  vier  Bauchfelltaschen  in  der  Umgebung 
des  Cöcums.  und  zwar: 

a)  Den  Recessus  ileocoecalis  superior,  d.  h.  jene  Vertiefung,  welche 
sich  knapp  über  und  vor  dem  Ende  des  Dünndarms  befindet  und  sich  nach 
rechts  und  unten  an  der  Vorderseite  des  Blinddarms  verliert.  Der  Eingang 
wird  hauptsächlich  von  einer  Falte  gebildet,  welche  wie  ein  feines  Segel 
die  Einmündungsstelle  des  Ileums  in  das  Cöcum  deckt.  Im  freien  Rande 
dieser  Falte  befindet  sich  ein  Ast  der  Arteria  ileocolica,  welchen  wir  die 
Arteria  ileocoecalis  nennen  können.  Dieser  Recessus  ist  demnach  gegen  die 
linke  Seite  offen.  Da  derselbe  weniger  in  dem  Winkel  zwischen  Ileum  und 
Colon,  als  vielmehr  vor  demselben  gelegen  ist,  so  könnte  man  diese 
Bauchfelltasche  auch  den  Reqessus  ileocoecalis  anterior  nennen.  Die 
erwähnte  Falte  ohne  die  entsprechende  Arterie  wurde  bisher  nicht  be- 
obachtet. 

ß)  Recessus  ileocoecalis  inferior  (auch,  und  zwar  besser,  ileoappendi- 
cularis  genannt)  ist  eine  Bauchfelltasche,  welche  zwischen  dem  Ende  des 
Ileum  und  dem  wurmförmigen  Anhang  gelegen  ist.  Diese  Grube  ist  rechter- 
seits  vom  Processus  vermiformis,  Ijnks  vom  Ileum,  rückwärts  vom  Mesen- 
teriolum  des  Anhanges  und  vorn  von  einer  Bauchfellfalte,  welche  wir  die 
Plica  ileoappendicularis  nennen.  Diese  Tasche  ist  nach  rechts  und  unten 
hin  offen,  das  blinde  Ende  derselben,  nach  rechts  und  oben  gewendet, 
reicht  bis  zum  Übergang  des  Dünn-  in  den  Blinddarm.  Es  scheint,  dass 
dieser  Recessus  durch  die  Entwicklung  der  ileoappendicularen  Falte  zustande 
kommt,  sowie  des  Mesenteriolum  des  Anhanges,  und  dass  demnach  ihre 
Entstehung  von  dem  Verlaufe  und  der  Entwickelung  der  Arteria  appendi- 
cularis  abhängig  ist.  Die  Anschauungen  über  den  Ursprung  der  appendi- 
cularen  Falte  sind  übrigens  noch  nicht  vollständig  geklärt. 

Y)  Die  Fossa  coecalis  war  am  besten  in  dem  Falle  von  Langer  ent- 
wickelt. Ihre  hintere  Wand  bildet  gewissermaßen  das  Lager  für  den  Blind- 
darm und  war  demnach  zwischen  dem  Blinddarm  und  dem  parietalen 
Bauchfell  der  hinteren  Bauchwand  gelegen.  Diese  Grube  ist  begrenzt  nach 
rechts  von  einer  Bauchfellfalte,  welche  wir  das  Ligamentum  intestini  coeci 
nennen,  nach  links  von  einem  Bande,  welches  vom  ileocöcalen  Winkel 
längs  der  hinteren  Wand  nach  abwärts  zieht,  demnach  eine  Plica  appendi- 
cularis  genannt  werden  könnte.  Diese  beiden  Falten  können  mittels  einer 
dritten  Querfalte  unten  verbunden  sein,  welche  mit  ihrer  Concavität  nach 
aufwärts  gewendet  ist  und  wodurch  der  Rahmen  für  den  Blinddarm  ge- 
wissermaßen ergänzt  wird.  Der  Eintritt  in  diese  Fossa  coecalis  läge 
zwischen  dieser  obenerwähnten  Querfalte  und  dem  Blinddarm. 


128 


Innere  Hernien. 


Neben  dieser  Grube  beschreibt  Treitz  noch 

S)  eine  Fossa  subcoecalis,  welche  ebenfalls  zwischen  dem  Blinddarm 
und  der  hinteren  Bauchwand  gelegen  ist,  jedoch  so,  dass  ihre  Öffnung 
gegen  abwärts  und  links  sieht;  sie  ist  jedoch  in  großer  Tiefe  am  Übergang 
des  Blinddarms  in  den  aufsteigenden  Dickdarm  gelegen,  so  dass  die  Eintritts- 
stelle in  dieselbe  erst  dann  sichtbar  wird,  wenn  wir  den  Blinddarm  etwas 
emporheben.  —  Neben  diesen  Bauchfelltaschen  befinden  sich  in  der  Umgebung 
des  Blinddarms  noch  andere,  welche  jedoch  als  Varianten  der  obenerwähnten 
zwei  Gruben  aufgefasst  werden  müssen.  Auch  diese  Grübchen  sollten  nach 
Treitz  durch  das  Herabsteigen  der  rechtsseitigen  Geschlechtsdrüse  hervor- 
gebracht werden,  während  W  a  1  de  y  e  r  meint,  dass  dieselben  dadurch  entstehen, 
dass  der  Blinddarm  auch  dann  noch  weiter  wächst,  nachdem  sich  der  Anfang 
des  aufsteigenden  Dickdarms  nach  Schwund  seines  Mesenteriums  bereits 
fixiert  hatte.  Diese  Erklärung  kann  jedoch  nicht  bei  jenen  Bauchfelltaschen 
dieser  Art  herangezogen  werden,  welche  bis  zur  Leberflexur  hinaufreichen 
und  durch  Querfalten  in  mehrere  ünterabtheilungen  gesondert  erscheinen. 
Nach  Toi  dt  entstehen  diese  retrocoecalen  Räume  abermals  dadurch,  dass 
der  Verlöthungsprocess  zwischen  dem  aufsteigenden  Colon  einerseits  und 
dem  bis  dahin  die  hintere  Bauchwand  vollständig  überziehenden  Peritoneum 
parietale  verschiedene  Abweichungen  erfährt.  Während  für  gewöhnlich  durch 
Verlöthung  des  Mesocolon  ascendens  mit  dem  Peritoneum  parietale  der 
Hinterwand  diese  Theile  glatt  ineinander  übergehen  und  nur  der  Blinddarm 
seine  freie  Beweglichkeit  behält,  kann  es  vorkommen,  dass  dieser  Ver- 
löthungsprocess am  medialen  Rande  des  aufsteigenden  Dickdarms  auf- 
gehalten wird;  später  aber  kann  doch  noch  dessen  lateraler  Rand  mit  dem 
genannten  Bauchfellblatte  entlang  jener  Linie  verschmelzen,  welche  am 
äußeren  Rande  des  Colon  ascendens  verläuft;  hiedurch  entsteht  ein  besonderes 
Ligamentum  parietocolicum,  des  weiteren  aber  auch  ein  Raum  hinter  diesem 
Colontheile,  welcher  thatsächlich  bis  zur  hepatischen  Flexur  reichen  kann. 
Wir  könnten  die  sub  y)  und  5)  angeführten  Bauchfelltaschen  auch  als 
retrocöcale  bezeichnen,  und  zwar  als  eine  obere  und  eine  untere. 

Die  ileocöcale  Grube  pflegt  beinahe  nie  derart  tief  zu  sein,  dass  sich 
in  ihr  Eingeweide  verfangen  könnten.  Dagegen  kennen  wir  entschiedene 
Fälle  von  ileoappendiculären  und  ileocöcalen  Hernien. 

Nach  Tuffier  entsteht  eine  Hernia  ileoappendicularis  durch  Füllung 
des  Darmes,  infolge  welcher  die  ileoappendiculäre  Bauchfelltasche  eigentlich 
erst  klaffend  gemacht  wird.  In  dieselbe  sollten  Eingeweide  schon 
durch  bloße  Aspiration,  sogar  ohne  Wirkung  der  Bauchpresse  eindringen 
kfmnen,  wiewohl  letztere  nicht  ohne  Einfluss  ist.  Damit  eine  innere  Hernie 
dieser  Gegend  für  eine  ileoappendiculäre  anerkannt  werde,  ist  es  nothwendig, 
dass  im  Rande  derselben  Gefäße  verlaufen,  während  ihre  Lage  zwischen 
dem  Ileum  und  dem  Wurmfortsatz  sie  von  anderen  pericöcalen  Hernien 


Innere  Hernien. 


129 


unterscheidet.  Wir  kennen  auch  incarcerierte  Hernien  dieses  Raumes,  so 
besonders  von  S  n  o  w  und  in  neuester  Zeit  (1896)  aus  der  Bergmann'schen 
Klinik  von  Nasse.  Im  letzteren  Falle  sprach  der  Befund  entschieden  für 
die  B  r  ö  s  i  c  k  e  'sehe  Theorie,  dass  die  Plica  ileoappendicularis  eine  Gefäß- 
falte sei;  in  diesem  Falle  stammte  das  Randgefäß  thatsächlich  aus  den 
appendiculären  Gefäßen.  Aber  auch  freie  Hernien  dieses  Raumes  sind 
bekannt,  so  z.  B.  eine,  in  welcher  eine  8  cm  lange  Darmschlinge  den 
erwähnten  Recessus  füllte,  sich  aber  im  übrigen  ganz  leicht  eindrücken 
und  ebenso  hervorziehen  ließ. 

Eine  Hernia  retrocoecalis  wurde  schon  öfters  (3  — 4mal)  beobachtet, 
zuletzt  von  Asch  off.  Über  die  Richtigkeit  der  Diagnose  bestanden 
.  manchmal  Zweifel  nur  insofern,  als  es  sich  vielleicht  nicht  um  eine  normale 
Fossa  retrocoecalis  handelte,  sondern  um  eine  künstlich  entstandene  Bauch- 
felltasche. Solche  Recessuse  entstehen  aber  gerade  in  der  Umgebung  des 
Blinddarmes  ziemlich  häufig,  da  eben  diese  Gegend  der  Sitz  der  sogenannten 
perityphlitischen  oder,  besser  gesagt,  appendiculären  Entzündungen  zu  sein 
pflegt,  daher  Verlöthungen  der  Därme  untereinander  und  mit  der  Baüch- 
wand  ein  nicht  seltenes  Ereignis  sind.  Es  ist  bisher  nicht  genau  erwiesen, 
wie  wir  uns  das  Entstehen  der  retrocoecalen  Hernien  zu  denken  haben, 
da  Langer  in  seinem  classischen  Falle  bloß  mittheilt,  dass  sich  der  Blind- 
darm durch  Anfüllung  über  sein  gewöhnliches  Lager  hinausgeschoben  habe. 
Da  jedoch  hiedurch  nicht  nothwendig  eine  Spalte,  umsoweniger  eine 
klaffende  Spalte  zwischen  dem  Blinddarme  und  der  Bauchwand  entstehen 
muss,  kann  im  Gegentheil  durch  enge  Berührung  der  genannten  Theile 
untereinander  und  Aufzehrung  des  nachbarlichen  Peritoneums  jeder  vielleicht 
vorhandene  nicht  allzu  tiefe  Recessus  retrocoecalis  eher  verwischt  werden.  Wir 
müssen  uns  demnach  die  Entstehung  einer  retrocöcalen  Hernie  eher  durch 
eine  Bewegung  des  Blinddarmes  nach  aufwärts  und  nach  vorne  denken, 
denn  erst  dann  ist  es  möglich,  dass  sich  der  Dünndarm  zwischen  den 
Blinddarm  und  die  hintere  Bauchwand  einlagert. 

Damit  aus  einer  solchen  Interposition  eine  Hernie  entsteht,  müsste 
die  Öffnung  des  Recessus  retrocoecalis  derart  eng  sein,  dass  sich  der  Darm, 
welcher  in  die  Bauchfelltasche  eindrang,  auch  thatsächlich  in  derselben 
verfangen  könne.  Zur  Diagnose  ist  nothwendig,  dass  die  Bruchpforte  zum 
Theile  vom  Blinddarm,  zum  Theile  von  der  hinteren  Bauchwand  gebildet 
werde.  Einen  besonderen  Umfang  haben  Hernien  dieser  Art  bisher  nicht 
erreicht.  Jonnesco  beschrieb  11  Fälle  dieser  Kategorie,  doch  ist  wahr- 
scheinlich, dass  nur  4  derselben  thatsächlich  richtig  eingerechnet  wurden. 
Der  letzte  genau  beschriebene  Fall  von  Aschoff  hat  durch  Incarceration 
zu  Ileuserscheinungen  geführt,  die  im  Recessus  enthaltenen  Ileumschlingen 
waren  sämmtlich  vollständig  collabiert,  am  Übergang  des  geblähten  in  den 
collabierten  Theil  eine  Schnürfurche;  der  Rand  am  Eingange  des  Raumes 

May  dl,  Specielle  Chirurgie..  I.  B 


130 


Innere  Hernien. 


wurde  eingekerbt,  worauf  in  den  coUabierten  Theil  Darminhalt  eindrang. 
Die  Patientin  wurde  geheilt. 

Viertens  unterscheiden  wir  den  Recessus  und  die  Hernia  duo- 
denoj  ejunalis  und  duodenalis  (retroperitonealis  sinistra).  Diese 
Benennung  stammt  von  Husch ke.  Die  so  benannte  Bauchfelltasche,  welche 
durch  den  letzteren  nicht  ganz  genau  beschrieben  wurde,  hat  erst  Treitz 
präciser  definiert  und  auf  ihre  Bedeutung  bei  Bildung  gewisser  innerer 
Hernien  mit  dem  gehörigen  Nachdruck  hingewiesen.  Man  kann  sich  •  die 
Fossa  duodenoj ejunalis  sichtbar  und  zugänglich  machen,  wenn  man  das 
Netz  und  das  Quercolon  aufhebt,  so  dass  die  untere  Fläche  des  Mesocolon 
transversum  sichtbar  wird;  wenn  wir  nun  gleichzeitig  den  Dünndarm  gegen 
die  rechte  Seite  hindrängen,  so  sehen  wir  links  Yon  der  Wirbelsäule  oder 
genau  vor  derselben  in  der  unmittelbarsten  Umgebung  des  Duodenums  in 
das  Jejunum,  und  zwar  stets  links  von  dieser  Flexura  duodenoj  ejunalis, 
eine  Bauchfellfalte  von  verschiedener  Gestalt  und  Ausdehnung.  Am  häufigsten 
ist  es  eine  scharfe  Bauchfellfalte,  welche  mit  ihrer  Concavität  nach  rechts 
und  oben  gerichtet  ist;  ihr  oberes  Horn  verstreicht  im  unteren  Blatte  des 
Mesocolon  transversum,  dort  wo  sich  die  obere  Mesenterialvene  unter  dem 
Pankreas  verliert,  um  zur  Pfortader  zu  gelangen.  Das  untere  Ende  derselben 
übergeht  in  den  peritonealen  Uberzug  des  Zwölffingerdarms,  ihre  Convexität 
sieht  gegen  das  Mesocolon  descendens.  Im  oberen  Ausläufer  verläuft  die 
untere  Mesenterialvene,  manchmal  am  äußersten  Rande  desselben,  während 
im  unteren  freien  Rande  die  Arteria  colica  sin.  (ein  Ast  der  Art.  mesent. 
inf.)  von  der  rechten  zur  linken  Seite  verläuft.  Diese  beiden  Gefäße 
kreuzen  sich  und  bilden  in  der  erwähnten  Bauchfellfalte  den  sogenannten 
Treitz'schen  Gefäßbogen.  Hinter  dieser  Plica,  und  zwar  zwischen  derselben 
und  dem  Zwölffingerdarm,  entsteht  eine  Grube,  welche  sich  trichterförmig 
verengt;  ihr  Rand  ist  halbmondförmig,  ihre  Öffnung  rechts  vom  Darme 
(nämlich  der  Flexura  duodenojejunalis)  und  links  von  der  Plica  selbst 
begrenzt.  Der  Zugang  zu  dieser  Grube  ist  öfters  von  netzförmigen  Binde- 
gewebssträngen  überspannt  oder  sogar  von  einer  sternförmigen  Narbe  voll- 
ständig verlegt,  so  dass  jene  Grube  einen  allseits  geschlossenen  serösen  Sack 
darstellt,  welcher' auch  mitunter  vollständig  obliteriert.  Es  ist  demnach  die 
erwähnte  Plica  ebenfalls  eine  Gefäßfalte,  da  sie  den  Treitz'schen  Gefäß- 
bogen enthält.  Die  obbeschriebene  Bauchfelltasche  ist  der  Gegenstand  eines 
genauen  Studiums  geworden,  und  zwar  hauptsächlich  von  Treitz  und 
von  W.  Grub  er  in  Petersburg.  Grub  er  beschrieb  einen  Fall  von  Hernia 
duodenojejunalis,  wo  die  Bruchpforte  in  gewöhnlicher  Weise  rechts  von 
der  Flexura  duodenojejunalis,  links  von  dem  Treitz'schen  Gefäßbogen 
gebildet  war  und  20  cm  des  oberen  Jejunum  enthielt;  vom  Grunde  dieses 
Hauptrecessus  aber  gieng  noch  ein  secundärer  Recessus  aus,  welcher  sich 
hinter  der  Bauchspeicheldrüse  nach  oben,  und  zwar  links  von  der  Wirbel- 


Innere  Hernien. 


131 


säule  erstreckte.  Grub  er  bezeichnete  auch  diesen  zweiten  Sack  als  an- 
geboren, der  sich  unabhängig  von  dem  Hauptrecessus  hätte  entwickeln 
sollen. 

Der  Recessus  und  die  Hernie  des  Recessus  duodenojejunalis  sind 
aber  heutzutage  nicht  mehr  einheitliche  Begriffe,  wiewohl  sie  die 
häufigste,  wichtigste  und  am  besten  bekannte  aller  ähnlichen  Erscheinungen 
solcher  Art  in  dieser  Gegend  bleiben.  Es  hat  nämlich  im  Jahre  1874 
W-a  1  d  e  y  e  r  außer  der  obigen  noch  vier  weitere,  wiewohl  leere  Fossse 
duodenojejunales  beschrieben,  welche  vorkommendenfalls  Därme  in  sich 
aufnehmen  könnten. 

Wie  schon  Treitz  und  später  auch  Eppinger  darauf  hingewiesen 
hatte,  sollte  der  Recessus  duodenojejunalis  durch  eine  eigenthümliche 
Bewegung  des  oberen  Theiles  des  Dickdarms  entstehen.  Der  letztgenannte 
Forscher  verwirft  jedoch  mit  Waldeyer  jenen  Theil  der  Treitz 'sehen 
Erklärung,  nach  welchem  die  Entstehung  jenes  Recessus  auch  von  der 
Bewegung  des  Zwölffingerdarmes  abhienge.  In  der  letzten  umfangreichen 
Arbeit  über  diesen  Gegenstand,  nämlich  der  von  Jonnesco,  werden  in 
der  fraglichen  Gegend  drei  Gruben  unterschieden:  Die  Fossa  duodeno- 
jejunalis. sodann  die  duodenalis  inferior  und  superior.  Von  diesen  drei 
entspricht  eigentlich  keine  einzige  der  Fossa  duodenojejunalis  von  Treitz, 
so  '  dass  es  scheint,  dass  nach  der  vollständig  klaren  Beschreibung  von 
Treitz  in  der  allerjüngsten  Zeit  noch  nicht  einmal  entschieden  wäre, 
welche  Grube  denn  eigentlich  mit  Recht  die  Fossa  duodenojejunalis  genannt 
werden  soll,  worauf  wir  dann  allerdings  auch  keine  einheitliche  Ansicht 
über  die  Entstehung  einzelner  Gruben  erwarten  können.  Soweit  sich  diese 
Angelegenheit  überblicken  lässt,  dürfton  in  der  Gegend  der  Flexura  duodeno- 
jejunalis folgende  drei  Bauchfelltaschen  unterschieden  werden: 

1.  Der  Recessus  duodenojejunalis  sinister,  welcher  identisch  ist  mit 
dem  hinter  dem  oberen  Theile  der  Treitz'schen  Falte  gelegenen  Räume, 
aber  nur  dann,  wenn  in  ihr  die  untere  Mesenterialvene  verläuft.  Diese  Grube 
ist  vorne  von  der  gleichnamigen  Bauchfellfalte,  rückwärts  von  dem  Peritoneum 
parietale  begrenzt,  der  Rand  der  Falte  ist  concav  und  enthält  die  untere 
Mesenterialvene;  es  ist  demnach  eine  Plica  venosa.  Das  blinde  Ende  dieses 
Raumes  ist  nach  links  und  oben  gerichtet. 

2.  Recessus  duodenojejunalis  posterior,  welcher  bei  normaler  Lage  der 
Flexura  duodenojejunalis  hinter  derselben  und  zwar  zwischen  dem  Ende  des 
Zwölffingerdarms  und  der  hinteren  Bauchwand  gelegen  ist.  Sein  blindes 
Ende  liegt  gegen  abwärts  und  etwas  gegen  die  rechte  Seite  hin,  der  Eintritt 
in  denselben  jedoch  nach  oben  und  gegen  die  linke  Seite.  Die  rechte  Wand 
ist  von  einer  Bauchfellfalte  gebildet,  die  das  Aufhängeband  (das  Ligamentum 
Suspensorium)  des  Duodenums  enthält;  die  linke  Wand  dagegen  von  einer 
Peritonealfalte,  welche    zwischen    dem   parietalen  Peritoneum   und  der 

y* 


132 


Innere  Hernien. 


linken  Seite  der  Flexur,  sowie  dem  absteigenden  Theile  des  Duodenums 
gelegen  ist. 

3.  Der  Recessus  duodenojejunalis  superior,  welcher  stets  zwischen  der 
Flexura  jejunahs  und  dem  Mesocolon  transversum  liegt.  Sein  blindes  Ende 
ist  nach  rückwärts  gerichtet,  seine  Eintrittsstelle  schaut  nach  vorne.  Die 
obere  Wand  ist  vom  Mesocolon  transversum,  die  untere  von  der  Flexura 
duodenojejunalis  gebildet;  rechts  und  links  begrenzen  ihn  Bauchfellfalten, 
welche  sich  zwischen  dem  Mesocolon  transversum  und  den  beiden  Seiten 
der  Flexur  spannen. 

Neben  diesen  drei  Gruben  wird  noch  eine  vierte,  secundäre  beschrieben, 
welche  richtigerweise  der  Recessus  inter(meso)colicus  transversus  genannt 
werden  sollte,  da  derselbe  von  der  linken  Seite  gegen  die  Wurzel  des 
Mesocolon  transversum  in  querer  Richtung  verläuft.  Sein  blindes  Ende  ist 
nach  links,  seine  Öffnung  nach  rechts  gerichtet.  Die  obere  Wand  ist  vom 
Mesocolon  transversum  und  der  Bauchspeicheldrüse,  die  untere  von  der 
oberen  Partie  des  aufsteigenden  Zwölffingerdarms  und  der  Flexura  duodeno- 
jejunalis gebildet.  Die  Vorderwand  ist  durch  eine  Bauchfalte  hergestellt, 
welche  das  Mesocolon  transversum  mit  der  Flexur  und  mit  dem  Meso- 
jejunum  verbindet.  Das  blinde  Ende  dieser  Grube  reicht  manchmal  bis  auf 
die  Vorderfläche  der  linken  Niere.  Die  Arteria  colica  verläuft  knapp  neben 
und  rechts  von  der  Eingangsöffnung. 

Diese  detaillierte  Unterscheidung  von  mehrfachen  Gruben  in  der  Gegend 
der  duodenojejunalen  Flexur  ist  dadurch  bedingt,  dass  der  Recessus  duodeno- 
jejunalis durch  Querfalten,  welche  entweder  hinter  dem  oberen  oder  unteren 
Theile  der  Treitz'schen  Gefäßfalte  sich  entwickeln,  in  secundäre  ünter- 
abtheilungen  geschieden  wird.  Praktisch  wichtig  ist  aber  der  Umstand, 
dass  sämmtliche  bisher  beschriebenen  Fälle  von  wirklicher  linksseitiger 
retroperitonealer  Hernie  im  Recessus  duodenojejunalis  sinister  gelegen  waren. 
Man  denke  sich,  dass  es  in  einem  solchen  'Falle  nothwendig  ist,  dass  eine 
Plica  venosa  präexistiere.  Unter  günstigen  Umständen  kommt  es  zur  Ent- 
wickelung  einer  Hernie,  wenn  diese  venöse  Falte  mit  der  Plica  du,odenö- 
mesocolica  verwächst.  Manchmal  liegt  schon  bei  der  Geburt  die  duodeno- 
jejunale  Flexur  in  dieser  Tasche  und  schiebt  sich  bei  Füllung  des  Darmes 
immer  mehr  und  mehr  in  das  retroperitoneale  Bindegewebe,  dabei  das 
noch  in  der  Bauchhöhle  befindliche  Jejunum  nach  sich  ziehend.  Dass  durch 
Erschlaffung  des  Bauchfells,  so  besonders  nach  Abmagerung  früher  sehr 
fetter  Personen,  dann  nach  Schwangerschaften,  endlich  nach  Schwinden 
von  Bauchwassersucht,  auch  bei  Erwachsenen  diese  Grube  vertieft  werden 
kann,  ist  unzweifelhaft,  doch  ist  die  Mehrzahl  dieser  Hernien  schon  bei 
der  Geburt  angelegt,  solange  das  Bauchfell  verschieblich  und  dehnbar  ist. 
Thatsächlich  verlief  auch  bei  allen  diesen  Hernien,  welche  in  dem  ver- 
einigten  Recessus   venosus  und  duodeno-mesocolicus    lagen,    im  Rande 


Innere  Hernien. 


133 


derselben  nicht  nur  die  Arteria  mesenterica  inferior,  sondern  auch  die 
Arteria  colica  sinistra.  Die  kleinste  Hernie  dieser  Art  wurde  von  Treitz 
beschrieben:  sie  war  von  Walnussgröße  und  enthielt  nur  5  cm  des  oberen 
Theiles  des  Jejunums;  sie  wurde  bei  einem  Kinde  von  zwei  Jahren 
beobachtet. 

Bezeichnend  ist  für  diese  Hernie  (von  Jonnesco  „Hernie  duodenale 
gauche  ou  de  Treitz"  genannt)  der  Verlauf  des  erwähnten  Gefäßes  im 
vorderen  Rande  der  Bruchpforte.  Diese  Hernie  schiebt  sich  in  das  Mesocolon 
transversum  oder  in  das  freie  oder  mit  der  hinteren  Bauchwand  ver- 
wachsene Mesocolon  descendens.  Es  besteht  daher  der  Bruchsack  überall, 
wo  er  an  die  hintere  Bauchwand  anliegt,  oder  wo  er  mit  den  retro- 
peritonealen  Eingeweiden  in  Berührung  steht,  aus  einem  einfachen,  an  allen 
anderen  Stellen  aus  einem  doppelten  Peritonealblatt.  Die  größte  Hernie 
dieser  Art  war  von  der  Größe  eines  Mannskopfes.  Die  kleineren  Hernien  liegen 
gewöhnlich  auf  dem  Musculus  psoas,  der  Niere  und  den  großen  Gefäßen, 
reichen  hinauf  bis  zur  Bauchspeicheldrüse  und  zur  Wirbelsäule,  zur  Aorta, 
nach  abwärts  bis  zum  unteren  Pole  der  Niere.  Der  absteigende  Dickdarm 
lag  in  einer  kleinen  Entfernung  von  dieser  Hernie.  Bei  Hernien  von 
Mittelgröße  dehnt  sich  der  Bruchsack  gewöhnlich  bis  zum  Schweife  des 
Pankreas  nach  links  aus,  weiterhin  bis  zur  Milz  und  bis  zum  absteigenden 
Dickdarm  hinab  bis  zur  Bifurction  der  Bauchschlagader.  Bei  großen  Hernien 
liegt  nur  noch  der  Blinddarm  und  der  aufsteigende  Dickdarm  an  seiner 
normalen  Stelle;  solche  Hernien  füllen  die  ganze  linke  Bauchseite  aus, 
dehnen  sich  aber  auch  über  die  Mittellinie  nach  rechts  aus,  so  dass  die 
obenerwähnten  Eingeweide  knapp  an  der  rechten-  Seite  des  Bruchsackes 
anliegen,  ohne  dass  zwischen  ihnen  und  dem  Bruchsacke  irgend  eine  Ver- 
wachsung bestünde.  Das  Quercolon  und  der  absteigende  Dickdarm  können 
entweder  an  den  Bruchsack  herangezogen  sein  oder  sich  in  vollständig 
normaler  Lage  befinden,  ja  es  kann  auch  vorkommen,  dass  der  ganze 
Dickdarm  auf  die  rechte  Seite  des  Bruchsackes  zu  liegen  kommt.  Die 
Bruchpforte  befindet  sich  in  der  Gegend  der  Wirbelsäule  auf  der  rechten 
Seite  des  Bruchsackes,  und  zwar  ungefähr  in  der  Höhe  des  3.  Lenden- 
wirbels. (Fig.  55;  Seite  135.  nach  einem  Falle  aus  dem  pathol.-anat. 
Institute  des  Prof.  Hlava.)  Bisher  sind  in  der  Literatur  ungefähr 
50  Fälle  von  hiehergehörigen,  unzweifelhaften  Beobachtungen  verzeichnet. 

Außerdem  unterscheiden  wir  einen  Recessus  und  eine  Hernia  para- 
jejunalis  oder  retroperitonealis  dextra,  auch  Hernie  duodenale  droite.  Sowohl 
diese  Bauchfelltasche,  als  die  in  dieselbe  eintretende  Hernie  bilden  gewisser- 
maßen den  Gegensatz  der  Hernia  duodenojejunalis  oder  retroperitonealis 
sinistra.  Die  letztere  Hernie  bildet  nämlich  eine  Unterart  der  linksseitigen 
retroperitonealen  Hernien,  während  die  Hernia  parajejunalis  die  eigentliche 
rechtsseitige  retroperitoneale  ist.  Brösieke,  welcher  selbst  zwei  hieher- 


134 


Innere  Hernien. 


gehörige  Fälle  beobachtet  hatte,  nimmt  zur  Entstehung  dieser  Hernie  als 
unerlässlich  an,  dass  der  Anfang  des  Jejunums  auf  eine  Strecke  weit  mit 
der  hinteren  Wand  verschmelze,  freilich  bereits  während  des  embryonalen 
Lebens,  so  dass  der  Verlauf  dieses  Stückes  des  Jejunums  sehr  ähnlich  wird 
jenem  des  Zwölffingerdarnies,  als  dessen  Fortsetzung  er  sich  gewissermaßen 
darstellt.  Schon  Treitz  hat  drei  Fälle  dieser  Art  beschrieben:  zum  ersten- 
male  scheint  sie  von  Kl  ob  beobachtet  worden  zu  sein.  Der  Eecessus  sowie 
die  Hernie  desselben  liegen  auf  der  rechten  Seite  und  zwar  im  retro- 
peritonealen  Gewebe.  Im  Rande  der  Eintrittspforte  in  den  Bruchsack 
oder  in  dem  noch  leeren  Recessus  verläuft  die  Arteria  mesenterica 
superior  oder  ihre  Fortsetzung.  Ein  halbwegs  umfangreicher  Bruchsack 
hat  ein  ungefähr  gleiches  Aussehen  wie  die  retroperitonealen  Tumoren, 
z.  B.  jene  der  Mere,  d.  h.  derselbe  drängt  das  Colon  ascendens  von 
der  rechten  Bauchwand  ab.  Im  Sacke  pflegten  gewöhnlich  Theile  des 
Jejunums  und  Ileums  enthalten  zu  sein,  manchmal  allerdings  so  umfang- 
reiche Partien  derselben,  dass  bloß  der  Anfang  des  Jejunums  und  das 
Ende  des  Ileums  außerhalb  des  Sackes  befindlich  sind.  Die  Eintrittspforte 
ist  gewöhnlich  dann  deutlich  sichtbar,  wenn  wir  uns  den  Rahmen  des 
Dickdarmes  in  die  Fläche  ausbreiten,  worauf  dieselbe  rechts  von  der 
Aorta  wahrnehmbar  ist.  So  kann  sich  ein  Zustand  entwickeln,  dass  wir 
außerhalb  des  Bruchsackes  und  innerhalb  des  Dickdarmrahmens  beinahe 
keine  Dünndarmschlingen  antreffen,  sondern  dieselben  befinden  sich 
in  einem  Bruchsacke,  welcher  rechts  vom  Colon  ascendens  gelegen  ist  und 
dieses  gegen  die  Mittellinie  hin  verschiebt.  So  kann  es  auch  geschehen, 
dass  wir  innerhalb  der  Bauchhöhle,  links  von  dem  Bruchsacke,  vier 
verticale  unzweifelhafte  Dickdarmstreifen  antreffen,  welche,  von  rechts  nach 
links  gezählt,  der  aufsteigende  Dickdarm,  weiters  die  zwei  Schenkel  des 
Quercolons,  endlich  der  absteigende  Dickdarm  sind.  Zwischen  diesen  Dick- 
darmpartien gibt  es  sodann  keine  dieselben  voneinander  scheidenden 
Dünndarmschlingen.  Die  kleineren  Hernien  dieser  Art  können  freilich  in 
der  rechten  Bauchhälfte,  aber  noch  innerhalb  des  Colon  ascendens  Platz 
finden.  Die  vordere  Wand  des  Brachsackes  ist  von  einem  doppelten,  die 
Hinterwand  desselben  von  einem  einfachen  Peritonealblatte  gebildet.  Bisher 
wurden  im  ganzen  9  Fälle  beobachtet,  hievon  7  ziemlich  verlässliche 
Beobachtungen;  meistentheils  kennen  wir  aber  bloß  den  Sectionsbericht. 

Bisher  wurden  sämmtliche  sicheren  Beobachtungen  dieser  Art  bei 
Erwachsenen,  keine  aber  bei  einem  Neugeborenen  constatiert,  so  dass  es 
scheint,  als  ob  sich  diese  Fälle  erst  während  des  extrauterinen  Lebens 
entwickeln  würden. 


Bei  der  Auseinandersetzung  über  die  Leistenhernie  haben  wir  erwähnt, 
dass  wir  zu  den  Leistenbrüchen  bloß  jene  zählen,  welche  durch  die  äußere  oder 


Innere  Hernien. 


135 


mittlere  Leistengrube  nach  außen  treten,  dass  wir  aber  jene,  welche  durch 
die  innere,  d.  h.  zwischen  dem  lateralen  und  dem  mittleren  Blasennabelbande 
gelegene  Grube  nach  außen  vordringen,  zu  den  Bauchbrüchen  (Ventral- 
hernien  im  engeren  Sinne)  rechnen.  Da  wir  von  dieser  letzteren  Bruchart, 
sowohl  aus  eigener  Erfahrung  als  infolge  einer  jüngst  von  Asch  off  ver- 
öffentlichten Beobachtung,  eine  Spielart  kennen,  welche  nicht  nach  außen 
dringt,  sondern  im  präperitonealen  Zellgewebe  sich  entwickelt,  und  da  auch 
durch  diese  beiden  Beobachtungen  die  Incarcerationsmöglichkeit  derartiger 
Brüche  sichergestellt  ist,  so  müssen  wir  diese  Hernie  als  das  Substrat  einer 
eingeklemmten  inneren  Hernie  auch  an  dieser  Stelle  erwähnen.  Dieser  Bruch 
ist  schon  längere  Zeit 
bekannt,  insofern,  als 
bereits  L inhart  in  sei- 
nen Unterleibsbrüchen 
einer  Hernienart  Er- 
wähnung thut,  welche 
zuerst  von  Härtung 
in  Aachen  beobachtet 
wurde.  Sie  wurde  von 
demselben  im  Jahre 
1856  unter  dem  Namen 
„Diverticula  peritonealia 
mit  innerer  Incarce- 
ration"  beschrieben.  Zu 
beiden  Seiten  der  Blase 
wurden  nämlich  zwei 
runde  Offnungen  vor- 
gefunden, welche  in  eine 
außerhalb  des  Bauch- 
felles und  vor  ihm  ge- 
legene  Höhle  führten. 

Von  außen  sollten  diese  Brüche  nicht  sichtbar  gewesen  sein,  da  sie,  außer 
bei  enormer  Größe,  die  Bauchwand  nicht  ausdehnen.  L inhart  schlug  für 
diese  von  ihm  und  von  Härtung  beobachtete  Hernienart  den  Namen 
„Hernia  retroperitonealis  parietalis"  vor.  Im  Falle  von  L inhart  fand  man 
in  der  Nähe  des  Nabels  ein  Divertikel  von  ungefähr  Walnussgröße,  etwas 
tiefer  neben  der  Harnblase  fand  sich  ein  zweites  großes,  in  dem  eine 
incarcerierte  Darmschlinge  lag. 

In  jüngster  Zeit  (1896)  wurde  dieser  Hernie  nach  längerer  Zeit 
wieder  eine  genauere  Aufmerksamkeit  geschenkt,  und  zwar  durch  A  s  c  h  o  f  f, 
der  einen  hiehergehörigen  Fall  veröffentlicht;  bei  dieser  Gelegenheit  erinnert  er 
an  die  Angaben  von  Rokitansky,  welcher  bereits  überzählige  Duplicaturen 


Fig.  5,5  (siehe  Seite  133). 


136 


Innere  Hernien. 


und  Bauchfelltaschen  in  der  ünterbauchgegend  erwähnt,  und  zwar  in  den 
Darmbeingruben,  sodann  in  den  Leistengegenden  zu  beiden  Seiten  des 
Blasenscheitels.  Diese  Divertikel  sollten  einen  spaltförmigen,  breitflächigen 
oder  runden  Eingang  haben,  welcher  häufig  durch  einen  im  Rande  der 
Eintrittspforte  gelegenen  Strang  markiert  ist.  Wenn  sich  Därme  in  dieselben 
einlagern,  so  können  sie  innere  Einklemmungen  verursachen,  welche  wegen 
ihrer  Ähnlichkeit  mit  der  Einklemmung  äußerer  Brüche,  sodann  aber  wegen 
ihrer  Unzugänglichkeit  für  unsere  gewöhnlichen  diagnostischen  Hilfsmittel 
gewissermaßen  einen  Ubergang  von  den  äußeren  zu  den  inneren  Hernien 
darstellen.  Klebs,  welcher  offenbar  diese  Sachen  nicht  aus  eigener 
Anschauung  kannte,  erwähnt  ebenfalls  die  Bauchfellausstülpungen  zu  beiden 
Seiten  der  Harnblase,  welche  zwischen  der  Bauchwand  und  dem  parietalen 
Peritoneum  liegen  und  mit  Därmen  gefüllt  sind;  er  gebraucht  für  diese 
Hernien  den  Namen  „Hernia  r etr operitonealis  anterior";  Klebs  meint, 
dass  dies  bloß  ein  abweichender  Entwickelungsgang  einer  Hernia  inguinalis 
interna  ist,  vielleicht  durch  Massenreduction  einer  solchen  bedingt. 

Uber  den  gleichen  Gegenstand  hielt  Waldeyer  im  Jahre  1895  einen 
Vortrag  in  der  freien  Vereinigung  der  Chirurgen  Berlins.  Er  führte  an, 
dass  die  Bliese  vesico- umbilicalis  laterales  ungewöhnlich  entwickelt  sein 
können,  insofern,  als  die  Arteria  umbilicales,  welche  in  ihnen  verlaufen, 
ein  breites,  4 — 5  cm  betragendes  Mesarterion  umbil.  haben  können,  so  dass 
bei  Anspannung  der  Bauchwand  die  sich  berührenden  inneren  Leisten- 
gruben tiefe  Recessuse  bilden.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass  derart  mächtig 
entwickelte  Bliese  Anlass  zu  inneren  Incarcerationen  geben  können.  Der  an 
unserer  Klinik  im  letzten  Jahre  beobachtete  Fall  einer  derartigen  Hernie, 
welche  unter  der  Diagnose  „Ileus"  von  einem  Hilfsarzte  operiert  und  bei  der 
schon  während  der  Operation  das  eigentliche  W^esen  dieser  Hernie  erkannt 
wurde,  betraf  einen  Mann,  welcher  trotz  der  Behebung  der  Einklemmung  und 
trotz  dem  ziemlich  guten  Zustande  der  incarceriert  gewesenen  Dünndarm- 
schlinge zur  Section  gelangte;  hiebei  fand  der  Verfasser,  dass  der  Bruch- 
sack im  supravesicalen  präperitonealen  Zellgewebe  lag,  dass  derselbe  bis 
zum  Blasenscheitel  herabreichte  und  dass  im  inneren  Rande  der  Bruch- 
pforte der  Urachus  verlief,  welcher  beim  Debridement  eingeschnitten  wurde. 
Dieser  Fall  war  auch  dadurch  bemerkenswert,  dass  auch  auf  der  anderen 
Seite  ein  symmetrischer  Bruchsack  vorgefunden  wurde,  welcher  jedoch 
nach  der  Bauchhöhle  hin  zurückgestülpt,  sodann  von  Fettgewebe  ausgefüllt 
war  und  in  Form  eines  gestielten  Polypen  gegen  die  Bauchhöhle  vorragte 
(siehe  Fig.  16  auf  Seite  50). 

Die  früher  erwähnten  Bezeichnungen  dieser  Hernie  scheinen  dem 
Verfasser  durchgehends  unzutreffend  zu  sein,  und  würde  derselbe  statt 
ihrer  den  Namen  „Hernia  praeperitonealis  supravesicalis"  vorschlagen,  da 
hiedurch   die    anatomische    Lagerung   des    Bruchsackes   ziemlich  genau 


Innere  Hernien. 


137 


bezeichnet  wird,  während  insbesondere  durch  die  K 1  e  b  s  'sehe  Denomination 
als  „Hernia  retroperitonealis  (anterior)"  falsche  Vorstellungen  über 
die  Lage  der  Hernie  entstehen  könnten.  Im  Falle  von  Asch  off  ist  die 
Beziehung  zum  Ligamentum  vesico-umbilicale  nicht  ganz  klar,  ja  es  scheint 
nach  der  Abbildung,  dass  die  Bruchpforte  sogar  außen  von  der  Plica 
vesico-umbilicalis  lateralis  gelegßn  war. 

Klebs  besehreibt  außerdem  noch  eine  Grube,  welche  in  der  Excavatio 
rectovesicalis  lag  und  in  welcher  eine  leichte  Incarceration  einer  größeren 
Anzahl  von  Schlingen  erfolgte,  wodurch  eine  Compression  des  Mastdarms 
und  hiedureh  Koprostase  und  Ileus  verursacht  wurden.  Diese  Bauchfell- 
tasche war  oben  von  einer  Falte  begrenzt,  welche  von  der  hinteren  Blasen- 
wand ausgieng  (Plica  seu  ligamentum  vesic.  post.),  ein  Product,  welches 
den  breiten  Gebärmutterbändern  analog  ist  und  durch  die  abnorm  lange 
Persistenz  der  Müller'schen  Gänge  bedingt  sein  sollte.  Einen  ähnlichen 
Fall  beobachtete  Saniter;  in  diesem  Falle  ließ  sieh  nachweisen,  dass  der 
Bruch  noch  nicht  durch  das  muskulöse  Diaphragma  des  kleinen  Beckens 
hindurchgetreten,  und  dennoch  nicht  irgend  eine  verborgene  oder  unvoll- 
ständige Perinealhernie  vorhanden  war.  Eine  Prädisposition  hiezu  würde 
bei  congenitalem,  sehr  niedrigem  Stande  der  Plica  vesicorectalis  beim 
Manne,  uterorectalis  beim  Weibe  bestehen,  wenn  die  seitlichen  Douglas- 
Falten  und  die  Klebs'sche  hintere  Blasenfalte  mächtig  entwickelt  sind  und 
derart  einen  Theil  der  Excavatio  pr?erectalis  als  leeren  Bruchsack  begrenzen 
(0.  Zuckerkandl).  Es  wäre  demnach  nach  Eindringen  von  Eingeweiden 
etwas,  der  Ebner'schen  Hernia  imperfecta  perinealis  Analoges. 

Linhart  erwähnt  einen  Fall,  in  dem  Textor  im  Jahre  1856  einen 
wie  folgt  charakterisierten  Bruch  operierte:  Derselbe  lag  in  der  Fossa  iliaca 
und  — •  was  uns  allerdings  nicht  ganz  klar  ist  —  vor  den  sämmtlichen 
Bauchmuskeln.  Die  Mündung  des  Sackes  lag  nach  innen  und  oben,  beinahe 
neben  der  Harnblase,  so  dass  beim  Schnitte  unbedingt  die  Arteria  epigastrica 
entzweigeschnitten  werden  musste.  Die  anatomischen  Verhältnisse  konnten 
bei  der  Seetion  nicht  näher  und  sicher  constatiert  werden,  da  sämmtliche 
Weichtheile  von  der  Operation  her  zerrissen  und  zerschnitten,  auch  von 
Blut  unterlaufen  und  durch  nachträgliche  Veränderungen  unkenntlich 
waren. 

Ob  dies  die  Bauchfelltasche  war,  deren  Rokitansky  bereits  Er- 
wähnung that  (s.  0.),  kann  man  nicht  leicht  entscheiden.  Auch  Klebs 
macht  auf  die  Fossa  ischiadica  (eigentlich  iliaca,  welchen  Irrthum  auch 
König  abschreibt)  aufmerksam,  insofern,  als  sich  in  derselben  flache 
Grübchen  vorfinden,  welche  nach  rückwärts  offen  sind.  Es  ist  auch  möglich, 
dass  in  derlei  Fällen  jene  Bauchfelltasche  eine  wichtige  Rolle  spielt,  welche 
Biesiadecki  unter  dem  Namen  „Fossa  iliaco-subfascialis"  in  einer 
besonderen  Studie  beschrieben  hat  und  von  der  Tarenetzki  behauptet,  dass 


138 


Innere  Hernien. 


dieselbe  identisch  ist  mit  der  Waldey  er 'sehen  Fossa  coecaUs,  wobei  uns 
jedoch  nur  der  Umstand  auffällt,  dass  der  erstere  Forscher  Veranlassung 
genommen  hat,  dieselbe  als  subfascial  zu  benennen,  während  die  Fossa 
coecalis  Waldeyer's  zwar  retroperitoneal,  aber  nie  subfascial  gelagert  sein 
kann.  Wir  werden  übrigens  der  Entscheidung  dieser  Frage  anlässlich  der^ 
Mittheilung  eines  hiehergehörigen  Falles  aus  unserer  Klinik  nähertreten. 
Eine  Hernie  in  diesem  Recessus  wurde,  bis  auf  den  oben  angedeuteten 
Fall,  noch  nicht  veröffentlicht. 

Waldey  er  beschreibt  außer  den  erwähnten  Bauchfelltaschen  noch 
eine  Peritonealausstülpung  zwischen  der  Leber,  dem  Zwölffingerdarme  und 
dem  oberen  Pole  der  rechten  Niere,  bei  gleichzeitiger  starker  Entwickelung 
des  Ligamentum  hepato- renale,  endlich  Brösicke  eine  ähnliche  Tasche  in 
der  Nähe  des  linken  Leberlappens,  zwischen  der  Leber  und  dem  Zwerchfell, 
welche  er  mit  Brunn  die  Bursa  hepato-phrenica  benennt.  Hernien  wurden 
in  dieser  Bauchfelltasche  noch  nicht  beschrieben. 


IV.  Abtheilung. 


Hernien  nach  ihrem  Inhalt  eingetheilt. 

In  der  vorigen  Abtheilung  haben  wir  Hernien  angeführt,  welche  von 
einem  bestimmten  Standpunkte  in  mehrere  Gruppen  abgetheilt  wurden.  Wir 
hielten  uns  hiebei  hauptsächlich  an  die  anatomische  Region,  respective  an 
die  in  derselben  gelegene  Bruchpforte,  und  benannten  darnach  die  ent- 
sprechenden Herniengruppen.  In  dieser  Abtheilung  wollen  wir  die  Bruche 
ie  nach  ihrem  Inhalte  unterscheiden.  Derselbe  kann  entweder  nur  von 
seröser  Flüssigkeit,  ab  und  zu  auch  von  Eiter  gebildet  werden;  der  Bruch- 
inhalt kann  aber  auch  vom  Magen,  vom  Darme,  und  zwar  von  verschiedenen 
Theilen  desselben,  vom  Netze,  von  der  Harnblase,  vom  Eierstock,  der  luba, 
der  Gebärmutter,  Leber,  Milz  u.  s.  w.  gebildet  werden.   Doch  bevor  wir 
zu  der  Abhandlung  dieser  einzelnen  Unterarten  gelangen,  müssen  wir  auch 
dessen  Erwähnung  thun,  dass  in  einem  Bruchsacke  jeder  Bruchmhalt 
überhaupt  fehlen  kann,  dass  wir  demnach  auch  leere  Bruchsacke  unter- 
scheiden und  dass  dieselben  in  diesem  Zustande  oder  mit  irgend  einer 
Flüssigkeit  gefüllt  frei  mit  der  Bauchhöhle  communicieren  können  oder 
auch  von  derselben  vollständig  abgeschlossen  sein  können,  sich  demnach 
bei  weiterer  Exsudation  zu  cystischen  Gebilden  umwandeln,   endhch  dass 
es  auch  Gebilde  gibt,  welche  Brüche  vortäuschen,  und  zwar  dass  es,  ab- 
gesehen von  allen  anderen  pathologischen  Gebilden,  sogenannte  scheinbare 
Brüche  geben  könne,  welche  genetisch  mit  wirklichen  Bruchbildungen 
thatsächlich  zusammenhängen.   Wir  wollen  uns  demnach  an  erster  Stelle 
mit  den  letzteren  befassen. 


140 


Scheinbare  Hernien. 


1.  Scheinbare  Hernien. 

Darunter  verstehen  wir  nicht  vielleicht  Gebilde,  welche  in  Gegenden 
vorkommen,  wo  auch  wirkliche  Brüche  beobachtet  werden  und  deren  Aus- 
sehen vielleicht  derart  ist.  dass  sie  bei  oberflächlicher  Untersuchung  für 
Brüche  gehalten  werden  könnten.  Hierher  würden  z.  B.  geschwellte  Lymph- 
drüsen, ausgedehnte  Venen,  Abscesse  u.  dgl.  gehören.  Wir  meinen  unter 
Scheinhernien  vielmehr  für  gewöhnlich  Fettgeschwülste,  Lipome,  welche 
mit  einer  besonderen  Hülle  versehen  sind  und  sowohl  durch  ihre  anatomische 
Lagerung .  als  auch  durch  ihren  Entstehungsmechanismus,  besonders  aber 
durch  ihr  Aussehen  und  die  durch  dieselben  hervorgerufenen  functionellen 
Störungen  Brüchen  ungemein  ähnlich  sind.  Diese  Fettgeschwülstchen 
stammen  gewöhnlich  aus  dem  präperitonealen  Fettgewebe,  mit  dem  sie 
auch  stets  mittels  eines  bindegewebigen  und  Gefäßstieles  zusammenhängen, 
ja  hiedurch  auch  mit  dem  Bauchfelle  in  Verbindung  stehen  und  durch 
eine  der  bekannten  Bruchpforten  hindurchtreten.  Infolge  der  eigenthüm- 
lichen  anatomischen  Zusammensetzung  der  vorderen,  oberen  Bauchwand 
ist  es  möglich,  dass  solche  Fettläppchen  auch  von  dem  im  Ligamentum 
Suspensorium  hepatis  befindlichen  Fettgewebe  herstammen;  in  der  epi- 
gastrischen Gegend  beobachten  wir  häufig  auch  ähnliche,  aus  demselben 
Fettstratum  herstammende,  aber  gegen  die  Bauchhöhle  hervorwachsende, 
polypöse  Bildungen  nach  Art  der  Fettanhänge  des  Dickdarmes. 

Schon  Ambroise  Pare,  weiter  Littre  (1700),  Morgagni  (1740), 
Garangeot,  Günz.  Pell  et  an  (1780)  haben  über  diese  sogenannten 
scheinbaren  Hernien  geschrieben. 

In  diesem  Jahrhunderte  sind  es  vornehmlich  Tartra  (1805), 
Scarpa  (1809),  Bernutz  (1846)  und  Wernher  (1869),  von  denen  jeder 
dieser  Bruchart  eine  besondere  Schrift  gewidmet  hat.  Der  Letztgenannte 
hat  eine  wohlbegründete,  auf  die  Entstehung  dieser  Brüche  zurück- 
greifende Classification  eingeführt.  Er  unterscheidet  hauptsächlich  unter 
diesen  Fettbrüchen  (Liparocele,  Hernia  adiposa,  Hernie  graisseuse)  zwei 
Glassen:  die  eine  entsteht  dadurch,  dass  ein  bisher  vorhanden  gewesener 
Bruchsack,  natürlich  erst  nach  Entleerung  seines  sonstigen  Inhaltes,  durch 
reichliche  Fettentwickehing  auf  seiner  (nämlich  des  Sackes)  äußerer  Fläche 
derart  eingeengt  wird,  dass  er  schließlich  vollständig  schwindet  auf  einem 
Wege,  von  dem  später  des  genaueren  Erwähnung  gethan  werden  soll.  Die 
zweite  Gruppe  ist  entweder  ein  Fettläppchen  oder  eine  Fettgeschwulst, 
welche  vordem  keinen  Bruchsack  in  sich  enthalten  hat,  wohl  aber  die 
Bildung  eines  solchen  vorbereifen  kann,  indem  dieses  Fettläppchen  an  seinem 
Stiele  eine  kegelförmige  Peritonealausstülpung  nach  außen  zerren  kann. 
Die  erste  Gruppe  wurde  von  Wernher  mit  dem  Namen  „Fettbruch",  die 
zweite  dagegen  mit  dem  Namen   „bruchähnliche  Fettgeschwulst"  belegt, 


Scheinbare  Hernien. 


141 


Die  Bildungen  der  ersten  Gruppe,  die  Fettbrüche,  stellen  demnach 
eine  gewisse  Form  der  Spontanausheilung  der  Brüche  dar,  da  die  Bruch- 
sackhöhle durch  EntWickelung  des  umgebenden   Fettgewebes  wesentlich 
verkleinert  wird  und  hiedurch  dem  Eintritte  von  Eingeweiden  ein  be- 
deutendes Hindernis  entgegengesetzt  wird.  Die  allgemeine  Verengerung  des 
Bruchsacklumens  kann  so  weit  gehen,  dass  derselbe  nur  mehr  m  Form 
eines  dünnen  Fadens  in  der  Mitte  der  Geschwulst  nachweisbar  ist.  Die 
■  ehemalige  Bedeutung  eines  solchen  Bruchsackrestes  lässt  sich  manchmal 
•   dadurch  erweisen,  dass  man  von  der   Bauchhöhle  aus  eine  dünne  Sonde 
bis  auf  den  Grund  eines  solchen  Fadens  einführen  kann.   Em  andermal 
ist  aber  die  Bruchsackverengerung  nicht  so  allgemein  und  concentrisch 
sondern  mehr  partiell,  einseitig,  circulär.   Durch  diese  Entwickelung  und 
Wucherung  des  umgebenden  Fettes  kann  es  geschehen,  dass  circumscripte 
Stellen  des  Bruchsackes  in  das  Innere  hervorwachsen  und  abermals  das 
ganze  Lumen  desselben  erfüllen.  Hiedurch  kann  eine  Erscheinung  hervor- 
gebracht werden,  welche  jener  sehr  ähnlich  ist,  wenn  ein  Netzzip  el  an  der 
Innenseite  des  Bruchsackes  anwächst,  durch  Stauung  hypertrophiert  und 
sein  dünner  Stiel  endlich  abreißt.  Die  mikroskopische  Untersuchung  weist 
uns  in  beiden  Fällen  als  äußere  Umhüllung  des  im  Bruchsacke  enthaltenen 
Tumors  ein  seröses  Blatt  nach,  so  dass  auch  durch  dieses  Hilfsmittel  die 
Genfese  solcher  Bildungen  nicht  aufgeklärt  wird.  Durch  circumscripte  cir- 
culäre  Wucherung  des  Fettgewebes  am  Bruchsackhalse  kann  der  Sack  an 
dieser  Stelle  derart  verengt  werden,  dass  seine  Innenflächen  sich  berühren 
und  verwachsen.  Bei  stattfindender  Exsudation  m  diesen  Raum  entsteht 
hingegen  eine  Anhäufung  von  Flüssigkeit  in  demselben,  sodann  eme  spharoide 
Ausdehnung  oder  eine  centrale  Cyste,  welche  in  der  Tiefe  eines  so  chen 
scheinbaren  Bruches  ein  undeutliches  Fluctuationsgefühl  hervorbringen  kann. 

Es  ist  weiter  durch  Beobachtung  sichergestellt,   dass   durch  Ver- 
wachsung des  Bruchsacklumens,  weiter  durch  Schrumpfung  desselben  zu  emem 
Bindegewebsfaden,  endlich  durch  Abreißung  des  letzteren  ein  Fetttumor 
entstehen  kann,  welcher  selbständig  zu  sein  scheint  und  dössen  Genese 
.     nur  mehr  schwer  richtig  erkannt  werden  kann.    Wie  durch  die  örtliche 
Wucherung  deä  Fettes  eine  Einstülpung  eines  Theiles  der  Bruchsackwand 
in  das  Innere  desselben,  so  kann  auch  durch  denselben  Process  eme  vol - 
ständige  Umstülpung  und  zwar  des  ganzen  Bruchsackes,  dann  natiir  ich 
durch  die  Bruchpforte,  in  die  Bauchhöhle  zurück  stattfinden.  Jetzt  bildet 
der  frühere  Bruchsack  die  äußere  Umhüllung  eines  solchen  gestielten,  der 
■     .Bauchwand  aufsitzenden,  in   die  Bauchhöhle  vorragenden  Tumors  Wir 
kennen  aus  der  Literatur  sogar  die  einzelnen  Phasen  dieser  Entwickelung 
welche  gewöhnlich  durch  Emporheben  der  Umgebung  des  Halses  emgeleitet 
und  durch  Eindrängen  des  Fundus  gegen  das  Bruchsackinnere  fortgesetzt 
wird   bis  endlich  der  ganze  Bruchsack  gegen  die  Bauchhöhle  umgestülpt 


142 


Scheinbare  Hernien. 


wird,  ein  Schlussbefund,  welcher  durch  zwei  später  vorkommende  Ab- 
bildungen veranschaulicht  wird,  und  welcher  in  dem  einen  Falle  spontan 
erfolgte  (siehe  Fig.  55  auf  Seite  135),  im  anderen  Falle  dagegen  durch  ge- 
waltsame Reposition  von  Seite  des  Kranken  zustande  kam  (siehe  Capitel: 
„Innere  Darmeinklemmung"). 

Ob  dies  allerdings  der  einzige  Mechanismus  solcher,  wenn  wir  so 
sagen  dürfen,  innerer  Fetthernien  ist,  muss  vorläufig  dahingestellt  bleiben. 
Jedenfalls  ist  es  leicht  einzusehen,  dass  eine  solche  Bildung  auch  entstehen 
kann,  wenn,  ohne  vorherbestandene  Ausstülpung  des  Peritoneums  durch 
eine  Bruchpforte  nach  außen,  in  der  Gegend  der  letzteren  das  subseröse  Fett 
circumscript  zu  wuchern  beginnt  und  gegen  die  Bauchhöhle  hin  herauswächst. 

Außer  diesen  Befunden  muss  man  noch  denjenigen  erwähnen,  dass 
auch  ein  obliterierter  und  lipomatös  degenerierter  Bruchsack  in  toto  in 
die  präperitoneale  Schichte  reponiert  werden  kann.  Es  befindet  sich  sodann 
zwischen  Peritoneum  und  der  Fascia  transversa  ein  Fetttumor,  an  dessen 
Oberfläche,  seinem  Stiele  entsprechend,  gewöhnlich  eine  weiße  strahlen- 
förmige Bindegewebsverdichtung  sichtbar  ist,  welche  dem  ehemaligen 
Bruchsackhalse  entspricht.  Selbstverständlich  kann  auch  ein  solcher 
obliterierter  Bruchsack  manchmal  sich  in  toto  cystisch  umwandeln. 

Fragen  wir  uns  nun,  wodurch  ein  alter  verengter  Bruchsack  von 
einem  eben  hervorgezogenen  unterschieden  werden  kann,  weiter  was  die 
Einstülpung  des  umgebenden  Fettes  in  einen  äußeren  Bruchsack  von  einem 
angewachsenen  Netzzipfel  mit  Durchreißung  seines  Stieles  charakterisiert, 
was  endlich  einen  in  die  Bauchhöhle  eingestülpten  Bruchsack  mit  Fett- 
wucherung in  demselben  von  einer  einfachen  Ausstülpung  des  Bauchfells 
durch  circumscripte  Fettwucherung  ohne  vorhergehende  Bruchsackbildung 
unterscheidet,  so  müssen  wir  antworten,  dass  der  verengte,  ebenso  wie  der 
nach  innen  umgestülpte  Sack  an  der  Stelle,  welche  seinem  ehemaligen 
Bruchsackhalse  entspricht,  eine  narbige,  mehr  oder  weniger  vollständig 
circuläre  Verdichtung  des  Peritoneums  zeigt,  welche  Verdichtung  manchmal 
bis  zur  Erzeugung  von  pseudokartilaginösen  Platten  führen  kann,  in  der 
Mehrzahl  der  Fälle  aber  mit  Pigmentbildung  an  dieser  Stelle  einhergeht.  An 
diesem  Merkmal  kann  man  auch  eine  chronische  Hernie  und  an  derselben 
ihren  Bruchsackhals  unterscheiden.  Diese  Stellen,  Stigmata  genannt  (nach 
Cloquet).  siehe  Fig.  56,  liegen  bei  einem  obturierten  Bruchsacke  an  der 
Stelle  der  Bruchpforte  und  sind  gewöhnlich  auch  von  innen  sichtbar.  Bei 
einem  umgestülpten  Sacke  befinden  sich  dieselben  an  der  Basis  der  polypös 
gegen  die  Bauchhöhle  hervorragenden  Geschwulst;  bei  einem  in  toto 
reponierten  Bruchsacke  mit  Abdrängung  des  Peritoneum  parietale  dagegen 
am  Scheitel  des  gegen  die  Bauchhöhle  hervorragenden  Tumors. 

Bei  der  zweiten  Gruppe,  nämlich  bei  der  sogenannten  bruchähnlichen 
Fettgeschwulst,  haben  wir  es  mit  einem  entweder  reinen  lipomatösen  Tumor 


Scheinbare  Hernien. 


143 


zu  thun.  welcher  mittelst  eines  Stieles  mit  dem  präperitonealen  Zellgewebe 
zusammenhängt,  oder  es  combiniert  sich  mit  demselben  ein  secundärer 
Bruchsack,  welcher  im  Anfang  allerdings  nur  kegelförmig  ist.  An  der 
activen  Wirksamkeit  des  Wachsthums  eines  solchen  Tumors  oder  Fett- 
läppchens in  Bezug  auf  die  Erzeugung  eines  peritonealen  Bruchsackes 
wurde  zwar  von  vielen  Seiten  gezweifelt,  doch  bei  dem  unzweifelhaften 
Zusammenhange  solcher  Fettläppchen  mit  dem  präperitonealen  Zellgewebe 
ist  zum  mindesten  daran  nicht  zu  zweifeln,  dass  derartige  Fettläppchen 
durch  ihre  Zunahme  und  durch 
ihr  sich  Nach-außen-vordrängen 
gewiss  für  zukünftige  Hernien 
den  Weg  bahnen,  da  sie  die 
Bruchcanäle  erweitern,  welche 
sonst  undurchgängig  oder  un- 
nachgiebig geblieben  wären.  Sonst 
sind  manche  Beobachter  eher 
geneigt  anzunehmen,  dass  die 
Fettläppchen  meistens  erst  durch 
die  sich  hervordrängende  Hernie 
nach  außen  geschoben  werden, 
worauf  dann  allerdings  der 
Bruchsack  inmitten  der  vor- 
gedrängten Fettmasse  liegen 
kann.  Doch  sprechen  immerhin 
einzelne  Beobachtungen  der 
letzten  Zeit,  welche  bei  Gelegen- 
heit von  Radicaloperationen  von 
Hernien  gemacht  worden  sind, 
dafür,  dass  es  doch  Fälle  gibt, 
in  denen  außerhalb  des  Brucli- 
canales  denn  doch  nichts  an- 
deres angetroffen  wird,  als  ein 
einfaches  Fettläppchen,  und  wo 

erst  bei  dem  Versuche,  centralwärts  von  demselben  eine  Ligatur  anzu- 
legen, auch  ein  kegelförmiges  Bruchsäckchen  hervorgezogen  wird.  Es  ist 
in  derartigen  Fällen  gewiss  nur  schwer  anzunehmen,  dass  ein  Bruchsack, 
der  kaum  noch  mit  seiner  Spitze  in  den  Bruchcanal  eingetreten  ist, 
bereits  ein  Fettläppchen  nach  außen  gedrängt  hätte,  sondern  es  ist  der 
umgekehrte  Vorgang  bei  weitem  wahrscheinlicher,  dass  ein  selbständig  nach 
außen  hervorgewachsenes  Fettläppchen  an  seinem  Stiele  ein  Peritoneal- 
säckchen  hervorgezerrt  habe.  Aus  allem  dem  ist  aber  ohneweiters  klar, 
dass  die  Entstehung  der  Brüche  bei  Fetttumoren  gewiss  nicht  einheitlich 


Mb 

Fig.  56. 

Senkrechter  Schnitt  durch  ein  Stigma. 
a  —  äußere,  b  —  innere  Oberfläche  des  Bruch- 
sackhalses. 


144 


Leere  Bruchsäcke. 


ist,  sondern  die  Art  und  Weise  der  Entstehung  gewiss  auf  verschiedenen 
Wegen  zustande  kommen  kann. 

Hiehergehörige  Geschwülste  werden  am  häufigsten  in  der  Gegend  des 
Schenkelringes  und  in  der  Linea  alba  in  der  Nähe  des  Schwertfortsatzes 
beobachtet.  Es  ist  nicht  möglich,  nach  den  bisherigen  literarischen  Ver- 
öffentlichungen das  Häufigkeitsverhältnis  der  einzelnen  Gruppen  zueinander 
festzustellen,  umsoweniger  das  der  verhältnismäßig  noch  selteneren  Tumoren 
dieser  Art,  welche  in  der  Gegend  der  Leistencanäle,  des  obturatorischen 
Canals,  des  Nabelringes  u.  s.  w.  vorkommen. 

Eine  Unterscheidung,  ob  es  sich  im  gegebenen  Falle  um  eine  Bildung 
der  ersten  oder  zweiten  Gruppe  handelt,  ist  nicht  eben  leicht,  zuweilen 
auch  am  Präparate  recht  schwer  zu  treffen,  da  sich  nicht  selten  ver- 
schiedene Bildungen  combinieren  und  öfters  eine  Bildung  verschiedene 
Phasen  durchmacht,  in  welchen  sie  nacheinander  dieser  oder  jener  Gruppe 
angehören  kann;  so  wurde  z.  B.  in  einem  klinischen  Falle  folgender  Befund 
erhoben:  In  einem  von  außen  mit  Fett  ziemlich  gleichmäßig  bewachsenen 
und  hiemit  eingeengten  Schenkelbruchsack  fand  man  einen  Netzzipfel 
angewachsen,  welcher  mit  einem  äußerst  dünnen  fadenförmigen  Stiele  mit 
der  Bauchhöhle  zusammenhieng  und  in  fibro-lipomatöse  Geschwülstchen 
auslief;  der  Bruchsack  selbst  besaß  zwei  Divertikel;  dagegen  fand  man  ein 
isoliertes  gestieltes,  ungefähr  taubeneigroßes,  aus  dunklerem  Fett  bestehendes 
Lipom,  welches  durch  die  Hernie  nach  außen  gedrängt  war;  dasselbe 
hieng  mittels  eines  bindegewebigen  Stieles  deutlich  mit  dem  Bruchsacke 
zusammen. 

Alle  diese  Brucharten  vergrößern  sich  nicht  beim  Husten,  stehen 
nicht  unter  dem  Einflüsse  der  Bauchpresse,  verkleinern  sich  nicht  rasch, 
lassen  sich  nicht  reponieren,  oder  nur  mit  Schwierigkeiten  und  nur  theil- 
weise,  gurren  nicht  und  sind  beim  Betasten  ziemlich  derb.  An  günstigen 
Stellen  ist  ihr  Stiel  gegen  die  Bauchhöhle  tastbar,  manchmal  recht  deutlich, 
besonders  bei  Schenkelbrüchen.  Eine  genauere  Analyse  derselben  ist  nur 
bei  der  Operation  oder  der  Section  möglich. 


2.  Leere  Bnielisäeke. 

Wenn  wir  unsere  eigenen  Tabellen,  welche  über  den  Inhalt  der  auf 
unserer  Klinik  in  den  letzten  5  Jahren  operierten  Hernien  Auskunft  geben, 
betrachten,  so  fällt  es  uns  auf,  dass  plötzhch  die  Zahl  der  sogenannten 
Hernien  ohne  Inhalt  auffallend  anwächst,  gleichzeitig  damit  aber  auch  die 
Zahl  der  freien,  radical  operierten  Hernien.  Hiedurch  ist  auch  die  Erklärung 


Leere  Bruchsäcke. 


145 


für  das  erstere  Factum  gegeben.  Solange  nur  incarcerierte  Hernien  operiert 
wurden,  konnte  man  selbstverständlich  an  den  Befund  von  leeren  Bruch- 
säcken am  Lebenden  gar  nicht  denken.  Bei  radicalen  Operationen  von 
Brüchen  kommen  aber  öfters  Fälle  von  kleinen,  freien  Hernien  verschiedenster 
Art  vor,  bei  denen  während  der  Desinfection  oder  während  des  Schnittes 
der  unbedeutende  Inhalt  reponiert  wird,  ohne  dass  er  während  des  weiteren 
Verlaufes  der  Operation  wieder  erscheinen  würde.  Solche  Hernien  wurden 
bei  uns  offenbar  unter  die  sogenannten  leeren  Bruchsäcke  eingereiht,  obwohl 
dieselben  unter  gewissen  Umständen  doch  irgend  welche  Eingeweide  ent- 
halten haben.  Dass  zu  solchen  Befunden  besonders  jene  Hernien  disponieren, 
deren  Bruchsäcke  klein  sind,  z.  B.  beginnende  oder  interstitielle  Inguinal- 
hernien, weiters  Hernien,  welche  nur  einen  geringen  Inhalt  haben,  z.  B. 
Darmwandhernien  oder  Hernien  der  Tuba  oder  des  Processus  vermiformis 
u.  s.  f.,  ist  ohneweiters  klar.  Doch  ist  es  nicht  unsere  Absicht,  in  diesem 
Absätze  von  so  beschaffenen  leeren  Hernien  zu  sprechen,  sondern  von 
jenen,  welche  unter  jeder  Bedingung  ■  diese  Eigenschaft  des  Leerseins  be- 
halten, und  dann  von  solchen,  welche  zwar  keinen  Inhalt  an  Eingeweiden 
besitzen,  jedoch  erfüllt  sind  von  einem  anderweitigen  Contentum,  z.  B. 
einer  serösen  oder  eitrigen  Flüssigkeit  oder,  wie  wir  es  jüngst  (an  einem 
kleinen  Schenkelbruch)  beobachtet  haben,  von  einem  bräunlich  verfärbten 
Fibringerinsel.  Es  ist  daher  bei  solchen  Brüchen  unumgänglich  nothwendig, 
dass  das  Entweichen  eines  derartigen  Inhaltes  unmöglich  gemacht  und 
daher  der  Zugang  zu  einem  solchen  Bruchsack  nicht  durch  Einwachsen 
von  Netz,  sondern  durch  Verwachsmig  der  Bruchsackoberfläche  am  Halse 
verlegt  worden  sei.  Hiemit  sind  Bildungen  beschrieben,  welche  wir  Bruch- 
sackcysten  nennen,  demnach  Bildungen,  welche  ehemalige  Bruchsäcke  sind, 
sich  aber  durch  adhäsive  Peritonitis  herniaria  verlegt  haben  und  in  die 
nachträglich  eine  seröse  Exsudation  erfolgt  ist.  Ihre  Diagnose  macht  manch- 
mal Schwierigkeiten,  ja  es  wurden  sogar  Incarcerationserscheinungen  durch 
dieselben  bewirkt,  oder  es  wurden  Erscheinungen,  welche  mit  Recht  auf 
diese  Bildungen  bezogen  wurden,  für  Einklemmungssymptome  gehalten.  Es 
ist  aber  doch  nicht  rathsam,  sich  bei  bestehenden  Einklemmungserscheinungen 
mit  der  bloßen  Eröffnung  der  geschlossen  gefundenen  Cyste  zu  begnügen, 
sondern  stets  die  Revision  auch  weiter  vorzunehmen,  weil  ja  Beispiele 
nicht  selten  sind,  dass  hinter  solchen  Cysten  regelmäßige  und  zwar  ein- 
geklemmte Hernien  gefunden  wurden.  Besonders  congenitale  Bruchsäcke 
der  Inguinalgegend,  welche,  wie  schon  anderweitig  erwähnt  wurde,  öfters 
aus  mehreren  übereinander  liegenden,  durch  enge  Verbindungen  getrennten 
Loculamenten  bestehen,  können  zu  solchen  Irrungen  Anlass  geben.  VV^ie 
compliciert  solche  Befunde  sein  können,  hievon  gibt  ein  Beispiel,  welches 
von.  Richter  erzählt  wird,  Zeugnis:  Derselbe  beobachtete  nämlich  einen 
aus  zwei  übereinander  liegenden   Loculamenten  bestehenden  Bruchsack, 

M  a  y  d  1,  Specielle  Chirurgie.  I.  10 


146 


Netzbrüche. 


welche  beide  zu  geschlossenen  Räumen  umgewandelt  waren,  und  zwar 
der  periphere  Raum  durch  Verlöthung  der  engen  Communication  gegen 
den  centralen,  der  centrale  selbst  aber  durch  Verstopfung  mit  angewachsenem 
Netz:  außerdem  bestand  eine  innere  Incarceration  in  einem  Loch  im  Mesen- 
terium. Es  ist  selbstverständlich,  dass  der  nach  einigen  Forschern  nach- 
gewiesenermaßen so  häufig  persistierende  Processus  vaginalis  peritonei  ein 
classisches  Beispiel  eines  leeren  Bruchsackes  ist.  Solche  Bruchsäcke  können 
jedoch  fast  das  ganze  Leben  hindurch  verborgen  bleiben,  und  erst  im  späteren 
Alter  auftauchender  Ascites,  oder  ein  aus  verschiedenen  Gründen  entstehendes 
entzündliches  Exsudat  kann  die  bestehende  Communication  mit  der  Bauch- 
höhle verrathen. 

In  der  vorigen  Abtheilung  wurde  bereits  dessen  Erwähnung  gethan, 
dass  man  innerhalb  von  Scheinbrüchen  auch  leere,  nicht  selten  geschlossene 
Bruchsäcke  antreffen  kann.  —  In  der  Inguinalgegend  müssen  wir  uns 
bezüglich  der  Genese  auch  gegen  den  Irrthum  schützen,  dass  wir  cystös 
degenerierte  Lymphdrüsen  oder  Hohlräume  innerhalb  von  geschwellten 
Lymphdrüsen  nicht  für  Herniencysten,  ausgehend  von  angeborenen  oder 
erworbenen  Bruchsäcken,  halten.  Mit  diesem  Gegenstande  hat  sich  Duplay 
gründlich  bereits  im  Jahre  1865  befasst.  Aber  nicht  nur  derartige  Bildungen 
kommen  in  Betracht,  sondern  es  können  sich  über  lange  bestehenden, 
besonders  über  resistenten,  meist  mit  induriertem  Netz  gefüllten  Hernien 
Schleimbeutel  entwickeln,  besonders  wenn  über  denselben  lange  Jahre 
hindurch  Bruchbänder  getragen  worden  sind.  A.  G.  Richter  beschreibt 
sogar  Cystenbildungen  zwischen  den  einzelnen  Bruchhüllen  und  bringt 
dieselben  mit  vorausgegangenen  Repositionsversuchen  in  Zusammenhang, 
indem  er  meint,  dass  durch  solche  Gewalteinwirkungen  entstehende  hämo- 
rrhagische Cysten  sich  leicht  in  seröse  umwandeln  können. 


B.  lletzbriiehe  (Epiploeele  oder  Hernia  oraeiitalis). 

Den  Scheinhernien  ähneln,  wie  soeben  auseinandergesetzt  wurde,  am 
meisten  die  Netzbrüche,  und  es  lassen  sich  die  beiden  Bildungen 
manchmal  kaum,  ja  sogar  bei  einem  operativen  Eingriffe  nur  schwer 
unterscheiden. 

Wir  haben  an  den  entsprechenden  Stellen  bereits  dessen  Erwähnung 
gethan,  wie  oft  in  den  Schenkel-  und  Leistenhernien  Netz  beobachtet 
wurde.  Von  283  Leistenbrüchen  enthielten  bloß  77  Netz  allein,  34  Netz 
und  Darm,  endlich  149  Darm  allein,  während  23  Bruchsäcke  leer  waren. 
Von  123  Schenkelhernien  enthielten  nur  19  Netz  allein,  14  Netz  und 


Netzbräche. 


147 


Darm  und  die  übrigen  86  bloß  Darmschlingen,  während  einmal  die  Tuba 
und  dreimal  leere  Bruchsäcke  beobachtet  wurden.  Wenn  auch  die  Ver- 
hältniszahlen in  gewissen  Grenzen  schwanken,  so  wird  übereinstimmend 
gemeldet,  dass  die  reinen  Netzbrüche  nur  in  bedeutender  Minorität  vor- 
kommen. Nun  ist  es  wohl  selbstverständlich,  dass  derlei  Angaben  nur 
durch  die  genaue  Untersuchung  mittels  des  Gesichtssinnes  bei  der  Operation 
oder  bei  der  Section  Wert  gewinnen  und  nicht  nur  auf  Grund  von  äußerer 
Untersuchung  gemacht  werden  dürfen,  in  welchem  Falle  allerdings  zahl- 
reiche Irrungen  zugegeben  werden  müssten.  In  anderen  Beziehungen, 
nämlich  ob  das  Netz  häufiger  in  rechtsseitigen  oder  linksseitigen  Hernien 
vorkommt,  kann  man  bloß  durch  Zusammenfassen  von  größeren  Statistiken 
verlässliche  Angaben  machen,  da  die  auf  kleiner  Basis  fundierten  Aussagen 
einzelner  Beobachter  wesentlich  voneinander  differieren.  So  behauptet 
Wernher,  dass  linksseitige  Netzbrüche  dreimal  häufiger  vorkommen,  als 
rechtsseitige,  während  Richter  das  Gegentheil  behauptet.  Es  geht  daher 
nicht  an,  auf  Grund  der  einen  oder  der  andern  Behauptung  irgend  welche 
Theorien  aufzustellen. 

Bei  den  Nabelbrüchen  kehrt  sich  dieses  Verhältnis  beinahe  vollständig 
um,  da  bei  denselben  die  reinen  Netzhernien,  respective  die  gleichzeitig  aus 
Netz  und  Darm  bestehenden  die  Mehrzahl  ausmachen,  während  reine 
Dai'mbrüche  in  der  Minderzahl  bleiben.  Unter  11  klinisch  operierten 
Umbilicalhernien  gab's  nur  2  reine  Darmbrüche. 

Wenn  wir  die  Brüche  als  Erkrankungen  der  Mesenterien  und  des 
Netzes  auffassen,  und  zwar  gewiss  mit  Berechtigung,  wenigstens  insofern, 
als  diese  Gebilde  erst  durch  ihre  hinreichende  Länge  die  Bildung  von 
Hernien  ermöglichen,  dann  wäre  freilich  bei  Radicaloperationen  die  Indication 
zur  Kürzung  dieser  Gebilde  gegeben.  Während  jedoch  bei  Darmhernien 
dieser  Indication,  nämlich  der  Kürzung  der  Mesenterien,  sich  unübersteigliche 
Hindernisse  entgegenstellen,  da  ja  dieselben  die  ernährenden  Gefäße  des 
Darmes  enthalten,  so  werden  wir  bei  Besprechung  der  Radicaloperation 
der  Netzbrüche  erfahren,  dass  dieser  Anzeige,  nämlich  der  Kürzung  einzelner 
Netzzipfel,  ja  des  ganzen  Omentums,  anstandslos  genügt  werden  kann. 
Doch  erfordert  auch  diese  Operation  manchmal  gewisse  Hilfseingriffe,  so 
besonders  Lösungen  des  angewachsenen  Netzes  von  der  inneren  Bruch- 
sackoberfläche oder  vom  Bruchsackhalse,  welche  Verlöthungen  derart  häufig 
vorkommen,  dass  in  früheren  Zeiten,  wo  nur  incarcerierte  Hernien  operiert 
wurden,  vollständig  freie  Netzhernien  zu  den  Ausnahmen  gehörten. 

Bei  Erklärung  der  omentalen  Adhäsionen  ist  es  offenbar  wichtig,  dass 
bei  beginnenden  Netzhernien,  welche  leicht  übersehen  und  nicht  reponiert 
werden,  die  Netzzipfel  durch  entzündliche  Hyperämie  oder  auch  durch 
venöse  Stase  anschwellen  und  hiedurch  irreponibel  werden.  Ein  derartiger 
Netzzipfel,  welcher  nun  lange  Zeit  hindurch  gleichen  Stellen  des  Bruch- 

10* 


148 


Netzbrüche. 


sackes  unbeweglich  gegenüberliegt,  verwächst  mit  diesem,  was  durch  Ober- 
flächenreizung, die  ja  bei  der  Lappigkeit  und  Höckerigkeit  des  Gebildes 
sich  leicht  entwickelt,  unterstützt  wird.  Durch  diesen  Vorgang  können  die 
Enden  des  Netzzipfels  am  Ende  des  Bruchsackes,  aber  aus  gleicher  Ursache 
kann  auch  der  Stiel  der  Netzhernie  mit  dem  Bruchsackhalse  verwachsen. 
Besonders  leicht  geschieht  dies  bei  Schenkelhernien,  weil  der  Bruchhals 
durch  den  festen  und  scharfen  Rand  des  Schenkelringes  ausgiebig  ein- 
geschnürt und  daher  mechanisch  gereizt  wird,  von  den  Zerrungen  und 
Knickungen  gar  nicht  zu  reden,  welche  sich  bei  jeder  Beugung  der 
Extremität  einstellen. 

Früher  hat  man  aber  auch  die  Ansicht  für  richtig  gehalten,  nach 
welcher  die  Verlöthungen  zwischen  dem  Netze  und  dem  Bruchsacke  schon 
früher  eingetreten  waren,  bevor  noch  das  Netz  zum  Bruchinhalte  geworden 
ist,  dass  also  das  Netz,  als  es  noch  innerhalb  der  Bauchhöhle  lag.  mit 
dem  Peritoneum  parietale  verwuchs  und  in  diesem  Zustande  durch  die 
Bruchpforte  nach  außen  rückte.  Diese  Ansicht  ist  nun  vollständig  verlassen, 
da  sie  sich  insbesondere  für  die  angeborenen  Hernien  als  zweifellos 
unhaltbar  erwies. 

Die  Verwachsungen  des  Bruchsackes  mit  dem  Darme,  welcher  den 
Bruchinhalt  bildet,  sind  bei  weitem  seltener  und  wegen  der  Erschwerung 
der  technischen  Ausführung  einer  Radicaloperation  oder  einer  Herniotomie 
prognostisch  ungünstig,  und  daher  mit  Recht  eine  unangenehme  Uber- 
raschung  der  Operateure. 

Vor  der  antiseptischen  Zeit  war  natürlicherweise  das  freie,  sowie  ab- 
gelöste und  resecierte  Netz  auch  Träger  tödtlicher,  eitriger  Infectionen  der 
Bauchhöhle,  was  wir  heutzutage  allerdings  infolge  der  Unterbindungen 
mit  Catgut  oder  mit  sterilisierter  Seide  verlässlich  vermeiden.  In  früheren 
Zeiten  benützte  man  das  unterbundene  Netz  häufig  als  Verstopfungsmittel, 
welches  die  Bruchpforte  verschließen  sollte,  wodurch  allerdings  die  An- 
steckungsmöglichkeit durch  eitrige  Mikroorganismen  bedeutend  vermindert 
wurde,  jedoch  nicht  ausgeschlossen  war,  da  von  nicht  ganz  keimfreien 
Unterbindungsfäden  auch  eine  Infection  der  Thromben  in  den  Omentalvenen 
erfolgen  konnte,  welche  dann  eine  allgemeine  Infection  des  Organismus  auf 
dem  Blutwege  vermittelten. 

Klinisch  erkennen  wir  die  Netzhernien  daran,  dass  wir  unter  den 
Bauchdecken  solide,  lappige  und  strangförmige  Gebilde  tasten,  über  denen 
die  Percussion  leer  ist  und  von  denen  ein  solider  nicht  verkleinbarer 
Stiel  gegen  die  Bauchhöhle  zieht,  welcher  für  einen  Darm  sammt  seinem 
Mesenterium  zu  dünn  wäre,  manchmal  aber  auch  recht  umfänglich  sein  kann. 

Die  Netzhernien,  besonders  die  angewachsenen,  sind  im  ursächlichen 
Zusammenhang  mit  jenen  oft  berichteten,  für  Brüche  überhaupt  charakteri- 
stischen Schmerzen,  welche  am  richtigsten  gewiss  derart  gedeutet  werden, 


Netzbrnche. 


149 


dass  ein  in  dem  Bruchsacke  angewachsener  Netzzipfel  der  freien  Peristaltik 
des  Magens  oder  des  Quercolons  im  Wege  ist,  wodurch  Zerrungen,  die  um 
den  Nabel  herum  localisiert  werden,  entstehen.  Schmerzen  in  der  Nabel- 
gegend können  freilich  bei  demselben  Zustande  auch  dadurch  bewirkt 
werden,  dass  das  im  Bruchsacke  fixierte  Netz  eine  Knickung  des  Quer- 
colons verursacht,  wodurch  ein  Hindernis  in  der  Fortbewegung  des  Darm- 
inhaltes gesetzt  und  bei  oberflächlicher  Beobachtung  ebenfalls  als  in  der 
Nabelgegend  gelegen  empfunden  wird,  bei  genauer  Beobachtung  aber  stets 
als  ein  nicht  fixierter,  sondern  als  ein  peristaltisch  von  rechts  beginnender, 
nach  links  fortschreitender  und  an  einer  bestimmten  Stelle  endender 
Schmerz  erkannt  zu  werden  pflegt.  Man  beobachtet  jedoch  auch  bei  Brüchen, 
welche  nicht  Netz  allein  oder  Netz  und  Darm  enthalten,  ähnliche  Sen- 
sationen in  der  Mitte  der  vorderen  Bauchwand,  da  ja  auch  Brüche  des 
Dünndarmes  durch  Zerrung  des  Mesenteriums,  dessen  mittlerer  Theil  auch 
ungefähr  in  Nabelhöhe  von  der  hinteren  Bauchwand  abgeht,  ähnliche 
schmerzhafte  Empfindungen  verursachen  können. 

Die  Verwachsung  des  Netzes  mit  dem  Bruchsacke  bedingt  selbst- 
verständlich eine  vollständige  oder  zum  mindesten  eine  theilweise  Irre- 
ponibilität  (Hernia  irreponibilis,  H.  accreta),  wodurch  auch  die  Anwendung 
der  bis  vor  nicht  langer  Zeit  nahezu  ausschließlich  üblichen  palliativen 
Bruchbänderbehandlung  entweder  gänzlich  ausgeschlossen  war  oder  wesent- 
lich modificiert  werden  musste.  Es  musste  statt  einer  convexen  Pelotte 
eine  concave  angewendet  werden,  weil  der  Druck  der  ersteren  auf  der  nicht 
reponiblen  Hernie  unerträglich  war;  man  musste  sich  daher  mit  der  Hem- 
mung des  Wachsthumes  einer  solchen  Hernie  begnügen,  ohne  auf  das 
eigentliche  Ziel  der  Bruchbandbehandlung,  nämlich  Verwachsung  des  Bruch- 
sackes, lossteuern  zu  können.  Das  beständige  Offenhalten  des  Bruchcanales 
durch  den  in  ihm  befindlichen  Netzzipfel  involvierte  in  sich  eine  be- 
ständige Lebensgefahr  infolge  der  andauernden  Einklemmungsmöglichkeit. 

Wenn  Brüche  neben  Netz  auch  Dünndarmschlingen  enthalten,  so 
liegen  diese  beiden  Gebilde  in  demselben  anatomischen  Verhältnis  zueinander 
im  Bruchsack,  wie  sie  in  der  Bauchhöhle  zueinander  gelagert  sind,  das 
heißt,  das  Netz  liegt  stets  vor  dem  Darme  und  dieser  stets  hinten,  bei 
horizontaler  Körperlage  also  unter  demselben.  Dieses  Verhältnis  ändert 
sich  äußerst  selten,  so  dass,  falls  ein  größerer  Netzklumpen  im  Bruche 
enthalten  ist.  welcher  leeren  Percussionsschall  bedingt,  auch  stets  die  Hinter- 
seite des  Bruches  untersucht  werden  soll,  ob  sich  nicht  durch  den  Befund 
eines  tympanitischen  Schalles  auch  Darm  in  der  Hernie  constatieren 
ließe.  Dass  eine  solche  Untersuchung  nicht  bei  allen  Hernien  ausführbar 
ist,  wohl  aber  hauptsächlich  bei  scrotalen  Brüchen  angewendet  werden 
kann,  ist  ohneweiters  klar.  Das  erwähnte  Verhältnis  des  Netzes  zum 
Darme  kann  sich  aber  auch  unter  pathologischen  Verhältnissen  im  Bruch- 


150 


Netzbrüche. 


innern  ändern,  das  heißt,  Darm  kann  auch  vor  dem  Netze  sich  lagern,  so 
z.  B.  wenn  sich  eine  Darmschlinge  um  einen  fixierten  Netzstrang  herum- 
schlingt oder  durch  einen  Defect  im  Netze  hindurchschlüpft.  Wird  ein 
solch  abnormer  Befund  in  der  Lagerung  der  Theile  erhoben,  so  ist  sofort 
demselben  nachzugehen  und  seine  Ursache  zu  beseitigen,  welche  auch 
hoch  oben  in  der  Bauchhöhle  sitzen  kann,  daher  auch  manchmal  eine 
Laparotomie  erfordert.  Diese  pathologischen  Zustände  im  Bruchinnern 
können  Veranlassung  von  inneren  Einklemmungen  abgeben,  weche  fälsch- 
licherweise auf  die  äußere  Hernie  bezogen  werden,  und  doch  in  keiner 
Weise  etwas  mit  den  Einklemmungen  letzterer  Gemeinschaftliches  haben; 
hievon  geben  allerdings  meistens  auch  gewisse  Erscheinungen  bei  der 
klinischen  Untersuchung  und  der  Operation  Zeugnis,  z.  B.  das  Fehlen  einer 
Incarcerationsfurche,  einer  venösen  Stase  u.  s.  f. 

Die  erwähnten  Verwachsungen  des  Netzes  mit  dem  Bruchsacke  haben 
manchmal  auch  schon  oberflächlich  sichtbare  Entzündungserscheinungen  zur 
Folge,  und  zwar  umso  häufiger,  je  öfter  das  Netz  den  Bruchinhalt  bildet  und 
je  oberflächlicher  der  Bruchsack  gelagert  ist;  demnach  je  öfter  derselbe  mit 
seinem  Inhalt  mechanischen  Insulten  ausgesetzt  ist,  so  dass  wir  derartige 
äußere  Entzündungen  auf  der  Bruchoberfläche,  besonders  auf  den  mit 
dünnen  Hautbedeckungen  versehenen  Nabelhernien  beobachten.  Dermatitiden, 
Ekzeme,  entzündliche  Geschwulstbildungen,  Abscesse  in  denselben,  bedingen 
in  solchen  Fällen  Verwachsungen  des  Bruchinhaltes  mit  den  Hüllen,  ja  es 
kann  vorkommen,  dass  durch  auf  diesem  Wege  entstandene  Geschwüre  auch 
der  Bruchinhalt  nach  außen  vorfällt,  wie  es  eine  spätere  Abbildung  (Capitel: 
„Bruchentzündung")  veranschaulicht.  Dass  solche  entzündliche  Zustände  auch 
zu  eitrigen  Infectionen  des  Bruch  sackinnern  führen  können,  liegt  auf  der  Hand. 
Dass  die  nach  solchen  Veränderungen  zurückbleibende  Narbe  der  Ausgangs- 
punkt neuer  Ulcerationen  sein  kann,  braucht  wohl  nicht  besonders  begründet 
zu  werden.  Dass  endlich  das  Tragen  von  unpassenden  Bandagen  bei  Nabel- 
brüchen, das  Tragen  von  Bandagen  überhaupt  solche  Entzündungen  erst 
recht  anregt  und  befördert,  hievon  gibt  die  tägliche  Erfahrung  die  beredteste 
Zeugenschaft.  Bei  Nabelbrüchen  geben  solche  Entzündungserscheinungen 
häufiger,  bei  anderen  Brüchen  seltener  Veranlassung  zu  Verwechslungen 
mit  Brucheinklemmungen  und  infolge  dessen  auch  Veranlassung  zu  manchen 
unnützen,  ja  während  einer  solchen  Phase  prognostisch  nicht  ganz  unge- 
fährlichen Eingriffen,  welche  entweder  überhaupt  hätten  vermieden  werden 
können  oder  deren  Verschiebung  auf  eine  günstigere  Zeit  sich  empfohlen 
hätte.  Freilich  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  die  Symptome  zur  Verwechslung 
ähnlich  sind  jenen  einer  Incarceration,  besonders  wenn  sich  ein  mehrmaliges 
initiales  peritonitisches  Erbrechen  mit  Zeichen  der  Undurchgängigkeit  des 
Darmes  combiniert,  wie  solche  bei  jenen  Fällen  leicht  vorkommen,  wo 
Dünndarmschlingen  oder  das  Quercolon  den  Inhalt  des  Bruches  ausmachen. 


Darmbrüche. 


151 


Bezüglich  der  klinischen  Deutung  der  klinischen  Erscheinungen  gewisser 
Netzbrüche  wurde  schon  früher  darauf  hingewiesen,  dass  ihre  Unterscheidung 
von  einer  Fett-  oder  Scheinhernie  manchmal  recht  schwierig  ist;  hier  soll 
auch  erwähnt  werden,  dass  ein  hypertrophischer,  an  einem  engen  Stiele 
hängender  Stielklumpen  leicht  den  Eindruck  eines  an  der  Tuba  hängenden 
Ovariums  machen  kann,  und  zwar  nicht  nur  bei  der  äußeren  Untersuchung, 
sondern  auch  bei  der  Operation.  Sind  aber  in  dieser  Richtung  einmal 
Zweifel  aufgetaucht,  so  kann  natürlich  durch  die  innere  Untersuchung,  bei 
welcher  wir  das  gleichseitige  Ovarium  entweder  vorfinden  oder  vermissen, 
bei  der  Operation  aber  durch  das  Fehlen  des  Eileiters,  endlich  durch  die 
mikroskopische  Untersuchung  des  exstirpierten  Präparats  Entscheidung 
getroffen  werden. 

Je  nach  der  Lage  des  Quercolons  ändert  sich  auch  die  Lage  des 
Netzes.  Bildet  das  erstere  zwischen  den  beiden  seitlichen  Flexuren  eine 
V-förmig  herabhängende  Schlinge,  dann  ist  allerdings  der  mittlere  Theil 
des  Netzes  am  ehesten  zum  Eintritt  in  einen  vorgebildeten  Bruchsack 
oder  zur  Vorstülpung  eines  neuen  geeignet.  Doch  müssen  wir  auch 
einer  anatomischen  Disposition  bestimmter  Netztheile  zum  Prolabieren  in 
Bruchsäcke  erwähnen,  auf  welche  von  L  in  hart  hingewiesen  wurde.  Von 
dem  rechtsseitigen  Antheil  des  Quercolons  und  vom  oberen  Theile  des 
aufsteigenden  Dickdarmes  entspringt  ein  starker  ziemlich  langer  Netzzipfel, 
das  sogenannte  Omentum  colicum  Halleri,  welches  denn  auch  am  häufigsten 
den  Inhalt  von  Brüchen  bildet.  Auch  auf  der  linken  Seite  verstreicht  das 
Netz  theils  in  das  Ligamentum  gastro-lienale,  theils  steigt  dasselbe,  wie 
auf  der  rechten  Seite,  entlang  des  absteigenden  Grimmdarmes  nach  abwärts. 
Der  erwähnte  Autor  bemerkt  auch,  dass  die  meisten  angewachsenen  Netz- 
brüche von  diesen  Netztheilen  gebildet  werden.  Es  ist  begreiflich,  dass  das 
Netz  überhaupt  eher  in  die  höher  gelegenen  Bruchpforten,  so  in  den  Leisten- 
und  Schenkelring,  als  in  die  weiter  nach  abwärts  gelegenen,  zum  Beispiel 
die  perinealen,  ischiadischen,  eintritt,  welche  wieder  von  den  öfter  m  das 
kleine  Becken  herabhängenden  Dünndarmschlingen  oder  von  den  in  dem- 
selben Räume  gelagerten  Organen  des  Urogenitaltractes  mit  Vorliebe  auf- 
gesucht werden. 


4.  Darmbrüelie. 

Der  bei  weitem  wichtigste  Theil  des  Bauchhöhleninhaltes,  welcher  zum 
Brachinhalte  werden  kann,  ist  der  Darm,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil 
schon  bei  freien  Brüchen  die  Lagerung  von  Därmen  in  Brüchen  zweifellos  zur 
Erschwerung  der  Fortbewegung  des  Darminhaltes  disponiert,  weiter  weil  die 


152 


Darmbrüche. 


Operationen  von  angewachsenen,  nicht  eingeklemmten  Darmbrüchen  unver- 
hältnismäßig technisch  schwieriger,  daher  prognostisch  ernster  sind,  als 
Operationen  an  unverwachsenen  Darmbrüchen;  endlich  weil  bei  Ein- 
klemmungen von  Darmbrüchen  durch  drohende  Darmgangrän,  ja  schon 
durch  die  bei  solchen  Zuständen  eingeleitete  Permeabilität  der  Darmwand 
für  Bacterien  des  Darminhaltes  das  Leben  direct  bedroht  oder  die 
Möglichkeit  der  Entstehung  einer  infectiösen  Peritonitis  nach  der  Hernio- 
tomie  sehr  nahegerückt  wird.  Und  gerade  dieser  gefährliche  Theil  des 
Bauchhöhleninhaltes  bildet  am  öftesten  den  Inhalt  der  Brüche.  Wir  sagten 
schon,  däss  auf  unserer  Klinik  unter  283  Leistenhernien  in  183  Fällen, 
bei  Schenkelhernien  unter  123  Fällen  in  100  Fällen  im  Inhalte  der  Brüche 
Darm  vorgefunden  wurde.  Wir  bemerken  liiezu  ausdrücklich,  dass  diese 
Ziffern  nicht  bloß  von  äußerer  Untersuchung  herstammen,  sondern  dass 
die  Befunde  bei  Radicaloperationen  und  Herniotomien  stets  nach  Eröffnung 
des  Bruchsackes  erhoben  wurden.  Ohne  dass  diese  Vorsichtsmaßregeln  bei 
statistischen  Zusammenstellungen  eingehalten  werden,  sind  Irrthümer  nicht 
ausgeschlossen,  da  jeder  Erfahrene  die  Schwierigkeiten  bei  Constatierung 
einer  Darmschlinge  unter  einem  halbwegs  voluminösen  Netzklumpen  gerne 
zugeben  wird.  Bei  den  Nabelbrüchen  kehrt  sich  das  Verhältnis  der  reinen 
Darmhernien  zu  den  gemischten  und  reinen  Netzbrüchen  schon  um.  Unter 
eilf  auf  der  Klinik  des  Verfassers  operierten  Nabelhernien  hat  man,  wie 
bereits  erwähnt,  2mal  einen  Darmbruch  und  6mal  einen  Bruch  mit  Darm- 
und Netzinhalt  vorgefunden,  dagegen  bloß  zweimal  einen  reinen  Netzbruch 
constatieren  können.    Einmal  war  der  Bruchsack  bei  der  Operation  leer. 

Wenn  wir  untersuchen  wollen,  welche  Darmtheile  am  häufigsten  und 
welche  am  seltensten  in  Brüchen  vorkommen,  so  muss  man  vor  allem 
bemerken,  dass  der  Zwölffingerdarm  bisher  nie  den  Inhalt  eines  Bruches 
ausmachte,  höchstwahrscheinlich  wegen  seines  retroperitonealen  Verlaufes. 

Des  weiteren  muss  bemerkt  werden,  dass  Fälle,  in  denen  andere 
Darmtheile,  welche  nicht  dem  Dünndarme  angehörten,  den  Bruchinhalt 
ausmachten,  fast  verschwinden  gegen  die  Brüche  des  Dünndarmes.  Hieraus 
folgt  auch  die  Gefahr  der  Einklemmung  der  Darmbrüche  überhaupt,  denn 
die  lebhaften  Zersetzungs-  und  Fäulnisvorgänge,  welche  im  Inhalte  des 
Dünndarmes  ablaufen,  bedrohen  in  erschreckender  Weise  die  Bauchhöhle 
mit  bacterieller  Invasion,  sobald  die  Darmwand  für  Mikroorganismen  durch- 
gängig geworden  ist,  und  zwar  entweder  mit  oder  ohne  Perforation  derselben. 

Der  Dickdarm  ist  verhältnismäßig  eine  seltene  Erscheinung  in  den 
Brüchen.  Unter  unseren  443  Fällen  wurde  derselbe  22mal  constatiert  und 
unter  diesen  22  Beobachtungen  llmal  der  Blinddarm  allein  oder  mit  dem 
Wurmfortsatz  oder  anderen  Baucheingeweiden  (Netz  oder  Dünndarm). 

Jedoch  nicht  nur  die  bekannten  normalen  Bestandtheile  des  Digestions- 
tractus  können  zum  Inhalte  von  Brüchen  werden,  sondern  auch  Uberreste 


Darmbrüche. 


153 


aus  der  embryonalen  und  fötalen  Zeit,  welche  einmal  mit  dem  Verdauungs- 
tractus  zusammenhiengen,  wurden  in  den  Hernien  constatiert.  denn  schon 
im  Jalire  1700  beschrieb  Littre  als  Inhalt  eines  Bruches  das  sogenannte 
Meckel'sche  Divertikel,  welches  gewöhnlich  am  Dünndarme  implantiert  ist. 

Dass  einzelne  Theile  des  Darmes  leichter  in  einen  Bruchsack  herab- 
steigen, ist  an  einzelnen  Beispielen  leicht  nachzuweisen.  Es  sind  dies  Darm- 
theile,  welche  mit  sehr  langen  Mesenterien  versehen  sind  oder  welche, 
wenn  auch  nicht  an '  außerordentlich  langen  Mesenterien  aufgehängt, 
dennoch  de  norma  in  der  Nähe  von  Bruchpforten  lagern.  Dies  passt  auf 
den  ganzen  Dünndarm,  sodann  auf  das  Cöcum,  das  Colon  transversum  und 
die  Flexura  romana,  während  die  übrigen  Theile  des  Dickdarmes  nur  bei 
Persistenz  ihrer  Mesenterien  aus  der  Embryonalzeit  zu  Bruchbildungen 
disponieren.  Was  den  Dünndarm  betrifft,  so  bildet  derselbe,  von  der  Plica 
duodeno-jejunalis  beginnend  und  mit  der  Bauhin'schen  Klappe  endigend, 
am  häufigsten  den  Inhalt  der  gewöhnlichsten,  nändich  der  Leisten-  und 
Schenkelbrüche.  Die  Anheftungen  des  Dünndarmes  können  wir  uns  am 
deutlichsten  durch  das  Linhart'sche  Experiment  veranschaulichen.  Nachdem 
wir  nämlich  bei  einer  Leiche  die  ganze  vordere  Bauchwand  beseitigt 
haben,  legen  wir  dieselbe  mit  dem  Gesichte  nach  abwärts  derart,  dass  der 
Brustkorb  auf  einem,  das  Becken  mit  den  unteren  Extremitäten  auf  einem 
zweiten  Tische  ruht;  der  Bauch  ist  nicht  unterstützt,  so  dass  der  Dünndarm 
senkrecht  herabhängt;  nun  können  wir  leicht  das  Mesenterium  übersehen; 
dasselbe  hat  die  Gestalt  eines  Dreieckes,  dessen  abgestumpfter  Scheitel  an 
der  Wirbelsäule  liegt;  die  Insertionslinie,  die  Gekröswurzel  verläuft  von 
links  oben  nach  rechts  unten;  sie  beginnt  am  Ende  des  Duodenums  und 
endet  an  der  Einmündung  des  Dünndarmes  in  den  Dickdarm  in  der  Gegend 
der  Synchondrosis  sacro-iliaca.  Die  Basis  dieses  Dreieckes  liegt  an  der 
Insertion  des  Mesenteriums  am  Darme.  In  die  Fläche  ausgebreitet,  wäre 
dieselbe  eine  starkbogig  gekrümmte  Linie,  deren  größte  Convexität  langefähr 
in  der  Mitte  des  Dünndarmes  gelegen  wäre.  In  der  beschriebenen  Lage  der 
Leiche  bildet  aber  diese  Grundlinie  eine  vielfach  geschlungene  Linie,  so 
dass  auch  der  Dünndarm  in  ähnlicher  Weise  verlaufen  muss.  Nach  Jössel 
würde  das  Mesenterium  20 — 25  cm  über  dem  Blinddarm  am  längsten  sein, 
15  cm  vom  letzteren  würde  sich  dasselbe  plötzlich  verkürzen.  Die  Höhe 
des  Mesenteriums  beträgt  durchschnittlich  15  cm,  und  zwar  11 — 23  cm 
beim  Weibe,  13 — 23  cm  beim  Manne.  Den  Dünndarm  theilen  wir  nach 
Hyrtl  in  die  oberen  drei  Fünftel,  welche  wir  das  Jejunum  nennen,  und 
in  die-  unteren  zwei  Fünftel,  welche  als  Ileum  bezeichnet  werden.  Zwischen 
den  Blättern  des  Mesenteriums  verlaufen  die  ernährenden  Gefäße  (aus  der 
Arteria  mesenterica  superior)  und  Nerven  zum  Darme,  welche  an  der 
mesenterialen  Insertion  vom  Darme  in  die  Darmwand  eintreten,  auf  beiden 
Seiten  desselben  Zweige  entsendend  und  am  gegenüberliegenden,  convexen 


154 


Darmbrüche. 


Rande  endend.  Nach  der  Angabe  von  Henke  sind  die  oberen  Schlingen 
des  Jejunums  mehr  quer  gelagert,  während  die  unteren  des  Ileums  mehr 
vertical  angeordnet  sind,  was  bei  Hindernissen  im  Innern  des  Darmes  zur 
Bildung  von  durch  Gase  hochgradig  gespannten,  wurstförmigen,  durch  die 
Bauchdecken  hindurch  sichtbaren  Gebilden  führen  kann,  welche  eben  in 
der  angegebenen  Weise  angeordnet  sind.  Dies  kann  auch  diagnostisch  zur 
Erkennung  des  Sitzes  des  Hindernisses  ausgenützt  werden. 

Verschiedene,  einzelne  Umstände  bei  Hernien  betreffende  Fragen 
erfordern,  dass  wir  uns  auch  über  die  Länge  des  Darmes  näher  orientieren, 
schon  z.  B.  vor  allem  die  Frage,  was  wir  unter  einer  Eventration  zu  verstehen 
haben,  besonders  aber  die  Entscheidung,  wie  viel  von  der  Länge  des  Darmes 
bei  Resectionen  desselben  beseitigt  werden  darf,  und  anderes  mehr.  Der  rühm- 
lichst bekannte  Anatom  Sappey  hat  das  Verhältnis  der  Körperlänge  zum 
Digestionstractus  mit  den  Zahlen  I  :  6 — 7  bestimmt  und  vertheilt  diese  als 
Darmlänge  berechneten  11  Meter  auf  die  einzelnen  Abtheilungen  wie  folgt: 
es  entfallen  auf  den  Ösophagus  0'37  m,  auf  den  Magen  0*18,  auf  den  Dünn- 
darm 8"8,  auf  den  Dickdarm  1'65  m,  und  zwar  bei  Anwendung  jener  Messungs- 
methode, welche  die  Darmlänge  derart  herausbringen  will,  dass,  ohne 
Trennung  des  Darmes  vom  Mesenterium,  entlang  des  letzteren  ein  Faden 
geführt  wird,  also  jener  Methode,  welche  die  kleinsten  Zahlen  ergibt. 
Wenn  wir  auch  außeracht  lassen,  dass  nach  den  modernen  Anschauungen 
die  Darmlänge  gewöhnlich  auf  die  sogenannte  kleine  Rumpflänge  bezogen 
werden  soll,  d.  h.  auf  die  Distanz  des  VII.  Halswirbels  vom  oberen  Rande 
des  ersten  Steißwirbels  —  und  dies  aus  dem  Grunde,  weil  die  Länge  der 
hinteren  Extremitäten,  des  Halses  , und  des  Kopfes,  verhältnismäßig  großen 
Schwankungen  unterliegt  — ,  so  müssen  wir  dennoch  bemerken,  dass  die 
angegebenen,  durch  die  erwähnte  Methode  gewonnenen  Zahlen  in  allzu 
weiten  Grenzen  sich  bewegen,  als  dass  im  concreten  Falle  durch  dieselben 
die  Resection  eines  umfangreicheren  Theiles  des  Darmes  motiviert  werden 
könnte.  Neuere  Messungen,  so  besonders  jene  von  Dreike,  ergaben  folgende 
Ziffern:  bei  23  Frauen  mit  normalem  Darm  wurden  als  Minimum  334  cm 
und  als  Maximum  855  cm  fürs  Jejunoileum  und  108  cm  als  Minimum  und 
210  an  als  Maximum  für  das  Colon  constatiert.  Bei  27  Männern  mit 
ebenfalls  normalem  Darme  wurden  als  Minimum  455  cm,  als  Maximum 
998  cm,  für  das  Jejunoileum,  und  III  cm  als  Minimum  und  220  cm  als 
Maximum  der  Länge  des  Dickdarmes  gemessen.  Hiezu  muss  bemerkt 
werden,  dass  weder  die  beiden  Minima,  noch  beide  Maxima  je  ein  und 
dasselbe  Individuum  betrafen  und  dass  es  zwischen  den  minimalen  und  den 
maximalen  Ziffern  allmähliche  Übergangslängen  gab.  Wenn  wir  aus  diesen 
Messungen  Individuen  ausscheiden,  welche  an  Phthise  und  Marasmus 
gestorben  sind  und  bei  denen  die  geringsten  Längenmaße  des  Darmes 
erhoben  wurden,  so  stellt  sich  die  Durchschnittslänge  des  Jejunoileums  auf 


Darmbrüche. 


155 


632'1  cm  und  jene  des  Dickdarmes  auf  160-9  cm.  Bei  der  praktischen 
Anwendung  im  Einzelfalle,  in  dem  wir  a  priori  nicht  einmal  annäherungs- 
weise die  Darmlänge  schätzen  können,  empfiehlt  es  sich  immerhin,  bei 
Berechnungen  über  die  Ausschaltbarkeit  einer  bestimmten  Darmstrecke  sich 
stets  an  die  Minimalziffern  zu  halten.  Bei  Vergleichung  der  einzelnen 
Durchschnittsziffern  in  verschiedenen  Lebensaltern  können  wir  aussagen, 
dass  die  Kinder  verhältnismäßig  einen  längeren  Darm  haben  als  Er- 
wachsene, weiter  dass  er  bei  Männern  länger  ist  als  bei  Frauen,  endlich 
dass  es  Racenunterschiede  zwischen  Deutschen  und  Russen,  welchen 
Nationen  eben  die  gemessenen  Leichen  angehörten,  nicht  gebe. 

Angesichts  einer  bestimmten  Vereinigungsmethode  der  resecierten 
Darmenden,  nämlich  jener  mit  Hilfe  von  sogenannten  Prothesen,  insbe- 
sondere mittels  des  Murphy'schen  oder  Ramange'schen  Knopfes,  ist  es  bei 
der  Wahl  des  Calibers  der  letzteren  wünschenswert,  auch  über  das  durch- 
schnittliche Caliber  einzelner  Darmstrecken  des  genaueren  orientiert  zu 
sein.  Chaput  hat  den  Darm  zu  diesem  Behufe  so  gemessen,  dass  er 
den  abgeplatteten  Darm  der  Quere  nach  maß.  die  erhobene  Ziffer  verdoppelte 
und  hievon  3  mm  abzog,  um  die  innere  Peripherie  des  Darmes  zu  erhalten. 
So  fand  er,  dass  die  größte  Peripherie  sich  in  den  ersten  zwei  Metern  des 
Jejunums  findet,  und  zwar  schwankte  das  Maximum  zwischen  51  — 87  mm\ 
die  geringste  Peripherie  wurde  unter  acht  Messungen  mit  21 — 45  mm 
erhoben.  Cruveilhier  constatierte  dieselbe  Thatsache.  Die  Peripherie 
betrug  am  Anfange  des  Dünndarmes  bedeutend  mehr  als  am  Ende  des- 
selben, und  zwar  fand  er  bei  mittlerer  Aufblasung  des  Darmes  14*3  mm 
am  Anfang,  11-2  in  der  Mitte  und  9*4  mm,  an  seiner  Mündung  als  Maße 
seiner  Peripherie,  so  dass  der  Dünndarm  im  ganzen  eine  langgestreckte 
Trichterform  hätte.  Dasselbe  berichtet  auch  Sappey:  im  oberen  Theile  des 
Dünndarmes  maß  er  3 — 4  cm  als  Durchmesser,  in  den  unteren  Partien, 
besonders  an  seiner  Mündung,  nicht  mehr  als  2  cm.  Durch  die  Messungen 
Cruveilhier 's  am  leicht  aufgeblasenen  Rande  sah  sich  Chaput  ver- 
anlasst, ähnliche  Messungen  vorzunehmen  und  fand,  dass  die  Maximal- 
ziffern 90 — 110  mm,  die  Minimalziffern  zwischen  78 — 83  (einmal  selbst 
110)  mm  schwankten,  so  dass  im  ganzen  und  großen  die  Ziffern  Cruveilhier 's 
als  zu  hoch  bezeichnet  werden  müssten. 

Gegen  das  Ende  des  Dünndarms  hin  pflegt  das  Diverticulum  Meckelii, 
wenn  eines  überhaupt  vorhanden  ist,  implantiert  zu  sein  als  Rest  des 
Ductus  omphaloentericus. 

Die  Farbe  des  Dünndarmes  ist  rosaroth,  seine  Oberfläche  im  normalen 
Zustande  vollständig  glatt.  Durch  Betastung,  wenn  man  eine  Darmfalte  gegen 
den  Rand  hin  zwischen  den  Fingern  durchgleiten  lässt,  lassen  sich  am 
Darme  zwei  Schichten  unterscheiden,  und  zwar  eine  innere,  die  Mucosa 
mit  der  Submucosa,  und  eine  äußere,  die  Serosa  mit  der  Muscularis,  welche 


156 


Darmbrüche. 


sich  am  Durchschnitte  sofort  voneinander  scheiden.  Den  Umstand  der 
leichten  Trennung  der  inneren  Schichten  von  den  äußeren  zwei  benützen 
wir  mit  Vorliebe  bei  der  Darmnaht,  indem  wir  die  Nähte  nur  durch  die 
inneren  oder  nur  durch  die  äußeren  zwei  hindurchführen.  Die  Schleimhaut 
hat  vermöge  ihrer  größeren  Peripherie,  welche  in  die  kleinere  der  Serosa 
eingezwängt  ist,  die  Eigenschaft,  dass  sie  bei  geschlossenem  Darme  in 
zahlreichen  Falten  zusammengelegt  ist,  während  sie  bei  Eröffnung  desselben 
lippenförmig  nach  außen  über  den  Muscularis-Serosa-Rand  evertiert  wird; 
dies  ist  ein  Mechanismus,  welcher  bei  kleinen  Darmwunden,  besonders 
Stichverletzungen,  nicht  selten  durch  spontane  Obturation  der  künstlichen 
Darmöffnung,  wohlthätig  gewirkt  hat,  anderntheils  aber  infolge  von 
Behinderung  der  Darmnaht  öfters  zur  Exstirpation  eines  Mucosastreifens 
(Methode  par  abrasion  [Chaput])  geführt  hat. 

An  der  Bauhin'sclien  Klappe  übergeht  der  Dünndarm  in  den  Dickdarm. 
Der  blind  sackartige  Anfang  des  letzteren,  welcher  unterhalb  der  Einmündungs- 
stelle  des  Ileums  gelegen  ist  und  deswegen  Cöcum  genannt  wird,  hat 
gewöhnlich  einen  vollständigen  Bauchfellüberzug,  so  dass  extraperitoneale 
Exsudate,  welche  sich  unmittelbar  um  Geschwüre  des  Blinddarmes  entwickeln 
würden,  recht  unwahrscheinlich  sind.  Die  Stolle,  an  welcher  der  Dünndarm 
ins  Cöcum  einmündet,  pflegt  jedoch  gewöhnlich  bauchfellfrei  zu  sein  und 
ist  dann  mittelst  lockeren  Bindegewebes  in  der  Darmbeingrube  angeheftet. 
In  seltenen  Fällen  entwickelt  sich  am  Blinddarm  ein  Mesenterium,  dann 
freilich  Mesocöcum  genannt.  Unter  dem  derart  umschriebenen  Blinddarme 
befindet  sich  die  Fossa  subcoecalis  (siehe  „Innere  Hernien").  In  der  Nähe 
des  Überganges  des  Dünndarmes  in  den  Dickdarm  befindet  sich  knapp 
unter  und  hinter  der  Bauhin'schen  Klappe  die  Mündung  des  Processus 
vermiformis,  welcher  mittels  eines  Mesenteriolums  ans  Cöcum  angeheftet  ist. 

Das  Colon  ascendens  steigt  bis  zu  der  Leber  aufwärts,  um  sich 
sodann  nach  links  zu  wenden  und  in  einem  bogen-  oder  guirlanden- 
förmigen  Verlaufe  gegen  die  Milz  hinzustreben,  um  von  da  gegen  die  linke 
Fossa  iliaca  herabzusteigen.  Auf  dem  Dickdarme  können  wir  außen  drei 
Streifen  von  dichter  zusammengerückten  Längsmuskelfasern  wahrnehmen, 
die  sogenannten  Tänien;  zwischen  denselben  befinden  sich  Ausstülpungen 
der  Wand,  Haustra  genannt,  deren  selbständige  Einklemmung  als  Seiten- 
wandhernien  zugegeben  werden  muss.  In  verschiedener  Art  übergeht  nun 
der  herabsteigende  Dickdarm  aus  d'er  retroperitonealen  Schichte  in  Form  der 
S-förmigen  Flexur  (Elex,  sigmoides,  S-romanum),  welche  mit  einem  langen 
Mesenterium  versehen  ist,  in  das  ebenfalls  retroperitoneal  gelegene  Rectum. 
Auf  jener  Seite,  welche  entweder  von  dem  Mesenterialansatze,  oder  von 
jener  Stelle,  welche  retroperitoneal  liegt,  diametral  gegenüber  gelegen  ist, 
pflegt  der  Dickdarm  mit  Fettauswüchsen  (Appendices  epiploicse)  bewachsen 
zu  sein.  Durch  diese,  sowie  durch  die  Haustra  und  die  Tänien  unterscheidet 


Darmbrüche. 


157 


sich  der  Dickdarm  von  dem  Dünndarm,  welcher  diese  Eigenthümlichkeiten 
entbehrt  und  nur  ein  glattes  cylindrisches  Rohr  bildet.  Hiedurch  unter- 
scheidet sich  der  Dickdarm  auch  von  dem  dem  Quercolon  anliegenden  Magen, 
welch  letzterer  durch  die  Dicke  seiner  Wand,  sowie  durch  die  eigenthüm- 
liche  Anordnung  seiner  Gefäße,  welche  von  beiden  Curvaturen  in  Form 
von  parallelen  Viertelkreisen  auf-  und  heruntersteigen,  ausgezeichnet  ist. 

Darmwandhernien. 

Die  bei  weitem  interessanteste  Abart  der  Darmhernie  ist  die 
sogenannte  laterale  oder  D a  rmwandher nie  (Lateralbruch  [F abrici u  s 
Hildanus],  Darmwandbruch  [Ricke],  Enterocele  partialis,  hemiperipherica 
[nicht  immer],  die  [G.  A.]  Rieht  er 'sehe  Hernie),  worunter  wir  jenen 
Darmbruch  vorstehen,  bei  welchem  sich  bloß  ein  Theil  der  Darm- 
circumferenz  im  Bruchsacke  befindet.  Hiedurch  wird  gewissermaßen  der 
Gegensatz  zur  vollständigen  Schlingenhernie  gebildet,  bei  welcher  im  Bruch- 
sacke eine  ganze  Darmschlinge  enthalten  ist.  Da  bisher  keine  Beobachtung 
verzeichnet  ist,  in  welcher  gerade  der  am  Mesenterialansatze  befindliche  Theil 
der  Darm  Oberfläche  den  Bruchinhalt  ausgemacht  hätte,  so  könnten  wir  die 
Definition  des  Darmbruches  auch  dahin  fassen,  dass  der  Inhalt  bei  demselben 
von  der  ganzen  Darmperipherie  gebildet  werden  kann,  nur  nicht  von 
jener,  an  welcher  sich  das  Mesenterium  ansetzt,  welches  daher  bei  einem 
Darmwandbruch  den  Bruchring  oder  zum  mindesten  den  Incarcerationsring 
nicht  passiert  haben  darf;  hievon  würde  sich  eine  vollständige  oder 
Schlingenhernie  dadurch  unterscheiden,  dass  bei  derselben  außer  dem 
Darme  auch  ein  mehr  oder  weniger  großes  Stück  des  Mesenteriums,  zum 
mindesten  sein  Darmansatz  den  Bruchinhalt  bildet.  Bei  der  Incarceration 
verläuft  demnach  bei  dem  Lateralbruche  die  Incarcerationsspur  unterhalb 
oder  außerhalb  des  Mesenterialansatzes,  während  bei  einer  Schlingenhernie 
dieselbe  über  einen  größeren  oder  kleineren  Theil  des  Mesenteriums  verläuft 
und  auf  solche  Weise  die  Mesenterialgefäße  quert. 

,Der  Darmwandbruch  hat  seine  eigene  Geschichte.  Im  Jahre  1700 
beschrieb  Littre  (in  der  „Histoire  de  l'academie  royale  des  sciences") 
eine  neue  Bruchart.  Es  handelte  sich  um  einen  Meckel'schen  Diyertikel- 
bruch.  Auch  die  Beschreibung  eines  nachfolgenden  Falles  betrifft  eine 
solche  angeborene  Darmausstülpung,  welche  auch  diesmal  frei  in  einem 
Bruche  gelagert  hat.  Da  Littre  der  Ansicht  war,  dass  ähnliche  Darm- 
divertikel  durch  eine  allmähliche  Traction  entstehen,  so  beschrieb  er 
eigentlich  das,  was  wir  heutzutage  als  Lateralhernie  bezeichnen.  Erst  Mery 
beschrieb  im  Jahre  1701  einen  Fall  von  eingeklemmtem  Diverticular- 
bruch,  welcher  durch  Taxis,  jedoch  ohne  Erfolg,  behandelt  wurde.  Im 
Bruchsacke  war  ein  4 — 5  Zoll  langes  Divertikel  gelagert.  Von  dieser  Zeit 


158 


Darmbrüche. 


an  verallgemeinerte  sich  die  Bezeichnung  „Littre'sche  Hernie"  derart,  dass 
man  damit  eine  jede  kleine  Hernie  belegte,  und  auch  in  unseren  Zeiten 
noch  nennt  man  wirkliche  Darmwandbrüche  manchmal  „Littre'sche  Hernien", 
obgleich  dieser  Terminus  für  Hernien  des  angeborenen,  nach  Meckel 
benannten  Darmdivertikels  reserviert  bleiben  sollte.  Erst  im  Jahre  1795 
beschrieb  Gottlieb  August  Richter  unter  dem  Namen  einer  „kleinen 
Hernie"  einen  Bruch,  bei  welchem  nicht  der  ganze  Canal  —  nämlich  des 
Darmes  —  sondern  nur  ein  Theil  der  Darmwand  in  den  Bruchring  oder  eine 
andere  Muskelspalte  herabgestiegen  ist  und  dort  eingeklemmt  wurde.  Daher 
bezeichnet  man  einen  Darmwandbruch  auch  mit  dem  Namen  „Richter'sche 
Hernie",  obgleich  auch  Richter  in  seine  Beschreibung  angeborene  Divertikel 
mit  einbezog,  welche  damals  noch  nicht  allgemein  als  angeboren,  sondern  als 
durch  allmähliche  Traction,  welche  an  einem  Theile  des  Darmes  ausgeübt 
wurde,  entstanden  aufgefasst  wurden.  Correcter  wäre  es  jedoch,  die  Darm- 
wandbrüche als  „Ricke'sche  Hernien"  zu  bezeichnen,  da  erst  Ricke,  im 
Jahre  1841,  scharf  die  Diverticula  congenita  ilei  (Meckelii)  von  den 
Diverticula  acquisita  unterscheidend,  sogenannte  Darmanhangbrüche, 
welche  Darmanhänge  verschiedenen  Ursprungs,  aber  längerer  Dauer  ent- 
hielten, neben  plötzlich  entstehenden  Darmwandbrüchen  beschrieb. 
Nach  den  modernen  Anschauungen  fassen  wir  allerdings  die  chronischen 
Darmwandbrüche,  welche  Ricke  in  die  erste  Abtheilung  gemeinschaftlich 
mit  angeborenen  Divertikeln  verlegte,  mit  den  acuten  Lateralbrüchen  in 
eine  Gruppe  zusammen,  welche  von  den  Littre'schen  Hernien  im  strengeren 
Sinne  scharf  geschieden  werden  sollte. 

Laterale  Darmbrüche,  welche  allmählich  entstanden  waren  (also  in 
nicht  eingeklemmtem  Zustande  in  früheren  Zeiten  nur  am  Seciertische 
zur  Beobachtung  kamen),  wurden  deswegen  auch  nie  bestritten;  anders 
verhielten  sich  manche  Autoren  aber  den  sogenannten  acuten  Darmwand- 
brüchen gegenüber,  d.  h.  jenen  lateralen  Hernien  des  Darmes,  welche  bei 
ihrer  Entstehung  sich  sofort  einklemmten,  oder  wo  ein  Bruch,  welcher 
früher  nicht  bestanden  hatte,  plötzlich  sich  bildete,  einklemmte  und  bei 
der  Operation  oder  Section  als  Darmwandbruch  sich  erwies.  Der  üjiheber 
des  Widerspruches  gegen  die  acuten  Darmwandbrüche  war  R  o  s  e  r,  welcher 
im  Jahre  1844  die  Beobachtung  einer  acuten  Darmwandhernie  für  einen 
Irrthum  erklärte,  indem  er  sagte,  dass  zwar  eine  Darmwandblase  im 
Bruchsacke  gelegen  war,  dass  aber  die  gegenüberliegende,  der  Mesenterial- 
insertion entsprechende  Wand  im  Bruchsackhalse  höher  oben  eingeklemmt 
war.  Roser  meinte  auch,  dass  hier  ein  Beobachtungsfehler  insofern 
vorliege,  als  man  die  Mortificationslinie,  welche  der  eingeklemmte  Darm 
vom  Rande  des  Bruchsackes  erhält,  für  den  eigentlichen  Sitz  der  Ein- 
klemmung nehme,  statt  diesen  Sitz  in  dem  weiter  oben  befindlichen  Bruch- 
canal  zu  suchen.  Er  bestritt  auch  die  acute  seitliche  Einklemmung  eines 


Darmbrüche. 


159 


Darmtheiles  auf  Grund  eines  Versuches;  bei  welchem  er  nicht  imstande 
war,  eine  seitliche  Ligatur  am  Darme  anzulegen,  außer  wenn  er  sie  so 
scharf  anzog,  als  ob  er  die  in  der  Schlinge  befindliche  Darmpartie  ab- 
schnüren wollte.  Auch  der  Kocher 'sehe  Versuch  schien  gegen  die  acuten 
Darmwandbrüche  zu  zeugen.  Das  Wesen  des  Koch  er 'sehen  Versuches  ist 
folgendes:  Wenn  man  nämlich  ein  ungefähr  zwei  Drittel  der  Darmperipherie 
betragendes  Stück  des  Darmes  durch  ein  5 — 7  mm  breites  Loch  in 
einem  Brettchen  zog  und  nun  den  zuführenden  Darm  mittelst  Luft  oder 
Wachs  aufblies,  dann  zog  sich  einfach  die  vorgestülpte  Darmpartie  aus 
dem  Loch  wieder  zurück.  Es  war  nothwendig,  den  Scheitel  des  vorgezogenen 
Darmzipfels  irgendwie  zu  befestigen,  damit  sich  auch  dieser  letztere  Theil 
fülle  und  ein  Darmverschluss  über  der  künstlichen  Bruchpforte  ausbilde. 
Hieraus  schloss  Kocher,  dass  zum  Entstehen  einer  seitlichen  Einklemmung 
die  Fixation  der  vorgestülpten  Darmpartie  unumgänglich  nothwendig  ist, 
doch  gab  er  zu,  dieselbe  könne  auch  durch  ein  bloßes  Fibringerinsel  oder 
erhöhten  Reibungswiderstand  in  der  Bruchpforte  gegeben  sein.  Wiewohl 
jedoch  von  einer  großen  Zahl  der  eingeklemmten  Darmwandbrüche  sicher- 
gestellt ist,  dass  sie  mit  irgend  einem  Theile  ihrer  Oberfläche  im  Bruch- 
sacke fixiert  waren,  so  ist  doch  und  sogar  von  Roser  selbst  zugegeben, 
dass  es  Beobachtungen  gebe,  wo  die  laterale,  eingeklemmte  Darmwandblase 
nicht  angewachsen  ist.  In  zwei  solcher  Fälle  kam  Roser  auf  den  Gedanken, 
ob  nicht  die  Darmwand  des  Lateralbruches  durch  die  starre  Wand  des 
Bruchcanales  wie  angesaugt  festgehalten  worden  sei.  wie  dies  bezüglich 
der  Hernia  obturatoria  von  v.  Röser  bereits  vor  vielen  Jahren  aus- 
gesprochen sein  soll.  Sior  meinte  ebenfalls,  dass  das  Zurückschlüpfen  des 
vorgezogenen  Darmzipfels  durch  die  allseitig  freie  Beweglichkeit  desselben 
in  der  Öffnung  verschuldet  sei,  und  immobilisierte  ihn  dadurch,  dass  er 
zuerst  ein  Convolut  von  Därmen  in  ein  Säckchen  einschloss,  dessen  andere, 
als  Bruchpforte  dienende  Öffnung  dadurch  versteift  wurde,  dass  an  dieselbe 
ein  Pappendeckelring  angenäht  wurde.  Durch  diese  Öffnung  wurde  dann 
ein  Theil  der  Darmperipherie  vorgezogen,  welche  sich  blasenartig  vorwölbte, 
sobald  das  Darmconvolut  innerhalb  des  Sackes  mit  Luft  oder  Wasser  ge- 
füllt wurde.  Wenn  nicht  ein  Stück  Darmwand  schon  früher  durch  die 
Öffnung  vorgezogen  wurde,  so  wölbte  sich  ein  Stück  der  Darmperipherie 
der  im  Säckchen  befindlichen  Därme  nur  dann  vor,  wenn  die  Öffnung 
6  —  7  mm,  nicht  aber  wenn  sie  9 — 11  mm  betrug.  Darnach  wäre  die  acute 
Entstehung  eines  Darmwandbruches  möglich,  wenn  auf  eine  gefüllte  Darm- 
schlinge die  Bauchpresse  einwirkt  und  die  Bruchpforte  von  bestimmter 
Weite  ist.  Es  ist  klar,  dass  durch  diese  Versuchsanordnung  jene  Koch  er 's 
ergänzt  und  mehr  der  Natur  nachgeahmt  ist.  Übrigens  ist  das  thatsächliche 
Vorhandensein  eingeklemmter,  eben  erst  beobachteter  Darmwandbrüche 
durch  die  verlässlichsten  Beobachter  zweifellos   nachgewiesen,  und  zwar 


160 


Darmbrüche. 


sowohl  von  Darmwandbrüchen,  welche  am  Bruchsack  angewachsen  waren, 
als  solcher,  welche  durch  nichts  anderes  als  durch  die  Einklemmung  fixiert 
waren  (v.  Hofmann). 

Auch  in  einer  anderen  Versuchsreihe  wurde  die  Frage  der  Darm- 
wandbrüche erörtert.  W.  Sachs  (1890)  stellte  folgenden  Versuch  an:  Er 
führte  einen  englischen  Katheter  so  in  den  Darm  ein,  dass  sein  abgebogenes 
Ende  eine  Stelle  der  Darmwand  vorbauchte.  Um  die  vorgebauchte  Partie 
wurde  nun  ein  Seidenfaden  gelegt  und  fest  angezogen.  Durch  Injection  von 
Wasser  wurde  die  abgebundene  Partie  zu  einer  straff  geblähten  Blase  ausgedehnt 
und  nun  der  Katheter  schnell  zurückgezogen.  Die  Blase  bleibt  stehen,  es 
entleert  sich  kein  Tropfen,  auch  wenn  man  die  mesenteriale  Wand  des 
Darmes  anschneidet.  Hiemit  ist  allerdings  nichts  anderes  erwiesen,  als  was 
schon  Busch  gezeigt  hat,  dass  durch  eine  für  einen  Katheter  passierbare 
Stenose  kein  Tropfen  Flüssigkeit  mehr  hindurchdringen  kann.  J.  Schnitzler 
modificierte  (1891)  diesen  Versuch  insofern,  als  er  nach  Abschnürung  der 
vorgebauchten  Darmpartie  den  Katheter  ohne  vorher  Wasser  einzuspritzen 
entfernte  und  nun  die  abgeschnürte  Partie  vom  Darme  aus  zu  füllen  ver- 
suchte. Wie  bei  den  anderen  Versuchen  der  Erfolg  je  nach  Weite  des 
Einges  variierte,  so  änderte  sich  auch  hier  das  Resultat  je  nach  dem 
Caliber  des  Katheters.  Hatte  man  Katheter  Nummer  13  und  höher  ver- 
wendet, so  blähte  sich  die  abgeschnürte  Darmpartie  gleichzeitig  mit  dem 
anderen  Darme,  um  mit  demselben  bei  Nachlass  der  Injection  wieder  zu- 
sammenzufallen, wobei  meist  die  Ligatur  abglitt.  Nahm  man  aber  einen  Ka- 
theter unter  Nummer  8,  so  blähte  sich  die  derart  abgebundene  Partie  überhaupt 
nicht,  auch  nicht,  wenn  man  den  Darm  weiter  unterhalb  abschloss.  Bei 
Verwendung  von  Kathetern  zwischen  Nr.  8  und  12  blieb  die  abgeschnürte 
Partie  leer;  nur  wenn  darmabwärts  eine  Stenose  gesetzt  wurde,  so  gelang 
es  manchmal,  durch  Verringerung  des  Injectionsdruckes  die  Darmblase  am 
Herausschlüpfen  zu  hindern,  während  sich  dieselbe  meist  aus  der  Schlinge 
zog.  Schnitzler  meint,  dass  in  vivo  auf  diese  Weise  eine  Einklemmung 
bereits  vorkommen  könnte.  Sehr  selten  nun  gelang  es  aber,  auch  unter 
denselben  Umständen  die  Darmblase  intensiv  zu-  füllen,  ohne  dass  dieselbe, 
bei  Behebung  der  darmabwärts  gelegenen  Stenose  oder  Eröffnung  des 
Darmes  an  der  mesenteriellen  Wand,  zusammengefallen  wäre. 

Um  das  Abgleiten  der  Ligatur  zu  verhindern,  führte  nun  Schnitzler  den 
Schnürfaden  zwischen  Serosa  und  den  obersten  Muscularisschichten  hindurch. 
Jetzt  gelang  der  Versuch  regelmäßig,  wiewohl  nicht  geleugnet  werden  soll, 
dass  durch  diese  Versuchsanordnung  die  Natur  weniger  nachgeahmt  wird, 
ja  Verhältnisse  geschaffen  werden,  welche  bei  acuten  Darmwandbrüchen 
nicht  bestehen.  Dasselbe  gilt  von  der  Art  und  Weise,  wie  Schnitzler 
die  Steigerung  des  intravisceralen  Druckes  —  nämlich  durch  Darmsteno- 
sierung  unterhalb  des  Darmwandbruches  —  erzielt.  In  vivo  sucht  Schnitzler 


Darmbrüche. 


161 


ein  Analogon  für  die  ers.tere  in  Torsionen  oder  Knickungen  unterhalb  des 
Lateralbruclies,  welche  zweifellos  bestehen  könnten,  aber  bisher  nicht 
sichergestellt  wurden.  Der  Lateralbruch  selbst  mag.  allerdings  eine  recht 
bedeutende  Stenose  verursachen,  ob  aber  diese  hier  ausgenützt  werden 
kann  als  eine  die  Entstehung  des  Lateralbruches  fördernde  Bedingung,  ist 
uns  sehr  fraglich,  denn  klar  ist,  dass  diese  Stenose  vor  Entstehung  des 
Darmwandbruches  nicht  bestand,  und  unentschieden  ist,  ob  sich  dieselbe 
thatsächlich  erst  hinter  dem  Lateralbruche  geltend  macht  (Schnitzler) 
oder  aber  schon  in  seiner  ganzen  Breite.  Dass  diese  letztere  Erklärung 
(Stenosierung  des  Darmes  durch  die  Existenz  des  Darmwandbruches  selbst) 
nur  für  chronische  Lateralbrüche  gelten  kann,  ist  wohl  selbstverständlich. 

Zum  Schlüsse  resümiert  Schnitzler  seine  Versuchsergebnisse  dahin, 
dass  acute  Darmwandbrüche  sich  elastisch,  chronische  dagegen  durch 
Blähung  einzuklemmen  pflegen.  Zur  letzteren  gehöre  eine  sehr  hohe 
Steigerung  des  intravisceralen  Druckes. 

Es  war  nur  noch  zu  entscheiden,  ob  die  Einklemmung  eines  soeben 
entstandenen,  übrigens  ganz  freien  Bruches  zugegeben  werden  muss  oder 
ob  hiezu  die  Präexistenz  eines  vorgebildeten  oder  wenigstens  vorbereiteten 
Bruchsackes  nothwendig  ist. 

Das  thatsächliche  Vorhandensein  einer  freien,  aber  nicht  angewachsenen, 
auch  nicht  eingeklemmten  Darmwandhernie  interessiert  uns  weit  weniger, 
und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  der  Nachweis  einer  partialen  Vorwölbung 
der  Darmwand  durch  den  Verlauf  der  Incarcerationsspur  unweit  der 
Mesenterialinsertion  fehlt  und  derselbe  sonst  recht  schwer  zu  führen  ist. 
Es .  ist.  ja  schon  bei  einer  kleinen  reponiblen  Schlingenhernie  ziemlich 
schwer,  dieselbe  außerhalb  der  Bruchpforte  zu  erhalten,  auch  wenn  eine 
Radicaloperation  einer  solchen  vorgenommen  wird;  umsoweniger  kann  man 
eine  seitliche  Darmhernie  bei  Eröffnung  des  Bruchsackes  derart  fixieren, 
um  an  ihr  vorwurfsfrei  den  Nachweis  führen  zu  können,  dass  es  sich  um 
einen  Darmwandbruch  und  nicht  um  eine  complete,  wenn  auch  kleine 
Schlingenhernie  handelte;  dass  man  sich  aber  ohne  äußere  Wunde  über  die 
Frage,  ob  ein  Darmwandbruch  oder  eine  Schlingenhernie  vorliegt,  nur  ver- 
muthungsweise  aussprechen  kann,  ist  selbstverständlich.  Auch  sehen  wir 
bei  Operationen,  dass  durch  die  Respirationsbewegungen  eine  Schlingenhernie 
in  einen  Darmwandbruch  und  umgekehrt  sich  umwandle. 

Die  Darmwandhernien  besitzen  einige  Eigenthümlichkeiten.  Unter 
11  klinisch  beobachteten  und  18  nach  Sectionsprotokollen  beschriebenen 
Fällen  fand  Lorenz  bloß  3  obturatorische  und  5  innere  Leistenhernien 
neben  21  Schenkelhernien.  Unter  25  Fällen,  in  denen  die  Seite  erwähnt 
ist,  befanden  sich  10  linksseitige  und  15  rechtsseitige  Hernien;  unter 
29  Fällen,  bei  denen  das  Geschlecht  angegeben  ist,  stehen  26  Frauen  bloß 
3  Männern  gegenüber;  7  Fälle  betrafen  Kranke  von  22—41  Jahren,  die 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  11 


162 


Darmbrüche. 


übrigen  befanden  sich  sämmtlich  jenseits  dieser  Altersgrenze.  Am  häufigsten 
wurden  Darmwandbrüche  am  Dünndarm  beobachtet,  und  zwar  in  einer 
Entfernung  von  20 — 100  cm  von  der  Ileocöcalklappe.  Unter  den  von 
Lorenz  gesammelten  29  Fällen  befanden  sich  bloß  2  Fälle  einer  Darm- 
wandhernie  am  Dickdarm.  In  4  Fällen  hievon  wurde  neben  dem  Darme 
auch  Netz  constatiert.  in  den  von  Treves  gesammelten  53  Fällen  auch 
nur  fünfmal.  Unter  11  klinisch  beobachteten  Fällen  war  der  Darm  nur 
zweimal  vollständig  frei,  zweimal  leicht  mit  dem  Bruchsacke  verklebt  und 
dreimal  fest  verwachsen.  In  den  übrigen  Fällen  konnte  man  wegen  Ver- 
eiterung und  Schmelzung  der  Gewebe  über  diese  Verhältnisse  sich  keine 
verlässliche  Anschauung  bilden. 

In  den  zur  Section  gelangten  Fällen  hat  man  in  7  Beobachtungen 
neben  leichten  Verklebungen  auch  festere  Verwachsungen  vorgefunden. 
In  den  anderen  10  Fällen  wird  von  diesem  Umstände  keine  Erwähnung 
gethan,  wiewohl  nach  den  ziemlich  intensiven  Veränderungen  am  Darme 
auch  eine  heftige  Reaction  auf  dieselben  hätte  erwartet  werden 
können. 

Was  den  Ort  betrifft,  welcher  am  häufigsten  vorgewölbt  wird,  so 
würde  nach  dem  Ausspruche  Lorenz'  (bis  auf  einen  Fall)  sich  stets  die 
convexe  Partie  vorgestülpt  haben  (Fig.  57  u.  58).  Wenn  wir  aber  die  von  dem- 
selben gesammelten  Beobachtungen  aufmerksam  durchgehen,  so  finden  wir  in 
einer  ganzen  Reihe  von  Fällen  keine  genaue  Angabe  darüber,  welcher  Theil 
der  Darmperipherie  vorgefallen  ist.  In  einer  Anzahl  von  Fällen  ist  allerdings 
der  convexe  Rand  als  der  vorgestülpte  bezeichnet,  jedoch  schon  im  Falle  14 
wird  erwähnt,  dass  die  vordere  Wand  des  Darmes,  so  auch  im  Falle  9 
und  12  derselbe  Theil  des  Darmumfanges,  im  Falle  13  dagegen  die  hintere 
Wand  des  Darmes  in  der  Nähe  der  Mesenterialinsertion  den  Inhalt  des 
Bruches  bildete.  Auch  nach  einem  jüngst  auf  unserer  Klinik  beobachteten 
Falle  ist  das  thatsächliche  Vorkommnis  der  Incarceration  eines  anderen 
Theiles  der  Darmperipherie,  als  des  convexen  Randes,  nachgewiesen.  Nachdem 
in  diesem  Falle  die  von  der  Incarceration  betroffene  Darmpartie  vorgezogen 
worden  war,  sah  man  an  der  herabhängenden  Darmschlinge  anfänglich  über- 
haupt keine  Spur  der  Hernie,  erst  nachdem  dieselbe  emporgehoben  und  um- 
gelegt worden  war,  sah  man  ungefähr  in  der  Mitte  zwischen  der  Mesenterial- 
insertion und  dem  convexen  Rande  an  der  Hinterseite  des  Darmes  eine 
ungefähr  kirschgroße,  dunkelrothe,  scharf  gegen  den  übrigen  rosagefärbten 
Darm  abstechende  kreisförmige  Vorwölbung:  die  incarceriert  gewesene  Darm- 
wandhernie.  Mit  Rücksicht  auf  diesen  Umstand  würde  es  sich  daher 
empfehlen,  die  schon  von  Scarpa  eingeführte  Terminologie  beizubehalten, 
welche  einen  mesenterialen  und  einen  convexen  Rand,  sodann  eine  vordere 
oder  obere  und  eine  hintere  oder  untere  Fläche  unterscheidet,  wodurch 
allerdings  allen  Irrthümern  vorgebeugt  würde. 


Darmbrüche. 


163 


Ob  der  Umstand,  welche  Stelle  der  Darmperipherie  vorgestülpt  ist, 
einen  Einfluss  auf  die  Darmverengerung  hat,  wissen  wir  bisher  nicht  mit 
Bestimmtheit;  doch  deutete  schon  Scarpa  an,  dass  hiedurch  erklärt 
werden  könnte,  warum  bei  Einklemmung  ungefähr  eines  Drittels  der 
Darmperipherie  einmal  Stuhl  und  Gase  abgehen,  das  anderemal  aber  nicht. 
Sind  jedoch  zwei  Drittel  der  Darmperipherie  eingeklemmt,  dann  geht  nach 
demselben  Forscher  nicht  der  dünnste  Wasserstrahl  mehr  durch  die  übrige 
Darmlichtung  hindurch.  In  dem  oberwähnten  Falle  eines  Darmwandbruches 
der  Hinterfläche  des  Darmes  waren  die  Erscheinungen  anfangs  recht 
stürmisch,  beruhigten  sich  aber  sodann,  so  dass  knapp  vor  der  Operation 
auch  eine  einfache  Bruchentzündung  nicht  ausgeschlossen  war. 

Die  Symptome  der  acuten  Entstehung  und  Einklemmung  eines 
Darmwandbruches  pflegen  sehr  heftig  zu  sein,  wie  schon  Dieffenbach 


und  PiUha  erwähnten,  indem  sie  den  Satz  aussprachen,  dass  die  Symptome 
umso  stürmischer  sind,  je  kleiner  die  eingeklemmte  Darmpartie  ist,  und 
dass  gerade  die  kleinsten  Hernien,  wie  die  Littre'schen  Hernien  (nach 
damaliger  Terminologie),  die  größten  Gefahren  in  sich  bergen.  Es  ist 
bekannt,  dass  bei  Darmwandbrüchen  schon  im  Laufe  eines  oder  zweier 
Tage  der  Tod  eintreten  kann,  und  Lorenz  weist  auf  die  forensische 
Wichtigkeit  dieses  ümstandes  hin,  umsomehr,  als  die  kleinen  Hernien 
gewöhnlich  unerkannt  bleiben  und  so  bei  dem  in  den  letzten  Stunden 
gerufenen  Arzte  sehr  leicht  der  Verdacht  auf  eine  acute  Intoxication  ent- 
stehen könnte.  Auch  für  den  Beschauarzt,  welcher  die  Todesursache  nach 
den  ihm  von  der  Umgebung  geschilderten  Symptomen  beurtheilen  soll,  ist 
dieser  Umstand  von  großer  Bedeutung.  Thatsächlich  wurden  auch  3  von 
den  18  von  Lorenz  nach  den  Protokollen  des  Wiener  pathologischen 

11* 


164 


Darm  bräche. 


Institutes  zusammengestellten  Fällen  polizeilich  obduciert,  zum  Zeichen, 
dass  über  die  Todesursache  nicht  die  noth wendige  Klarheit  herrschte. 
E.  V.  Ho  ff  mann  sprach  auf  Grund  des  Vorhandenseins  eines  brüchigen, 
leicht  zerreißlichen  Myokards  den  Verdacht  aus,  dass  es  sich  in  diesen 
Fällen  um  eine  reflectorische  Herzlähmung  gehandelt  haben  mag. 

Die  Erscheinungen  der  Darmobstruction  sind  bei  den  acuten  Darm- 
wandbrüchen ziemlich  heftig  und  gewöhnlich  auf  absolute  Verlegung  der 
Darmlichtung  hinweisend,  so  dass  sich  Stuhlentleerungen,  sowohl  spontane  als 
auch  auf  innerlich  dargereichte  Mittel  hin,  nur  äußerst  selten  einstellen. 
Darmgangrän  wird  sehr  frühzeitig  beobachtet,  daher  auch  verhältnismäßig 
häufig  die  Entwickelung  von  Darmfisteln.  Dieselben  haben  zwar  später  eine 
große  Tendenz  zur  Spontanheilung,  doch  stirbt  auch  eine  große  Anzahl 
der  Kranken  bald  nach  Anlegung  einer  solchen  Fistel  an  den  Folgen  der 
überstandenen  Einklemmung. 

Bei  den  chronischen  Darmwandbrüchen,  den  sogenannten  unechten 
Darmdivertikeln  —  d.  h.  solchen  Darmwandvorstülpungen.  welche  nach 
Verwachsung  eines  Theiles  der  Darmwandperipherie  mit  dem  Innern  des 
Bruches  entstehen,  oder  welche  nach  anderen  sich  so  bilden,  dass  ein 
Stück  Darmwand  mit  einem  Theile  des  Peritoneum  parietale  verwächst, 
welcher  später  als  Bruchsack  vorgedrängt  wird  — ,  bei  dieser  Unterart  hat 
Ricke  gemeint,  liege  bloß  eine  Ausstülpung  der  Mucosa  und  Serosa 
zwischen  den  auseinandergedrängten  Fasern  der  Muscularis  vor.  Es  ist  dies 
eine  Ansicht,  welche  für  die  Mehrzahl  der  Fälle  gewiss  unrichtig  ist, 
ebenso  wie  die  Anschauung  desselben  Forschers,  dass  gewisse  Stellen  eine 
besondere  Prädisposition  für  die  Bildung  von  Darmwandbrüchen  besitzen, 
und  zwar  vor  allem  jene-  Stelle,  an  welcher  das  Meckel'sche  Divertikel 
vorzukommen  pflegt  und  wo  auch  nach  Verschluss  der  Nabelcommuni- 
cation  eine  Veranlagung  zu  Vorstülpungen  in  Form  einer  nachgiebigen 
Lücke  in  der  Muscularis  vorhanden  sein  soll. 

Auch  bei  den  chronischen  Darmwandbrüchen  beobachten  wir  an  der 
entsprechenden  Stelle  eine  Verengerung  des  Darmlumens  und  eine  Aus- 
dehnung des  zuführenden  Darmes  über  diesem  Hindernisse.  Die  Erscheinungen 
einer  solchen  Reduction  der  Darmlichtung  sind  die  einer  chronischen  Darm- 
obstruction, also  verhaltener  Stuhl  abwechselnd  mit  Diarrhöen,  kolikartige 
Schmerzen,  sichtbare  Peristaltik  und  eine  Dehnung  der  Darmschlinge  über 
der  Darmwandhernie,  im  ganzen  Furcht  vor  reichlicher  Ernährung,  Ab- 
magerung, Marasmus  auch  jüngerer  Individuen,  manchmal  auch  infolge 
dessen  eintretender  Tod,  der  jedoch  auch  durch  Perforation  der  Schlinge 
bedingt  werden  kann.  Dieser  Zustand  ist  umso  gefährlicher,  als  er  häufig 
unerkannt  bleibt  und  öfters  im  Alter  vorgeschrittene  Individuen,  besonders 
weiblichen  Geschlechtes  betrifft,  bei  denen  an  ganz  andere  veranlassende 
Ursachen  gedacht  wird.  . 


Darmbrnche. 


165 


Darmwandbrüche  des  Dickdarmes  wurden  natürlicherweise  bloß  an 
den  beweglichen  Theilen  desselben  beobachtet  und  wurden  außer  in  Leisten- 
und  Schenkelbrüchen  auch  in  Nabel-  und  Bauchbrüchen  constatiert. 

Obwohl  wir  auch  unter  den  Dickdarmbrüchen,  welche  übrigens  nicht 
zahlreich  sind,  acute  und  chronische  Partialbrüche  unterscheiden  könnten, 
so  ist  doch  der  Verlauf  beider  Kategorien  nicht  so  verschieden,  wie  bei 
den  entsprechenden  Gruppen  am  Dünndarm;  so  kann  z.  B.  das  Symptom 
der  gestörten  Darmentleerung  vollständig  fehlen,  wenn  es  sich  um  Darm- 
wandbrüche des  Blinddarmes  handelt,  da  ja,  trotz  Einklemmung  einer  großen 
Partie  desselben,  die  Circulation  des  Darminhaltes  oberhalb  ungestört 
ablaufen  kann,  so  dass  solche  Brüche  bis  zur  Gangrän  gedeihen  können, 
ohne  dass  sich  Symptome  des  Ileus  entwickelt  hätten.  Es  ist  dies  abermals 
eine  Mahnung,  wie  vorsichtig  man  bei  der  Beurtheilung  jener  Fälle  von 
Ileus  sein  muss,  welche  mit  Hernienbildung  compliciert  sind,  und  wie 
empfehlenswert  es  ist,  in  zweifelhaften  Fällen  lieber  einen  überflüssigen 
Bruchschnitt  auszuführen,  als  einen  nothwendigen  zu  unterlassen. 

DieHernie  des  angeborenenMeckel'schen  Darmdivertikels, 
der  echte  Littre'sche  Bruch,  nach  Ricke  demnach  die  congenitale  Abart 
des  chronischen  Darmanhangbruches  (Hernia  e  diverticulo  intestini),  entsteht 
durch  Vorfall  dieses  angeborenen  Gebildes  in  einen  Bruchsack.  Der  Rest 
des  bekannten  Ductus  omphalomesentericus  verschwindet  normalerweise 
um  die  6.  Embryonal woche  und  statt  seiner  verläuft  zwischen  dem  Scheitel 
der  primitiven  Darmschlinge  und  dem  Nabel  ein  fadendünnes  Überbleibsel  der 
omphalomesenterialen  Gefäße.  Wenn  dagegen  jene  Darmnabelcommunication 
persistiert,  so  finden  wir  denselben  als  einen  dem  Wurmfortsatze  sehr 
ähnlichen  4 — 25  cm  langen  Darmanhang,  welcher  am  Dünndarme  in  einer 
Entfernung  von  30 — 90  cm  von  der  Ileocöcalklappe  implantiert  ist,  und 
entweder  im  Nabel  oder  ausnahmsweise  auch  auf  einer  anderen  Stelle  des 
Bauchraumes  inseriert  ist  oder  frei  in  der  Peritonealhöhle  flottiert.  Nur 
im  letzteren  Falle  kann  derselbe  in  einen  Bruch  herabsteigen,  während  er 
im  ersteren  eher  die  Ursache  einer  inneren  Einklemmung  werden  kann. 

Ein  persistierendes  Darmdivertikel  kann  entweder  vollständig  durch- 
gängig sein,  oder  es  obliteriert  theilweise  auf  der  vom  Darme  abgekehrten 
Seite.  Ist  dasselbe  vollständig  oder  zum  größeren  Theile  obliteriert,  dann 
kann  es  geschehen,  dass  er  sich  scheinbar  wenigstens  nicht  am  Darme 
selbst  inseriert,  sondern  seine  Insertion  überragt  den  Darm  und  endet 
manchmal  am  Mesenterium,  häufig  als  Fortsetzung  der  Arteria  mesenterica 
superior,  deren  Zweige  das  Divertikel  früher  ernährt  hatten.  Wenn  sich 
das  Divertikel  am  Nabel  abgelöst  hatte,  dann  hat  es  das  Aussehen  des 
Processus  vermiformis,  nur  ist  es  am  Darme  dicker  und  läuft  in  ein  spitzes 
Ende  aus,  ist  manchmal  auch  spiralig  gedreht,  ja  sogar  einfach  oder 
mehrfach  verknotet.  Ein  andermal  wächst  es  mit  seinem  freigewordenen 


166 


Daimbrüche. 


Ende  wieder  an  Eingeweide-  oder  Oberflächenstellen  der  Peritonealhöhle 
an,  und  zwar  am  häufigsten  an  das  Mesenterium  commune  und  dies  in 
dem  Verhältnis  wie  19  :  7  nach  Treves  oder  nach  Gar  in  wie  23  :  10; 
doch  kommen  auch  Wiederverlöthungen  mit  dem  Jejunum,  Ileum,  Cöcum, 
Netz,  der  Tuba  oder  mit  dem  Peritoneum  der  Fossa  iliaca  oder  mit  dem 
inneren  Leistenring,  sodann  mit  der  Linea  alba  u.  s.  w.  ebenfalls  vor. 
Nach  den  Untersuchungen  von  Neiimann  sind  jedoch  die  scheinbaren 
Verwachsungen  der  Divertikel  mit  den  Mesenterien  jener  Darmpartien,  von 
welchen  das  Divertikel  abgeht,  nicht  spätere  Wiederverlöthungsprocesse, 
sondern  es  sind  dies  Uberreste  von  im  embryonalen  Leben  bestandenen 
omphalomesenterialen  Gefäßen,  welche  das  Divertikel  damals  begleitet 
haben.  Da  in  dem  Mesenterium  dieser  Gefäße  auch  eine  Dehiscenz  ein- 
treten kann  und  hiedurch  eine  Öffnung  entsteht,  so  gewinnt  es  den 
Anschein,  als  ob  ein  derartiges  Loch  so  entstanden  wäre,  dass  sich  das  Ende 
des  freigewordenen  Divertikels  mittelst  einer  vascularisierten  Verwachsung 
an  die  Unterfläche  des  Mesenteriums  angelöthet  hätte,  während  ursprünglich 
Divertikel  und  Gefäße  demselben  Orte,  nämlich  dem  Nabel  zustrebten  und 
nun  das  gemeinschaftliche  Mesenterium  zwischen  denselben  an  ihrem 
Fußpunkte  einen  spaltförmigen  Defect  bekam.  In  solchen  Fällen  kann 
sich  eine  Darmschlinge  in  einem  derartigen  Loch  verfangen  und  incarceriert 
werden,  wie  ein  solcher  Fall  später  berichtet  und  mit  einer  Abbildung  des 
Durchschnittes  eines  solchen  gefäßartigen  Stranges  illustriert  werden  soll. 
Auch  die  abnorm  oder  am  Nabel  inserierten  durchgängigen  und  obliterierten 
Stränge  können  Veranlassungen  von  inneren  Verschlingungen  werden. 

Das  Herabsteigen  eines  angeborenen  Darmdivertikels  in  eine  Hernie 
ist  umso  wahrscheinlicher,  als  dasselbe  von  jenen  Darmth eilen  abgeht, 
welche  vermöge  der  Länge  ihrer  Mesenterien  und  vermöge  ihres  Anliegens 
an  die  häufigst  begangenen  Bruchpforten  am  öftesten  zum  Bruchinhalte 
werden. 

Der  anatomische  Unterschied  zwischen  den  Hernien  eines  angeborenen 
Divertikels  und  den  übrigen  Darmwandbrüchen  besteht  darin,  dass  die 
ersteren  keine  Verengerung  des  übrigen  Darmlumens  verursachen,  und  zwar 
aus  dem  Grunde,  weil  durch  ihren  Vorfall  die  eigentliche  Darmwand  nicht 
verbraucht  wird.  Hieraus  ergibt  sich  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  auch, 
dass  bei  der  Incarceration  von  Littre 'sehen  Hernien  die  Fortbewegung 
des  Darminhaltes  in  keiner  Weise  gestört  sein  muss,  und  dass  im  klinischen 
Bilde  abermals  die  gewöhnlichen  Erscheinungen  einer  Darmincarceration 
(Stuhl-  und  Gasverhaltung,  Meteorismus,  Erbrechen)  fehlen  können.  Es  ist 
selbstverständlich,  dass  ein  Meckel'sches  Divertikel,  sowie  andere  strang- 
förmige  Gebilde  auch  einer  retrograden  oder  rückläufigen  Einklemmung 
(siehe  später)  fähig  ist,  umsomehr,  als  die  Verwachsung  des  Endes  des 
Divertikels  mit  irgend  einer  Stelle  des  Bauchraumes  zu  den  gewöhnlichsten 


Darmbrüche. 


167 


Vorkommnissen  gezählt  werden  darf,  ein  Umstand,  welcher  die  rückläufige 
Einklemmung  wesentlich  fördert. 

Die  Hernie  des  Meckel'schen  Divertikels  kann  weiter  entweder  selbst- 
ständig sein,  oder  sie  ist  combiniert  mit  dem  Bruche  jenes  Darmtheiles, 
welchem  das  Divertikel  aufsitzt. 

Zu  den  interessantesten  Darmbrüchen  gehört  die  Hernie  des 
Blinddarmes,  und  zwar  nicht  nur  bezüglich  ihrer  Anatomie,"  sondern 
auch  bezüglich  der  Therapie  des  freien  oder  eingeklemmten  Bruches  dieser 
Art.  Abgesehen  von  einzelnen  Beobachtungen  aus  dem  Ende  des  vorigen 
Jahrhunderts,  müssen  wir  abermals  den  auf  dem  Felde  der  Herniologie 
durch  Exactheit  seiner  Anschauungen  rühmlichst  bekannten  Scarpa  (1812) 
als  denjenigen  bezeichnen,  welcher  eine  Reihe  von  richtigen  Details  über 
die  Hernien  des  Cöcums  zum  erstenmale  vorbrachte.  Sern  in  hat  nach 
dem  Befunde  bei  einer  Operation,  bei  welcher  er  das  Cöcum  mit  dem  Ende 
des  Ileums  und  dem  Anfange  des  Colon  ascendens  im  Bruchinhalte  vorfand, 
wobei  das  Cöcum  eines  peritonealen  Uberzuges  entbehrte,  die  Meinung 
ausgesprochen,  dass  im  Scrotum  ab  und  zu  Brüche  vorkommen,  denen  ein 
Bauchfellüberzug  abgeht.  Dieselbe  Behauptung  haben  übrigens  schon  früher 
Desault  (1796)  und  Chopart  geäußert^  indem  sie  glaubten,  den  Blind- 
darm peritonealfrei  im  Bruchinhalte  eines  Scrotalbruches  angetroffen  zu 
haben.  Diese  Anschauungen  wurden  bereits  von  Scarpa  dahin  berichtigt, 
dass  zwar  ein  Theil  des  Blinddarmes  und  des  aufsteigenden  Dickdarmes 
außerhalb  des  Bauchfellsackes  liegt,  ein  anderer  Theil  jedoch  in  denselben 
hineinragt.  Im  ganzen  und  großen  dreht  sich  diese  Frage  darum,  welchen 
Theil  des  Dickdarmes  wir  als  Blinddarm  bezeichnen  sollen.  Wenn  wir  uns 
den  Ansichten  Bardeleben 's  (1849)  anschließen,  dass  bloß  jener  Theil 
des  aufsteigenden  Dickdarmes,  welcher  unter  der  Bauhin'schen  Klappe 
liegt,  als  Blinddarm  bezeichnet  werden  sollte,  dann  ist  freilich  der  Streit 
beendet  und  jede  Cöcalhernie  muss  einen  Peritonealüberzug  haben.  Und 
da  auch  Tuffier  (1887)  diesen  Anschauungen  beitritt,  indem  er  sagt, 
dass  der  Blinddarm  nach  oben  durch  eine  Ebene  begrenzt  sei,  welche  man 
sich  durch  den  oberen  Rand  der  Ileocöcalklappe  gelegt  denkt,  und  indem 
er  constatiert,  dass  der  so  umschriebene  Blinddarm  stets  einen  voll- 
ständigen Peritonealüberzug  besitzt,  so  können  wir  uns  einen  Cöcalbruch 
kaum  anders  vorstellen,  als  mit  completem  Bauchfellüberzug  und  einem 
besonderen  Bruchsack.  Wenn  wir  aber  der  Definition  Linhart's  beitreten, 
welche  noch  einen  über  der  Klappe  liegenden  Theil  des  Dickdarmes  dem 
Blinddarme  zuzählt,  so  müssen  wir  zugeben,  dass,  falls  auch  diese  Partie 
zum  Bruchinhalte  wird,  wir  Cöcalhernien  antreffen  können,  welche,  ganz 
nach  der  Meinung  Scarpa 's,  zwar  nicht  vollständig  des  Bauchfellüberzuges 
bar  sind,  dass  es  aber  auch  vorkommen  kann,  dass  sich  uns  ein  Cöcal- 
bruch mit   einer   Seite   präsentiert,   welcher  nicht   nur   ein  Bruchsack, 


168 


Darmbrüche. 


sondern  folgerichtig  auch  ein  Bauchfellüberzug  abgeht.  Andererseits  müssen 
wir  aber  nach  den  bereits  bei  der  Darstellung  der  inneren  Hernien 
gegebenen  Aufschlüssen  über  die  Entwickelung  des  Bauchfelles  zugeben^ 
dass  selbst  Hernien  eines  beträchtlichen  Theiles  des  Colon  ascendens  vor- 
kommen können,  denen  eine  PeritonealhüUe  durchaus  nicht  mangelt. 

Früher  wurde  gelehrt,  dass  das  Peritoneum  über  die  Vorderfläche 
des  Blinddarmes  derart  hinüberstreicht,  dass  das  letztere  eng  an  die  Fossa 
iliaca  anliegt  und  in  das  lockere  Zellgewebe  derselben  mit  seiner  hinteren 
peritonealfreien  Fläche  hineinragt.  Tuffier  widerspricht  diesen  alther- 
gebrachten Ansichten,  indem  er  sagt,  dass  der  Blinddarm  allseitig  ebenso 
von  Peritoneum  eingehüllt  ist,  also  dass  man  denselben  von  allen 
Seiten  mit  dem  Finger  umgehen  kann,  wie  z.  B.  die  Herzspitze;  er  stützt 
diese  Angaben  auf  die  anatomische  Untersuchung  von  120  Leichen,  unter 
denen  er  bloß  bei  9  erwachsenen  Cadavern  das  obere  Drittel  des  Blind- 
darmes vollständig  peritonealfrei  fand.  In  vielen  Fällen  steigt  der  Peritoneal- 
überzug  sogar  einen  Querfinger  breit  über  die  Mündung  des  Dünndarmes 
in  den  Blinddarm  nach  aufwärts,  in  Ausnahmsfällen  sogar  bis  unter  die 
rechte  Niere,  so  dass  der  aufsteigende  Dickdarm,  in  einem  solchen  Falle 
mit  einem  besonderen  Mesocolon  ascendens  versehen,  in  ähnlicher  Weise 
beweglich  ist,  wie  das  Ileum.  Da  es  sich  auch  darum  handeln  könnte,  dass 
sich  der  Blinddarm,  wiewohl  im  Bauchraume  vollständig  vom  Peritoneum 
bedeckt,  bei  seinem  Abstieg  in  einen  Bruchsack  gewissermaßen  dieser 
Hülle  ganz  oder  theilweise  entledige  und  sich  dann,  vollständig  entblößt, 
in  den  gemeinschaftlichen  Hüllen  des  Samenstranges  des  Hodens  befände, 
so  prüfte  Tuffier  auch  die  Ablösbarkeit  des  Peritoneums  und  constatierte, 
dass  auf  dem  aufsteigenden  Dickdarm  und  dem  oberen  Drittel  des  Blind- 
darmes die  Serosa  nur  sehr  locker  adhäriere,  während  sie  sich  vom 
unteren  Drittel  der  Vorderfläche  des  Cöcums  und  des  Processus  vermi- 
formis nicht  abziehen  lässt.  Auf  der  Hinterfläche  des  Cöcums  ist  die  Serosa 
bei  weitem  weniger  fest  angewachsen. 

Zum  Verständnis  der  Cöcalhernien  ist  es  weiter  noth wendig,  die 
Art  und  Weise  der  Befestigung  des  Blinddarmes  genauer  zu  kennen,  am 
zu  wissen,  auf  Kosten  welchen  Gebildes  der  Abstieg  des  Blinddarmes  in 
einen  Bruch  erfolgen  kann.  Das  Cöcum  ist  gewissermaßen  aufgehängt  auf 
dem  Ligamentum  superius,  welches,  in  der  Lumbaigegend  genau  unter 
der  Niere  oder  an  deren  unterem  Pole  entspringend,  sich  mit  seinem 
unteren  Ende  auf  der  Außenseite  des  aufsteigenden  Dickdarmes  inseriert 
und  am  Ubergange  desselben  in  den  Blinddarm  mit  der  Serosa  des  letzteren 
verschmilzt.  Tuffier  beschreibt  außerdem  noch  ein  zweites,  unteres 
Anlieftungsband,  welches  wir  zu  Gesicht  bekommen,  sobald  wir  das  Cöcum 
nach  aufwärts  umschlagen  und  anspannen;  er  nennt  dieses  Band  das 
Ligamentum  inferius.  Dasselbe  entspringt  von  der  Serosa  der  Hüftbein- 


Darmbrüche. 


169 


grübe,  dort,  wo  sich  die  Samenstranggefäße  mit  der  Arteria  iliaca  externa 
kreuzen,  und  verläuft  dann  in  Form  einer  Bauchfellfalte  zum  linken  Rande 
des  Blinddarmes  und  zum  Mesenterium.  Endlich  trägt  auch  das  Mesen- 
terium des  Dünndarmes,  welches  sich  am  Cöcalrande  befestigt,  in  ähnlicher 
Weise  zur  Befestigung  des  Blinddarmes  in  seiner  Lage  bei. 

Für  den  Mechanismus  der  Cöcalhernien  ist  weiter  das  Verhalten  des 
Blinddarmes  bei  Füllung  mit  Flüssigkeiten  von  großer  Wichtigkeit.  Wenn 
das  Ligamentum  inferius  unbeschädigt  ist,  so  steigt  das  Cöcixm  unter 
gleichzeitiger  Dehnung  nach  abwärts,  indem  es  sich  noch  vollständiger  mit 
Peritoneum  bekleidet.  Wenn  wir  das  genannte  Band  durchschneiden,  so 
hülst  sich  der  Blinddarm  aus  seinem  Peritonealüberzug  aus  und  kommt 
sodann  mit  der  Darmbeingrube  in  Berührung. 

Aus  diesen  Details  geht  zur  Genüge  hervor,  dass  die  classische  Lehre 
von  den  Cöcalhernien,  welche  vollständig  peritonealfrei  wären,  nicht  mehr 
aufrecht  erhalten  werden  kann,  was  schließlich  auch  L  in  hart  einbekennt, 
wiewohl  er  einen  Theil  des  Dickdarmes  über  dem  Blinddarme  noch  zum 
letzteren  hinzurechnet. 

Unter  den  von  Tuffier  gesammelten  53  Fällen  von  Cöcalhernien 
fand  man  42  Leistenbrüche,  6  Schenkelbrüche  und  5  Nabelbrüche,  und 
zrwar  entweder  angeboren  oder  erworben.  Unter  38  Fällen,  von  denen 
nähere  Angaben  bestehen,  war  das  Verhältnis  der  rechtsseitigen  zu  den 
linksseitigen  wie  5  :  1  sowohl  bei  den  Leisten-  als  auch  bei  den  Schenkel- 
brüchen. Unter  den  auf  der  Klinik  des  Verfassers  beobachteten  9  Fällen 
von  Cöcalhernien  fand  man  8  Leistenbrüche,  und  zwar  durchwegs  auf  der 
rechten  Seite,  hievon  4  bei  Männern  und  4  bei  Frauen,  dagegen  einen 
einzigen  Schenkelbruch  bei  einer  Frau,  und  zwar  ebenfalls  rechtsseitig.*) 
Das  Überwiegen  der  rechtsseitigen  Blinddarmbrüche  kann  man  mit  der 
rechtsseitigen  Lage  des  Cöcums  hinlänglich  erklären.  Ein  reiner  Cöcalbruch, 
d.  h.  ein  Bruch,  welcher  nicht  mit  dem  gleichzeitigen  Vorhandensein  von 
Dünndarmschlingen  combiniert  wäre,  ist  ein  recht  seltenes  Vorkommnis; 
als  Beleg  hiefür  diene,  dass  z.  B.  L inhart  einen  solchen  Bruch  zu 
beobachten  nie  die  Gelegenheit  hatte. 

Bezüglich  der  linksseitigen  Cöcalbrüche,  welche  auch  Dünndarm- 
schlingen enthalten,  kann  man  sich  das  Entstehen  derselben  am  ehesten 
so  vorstellen,  dass  die  zuerst  hervortretenden  Dünndarmschlingen  allmählich 
unter  Verlängerung  des  Mesocöcums  den  Blinddarm,  endlich  auch  den 
Dickdarm  nachziehen,  oder  dass  es  sich  um  eine  congenitale  Persistenz 
des  Mesocöcums  handelt,  welche  nach  der  Toi  dt 'sehen  Entstehungstheorie 
der  Mesenterien  recht  leicht  begreiflich  ist  und  welche  von  Gr  über 
detailliert  beschrieben  wurde.   Auch  Tuffier  beobachtete  eine  derartige 

*)  Die  erwähnten  9  Fülle  wurden  in  den  Jahren  1891—96  beobachtet.  Im 
Jahre  1897  kamen  von  neuem  in  einer  Woche  3  Cöcalhernien  zur  Beobachtung. 


170 


Darmbrüche. 


Beweglichkeit  des  Blinddarmes,  dass  an  der  Leiche  der  Processus  vermi- 
formis peripherwärts  die  untere  Partie  des  Scarpa'schen  Dreieckes,  nach  oben 
den  mittleren  Theil  des  Brustbeins  berühren  konnte;  der  Fall  wurde  bei 
einem  3jährigen  Kinde  beobachtet. 

Wir  haben  demnach  streng  zu  unterscheiden  zwischen  den  Brüchen 
des  Cöcums  und  jenen  des  Colon  ascendens,  welche  letztere  allerdings 
nicht  selten  auf  einem  beträchtlichen  Theile  ihrer  Peripherie  peritonealfrei 
sein  können.  Wir  wollen  auch  an  dieser  Stelle  bemerken,  dass  es  Brüche 
«  des  aufsteigenden  Dickdarmes  gibt,  bei  denen  das  Cöcum  in  der  Bauch- 

höhle verblieben  ist.  Der  Anlass,  dass  man  früher  von  Cöcalhernien, 
welche  einen  unvollständigen  Peritonealüberzug  hätten,  sprach,  wurde 
offenbar  dadurch  gegeben,  dass  man  nicht  genau  die  eben  erwähnten  zwei 
Bruchkategorien  unterschied  und  dass  man  ohne  weiteres  eine  Hernie, 
welche  das  Cöcum  enthielt,  als  Cöcalhernie  bezeichnete,  während  es  gleich- 
zeitig eine  Hernie  des  aufsteigenden  Dickdarmes  sein  konnte. 

Bezüglich  der  Combination  der  Cöcalhernien  mit  Brüchen  anderer 
Darmtheile  wollen  wir  anführen,  dass  Tuffier  in  17  Fällen  neben  dem 
Blinddarm  auch  Dünndarm  vorfand,  in  8  Fällen  das  Colon  ascendens,  in 
5  Fällen  „den  Dickdarm"  überhaupt,  in  4  Fällen  Netz  und  zweimal  das 
Colon  descendens. 

Schon  seit  ältester  Zeit  sind  Cöcalhernien  mit  vollständigem, 
allseitig  sie  umschließenden  Bruchsack  bekannt,  was  natürlich  am  ehesten 
bei  Nabelbrüchen  begreiflich  erscheint,  jedoch  nach  den  Definitionen  von 
Bardeleben  und  Tuffier  nun  auch  bei  Leisten-  und  Schenkelbrüchen 
erklärlich  ist. 

Bei  der  Entscheidung,  ob  wir  einen  bestimmten  Fall  zur  Entscheidung 
der  Frage  über  das  Vorkommen  vollständig  oder  theilweise  peritonealloser 
Cöcalbrüche  heranziehen  können,  ist  es  aber  auch  wichtig  zu  entscheiden, 
ob  es  sich  nicht  um  einen  angeborenen  Cöcalbruch,  demnach  um  eine 
bestimmte  Abart  einer  anomalen  Entwickelung  des  Cöcums  handle.  Guillet 
beschrieb  einen  Bruch  des  Bhnddarmes  und  des  Dünndarmes,  welcher 
vollständig  des  Peritonealüberzuges  entbehrte;  nach  der  gleichzeitig  vor- 
handenen Ektopie  des  Hodens  dachte  man  wohl  mit  Recht  auf  eine  die 
genannten  zwei  Darmabschnitte  betreffende  Hemmungsbildung.  Tuffier 
gelangte  auf  Grund  seiner  anatomischen  Studien  zu  der  Ansicht,  dass 
wenn  das  Ende  des  Dünndarmes  oder  der  Wurmfortsatz  peritonealfrei  ist, 
der  Verdacht  auf  einen  angeborenen  Bruch  des  Cöcums  berechtigt  sei. 

An  dieser  Stelle  soll  auch  eines  passenden  Vergleiches  von  Hunt  er 
gedacht  werden,  welcher  bei  Brüchen  des  Cöcums  und  des  Colon  ascendens 
das  Verhalten  dieser  Darmtheile  zum  Bruchsacke  dem  Verhalten  des 
Hodens  und  des  Samenstranges  zum  Processus  vaginalis  peritonei  gleich- 
stellte.  Sowohl  der  Hode,  als  der  Blinddarm  sind  mit  Peritoneum  voll- 


Darrabrüche. 


171 


ständig  überkleidet,  während  das  Colon  ascendens  und  der  Samenstrang 
derart  in  die  Wand  der  serösen  Säcke  eingelassen  sind,  dass  sie  sich  nur 
schwer  von  demselben  ablösen  lassen.  Demnach  sind  die  angeborenen 
Hernien  dieser  Art  nur  schwer  oder  nur  partiell  reponibel,  und  umgekehrt, 
aus  der  schweren  Reponibilität  der  Cöcalhernien  kann  mit  großer  Wahr- 
scheinlichkeit auf  das  Angeborensein  solcher  Brüche  geschlossen  werden. 
Das  Vorhandensein  des  Blinddarmes  in  angeborenen  Nabelschnurbrüchen 
wird  uns  umsoweniger  in  Erstaunen  setzen,  als  wir  ja  nach  einer  schon 
früher  mitgetheilten  Schilderung  der  „Darm-  und  Peritoneale ntwickelung" 
ein  Stadium  derselben  kennen,  in  welchem  sich  der  Blinddarm  in  der 
unmittelbarsten  Nähe  des  Nabels  befindet.  Störungen  in  der  Locomotion 
des  Blinddarmes  oder  abnorme  Fixationen  desselben  können  dieses  Stadium 
ungebürlich  lange  bestehen  lassen,  so  dass  in  einer  Anzahl  von  Fällen  der 
Blinddarm  zu  den  dem  Nabelring  anlagernden  Eingeweiden  gerechnet 
werden  kann. 

Erworbene  Cöcalbrüche  bei  Erwachsenen  entstehen  bloß  dann,  wenn 
die  Befestigungsbänder  des  Blinddarmes  sich  verlängern  oder  dehiscieren, 
so  dass  ein  Herabsteigen  dieses  Organes  möglich  wird.  Die  Hauptaufgabe 
der  Fixation  des  Blinddarmes  in  seiner  normalen  Lage  fällt  natürlicher- 
weise dem  oberen  Bande  zu,  während  die  ungestörte  Function  des  unteren 
nur  bedingt,  dass  sich  der  Blinddarm  in  der  Weise  dreht,  dass  sich  der 
Processus  vermiformis  am  höchsten  Punkte  der  Hernie  befinde. 

Bei  den  mit  dem  Vorfalle  anderer  Darmtheile,  z.  B.  des  Colon 
ascendens  und  von  Dünndarmschlingen  complicierten  Brüchen  wird  der 
Peritonealüberzug  des  Colon  öfters  von  den  andrängenden  Darmschlingen 
zum  Bruchsacke  verwendet  und  auf  diese  Weise  dasselbe  soviel  als 
überhaupt  möglich  aus  seinem  Peritonealüberzug  ausgelöst. 

Eine  besondere  Abart  der  Intestinalbrüche  ist  in  den  Brüchen  des 
Wurmfortsatzes  gegeben.  Darnach,  ob  der  Processus  vermiformis  allein 
oder  in  Gemeinschaft  mit  anderen  Eingeweiden  den  Inhalt  eines  Bruches 
bildet,  hat  man  reine  oder  complicierte  Hernien  des  Wurmfortsatzes  unter- 
schieden. Da  es  natürlich  ist,  dass  bei  Brüchen  des  Blinddarmes  auch  der 
Processus  vermiformis  vorfällt,  und  da  weiter  die  Combinationen  des 
Bruches  des  Wurmfortsatzes  allein  mit  anderen  Eingeweiden,  als  mit 
dem  Cöcum,  zu  den  allergrößten  Seltenheiten  gehören,  so  hätte  die  Unter- 
scheidung der  reinen  von  den  complicierten  Wurmfortsatzbrüchen  eigentlich 
keine  besondere  Bedeutung.  Nur  das  Bestreben  der  letzten  Zeit,  für  den 
reinen  Wurmfortsatzbruch  ein  besonderes  klinisches  Bild  auszuarbeiten, 
berechtigt  die  Aufstellung  einer  besonderen  Kategorie  von  Brüchen,  jener 
nämlich  des  Processus  vermiformis  allein.  Der  letzte  Versuch  in  dieser 
Richtung  wurde  von  Brieger  aus  der  Klinik  von  Mikulicz  gemacht. 
Nachdem  schon  im  Jahre  1868  die  bis  dahin  veröffentlichten  Fälle  von 


172 


Darmbrüche. 


Wurmfortsatzbrüchen  (raeistena  Obductions-  oder  im  allgemeinen  anatomische 
Befunde)  gesammelt  worden  waren,  hat  es  B  r  i  e  g  e  r  unternommen,  dieselben 
mit  neueren  Beobachtungen  zu  ergänzen  und  sie  zu  classificieren. 

Vor  allem  unterscheiden  wir  also  selbständige  Hernien  des  Processus . 
vermiformis,  und  weiter  Brüche  desselben  mit  Vorlagerung  des  Netzes. 
Von  der  ersten  Kategorie  wurden  6  irreponible  und  18  eingeklemmte 
Brüche  beobachtet:  hiezu  kommen  noch  zwei  Fälle,  in  denen  neben  dem 
Processus  vermiformis  noch  ein  Stück  Netz  vorgefallen  war.  Es  wurden  in 
diesen  zwei  Gruppen  bloß  jene  Beobachtungen  eingereiht,  deren  klinischer 
Verlauf  mehr  oder  weniger  genau  bekannt  war. 

Mit  Rücksicht  auf  diese  Fälle  handelte  es  sich  vor  allem  darum,  ob 
die  Brüche  des  Wurmfortsatzes  allein  (d.  h.  ohne  einen  anderen  Darmtheil) 
irgendwelche  besondere  klinische  Merkmale  darbieten,  nach  denen  in 
Hinkunft  eine  genauere  diagnostische  Abscheidung  dieser  Fälle  vorgenommen 
werden  könnte,  was  bei  den  gesammelten  Fällen  —  nach  fast  einstimmigem 
ürtheile  —  höchst  selten  zu  finden  war.  Die  irreponiblen  Brüche  dieser 
Art  bieten  freilich  —  neben  den  auch  anderen  nicht  reponierbaren  Hernien 
gemeinschaftlichen  Merkmalen  —  kaum  irgend  welche  besondere  Er- 
scheinungen dar,  welche  zu  einer  präciseren  Diagnose  führen  könnten, 
außer  zu  der,  dass  es  sich  in  ähnlichen  Fällen  mit  größter  Wahrscheinlichkeit 
um  Netzbrüche  handle,  während  man  nur  in  Ausnahmsfällen  an  Vor- 
lagerung von  röhrenförmigen,  strangförniigen  Eingeweiden  denken  wird, 
welche  sich  derart  ähneln  wie  der  Processus  vermiformis  und  die  Tuba 
Faloppise.  Bei  eingeklemmten  Brüchen  der  besprochenen  Art  bemerken 
wir  dagegen,  dass  in  einer  großen  Uberzahl  der  Fälle  ähnliche  Erscheinungen, 
welche  auch  andere  Darmeinklemmungen  zu  begleiten  pflegen,  beobachtet 
werden,  so  z.  B.  Verstopfung  und  Erbrechen,  tiefes  Unwohlsein,  welche 
eigentlich  bei  der  Einklemmung  solcher  Darmtheile,  welche  so  außerhalb 
des  Tractus  intestinalis  liegen,  wie  der  Processus  vermiformis,  nicht  leicht 
begreiflich  sind.  Und  doch  ist  diese  Unterscheidung  höchst  wichtig,  da  bei 
der  Diagnose  auf  einen  Netzbruch  sich  der  Beobachter  zum  weitereil 
Aufschübe  der  Operation  entschließen  könnte,  wodurch  die  durch  die  Ein- 
klemmung hervorgerufenen  Veränderungen  bis  zur  Infection  des  Bruch- 
sackes in  der  Bauchhöhle  fortschreiten  könnten.  Diese  Erscheinungen, 
welche  auf  eine  Störung  der  Darmcircixlation  bezogen  werden  müssten, 
dürften  am  ehesten  derart  erklärt  werden,  dass  bei  Einklemmung  des 
Wurmfortsatzes  auch  die  nachbarlichen  Darmtheile  verbogen  oder  ver- 
dreht sein  können,  wodurch  die  Zeichen  eines  Ileus  bedingt  werden.  Eine 
Erklärung  hiefür  wurde  von  Klein  versucht.  Derselbe  meint,  dass  die 
genannten  Symptome  nicht  durch  Veränderungen,  wie  z.  B.  Verengerung 
des  Darmlumens,  bedingt  sind,  sondern  dass  es  Zeichen  einer  Bauchfell- 
entzündung sind,   welche  in  größerer  Ausdehnung  den  Darm  betroffen 


Darmbriiche. 


173 


hatte,  und  welche  dann  zur  Beobachtung  kämen,  wenn  die  Entzündung 
auf  die  Bauchhöhle  sich  fortgepflanzt  hätte.  Es  gibt  jedoch  auch  Fälle, 
welche  schon  einige  Stunden  nach'  der  Operation,  durch  welche  die  obigen 
Veränderungen  ausgeglichen  wurden,  tödtlich  endeten  und  bei  denen  am 
Seciertische  nicht  die  geringsten  Zeichen  einer  Bauchfellentzündung 
constatiert  werden  konnten.  Man  muss  demnach  auch  bei  der  Einklemmung 
von  Hernien  des  Wurmfortsatzes  zu  einer  ähnlichen  Erklärung  Zuflucht 
nehmen,  wie  sie  Ki  er  stein  behufs  Deutung  der  Erscheinungen  bei  Ileus 
überhaupt  gegeben  hat.  Derselbe  sagt,  dass  die  Erscheinungen  nicht  die  Folgen 
eines  plötzlichen  Verschlusses  der  Darmlichtung  seien,  denn  Thiere,  denen 
der  Darm  zugenäht  worden  war,  endeten  einfach  durch  Hungertod  in  einem 
späteren  Zeitabschnitte:  sondern  jene  Symptome,  welche  sich  kurze  Zeit 
nach  der  Einklemmung  entwickeln,  sind  bedingt  durch  Schädigung  des 
Darmes  und  seiner  Nerven,  so  dass  jene  Erscheinungen  durch  Vorgänge 
in  den  Nervenbahnen  hervorgerufen  würden,  eine  Ansicht,  welche  auch 
durch  die  traurigen  Erfahrungen  bei  anderen  Brüchen  gestützt  wird, . 
besonders  bei  der  manchmal  sehr  schnell  sich  entwickelnden  Herzlähmung. 

Es  wäre  eine  unrichtige  Anschauung,  wenn  wir  denken  würden,  dass 
die  Brüche  des  Wurmfortsatzes  bloß  auf  der  rechten  Seite  vorkommen 
können.  Sie  finden  sich  in  der  Regel  auf  der  rechten  Seite;  wir  kennen 
aber  auch  Beispiele  von  linksseitig  gelegenen  Brüchen;  hieher  gehört 
tjesonders  der  Fall  von  Haps,  in  welchem,  ohne  Situs  inversus  der  Bauch- 
organe, der  Wurmfortsatz  in  einer  linksseitigen  Hernie  gelagert  und  mit 
dem  Samenstrange  verwachsen  vorgefunden  wurde.  Dieser  Umstand  hängt 
davon  ab,  ob  der  Processus  vermiformis  mit  seinem  Ende  bis  in  eine 
linksseitige  Hernie  hinüberreichen  kann.  Seine  normale  Länge  beträgt  zwar 
nur  8"5 — 10  cm,  doch  sind  auch  Beispiele  beobachtet  worden,  in  denen 
seine  Länge  bis  15  cm,  ja  sogar  über  20  cm  betrug,  so  dass,  bei  der 
Lagerung  des  Wurmfortsatzes  quer  durch  die  Bauchhöhle  hinüber  nach 
links,  das  Eintreten  in  eine  linksseitige  Hernie  nicht  unwahrscheinlich  ist, 
wozu  noch  der  Umstand  hinzutritt,  dass  der  Blinddarm,  wie  schon  erwähnt, 
bei  längerer  Entwickelung  seines  Mesenteriums  eine  hochgradige  Beweglichkeit 
erlangen  kann,  wodurch  das  Hinabgleiten  auch  in  einen  linksseitigen  Bruch 
noch  wesentlich  gefördert  wird. 

Von  den  beobachteten  Fällen  betrafen  9  eine  Schenkelhernie.  die 
übrigen  waren  Leistenbrüche.  Ungefähr  eine  gleiche  Anzahl  kam  bei 
Männern  und  bei  Frauen  vor. 

Es  ist  wohl  selbstverständlich,  dass.  der  Processus  vermiformis  auch 
im  Bruchsacke  denselben  Veränderungen  verfallen  kann  wie  innei'halb  der 
Bauchhöhle,  hauptsächlich  also  einer  sogenannten  Perityphlitis  und  ihren 
Folgen,  dass  demnach  auch  in  einer  Hernie  der  Processus  vermiformis  von 
einer  Ulceration  oder  Gangrän  und  Perforation   befallen  werden  kann, 


174 


Darmbrüche. 


nach  Ausheilung  derselben  aber  von  Narbenstricturen  und  cystöser 
Degeneration.  Wenn  in  einem  Bruche  eine  Nekrose  des  Wurmfortsatzes 
mit  drohender  oder  schon  erfolgter  Perforation  sich  entwickelt,  dann  können 
sowohl  bei  einer  irreponiblen  als  auch  bei  einer  eingeklemmten  Hernie 
ohne  Nekrose  plötzlich  Zeichen  einer  stercoralen  Phlegmone  auftreten, 
welche  wohl  in  den  seltensten  Fällen  in  der  richtigen  Weise  gedeutet 
werden,  sondern  in  den  meisten  Beobachtungen  als  durch  Einklemmung 
bedingte  Gangrän  aufgefasst  werden  dürfte.  Ob  nun  durch  das  letztere 
Vorkommnis  oder  durch  wirkliche  Einklemmungsgangrän  eine  Extra- 
vasation  des  Darminhaltes  in  den  Bruchsack  und  endlich  unter  die  Haut 
stattfindet,  immer  wird  sich  eine  sogenannte  stercorale  Phlegmone  ent- 
wickeln, mit  bedeutendem  coUateralen  (3dem,  mit  baldiger  centraler  Nekrose 
und  Emphysem,  in  weiterer  Folge  aber  Darmfisteln,  welche  eine  nicht 
geringe  Tendenz  zur  spontanen  Heilung  besitzen.  Auch  an  diese  Möglichkeit 
bezüglich  der  Genese  von  in  der  rechten  Leistengegend  gelegenen  Darm- 
fisteln muss  gedacht  werden,  um  die  Prognose  sowohl  bezüglich  der 
Spontanheilung,  als  der  Möglichkeit  einer  operativen  Beseitigung  derselben 
richtig  zu  stellen.  Nicht  nur,  dass  jene  in  zahlreichen  Fällen  ohne  weitere 
Beihilfe  erfolgen  kann,  auch  die  letztere  erfordert  in  Form  einer  nur 
partiellen  Excision  der  Blinddarmwand  oder  bloß  einer  Resection  des  Wurm- 
fortsatzes bei  weitem  weniger  gefährliche  operative  Eingriffe,  als  ähnliche 
Fisteln  an  anderen  Darmtheilen.  Ohne  zur  richtigen  Zeit  vorgenommene 
Operation  ist  es  unmöglich  zu  entscheiden,  ob  solche  Zustände  durch  eine 
Brucheinklemmung  oder  durch  Gangrän  und  Perforation  des  Processus  vermi- 
formis in  einem  Bruchsack  ohne  Einklemmung  hervorgerufen  worden  sind. 

Endlich  müssen  wir  auch  erwähnen,  dass  ebenso  wie  der  Processus 
vermiformis  bei  Vernarbung  eines  circulären  Geschwüres  in  demselben  und 
bedeutender  Verengerung  des  Lumens  von  einem  Hydrops  oder  Empyem 
ausgedehnt  werden  kann,  welche  sich  periodisch  entleeren,  eine  ähnliche 
Affection  auch  in  einer  Wurmfortsatzhernie  ablaufen  kann,  so  dass 
auch  auf  diesem  Wege  eine  Herniencyste  entstehen  kann,  deren  Unter- 
scheidung von  einer  Bruchsackcyste  recht  schwierig  sein  kann.  Um  einen 
ähnlichen  Fall  handelte  es  sich  in  dem  einzig  in  seiner  Art  dastehenden 
Falle,  welcher  von  Wölf  1er  mitgetheilt  wurde  und  in  welchem  nach 
anamnestisch  constatierten  perityphlitischen  Anfällen  im  Bruchsacke  ein  be- 
sonderer Sack  vorgefunden  wurde,  welcher  von  2-Kopfgröße  war  und  mit 
einer  starken  Muskelwand  versehen  erschien.  Dieser  Sack  wurde  eben  als 
der  cystös  degenerierte  und  hydropisch  ausgedehnte  Wurmfortsatz  gedeutet. 

Mit  Rücksicht  auf  einen  vom  Verfasser  beobachteten  Fall  muss  noch 
ergänzt  werden,  dass  am  Processus  vermiformis  auch  eine  rückläufige 
Incarceration  vorkommen  kann,  bei  welcher  entweder  das  Ende  oder  eine 
Schlinge   des   Processus   vermiformis   im  eingeklemmten   Zustande  aber 


Hamblasenbrüche. 


175 


innerhalb  der  Bauchhöhle  sich  befinden  können,  während  der  Anfang 
desselben  außerhalb  des  Bruchringes  im  Bruchsacke,  und  zwar  im  nahezu 
normalen  Zustande  gelagert  ist. 

Tuffier  beschäftigte  sich  mit  der  Frage,  in  welcher  Weise  sich  der 
Peritonealüberzug  bei  Brüchen  des  Processus  vermiformis  verhält,  und  kam 
zu  dem  Schlüsse,  dass  unter  42  Fällen  bloß  in  2  (nämlich  im  Falle 
Cabaret  und  Riebet),  und  da  erst  bei  der  Operation,  der  Processus 
vermiformis   im  Bruchsacke  ohne  Peritonealüberzug  vorgefunden  wurde. 

Die  Behandlung  beider  Arten  der  Wurmfortsatzhernien,  sowohl  der 
irreponiblen  als  der  eingeklemmten,  ist  ungefähr  gleich.  In  beiden  Fällen 
empfiehlt  es  sich,  den  Wurmfortsatz  zu  beseitigen,  und  zwar  durch  Am- 
putation in  der  Entfernung  von  ungefähr  1  cm  vom  Blinddarme,  und  dies 
so,  dass  wir  mit  einem  Schnitte  den  Wurmfortsatz  absetzen,  sodann  am 
centralen  Ende  mit  einer  Cooper'schen  Schere  die  vorquellende  Schleimliant 
trichterförmig  ausschneiden  und  über  dem  so  entstandenen  Trichter  die 
Muscularis  und  Serosa  mit  einigen  Heften  vereinigen,  unter  Einrollung  des 
Bauchfelltiberzuges.  Ebenso  können  wir,  nach  dem  Beispiele  von  Mikulicz, 
den  Wurmfortsatz  durch  einen  die  Serosa  und  Muscularis  durchsetzenden 
Manschettenschnitt  abtragen,  die  Mucosa  aber  etwas  höher  centralwärts 
diirch schneiden  und  über  der  Wunde  die  eingerollte  Serosa  vereinigen. 
In  zahlreichen,  vom  Verfasser  operierten  Fällen  dieser  Art  bewährte  es 
sich,  den  so  vereinigten  Wurmfortsatz  mittelst  einiger  länger  gelassenen 
Nähte  in  der  Wunde  zu  befestigen,  damit  durch  Nachgeben  einer  Naht 
nicht  eine  Allgemeinansteckung  der  Bauchhöhle  entstehe. 


Eine  weitere  Art  von  seltenen  Hernien  ist  der  Bruch  der  Harn- 
blase und  der  Tuba  Fallopise,  welche  insofern  nebeneinander  genannt 
werden  müssen,  als  ihr  gleichzeitiges  Vorkommen  im  Bruchinhalte  wenigstens 
bei  einer  bestimmten  anatomischen  Art  der  Brüche,  nämlich  dem  Schenkel- 
bruche, häufig  beobachtet  wird. 

■  Die  Harnblasenbrüche  wurden  im  Jahre  1892  in  der  russischen  Zeit- 
schrift „Chirurgitscheski  Wiestnik"  von  Siegel  abgehandelt;  er  veröffentlichte 
73  Fälle,  und  zwar  48  Leisten-,  10  Perineal-.  4  obturatorische,  4  Schenkel- 
und  je  1  Hernie  der  weißen  Linie  und  des  Hüftbeinausschnittes.  Im 
Jahre  1893  veröffentlichte  Aue  eine  Arbeit  über  denselben  Gegenstand 
mit  59  Fällen,  von  denen  43  bei  Leistenhernien  beobachtet  wurden  (von 
diesen  waren  13  linkerseits,  10  rechterseits  und  3  beiderseits),  8  Perineal- 


0. 


r 


176 


Harnblasenbrttclie. 


hernien  (2mal  auf  beiden  Seiten),  3  Hernien  des  eirunden  Loches,  2  der 
weißen  Linie,  2  Schenkelhernien  und  1  ischiadische.  Es  scheint,  dass  die 
meisten  in  den  beiden  citierten  ZusammensteHungen  gesammelten  Fälle 
kaum  verschieden  sind,  da  aucli  die  A  ue 'sehe  Arbeit  im  Jahre  1890  im 
„Chirurgitscheski  Wiestnik"  erschienen  war. 

Als  prädisponierende  Ursachen  zum  Entstehen  von  Harnblasenbrüchen 
hat  man  angeführt:  alle  krankhaften  Zustände,  welche  eine  Schwächung 
und  Ausdehnung  der  Harnblase  im  Gefolge  haben,  daher  die  Hypertrophien 
der  Prostata  und  Stricturen  der  Harnröhre;  weiter  Lockerung  des  eben 
erwähnten  Organs  nach  einer  reichlichen  Fettentwickelung  um  dasselbe  und 
nachträgliclier  plötzlicher  Abmagerung,  ebenso  nach  häufigen  Schwanger- 
schaften. Englisch  meint,  dass  die  Schrumpfung  der  seitlichen  Befestigungs- 
bänder der  Harnblase  Ursache  von  Hernien  sei,  insofern,  als  dann  der 
Widerstand  bei  Blasenfüllung  rückwärts  größer  ist  als  auf  der  Seite,  worauf 
das  Bauchfell  in  der  Gegend  des  Leistenringes  emporgehoben  und  hiedurch 
die  subperitoneale  Scliichte  gelockert  wird.  Dies  sollte  auch  ein  Hindernis 
bei  Verwachsung  des  Processus  vaginalis  peritonei  abgeben.  Die  Behauptungen 
Arm  and 's  und  Emmert's,  dass  die  Cystocelen  stets  angeboren  sind,  da 
die  Brüche  immer  größer  zu  sein  pflegen  als  die  Bruchringe,  dass  weiter 
die  Ligamenta  lat.  vesicse  ein  Hindernis  der  Bruchbildung  abgeben,  sodann 
dass  der  Bruch  im  Processus  vaginalis  peritonei  im  Hodensacke  vorge- 
funden wurde  und  dass  manche  dieser  Hernien  von  Kindheit  auf  bestehen, 
verwirft  Aue  und  weist  darauf  hin,  dass  sich  viele  der  Harnblasenbrüche 
allmählich  entwickeln,  dass  die  Versuche  EngHsch's  dem  widersprechen, 
dass  die  Seitenbänder  der  Harnblase  die  Entstehung  der  Brüche  hindern 
würden  und  dass  die  Mehrzahl  der  Brüche  denn  doch  im  höheren  Alter 
vorkommt. 

Die  Harnblasenbrüche  wurden  bereits  im  Jahre  1753  Gegenstand 
einer  wissenschaftlichen  Abhandlung,  indem  Verdier  in  den  „Memoiren 
der  königl.  chirurg.  Akademie  in  Paris"  einen  Fall  von  Schenkelbruch 
veröffentlichte,  dessen  Inhalt  die  Harnblase  war,  demnach  eine  Cystocele 
cruralis.  Ein  zweiter  Fall  wurde  im  Jahre  1790  in  Russland  veröffentlicht. 
Häufigere  Befunde  dieser  Art  wurden  erst  bei  den  unter  dem  Schutze  der 
Antisepsis  ausgeführten  Radicaloperationen  der  Brüclie  erhoben,  so  dass 
wir  von  der  femoralen  Abart  der  Harnblasenbrüche  bis  nun  6  Fälle  kennen, 
auch  wenn  wir  nach  dem  Beispiele  von  (.^uepin  (im  Handbuche  von 
Duplay-Reclus)  zwei  Fälle,  und  zwar  jenen  von  Port  und  den  von 
Simon  L  e  V  r  e  n  t,  welche  zweifelhaft  sind,  ausscheiden.  Was  die  ana- 
tomische Erscheinung  dieser  Hernien  betrifft,  so  kann  sich  in  derselben 
vor  allem  jener  Theil  der  Harnblase  befinden,  welcher  des  Peritoneal- 
überzuges  entbehrt,  demnach  präperitoneal  liegt.  Eine  derartige  Hernie 
stellt  einen  bläulich  durchscheinenden  und  gespannten  Körper  dar,  so  dass 


Hamblasenbrüclie. 


177 


sie  dem  von  Flüssigkeit  erfüllten  gespannten  Bruchsacke  ähnlich  sieht 
und  von  Aue  auch  als  solcher  angeschnitten  vrurde.  In  anderen  Fällen 
befindet  sich  neben  der  Harnblase  entweder  am  inneren  oder  hinteren 
Umfange  auch  ein  peritonealer  Bruchsack,  nicht  selten  mit  einigen  Tropfen 
seröser  Flüssigkeit  gefüllt.  Das  Harnblasendivertikel  hatte  das  Aussehen 
eines  abgerundeten,  schwärzlichen,  gespannten  Gebildes,  welches  fluctuierte. 
Dieses  Säckchen  —  also  ein  Blasendivertikel  —  wurde  denn  auch  that- 
sächlich  an  der  Basis  unterbunden,  hierauf,  und  zwar  ohne  Schaden,  in 
die  Bauchhöhle  reponiert,  ohne  dass  der  Operateur  eine  Ahnung  von  dem 
Wesen  der  Hernie  gehabt  hätte.  Um  die  inguinalen  Cystocelen  findet  man 
gewöhnlich  eine  stärkere  Fettschichte  gelagert;  kommt  dieselbe  auch  um 
Schenkelhernien  herum  vor,  dann  ist  ein  Irrthum  weniger  möglich,  ob- 
gleich auch  da  die  Fettschichte  für  angewachsenes  Netz  gehalten  wurde. 
Doch  kommt  bei  denselben  diese  Schichte  entweder  gar  nicht  vor,  oder 
ist  ganz  unscheinbar,  so  dass  die  pathogenetische  Anschauung,  nämlich 
als  ob  diese  Hernien  eingeleitet  würden  durch  das  Vordringen  eines 
Fettläppchens  durch  die  Bauchwand  bis  unter  die  Haut  (M  o  n  o  d  et 
Delageniere),  gewiss  unrichtig,  wenigstens  nicht  für  alle  Fälle 
haltbar  ist.  Der  Bauchfellsack,  welcher  neben  der  Harnblase  vorge- 
funden wurde,  ist  entweder  leer  oder  er  beherbergt  Netz  oder  einen 
Darmtheil. 

Was  die  klinische  Erscheinung  dieser  Hernie  betrifft,  so  bildet  die 
Cystocele  cruralis  einen  Tumor  in  der  uns  bekannten  Gegend,  welcher 
sehr  oft  irreponibel  ist,  weil  der  Bruch  sehr  gerne  mit  seiner  Umgebung 
verwächst.  Dieser  Umstand  verschuldet  es  auch,  dass  die  Harnblase  bei 
der  operativen  Isolierung  öfters  angerissen  wurde.  Das  den  Bruch  bildende 
Harnblasendivertikel  enthält  gewöhnlich  einige  Tropfen  Flüssigkeit,  welche 
beim  zufälligen  Anschneiden  hervorspritzt  und  nach  dem  eigenthümlichen 
Gerüche  leicht  als  Harn  erkannt  wird.  Die  Menge  pflegt  gewöhnlich  ganz 
unbedeutend  zu  sein  und  es  ist  nach  den  gemachten  Erfahrungen  wahr- 
scheinlich, dass  diese  Flüssigkeit  in  einer  Cystocele  keinen  allzu  raschen 
Zersetzungsvorgängen  unterliegt.  Blut  wurde  in  der  Harnblase  nur  in 
einem  Falle  (Monod)  beobachtet.  Zuweilen  kommt  bei  einer  Cystocele 
die  eigenthümliche  Erscheinung  vor,  dass  vom  Kranken  kein  Harn  entleert 
wird  und  doch  keine  Blasenerweiterung  nachweisbar  ist,  dafür  aber  eine 
Vergrößerung  der  Bruchgeschwulst  eintritt.  Von  Gueterbock  wurde  als 
Zeichen,  welches  bei  dem  Vorhandensein  einer  Hernie  auf  einen  Harn- 
blasenbruch schließen  ließe,  angefühi't.  dass  wir  währc*nd  der  Einspritzung 
einer  selbst  größeren  Menge  von  Flüssigkeit  bei  bimanueller  Untersuchung 
nicht  das  Gefühl  des  Ballotements  der  Harnblase  haben,  höchstwahr- 
scheinlich deswegen,  weil  ein  Harnblasenzipfel  in  einer  der  Bruchpforten 
verfangen  ist,  wodurch  dieselbe  unbeweglich  wird. 

Maydl,  Specielle  Chirurgie.  1.  12 


178 


Sarnblasenbrüche. 


Die  Cystocele  cruralis  kann  längere  Zeit  hindurch  für  einen  Darm- 
bruch imponieren,  da  die  Kranken  ziemlich  verlässlich  angeben,  dass  ihr 
Bruch  zeitweilig  vollständig  verschwinde,  um  bald  darauf  wieder  zu  er- 
scheinen, wie  es  bei  Darmbrüchen  zu  sein  pflegt.  Diese  Auffassung  kann 
umso  näher  liegen,  wenn  die  Cystocele  auf  einer  Seite  einen  Bruchsack 
trägt,  welcher  Darmschlingen  enthalten  kann. 

Es  wäre  gewiss  sehr  natürlich,  bei  Cystocelen  irgend  welche  Er- 
scheinungen von  Seite  der  Harnblase  zu  erwarten,  aber  solche  Symptome 
sind  ziemlich  selten;  bloß  im  Aue 'sehen  Falle  klagte  der  Kranke  manch- 
mal über  Harnverhaltung. 

Wie  bei  einer  Darmhernie,  beobachtete  man  auch  bei  diesem  Bruche 
eine  plötzliche  Einklemmung,  und  zwar  unter  solchen  Erscheinungen,  dass 
der  Gedanke  an  eine  Darmeinklemmung  sehr  nahe  lag,  nämlich:  Erbrechen, 
Ausdehnung  des  Unterleibes  und  Verstopfung.  In  manchen  Fällen  wird  es 
aber  auffällig  sein,  dass  trotz  verhältnismäßig  lange  dauernder  Ein- 
klemmung sich  doch  keine  Erscheinungen  von  Darmgangrän  entwickeln. 

Diese  Cystocele  bildet  in  der  subinguinalen  Gegend  eine  Geschwulst 
bis  zu  Apfelgröße,  welche  mit  normaler  Haut  bedeckt,  manchmal  fest, 
manchmal  weich  ist.  Die  eingeklemmte  Cystocele  cruralis  ist  immer  (auch 
in  der  Narkose)  irreponibel,  wenigstens  ist  ihre  Taxis  bisher  stets  miss- 
lungen.  Sie  ist  stets  schmerzhaft.  Das  Erbrechen  kann  sich  bis  zur  Ent- 
leerung von  fäcaloiden  Massen  steigern,  auch  wenn  in  der  Cystocele  kein 
Darm  vorgelagert  ist.  Auch  bei  dieser  Hernie  kann  es  zur  Entwickelung 
einer  ganzen  Scala  von  nervösen  Erscheinungen  kommen,  ja  sogar  eine 
Herzlähmung  herbeigeführt  werden. 

Die  Behandlung  kann  natürlich  nur  chirurgisch  sein,  und  es  muss 
schon  an  dieser  Stelle  bemerkt  werden,  dass  von  Seite  der  Harnblase 
keine  besonderen  Maßregeln  getroffen  werden  müssen.  War  der  Bruch 
mit  dem  Vorfall  von  anderen  Eingeweiden  combiniert.  so  werden  zuerst 
die  letzteren  reponiert  und  dann  erst  der  an  die  Harnblase  angewachsene 
Bruchsack-,  ist  der  letztere  verdickt  und  würde  er  ein  Hindernis  für  die 
Reposition  abgeben,  dann  kann  er  reseciert  werden,  wobei  allerdings 
darauf  zu  achten  ist,  dass  die  Harnblase  nicht  mitverletzt  wird.  Die  Re- 
position der  vorgelagerten  Harnblase  hat  bei  der  Operation  nie  namhafte 
Schwierigkeiten  verursacht,  so  dass  wir  nicht  den  Rath  zu  ertheilen 
brauchen,  wegen  Verkleinerung  des  Bruches  eine  Incision  der  Harnblase 
und  Entleerung  des  Inhaltes  vorzunehmen.  Zu  diesem  Zwecke  genügt  es 
häufig,  die  Harnblase  selbst  zu  entleeren,  worauf  dieselbe  zusammenfällt 
und  mit  ihr  auch  der  im  Bruche  ausgestülpte  Theil  derselben.  Stets  wird 
jedoch  eine  hinreichende  Erweiterung  des  Bruchringes  und  eine  vorsichtige 
Isolierung  der  Harnblase  aus  den  sie  umgebenden  Verwachsungen  em- 
pfohlen. Wenn  die  Harnblase  verletzt  worden  ist,  so  soll  sie  nach  vorher- 


Harnbiasenbrüche. 


179 


gehendem  Peritonealabschlusse  vernäht  und  durch  die  oberflächlichen 
Wundschichten  ein  Drainagerohr  eingeführt  werden.  Die  Folgen  der 
Operation  waren  in  solchen  Fällen  recht  unbedeutend,  auch  im  Falle 
Gueterbock's,  in  welchem  zwar  der  Patient  an  einer  complicierenden 
Krankheit  am  11.  Tage  starb,  die  Nähte  der  Harnblase  aber  vollkommen 
gut  gehalten  haben. 

Anders  verhalten  sich  die  Dinge  mit  der  inguinalen  Cystocele, 
welche  bei  weitem  häufiger  ist,  da  sie  unter  den  73  Fällen  der 
Spiegel'schen  Sammlung  48mal  vorkam.  Am  Lebenden  wurde  sie  nur 
in  27  Fällen  beobachtet,  bei  denen  die  Harnblase  entweder  bei  der 
Radicaloperation  der  Hernie  oder  bei  der  Herniotomie  im  Bruchsacke  vor- 
gefunden wurde;  unter  diesen  27  Fällen  wurde  20mal  die  Harnblase  ver- 
letzt, jedoch  in  7  Fällen  die  Verletzung  zur  richtigen  Zeit  erkannt. 

Schon  zu  Zeiten  Verdier 's  wurde  ein  ganzer  Symptomencomplex 
angegeben,  nach  welchem  eine  inguinale  Harnblasenhernie  erkannt  werden 
sollte,  und  sind  auch  thatsächlich  Fälle  bekannt  geworden,  in  denen  ein 
solcher  Bruch  in  seiner  Wesenheit  bei  Lebzeiten  richtig  diagnosticiert  wurde. 
Unter  den  Symptomen,  aus  denen  es  manchmal  möglich  wäre,  eine  Cystocele  7v  ft> 
zu  erkennen,  sind  die  Beschwerden  beim  Urinlassen,  die  mit  Vorliebe  auf- 
gesuchte bestimmte  Körperlage,  der  Druck  auf  die  Leistengegend  und  den 
Hodensack,  damit  der  Urin  ganz  entleert  werden  könne,  endlich  die  Harn- 
verhaltung mit  dem  Erscheinen  einer  Geschwulst  in  der  Leistengegend,  die 
Harnentleerung  in  zwei  Abtheilungen,  so  dass  sich  zuerst  die  Harnblase 
selbst,  dann  durch  Druck  der  Diverticulartumor  in  der  Leistenbeuge  ent- 
leeren würde  etc.,  genannt.  Der  Tumor  selbst  pflegt  rundlich,  gespannt, 
fluctuierend,  ein  andermal  flach,  weich,  beinahe  immer  irreponibel  zu 
sein,  und  zwar  auch  dann,  wenn  beinahe  der  ganze  übrige  Bruch,  sofern 
er  Darm  enthielt,  reponiert  wurde;  auch  dann  bleibt  noch  ein  kuchen- 
förmiger  Rest  außen  vor  der  Bruchpforte'  wahrnehmbar.  Endlich  wurden 
auch  gewisse  Zeichen  der  Verbindung  der  Geschwulst  mit  der  Harnblase 
sichergestellt,  und  zwar  entweder  bei  der  Entleerung  der  Harnblase  oder 
bei  Einspritzung  von  Flüssigkeiten  in  dieselbe.  Das  letztere  Symptom  ist 
ziemlich  verlässlich,  doch  ist  es  nothwendig,  dass  der  Operateur  seine 
Aufmerksamkeit  demselben  zuwendet  und  angesichts  eines  Bruches  daran 
denkt,  dass  es  sich  auch  um  einen  Bruch  der  Harnblase  handeln  könnte. 

Bei  der  Betastung  des  Bruches  kann  man  manchmal  constatieren, 
dass  an  der  Innenseite  des  Bruchsackes  ein  Stiel  verläuft,  welcher  doppel- 
schichtig ist  und  nicht  so  sehr  nach  oben  gegen  die  Bauchhöhle,  als 
nach  rückwärts  gegen  und  hinter  die  Symphyse  hin  verläuft. 

Zur  Anatomie  des  Bruches  muss  noch  nachträglich  bemerkt  werden, 
dass  noch  eine  sogenannte  Hernia  vesicalis  intrasaccularis  und 
eine  ebensolche  extrasacculäre  bekannt  ist.  Der  Unterschied  zwischen 

12* 


180 


Härnblaseiibräche . 


denselben  besteht  darin,  dass  bei  der  ersten  Abart  die  Harnblase  in  einem 
Bruchsacke  liegt  und  daher  auch  einen  unmittelbaren,  eigenen  Peritoneal- 
überzug  hat,  während  bei  der  zweiten  Abart  die  Harnblase  außerhalb  des 
Bruch sackes  gelegen  ist.  was  bei  den  meisten  Vesicalhernien  der  Fall 
zu  sein  pflegt.  Sehr  oft  pflegt  die  Harnblase  von  dem  übrigen  Darm- 
inhalte verdeckt  zu  sein. 

Der  älteste  Fall  dieser  Art  wurde  bereits  im  Jahre  1650  von 
Platter  veröffentlicht;  es  handelte  sich  damals  um  einen  rechtsseitigen 
Leistenbruch  der  Harnblase,  welcher  nicht  diagnosticiert  wurde  und  wo 
trotzdem  die  Exstirpation  der  Geschwulst  vorgenommen  wurde;  hiebei 
entleerte  sich  Urin  aus  der  angeschnittenen  Harnblase.  Die  Wunde  wurde 
nicht  genäht,  sondern  eine  Fistel  belassen,  welche  das  ganze  Leben  an- 
dauerte. Hundert  Jahre  später  hat  Guyon  (de  Harpenteras)  ebenfalls 
einen  vermeintlichen  Abscess  in  der  Leistenbeuge  operiert,  wobei  er  aber 
sofort  über  die  Natur  der  Geschwulst  belehrt  wurde,  als  aus  der  Wunde 
Harn  ausfloss;  es  wurde  ein  permanenter  Katheter  eingelegt,  die  Wunde 
nicht  genäht  und  es  trat  in  Bälde  Heilung  ein.  Der  dritte  Fall  rührt  von 
Pott  her;  die  Geschwulst  gehörte  dem  Samenstrange  an  und  wurde 
als  „solide  Cyste"  diagnosticiert;  der  vorgefallene  Theil  der  Harnblase 
wurde  exstirpiert,  und  zwar  sammt  dem  in  demselben  befindlichen  Stein; 
hiebei  floss  natürlich  sofort  Harn  aus,  Nähte  wurden  aber  nicht  angelegt 
und  abermals  trat  Heilung  ein.  Unter  solchen  Fällen  zählen  wir  18  Leisten- 
brüche und  2  Schenkelbrüche,  nämlich  die  Fälle  von  Aue  und  Gueterbock; 
von  diesen  18  Fällen  von  Leistenbrüchen  wurden  10  auf  der  rechten  und 
5  auf  der  linken  Seite  beobachtet,  während  3mal  die  Seite  nicht  ange- 
geben ist.  Von  den  zufälligen  bei  der  Herniotomie  erfolgten  Verletzungen 
der  Harnblase  starben  6,  die  übrigen  heilten,  wodurch  gewiss  unstreitig 
die  Unrichtigkeit  des  alten  Aphorismus :  „cui  per  secta  vesica,  mortale" 
erwiesen  ist. 

Das  Beispiel  Just's,  welcher  im  Jahre  1890  einen  Mann  operierte, 
der  insofern  an  Beschwerden  litt,  als  er  manchmal  nicht  imstande 
war,  in  aufrechter  Lage  den  Urin  zu  entleeren,  während  er  in  liegender 
Stellung  ganz  gut  Harn  lassen  konnte,  während  an  der  Scrotalwurzel  in 
der  Leistenbeuge  ein  Geschwulst  erschien,  ist  sehr  belehrend.  Der  Kranke 
hatte  selber  erkannt,  dass  es  sich  um  eine  Harnblasenhernie  handle,  bis  sich 
im  Jahre  1892  der  Bruch  plötzlich  einklemmte;  die  herbeigerufenen  Arzte 
stachen  die  Geschwulst  an,  saugten  etwas  Flüssigkeit  heraus,  welche  ihnen 
Harn  zu  sein  schien.  Bei  Auflegung  von  Eisumschlägen  gelang  die  Taxis 
und  einige  Zeit  hierauf  wurde  die  Radicaloperation  vorgenommen.  Durch 
Einspritzung  von  Borsäurelösung  in  die  Blase  vergrößerte  sich  die  Hernie 
nicht;  aus  der  Wunde,  welche  18 — 20  cm  lang  war,  exstirpierte  man  eine 
Fettraasse,  welche,  von  abgerundeter  Gestalt,  mittelst  eines  Stieles  in  der 


über  den  Brach  des  Eileiters. 


181 


Tiefe  des  Leistencanales  befestigt  war;  hinter  ihr  befand  sich  ein  leerer 
Bruchsack,  dessen  hintere  Wand  in  ihrer  oberen  Hälfte  von  dem  Tumor 
emporgehoben  wurde;  dieser  Sack  wurde  unterbunden  und  reseciert.  Der 
zurückbleibende  Tumor  war  von  einer  fettigen  Masse  bedeckt,  deren 
Wurzel  durch  eine  besondere  Öffnung,  die  vom  Leistencanale  gesondert 
war,  in  den  Bruch  eintrat:  die  Repositionsversuche  blieben  ohne  Erfolg. 
Die  Geschwulst  wurde  an  ihrer  Basis  angeschnitten,  worauf  eine  weiße 
faltige  Schleimhaut  zum  Vorschein  kam,  und  wiewohl  kein  Harn  aus  dieser 
Öffnung  floss,  konnte  doch  der  in  die  Wunde  eingeführte  Finger  den  in 
die  Harnblase  eingeführten  Katheter  fühlen.  Die  Wunde  wurde  vernäht 
und  die  Geschwulst  an  die  Stelle  der  Harnblase  reponiert.  Die  Exstirpations- 
wunde  war  8 — 9  cm  lang  und  der  abgenommene  Theil  der  Harnblase 
6Xb  cm  groß,  die  Fettschichte  10 — 12  mm  dick.  In  19  Tagen  war  der 
Kranke  geheilt.  In  dieser  Weise  sollte  man  wohl  stets  vorgehen,  wenn 
bei  einer  verkannten  Blasenhernie  eine  zufällige  Verletzung  stattfindet. 
Im  übrigen  unterscheidet  sich  die  Erscheinung  der  Harnblase  bei  einer 
Leistenhernie  kaum  von  der  bei  einer  Schenkelhernie,  außer  durch  den 
Verlauf  des  Stieles,  mittelst  dessen  sie  mit  der  Harnblase  zusammenhängt. 
Auf  die  in  dem  obigen  Falle  (aus  dem  Jahre  1892)  gemachten  Beobachtungen, 
dabs  das  eine  Harnblasenleistenhernie  begleitende  Lipom  nicht  denselben 
Weg  einschlägt,  wie  eine  gewöhnliche  äußere  Leistenhernie,  sondern  dass 
es  von  der  letzteren  durch  die  epigastrischen  Gefäße  getrennt  ist,  weist 
neuerdings  (1896)  mit  großem  Nachdrucke  Monari  hin,  indem  er  sagt, 
dass  der  Verdacht  auf  eine  Cystocele  inguinalis  zur  Gewissheit  wird,  sobald 
die  ebenerwähnten  Verhältnisse  vorgefunden  werden.  Es  würde  demnach 
scheinen,  als  ob  die  Cystocele  inguinalis  häufiger  den  Weg  einer  Hernia 
inguinalis  interna  nehmen  würde,  ohne  dass  man  jedoch  behaupten  könnte, 
dass  dies  in  allen  Beobachtungen  der  Fall  ist.  Zum  Schlüsse  wollen  wir 
noch  erwähnen,  dass  die  Mehrzahl  der  Hernien  mit  einem  Darmbruch, 
außerdem  lOmal  mit  Harnblasensteinen  und  14mal  mit  Incarceration 
qompliciert  war.  ' 


6.  ßber  den  Bruch  des  Eileiters  (Ileriiia  tubae  Fallopiae). 

Der  erste  Fall  eines  Eileiterbruches  wurde  im  Jahre  1834  von 
Berard  veröffentlicht;  es  handelte  sich  um  einen  Schenkelbruch  und  der- 
selbe wurde  mittelst  eines  kleinen  Troicarts  angestochen;  es  flössen  6  bis 
8  Unzen  einer  serösen,  citronengelben  Füssigkeit  aus,  welche  durch  Kochen 
coagulierte.    Nach  Entleerung  des  Tumors  fand  man  an  seiner  Basis  ein 


182 


Über  den  Bruch  des  Eileiters. 


abgerundetes  Körperchen  von  ungefähr  Haselnussgröße,  welches  im  Schenkel- 
ringe lag.  Dieser  Tumor  blieb  irreponibel  und  versteckte  sich  gewisser- 
maßen in  der  Tiefe  der  Bauch  wand.  Man  deutete  diesen  Theil  als  Netz. 
Den  dritten  Tag  nach  der  Function  gieng  die  Kranke  zugrunde,  und  zwar 
nachdem  sich  Bauchschmerzen,  Erbrechen,  Phlegmone,  endlich  Entzündung 
des  Bauchfells  eingestellt  hatten,  worauf  der  letale  Exitus  folgte.  Alles 
war  selbstverständlich  durch  die  Infection  des  Bruchsackes  und  ihre  Pro- 
pagation  in  die  Bauchhöhle  bedingt.  Der  Bruchsack  selbst  enthielt  die 
hypertrophische  Tuba,  welche  an  die  Innenfläche  des  Bruchsackes  nicht 
angewachsen  war;  der  Eierstock  selbst  lag  an  der  vorderen  Peripherie  des 
Bruchsackhalses.  Berard  selbst  sprach  die  Meinung  aus,  dass  ein  der- 
artiger Bruch  ungemein  selten  sei,  da  er  in  der  Literatur  keinen  analogen 
Fall  vorfinden  konnte;  bald  darauf  wies  Dezeimeris  darauf  hin,  dass 
schon  im  Jahre  1809  ein  ähnlicher  Fall  von  Voigt  veröffentlicht  worden 
sei.  In  diesem  Falle  betraf  der  Bruch  eine  36jährige  Frau.  Der  Arzt  wurde 
ungefähr  am  10.  Tage  der  Einklemmung  herbeigerufen.  Der  Bruch  war 
schmerzhaft  und  fluctuierte,  am  nächsten  Tage  öffnete  sich  die  Geschwulst 
infolge  von  warmen  Uberschlägen  und  es  entleerte  sich  aus  derselben  ein 
stinkender  Eiter.  Man  sah  sodann  in  der  Tiefe  ein  Körperchen  von  unge- 
fähr Halbzolllänge.  Dieses  Körperchen  zog  sich  die  Kranke  beim  Verbinden 
der  Wunde  selbst  heraus  und  man  erkannte,  dass  dasselbe  4  Zoll  lang 
und  wie  ein  Federkiel  dick  sei,  dass  sein  Ende  fransenartig  ist  und  dass 
durch  dasselbe  ein  Canal  verlief,  in  welchen  man  eine  Sonde  einführen 
konnte.  Die  Wunde  heilte  binnen  14  Tagen  und  die  Kranke  blieb  sodann 
vollständig  gesund.  Dezeimeris  dachte  an  einen  Bruch  des  Processus 
vermiformis,  obwohl  die  Schwierigkeit,  den  Bruch  als  jenen  des  Eileiters 
zu  deuten,  nur  dadurch  bedingt  war,  als  man  bisher  keinen  analogen  Fall 
kannte.  Ein  weiterer  Fall  wurde  sodann  erst  im  Jahre  1842  von  Aubry, 
im  Jahre  1854  von  Dolbeau,  im  Jahre  1879  von  Dupont,  im  Jahre  1882 
von  Bockel  veröffentlicht,  bis  im  Jahre  1889  Brunner  auf  Grund  von 
zwei  weiteren  Fällen  eine  ausführlichere  Studie  über  diesen  Gegenstand 
unternahm.  Hierauf  wurden  noch  zwei  Fälle,  einer  von  Kusmin  und  einer 
von  Göpel,  und  endlich  ein  letzter  dreizehnter  Fall  vom  Verfasser  ver- 
öffentlicht, bei  denen  zum  erstenmale  eine  sogenannte  rückläufige  Incarce- 
ration  der  Tuba  beobachtet  wurde.  Außerdem  kennen  wir  noch  2  Fälle, 
von  denen  einer  von  Konrady  und  Voigt,  der  andere  von  Bandl, 
aber  nur  mit  wenigen  Zeilen,  erwähnt  wird.  Unter  den  genau  beschriebenen 
13  Fällen  finden  wir  9  Schenkel-  und  4  Leistenbrüche;  2  von  ihnen  sind 
nicht  ausschließliche  Tubarbrüche. 

Man  hat  die  Erfahrung  gemacht,  dass  zwar  in  Leistenbrüchen  recht 
häufig  der  Eierstock,  seltener  aber  die  Gebärmutter  sammt  dem  Eileiter 
vorgefunden  werden,  dass  aber  die  Schenkelhernien  des  Eileiters  nur  sehr 


über  den  Bruch  des  Eileiters. 


183 


selten  die  Tuba  und  fast  nie  den  Uterus  enthalten,  so  z.  B.  der  Fall  von 
Pollard  (veröffentlicht  im  „Lancet"  am  27.  Juli  1889).  Außer  in  Leisten- 
und  Schenkelbrüchen  wurde  die  Tuba  noch  in  keinem  anderen  Bruche 
constatiert,  wiewohl  Kusmin  auf  die  Möglichkeit  eines  ischiadischen 
Bruches  der  Tuba  hinweist.  Nur  einmal  kam  der  Tubarbruch  auf  der  linken 
Seite  vor,  8mal  dagegen  auf  der  rechten,  während  in  4  Fällen  die  Seite 
nicht  genauer  bezeichnet  wird.  Die  Pathogenese  dieses  Bruches  ist  wohl 
dieselbe  wie  die  des  Eierstockbruches,  von  welchem  Cruveilhier  be- 
merkt, dass  bei  der  tubo-ovarialen  Hernie  der  Weg  gewöhnlich  von  der 
Tuba  erschlossen  wird.  Die  Fixation  derselben  in  der  Nähe  der  gewöhnlichen 
Bruchpforten  erleichtert  die  Entstehung  des  Bruches. 

Es  könnte  wohl  auch  die  Frage  aufgeworfen  werden,  ob  die  Tubar- 
brüche angeboren  oder  erworben  sind?  Wie  jedoch  Englisch  von  den 
Eierstocksbrüchen  erwähnt,  sind  gewiss  auch  die  cruralen  Tubarbrüche 
durchaus  erworbene  Hernien,  und  zwar  entstehen  sie  zumeist  durch  eine 
gewaltsame  Muskelanstrengung;  hiebei  ist  jedoch  nothwendig,  dass  auch 
die  Ala  vespertilionis  oder  das  breite  Mutterband  genügend  lang  sind, 
ebenso  wie  zur  Bildung  von  Darmbrüchen  eine  hinreichende  Länge  der 
Mesenterien  erforderlich  ist.  Es  ist  auch  möglich,  dass  durch  das  Alter, 
dutch  Abmagerung  und  gewisse  Dislocationen  des  Uterus  eine  Prä- 
disposition zur  Entstehung  des  Tubarbruches  gebildet  wird. 

Es  ist  recht  schwer,  aus  den  vorliegenden  Beobachtungen  eine 
klinische  Beschreibung  des  Verlaufes  einer  Tubarhernie  zu  liefern,  da, 
ausgenommen  in  dem  Falle  des  Verfassers,  keiner  der  beschriebenen  Fälle 
bei  Lebzeiten  beobachtet  wurde,  ja  es  wurde  nicht  einmal  der  Verdacht 
auf  eine  diesbezügliche  Bruchart  ausgesprochen.  Besondere  functionelle 
oder  physikalische  Merkmale,  nach  denen  in  Hinkunft  ein  Eileiterbruch 
erkannt  werden  könnte,  wurden  bisher  nicht  constatiert. 

Unter  den  literarisch  bekannten  13  Fällen  wurde  eine  Einklemmung 
3mal  beobachtet,  und  zwar  war  dieselbe  immer  sehr  streng:  2mal  wurde, 
wie  in  dem  oben  erzählten  Falle  Vo igt's,  ein  Abscess  im  Bruchsacke 
constatiert.  Der  zweite  Fall  endete  an  einer  Peritonitis  tödtlich;  bei  der 
Section  fand  man  einen  Abscess  im  Leistenbruchsacke,  welcher  mit  der 
Bauchhöhle  communicierte,  und  in  diesem  Räume  schwamm  die  Tuba, 
von  einer  serösen  Flüssigkeitsansammlung  dilatiert.  Eine  ähnliche  cystische 
Umwandlung  der  herniösen  Tuba  beobachteten  Berard  und  Kusmin, 
jedoch  ohne  umgebenden  Abscess;  Lejars  und  Göpel  fanden  eine  Pyo- 
salpinx,  und  zwar  jener  in  einem  Leistenbruche,  dieser  in  einem  Schenkel- 
bruche: in  diesem  letzteren  Falle  wurde  auch  die  ungemein  seltene  Be- 
obachtung einer  wandständigen  Hernie  der  erweiterten  Tuba  gemacht. 
Kusmin  beobachtete  eine  Schenkelhernie,  bei  welcher  der  größte  Theil 
der  Tuba  oberhalb  des  Poupart'schen  Bandes  lag. 


184 


über  den  Bruch  des  Eileiters. 


In  manclien  Fällen  könnten  vielleicht  Symptome,  wie  Irreponibilität, 
Schmerzen,  Nausea,  Erbrechen,  welches  sich  jedoch  nicht  zur  Entleerung 
Yon  fäcaloiden  Massen  steigert,  unregelmäßiger,  manchmal  angehaltener, 
jedoch  nie  absolut  ausbleibender  Stuhl,  den  Verdacht  auf  eine  Tubarhernie 
wachrufen.  Häufig  wurden  reflectorische  Erscheinungen  von  Seite  der 
Nerven  constatiert,  Krämpfe,  Gliederstarre,  kurz  recht  oft  ist  die  Ein- 
klemmung einer  Tubarhernie  der  Incarceration  eines  Darmbrnches  auf- 
fallend ähnlich.  Die  eingeklemmte  Tuba  pflegt  hyperämisch,  ödematös  zu 
sein,  mitunter  auch  bereits  infolge  sehr  enger  Einschnürung,  welche  aus- 
giebige Spaltungen  des  Ringes  erfordert,  von  Gangrän  bedroht.  Das  Aus- 
sehen der  Tuba  mit  ihrem  Fimbrienende  wurde  in  diesem  Zustande  mit 
einem  Hahnenkamm  verglichen.  Die  Veränderungen  entwickeln  sich  weiter 
ziemlich  rasch,  so  dass  wir  sehr  bald  eine  übelriechende  Flüssigkeit  be- 
merken, aixch  pseudomembranöse  Belege  der  Tuba;  dieselbe  ist  erweicht 
und  stellenweise  sogar  schwärzlich  verfärbt.  Nach  einer  Beobachtung 
V  0  i  g  t  's  kann  der  so  veränderte  Eileiter  auch  vollständig  abfallen.  Es 
scheint  also,  dass  in  derartigen  Fällen  die  infectiösen  Stoffe  aus  der  Tuba 
durch  ihre  terminale  Öffnung  in  den  Bruchsack  eindringen  und  ihn  eitrig 
inficieren.  Auch  ist  es  möglich,  dass  nach  der  Reposition  eben  dieselben 
Mikroorganismen,  in  ihrer  Virulenz  durch  die  Incarceration  verstärkt,  die 
Bauchhöhle  selbst  anstecken  oder  dass  sogar  der  im  Eileiter  enthaltene 
Eiter  durch  seinen  Erguss  den  Bruchsack  und  später  die  Peritonealhöhle 
verunreinigt. 

Da  in  der  normalen  Tuba  pathogene  Mikroorganismen  sicher  con- 
statiert worden  sind,  so  können  wir  uns  jedenfalls  ziemlich  leicht  das  rasche 
Fortschreiten  der  Entzündungen  dieses  Organs  erklären,  sobald  dasselbe 
durch  Traumen  geschädigt  ist  oder  infolge  der  Incarceration  in  seiner 
Integrität  gelitten  hat.  Auch  eine  gonnorrhoische  Infection  der  Tuba  kann 
leicht  vorkommen,  besonders  bei  der  bekannten  Tendenz  dieser  Entzündungen, 
gegen  den  Uterus  aufzusteigen.  Wenn  der  Eileiter  nicht  vollständig  ver- 
ändert ist,  dann  ist  er  wohl  nicht  unschwer  an  seinem  Fimbrienende  zu 
erkennen,  welches  nicht  unpassend  mit  einer  halberblühten  rothen  Nelke 
verglichen  wird.  Der  Eileiter  könnte  hie  und  da  auch  mit  dem  Wurm- 
fortsatz verwechselt  werden,  aber  der  letztere  ist  dicker,  fester  und  pflegt 
gegen  den  Bruchsack  mittelst  seines  Mesenteriolums  angeheftet  zu  sein; 
auch  fehlt  demselben  am  Ende  die  bereits  erwähnte  Fransenkrone. 

Eine  gangränöse  Tuba  kann  wohl  nicht  anders  als  durch  Excision 
behandelt  werden,  welche  ungefähr  so  ausgeführt  wird  wie  die  Absetzung 
eines  erkrankten  Processus  vermiformis.  Eine  solche  Abtragung  der  Tuba 
könnte  übrigens  bei  Einklemmung  derselben  auch  bei  nicht  gangränösen 
Hernien  empfohlen  und  von  derselben  nur  dann  abgerathen  werden,  wenn 
es  sich  um  eine  beiderseitige  Hernie  bei  einer  jungen  Frau  handeln  würde. 


über  den  Bruch  der  Gebärmutter. 


185 


In  diesem  Falle  würde  die  beiderseitige  Absetzung  wohl  einer  vollständigen 
Castration  gleichkommen.  Doch  wie  selten  ist  eine  doppelseitige  Incar- 
ceration,  und  gar  die  der  Eileiter!  Die  Amputation  einer  jeden  eingeklemmt 
gewesenen  Tuba  ist  auch  bei  jüngeren  Personen  berechtigt,  insofern,  als  der 
übrigbleibende  Eileiter  zur  Befruchtung  hinreichend  ist,  und  hauptsächlich 
daher,  weil  ein  solcher  eingeklemmter,  in  die  Bauchhöhle  reponierter  Eileiter 
leicht  Ausgang  einer  circumscripten,  ja  sogar  einer  allgemeinen  Peritonitis 
werden  kann.  Hiezu  kommt  noch  der  Grund,  dass  ein  Eileiter,  der  bereits 
einmal  den  Inhalt  einer  Hernie  gebildet  hatte,  zur  abermaligen  Bildung 
einer  solchen  neigt,  und  zwar  wegen  seiner  Länge,  insbesondere  dann,  wenn 
der  Bruchsack  irgend  welcher  Verhältnisse  halber  nicht  abgetragen  und 
die  Bruchpforte  nicht  hatte  vernäht  werden  können.  Die  Absetzung  der 
Tuba  kann  allerdings  am  allereinfachsten  in  derselben  Weise  ausgeführt 
werden,  wie  man  sie  bei  der  Ovariotomie  zu  üben  pflegt,  nämlich  es  kann 
dieselbe  mittelst  Seiden-  oder  Catgutligatur  einfach  abgebunden  werden, 
worauf  dieselbe  durchschnitten  und  der  Durchschnitt  der  Mucosa  entweder 
mit  dem  Thermokauter  versengt  und  mit  Jodoformpulver  bestreut  wird, 
oder  es  kann  am  Durchschnitte  mit  der  Hohlschere  die  Mucosa  noch  tiefer 
excidiert  werden  und  über  dem  so  entstandenen  Trichter  die  Seromuscu- 
latis  mit  ein  paar  feinen  Knopfnähten  vereinigt  werden. 


Neben  dem  Bruche  des  Eileiters  wurden  auch  Brüche  des  Uterus 
beobachtet,  und  zwar  theils  selbständig,  theils  combiniert  mit  einem  Bruche 
der  entsprechenden  Adnexa  oder  anderer  Eingeweide.  Am  gründlichsten 
kennen  wir  den  Leistenbruch  der  Gebärmutter  selbst,  welchen  im  Jahre  1885 
Eisenhard  zum  Gegenstande  einer  gründlichen  Studie  machte,  worauf 
Brunner  die  daselbst  berichteten  Beobachtungen  auf  8  ergänzte,  in  denen 
allen  sich  der  Gebärmutterbruch  nicht  mit  Schwangerschaft  complicierte. 

Daneben  kennen  wir  eine  Bruchart,  welche  seit  langer  Zeit  der 
Gegenstand  von  Erörterungen  unter  den  Gynäkologen  ist,  nämlich  die 
Hysterocele  uteri  gravidi.  Schon  in  einem  Briefe  an  Fabricius  v.  Hilden 
erzählt  Michael  Dering  von  Breslau  von  zwei  Fällen  von  Gebär- 
mutterbruch, in  denen  der  Kaiserschnitt  ausgeführt  worden  war;  der  eine 
davon  scheint  mit  dem  S  e  n  e  r  t 'sehen  Falle  identisch  zu  sein,  welcher  bei 
diesem  Gegenstande  auch  genannt  wird,  während  der  zweite  Dering'sche 
Fall  mit  dem  Falle  von  Pohl  identisch  ist.  Doch  keiner  von  ihnen  hat 
etwas  mit  der  Operation  der  Margarete  Wolzel  zu  thun,  von  der  Schröder 


186 


über  den  Brnch  der  Gebärmutter. 


in  seiner  Schrift  erzählt.  Der  dritte  Fall  ist  jener  von  Sachsdorf,  welcher 
aber  einen  Bauchbruch  betrifft,  so  dass  er  bei  der  Besprechung  einer 
inguinalen  Hysterocele  ausgeschieden  werden  raüsste.  Clock  führt  diesen 
Fall  unter  den  Hysterocelen,  welche  den  Schenkelring  passiert  hatten,  an. 
Unzweifelhafte  Hysterocelen  aber,  die  durch  den  Inguinalcanal  nach  außen 
traten,  sind  jene  von  Ledesmy,  Rektorzik,  Scanzoni  und  Eisen- 
härd  selbst,  im  ganzen  also  4  Fälle.  Außer  der  inguinalen  Abart  kennen 
wir  seit  Cruveilhier  auch  eine  crurale,  und  zwar  nur  in  zwei  Fällen, 
nämlich  neben  dem  Falle  Cruveilhier 's  noch  den  Fall  L'Allemand's. 
Endlich  kennen  wir  auch  eine  dritte,  obturatorische  Abart  der  Hysterocele. 
Clock  führt  zwar  Kivisch  als  den  ersten  Beobachter  dieser  Hernienart 
an,  weil  dieser  in  seinem  Buche  anführe,  dass  er  ein  pathologisches 
Präparat  kenne,  an  dem  der  rechte  Eierstock  und  Eileiter  durch  den 
Gefäßcanal  in  dem  Foramen  obturatum  hindurchgetreten  sind  und  auch 
die  Gebärmutter  bis  nahe  an  diese  Öffnung  herangezogen  war.  Dies  ist 
jedoch  der  zweite  Fall  von  jenen  drei  obturatorischen  Hernien,  welche 
Blazina  im  Jahre  1848  beschrieben  hat.  Da  in  diesem  Falle  die  Gebär- 
matter  an  den  Canalis  obturatoris  zwar  herangezogen,  jedoch  nicht  durch 
denselben  hindurchgetreten  war,  so  scheint  es,  dass  der  Fall  von  Brunner 
der  einzige  dieser  Art  ist.  In  diesem  Falle  trat  der  Bruch  zwischen  dem 
oberen  und  mittleren  Theile  des  Musculus  obturatorius  externus  hervor 
und  breitete  sich  sodann  zwischen  Musculus  pectineus  und  Adductor  aus. 
demnach  beschrieb  die  Hernie  den  gewöhnlichsten  Weg  eines  obturatorischen 
Bruches.  Zur  Bekräftigung  des  Gesagten  wollen  wir  noch  daran  erinnern, 
dass  auch  Fischer  im  Inhalte  der  obturatorischen  Hernien  26mal  Darm, 
7mal  Netz  und  Darm,  3mal  Harnblase  und  Imal  den  Eierstock,  unter  den 
54  Fällen  von  Benno  Schmidt  3mal  zwar  der  Eierstock  mit  dem  Ei- 
leiter, jedoch  nie  die  Gebärmutter,  endlich  unter  den  80  Fällen  von 
Pimbert  Imal  Darm  mit  Eileiter,  Imal  Darm,  Eierstock  und  Eileiter, 
niemals  jedoch  die  Gebärmutter  vorgefunden  wurde. 

Wir  wollen  hier  zuerst  einige  Details  über  die  Hernia  uteri  mittheilen. 
Bei  der  Untersuchung  eines  Falles  fand  man  die  Scheide  vollständig 
normal  entwickelt,  bei  der  bimanuellen  Untersuchung  zeigte  sich  die  Gebär- 
mutter nach  hinten  und  unten  geneigt.  An  derselben  Kranken  wurde  vor 
4  Wochen  eine  Radicaloperation  ausgeführt,  bei  welcher  man  in  einer 
linksseitigen  Leistenhernie  neben  Darm  auch  den  Eileiter  und  den  Eierstock 
vorfand;  als  man  den  Eileiter  anzog,  wurde  auch  das  entsprechende 
Uterushorn  sichtbar.  Nachdem  der  Darm  reponiert  worden  war,  war  es 
nicht  möglich,  die  Gebärmutter  selbst  zu  reponieren,  dieselbe  wurde  daher 
im  ßruchsacke  gelassen  und  dieselbe  über  ihr  zusammengenäht.  Umso 
auffälliger  war  das  mitgetheilte  Resultat  der  bimanuellen  Untersuchung. 
Es  wurde  daher  einen   Monat  nach  der  ersten   Operation   eine  zweite 


über  den  Bruch  der  Gebärmutter. 


187 


unternommen,  bei  welcher  jauchiger  Eiter  entleert  ward,  und  da  zeigte 
sich,  dass  es  bloß  ein  Abscess  an  dem  gewöhnlichen  Orte  war,  wo  der 
crurale  Bruchsack  hindurchzutreten  pflegt:  der  Schenkelbruchsack  wurde 
unterbunden  und  exstirpiert,  die  Kranke  erholte  sich  und  nach  einigen 
Monaten  wurde  sie  hergestellt,  und  mit  dem  Befunde  entlassen,  dass  die 
Gebärmutter  durch  die  Scheide  vollständig  gut  zu  tasten  ist,  dass  sie 
anteflectiert  und  nach  links  abgewichen  ist,  7  cm  lang,  dass  in  der  großen 
Schamlippe  der  Eierstock  liegt,  von  welchem  in  der  Richtung  ,  nach  auf- 
wärts der  Eileiter  verläuft. 

In  einem  anderen  Falle  wurde  die  Gebärmutter  nicht  vorgezogen, 
sondern  sie  befand  sich  schon  a  priori  im  Bruchsacke.  In  diesem  Falle 
fand  man  einen  Tumor  nach  innen  von  den  Gefäßen,  und  zwar  in  der 
Gegend  des  Musculus  pectineus.  und  aus  den  bestehenden  Symptomen 
machte  man  die  Diagnose  auf  einen  eingeklemmten  Darmbruch  und  zwar 
auf  einen  subpubischen.  Durch  die  Operation  wurde  die  Diagnose  that- 
sächlich  bestätigt,  nur  lag  unter  der  Darmschlinge  nicht  nur  der  Eierstock 
und  der  Eileiter,  sondern  auch  die  mit  ihrem  Fundus  nach  links  und 
unten  geneigte,  anteflectierte,  kleine,  atrophische  Gebärmutter  mit  dem 
Anfang  des  zweiten  Eileiters,  auf  der  hinteren  Seite  des  Bruchsackes  auf- 
ruhend. Der  Darm  und  die  Gebärmutter  mit  den  zugehörigen  Adnexen 
wurde  reponiert,  der  leere  Bruchsack  unterbunden  und  exstirpiert.  Die 
Kranke  starb  amz  weiten  Tage  unter  den  Erscheinungen  einer  Peritonitis.  Der 
Autor  selbst  spricht  sich  über  diese  Hernie  dahin  aus,  dass  dieselbe  erworben 
war,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil  die  Kranke  bereits  dreimal  anstandslos 
geboren  hatte  und  erst  nach  der  dritten  Geburt  die  Hernie  entstanden  ist. 

Wir  kennen  weiter  auch  eine  ischiadische  Hernie  des  Uterus, 
welche  auch  von  einzelnen  Autoren  als  ein  Perinealbruch  gedeutet  wird  und 
welche  wir  schon  einmal  bei  Gelegenheit  der  Besprechung  dieser  Hernien  als 
die  Papen'sche  Beobachtung  erwähnt  haben.  Dieser  Bruch  bildete  einen 
Tumor  in  dem  Gesäße  einer  Frau,  hatte  eine  flaschenförmige  Form,  reichte 
bis  zur  Mitte  der  Waden,  war  ungefähr  eine  Elle  lang  und  von  einer  ge- 
spannten, glänzenden  Haut  bedeckt.  Bei  der  Eröffnung  des  Bruches  zeigte 
es  sich,  dass  beinahe  der  ganze  Darm  in  dem  Bruchsacke  enthalten  war. 
Daneben  erwähnt  der  Autor,  dass  der  „Uterus  oblique  ad  foramen  hernise 
inclinabat" ;  hiedurch  sollte  eigentlick  diese  Beobachtung  aus  der  Reihe  der 
Gebärmutterbrüche  ausgeschieden  und  unter  jene  des  Eierstockes  eingereiht 
werden,  weil  weiter  gesagt  wird:  „et  ovarium  dextrum  una  cum  tuba 
Fallopise  orificio  hernise  inhaerebat". 

Von  Leotaud  wurde  endlich  bei  einer  Negerin  eine  Nabelhernie 
und  zwar  der  schwangeren  Gebärmutter  beobachtet,  an  welchen  Fall  sich 
ein  zweiter  von  Mourrai  anschließt,  wo  die  durch  dieselbe  Bruchpforte 
vorgelagerte  Gebärmutter  ebenfalls  schwanger  war. 


188 


über  den  Bruch  der  Gebärmutter. 


Im  ganzen  kennen  wir  17  Fälle  von  Hysterocelen;  in  9  davon 
vFurde  zugleich  der  Eierstock  mit  dem  Eileiter  in  der  Hernie  vorgefunden, 
in  2  ist  mit  dem  Uterus  und  seinen  Adnexen  zugleich  der  Darm  hervor- 
getreten, in  5  Fällen  war  der  Uterus  in  seiner  Entwickelung  vom  Nor- 
malen abweichend,  und  zwar  beobachtete  man  dreimal  einen  Uterus 
duplex  mit  Vorlagerung  einer  Uterusecke,  zweimal  war  es  ein  Uterus 
unicornis.  Eine  normale  Gebärmutter  in  ihrer  ganzen  Länge  sammt  dem 
Cervix  wurde  nur  einmal,  und  zwar  im  Falle  von  L'AUemand,  constatiert. 
Der  in  einer  Hernie  vorgelagerte  Uterus  war,  wie  natürlich,  stets  ver- 
längert. In  der  Mehrzahl  der  Fälle  handelte  es  sich  um  erworbene  Brüche, 
jedoch  sind  unzweifelhaft  angeborene  Brüche  ebenfalls  sichergestellt.  Wenn 
wir  uns  erinnern,  dass  Dunveux  schon  im  Jahre  1713  die  angeborenen 
Eierstocksbrüche  von  einem  ähnlichen  Vorgange  herleitete,  welchen  wir 
unter  dem  Namen  des  Descensus  testiculorum  beim  Manne  kennen,  so 
können  wir  uns  gewiss  auch  leicht  'vorstellen,  dass  durch  die  Contraction 
oder  Schrumpfung  des  dem  Gubernaculum  Hunteri  analogen  runden  Ge- 
bärmutterbandes auch  eine  Ecke  des  Uterus  hervorgezogen  wird.  Zumeist 
werden  die  Gebärmutterbrüche  jedoch  für  erworbene  gehalten,  und  seit 
den  Zeiten  Cruveilhier's  besteht  die  Auffassung,  dass  die  Brüche  der 
Gebärmutter  eine  Folge  der  Eierstocks-  und  Eileiterhernie  sind,  da  man 
bei  einem  Bruche  der  genannten  Gebilde  auch  die  entsprechende  Uterus- 
ecke zum  Bruchcanale  herangezogen  findet;  hieraus  gienge  hervor,  dass 
in  jedem  Falle  einer  Uterushernie  in  derselben  auch  das  Ovarium  und 
die  Tuba  vorliegen  müssen.  Das  Heranziehen  des  Uterus  geschieht  umso 
leichter,  als  das  Ovarium  und  die  Tuba  zur  hinteren  Bruchsackwand  ad- 
härent  werden  und  dass  sich  die  letzteren  nie  ohne  das  breite  Mutter- 
band dislocieren,  in  welchem  sie  eingelassen  sind,  so  dass  die  Vergrößerung 
des  Bruchsackes  stets  wenigstens  theilweise  auf  Kosten  des  Ligamentum 
latum  erfolgt,  wodurch  natürlicherweise  der  Uterus  herangezogen  wird. 
Es  wären  demnach  die  Eierstocksbrüche  die  erste  Stufe  einer  Ent- 
wickelungsreihe,  deren  letzte  vom  Uterusbruch  gebildet  wäre.  Englisch 
vertritt  in  seiner  Monographie  über  die  Ovarialhernien  die  gegentheilige 
Anschauung,  dass  nämlich  die  Dislocation  des  Ovariums  bei  Gebärmutter- 
brüchen secundär  sei.  Der  Bruch  eines  schwangeren  Uterus  muss  natürlich 
von  dem  Bruche  eines  normalen  Uterus  eingeleitet  werden,  auf  der 
anderen  Seite  aber  erleichtern  vorhergehende  Schwangerschaften  durch 
Erweiterungen  der  Bruchringe  und  Elongation  des  Organs  wieder  die  Ent- 
stehung der  Brüche  selbst. 


Die  Brüche  des  Eierstocks. 


189 


8.  Die  Brüelie  des  Eierstocks. 

Unter  den  Brüchen  der  Eierstöcke  verstehen  wir  jene  Brüche,  deren 
Inhalt  der  Eierstock  selbst  oder  der  Eierstock  mit  dem  Eileiter  ist,  zum 
Unterschiede  von  denen,  wo  neben  dem  Eierstock  und  Eileiter  auch  ein 
Horn  oder  der  Fundus  des  Uterus  oder  derselbe  in  seiner  Totalität  vor- 
liegt, welch  letztere  Hernien  wir  als  Uterusbrüche  kennengelernt  haben, 
und  zwar  aus  dem  bereits  auseinandergesetzten  Grunde,  dass  man  bisher 
durch  keine  Beobachtung  sichergestellt  hat,  dass  die  Gebärmutter  auch 
ohne  das  Ovarium  oder  die  Tuba  in  eine  Hernie  herabgestiegen  wäre,  im 
Gegentheile,  dass  auf  dem  gewissermaßen  durch  den  Eierstock  und  den 
Eileiter  eröffneten  Wege  endlich  auch  der  Abstieg  des  Uterus  (zum  Theile 
oder  in  Gänze)  erfolge. 

Der  Eierstocksbruch  wurde  von  Englisch,  welcher  hierüber  eine 
ausführliche  Schrift  veröffentlichte.  38mal  beobachtet.  Bis  zum  Jahre  1878 
aber  vermehrte  sich  die  Zahl  der  Beobachtungen  (nach  der  Publication 
Puech)  auf  86  Fälle. 

Bezüglich  der  Vertheilung  der  Ovarialhernien  auf  einzelne  Bruch- 
pforten führt  Englisch  folgende  Ziffern  an: 

Äußerer  beiderseitiger  Leistenbruch  9mal, 
„  rechtsseitiger  „  9mal, 
„        linksseitiger  „  5mal, 

„        Leistenbruch,  Seite  unbekannt  4mal, 

daher  Leistenbruch  überhaupt  zusammen  27mal; 
hiezu  rechtsseitiger  Schenkelbruch  4mal, 
linksseitiger  „  4mal, 

Schenkelbruch  ohne  Angabe  der  Seite  Imal, 
daher  Schenkelbruch  überhaupt  zusammen  9mal; 
sodann  Hernia  obturatoria  dextra  Imal, 
„       ischiadica  Imal, 

zusammen  38  Fälle. 

Nach  Puech  kam  der  Schenkelbruch  bereits  14mal  zur  Beobachtung, 
die  ischiadische  Hernie  jedoch  2mal,  und  zwar  wurde  sie  in  dem  zweiten 
Falle  von  der  höchst  seltenen,  ja  einzigen  Complication  einer  ümbilical- 
hernie  des  zweiten  Eierstockes  begleitet.  Nach  demselben  Forscher  sind 
die  einseitigen  angeborenen  Hernien  häufiger  linksseitig,  während  die  er- 
worbenen stets  einseitig  sind  und  meist  auf  der  rechten  Seite  vorkommen. 
Durch  die  angeführte  Zusammenstellung  soll  nicht  vielleicht  gesagt  werden, 
dass  der  Eierstock  in  anderen  Hernien  nicht  vorkomme;  derselbe  wurde 
z.  B.  in  dem  Falle  von  Ruysch  und  Lauverjeat  auch  in  einer  Ventral- 
hernie  beobachtet. 


190 


Die  Brüche  des  Eierstocks. 


Am  häufigsten  wurde  demnach  bisher  die  beiderseitige  Leistenhernie 
des  Eierstockes  beobachtet,  und  zwar  betrafen  von  den  9  Beobachtungen 
7  einen  angeborenen  Leistenbruch  und  in  2  Fällen  sind  die  Angaben  dies- 
bezüglich so  unvollständig,  dass  es  scheint,  dass  man  auch  diese  2  Fälle 
unter  die  angeborenen  einreihen  könnte.  Auf  Grund  dieser  Thatsache  wurde 
die  Meinung  ausgesprochen,  dass  dem  angeborenen  Eierstocksbruche  un- 
gefähr dieselbe  Bedeutung  zukomme  wie  dem  normalerweise  stattfindenden 
Abstieg  der  männlichen  Geschlechtsdrüse  ins  Scrotum.  Die  Entwickelung 
beider  Genitaldrüsen  ist  ohnehin  in  der  ersten  Zeit  derart  parallel,  dass 
zu  einer  bestimmten  Zeit  die  Geschlechtsbestimmung  eines  Embryos  un- 
möglich ist;  erst  später  entwickeln  sich,  indem  das  Geschlecht  des  Embryos 
bestimmter  hervortritt,  auch  die  Genital drüsen  in  verschiedener  Richtung; 
die  Hoden  steigen  durch  die  Bauchwand  bis  in  die  Tiefe  des  Scrotums, 
während  die  Eierstöcke  längere  Zeit  im  großen  Becken  sich  aufhalten  und 
sich  erst  später  ins  kleine  Becken  senken.  Im  Falle  einer  angeborenen 
inguinalen  Ovarialhernie  wäre  hiernach  auch  die  spätere  Dislocation  der 
differencierten  weiblichen  Genitaldrüse  analog  jener  der  männlichen,  es 
wäre  demnach  ein  Descensus  ovarii,  durch  welchen  der  Eierstock  in  die 
große  Schamlippe  eingelagert  wird.  Derselbe  Vorgang  kann  sich  auf  einer 
Seite  abspielen  und  thatsächlich  wurden  auch  5  Fälle  von  den  rechtsseitigen 
und  2  Fälle  von  den  linksseitigen  als  angeboren  bezeichnet,  so  dass  von 
den  27  Leistenhernien  17  bestimmt  als  congenital  gelten  dürfen,  wozu 
gewiss  mit  Recht  noch  manche  der  später  beobachteten,  jedoch  früher  über- 
sehenen Fälle  hinzugezählt  werden  könnten.  Je  größer  die  Gesammtzahl 
der  Ovarialhernien  ist,  desto  größer  ist  auch  die  Zahl  der  angeborenen 
Fälle,  so  z.  B.  unter  den  86  Beobachtungen  von  Puech  54,  von  denen 
33  außerdem  noch  von  weiteren  Missbildungen  im  Bereiche  der  Geschlechts- 
theile  begleitet  waren.  Die  beiderseitigen  Brüche  sind  gewöhnlich  von  einem 
Mangel  des  üterüs  und  Hermaphroditismus  begleitet. 

Es  gehören  demnach  nur  verhältnismäßig  wenige  Hernien  des  Eier- 
stockes unter  die  erworbenen.  Als  Ursache  derselben  wird  körperliche 
Anstrengung,  besonders  bei  Geburten  angegeben,  wiewohl  auch  darauf  hin- 
gewiesen wird,  dass  zur  Entstehung  der  Ovarialhernien  auch  im  späteren 
Alter  eine  gewisse  Prädisposition  aus  der  Embryonalzeit  nothwendig  sei. 
Dass  die  Entstehung  solcher  Brüche  auch  durch  eine  genügende  Länge  des 
Ligamentum  ovarii,  sodann  durch  eine  günstige  Neigung  der  Gebärmutter 
nach  vorne  und  eine  Abweichung  gegen  die  Hernienseite,  weiter  durch 
hochgradige  Beckenneigung  gefördert  wird,  ist  selbstverständlich.  Dem 
entgegen  wird  nicht  ein  einziger  Schenkelbruch  als  angeboren  bezeichnet; 
sondern  derselbe  entsteht  entweder  aus  äußeren  Traumen  oder  aus  anderen 
Ursachen,  und  zwar  in  verschiedenen  Altersperioden.  Der  obturatorische 
Bruch  des  Eierstockes  wird  nicht  als  angeboren  bezeichnet,  während  die 


Die  Brüche  des  Eierstocks. 


191 


ischiadische  Abart,  wie  sie  denn  überhaupt  meist  congenital  ist.  wahr- 
scheinlich auch  in  diesem  Falle  angeboren  war.  Brüche  anderer  Eingeweide 
bilden  eine  Prädisposition  zur  Entstehung  der  Eierstoqksbrüche. 

Der  Inhalt  der  Eierstocksbrüche  wurde  neben  dem  Ovarium  manchmal 
auch  von  der  Tuba  und  neben  diesen  beiden  auch  vom  Darm  und  Netz 
gebildet.  Der  Unterschied  zwischen  den  angeborenen  und  erworbenen 
Ovarialbrüchen  gab  sich  auch  dadurch  kund,  dass  in  einer  angeborenen 
Hernie  gewöhnlich  der  Eierstock  und  Eileiter  gefunden  wurden,  während 
in  erworbenen  Brüchen  sehr  häufig  nur  der  Eierstock  constatiert  ward. 
In  3  Fällen  wurde  neben  dem  Eierstock  Dünndarm  und  in  1  Falle  Netz 
beobachtet,  und  zwar  dieses  allein,  während  in  dem  anderen  Falle  dasselbe 
neben  dem  Dünndarm  den  Inhalt  ausmachte.  Diese  Befunde  wurden  selbst- 
verständlich nur  bei  jenen  Hernien  erhoben,  von  denen  Operations-  oder 
Seetionsberichte  vorliegen.  Der  Eileiter  pflegt  gewöhnlich  an  seinem  uterinalen 
Ende  verwachsen,  der  Darm  eingeklemmt  und  der  Eierstock  sehr  häufig 
abnormal  zu  sein;  so  wird  derselbe  z.  B.  von  Englisch  lömal  als  normal, 
17mal  als  entzündet,  5mal  cystös  degeneriert  und  Imal  krebsig  entartet 
angegeben,  so  dass  man  bei  einer  Ovarialhernie  ebenfalls  von  einer  Hernia 
simplex  et  complicata,  weiter  von  einer  libera,  inflammata,  incarcerata 
sprechen  kann. 

Klinisch  kann  man  manchmal  schon  aus  der  äußeren  E'orm  des 
Bruches  darauf  schließen,  dass  der  Inhalt  vom  Eierstocke  gebildet  wird; 
ein  derartiger  Bruch  pflegt  birnförmig  zu  sein;  der  Leistenbruch  reicht 
mit  seinem  breiteren  Ende  bis  in  die  großen  Schamlippen,  das  schmälere 
Ende  ist  eng  im  Leistencanal  verfangen.  Diese  Form  wird  umso  deutlicher, 
je  mehr  der  Eierstock  durch  verschiedene  krankhafte  Vorgänge  anschwillt, 
wodurch  das  Missverhältnis  zwischen  der  im  Leistencanal  liegenden  Tuba 
und  dem  vom  Eierstock  gebildeten  breiteren  Ende  umso  auffallender  wird, 
da  wir  bei  den  Netzhernien  gewöhnlich  eher  eine  walzenförmige  Gestalt 
antreffen.  Bei  den  cruralen  Schenkelbrüchen  ist  diese  Form  weniger  in  die 
Augen  springend  und  pflegt  gewöhnlich  mehr  kugelförmig  zu  sein,  während 
wir  bei  den  übrigen  Hernien  des  Eierstockes  keine  besondere  äußere  Con- 
figuration  kennen.  Durch  Betastung  überzeugen  wir  uns,  dass  im  Bruche 
ein  walnussgroßes  Körperchen  gelegen  ist,  welches  gegen  den  Leistencanal 
in  einen  längeren  Stiel  übergeht;  das  Körperchen  können  wir  mit  dem 
Finger  umgreifen,  bis  auf  eine  Seite,  auf  welcher  der  Eierstock  mit  einer 
breiteren  Fläche  seiner  Unterlage  aufruht.  Wenn  aber  die  Ovarialhernie  mit 
ihrer  Umgebung  verwachsen  ist,  so  wird  das  Austasten  der  Grenzen 
schwieriger.  Die  Consistenz  des  Körperchens  ist  derb,  bei  Entzündungen 
härtlich,  bei  cystöser  Degeneration  weichei',  manchmal  sogar  fluctuierend. 
Wenn  Fettgewebe  um  oder  im  Bruchsacke  enthalten  ist,  so  tasten  wir  den 
Eierstock  als  länglichen  weicheren  Streifen,  welcher  gegen  den  Leistencanal 


192 


Die  Brüche  des  Eierstocks. 


hinzieht.  Der  Eierstock  kann  wohl  gegen  die  äußere  Öffnung  des  Leisten- 
canals  hin  verschoben  werden,  dagegen  gelingt  es  schwer,  denselben  gegen 
das  untere  Ende  der  Schamlippen  hinzudrängen,  wobei  sich  der  im  Leisten- 
canal  liegende  Stiel  anspannt.  Die  Reponibilität  der  Ovarialhernie  richtet 
sich  nach  ihrer  Pathogenese.  Die  angeborenen  inguinalen  Eierstockshernien 
sind  in  der  Regel  irreponibel  und  von  den  erworbenen  werden  manche 
durch  die  eng  anschließende  Bruchpforte,  sodann  durch  die  Verwachsung  des 
Eierstockes  mit  dem  Bruchsacke  ebenfalls  irreponibel  gemacht.  Ein  wichtiges 
klinisches  Merkmal  ist  die  Empfindlichkeit  der  Ovarialhernie;  während 
nämlich  die  im  Aussehen  den  Ovarialhernien  manchmal  recht  ähnlichen 
Netzhernien  nahezu  unempfindlich  sind,  ist  die  Schmerzhaftigkeit  der 
Ovarialhernien  derart,  dass  entweder  die  Schmerzen  in  den  Nabel  oder  in 
die  Lendengegend  ausstrahlen  oder  längs  des  breiten  Mutterbandes  in  das 
kleine  Becken  sich  verbreiten,  woselbst  sie  Gebärmutterkoliken,  weiter  aber 
auch  Schmerzen  in  den  äußeren  Genitalien  hervorrufen.  Diese  Schmerzen 
entstehen  auch,  wenn  sich  die  Kranke  auf  die  der  Hernie  entgegengesetzte 
Seite  legt;  sie  scheinen  aber  nicht  durch  den  Zug  der  Gebärmutter,  sondern 
auf  irgend  einem  anderen  Wege  zu  entstehen,  da  bei  beiderseitigen  Ovarial- 
hernien diese  Schmerzen  bei  Lagewechsel  auf  der  einen  oder  der  anderen 
Seite  empfunden  werden  müssten,  was  jedoch  nicht  der  Fall  ist.  Das 
Symptom  wird  übrigens  auch  nur  von  einzelnen  Beobachtern  angegeben, 
ja  man  muss  bemerken,  dass  die  im  Vorstehenden  angeführten  Symptome 
überhaupt  nur  in  einzelnen,  bei  weitem  nicht  in  allen  Beobachtungen 
constatiert  wurden.  Bei  der  inneren  Untersuchung  findet  man  die  Gebär- 
mutter an  diejenige  Seite  angelehnt,  wo  sich  die  Ovarialhernie  befindet, 
so  dass  sie  mit  dem  entsprechenden  Horn  an  die  innere  Öffnung  dos 
Leistencanals  angepresst  wird  und  durch  die  weitere  Entwickelung  dieser 
Hernie  zum  Inhalt  des  Bruches  werden  kann.  Man  kann  sich  jedoch  auch 
auf  dieses  Symptom  nicht  mit  absoluter  Sicherheit  verlassen,  da  die  einseitig 
abweichende  Lage  der  Gebärmutter  bei  der  beiderseitigen  Ovarialhernie, 
demnach  bei  beiderseitiger  gleichmäßiger  Annäherung  der  Gebärmutter  an 
die  Kleinbeckenwand  ausgeglichen  werden  kann,  und  weil  bei  angeborenen 
Ovarialhernien  auch  Missbildungen  oder  Defecte  des  Uterus  vorliegen  können. 

Am  wichtigsten  sind  jedoch  jene  Symptome,  welche  im  Bruchinhalte 
durch  die  periodischen  menstrualen  Congestionen  am  vorgelagerten  Eier- 
stocke hervorgerufen  werden  können.  Hiebei  muss  jedoch  abermals  hervor- 
gehoben werden,  dass  unter  31  Fällen  von  Ovarialhernien  sich  7  befanden, 
welche  Mädchen  unter  12  Jahren  betrafen,  dass  bei  weiteren  4  Fällen  die 
Diagnose  dennoch  erst  am  Seciertische  gemacht  werden  konnte  und  dass 
erst  bei  13  Fällen  thatsächlich  Menstrualveränderungen  am  vorgelagerten 
Eierstocke  beobachtet  wurden.  Es  geht  hieraus  hervor,  dass  die  periodische 
Anschwellung  und  Empfindlichkeit  mit  nachfolgender  Abnahme  des  Umfanges 


über  Magenbrüche,. 


193 


und  der  Sensibilität  ein  sehr  wertvolles  Symptom  ist.  wenn  es  vorhanden 
ist.  dass  dasselbe  jedocli  nur  bei  Ovarialhernien  bei  erwachsenen  Frauen,  und 
zwar  solchen,  welche  noch  nicht  das  Klimakterium  erreicht  haben,  erwartet 
werden  kann.  Auch  hier  müssen  wir  uns  wieder  erinnern,  dass  bei  angeborenen 
Ovarialhernien  der  Uterus  fehlen  kann  und  daher  auch  die  periodischen 
Menstrualerscheinungen  ausbleiben  können.  Im  bejahenden  Falle  verlaufen 
die  Erscheinungen  an  den  die  Ovarialhernie  ausmachenden  Eierstöcken 
gewöhnlich  derart  ab,  dass  bevor  die  Menstrualblutung  eintritt,  die  Kranken 
über  ein  Gefühl  von  Schwere  und  Empfindlichkeit  im  Bruche  klagen,  der 
Bruch  auch  deutlich  anschwillt,  wozu  sich  nicht  selten  Uteruskrämpfe, 
Aufstoßen  und  Erbrechen  hinzugesellen.  Bei  beiderseitigen  Ovarialhernien 
sind  diese  Erscheinungen  sowohl  gleichzeitig  auf  beiden  Seiten  oder  ab- 
wechselnd auf  der  einen  oder  der  änderen  Seite  beobachtet  worden.  War 
die  Ovarialhernie  nur  einseitig,  so  wurden  sie  entweder  bei  einer  jeden 
Periode  oder  nur  aussetzend  and  unregelmäßig  cönstatiert.  Englisch 
beobachtete,  dass,  sobald  Schwangerschaft  eintrat,  die  periodisch  auftretende 
Schmerzhaftigkeit  und  Schwellung  aufhörten  und  erst  dann  wieder  auf- 
traten, wenn  nach  der  Geburt  zum  erstenmale  die  Periode  sich  einstellte, 
worauf  sie  sich  dann  regelmäßig  bei  jeder  Periode  wiederholten. 


9.  Über  Mageiibrüelie. 

Die  Magenbrüche  kommen  nicht  nur  an  Stellen  vor,  wo  sich  vermöge 
seiner  anatomischen  Lage  der  Magen  sammt  dem  Bruchsacke  ausstülpen 
kann,  sondern  auch  an  Stellen,  wo  wir  Magen  al§  Inhalt  nicht  erwartet 
hätten;  so  z.  B.  finden  wir  einen  Magenbruch  nicht  nur  im  Epigastrium, 
sondern  treffen  den  Magen  auch  in  Scrotalbrüchen. 

Die  Literatur  der  Magenbrüche  ist  nicht  besonders  umfangreich; 
Thoman  konnte  im  Jahre  1885  21  Fälle  aus  der  Literatur  sammeln, 
wozu  noch  1  Fall  aus  seiner  eigenen  Beobachtung  hinzukommt.  Unter 
diesen  22  Fällen  entfallen  15  auf  die  epigastrische  Gegend  und  auf  die 
Medianlinie  des  Bauches,  3  auf  die  Nabelgegend  und  4  auf  die  Leisten- 
scrotalgegend.  7  Fälle  kamen  bei  Männern,  13  bei  Frauen  und  2  bei  Kindern 
vor.  Einklemmung  wurde  in  6  Fällen  beobachtet,  und  zwar  bei  einem 
epigastralen  und  einem  Bruche  der  Linea  alba,  weiter  bei  2  Nabelbrüchen, 
endlich  bei  2  Leistenbrüchen.  Als  angeboren  werden  3,  als  erworben  16 
und  als  traumatisch  2  bezeichnet,  Es  sind  jedoch  nicht  alle  Fälle,  welche 
Thoman  als  angeboren  bezeichnet,  auch  verlässlich  als  solche  anzuerkennen, 
da,  wenigstens  in  den  Fällen  von  L  a  f  o  n  d,  einmal  der  Bruch  nach  der 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  13 


194 


über  Magenbrüche. 


Geburt,  einmal  nach  Keuchhusten  und  einmal  bei  einer  18jährigen  Dame 
aus  einer  unbekannten  Ursache  entstanden  ist.  Malgaigne  jedoch  beobachtete 
einen  Fall  bei  einem  Säugling,  wo  in  einem  epigastrischen  Bruche  höchst- 
wahrscheinlich der  Magen  vorgelagert  war.  Im  Falle  von  Tillmans 
entstand  nach  dem  Abfalle  der  Nabelschnur  eine  Magenfistel,  ans  welcher 
eine  Schleimhaut  prolabierte,  welche  sowohl  nach  der  chemischen  Unter- 
suchung des  Secretes,  als  nach  der  mikroskopischen  Analyse  Magenschleimhaut 
war.  Tillmans  meint,  dass  durch  die  sehr  nahe  an  der  Bauchwand  erfolgte 
Ligatur  der  Nabelschnur  auch  entweder  der  Magen  selbst  oder  ein  Divertikel 
desselben  abgebunden  wurde,  welches  sich  höchstwahrscheinlich  innerhalb 
eines  Bruches  befand,  welchen  wir  als  Nabelschnurbruch-  kennen,  und  be- 
zeichnet einen  solchen  Fall  eher  als  Ectopia  ventriculi,  da  der  im  Bruche 
befindliche  Magen  sich  nie  innerhalb  der  Bauchhöhle  befunden  hatte,  sondern 
infolge  einer  Hemmungsbildung  vielleicht  der  vorderen  Bauchwand  außerhalb 
der  letzteren  liegen  blieb.  Wir  selbst  bilden  in  diesem  Buche  als  Fig.  32 
auf  Seite  73  einen  Fall  von  Magenbruch,  und  zwar  einen  Nabelschnurbruch, 
als  Fig.  36  auf  Seite  77  einen  zweiten  Fall,  ebenfalls  Nabelschnurbruch, 
ab,  wozu  noch  ein  bei  den  Zwerchfellhernien  erwähnter  Prolaps  des  Magens 
in  die  Brusthöhle  hinzukommt,  welcher  nach  einer  Stichwunde  des  Rückens 
zustande  gekommen  war. 

Als  Grund  der  erworbenen  Magenbrüche  wird  vor  allem  eine  Ver- 
dünnung der  vorderen  Bauchwand  angegeben,  und  zwar  entweder  infolge 
einer  allgemeinen  körperlichen  Schwäche  oder  einer  localen,  entweder 
durch  Geburten  oder  durch  Traumen  gesetzten  geringeren  Widerstands- 
kraft derselben.  In  den  Fällen  von  Wutzer  entstanden  die  Magenbrüche 
bei  einem  25jährigen  Mädchen  nach  einem  Fall  in  einen  Brunnen,  weiter 
bei  einem  anderen  25jährigen  Mädchen,  welches  von  einer  Höhe  von 
20  Fuß  herabgestürzt  war. 

Wenn  sich  der  Magen  durch  den  Leistencanal  vorstülpen  soll,  so 
muss  eine  Ektasie  des  Magens  (wie  in  dem  Falle  von  Vogt)  voraus- 
gehen, in  welchem  der  im  Bruche  enthaltene  Theil  fast  den  Umfang  des 
normalen  Magens  hatte.  Im  Falle  Schmidt  enthielt  der  Bruch  die  zwei 
mittleren  Viertel  des  riesig  ausgedehnten  Magens,  während  der  Pylorus 
sich  innerhalb  der  Bauchhöhle  in  normaler  Entfernung  von  der  Cardia 
befand.  Im  Falle  von  Ivan  v.  Larmond  ist  der  im  Bruche  enthaltene 
Theil  des  Magens  nicht  näher  beschrieben. 

Jene  Magenbrüche,  welche  nur  einen  Theil  des  Magens  allein  ent- 
halten, könnten  wir  als  die  einfachen  benennen,  und  es  würden  hierher, 
bis  auf  einen  Fall,  nahezu  sämmtliche  epigastralen  Brüche  gehören.  Andere 
Brüche,  welche  neben  einem  Theil  des  Magens  auch  andere  Eingeweide, 
z.  B.  den  Blinddarm  oder  einen  anderen  Theil  des  Dickdarmes  oder  den 
Dünndarm  enthalten,  könnten  als  combinierte  oder  complicierte  Brüche 


über  Magenbriiche. 


195 


bezeichnet  werden;  zu  den  letzteren  gehören  die  sämmtlichen  Nabel-  und 
die  Leistenscrotalbrüche.  Dementsprechend  sind  auch  natürlicherweise  die 
Radicaloperationen  der  Epigastralbrüche  bei  weitem  einfacher  als  die  der 
anderen  Gruppe,  bei  welcher  neben  dem  Magen  oft  die  Mehrzahl  der 
Baucheingeweide  vorgefunden  wird. 

Die  Magenbrüche  erkennen  wir  nach  den  folgenden  Zeichen:  Vor 
allem  aus  der  Lage  des  fraglichen  Tumors,  welcher  auch  schon,  für  einen 
Abscess  oder  für  einen  Fungus  meduUaris  angesehen  wurde,  also  nach  der 
Lage  in  der  Nähe  des  Processus  xiphoides,  weiter  nach  der  eiförmigen 
Gestalt,  der  glatten  Oberfläche  und  der  weichen  Consistenz,  und  weiter 
darnach,  dass  bei  Eingießung  von  Flüssigkeiten  in  den  Magen  der  Bruch  an 
Umfang  zunimmt;  sodann  nach  dem  Percussionsschalle  über  dem  Tumor, 
welcher  bei  Rückenlage  tympanitisch  mit  metallischem  Beiklang  ist  und  in 
der  Knieellenbogenlage  bei  halbwegs  breiterer  Communication  der  Hernie  mit 
dem  Magen  leer  wird;  endlich  darnach,  dass  wir  beim  Schlucken  das 
charakteristische  Geräusch  der  in  .  den  Magen  herabfallenden  Tropfen  wahr- 
nehmen, und  darnach,  dass  die  Entwickelung  des  Tumors  in  der  epi- 
gastrischen Gegend  von  charakteristischen  Schmerzen  begleitet  zu  werden 
pflegt,  welche  nach  Nahrungsgenuss  sich  steigern,  so  lange  anhalten,  als 
der  Bruch  nicht  reponiert  ist,  sofort  jedoch  aufhören,  wenn  wir  die  Hernie 
zurückschieben,  und  auch  nicht  wiederkehren,  solange  der  Bruch,  z.  B. 
durch  ein  Bruchband,  innerhalb  der  Bauchhöhle  zurückgehalten  wird. 
Die  Diagnose  kann  dadurch  unterstützt  werden,  dass  wir  den  Kranken 
entweder  ein  Brausepulver  trinken  lassen,  oder  dass  wir  Luft  in  den 
Magen  insufflieren,  wodurch  auch  der  Magenbruch  anzuschwellen  pflegt; 
bei  gleichzeitiger  Auscultation  können  wir  auch  das  Einströmen  der  ein- 
geblasenen Luft  in  den  sich  vergrößernden  Bruchinlialt  wahrnehmen. 

Der  epigastrale  Magenbruch  pflegt  gewöhnlich  nicht  von  einem  Vor- 
falle des  Netzes  begleitet  zu  sein,  sondern  den  Inhalt  bildet,  wie  schon 
erwähnt,  gewöhnlich  ein  Magendivertikel  allein. 

Der  Verlauf  des  Magenbruches  kann  sehr  einfach  sein,  aber  er  kann 
auch  mit  Complicationen  verbunden  sein,  welche  zum  Tode  führen.  Manche 
Brüche,  welche  durch  kleine  Bruchpforten  nach  außen  treten,  kann  man 
leicht  durch  ein  Bruchband  zurückhalten,  welches  das  Epigastrium  zurück- 
drängt und  am  Rippenbogen  eine  Stütze  findet,  doch  muss  auch  die 
Pelotte  dieses  Bandes  den  Athembewegungen  des  Epigastriums  nachgeben 
können.  Anders  verhält  es  sich  mit  den  bezüglich  des  Inhaltes  combinierten 
Nabel-  und  Scrotalbrüchen,  bei  denen  die  Beschwerden,  welche  vom  Magen- 
bruche ausgehen,  nur  einen  Theil  derjenigen  ausmachen,  welche  von  dem 
Bruche  im  ganzen  verursacht  werden.  Es  braucht  demnach  nur  eine 
Therapie  des  letzteren  erfolgreich  durchgeführt  zu  werden,  damit  auch  die 
vom  Magenbruche  herstammenden  Beschwerden  beseitigt  werden.    Nur  in 

13* 


196 


über  Magenbrüc.lie. 


einem  Falle  kann  speciell  die  Anwesenheit  des  Magens  im  Bruche 
deletär  wirken,  wenn,  wie  es  Lantschner  und  Chiari  beobachtet 
haben,  der  im  Bruche  enthaltene,  gewöhnlich  bedeutend  ausgedehnte 
Magen  platzt  und  so  ohne  vorhergehende  warnende  Beschwerden  plötzlich 
eine  perforative  Peritonitis  im  Bruchsacke  anregt,  welche  sich  auch  nach 
der  großen  Bauchhöhle  hin  fortpflanzt.  Außerdem  kann  an  jeder  ana- 
tomischen Bruchart,  falls  sie  den  Magen  enthält,  auch  eine  Einklemmung 
des  letzteren  eintreten,  welche  sich  durch  gewisse  Merkmale  von  jener 
der  übrigen  Eingeweide  unterscheidet,  beziehungsweise,  bei  welcher  zu  dem 
Bilde  der  Einklemmung,  wie  es  sonst  beobachtet  wird,  noch  neue  Merk- 
male hinzutreten.  So  tritt  z.  B.  Erbrechen  wie  auch  sonst  bei  Incarce- 
rationen  ein,  dasselbe  steigert  sich  aber  bis  zum  Blutbrechen  (Hämate- 
mesis),  wiewohl  auch  das  letztere  nicht  immer  auf  eine  Einklemmung 
bezogen  werden  darf,  wie  aus  einem  Beispiele  Moore's  hervorgeht,  welcher 
bei  einer  60jährigen  Frau  einen  Bruch  operierte,  der  sich  nicht  subcutan 
reponieren  ließ.  Bei  den  Repositionsversuchen  wurde  plötzlich  ein  gurrendes 
Geräusch  vernommen  und  die  Reposition  gelang.  4  Minuten  nach  den 
letzten  Versuchen  und  9 — 10  Minuten  nach  beendeter  Narkose  starb  die 
Frau;  im  Bruche  wurde  ein  ungefähr  6  Zoll  großes  Stück  Magen,  beinahe 
der  ganze  Dünndarm  und  ein  Theil  des  Dickdarms  vorgefunden.  An  einem 
Theile  des  Magens,  in  der  Nähe  der  Cardia,  wurden  schwärzlich  verfärbte 
Stellen  vorgefunden  und  auf  der  Hinterfläche  desselben  eine  Perforation 
von  5  cm  im  Umfange,  durch  welche  sich  der  schwarze  Mageninhalt  in 
die  Bauchhöhle  ergossen  hatte;  außerdem  fand  man  in  der  Magenwand 
Ekchymosen  verschiedenster  Entwickelung,  ebenso  auch  Geschwüre.  In 
diesem  Falle  platzte  also  der  Magen  ofi^enbar  unter  dem  Einflüsse  der 
Repositionsversuche.  aber  an  einer  Stelle,  welche  mit  der  Bruchvorlagerung 
nichts  gemein  hatte,  sondern  Sitz  einer  Ulceration  war.  Das  Erbrechen 
schwärzlicher  Massen  war  in  diesem  Falle  nicht  ein  Zeichen  der  Ein- 
klemmung, sondern  des  geschwürigen  Zerfalles  der  Magenwand.  Im  Falle 
von  Schmidt  wurde  ebenfalls  Blutbrechen  constatiert,  doch  auch  hier 
ist  dasselbe  nicht  zwingend  durch  Einklemmung  der  Magenwand  zu  er- 
klären, da  bei  Druck  auf  den  Bruch  sofort  ein  Überquellen  des  Magen- 
inhaltes durch  den  Mund  stattfand,  wodurch  die  freie  Communication  des 
im  Bruche  enthaltenen  Divertikels  mit  dem  übrigen  Magenraume  constatiert 
wurde.  Das  Erbrechen  von  schwärzlichem  Mageninhalte  war  in  diesem 
Falle  durch  die  ausgedehnte  Magenschleimhaut,  welche  verdickt,  faltig 
und  hyperämisch  war,  bedingt.  Es  wäre  daher  nothwendig,  wenn  sich 
einmal  Blutbrechen  mit  Einklemmung  eines  muthmaßlichen  Magenbruches 
combinieren  sollte,  die  genannten  Veränderungen,  demnach  Geschwüre, 
weiter  Gastroektasien  vielleicht  schon  nach  der  Anamnese  thunlichst  auszu- 
schließen; ebenso  muss   man  aber  darauf  bedacht  sein,   dass,  wiewohl 


über  Magenbi-üchre. 


197 


äußerst  selten,  auch  bei  Einklemmungen  von  Darmbrüchen  Blutungen  in 
den  Darm  stattfinden  und  den  erbrochenen  Inhalt  schwärzlich  färben 
können.  Hiehergehörige  Fälle  hat  in  der  letzten  Zeit  Schnitzler  aus 
eigener  Erfahrung  und  aus  der  Literatur  berichtet,  doch  auch  hier  sollte 
man  das  Vorkommen  von  Darmgeschwüren,  wie  sie  am  zuführenden  Arme 
der  eingeklemmten  Schlinge  ab  und  zu  vorzukommen  pflegen,  als  Quelle  der 
Blutung  im  Auge  behalten.  Zu  diesen  gewöhnlicheren,  durch  die  vordere  Bauch - 
wand  hindurchtretenden  Magenbrüchen  gesellt  sich  eine  Bruchart,  welche 
die  Hernia  ventriculi  intercostalis  genannt  wird  und  welche  zuerst  von 
Cloquet  bei  einem  Soldaten  beobachtet  wurde,  welcher  in  der  Schlacht 
bei  Lützen  von  einer  Kanone  überfahren  ward.  Bei  diesem  Manne  ent- 
wickelte sich  an  der  Stelle,  wo  sich  der  7.  und  8.  Rippenknorpel  mit  dem 
Rippenknochen  verbindet,  ein  Bruch  von  Walnussgröße,  welcher  sich  beim 
Husten  bis  auf  Hühnereigröße  erweiterte.  Manchmal  wurde  der  Bruch 
irreponibel  und  hart  und  es  traten  Erscheinungen  der  Einklemmung  auf, 
welche  jedoch  wieder  behoben  wurden;  einmal  jedoch  gelang  bei  ge- 
steigerten Beschwerden  die  vollständige  Reposition  des  Bruches  und  bei 
dieser  Gelegenheit  war  es  möglich,  die  oben  beschriebene  Bruchpforte  zu 
tasten.  Ein  zweiter  Fall  wurde  von  Cruveilhier  beobachtet;  derselbe 
entstand  durch  Stoß  einer  Wagendeichsel.  Der  Tumor  saß  links  unten 
am  Brustkorbe,  war  von  Faustgröße  und  hatte  einen  breiten  Stiel,  die 
Rippenknorpel  der  8.  und  9.  Rippe  waren  auf  einen  Zoll  voneinander 
entfernt  und  hier  trat  Netz  hindurch,  während  der  Magen  und  die  Flexura 
lienalis  des  Colon  dem  Zwerchfell  anlagen. 

Riegel  beobachtete  einen  flachen  Tumor,  welcher  unterhalb  der 
Mammilla  lag,  sich  von  der  6.  bis  zur  9.  Rippe  erstreckte  und  11  cm  nach 
außen  von  der  Mammillarlinie  lag:  in  der  Bedeckung  des  Tumors  sah  man 
4  wagrecht  verlaufende  Narben  von  3 — 4  cm  Länge.  Der  Tumor  ließ  sich 
verkleinern,  und  wenn  er  auf  den  geringsten  Umfang  reduciert  wurde, 
konnte  man  die  Zeigefingerspitze  in  eine  am  Ende  des  7.  Intercostalraumes 
gelegene  Öffnung  einschieben.  Da  das  Eingeweide,  welches  beim  Husten 
hervortrat,  vollständig  flach,  weich,  glatt,  elastisch  und  mit  Luft  gefüllt 
war,  so  hat  Riegel  geschlossen,  dass  es  sich  um  einen  Magenbruch  handle. 
Die  erwähnten  Narben  waren  dadurch  hervorgebracht  worden,  dass  sich 
der  Kranke  in  einem  Anfalle  von  Geistesstörung  mit  einem  zweischneidigen 
Messer  von  3  cm  Breite,  wie  es  die  Buchbinder  zum  Schneiden  von 
Pappendeckel  gebrauchen,  4  Stichwunden  beibrachte. 

Endlich  müssen  wir  noch  eine  Bruchpforte,  durch  welche  Magen- 
brüche hervortreten,  anführen  und  dies  sind  Spalten  im  Zwerchfell.  Bei 
besonders  gearteten  Verletzungen,  vornehmlich  solchen,  welche  von  rück- 
wärts in  der  Richtung  gegen  das  Zwerchfell  mittelst  scharfgeschliffener 
langer  Messer,  die  durch  einen  Zwischenrippenraum  auf  der  linken  Seite 


198 


über  Magenbrüche. 


der  Brust  eindringen,  zugefügt  wurden,  kann  ein  Zwerchfellbruch  des  entweder 
verletzten  oder  intacten  Magens,  und  zwar  dieses  allein  oder  in  Gemein- 
schaft mit  anderen  Eingeweiden  verursacht  werden;  diese  traumatischen, 
eigentlich  Zwerchfellvorfälle  haben  die  Tendenz,  sich  sofort  einzuklemmen. 

Solche  Brüche  kann  man,  nach  Erweiterung  der  Wunde,  darnach 
erkennen,  dass  man  neben  der  collabierten  Lunge  in  den  unteren  Brust- 
raum eine  gespannte,  ziemlich  umfängliche  Blase  hineinragen  sieht,  welche, 
falls  sie  der  Brustwand  anliegt,  auf  dieser,  oder,  wenn  man  die  Percussion 
an  ihr  selbst  versucht,  auf  ihrer  eigenen  Oberfläche  einen  tympanitischen 
Percussionsschall  aufweist;  hiemit  combinieren  sich  bedeutende  acut  ent- 
standene Athem-  und  Schlingbeschwerden,  auch  Erbrechen,  manchmal 
selbst  blutiger  Mageninhaltmassen. 

Ahnliche,  aber  von  unverletzter  Haut,  meist  auch  von  unverletzten 
Brustwandungen  gedeckte  angeborene  oder  traumatische  Zwerehfellbrüche 
können,  wie  bei  Besprechung  der  letzteren  angeführt  wurde,  in  erster 
Reihe  auch  einen  Theil  des  Magens  enthalten. 


Außer  den  im  Vorstehenden  des  genaueren  abgehandelten,  durch 
zahlreiche  Beobachtungen  vertretenen  Brucharten  gibt  es  noch  seltene,  ja 
sogar  auch  vereinzelte  Fälle  von  Brüchen  der  noch  nicht  genannten  Ein- 
geweide, deren  wir  auch  mit  einigen  Worten  erwähnen  wollen. 

Ruysch  fand  als  Inhalt  eines  Leistenbruches  die  Milz  vor,  Kusmin 
beobachtete  in  einem,  25  cm  im  Umfange  messenden,  in  der  Linea  alba, 
oberhalb  des  Nabels,  liegenden  Bruche  den  theilweise  eingeklemmten  linken 
Leberlappen.  Die  unternommene  Operation  erzielte  nach  Reposition  des  Inhalts 
und  Verschluss  der  Bruchpforte  Heilung.  In  einer  ähnlichen,  also  epigastralen 
Hernie  fand  Lanz  die  ausgedehnte  Gallenblase  mit  einem  Gallenstein  als 
Inhalt.  Der  Bruch  war  eingeklemmt  und  die  Heilung  wurde  durch 
Herniotomie  und  Excision  der  Gallenblase  herbeigeführt.  Ebenfalls  in  einem 
Leistenbruche  wurde  (und  zwar  von  Skey)  die  Gallenblase  vorgefunden; 
Guincourt  fand  in  einem  Schenkelbruche  den  eingeklemmten  Hoden; 
auch  auf  unserer  Klinik  wurde  vor  nicht  langer  Zeit  eine  incarcerierte 
Hernie  des  nicht  vollkommen  herabgestiegenen,  demnach  kryptorchistischen 
Hodens  beobachtet,  welcher  bei  der  bestehenden  Blutstase  einer  reifen 
Pflaume  sowohl  der  Form  als  der  Farbe  nach  ähnlich  sah.  Murat  fand 
in  der  Salpetriere  einen  Fall  von  Cruralhernie  vor,  in  welchem  neben  beiden 
Ovarien,  der  Tuba  und  dem  Uterus  auch  ein  Stück  Vagina  vorlag. 


V.  Abtheilung. 

Die  radieale  Behandlung  der  Hernien. 


Auszug  aus  der  (üeschidite  der  Radicalbeliandlung  der  Briiehe. 

In  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche  unterscheiden 
wir  mehrere  Phasen. 

In  den  ältesten  Zeiten,  wie  z.  B.  im  ersten  Jahrhundert  nach  Christo, 
finden  wir  schon  bei  Celsus  die  Indicationen  zur  Radicalbehandlung  der 
Brüche  aufgezählt;  es  ist  dies  thatsächlich  eine  Reihe  von  guten,  wohl- 
bedachten Vorschriften,  welche  auch  in  jede  moderne  Chirurgie  hinein- 
passen würden.  Dessenungeachtet  kannte  schon  Celsus  selbst  eine  Reihe 
von  Einwendungen  gegen  die  operative  Therapie  der  Hernien;  so  z.  B. 
operierte  er  keine  Kinder  im  zartesten  Lebensalter,  welche  von  einem 
Leistenbruch  betroffen  waren:  er  operierte  auch  keine  umfänglicheren 
Leistenbrüche,  auch  keine  angeborenen  Nabelbrüche:  er  stand  auch  von 
der  Operation  von  Männern  im  besten  Lebensalter,  auch  jener  von  Greisen 
ab,  reservierte  dagegen  die  Operation  für  Kinder  zwischen  dem  6.  und 
14.  Jahre  bei  kleinem  Umfange  des  Bruches,  und  für  diejenigen  Fälle,  in 
denen  der  zu  Operierende  von  keiner  Krankheit  befallen  und  wenn  der 
Bruch  weder  schmerzhaft  noch  eingeklemmt  war.  Wenn  es  sich  um  einen 
Bruch  handelte,  welchen  er  zu  einer  Operation  geeignet  fand,  z.  B.  um 
einen  Leistenbruch,  so  zerstörte  er  zuerst  die  Bedeckungen  des  Bruches 
mit  Vermeidung  jedweder  Verletzung  des  Hodens  und  resecierte  den 
Bruchsack.  Bei  den  Nabelbrüchen  kannte  Celsus  einige  Methoden:  Er 
reponierte  den  Bruch  und  unterband  mit  zwei  Ligaturen  den  Bruchsack 
oder  zog  durch  den  Stiel  eine  Doppelligatur,  von  denen  er  jede  nach  einer 


200  Auszug  aus  der  Geschiclite  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 

anderen  Seite  zusammenband,  oder  eröffnete  den  Bruchsack  in  der  oberen 
Hälfte,  reponierte  den  Inhalt  und  unterband  den  Stiel. 

Auch  Oribasius  (im  4.  Jahrhundert  nach  Christo)  spricht  noch  von 
keinen  Bruchbändern  und  kennt  dem  Anscheine  nach  kein  anderes 
radicaleres  Mittel  zur  Heilung  des  Bruches,  als  die  Operation.  Auch  seine 
Vorschriften  sind  derart,  dass  manche  der  jüngst  empfohlenen  Methoden 
bei  ihm  verzeichnet  sind:  so  empfiehlt  er  die  gewissenhafte  Isolierung  des 
Bruchsackes,  welchen  er  nach  sorgfältiger  Präparation  aus  Furcht  vor 
Verwachsungen  in  demselben  eröffnete,  hierauf,  wenn  keine  Adhäsionen 
vorlagen,  den  Darm  reponierte  und  die  Radicaloperation  auf  die  Weise 
ausführte,  dass  er  den  Bruchsackhals  zusammendrehte  und  einen  größeren 
oder  einen  kleineren  Theil  desselben  resecierte;  fand  er  jedoch  Ver- 
wachsungen zwischen  Bruchinhalt  und  Sack  vor,  so  zerriss  er  dieselben 
mit  den  Fingern,  gelang  dies  aber  nicht,  so  reponierte  er  den  Darm  mit 
Stücken  des  am  Därme  belassenen  Bruchsackes,  dann  drehte  er  den  Sack 
zusammen  und  exstirpierte  den  größten  Theil  desselben.  Der  Hode  wurde 
dabei  gewissenhaft  geschont.  Oribasius  berichtet  zwar  nicht,  ob  er  durch 
seine  Methode  eine  Heilung  erzielt  hat;  er  erzählt  aber,  dass  die  Mortalität 
bei  seinen  Eingriffen  groß  war,  trotz  seiner  Wundwaschungen  und  Contra- 
incisionen;  die  Operierten  starben  theils  an  Hämorrhagie,  theils  an  ver- 
allgemeinerter Entzündung  des  Peritoneums,  ein  andermal  an  Septikämie, 
und  diejenigen,  welche  nicht  starben,  litten  an  bedeutendem  Wundfieber, 
welches  allerdings  nach  den  Ansichten  von  Oribasius  nöthig  war,  als 
eine  auf  Abheilung  abzielende  Anstrengung  der  Natur. 

Bis  zu  den  arabischen  Chirurgen  finden  wir  keine  irgendwie  bedeut- 
samere Neuerung.  Aetius  ahmt  Oribasius  nach.  Paulus  von  Agina, 
wie  auch  nach  ihm  alle  Chirurgen  bis  zum  18.  Jahrhundert,  scheidet  die 
Brüche  in  zwei  große  Gruppen  von  ungefähr  gleicher  Bedeutung:  1.  in 
Brüche,  welche  durch  Riss  des  Peritoneums  entstehen,  also  unseren  plötzlich 
entstehenden  Hernien  analog  sind,  und  2.  in  Brüche,  welche  durch  Dehnung 
und  Verlängerung  des  Bauchfelles  entstehen  und  demnach  unseren  all- 
mählich sich  entwickelnden  Hernien  entsprechen.  Bei  den  Leistenbrüchen 
unterscheidet  er  die  Enterocele,  d.  h.  einen  Bruch,  welcher  sich  in  die 
Hüllen  hinein  entwickelte.  Diese  Bruchart  behandelte  er  auf  folgende 
Weise:  Nachdem  er  sie  reponiert  hatte,  führte  er  einen  queren  Schnitt 
über  das  Scrotum,  durch  welchen  er  den  Hoden  nach  außen  presste; 
derselbe  wurde  den  Händen  eines  Gehilfen  anvertraut;  er  selbst  bindet 
den  Stiel  mittelst  einer  Nadel  mit  eingefädeltem  Faden,  welchen  er  durch 
die  Mitte  des  Sackes  geführt  hatte,  in  zwei  Partien  ab,  derart,  dass  er 
kein  einziges  ernährendes  Gefäß  verschonte;  zwei  Finger  von  dieser  Ligatur 
legt  er  eine  zweite  an  und  durchtrennt  das  ganze  zwischen  diesen  Ligaturen 
gelegene  Gewebe,  beseitigt  die  peripher  gelegenen  Organe,  also  auch  den 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radiciilbehruidliing  der  Brüche. 


201 


Hoden,  und  legt  im  Grunde  des  Hodensackes  eine  Contraincision  an. 
Weiter  unterscheidet  er  eine  Bubonocele,  bei  welcher  er  den  Hoden 
verschont. 

Mit  Paulus  von  Agina  endet  die  griechische  Chirurgie  und  mit 
der  Eroberung  von  Alexandrien  beginnt  die  arabische  Chirurgie.  Wund- 
ärzte, wie  Avicenna.  Abulkasis  und  Heliabbas,  begründen  die  Tole- 
danische  und  Cordovanische  Schule,  aus  welcher  eine  Anzahl  zumeist 
jüdischer  Arzte  hervorgeht,  die  den  Süden  Italiens  aufsuchend  die  Saler- 
nitanische  Schule  stiften,  wodurch  diese  erste  und  berühmteste  italienische 
Pflegestätte  der  Medicin  zugleich  die  Erbin  der  arabischen  Schule  wird. 
Aber  schon  im  12.  Jahrhundert  erhebt  sich  gegen  sie  die  ruhmreiche 
Bologneser  Schule  mit  ihrem  berühmtesten  Schüler,  Wilhelm  von 
Saliceto,  dessen  Schriften  baldigst  in  alle  damaligen  Cultursp rächen 
übersetzt  wurden.  Infolge  der  italienischen  Bürgerkriege  übersiedelte 
Lanfrancus,  ein  Mailänder  Schüler  des  Saliceto,  nach  Paris,  wohin 
sich  auch  in  kurzer  Zeit  Hugo  von  Lucca  derselben  Schule  und 
Roger  von  Parma  aus  der  Salernitanischen  Schule  einstellten.  So 
übernahm  die  Pariser  Schule  die  Erbschaft  der  Schulen  von  Bologna  und 
Salerno  und  mittelbar  jene  der  Arabar.  Aber  noch  bei  Lebzeiten  des 
Länfrancus  verfiel  die  Pariser  Schule;  die  Chirurgie  sowohl  in  Italien 
als  in  Frankreich  gerieth  in  unwürdige  Hände,  ja  käufliche  Frauenzimmer 
begannen  dieselbe  arg  zu  missbrauchen.  Jedes  manuelle  Eingreifen  galt 
für  ehrlos,  so  dass  Lanfrancus  selbst  weder  die  Bauchhöhle,  nicht  einmal 
einen  Ascites  öffnete,  noch  Brüche  oder  Harnblasensteine  operierte.  Es  begann 
die  Periode  der  wandernden  Quacksalber,  reisender  Operateure,  Stein-  und 
Bruchschneider,  Starversenker.  Zahnreißer,  Triacleure  und  Drameure,  so 
dass  Stadt  und  Land  bis  zum  18.  Jahrhundert  von  Männern  und  Frauen- 
zimmern überschwemmt  wurde,  welche  unter  dem  Vorwande,  sämmtliche 
Brüche  radical  heilen  zu  können,  unterschiedlos  alle  Bruchleidenden  ca- 
strierten,  bis  endlich  strenge  Strafen  gegen  diese  gewinnsüchtigen  Ver- 
stümmler angedroht  wurden.  Die  Castration  nistete  sich  derart  in  die 
Praxis  jener  Leute  ein,  dass  sie  nicht  nur  gegen  eine  einfache  Hydrocele, 
sondern  auch,  wie  im  15.  Jahrhundert  von  Valescon  von  Tarandt, 
auch  gegen  Lepra  angewendet  wurde.  Bei  Brüchen  war  dieselbe  so  selbst- 
verständlich, dass  die  Kelotomie  gleichbedeutend  war  mit  Castration.  Bloß 
in  Montpellier,  unweit  von  Avignon,  wurde  die  Chirurgie  unter  der  Ägide 
des  Henry  von  Mondeville  nicht  für  einen  ehrlosen  Beruf  angesehen, 
und  ebenda  wurde  Quido  von  Chauliac,  der  größte  Chirurg  des 
14.  Jahrhunderts,  erzogen,  in  welchem  sich  die  arabische  Chirurgie  gleich- 
sam verkörperte  und  bei  welchem  wir  sämmtliche  Methoden,  welche  die 
arabische,  Salernitanische  und  Bologneser  Schule  anwendete,  kennen 
lernen. 


202 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbehaiidlung  der  Brüche. 


Quido  von  Chauliac  kannte  nur  zwei  Brucharten,  nämlich  die 
Leisten-  und  Nabelhernien,  und  theilte  sie,  ebenso  wie  Paulus  von 
Ägina,  in  die  oben  angeführten  zwei  Hauptgruppen.  Die  Bologneser  und 
Salernitanischen  Arabisten  operierten  unterschiedlos  alle  Brüche;  Quido 
von  Chauliac  ließ  sich  aber  dadurch  nicht  verführen,  sondern  er 
wendete  auch  Bruchbänder,  Pflaster  und  andere  topische  Mittel  an  und 
nur  in  bestimmten  Fällen  operierte  er,  nachdem  er  früher  Medicamente 
verordnet  hatte.  Er  operierte  auch  nur  Leute,  welche  sonst  gesund  und 
nicht  besonders  alt  waren;  bei  jungen  Leuten  verordnete  er  zuerst  Bra- 
cherien,  Pflaster,  Arzneien,  regelte  die  Diät,  und  erst  wenn  dies  alles 
nichts  nützte,  schritt  er  zur  Operation.  Quido  von  Chauliac  beschreibt 
zwar  keine  Bracherien,  doch  es  scheint,  dass  er  bereits  Pelotten  und 
metallene  Bruchbänder  gekannt  habe.  Schon  Avicenna  hat  im  10.  Jahr- 
hundert gerade  Pelotten  und  Eisenstäbe  verwendet;  Lanfrancus  hat  im 
13.  Jahrhundert  auch  eine  Pelotte  an  einem  Metallstabe  befestigt  und 
Gordon  von  Montpellier  im  14.  Jahrhunderte  verwendete  schon 
Bruchbänder  aus  einem  Metallring.  Es  ist  daher  wahrscheinlich,  dass  auch 
Quido  von  Chauliac  Bruchbänder  verwendete.  Seine  Pelotte  ruhte  auf 
irgend  einem  zusammenziehenden  Pflaster,  z.  B.  von  Galläpfeln,  Alaun, 
Antimon,  Granatrinde  u.  a.,  welche  in  Eiweiß  suspendiert  und  zu  denen 
dann  die  merkwürdigsten  Zuthaten  hinzugefügt  wurden,  so  z.  B.  Lithar- 
gyrum,  Eegenwürmer,  Aalhaut,  Menschenblut,  Schöpsenhaut  in  Regenwasser 
und  in  Essig  maceriert,  Cypressen-  und  Muscatnüsse  u.  s.  f.  Besonders 
ein  Mittel,  welches  Quido  von  Chauliac  von  Gentilys  empfohlen 
worden  war,  stand  bei  dem  ersteren  in  hohen  Ehren,  nämlich  die  „sjrmpa- 
thische"  Behandlung  der  Bruchkranken:  der  Bruchleidende  nahm  innerlich 
Magnetpulver  ein  und  die  Oberfläche  der  Hernie  wurde  mit  Eisenspänchen 
bestreut,  welch  letztere  durch  den  Magnetstaub  angezogen  und  hiedurch 
auch  die  Hernien  reponiert  werden  sollten.  Avicenna,  Heliabbas, 
Abulkasis  operierten  Nabelbrüche,  Zirbale  (Netzbruch)  und  Darmbrüche 
nach  den  Vorschriften  von  Celsus  so,  dass  sie  über  den  größten  Umfang 
des  Bruches  an  seiner  Basis  mit  Tinte  einen  Kreis  zeichneten,  sodann 
den  Bruchinhalt,  nämlich  den  Darm  und  das  Netz  (Coeffa),  reponierten 
und  sodann  einen  Schnitt  entlang  dem  vorgezeichneten  Kreise  führten, 
dann  den  ganzen  Mirach  abtrugen  und  mit  einem  starken  Faden  unter- 
banden. Anstatt  dieser  classischen  Methode  wandten  sie  auch  jene  an,  bei 
welcher  der  Stiel  von  gekreuzten  Nadeln  durchbohrt  wurde,  so  dass  der 
Stiel  unterhalb  der  Nadeln  in  vier  Theile  zerfiel.  Die  strengste  Methode 
verwendeten  die  Arabisten  bei  der  sogenannten  didymalen  oder  Leistenhernie, 
wo  sie  sich  weder  vor  Eisen  noch  vor  Feuer,  auch  nicht  vor  Ätzmitteln 
fürchteten.  Der  Hode  fand  auch  selten  Gnade  vor  ihren  Augen.  Zahlreiche 
Methoden  waren  auch  mitunter  recht  grausam,  z.  B.:   der  Didymos,  wor- 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 


203 


unter  man  die  Bruchhüllen,  den  Samenstrang  sammt  dem  serösen  Sacke 
verstand,  wurde  isoliert,  der  Hode  vorgezogen  und  an  den  Didymos  eine 
aus  einem  starken  Faden  bestehende,  in  4 — 5  Schlingen  auslaufende 
Ligatur  angelegt,  an  denen  je  ein  starker  Mann  anzog  und  sie  mittelst 
eines  Stäbchens  aufrollte,  damit  die  Constriction  umso  energischer  aus- 
geführt werde.  Der  Hode,  außen  vorliegend,  starb  endlich  ab,  in  3 — 4  Tagen 
wurde  der  Samenstrang  und  das  Bauchfell  unter  der  Ligatur  durchschnitten. 
Oder  sie  wendeten  wirkliche  Brenneisen  an:  der  Hode  wurde  in  die  Höhe 
gezogen,  so  dass  er  im  gleichen  Niveau  mit  dem  Penis  lag.  seine  Contouren 
wurden  mit  Tinte  nachgezeichnet,  der  Hode  sodann  reponiert,  worauf  im 
queren  Durchmesser  der  vorgezeichneten  Ellipse  alles,  was  im  Wege  lag, 
auch  der  Samenstrang,  mittelst  Kauterien  durchgebrannt  wurde.  Roger 
von  Parma  operierte  so,  dass  er  durch  die  Haut  in  der  Höhe  des  Di- 
dymos eine  Nadel  mit  einer  eingefädelten  Chordette  (Schnürchen)  hindurch- 
führte, welche,  den  Didymos  in  der  Tiefe  umgreifend,  möglichst  in  der 
nächsten  Nähe  des  Einstiches  ausgestochen  wurde,  worauf  die  Ligatur 
über  einem  mit  Leinwand  umwickelten  Stäbchen  zusammengebunden  und 
jeden  Tag  etwas  mehr  angezogen  wurde;  die  Operation  war  beendet,  wenn 
der  Faden  alles,  bis  auf  das  Stäbchen,  durchgeschnitten  hatte,  wenn  also 
def  Samenstrang,  das  Bauchfell  und  die  Haut  durchtrennt  war.  Alle  diese 
Methoden,  denen  stets  der  Hoden  zum  Opfer  fiel,  bezeichnet  Quido  von 
C  h  a  u  1  i  a  c  als  absolut  verlässlich.  Die  einseitige  Castration  wurde  für 
kein  Unglück  gehalten,  unter  der  Entschuldigung,  dass  ein  Hode  gleich 
zweien  ist  und  dass  von  zwei  Übeln  das  kleinere  gewählt  werden  müsse. 
Er  verwendete  auch,  nach  dem  Rathe  des  Bischofs  Theodorich,  statt 
der  actualen  auch  potentiale  Kauterien. 

Nach  Quido  von  Chauliac  schlug  eine  ganze  Reihe  von  Chirurgen 
neue  Methoden  vor,  bis  mit  Antonius  Benny  Vienny  die  arabistische 
Chirurgie  und  die  italienische  des  15.  Jahrhunderts  zu  Ende  gieng.  Zu 
dieser  Zeit  wurde  auch  wieder  Celsus,  welcher  seit  dem  10.  Jahrhunderte 
verloren  und  vergessen  worden  war,  von  Thomas  von  Sarsano  aufge- 
funden, worauf  die  Ärzte  wieder  zu  den  Lehren  und  Vorschriften  des 
Hippokrates  und  Galen  zurückzukehren  begannen.  Im  Anfange  dieser 
wissenschaftlichen  und  ärztlichen  Renaissance  erscheint  zuer-st  der  Name 
von  Peter  Franco  und  von  Ambroise  Pare  in  Frankreich  und  von 
Fabricius  ab  Aquapendente  in  Italien.  Diese  drei  Chirurgen  sind 
dadurch  charakterisiert,  dass  sie  alles  anwendeten,  um  einem  operativen 
Eingriffe  vorzubeugen.  Unter  ihnen  bleibt  jedoch  der  Name  von  Peter 
Franco  der  gefeiertste,  da  er  zum  erstenmale  die  Operation  eines  einge- 
klemmten Bruches  vorschlug  und  ausführte.  Nichtsdestoweniger  ver- 
wendeten auch  diese  letztgenannten  die  bereits  genannten  phantastischen 
Heilmittel,  doch  griffen  sie  ab  und  zu  auch  zum  Aderlass  und  sahen 


204 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 


streng  auf  die  Diät,  indem  sie  z.  B.  das  Trinken  von  frischem  Wasser 
verboten,  dagegen  den  Genuss  von  gekochtem  vorschrieben:  sie  waren 
eben  auch  in  dieser  Beziehung  Kinder  ihrer  Zeit  und  verdienen  deswegen 
nicht  verlacht  zu  werden.  Franc  o  gebrauchte  innere  Mittel  nur  bei 
Kindern,  während  er  bei  Erwachsenen  geradeaus  zur  Operation  schritt. 
Weiters  sind  die  genannten  drei  Chirurgen  dadurch  ausgezeichnet,  dass 
sie,  wenn  sie  schon  zu  einem  operativen  Eingriffe  an  einem  Bruche  ge- 
zwungen waren,  stets  unter  den  verschiedenen  Methoden  jene  wählten, 
bei  welcher  der  Hude  geschont  werden  konnte.  Franco  operierte  bereits 
Leistenhernien  in  der  Weise,  dass  er  den  Hoden  aushülste,  sodann  den 
Didymos  isolierte,  stark  zu  sich  anzog  und  denselben  so  hoch  als  möglich 
zwischen  die  Arme  einer  Klammer  fasste  und  ihn  über  derselben  mittelst 
einer  Achternaht  verschloss,  nachher  den  Didymos  abschnitt,  welcher  sich 
dann  von  selbst  in  die  Bauchhöhle  zurückzog:  der  Hode  wurde  hierauf  an 
Ort  und  Stelle  reponiert.  Freilich  starb  der  letztere  in  vielen  Fällen  nach- 
träglich ab.  so  dass  Franco  selbst  einbekennt,  dass  er  darüber  erstaunt  war, 
wenn  in  einzelnen  Fällen  der  Hode  intact  blieb,  wodurch  er  allerdings  einge- 
steht, dass  er,  ohne  zu  wissen,  den  Samenstrang  geschont  hatte.  Franco 
beobachtete  bei  dieser  Methode  häufig  genug  Recidiven,  so  dass  er 
empfiehlt,  dass  jeder  diese  Dinge  nur  in  Bescheidenheit  und  Gottesfurcht 
ausführen  möge.  Ambroise  Pare  übte  nur  ältere,  höher  oben  angeführte 
Methoden,  von  denen  Fabricius  aussagt,  es  sei  bei  ihnen  ungemein 
schwer,  den  Samenstrang  zu  schonen. 

Fabricius  selbst  führte  die  Methode  folgendermaßen  aus:  Der 
Kranke  stand  aufrecht  und  hielt  den  Athem  an,  der  Chirurg  überzeugte 
sich  von  der  Größe  der  Ruptur  (Hernie),  welche  er  mit  Tinte  kreisförmig 
umriss,  sodann  wurde  der  Kranke  fest  auf  eine  Bank  angebunden,  der 
Chirurg  ergriff  mit  der  linken  Hand  die  mit  Tinte  bezeichnete  Hautpartie 
und  zog  sie  soviel  als  möglich  an,  sodann  schnitt  er  sämmtliche  Hüllen 
sammt  der  Vaginalis  aus,  gleichgiltig  ob  dieselbe  zerrissen  oder  gedehnt 
war,  und  vernähte  dieselbe  sammt  den  übrigen  Hüllen  mit  der  Haut: 
hiebei  sollte  man  streng  darauf  achten,  dass  die  Samenstranggefäße  nicht 
verletzt  werden. 

Zur  selben  Zeit  bemühten  sich  die  damaligen  Chirurgen  um  die 
'Vervollkommnung  des  Methis 'sehen  Punctum  aureum,  welches  wie  folgt 
ausgeführt  wurde:  Durch  die  in  der  Höhe  des  Leistenringes  aufgeschnittene 
Haut  wurde  ein  goldener  Draht  unter  dem  Bruchsackhalse  und  dem 
Samenstrange  hindurchgeführt,  in  eine  mäßig  stringierende  Ligatur 
zusammengezogen,  da  bei  starkem  Anziehen  die  Gefäße  obliteriert  würden 
und  der  Hode  hiedurch  leiden  müsste,  während  wieder  bei  ganz  lockerer 
Anlegung  derselben  der  Hode  zwar  weiter  persistieren,  der  Bruch  sich  aber 
auch  wieder  von  neuem  reproducieren  würde.  Die  Vervollkommnung  von 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalhehandlung  der  Brüche. 


205 


Fr  an  CO  bestand  nun  darin,  dass  die  Gefäße  nach  einer  oder  der  anderen 
Seite  des  Didymos  verschoben  wurden,  welcher  sodann  zwischen  die  zwei 
Branchen  einer  nicht  sehr  engschließenden  Zange  gefasst  wurde,  worauf 
der  Didymos  in  Gedanken  in  vier  Theile  zerlegt  und  an  demselben  mittelst 
eines  Drahtes  aus  Ducatengold  folgendermaßen  eine  Ligatur  angelegt  wurde : 
Der  Chirurg  „passe  le  fil  par  la  premiere  partie  et  le  commencement  de 
la  seconde,  en  repassant  par  la  fin  de  la  troisieme  et  commencement  de 
la  quatrieme,  se  donnant  garde  de  ne  percer  ou  piquer  las  vaisseaux 
spermatiques.  Cela  fait,  le  faut  passer  derechef  par  la  fin  de  la  premiere 
partie.  Et  outre  ce,  il  le  faut  passer  quelquefois  par  dessus  le  premier  fil, 
comme  si  des  deux  on  voulait  faire  un  anneau  tors.  Puis  le  faut  repasser 
par  la  fin  de  la  troisieme  partie,  comme  a  ete  dit  par  le  pertuis  meme, 
et  le  passer  par  dessus  l'autre  fil,  en  le  torsant  tellement  qu'on  comprend 
avec  le  fil,  la  moitie  du  didyme,  asavoir  ce  qui  est  au  milieu". 

Es  wurde  daher  der  Didymos  in  mehreren  Theilen  durchgetrennt; 
endlich  wurden  die  Enden  des  zusammengedrehten  Drahtes  zusammen- 
gebunden und  die  Operation  beendet.  Pranco  kämpft  gegen  alle  Cur- 
pfuscher,  welche  statt  eines  goldenen  Drahtes  nur  Hanf-,  Leinen-  oder 
Seidenligaturen  verwenden  und  den  Didymos  unterbinden  und  führt  selbst 
den  Draht  ohne  vorhergehende  Incision  in  die  Haut  ein.  Ambroise  Pare 
isolierte  bei  der  Ausführung  des  Point  dore  den  Processus  (nämlich  den 
Bruchsack),  und  zwar  mittelst  einer  Hohlsonde,  von  den  Gefäßen  des 
Samenstranges  und  von  dem  Aufhängebande  des  Hodens  und  erst  dann 
führte  er  das  Punctum  aureum  aus,  bei  welchem  er  allerdings  kein  Gewicht 
auf  den  goldenen  oder  den  metallenen  Draht  legte.  Pare  verwendete  auch 
das  Me tili s 'sehe  Punctum  aureum  und  lagerte  den  Kranken  auf  14  Tage 
mit  erhöhten  Hüften  und  gesenktem  Kopfe  im  Bette;  nach  einiger  Zeit 
wurde  der  goldene  Draht  ausgeschieden  und  an  dieser  Stelle  entwickelte 
sich  eine  callöse  Narbe,  welche  den  Canal  verstopfte,  durch  welchen  die 
Därme  nach  abwärts  traten.  Franco,  welcher  auch  irreponible  Hernien 
operierte,  gieng  auch  bei  eingeklemmten  Brüchen  folgendermaßen  vor: 
Nachdem  er  die  Haut  eingeschnitten  hatte,  suchte  er  den  Bruchinhalt  zu 
reponieren,  ohne  den  Bruchsack  zu  eröffnen;  wenn  es  ihm  nicht  gelang, 
so  eröffnete  er  den  Bruchsack  und  erweiterte  den  Bruchhals.  Ambroise 
Pare  schloss  der  Operation  einer  Kelotomie  sofort  eine  Radicaloperation 
der  Hernie  an.  Derselbe  beschreibt  den  Vorgang,  wie  folgt:  „Wenn  man  die 
Öffnung  groß  genug  angelegt  hat,  so  sollen  die  Därme  allmählich  in  den 
Bruch  reponiert  werden;  dann  führe  man  nach  Auffindung  des  Processus 
die  Incision  so  tief,  als  derselbe  verengt  ist;  dies  wird  zur  Folge  haben, 
dass  nach  Vernarbung  der  Abstieg  in  den  Hodensack  nicht  mehr  geschehen 
kann.  Wenn  jemand  nach  Einschneidung  des  Durch trittes  noch  Schwierig- 
keiten bei  der  Reposition  hätte,  so  könnte  er  mit  dem  Instrumente  noch 


206  Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 


soweit  als  möglich  hinaufgehen  und  sich  zum  Nähen  vorbereiten,  damit 
dieser  Weg  enger  ausfalle."  Wenn  wir  auch  darin  nicht  die  Naht  des  Bruch- 
canales  erblicken  wollen,  so  muss  darin  entschieden  die  Naht  des  Bruch- 
sackes oder  seines  Halses  erkannt  werden,  wodurch  schon  bei  Ambroise 
Pare  der  Anfang  jener  Königsnaht  gegeben  ist,  welche  ausdrücklich  erst 
bei  D  i  0  n  i  s  im  folgenden  Jahrhundert  erwähnt  wird.  Die  Erfindung  neuer 
Eingriffe  behufs  radiealer  Heilung  von  Brüchen  ist  von  da  ab  so  modern 
geworden,  dass  jeder  der  Gunst  der  regierenden  Persönlichkeiten  sicher 
war,  welcher  ein  „unfehlbares"  Mittel  zu  diesem  Zwecke  anzugeben  imstande 
war;  so  kaufte  Ludwig  XIV.  vom  Gabriel  er  Klosterprior  ein  Mittel, 
welches  er  versprach  bis  zum  Tode  des  Priors  geheimzuhalten  und  welches 
er  mit  eigenen  Händen  vorbereitete.  Dieses  Königsmittel  (Remede  du  roi) 
wurde  von  dem  Meister  der  königlichen  Bruchbandfabrik  in  Gegenwart 
des  königlichen  Procurators  vertheilt.  Dasselbe  war  nichts  anderes  als  eine 
salzige  Essenz,  welche  in  Wein  aufgelöst  war  und  21  Tage  hindurch  ein- 
genommen wurde,  während  auf  den  Bruch  ein  adstringierendes  Pflaster 
aufgelegt  ward.  Ahnliches  geschah  auch  in  England  unter  Georg  I. 

Diese  Reaction  gegen  die  althergebrachte  Bruchheilmethode  setzte 
sich  jedoch  nur  allmählich  fest,  so  dass  in  den  ersten  Zeiten  auch  die 
Bruchbandanhänger  in  einzelnen  Fällen  zur  operativen  Methode  Zuflucht 
nahmen  und  noch  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  viererlei  Methoden  von 
Ligatur  des  Nabelbruches  beschrieben  wurden.  Die  Discussion  über  die 
operative  Behandlung  der  Leistenbrüche  war  auf  der  Tagesordnung  und 
die  alte  Methode  der  Castration  siegte  über  die  unlängst  eingeführten 
Methoden  nicht  nur  bei  gelehrten  Chirurgen,  sondern  auch  bei  den  umher- 
streifenden Landoperateuren.  Doch  diese  Classe  von  Leuten  begann  auch 
zu  schwinden,  als  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  einzelne  Staaten  strenge 
Strafen  gegen  diejenigen  festsetzten,  welche  Brüche  operieren  würden,  ohne 
sich  mit  Fachleuten  berathen  zu  haben  und  welche  ohne  Nothwendigkeit 
die  Castration  ausführen  würden.  Solche  Individuen  pflegten  zur  Strafe 
der  Auspeitschung  verurtheilt  zu  werden.  Robert  Housse  im  Jahre  1710 
wurde  zu  dreijähriger  Galeeren  arbeit  verurtheilt,  weil  er  den  Samenstrang 
unterbunden  hatte  und  den  Hoden  abfaulen  ließ.  Marianne  Presse  von 
Reims  wurde  öffentlich  ausgepeitscht  und  auf  5  Jahre  im  Höpital 
general  eingeschlossen,  weil  sie  fünfmal  die  Castration  an  Kindern,  welche 
mit  Brüchen  behaftet  waren,  ausgeführt  hatte,  welche  Eingriffe  auch 
sämmtlich  mit  dem  Tode  endeten.  In  welcher  Ausdehnung  derartige 
Operationen  geübt  wurden,  geht  daraus  hervor,  dass  zu  einer  bestimmten 
Zeit  in  der  Saint-Papuler  und  Motovanischen  Diöcese  an  500  castrierte 
Kinder  gezählt  wurden.  Von  den  Zeiten  Dionis'  an  wurde  ein  mächtiger 
Widerspruch  gegen  jede  Operation  bei  Brüchen  erhoben  und  ausschließlich 
Bruchbänder  und  adstringierende  Mittel  angewendet.    Dionis  sagte,  er 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbeliandlnng  der  Brüche. 


207 


glaube  nicht,  dass  alle,  welche  in  ihren  Schriften  die  Beschreibung  ver- 
schiedener Operationen  hinterlassen  haben,  auch  kühn  genug  gewesen 
wären,  diese  Operationen  wirklich  auch  auszuführen,  weil  diese  Eingriffe 
allen  göttlichen  und  menschlichen  Gesetzen  zuwiderlaufen.  Er  fügt  hinzu, 
dass  solche  Operationen  allenfalls  bei  Priestern  entschuldigt  werden  könnten, 
welche  die  Ausheilung  des  Bruches  dem  Besitze  der  Hoden  vorziehen 
würden,  die  ja  für  sie  vollständig  überflüssig  sind.  Dieselben  hätten  von 
dem  Eingriffe  einen  doppelten  Vortheil:  1.  dass  sie  der  Qual  von  Seite 
ihrer  Organe  los  wären,  und  2.  dass  sie  von  einer  unangenehmen  Krank- 
heit geheilt  wären.  Wiewohl  in  der  zunächst  folgenden  Zeit  Jean  Louis 
Petit,  Arnaud,  Garengeo t,  Ledran,  Richter  und  Heister  die 
Brüche  gründlichst  studierten,  so  waren  alle  darin  einig,  dass  wir  nicht 
eingeklemmte  Brüche  gar  nicht  anrühren  und  eine  Radicalheilung  von 
Brüchen  auf  blutigem  Wege  nie  versuchen  sollen,  sowie  dass  es  nur  ein 
einziges  Mittel  zur  gründlichen  Heilung  gebe,  nämlich  ein  andauernd 
getragenes  Bruchband,  dessen  Wirkung  derart  aufgefasst  wurde,  dass  das 
Bauchfell  an  jener  Stelle,  wo  das  Bruchband  aufruht,  sich  derart  verdickt, 
dass  es  dem  abermaligen  Hervortreten  der  Eingeweide  Widerstand  leisten 
kann  und  dass  die  Olfnung  genau  verschlossen  wird. 

Der  einzige  Heister  war  mit  der  Exstirpation  des  Bruchsäckes  ein- 
verstanden, wenn  die  Kelotomie  wegen  Brucheinklemmung  ausgeführt 
worden  war,  während  Richter  und  andere  den  Bruchhals  bloß  scarificierten. 
Gauthier  (1774)  kauterisierte  den  Bruchhals,  Bruchpforte,  das  Periost 
des  Schambeins  und  in  leichtem  Grade  auch  den  Samenstrang  mit  Vitriolöl, 
Leblanc  (1775)  dilatierte  mit  einem  besonderen  Instrumente  mäßig  und 
allmählich  die  Bruchpforte,  wodurch  er  eine  reactive  Contraction  der 
Fasern  um  die  Bruchpforte  herum  und  hiedurch  eine  Verengerung  derselben 
erzielen  wollte.  Die  Berichte  von  Operationen  wurden  so  selten,  dass  die 
vereinzelten  Vertreter  derselben  nur  über  eine  geringe  Anzahl  von 
Beobachtungen  verfügten,  so  dass  ihre  Gegner  mit  Recht  darauf  hinwiesen, 
dass  aus  so  wenig  zahlreichen  Erfahrungen  keine  giltigen  Schlussfolgerungen 
gezogen  werden  dürfen.  Bloß  die  Radicaloperation  des  Nabelbruches  erlebte 
das  Ende  des  18.  Jahrhunderts  und  auch  da  entstand  eine  allgemeine 
Empörung,  als  kurz  darauf  (1811)  Martin  der  Jüngere  von  neuem  die 
Celsus'sche  Ligatur  vorschlagen  wollte,  wie  man  aus  dem  Buche  Boy  er 's 
über  chirurgische  Krankheiten  entnehmen  kann.  Aus  dieser  Stagnation  der 
operativen  Chirurgie  zogen  natürlich  wieder  die  Erfinder  der  Bruchbänder 
ihren  Vortheil. 

Jalade-Lafont  hat  bereits  im  Jahre  1836  medicamentöse  Pelotten 
in  Vorschlag  gebracht,  Beaumont  de  Lyon  weiß  Wunder  zu  berichten 
von  opiumhältigen  und  medicamentösen  lüssen;  endlich  suchten  zwei 
biedere  Vendöebewohner  in  einem  250  Seiten  zählenden  Buche  nachzu- 


208 


Aiiszug  aus  der  Geschiclite  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 


weisen,  dass  es  eine  Pflanze,  welche  Osmonde  royal,  und  einen  Baum, 
welclier  Cypresse  heiße,  gebe,  welche  beide  alle  möglichen  Arten  von 
Brüchen  heilen.  Die  zwei  Verfasser  heißen  Jean  Dubois  und  Pierre 
Simon.  (Das  Buch  enthält  8  Beobachtungen.) 

Es  war  dies  ein  Zustand  der  Hernienbehandlung,  welcher  lebhaft  an 
chinesische  Verhältnisse  erinnert.  In  China  pflegt  man  die  erkrankte 
Körpergegend  zuerst  mit  dem  Safte  der  Pflanze  Gin-seng  abzuwaschen, 
sodann  mit  dem  Safte  der  Pflanze  Eeon-ki  zu  bestreichen,  worauf  unter 
Einhaltung  eines  besonderen  Lebensregimes  durch  10  Tage  hindurch  der 
Bruch  geheilt  zu  sein  pflegt.  Zu  dieser  Gruppe  gehört  noch  Verdier  (aus 
dem  Jahre  1818).  welcher  Brüche  durch  Einnehmen  von  Murias  mercurii 
zu  heilen  vorgab.  Derselbe  schlägt  noch  im  Jahre  1840  schiefe  Douchen 
mit  Eiswasser  gegen  die  Bruchoberfläche  vor,  da  er  gesehen  habe,  dass 
Henry  Petit  bereits  alle  Vorbereitungen  zur  Vornahme  der  Herniotomie 
getrofli'en  hatte,  als  die  Mutter  des  Patienten  einen  Eimer  eiskalten  Wassers 
gegen  den  Bruch  ausschüttete,  worauf  sich  der  Bruch  spontan  reponierte. 
Verhein  verordnete  anhaltende  Bettruhe,  welche  er  mit  örtlicher  Alaun- 
application  und  Compression  unterstützte.  Doch  schon  im  Jahre  1828 
und  1829  traten  Jameson  und  Bell  Watt,  anfangs  noch  etwas  zurück- 
haltend, wieder  mit  Versuchen  der  Radicaloperation  auf,  als  Gerdy  im 
Jahre  1835  seine  Scrotalinvagination  bei  Radicaloperation  von  Leisten- 
hernien erfand  und  hiemit  wieder  diesen  Gegenstand  auf  die  Tagesordnung 
brachte.  Nun  wurden  Schlag  auf  Schlag  neue  Methoden  veröfi^entlicht 
(Leroy  d'Etilles,  Malgaigne,  M ayor,  Jules  Guerin,  Bonnet,  Thierry, 
Valette).  Die  Radicalcur  der  Hernien  ist  plötzlich  Gegenstand  der  Dis-- 
cussion  aller  wissenschaftlichen  Vereinigungen,  und  zwar  nicht  nur  bei 
Leisten-,  sondern  auch  bei  Nabelhernien.  Im  Jahre  1856  stirbt  Gerdy 
und  mit  ihm  fällt  wieder  die  Radicalcur  der  Brüche  der  Vergessenheit 
anheim  und  die  palliative  Behandlung  mit  Bruchbändern  fängt  wieder  an 
die  Oberhand  zu  gewinnen.  Dies  ist  der  Standpunkt  der  classischen 
Malgaigne'schen  und  Gossel  in'schen  Werke. 

Außerhalb  von  Frankreich  schwand  die  operative  Behandlung  der 
Hernien  eigentlich  nie  so  recht  aus  der  ärztlichen  Praxis,  da  W  u  t  z  e  r 
und  Rothmund  stets  von  neuem  Verbesserungen  der  Radicaloperation 
dem  medicinischen  Publicum  vorlegten;  doch  auch  diese  Kämpfer  unter- 
liegen allmählich  und  wir  erfahren  fortab  nur  von  einzelnen  „waghalsigen" 
Operateuren,  Wood  und  Dowel  in  Amerika,  welche  nicht  aufhören,  die  Vor- 
theile der  Radicaloperation  der  Hernien  hervorzuheben,  und  deren  jeder  (da- 
mals) mindestens  je  100  Fälle  operierte.  So  weit  war  diese  Angelegenheit  ge- 
diehen, als  die  antiseptische  Wundbehandlung  in  die  Chirurgie  eingeführt  wurde. 

Unter  die  zahlreichen  schon  einmal  geübten,  aber  wieder  aufge- 
gebenen Operationen,  welche  unter  dem  Schutze  der  Antisepsis  wieder 


Auszug  aus  der  Gesclüchte  der  Raditalbeliaiidlung  der  Brüche. 


20y 


und  zwar  diesmal  mit  Erfolg  aufgenommen  wurden,  gehört  auch  die 
Radicalcur  der  Brüche. 

Sämmtliche  Operationsmethoden,  welche  von  altersher  bis  auf  unsere. 
Zeiten  vorgeschlagen  und  geübt  wurden,  kann  man  in  zwei  große  Gruppen 
theilen.  Und  zwar  gehören  in  die  erste  Gruppe  jene  Methoden,  welche  ihr 
Ziel  ohne  jeden  blutigen  Eingriff  anstreben,  in  die  zweite  dagegen  jene, 
welche  auf  blutigem  Wege  die  Heihmg  des  Bruches  erzielen  wollen. 

Je  nach  den  angewendeten  Mitteln  und  dem  angestrebten  Ziele  zer- 
fallen die  Eingriffe  in  mehrere  Unterabtheilungen: 

I.  in  solche,  welche  durch  Zerstörung  der  Bruchbedeckungen  und 
zwar  mittelst  Ligatur  die  Bruchpforte  verschließen  wollen; 

II.  in  solche,  die  den  Verschluss  durch  Entzündung,  also  mittelst 
Narbe  erzielen  wollen,  welche  sie  entweder  im  Verlaufe  des  Canals  oder 
im  Bruchsacke  oder  in  dessen  Umgebung  anregen; 

III.  in  solche,  welche  zu  der  Entzündung  nach  Beseitigung  des 
Bruchsackes  noch  einen  Verschluss  des  Bruchdurchlasses  mittelst  eines 
organischen  Stopfmittels  hinzufügen; 

IV.  in  solche,  bei  denen  neben  der  Verstopfung  der  Bruchpforte 
mit  einem  organischen  Verschlussmittel  der  Bruchsack  natürlich  beseitigt 
und  der  Bruchdurchlass  in  verschiedener  Weise  genäht  wird. 

Zur  I.  Gruppe  gehört  1.  die  einfache  Ligatur  nach  Desault;  2.  die 
mehrfache  Ligatur  nach  Martin  dem  Jüngeren  und  nach  Boucha- 
court;  3.  die  Ligatur  nach  vorausgegangener  Torsion  nach  Thierry; 
4.  die  Ligatur  zwischen  zwei  hölzernen  Stäbchen  nach  Chicoyn. 

Zur  II.  Gruppe  werden  gezählt:  1.  die  Einspritzung  von  Jodpräparaten 
nach  Velpeau;  2.  die  Acupunctur  nach  Bonnet;  3.  das  Einbringen  von 
Fremdkörpern,  welche  rosorbiert  werden  (nach  Beimas);  4.  das  Einlegen 
von  Setaceen  nach  Mössner;  5.  Scarificationen  nach  Jules  Guerin; 
6.  Einspritzungen  in  die  Umgebung  des  Bruches  nach  Luton. 

In  die  III.  Gruppe  gehören:  Ä.  die  Verstopfung  mittelst  des  Hodens, 
B.  Verstopfung  mittelst  eines  autoplastischen  Verfahrens,  C.  mittelst  Haut- 
invagination;  diese  letztere  wird  an  Ort  und  Stelle  erhalten  mittelst  a)  von 
Nähten  nach  G  e  r  d  y  und  den  Modificationen  dieses  Verfahrens  nach 
a)  Lehmann,  ß)  Günther,  y)  Signoroni,  3)  Maisonneuve;  b)  mittelst 
Instrumenten  von  W  u  t  z  e  r  und  den  ähnlichen  Modificationen  nach 
a)  Rothmund,  [i)  Valette,  y)  le  Roy  d'Etiolles,  S)  Langenbeck, 
e)  Landmann,  Q  Cristopher,  yj)  Kinnloch,  d-)  Syme,  t,)  Davies, 
x)  Fayrer,  X)  Ege;  c)  mittelst  Instrumenten,  welche  die  Bruchpforten- 
ränder künstlich  nähern,  nach  Sotteau  und  De  Roubaix. 

In  die  IV.  Gruppe  rechnen  wir:  die  Methode  von  Wood  und  ihre 
Modificationen  a)  nach  Agnew,  b)  Chisholm,  c)  Best  und  Jesset, 
d)  Guy  Wight,  e)  Freld,  f)  Thompson,  g)  Spanton. 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  .  14 


210  Auszug  auB  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 


Diese  Übersicht  entlehnten  wir  dem  vorzüglichen  Werke  von  S  e  g  o  n  d 
(1883;  „De  la  eure  radicale  des  hernies"). 

Wenn  wir  diese  ganze  lange  Reihe  von  Radicaloperationsmethoden 
der  Brüche  überschauen,  so  werden  wir  gewahr,  dass  es  im  wesentlichen 
zwei  Reihen  sind,  welche  bis  auf  unsere  Tage  geübt  werden:  1.  Die  Ein- 
spritzung von  medicamentösen  Mitteln,  insbesondere  von  Alkohol  nach 
dem  Rathe  Schwalbe's;  2.  Operationsmethoden,  welche  fast  stets  aus  den 
folgenden  Elementen  zusammengesetzt  sind,  und  zwar:  Vernähung  des 
Bruchringes,  wobei  der  unterbundene  oder  zusammengeschobene  Bruchsack 
oder  ein  Theil  desselben  als  organischer  Tampon  von  innen  her  den 
Bruchcanal  verschließen  soll  oder  wo  der  Bruchsack  bis  zu  seiner  inneren 
Ausmündung  einfach  exstirpiert  wird,  bis  zu  jenen  Eingriffen,  welche  die 
anatomisch-ideale  Constitution  der  Bruchcanäle  wieder  herstellen  wollen  und 
durch  besondere  Nahtanordnung  die  Weichtheile  über  den  Bruchringen 
verstärken  wollen. 

Mit  diesen  zwei  Reihen  wollen  wir  uns  denn  vor  allem  beschäftigen: 

Zu  der  1.  Reihe,  dem  Einspritzungsverfahren,  sehen  wir  nur  in  der 
Methode  von  Velpe  au  und  Luton  Vorläufer  der  heute  ab  und  zu  em- 
pfohlenen und  geübten  Schwalbe 'sehen  Methode: 

Velpe  au  wollte  durch  Einspritzung  auf  der  inneren  Oberfläche  des 
Bruchsackes  eine  adhäsive  Entzündung  hervorrufen.  Velpeau  wendete 
dieses  Verfahren  zuerst  bei  einem  mit  einer  Hydrocele  combinierten  Bruche 
an.  Er  beabsichtigte  ursprünglich  nur  die  Hydrocele  zu  heilen;  der  erzielte 
Erfolg,  die  Heilung  des  Bruches  und  der  Hydrocele,  ließen  ihn  diese  Me- 
thode verallgemeinen.  Er  gieng  in  folgender  Weise  vor:  Er  schnitt  das 
Scrotum  ungefähr  in  der  Länge  eines  Zolles  ein,  entblößte  den  Bruchsack 
und  stach  ihn  mittelst  eines  Messerchens  an;  ein  geknöpftes  Stilet  diente 
als  Conductor  bei  der  Einführung  der  Canüle,  bis  in  den  Sack;  mittelst 
Pincetten  wurde  der  Bruchsack  an  die  Canüle  fest  angepresst,  durch  welche 
nun  die  Jodtinctur  eingespritzt  wurde,  während  ein  Gehilfe  den  Leisten- 
canal  comprimiert,  damit  die  Jodtinctur  aus  dem  Bruchsacke  nicht  in  die 
Peritonealhöhle  eindringe;  die  Jodtinctur  bleibt  einige  Minuten  in  Contact 
mit  der  inneren  Oberfläche  des  Bruchsackes,  worauf  sie  entleert,  die  Canüle 
herausgezogen  und  die  Wunde  mit  ein  Paar  Nähten  vereinigt  wird. 

Diese  Methode  wurde  in  verschiedener  Weise  modificiert;  vor  und 
nach  Velpeau  wurden  unterschiedliche  Flüssigkeiten  eingespritzt  (Roth- 
wein, menschliches  Blut,  Tinctura  cantharidum  u.  a.). 

Luton's  Methode  wurde  in  folgender  Weise  angewendet:  Der 
Reimser  Arzt  Luton  versuchte  im  Jahre  1875  angeborene  Brüche  da- 
durch zu  heilen,  dass  er  reizende  Flüssigkeiten  in  die  Umgebung  des 
Bruches  einspritzte.  Seine  Absicht  war,  die  Arbeit  der  Natur,  welche  bei 
Heilung  der  Brüche  die  Bruchpforten  verengt,  zu  unterstützen  und  die 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radicalbehandlung  der  Brüche. 


211 


geeignetste  Flüssigkeit  hiezu  schien  ihm  die  gesättigte  Lösung  von  Meer- 
salz zu  sein.  Der  Erfinder  der  Methode  selbst  wendete  sie  hauptsächlich 
bei  angeborenen  Nabelbrüchen  an;  er  spritzte  an  vier  verschiedenen  Stellen 
um  den  Bruch  herum  je  10  Tropfen  der  erwähnten  Salzlösung,  worauf 
sich  eine  mäßige  Infiltration  ohne  Eiterung  entwickelte,  welche  sich  auch 
wieder  allmählich  resorbierte,  und  als  sie  nach  einem  Monate  geschwunden 
war.  war  auch  die  Nabelöffnung  verschlossen. 

Nach  seinem  Beispiele  führte  Schwalbe  eine  TO^/o  Alkohollösung 
in  die  Praxis  ein.  Heaton  und  Warren  wandten  einen  Extract  von 
Cortex  quercus  albse  an,  und  zwar  nach  folgender  Verschreibung: 

Rp.    Extract.  syrup.  cort.  quercus  gr.  16. 
Aether.  sulphur.  gr.  4. 
Alcohol.  absol.  gr.  4. 
Sulph.  morphini  gr.  0,05 — 0,1. 

Soll  über  den  Wert  dieser  Methoden  ein  ürtheil  gefällt  werden,  so 
muss  zu  allererst  in  Betracht  kommen,  welchen  Brucharten  gegenüber  sie 
in  Anwendung  kamen.  Luton's  Methode  wurde  bei  Kindern  von  wenigen 
Monaten  angewendet  und  zwar  bei  Nabelbrüchen.  Es  lehrt  aber  sowohl 
die  fremde  als  unsere  eigene  Erfahrung,  dass  eben  diese  Brüche  eine 
große  Tendenz  zur  Heilung  haben  und  zwar  durch  Stärkung  der  musku- 
lösen Bauchwand  infolge  Wachsthums.  Dementsprechend  erzielte  Luton 
bei  einem  28monatlichen  Kinde  nur  eine  Besserung;  bei  einem  14jährigen 
Knaben  aber,  bei  welchem  er  diese  Behandlungsmethode  wiederholte  und 
binnen  14  Tagen  eine  scheinbare  Heilung  erzielte,  müsste  erst  eine  Unter- 
suchung nach  längerer  Zeit  nachgetragen  werden,  damit  erwiesen  werde, 
dass  die  Heilung  auch  definitiv  sei.  Denn  die  Erfahrung,  dass  während  die 
Einspritzungen  gemacht  wurden.  Infiltrate  entstanden,  welche  für  einige 
Zeit  das  Hervortreten  des  Bruches  hinderten,  wurde  auch  bei  der 
Schwalbe 'sehen  Methode  gemacht,  welche  sich  überdies  durch  die  An- 
wendung einer  antiseptischen  Flüssigkeit  empfahl.  Es  wurden  aber  auch 
bei  dieser  Methode  zahlreiche  Beobachtungen  gesammelt,  in  denen  nach 
Aufsaugung  der  künstlichen  Infiltrate  und  Rückkehr  der  eingespritzten 
Gegend  ad  normam  auch  der  Bruch  sich  wieder  zu  zeigen  begann.  Man 
kann  also  diese  Methode  durchaus  nicht  als  eine  verlässliche  bezeichnen, 
doch  ist  bei  reinlicher  Durchführung  derselben  gegen  einen  Heilversuch 
mit  derselben  nichts  einzuwenden,  insbesondere  wenn  derselbe  bei  kleinen 
oder  beginnenden  Hernien  gemacht  wird,  bei  welchen  die  Heilanstrengungen 
des  Organismus  hiedurch  nur  gefördert  werden. 

Die  Eingriffe  der  III.  Gruppe  können  wir  füglich  auch  mit  Schweigen 
übergehen,  da  wir  weder  den  Hoden,  noch  transplantierte  Hautlappen  oder 
Hautinvaginationen  zur  Verstopfung  der  Bruchpforten  benützen,  welche 

14* 


212 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Radionlbehandlung  der  Brüche. 


wir  insgesammt  für  viel  zu  wenig  widerstandsfähig  lialten,  als  dass  sie 
dem  Anpralle  der  Eingeweide  bei  Anstrengungen  der  Bauchpresse  stand- 
halten könnten. 

Die  IV.  Gruppe  endlich  enthält  wenigstens  ein  Element  der  modernen 
Radicaloperationen  der  Hernien,  nämlich  die  Naht  des  Bruchringes. 

Diese  Wood'sche  Methode  wurde  im  Jahre  1858  zuerst  ausgeführt 
und  im  Jahre  1863  veröffentlicht.  Dieselbe  ist  dadurch  charakterisiert, 
dass  sie  unter  gleichzeitiger  Verlegung  des  Bruchringes  durch  eine  Invagi- 
nation  die  Pfeiler  dieser  Bruchöffnung  vereinigt.  Dieses  Verfahren, 
sowie   die   Modificationen   desselben    sind   subcutan   ausgeführt  worden. 

o  o  d  führte  zu  diesem  Zwecke  einen  kleinen  Einschnitt  über  dem  Scrotum, 
führte  den  linken  Zeigefinger  in  denselben  ein  und  bewirkte  hiedurch  eine 
möglichst  hohe  Invagination  des  Bruchsackes  in  den  Leistencanal.  Sodann 
führte  er  entlang  des  eingeführten  Fingers  eine  Nadel  mit  eingefädeltem 
Draht,  welche  er  zunächst  durch  den  inneren  Pfeiler  und  das  Colles'sche 
Ligament  durchstieß  und  durch  die  Haut,  welche  von  einem  Gehilfen  nach 
oben  und  innen  verschoben  worden  war,  nach  außen  führte,  worauf  der 
Draht  ausgefädelt  und  die  Nadel  zurückgezogen  wird.  Nun  wird  mit 
demselben  Finger,  ohne  mit  der  Invagination  aufzuhören,  der  äußere  Pfeiler 
vor  dem  Samenstrange  bis  zur  Höhe  des  inneren  emporgehoben,  die 
Nadel  ohne  Draht  abermals  eingestochen  und  durch  den  äußeren  Pfeiler 
hindurchgeführt;  in  der  Haut  wird  dieselbe  Öffnung  benützt,  durch  welche 
die  Nadel  früher  ausgestochen  wurde.  Das  Ende  des  bereits  früher  einge- 
führten Drahtes  wird  in  die  Nadel  eingeführt  und  diese  mit  demselben 
zurückgezogen,  so  dass  bei  der  Hautöffnung  eine  Drahtschlinge,  bei  der 
Scrotalwunde  aber  die  beiden  Drahtenden  nach  außen  ragen.  Nun  wird 
mit  dem  Daumen  und  Zeigefinger  eine  Bruchsackfalte  (sammt  der  sie 
deckenden  Fascie)  bei  der  Wunde  vorgezogen  und  eine  Nadel  hindurch- 
gestoßen, in  welche  eines  der  Drahtenden  eingefädelt  wird,  worauf  man 
die  Nadel  entfernt.  Man  zieht  nun  die  beiden  Drahtenden  so  weit  an,  bis 
die  Drahtschlinge  weiter  oben  die  Haut  berührt.  Hierauf  werden  sowohl 
die  beiden  Drahtenden  zusammen,  als  die  Schlinge  um  ihre  Achse  gedreht, 
bis  man  einen  Widerstand  fühlt,  und  nun  werden  Schlinge  und  Draht- 
enden auf  Bindenröllchen  befestigt.  Nach  8 — 10  Tagen  wird  der  Draht 
losgemacht  und  entfernt. 

Bei  dieser  Methode  interessiert  uns  freilich  viel  weniger  die  Art  und 
Weise,  wie  der  Draht  eingeführt  wird,  sondern  vielmehr  die  Thatsache, 
dass  hier  zum  erstenmale  die  Pfeilernaht  angewendet  wurde,  allerdings  in 
einer  unnütz  complicierten  Weise.  Diese  Naht  ist  nun  ein  Operationsdetail, 
welches  von  da  ab  bei  jeder  Radicaloperation  der  Brüche  vorkommt,  nur 
führen  wir  dieselbe  in  bei  weitem  einfacherer  Weise  aus,  indem  wir  uns 
unter  dem  Schutze  der  Anti-  und  Asepsis  vor  einer  breiten  Spaltung  des 


über  die  Briiclibandbeliaiullung  der  Brüche. 


213 


Bruchsackes  nicht  scheuen,  worauf  sowohl  eine  Ligatur  des  Bruchsack- 
halses, als  eine  Pfeilernaht  unter  der  Controle  des  Gesichtssinnes  ohne 
Schwierigkeit  angelegt  werden  kann. 

Dies  ist  der  einzige  Rest,  welcher  von  den  historischen  Methoden  in 
die  modernen  Eingriffe  übernommen  wurde.  . 


Wenn  wir  nun  die  heute  üblichen  Behandlungsweisen  der  Brüche 
überschauen,  so  begegnen  wir: 

1.  der  Bruchbandbehandlung,  welche  nur  selten  eine  gründliche  Aus- 
heilung des  Bruches,  sondern  nur  die  Befreiung  von  einzelnen  durch  den 
Bruch  verursachten  Beschwerden  im  Auge  hat.  daher  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  nur  eine  palliative  Therapie  genannt  werden  kann; 

2.  einer  wirklichen  Radicaltherapie  der  Brüche,  indem  durch  dieselbe 
eine  Beseitigung  des  Bruches  zum  mindesten  beabsichtigt,  in  der  Überzahl 
der  Fälle  auch  erreicht  wird.  Dieselbe  ist  operativ  und  wird  erzielt  entweder 
dadurch,  dass  a)  reizende  Flüssigkeiten  in  die  Umgebung  des  Bruches  ein- 
gespritzt werden,  b)  dass  blutige  Eingriffe  unternommen  werden.  Da  von 
der  Injectionsmethode  am  Schlüsse  der  historischen  Übersicht  genügend 
aüsführlich  erwähnt  wurde,  so  bleibt  uns  nur  noch  die  Abhandlung  über 
die  Bruchband-  und  operative  Therapie  zur  Besprechung  übrig. 


Eber  die  Bruchbandbehaiidluiig  der  Brüche. 

Wie  schon  aus  den  hier  beigefügten  Tabellen  hervorgeht,  nimmt  die 
Zahl  der  radical  operierten  Hernien  auf  der  Klinik  des  Verfassers  von  Jahr 
zu  Jahr  zu.  So  verhält  sich  die  Sache  übrigens  auf  allen  Anstalten,  da 
einerseits  die  Chirurgen  bestrebt  sind,  die  Bruchbandtherapie  durch  die 
operative  zu  ersetzen,  andererseits  die  Kranken  diese  Heilmethode  selbst 
aufsuchen,  da  sie  ja  in  nicht  gar  zu  ungünstigen  Fällen  wirklich  radical 
ist,  einen  verhältnismäßig  kurzen  Zeitraum  in  Anspruch  nimmt  und  den 
Kranken  vom  jahrelangen,  mitunter  lebenslänglichen  Tragen  eines  Bruch- 
bandes befreit,  was  besonders  bei  jungen  Leuten  beiderlei  Geschlechtes  als 
.eine  Herabsetzung  der  Erwerbsfähigkeit,  auch  bei  Eheschließungen  als  ein 
unangenehmer  Defect  empfunden  wird.  Außerdem  ist  die  Bruchband- 
behandlung unsicher,  und  zwar  in  doppelter  Beziehung:  sowohl  bezüglich 
der  Erreichung  einer  definitiven  Heilung,  als  bezüglich  des  Schutzes  gegen 
Einklemmuiigen  der  Brüche;  sie  ist  öfters  auch  unzulässig  und  direct  aus- 
geschlossen, weil  sie  nur  Schaden,  keinen  Nutzen  anrichten  kann;  in  jedem 


214 


Über  die  Bruchbandbehandluiig  der  Brüche. 


Falle  ist  sie  langwierig  und  lästig,  Gründe  genug  für  Patienten  und  Ärzte, 
um  sich  und  die  Hilfesuchenden  von  ihr  zu  emancipieren  und  andere  Heil- 
methoden in  Vorschlag  zu  bringen.  Es  ist  demnach  beinahe  erstaunlich, 
dass  sich  nicht  jeder  Bruchkranke  dem  ungefährlichen,  einige  Tage  währenden 
operativen  Heilversuche  unterzieht  und  warum  er  sich  lieber  sein  Lebenlang 
mit  der  lästigen,  unverlässlichen  Therapie  mittelst  Bruchbändern  quält.  Doch 
ist  gar  kein  Zweifel  darüber,  dass  es  allmählich  zu  einer  veränderten, 
allgemeinen  Anschauung  dieser  Dinge  kommen  wird,  was  z.  B.  bereits  im 
Bereiche  der  klinischen  Wirksamkeit  des  Verfassers  zum  Ausdrucke  kommt, 
insofern,  als  die  Zahl  der  operativ  behandelten  Fälle  seit  seiner  Übernahme 
der  Klinik  (1891)  im  stetigen  Anwachsen  begriffen  ist,  im  gleichen  Schritte 
nämlich,  als  in  den  einzelnen  Theilen  von  Böhmen  bekannt  wird,  dass  ein 
Ersatz  der  unsicheren  Bruchbandtherapie  durch  eine  wirksamere,  gleich 
ungefährliche  vorhanden  ist.  Es  ist  dies  übrigens  eine  Erfahrung,  welche 
sich  auch  bei  anderen  Operationen,  jener  der  Struma,  der  chirur- 
gischen Magendarmerkrankungen,  Schädel-  und  Rückgratdefecten  etc.  etc. 
wiederholt. 

Und  trotzdem  bleibt  eine  immerhin  erkleckliche  Zahl  von  Hernien- 
fällen  übrig,  in  denen  eine  Radicaloperation  unzulässig  ist  und  wir  zur 
schützenden  Bruchbandbehandlung  gezwungen  sind.  Solche  Fälle  sind 
folgende: 

1.  Die  häufigste  Ursache  der  Anwendung  von  Bruchbändern  ist  die 
weibliche  Schamhaftigkeit  und  dann  die  Furcht  vor  der  Operation.  Kaum 
dass  man  manchmal  eine  Frau  vermögen  kann,  sich  ärztlich  untersuchen 
zu  lassen,  damit  man  wenigstens  constatieren  könne,  woran  die  Kranke 
leidet,  eventuell  von  welcher  Bruchart  sie  befallen  ist,  um  darnach  die 
Wahl  des  Bruchbandes  treffen  zu  können.  Solche,  gewöhnlich  den  wohl- 
habenderen, daher  auch  verzärtelten  Kreisen  angehörige  Frauen  gestatten 
manchmal  kaum  die  Entblößung  jener  Stelle,  wo  der  Bruch  sitzt.  Dass  sich 
solche  Individuen,  solange  nicht  drohende  Gefahr  für  Gesundheit  und 
Leben  besteht,  auch  kaum  zu  einer  Operation  entschließen  werden,  welche 
immerhin  mit  einer  gewissen  —  nach  ihrer  Ansicht  rücksichtslosen  — 
Verletzung  ihrer  Schamgefühle  verbunden  sein  muss,  ist  bekannt.  Dass  dies 
alles  noch  durch  den  Sitz  der  gewöhnlichsten  Brüche  (Leisten-  und  Schenkel- 
brüche) nur  noch  gesteigert  wird,  ist  wohl  begreiflich. 

2.  Ärztlicherseits  wird  die  Radicaloperation  durch  verschiedene  Krank- 
heiten, welche  die  Einleitung  der  Narkose  als  kritisch  erscheinen  lassen, 
verboten,  z.  B.  vorgeschrittene  Tuberculose,  Nephritis,  Herzfehler  u.  a. 
Freilich  lassen  sich  einfache  Fälle  einer  Leisten-  oder  Schenkelhernie  auch 
unter  Anwendung  einer  Cocainanästhesie  ausführen,  so  dass  die  Zahl  der 
Fälle,  in  denen  wegen  Narkosegefahr  die  Operation  unterbleiben  müsste, 
wesentlich  reduciert  wird. 


über  die  Bruchbandbehandlung  der  Brüche. 


215 


3.  Es  ist  besser,  eine  Radicaloperation  zu  unterlassen,  sobald  der 
Kranke  an  einer  Krankheit  leidet,  welche  eine  oftmalige  Anstrengung  der 
Bauchpresse  oder  angestrengte  Exspiration  erfordert.  Kranke,  welche  an 
habitueller  Obstruction  (nicht  aber  durch  die  Hernie  verursacht)  leiden, 
welche  von  Husten  geplagt  werden  (Bronchitis,  Tuberculose),  asthmatische 
Zustände  haben,  ist  es  besser,  von  der  Operation  auszuschließen,  da  die 
Radicalheilung  durch  fortdauernde  Narbendehnungen  sehr  fraglich  ist.  und 
weil  die  absolute  Ruhe  nach  der  Operation,  combiniert  mit  den  Beschwerden 
beim  Abhusten  (wegen  Schmerz  in  der  Wunde)  leicht  zu  lungenentzündlichen 
Verschlimmerungen  der  bestehenden  Krankheit  führt.  Freilich  gibt  es  gewisse 
complicierende  Erkrankungen,  z.  B.  Phimose,  Stricturen  der  Urethra  etc., 
welche  nicht  nur  das  Entstehen  der  Hernie  fördern,  sondern  ihr  Wieder - 
auftreten  nach  einer  Radicaloperation  wahrscheinlich  machen.  Solche  Zustände 
verbieten  aber  die  Operation  nicht,  sondern  erfordern,  dass  der  Operation 
die  Beseitigung  der  Krankheit  vorausgeschickt  oder  mit  ihr  combiniert 
wird  (also  die  Phimose  gespalten,  die  Narbenstrictur  gewaltsam,  plötzlich 
dilatiert  wird),  indem  man  hiezu  dieselbe  Narkose  benützt,  in  der  man  die 
Radicaloperation  ausführt.  Der  Vortheil  des  Kranken  ist  dann  allerdings 
ein  doppelter. 

4.  Die  Nachbehandlung  einer  Radicaloperation  erfordert  eine  mehr- 
wöchentliche Ruhe  und  mindestens  einjährige  Schonung  von  jeder  über- 
mäßigen oder  unvorgesehenen  Anstrengung  der  Bauchpresse.  Können  sich 
gewisse  Kranke  infolge  ihrer  socialen  oder  beruflichen  Beschäftigung,  wenn 
auch  nur  temporär,  diese  Schonzeit  nicht  vergönnen,  dann  ist  besser  nicht 
zu  operieren  und  sich  lieber  mit  der  palliativen  Bruchbandtherapie  zu 
begnügen. 

5.  Der  örtliche  Befund  am  Bruche  macht  die  sonst  ungefährliche 
Operation  manchmal  ernst,  insofern,  als  ein  umfänglicher  und  angewachsener, 
mit  Fistelbildungen  und  Vorfällen  des  Bruchinhaltes  complicierter  Bruch  nicht 
gleichgiltige,  ja  gefährliche  Eingriffe  erfordert,  deren  Bedeutung  dem  Kranken 
nicht  verschwiegen  werden  darf  und  deren  Schilderung  den  Kranken  von 
der  Operation  abschreckt.  Dieselben  Zustände  machen  allerdings  öfters  auch 
die  Anwendung  von  Bruchbändern  unmöglich  und  müssen  wir  uns  in  solchen 
Fällen  nicht  selten  mit  Stützvorrichtungen,  Tragsäckchen,  Suspensorien  be- 
gnügen, durch  welche  wenigstens  ein  Theil  der  Beschwerden  beseitigt 
werden  kann. 

6.  Vorgeschrittenes  Alter,  nicht  jedoch  zarte  Jugend,  contraindicieren 
die  Operation. 

Wenn  daher  die  Bruchbandtherapie  eigentlich  heutzutage  nur  bei 
Ausnahmsfällen  in  Anwendung  kommt,  so  müssen  wir  dennoch  den  Leser 
mit  derselben  bekannt  machen.  Zum  Schaden  der  betheiligten  Patienten 
haben  sowohl  die  Fabrication,  als  auch  den  Vertrieb  der  Bruchbänder 


216 


Über  die  Bruclibandbehandlnn^  der  Brüche. 


zumeist  Nichtfachleute  an  sich  gerissen,  wenn  sich  auch  dieselben  hie  und 
da  Titel,  wie  Bandagisten  oder  Orthopädisten,  anzumaßen  pflegen.  In  Wirk- 
lichkeit sind  es  Handschuhmacher,  Mechaniker,  Sattler,  am  Lande  Droguisten 
und  die  verschiedenartigsten  Gemischtwarenhändler.  Dass,  bis  auf  wenige 
rühmliche  Ausnahmen,  diese  Uneingeweihten  gewöhnlich  nicht  die  ober- 
flächlichste Idee  von  Anatomie,  Chirurgie,  im  besonderen  von  Herniologie. 
über  die  Art  und  Weise,  ein  Bruchband  anzulegen,  über  Beurtheilung  der 
Wirksamkeit  eines  solchen  besitzen,  ist  bei  solchen  Verhältnissen  wohl 
selbstverständlich,  und  doch  scheut  sich  das  Gros  des  Publicums  nicht,  sich 
von  derartigen  Leuten  das  nothwendige  Bruchband  auswählen,  ja  sogar  an- 
legen zu  lassen.  Es  ist  demnach  Sache  des  Arztes,  den  Patienten  im  Bedarsfallc 
gut  zu  berathen,  sowohl  betreffs  der  Art  des  Bruchbandes,  seiner  detaillierteren 
Construction  (wenigstens  annäherungsweise  und  in  abweichenden  Fällen), 
als  betreffs  einer  verlässlichen  Einkaufsquelle,  wobei  stets  vor  der  billigen 
Dutzendware  und  von  Fernbestellungen  von  Bruchbändern  nachdrücklichst 
zu  warnen  ist.  Ebenso  verlange  der  Arzt,  dass  sich  sein  Patient  mit  an- 
gelegtem Bruchbande  wieder  vorstelle,  damit  er  die  Zweckmäßigkeit  der 
Prothese  beurtheilen  könne. 

Eigentlich  soll  ein  Bruchband  nur  angelegt  werden,  wenn  der  Bruch 
vollständig  reponiert  ist,  daher  nur  bei  einer  freien  Hernie.  Bei  irreponiblen 
(angeborenen  oder  angewachsenen)  Brüchen  müssen  bei  Anlegung  von 
Bruchbändern  besondere  Vorsichtsmaßregeln  beobachtet  werden.  Nur  bei 
freien  Brüchen  ist  das  Streben  nach  Verwachsung  des  Bruchsackhalses 
gerechtfertigt,  bei  irreponiblen  Brüchen  dagegen  ausgeschlossen,  und  nur 
die  Erwartung  motiviert,  dass  das  Bruchband  die  weitere  Zunahme  des 
Bruches  verhindern  werde. 

Es  muss  demnach  die  Methode  der  Reposition  eines  freien  Bruches 
beschrieben  werden,  welche  der  Anlegung  eines  Bruchbandes  stets  voraus- 
geschickt werden  soll.  Das  Nichtgelingen  der  Reposition  belehrt  uns  auch 
darüber,  dass  der  Bruch  überhaupt  irreponibel  oder  zum  mindesten  schwer 
zurückzubringen  ist.  Die  Reposition  eines  Bruches  heißt  Taxis;  sie  kann 
negativ  sein,  wenn  sie  spontan  erfolgt,  oder  positiv,  wenn  sie  durch  des 
Kranken  oder  fremdes  Zuthun  zustande  kommt.  Kleinere  Hernien  schlüpfen, 
besonders  bei  Rückenlage,  bei  angezogenen  Knien  und  leeren  Därmen, 
leicht  in  die  Bauchhöhle,  am  leichtesten  wohl  interstitielle  Leistenhernien 
besonders  nicht  angewachsene  Darmwandbrüche. 

Bei  positiver  Taxis  größerer  Brüche  gehen  wir  folgendermaßen  vor: 
Wir  ergreifen  den  Bruclihals  mit  einer,  und  zwar  gewöhnlich  und  am 
zweckmäßigsten  mit  der  ungleichnamigen  Hand,  indem  wir  den  Daumen 
unter,  die  geschlossenen  übrigen  vier  Finger  auf  dieselbe  legen.  Mit  der 
anderen,  gleichnamigen  Hand  umfassen  wir  den  Fundus  der  Hernie,  und 
zwar  in  derselben  Lage,  jedoch  mit  gespreizten  Fingern.  Die  am  Bruchhalse 


über  die  Biuchbandbehandlung  der  Brüche. 


217 


angölegte  Hand  soll  das  Wiedervorfallen  von  bereits  reponiertem  Bruch- 
inhalt verhindern,  die  den  Fundus  umfassende  Hand  soll  ihn  eigentlich  in 
die  Bauchhöhle  zurückschieben;  während  der  Action  der  am  Hernienfundus 
angelegten  Hand  öffnen  wir  mäßig  die  den  Bruchhals  compriniierende  Hand, 
schließen  dieselbe  jedoch  sofort,  sobald  die  erstere  zu  reponieren  aufgehört 
hat.  Im  ganzen  kann  man  sagen,  dass  die  am  Bruchhals  liegende  Hand 
die  von  der  anderen  Hand  begonnene  Welle  fortzusetzen  habe,  sie  thut  es 
gewöhnlich  mit  dem  ulnaren  Rande,  während  der  radiale  Rand  (Daumen 
und  Zeigefinger)  dem  Wiedervorfall  bereits  reponierten  Bruchinhaltes  wehrt. 
Während  des  Repositionsmanövers  heben  wir  die  Hernie  empor,  wenn 
sie  herabhieng,  wir  fuhren  mit  derselben  seitliche,  ja  auch  kreisförmige 
Bewegungen  aus,  spannen  dieselbe  mit  beiden  Händen  an,  damit  Knickungen. 
Drehungen,  Einschnürungen  am  Bruchring  ausgeglichen  werden.  Einige 
Kranke  lernen  selbst  das  Repositionsmanöver  und  machen  es  vielfach 
so,  dass  sie  beide  Hände  mit  gekreuzten  Fingern  aufs  Scrotum  auflegen 
und  die  Hernie  in  der  Richtung  gegen  die  Symphyse  oder  den  äußeren 
Leistenring  comprimieren.  indem  sie  sich  hiebei  eine  feste  Unterlage  an 
den  adducierten  und  leicht  gebeugten  unteren  Extremitäten  schaffen. 

Bei  gelungener  Reposition  fühlen  wir  zwar  zuerst  allmähliche  Ver- 
kleinerung der  Hernie,  schließlich  aber  eine  wesentliche  Volumsabnahme, 
bis  endlich  —  bei  Darmbrüchen  unter  gurrenden  Geräuschen  —  vollständige 
Reposition  erfolgt,  wenn  der  Bruch  frei  war.  Jetzt  kann  man  sich  unter 
Einstülpung  der  vordem  die  Bruchhülle  bildenden  Haut  —  bei  Leisten- 
hernien also  der  Scrotalhaut  —  überzeugen,  ob  der  Bruchcanal  frei  ist;  im 
bejahenden  Falle  legen  wir  sofort  die  Pelotte  des  Bruchbandes  auf  den 
Bruchring  auf.  Ist  keines  augenblicklich  vorhanden,  dann  legen  wir  wenigstens 
einen  Watte-  oder  Charpietampon  auf  oder  ein  zu  einem  Dreieck  zusammen- 
gelegtes Handtuch  oder  Serviette  und  befestigen  es  mit  einer  Binde  mittelst 
einer  Spica  coxse  oder  mittelst  zweier  dreieckiger  Tücher,  deren  eines  das 
Becken,  das  andere  die  Oberschenkel  umgreift  und  welche  sich  auf  dem 
Tampon  kreuzen. 

Vorrichtungen,  welche  den  Zweck  hatten,  einen  reponierten  Bruch 
in  der  Bauchhöhle  zu  erhalten,  wurden  begreiflicherweise  seit  undenklichen 
Zeiten  in  mehr  oder  weniger  vollkommenen  Formen  erzeugt.  G  o  r  d  o  n, 
Arculanus,  Marco,  Gatenaria,  Fabricius  Hildanus  ersannen 
vom  14.  bis  17.  Jahrhundert  unterschiedliche  Vorrichtungen,  ohne  dass 
dieselben  eine  allgemeine  Verbreitung  gefunden  hätten.  Auch  die  Kranken 
selbst  fabricierten  sich  nach  eigenen  Vorstellungen  von  ihrem  Leiden  oder 
nach  gesehenen  Mustern  Prothesen  zu  eigenem  Gebrauch.  Auch  heutzutage 
findet  man,  insbesondere  bei  Handwerkern,  welche  mechanischen,  Metall 
und  Leder  bearbeitenden  Gewerben  nahestehen,  derartige  Volksproducte.  Die 
beigefügte  Abbildung  gibt  ein  solches  Fabrikat  wieder;  dasselbe  besteht 


218 


Übel-  die  Brucbbaiitlbehandlung  der  Brüche. 


aus  einem  starren  ledernen  Beutel,  welcher  an  zwei  Sclienkelriemen  und  an 
einem  Beckengurt  befestigt  ist.  Die  Prothese  war  leistungsfähig,  weil  der 
Kranke  außer  seinen  beiden  Leistenbrüchen  an  beiderseitiger  Hydrocele 
litt;  durch  Empordrängen  beider  Wasserbrüche  wurden  auch  beide  Leisten- 
öffnungen verlegt.  (Siehe  Fig.  59.) 

Damit  wir  uns  besser  über  die  Fortschritte  in  der  Bruchband- 
construction  verständigen  können,  müssen  wir  zuerst  die  einzelnen  Be- 
standtheile  eines  Bracheriums  aufzählen:  Ein  Bruchband  besteht  aus  einem 
Pölsterchen  (Pelotte),  durch  welches  die  Ölfnung  verlegt  oder  der  Canal 
comprimiert  werden  soll,  durch  die  der  Bruch  hervortritt;  zweitens  aus 
einem  Leibriemen,  Gurt  (Ressort,  Ceinture),  welcher  das  Becken  oder  den 
Rumpf  umgreifen  soll;  endlich  bei  manchen  Bruchbändern  aus  Schenkel- 
riemen (Sous-cuisse),  welche,  von  rückwärts  nach  vorn  verlaufend,  die 
Pelotte  am  Heraufrücken  hindern  sollen,  und  manchmal  aus  Achselriemen, 
welche  dem  Nachabwärtsrücken  derselben  entgegenwirken  sollen. 

Die  einzelnen  Etapen  der  Entwickelung  der  Bruchbandconstruction 
sind  durch  nachstehende  Erfindungen  und  Neuerungen  gekennzeichnet: 

Die  ursprüngliche  Form  eines  Bruchbandes  bestand  zweifellos  aus 
einer  Pelotte  und  einem  weichen  Leibgurt.  Zu  dieser  ursprünglichen  Form 
können  wir  heutzutage  wieder  zurückkehren,  indem  wir  den  weichen  Leibgurt 
aus  einem  festen  Gummigewebe  anfertigen  lassen. 

Die  nächste  Vervollkommnung  des  Bruchbandes  bestand  darin,  dass 
statt  des  damaligen  unelastischen  ein  federnder  Beckengurt  eingeführt 
wurde,  welcher  eine  breite  Stahlfeder  enthielt,  die  die  eine  Beckenhälfte 
umgreifen  sollte,  während  die  andere  Hälfte  des  Beckengurtes  weich  war. 
Die  Feder  war  mit  der  Pelotte  fest  verbunden.  Diese  Einführungen  werden 
einerseits  Peter  Camper  zugeschrieben,  einem  holländischen  Anatomen  und 
Chirurgen  des  18.  Jahrhunderts,  andererseits  (französischerseits)  einem 
gewissen  Nie.  Lequin  (1663),  welcher  mittelst  einer  Stahlfeder  einen 
mäßigen  Druck  durch  die  Pelotte  auf  die  Bruchpforte  ausüben  wollte. 
Tiphaine  (1761)  construierte  zum  erstenmale  ein  doppelseitiges  Bruch- 
band. Salmon  erfand  die  mit  dem  Beckengurt  beweglich  verbundene 
Pelotte,  welche  sich  durch  Drehung  in  einen  verschiedenen  Winkel  zur 
Feder  einstellen  ließ,  sich  daher  besser  den  einzelnen  Flächenkrümmungen 
des  Körpers  adaptieren  konnte.  Salmon 's  Bruchband  lag  auch  nicht  seiner 
ganzen  Länge  nach  dem  Körper  an,  sondern  nur  mit  seinen  zwei  Endpelotten, 
deren  eine  von  elliptischer  Form  dem  Kreuzbein  aufruhte,  deren  andere 
kugelförmig  und  mit  der  Feder  mittelst  eines  Nussgelenkes  verbunden,  der 
Bruchpforte  auflag.  Auch  verlief  das  Bruchband  nicht  auf  der  kranken, 
sondern  auf  der  gesunden  Seite  (bei  rechtsseitigem  Bruche  über  die  linke 
Beckenhälfte).  Das  Salmon 'sehe,  von  Wiek  harn  vervollkommnete  Bruch- 
band wird  auch  schlechtweg  das  englische  genannt,  während  die  früher 


über  die  Brachbandbehandlung  der  Brnche. 


219 


beschriebene  Form  die  französische  heißt;  jenes  steht  ziemlich  allgemein 
in  Amerika,  dieses  in  Europa  in  Gebrauch. 

Weitere  Modificationen  betreffen  die  Pelotten  selbst.  Unsere  Pelotten 
bestehen  zumeist  aus  einer  annähernd  birnförmigen  Metallplatte,  welche 
auf  ihrer  dem  Körper  zugekehrten  Seite  mit  einem  Rosshaarpölsterchen 
unterlegt  ist;  diese  Polsterung  kann  auch  aus  Watte  bestehen,  oder  aus 
einem  Gummisäckchen,  welches  entsprechend  aufgeblasen  wird. 

Die  Pelotten   sind   gewöhnlich   mit  Hirschleder,  bei   Kindern  mit 
irgend    einem,    für    Flüssigkeiten    undurchlässigen    Stoffe  (Wachstaffet, 
Guttaperchaleinwand  u.  ähnl.)  überzogen.  Zu  demselben  Zwecke  können 
sie    auch    aus    Holz    oder  Hart- 
kautschuk geschnitten  oder  gegossen 
oder  aus  Gummi  gefertigt  und  mit 
Flüssigkeiten   (Öl.   Glycerin)  oder 
Luft  gefüllt  sein. 

Wie  schon  erwähnt,  kann  die 
Pelotte  an  der  Feder  fest  angebracht 
sein,  oder  sie  lässt  sich  gegen  die 
Feder  um  die  in  die  Pelotte  ver- 
längerte Achse  derselben  drehen, 
oder  manchmal  auch  gegen  die 
Feder,  also  um  eine  verticale  Achse 
in  einem  Charniergelenk  (Chase) 
abknicken.  An  der  Vorderseite  der 
Pelotte  befinden  sich  Metallknöpfe 
zum  Befestigen  der  Leib-  und 
Schenkelriemen,  bei  Schenkel-  und 
Leistenbruchbändern  2  auf  jeder 
Pelotte,  bei  Nabelbruchbändern  4—6- 


\  Hydro- 
/  celen. 


Fig.  59. 

Volkserzengnis  zum  Zwecke  der 
Retention  zweier  Leistenbrüche. 

-8,  je  nach  der  Zahl  der  Endriemen,  in 


welche  die  Leibgurte  auslaufen.  Außerdem  kann  äußerlich  noch  eine  kleine 
Handhabe  sichtbar  sein,  mit  Hilfe  welcher  die  Stellung  der  Pelotte  zur 
Feder  geändert  werden  kann.  Die  Drehvorrichtung  selbst  ist  gewöhnlich 
innerhalb  der  Pelotte  angebracht.  Die  Form  der  Pelotte  ist  verschieden: 
birnförmig  bei  Schenkel-  und  Leistenbrüchen,  rund  oder  oval  bei  Nabel- 
und  Bauchbrüchen.  Liegt  der  Testikel  hoch  oben,  der  äußeren  Leisten- 
öffnung an,  so  ist  die  Pelotte  gegen  die  Peripherie  geschweift  oder  ge- 
spalten; die  Schweifung  oder  der  Zwischenraum  der  Ausläufer  soll  den 
ektopischen  Hoden  aufnehmen,  ohne  ihn  zu  drücken  (Scarpa).  Bei  scrotalen 
Leistenbrüchen  wendet  man  öfters  dreieckige  Pelotten  von  größeren 
Dimensionen  als  gewöhnlich  an,  da  die  Bruchpforten  auch  bedeutend  aus- 
geweitet zu  sein  pflegen.  Der  untere  Winkel  der  dreieckigen  Pelotte  läuft 
in  den  Schenkel-  oder  Perinealriemen  aus.  —  Schließlich  wollen  wir  des 


220 


Über  die  Bruchbaiidbehandlung  der  Brüche. 


B  eaurj  eaur  d'sclien  Bruchbandes  Erwähnung  thun.  Dasselbe  besteht  aus 
einem  breiten,  vom  Rippenbogen  bis  zu  den  Trochanteren  reichenden 
Gurte,  welcher  aus  Seide  gewebt  und  mit  Gnmmifäden  durchschossen  ist. 
Diese  Seidengummibinde  übt  auf  den  Bauch  einen  allseitigen  gleichmäßigen 
Druck  aus.  In  der  Gegend  der  Bruchpforten  sind  Kautschukampullen  an- 
gebracht, welche  mit  Luft  aus  einem  Reservoir  gefüllt  werden,  welches 
beim  Niedersetzen  des  Kranken  entleert  wird.  Solche  breite  Stützbinden 
aus  gewebtem  Gummistoff  mit  eingeschalteten  Pelotten  sind  besonders  bei 
Nabel-  und  Bauchbrüchen  empfehlenswert. 

Bezüglich  der  Anlegung  des  Bruchbandes  ist  zu  bemerken,  dass 
dieselbe  bei  vollständig  reponierter  Hernie  zu  erfolgen  hat,  was  am  besten 
durch  Einnehmen  der  Rückenlage  erleichtert  wird,  da  nicht  angewachsene 
Hernien  geringerer  Dimensionen  dann  von  selbst  in  die  Bauchhöhle  zurück- 
schlüpfen. Das  Anlegen  von  Bracherien  auf  nicht  reponierte  Hernien  ist 
entschieden  zu  widerrathen,  ausgenommen  bei  kleinen  angewachsenen  Netz- 
hernien,  bei  welchen  man  ausgehöhlte  Pelotten  auwendet,  deren  Höhlung 
den  irreponiblen  Netzklumpen  aufnehmen  und  gegen  die  Bruchpforte  anzu- 
pressen bestimmt  ist. 

Bei  den  sogenannten  enormen  oder  Riesenhernien  (von  Kinds-  bis 
Mannskopfgröße)  und  den  Eventrationen,  auch  wenn  sie  ganz  frei  sind, 
was  übrigens  nur  selten  vorkommt,  muss  man  sowohl  auf  Reposition,  als 
auf  Anlegung  eines  Bruchbandes  verzichten  und  sich  nur  mit  der  Anlegung 
eines  Stützbeutels  (Suspensorium)  begnügen. 

Was  die  Application  der  Bruchbänder  bei  einzelnen  Hernien  anbelangt, 
so  ist  bei  Leisten-  und  Schenkelhernien  zu  bemerken,  dass  der  Leibriemen 
immer  zwischen  den  Trochanteren  und  der  Crista  ossis  ilei  angelegt 
werden  muss,  nie  aber  über  der  letzteren.  Der  Perinealriemen  soll  von 
der  Pelotte  zur  gleichseitigen  Symphysis  sacro-iliaca  verlaufen.  Die  Pelotte 
kann  sich  mit  ihrem  medialen  Rande  auf  den  horizontalen  Schambeinast 
aufstützen.  Der  Leibriemen  und  daher  auch  die  in  ihm  enthaltene  Feder 
muss  demnach  spiralig  von  oben  und  rückwärts  nach  vorne  und  unten 
verlaufen,  welche  Krümmung  die  Feder  daher  schon  ursprünglich  besitzen 
muss. 

Infolge  der  anatomischen  Lage  der  Bruchpforten  der  Leisten-  und 
Schenkelbrüche  ist  es  klar,  dass  die  Leistenöffnungen  mehr  in  der  Richtung 
der  Riemenfeder  sich  befinden,  so  dass  der  Hals  der  Leistenpelotte  nicht 
nach  unten  abgeknickt  sein  muss,  während  jener  der  Schenkelpelotte  etwas 
nach  abwärts  abgebogen  sein  muss,  damit  dieselbe  den  Schenkelring  deckt. 
Dieser  Winkel  muss  empirisch  gefunden  werden  und  kann  sogar  nahezu 
90°  betragen. 

Bei  Leistenhernien  muss  die  Pelotte  öfters  wegen  Vorwölbung  des 
Unterbauches  so  gedreht  werden,  dass  ihr  oberer  Rand  mehr  vorsteht  und 


über  die  Bruchbandbehandliing  der  Brüche. 


221 


der  untere  etwas  zurücktritt,  sonst  schneidet  der  obere  Rand  allzusehr  in 
die  Weichtheile  ein.  Die  Schenkelpelotte  kann  mehr  in  "der  Fortsetzung 
der  Vorderfläche  des  Leibriemens  gelegen  sein. 

Ein  gut  passendes  und  richtig  angelegtes  Leistenbruchband  verschiebt 
sich  bei  Bewegungen  der  unteren  Extremitäten  und  hauptsächlich  beim 
Niedersetzen  kaum  merklich.  Dagegen  ist  es  natürlich,  dass  die  in  auf- 
rechter Stellung  des  Körpers  gutsitzende  Schenkelpelotte  beim  Niedersetzen 
von  den  unterhalb  der  Schenkelbeuge  sich  contrahierenden,  daher  an 
Volumen  zu-,  an  Länge  aber  abnehmenden  Adductoren  emporgehoben  und 
daher  von  der  Schenkelbruchpforte  verdrängt  wird,  wodurch  der  Bruch 
Raum  zum  Nachaußentreten  gewinnt.  Aus  diesem  Grunde  werden  auch 
Schenkelbruchbänder  erzeugt,  welche  aus  einem  Beckengurt  ohne  Pelotte 
und  einem  Schenkelriemen  bestehen,  der  um  die  Wurzel  der  gleichseitigen 
Unterextremität  circulär  angeschnallt  wird  und  an  dem  die  Pelotte  an  ent- 
sprechender Stelle  angebracht  ist.  Die  Pelotte  ist  nun  außerdem  an  dem 
Beckengurt  mittelst  eines  horizontalen  Charniergelenkes  befestigt,  welches 
eine  Bewegung  im  Sinne  der  Schenkelflexion  gestattet.  Da  sich  die  Ent- 
fernung der  Pelotte  vom  Leibriemen  beim  Niedersetzen  gleichzeitig  verkürzt, 
so  sollte  dieselbe  an  einem  runden  Stiele  befestigt  sein,  welcher  in  einer  vom 
Leibriemen  herabsteigenden  Hülse  verschiebbar  sein  sollte.  Hiedurch  wäre 
eine  Verkürzung  beim  Niedersetzen  und  Verlängerung  beim  Aufstehen  zulässig. 

Bei  Nabel-  und  Bauchbrüchen  ist  eine  ersprießliche  Wirkung  der 
gewöhnlichen  Nabelbruchbänder,  welche  aus  einer  mehr  oder  weniger 
großen,  verschieden  geformten,  concaven  oder  wieder  mit  einem  Zapfen 
versehenen  Pelotte  und  einem  nicht  dehnbaren  Leibriemen  bestehen,  des- 
wegen illusorisch,  weil  der  wechselnde  Leibesumfang  ein  in  der  Exspiration 
fest  angelegtes  Bruchband  in  der  Inspirationsphase  unerträglich  drückend 
empfinden  lässt,  während  ein  in  der  Inspirationsphase  passend  angelegtes 
Bracherium  in  der  Exspiration  locker  wird  und  dann  gerade  der  Bruch 
leicht  vortreten  kann,  da  in  dieser  Athmungsphase  der  intraperitoneale 
Druck  zunimmt.  Es  muss  daher  der  Leibgurt  elastisch  sein,  da  er  sich 
dann  der  wechselnden  Unterleibsperipherie  leicht  anpassen  kann.  Solche 
Gummibinden  leisten  bereits  wesentliche  Dienste  bei  Nabel-  und  Bauch- 
brüchen; zum  Uberfluss  kann  man  der  Bruchpforte  gegenüber  eine  Pelotte 
einschalten.  Selbstverständlich  muss  eine  solche  Binde  (aus  Seide  und 
Gummi  gewebt,  meist  nach  Maß  erst  aus  den  Fabriken  bestellt,  da  sich 
ähnliche  Fabrikate  wegen  Auffaserung  nicht  zuschneiden  lassen)  vom 
Becken  über  den  Nabelring  bis  in  die  Nähe  des  Proc.  xiphoides  reichen. 
Wenn  nichts  anderes  durch  solche  Binden  erreicht  wird,  so  schützen  die- 
selben wenigstens  vor  Druck  und  Reibung  seitens  der  Kleidungsstücke, 
hiedurch  vor  Entzündungen,  Phlegmonen  und  Ulcerationen  der  Bruchober- 
fläche, deren  Spuren  man  so  oft  an  Nabelbrüchen  beobachtet. 


222 


über  die  Bruchbaudbeliandlung  der  Brüche. 


Gregen  obturatorisclie  Brüche  ist  es  schwierig,  ein  Bruchband  zu 
applicieren,  da  der  Musculus  pectineus  die  Wirksamkeit  desselben  vereitelt. 

Der  ischiadische  und  perineale  Bruch  kann  durch  ein  Bruchband, 
welches  aus  einem  Leibriemen  (ohne  Pelotte)  und  einem  Schenkelriemen 
mit  einer  Pelotte  an  entsprechender  Stelle  besteht,  zurückgehalten  werden. 

Der  vaginale  und  rectale  Bruch  könnte  mittelst  Vorrichtungen,  die 
einem  Kolpeurynter  oder  Bozemann'schen  Kugeln  analog  sind,  reponiert 
gehalten  werden,  doch  werden  derartige  Prothesen,  die,  wenn  sie  wirksam 
sein  sollen,  ziemlich  voluminös  sein  müssen,  ungern  ertragen  und  lieber 
mit  weichen  Wattetampons  oder  Schwämmen,  welche  mittelst  einer  T-Binde 
befestigt  werden,  ersetzt. 

Bruchbänder  werden  zumeist  nur  am  Tage  getragen,  dagegen  in  der 
Nacht  abgelegt,  wodurch  sich  die  Haut  in  der  Umgebung  der  Bruchpforten 
von  ihrem  Drucke  wieder  erholt.  Tritt  Hautreizung  an  diesen  Stellen  ein,  so 
unterlegen  wir  unter  die  Pelotte  ein  feines  Leinen-  (Battist-)  Tüchelchen, 
oder  Flanell;  überdies  trachten  wir  die  Haut  durch  kalte  (Essigwasser-) 
Waschungen,  Einstäubungen  mit  verschiedenen  Pulvern  (z.  B.  Zinci  oxyd., 
Amyl.  trit.  aa.  part.  sequ.)  gegen  Entzündungen  abzuhärten.  Im  Nothfalle 
muss  natürlich  mit  dem  Tragen  von  Bruchbändern  auf  einige  Zeit  aus- 
gesetzt werden.  —  Bei  Kindern  empfehlen  wir  das  Tragen  von  Bracherien 
auch  während  der  Nacht,  da  wir  ja  auf  Obliteration  des  Sackes  rechnen. 

Die  Art  und  Weise  der  Ausheilung  eines  Bruches  durch  Tragen  von 
Bruchbändern  stellen  wir  uns  so  vor,  dass  entweder  durch  Druck 
auf  die  gegenüberliegenden  Serosaflächen  eine  mäßige,  zur  Exsudation 
führende  Eeizung  erzeugt  wird,  wodurch  die  Bruchsackinnenflächen  ver- 
löthen:  oder  in  der  Form,  dass  auf  der  Außenseite  des  Bruchsackes 
durch  Druck  eine  Fettwucherung  angeregt  wird  —  ähnlich  wie  andere 
einem  permanenten  oder  wiederholten  Drucke  ausgesetzte  Stellen  zu  Lipom- 
bildungen  disponieren  — ,  welche  die  Bruchpforten  verlegt.  In  den  meisten 
Fällen  müssen  wir  uns  aber  mit  der  palliativen  Wirkung  begnügen,  dass 
der  Bruch  reponiert  gehalten  oder  wenigstens  seiner  Vergrößerung  ent- 
gegengearbeitet wird. 


über  die  Brachbandbeliandlung  der  Brüche.  223 
Abbildungen  der  gangbarsten  Bruchbänder. 


Fig.  60  a). 
Lei  sten  br  uchband . 


Fig.  60  b). 
Leistenbruchband  für  Scrotalbrüche. 


Fig.  60  c). 
Linksseitiges  Schenkelbruchband. 


Fig.  60  d). 

Rechtsseitiges  Schenkelbrachband  mit 
Stützpolster  für  das  Kreuzbein. 


Fig.  60  e). 

Nabelbruchband  für  Kinder  aus  mit 
Gummi  durchwehtem  Stoff. 


Fig.  60  f). 

Nabelbruchband    für    Erwachsene,  mit 
flacher  Pelotte  und  gekreuzten  Riemen 
zum  Festmachen. 


Fig.  60  g). 

Nabelbruchband,  mit  drei  gekreuzten  Federn  versehen. 


224  Üb'er  die  Radicaloperationen  ,der  Hernien. 


Tafeln  der  auf  der  Klinik  des  Verfassers  ausgeführten  Operationen 
TOiu  Jahre  1891  —  1896. 


Radicaloperation  von  freien  Hernien  im  Jahre  1891/92: 


H  e  r  n  i  a 

-  ■    •  Anzahl 

Erfolg- 

Männer 

Frauen  . 

Geheilt  ,  " . 

..Gestorben 

rechts 

links 

rechts 

links 

Männer 

Fraiion 

Männur 

Frauen 

's 

1 

9 

Cruralis  .     .     .     .  . 

Umbilicalis  .    '■.     .  . 

2  . 

2 

Summe 

9 

2 

11 

Radicaloperation  von  freien  Hernien  im  Jahre  1892/93: 


H  e  r  n  i  a 

Anzahl 

Erfolg 

Männer 

Frauen 

Geheilt 

Gestorben 

rechts 

links 

rechts 

links 

Männer 

Frauen 

Männer 

Frauen 

Inguinalis  .... 

6 

7 

13 

1 

1 

Umbilicalis  .  ... 

1 

1 

1 

1 

Lineaa  albse  

1 

1 

Summe 

15 

2 

17 

über  die  Radicaloperationen  der  Hernien.  225 


Radicaloperation  von  freien  Hernien  im  Jahre  1893/94: 


H  e  r  n  i  a 

Anzahl 

Erfolg 

Männer 

Frauen 

Geheilt  | 

Gestorben 

rechts 

links 

rechts 

links 

ITlilllll'jl 

l'lclUCll 

lUllllliCl 

r  1  uuiiii 

Inguinalis  .... 

18 

6 

2 

23 

2 

Cruralis  

1 

1 

Umbilicalis  .  . 

1 

1 

Ventralis  

1 

1 

Summe 

26 

'    I  " 

i 
i 

28 

1 

I  f  Pirskovec  (60  Jahre  alt) :  Die  Wunde  per  primam  geheilt ;  oper.  .SO.  Jänner, 
t  16.  Februar. 

Sectionsdiagnose :  Tubercul.  pulm.  destruct. 

Pleurit.  chron.  Oed.  pulm. 
Degener.  parench.  organ. 


Radicaloperation  von  freien  Hernien  im  Jahre  1894/95: 


H  e  r  n  i  a 

A  nz  a  h  1 

Erfolg 

Männer 

Frauen 

Geheilt 

Gestorben 

rechts 

links 

rechts 

links 

Männer 

Frauen 

Männer  |  Frauen 

Inguinalis     .     .  . 

34  t 

22 

3 

2 

55 

5 

1 

Cruralis  

1 

2 

1 

1 

3 

Umbilicalis  .... 

1 

1 

Paraumbilicalis  . 

1 

1 

Ventralis  

1 

1 

1 

1 

Summe 

58 

11 

57 

11 

1 

f  Holub :  (Riesenhernie  [Eventration]  nach  3\vöchentlicher  Vorbereitung)  oper 
25.  Mai,  t  27.  Mai  1895. 

Sectionsdiagnose :  Lipomatos.  cordis. 

Broncliopneumon.  lob.  inf.  d. 
Hypostasis  pulmon. 


226  über  die  Radicaloperat ionen  der  Hernien. 


Radicaloperationen  von  freien  Hernien  im  Jahre  1895/96:*) 


H  e  r  n  i  a 

Anzahl 

Erfolg 

Männer 

Frauen 

Geheilt 

Gestorben 

rechts 

links 

rechts 

links 

Männer 

Frauen 

Männer 

Frauen 

Inguinalis  .... 

a)  30 

h)  19 

3 

4 

49 

7 

Cruralis  

1 

4 

1 

4 

Umbilicalis  .  . 

1 

1 

Epigastrica  .     .  . 

1 

1 

Ventralis .     .     .  . 

1 

1 

Summe 

51 

Ts 

64 

a)  Eine  hievon  H.  supravesicalis  prseperitonealis. 
h)  Bei  einer  hievon  Resection  des  Proc.  vermif. 


Die  ganze  Lehre  von  der  radicalen  Heilung  der  Brüche  entwickelte 
sich  in  erster  Reihe  auf  Grund  der  Erfahrungen,  welche  bei  der  radicalen 
Heilung  der  Leistenhernien  gemacht  wurden,  und  es  verfloss  eine  geraume 
Zeit,  bevor  die  radicale  Operation  anderer  Brucharten  in  Discussion  gezogen 
und  deren  thatsächliche  Ausführung  vorgenommen  wurde.  Der  Leistenbruch 
selbst  wurde  aber  bald  nach  Einführung  der  antiseptischen  Wundbehandlung 
Gegenstand  chirurgischer  Eingriffe  und  von  Studien,  wie  Brüche  am  leich- 
testen zur  radicalen  Ausheilung  gebracht  werden  könnten,  so  besonders  bei 
den  Engländern.  Amerikanern  und  Deutschen.  Wir  kennen  deutsche  Publi- 
cationen  bereits  aus  dem  Jahre  1874  und  1875  von  Czerny  und  Kocher, 
aus  dem  Jahre  1877  von  Riedel,  aus  dem  Jahre  1878  von  Albert;  bei 
den  Franzosen  bahnte  sich  aber  die  radicale  Behandlung  der  Hernien  nur 
langsam  den  Weg  auf  Kosten  der  Behandlung  der  Brüche  mit  Bandagen, 
so  dass  Segond  in  seiner  Concurrenzarbeit  (1883)  bloß  5  von  franzö- 
sischen Operateuren  ausgeführte  Operationen  anführen  konnte,  und  zwar 
4  von  Lucas-Championniere  und  1  Fall  von  Gillett,  wiewohl  er 
bereits  185  radical  operierte  freie  Hernien,  weiter  110  eingeklemmte,  und 
zwar  der  inguinalen  Abart,  sodann  26  freie  und  82  eingeklemmte  Schenkel- 
brüche sammeln  konnte. 

*)  Das  Jahr  1896/97  weist  abermals  eine  Vermehrung  des  Hernienmaterials  auf, 
insofern,  ,als  neben  75  incarcerierten  79  freie  Hernien  operiert  wurden,  darunter  71 
inguinale  bei  Männern,  5  bei  Frauen,  1  crui-ale  beim  Manne,  und  1  ventrale  bei  einer 
Frau,  1  beim  Manne. 


über  die  Radicaloperationen  der  Hernien. 


227 


Bevor  wir  zur  Schilderung  der  einzelnen  operativen  Eingriffe,  welche 
auf  radicale  Heilung  der  Brüche  abzielen,  schreiten,  wollen  wir  über  die 
eigentliche  Aufgabe  dieser  Behandlung  klar  werden. 

Die  Überzahl  der  Fälle  wird  deswegen  der  Operation  unterzogen, 
weil  der  Bruch  überhaupt  beseitigt  werden  soll,  abgesehen  davon,  ob  er 
Beschwerden  verursache  oder  nicht,  ob  er  frei  oder  angewachsen  ist, 
oder  ob  er  bei  Erwachsenen  oder  bei  Kindern  vorkommt,  oder  schließlich, 
ob  er  eine  bestimmte  Art  des  Lebensberufes  ausschließt  oder  für  die 
Ausführung  desselben  gleichgiltig  ist.  Es  ist  demnach  die  radicale  Operation 
der  Hernien  in  solchen  Fällen  eine  rein  kosmetische  Operation  geworden, 
ungefähr  ähnlich  wie  die  Excision  des  Kropfes,  welchen  wir  ja  ziemlich 
häufig,  besonders  bei  Mädchen  und  Frauen  beseitigen,  weil  derselbe  eine 
Abweichung  von  der  normalen  menschlichen  Form  darstellt. 

Wir  dürfen  nicht  verschweigen,  dass  eben  diese  einheitliche  Indication, 
das  heißt  das  Vorhandensein  des  Bruches  überhaupt,  nicht  zu  allen  Zeiten 
von  den  Ärzten  anerkannt  wurde  und  dass  auch  in  unseren  Tagen  Viele 
nur  gewisse  Indicationen  zugeben,  welche  präciser  abgesteckt,  jedenfalls 
die  Operation  auf  ein  engeres  Gebiet  einschränken  würden 

Solche  einschränkende  Indicationen  sind,  wenn  wir  von  den  ein- 
facheren zu  den  complicierteren  fortschreiten,  die  folgenden:  1.  Die  erfolg- 
lose Anwendung  der  Bruclibandbehandlung,  auch  wenn  dieselbe  lange  genug 
durchgeführt  wurde,  das  heißt,  wenn  bei  einem  Kranken,  welcher  diese 
Behandlung  gewissenhaft  durchführt,  der  Bruch  dennoch  von  Zeit  zu  Zeit 
hervortritt,  ja  derselbe  sich  auch  stets  vergrößert.  2.  Wenn  der  Bruch  irre- 
ponibel  ist,  wenn  demnach  das  erste  Postulat  der  Bruchbandbehandlung 
nicht  erfüllt  werden  kann.  Die  Irreponibilität  mag  hiebei  durch  was  immer 
für  einen  Umstand  bedingt  sein,  sie  ist  freilich  am  häufigsten  durch  die  Ver- 
wachsung des  Bruchinhaltes  und  des  Bruchsackes  verursacht.  3.  Wenn  bei 
einem  Bruche  ein  Einklemmungsanfall  bereits  vorgekommen  ist,  welcher 
aber  dermalen  noch  auf  subcutanem,  unblutigem  Wege,  also  durch  Taxis 
behoben  werden  konnte.  4.  Gewisse  Eigenschaften  des  Bruches,  zum  Beispiel 
seine  Größe,  wiederkehrende  Entzündungen,  oberflächliche  Ulcerationen, 
die  Unmöglichkeit  der  Construction  eines  passenden  Brachbandes,  zum 
Beispiel  bei  einer  Hernia  vaginalis,  Empfindlichkeit  des  Bruches  bei  einer 
Hernia  ovarii,  Harnbeschwerden  der  verschiedensten  Art,  wie  sie  bei  einer 
Hernia  vesicalis  vorkommen,  Zeichen  einer  chronischen  Obstruction,  wie 
sie  bei  angewachsenen  Hernien  ab  und  zu  vorkommen.  5.  Das  Gebot  ge- 
wisser socialer  Verhältnisse:  wenn  irgend  ein  junger  Mann  sich  einem 
bestimmten  Lebensberufe  widmen  will,  zum  Beispiel  Maschinenschlosser, 
Soldat  zu  werden  beabsichtig-t;  bei  Frauen,  wenn  sie  in  den  Ehestand 
treten  wollen  und  in  diesen  Absichten  durch  das  Vorhandensein  des  Defectes 
in  irgend  einer  Weise  gestört  werden. 

15* 


228 


über  die  Radicaloperationen  der  Hernien. 


Der  Verfasser  dieses  Buches  steht  auf  dem  Standpunkte,  dass  jeder 
Bruch  operiert  werden  sollte,  mit  folgenden  Ausnahmen:  1.  Er  operiert 
nicht  Kinder,  wenn  bei  ihnen  nicht  vorher  einige  Zeit  hindurch  die 
Bruchbandtherapie  versucht  wurde,  weil  es  ja  erwiesen  ist,  dass  gewisse 
Brucharten  bis  zu  einem  bestimmten  Lebensalter  ausheilen,  indem  die 
nicht  gerade  sehr  umfänglichen  Bruchpforten  durch  die  natürliche  Körper- 
entwickelung verwachsen,  und  zwar  umso  leichter,  wenn  die  Verwachsung 
durch  entsprechende  Bracheriumtherapie  befördert  wird.  (Siehe  diesbezüglich, 
was  über  Nabelhernien  bei  Kindern  gesagt  wurde.)  Dass  in  den  genannten 
Fällen  auch  eine  Injectionstherapie  früher  versucht  werden  kann  und  soll, 
ist  ohne  weiteres  klar.  Wenn  aber  hinreichend  erwiesen  ist.  dass  wir  durch 
die  genannten  Behandlungsmethoden  nichts  zu  erzielen  vermögen,  dann 
mögen  alle  Brucharten  bei  Kindern  beiderlei  Geschlechtes  operativ  be- 
handelt werden.  2.  Man  operiert  nicht,  wenn  gegen  den  Eingriff  oder 
gegen  die  denselben  einleitende  Narkose  irgend  welche  gewichtige  Bedenken 
bestehen.  Diese  Einwände  können  temporär  oder  definitiv  sein.  So  können 
vorübergehende  Bronchitis,  Keuchhustenerkrankungen  und  andere  krank- 
hafte Zustände  temporär  eine  Operation  verbieten;  andere  Krankheiten, 
zum  Beispiel  vorgeschrittene  Tuberculose,  Carcinom,  Nephritis,  machen 
die  Operation  jedenfalls  überflüssig;  ein  Emphysem  oder  Darmkatarrh 
erschweren  die  Prognose;  Herzfehler  oder  allgemeine  Verfettung  machen 
eine  allgemeine  Narkose  bedenklich,  doch  kann  in  solchen  Fällen  trotzdem 
der  Eingriff  vorgenommen  werden,  wenn  die  Verhältnisse  voraussichtlich 
einfach  sind  und  man  daher  mit  einer  localen  (zum  Beispiel  gewöhnlichen 
Cocain-  oder  Infiltrations-)  Anästhesie  auskommen  dürfte.  Sämmtliche 
übrigen  Bruchkranken,  wenn  sie  bei  uns  Hilfe  suchen,  unterziehen  wir  der 
Operation  oder  schlagen  ihnen  eine  solche  zumindest  immer  vor,  und 
begnügen  uns  mit  der  Verschreibung  eines  Bruchbandes  nur  dann,  wenn 
dieser  Vorschlag  abgelehnt  wurde. 

Wodurch  sind  wir  zu  einem  solchen  Vorgehen  berechtigt?  Die 
Antwort  darauf  ist:  durch  die  eigenen  und  fremden  Erfahrungen.  Die 
Erfahrungen  lehren  uns  nämlich,  dass  1.  die  radicale  Operation  eines 
Bruches,  mag  dieselbe  wie  immer  beschaffen  sein,  eine  ziemlich  gefahrlose 
ist,  wenn  sich  hiemit  nicht  andere  operative  Eingriffe  größerer  Dignität, 
zum  Beispiel  Darmresection  oder  ähnliches  combiniereh  müssen. 

Im  Folgenden  die  Begründung  für  unsere  Behauptung: 

Im  ersten  Jahrzehnte  der  operativen  Behandlung  der  Hernien  war 
die  Mortalität  der  Operationen  immerhin  noch  eine  ziemlich  bedeutende; 
so  verlor  Jagot  unter  78  Fällen  9,  also  ll-5o/o;  Tilanus  im  Jahre  1979 
berichtet  ebenfalls  über  llo/o  Mortalität,  Reverdin  im  Jahre  1881 
meldet  lOVo  Mortalität;  Segond  unter  219  Fällen  20  Todesfälle,  also 
90o/„;  Leisrink  in  Jahre  1883  auf  202  Fälle  15,  also  7-4<';o  Mortalität. 


über  die  Radicaloperatioiien  der  Hernien 


22Ü 


Im  zweiten  Jahrzehnt  der  antiseptischen  Wundbehandlung  sinkt 
dagegen  die  Mortahtät  ziemUch  bedeutend:  Haidenthaller  (aus  der 
Klinik  Billrot h's)  berechnet  bis  zum  Jahre  1889  ö^o/o,  Schede  5.2%, 
S  0  c  i  n  3"6°/o  Mortalität.  Daneben  kommen  bereits  kleinere  Reihen  von 
Fällen  vor,  in  denen  überhaupt  kein  Todesfall  vorgekommen  ist,  so 
Swensson  und  Erdmann  in  Jahre  1887  mit  71  Fällen,  Lauenstein 
mit  12,  Mac  Ewen  mit  82,  Wölfler  mit  50,  Büngner  mit  40  hatten 
überhaupt  gar  keinen  Todesfall  zu  verzeichnen.  Allmählich  kommen  aber 
auch  größere  Reihen  von  Hernienoperationen  ,  zur  Berichterstc  ttung,  ohne 
dass  ein  einziger  Todesfall  gemeldet  würde,  oder  die  Mortalität  ist  so 
unbedeutend,  dass  sie  nahezu  verschwindet.  So  hatten  Lucas-Champi- 
onniere  auf  175  Operationen.  Kocher  auf  220,  Bassini  auf  216 
gar  keinen  Todesfall.  Auch  auf  der  lilinik  des  Verfassers  wurden  im  Laufe 
des  letzten  (^uinquenniums  190  freie  Hernien  verschiedener  Art  operiert, 
ohne  dass  irgend  ein  Tedesfall  vorgekommen  wäre,  daneben  freilich  noch 
eine  große  Anzahl  (294)  von  incarcerierten  Hernien,  in  denen  bei  mindestens 
zwei  Dritteln  die  radicale  (Operation  angeschlossen  werden  konnte,  eben- 
falls ohne  irgend  einen  ungünstigen  Zufall.  Es  werden  zwar  unter  diesen 
Fällen  ab  und  zu  Todesfälle  gemeldet,  welche  jedoch  mit  dem  Eingriffe 
als  solchen  in  keiner  Weise  zusammenhängen.  So  verlor  Lucas-Cham- 
pionniere in  kurzer  Zeit  nach  der  Operation  zwei  Fälle  und  zwar 
einen  zwei  Monate  nach  der  Operation  infolge  unaufhörlichen  Hustens,  den 
zweiten  33  Stunden  nach  der  Operation  an  einer  pulmonalen  Hämorrhagie; 
auch  B  a  s  s  i  n  i  verlor  zum  Beispiel  den  Fall  Nr.  201  15  Tage  nach  der 
Operation  an  Pneumonie.  Etwas  ähnliches,  das  heißt  einen  Todesfall  an 
ausgebreiteter  capillarer  Bronchitis,  beobachteten  wir  auch  bei  einem  unserer 
Fälle,  und  zwar  bei  einem  enormen  Scrotalbruche,  welcher  nach  drei- 
wöchentlicher Vorbereitung  operiert  wurde.  Keiner  dieser  Fälle  gieng  an 
einer  eitrigen  Infection  zugrunde  und  wir  können  demnach  eine  dies- 
bezügliche Frage,  ob  von  dieser  Seite  bei  der  Operation  irgend  eine  Gefahr 
drohe,  mit  gutem  Gewissen  verneinen. 

2.  Wir  sind  ferner  berechtigt,  die  Radical Operation  einer  Hernie'  anzu- 
empfehlen, weil  mit  der  Entwickelung  der  einzelnen  Operationsmethoden 
und  ihrer  passenden  Wahl  die  percentuelle  Anzahl  der  Recidiven  unauf- 
hörlich sinkt;  so  beobachtete  zum  Beispiel 

Czerny  im  Jahre  1874  noch   30 — 40"'/o  Recidiven, 

Anderegg  (auf  der  Khnik  So  ein 's)  unter  105  Fällen  39'>/o  Recidiven, 
Swensson-Erdmann  unter  71  Fällen    ....     33'8''/o  Recidiven, 

Braun  Sö^/^  Recidiven, 

Haidenthaller  (auf  der  Klinik  Billroth's      .     .     32-3''/o  Recidiven. 

Doch  schon  im  Jahre  1883  konnte  L  e  i  s  r  i  n  k  auf  Grund  seiner 
Statistik,  welche  Fälle  verschiedener  Operateure  umfasste,  nur  20  Procent 


230 


Über  die  Radicaloperationen  der  Hernien. 


Recidiven  berechnen.  Für  die  Jahre  1880 — 1887  berechnete  Wolter  für 
die  von  Schede  operierten  Fälle  25-9''/o  Recidiven;  Schede  dagegen  ver- 
öffentlichte später  die  Fälle  vom  Jahre  1887—1893  und  konnte  bereits 
IC/o  der  Fälle  als  mit  Recidiv  behaftet  melden.  Derselbe  operierte  nach 
seinem  eigenen  Plane. 

Adler  berechnet  ebenfalls  23-3%,  Nussbaum  20 — 25Yo  Recidiven, 
Czerny  nach  der  Publication  von  Wolf  aus  dem  Jahre  1891  ll'^'^jf, 
Recidiven. 

Nun  erscheint  eine  Periode,  in  welcher  von  den  einzelnen  Operateuren 
größere  Reihen,  welche  dieselben  nach  einer  von  ihnen  selbst  erfundenen 
Methode  operiert  haben,  gemeldet  werden.  So  berichtet  zum  Beispiel 

1.  Mac  Ewen  über  98  aus  dem  Jahre  1879 — 1890  gesammelte 
Fälle  mit  O-GVo  Recidiven; 

2.  Bassini  aus  dem  Jahre  1890  239  Fälle  mit  l*3'';'o  Recidiven; 

3.  Kocher  aus  dem  Jahre  1875  42  Fälle  mit  lö^  Recidiven, 
wobei  die  Fälle  nach  einer  Methode  operiert  wurden,  bei  welcher  keine 
Naht  der  Bruchpforte  angelegt  wurde;  derselbe  berichtet  in  einer  Publication 
von  Leuw  über  Fälle  aus  den  Jahren  1886 — 1891,  und  zwar  81  Beob- 
achtungen mit  8''/o  Recidiven;  endlich  derselbe  nach  einer  Publication  von 
Brzesowsky  aus  dem  Jahre  1895  über  220  Fälle,  welche  er  in  drei 
Kategorien  scheidet,  und  zwar  in  solche,  welche  nach  der  ersten  Methode 
von  Kocher  operiert  wurden,  mit  9'3yo  Recidiven,  und  dann  solche, 
welche,  nach  der  zweiten  Methode  von  Kocher  operiert,  mit  &4:b°/o,  und 
endlich  solche,  welche  nach  der  dritten  Methode  Kocher's  operiert 
wurden,  mit  OYo  Recidiven.  Diese  Methoden  betrafen  sämmtlich  inguinale 
Hernien;  bei  Schenkelhernien  constatierte  man  T'T°!q  Recidiven,  bei  Hernia 
inguin.  dir.  16*7 "/o  Recidiven,  bei  Hernia  ventralis  30%  Recidiven; 

4.  Lucas-Championniere  operierte  nach  seiner  eigenen  Methode 
266  Fälle  und  unter  101  nachuntersuchten  Fällen  constatierte  er  14" /q 
Recidiven; 

5.  Frank  operierte  30  Fälle  ohne  Recidiven. 

Wenn  wir  nun  nachsehen,  wie  sich  diese  Methoden  in  den  Händen 
anderer  Operateure  bewährt  haben,  so  finden  wir  folgende  Angaben: 

Lauenstein  operierte  nach  der  Methode  Mac  Ewen 's  14  Fälle 
ohne  Recidiven; 

Escher  nach  Bassini  30  Fälle  mit  lO^/o  Recidiven; 

Wölfl  er  nach  Bassini  19  Fälle  mit  5"3''/o  Recidiven. 

Aus  dieser  Nebeneinanderstellung  geht  unzweifelhaft  hervor,  dass  ent- 
weder jeder  Erfinder  seine  Methode  am  besten  beherrscht  und  dass  der 
Ausführung  durch  einen  zweiten  Operateur,  besonders  bei  mangelhafter  Ein- 
übung, noch  besondere  Mängel  anhaften,  welche  Recidiven  bedingen  können, 
oder  dass  die  Erfinder  eigener  Methoden  bei  der  Beurtheilung  der  Leistungs- 


über  die  Radicaloperationen  der  Hernien. 


231 


fähigkeit  derselben  wohlwollend  urtheilen,  oder  das  Princip  der  Beurtheilung 
dieses  oder  jenes  Operateurs  ein  ziemlich  verschiedenes  ist.  Es  ist  daher 
nothwendig,  besonders  mit  Rücksicht  auf  den  letzteren  Umstand,  sich  über 
gewisse  Principien,  nach  denen  die  Erfolge  der  radicalen  Operation  der 
Hernien  beurtheilt  werden  sollten,  zu  einigen. 

Vor  allem  muss  vereinbart  werden,  wie  lange  nach  .  der  Operation 
ein  operierter  Fall  nachuntersucht  werden  soll,  wenn  man  über  die  Dauer- 
haftigkeit des  Erfolges  urtheilen  soll.  Diese  Zeit  wurde  von  der  Mehrzahl 
der  Chirurgen  ungefähr  mit  Jahren  angegeben.  Es  müssten  demnach 
alle  Fälle,  bei  welchen  seit  der  Operation  noch  nicht  IV2  J<dire  verflossen 
sind,  von  den  statistischen  Berechnungen  der  Recidiven  ausgeschlossen 
werden.  Gegen  dieses  Princip  versündigt  sich  eine  ganze  Reihe  von  Ope- 
rateuren.   So  zum    Beispiel   Bassini,   welcher  unter  251   Fällen  eine 


Heilung  von  1  bis  zu  41/2  Jahren  in  .     .          .     .  108  Fällen 

constatiert,  von  6  Monaten  bis  zu  1  Jahre  in     .     .     .  .  33  Fällen, 

von  1  Monate  bis  zu  6  Monaten  in   98  Fällen, 

daneben  Recidiven  in     .     .     ....     .     .     .     .  .  7  Fällen, 

unbekannte  Erfolge  in    .     .     .   .  4  Fällen, 

Todesfälle  in   1  Falle. 

Zusammen    .  .  251  Fälle. 


Wenn  man  daher  beurtheilen  sollte,  in  wieviel  Fällen  dieser  Statistik 
ein  Recidiv  aufgetreten  ist,  so  müssten  erstens  vor  allem  jene  Fälle  aus- 
geschieden werden,  bei  denen  die  Operation  vor  1  Monate  bis  vor  1  Jahre  vor 
der  Nachuntersuchung  ausgeführt  worden  war,  demnach  im  ganzen  131  Fälle. 
Aber  auch  von  den  108  Fällen,  welche  1  bis  4^2  Jahre  vor  der  Nach- 
untersuchung operiert  wurden,  müsste  eine  große  Anzahl  höchstwahrscheinlich 
ausgeschieden  werden,  nämlich  alle  diejenigen,  welche  bis  zu  l^j^  Jahren 
vor  der  Nachuntersuchung  operiert  worden  sind.  Das  richtige  Procent  der 
Recidiven  müsste  demnach  aus  der  Zahl  jener  Fälle,  berechnet  werden, 
welche,  wenn  sie  recidivfrei  geblieben  sind,  mindestens  l^/o  Jahre  vor  der 
Nachuntersuchung  der  Operation  unterzogen  worden  waren,  während  die 
früher  vorgekommenen  Recidiven.  allerdings  unter  Vermehrung  der  Grund- 
zahl, mit  einbezogen  werden  müssten.  Dass  bei  Einhalten  solcher  Grund- 
sätze das  Procent  der  Recidiven  jedenfalls  mehr  als  2*8  "/o,  welche 
B  a  s  s  i  n  i  berechnet,  betragen  würde,  ist  selbstverständlich.  Dasselbe  würde 
sich  den  Resultaten  Wölf  1er 's  nähern,  welcher  im  Principe  nach  Bassini 
operierend,  unter  19  Fällen  5  3  °/q  Recidiven  constatierte.  Doch  sind 
eigentlich  auch  die  Fälle  des  letzteren  für  eine  solche  Berechnung  un- 
geeignet, weil  er  sich,  um  eine  bestimmte  Modification  des  B as sini'schen 
Verfahrens  bekanntzugeben,  mit  der  Veröffentlichung  der  Fälle  beeilte, 
obgleich  .seit  der  Operation  erst  4  bis  10  Monate  verflossen  waren.  Dieser 
Fehler  in  den  statistischen  Berechnungen  bezüglich  der  Recidiven  wieder- 


282 


Über  die  Radicaloperationen  der  Hernien. 


holt  sich  nahezu  in  allen  Zusammenstellungen  und  dürfte  an  denselben 
dauernd  haften,  weil  eine  nachträgliche  Forschung  nach  den  Erfolgen 
langwierig  und  schwierig  ist  und  kaum  jemand  sich  entschließen  wird, 
eine  solche  Nachforschung  auf  Grund  desselben  Materials  zu  wiederholen. 

Der  zweite  Fehler  in  den  statistischen  Aufstellungen  über  die  radicale 
Heilung  der  Hernien  kommt  in  der  Statistik  von  Lucas-Championniere 
vor.  Derselbe  sagt:  „Auf  eine  Gesammtzahl  von  266  Fällen  konnte  ich 
bloß  101  nachuntersuchen,  und  zwar  29  hieven  4  bis  6  Monate,  72  mehr 
(unbekannt  wieviel)  Monate  nach  der  Operation  mit  M^/o  Recidiven." 
Nach  dem  früher  angeführten  Principe  müsste  freilich  auch  dieser  101.  Fall 
als  Basis  einer  statistischen  Forschung  nach  Recidiven  bei  Hernienoperationen 
verworfen  werden.  Aber  Lucas-Championniere  begeht  nun  einen 
weiteren  Fehler;  derselbe  sagt:  „Wenn  jemand  denken  würde,  dass  diese 
14  Recidiven  auf  101  Fall  entfallen,  so  würde  er  einen  groben  Fehler 
begehen;  diese  14''/o  Recidiven  sind  höchstwahrscheinlich  die  überhaupt 
nach  den  266  Operationen  vorgekommenen  Rückfälle  der  Hernien.  Man 
erwäge  nur,  dass  nicht  bloß  die  einzelnen  Hernienleidenden  in  diesen  Ver- 
hältnissen, nämlich  mit  den  Recidiven,  sich  selber  vorstellten,  sondern  dass 
auch  die  CoUegen  mir  solche  Fälle  gewissenhaft  zur  Nachuntersuchung 
zusendeten,  sobald  sie  in  der  Krankenhauspraxis  einen  Misserfolg  (der 
Lucas-Championniere  'sehen  Operation)  beobachteten. 

Dieser  Ansicht  dürften  wohl  nicht  viele  der  Collegen  des  sonst  sehr 
verlässlichen  Forschers  sein.  Seine  Ansicht  ist  nicht  begründet,  weil, 
wenn  nach  einer  Operation  der  Hernie  trotzdem  ein  Recidiv  vorgekommen 
ist,  die  Kranken  höchstwahrscheinlich  wieder  zur  alten  Bruchbandtherapie 
zurückkehrten,  in  der  Meinung,  dass  auch  eine  Operation  nichts  gegen 
einen  Bruch  vermag,  und  die  erwähnten  14  Fälle  Recidiven  wurden  nur 
deswegen  vorgefunden,  weil  diese  14  wegen  einer  anderen  Erkrankung 
Hilfe  in  den  verschiedenen  Pariser  Spitälern  gesucht  haben.  Die  übrigen 
165  mögen  vielleicht  auch  an  zahlreichen  Recidiven  gelitten  haben,  sahen 
sich  aber  durch  ein  anderweitiges  Leiden  nicht  veranlasst,  in  irgend  ein 
Krankenhaus  einzutreten. 

Die  statistische  Zusammenstellung  Lucas-Championniere "s  müsste 
auf  Grund  der  eben  angeführten  Grundsätze  verworfen  werden;  mit  ihr 
freilich  eine  ganze  Reihe  ähnlicher  Statistiken,  welche  denselben  Fehler 
begehen.  Richtig  dagegen  geht  Haidenthaller  (Klinik  Billroth)  vor. 
welcher  schreibt:  „Von  136  Fällen  konnte  man  der  Enderfolg  bloß  in 
34  ■  Fällen  controlieren;  in  10  Fällen  hievon  wurde  Recidive  festgestellt, 
demnach  in  32'/2<'/o."  Nur  darf  freilich  ein  zweiter  Berichterstatter  nicht 
schreiben:  „Operiert  wurden  136  Fälle  und  Recidiven  wurden  in  32Y2V0 
constatiert,"  was  natürlich  im  Originale  nicht  ausgesprochen  ist.  Man  muss 
daher  in  unseren  Tagen,  wo  Ziffern  aus  einem  Buche  ins  andere  über- 


über  die  Rudicaloperatioiicn  der  Hcriiiei). 


233 


nommen  werden,  häufig  nach  sehr  gekürzten  Referaten,  auch  ihrem  ur- 
sprünglichem Fassung  nachgehen.  Es  liegt  also  auch  ein  Fehler  der 
statistischen  Berechnungen  drittens  in  der  nicht  genauen,  nicht  richtigen 
Berichterstattung.*) 

Nach  dem  bisher  Gesagten  können  wir  demnach  auf  die  Frage  nach 
der  Gefahr  und  der  Wirksamkeit  der  Radicaloperation  der  Hernien  mit  gutem 
Gewissen  antworten,  dass,  abgesehen  von  ganz  besonderen  Ausnahmsfällen, 
in  den  gewöhnlichen  Fällen  die  Operation  ohne  Gefahr  ist  und  dass  in 
der  Uberzahl  derselben  eine  dauernde  Heilung  eingetreten  ist. 

Mit  Rücksicht  auf  diese  Formulation  ist  uns  die  Publication  von 
K  r  a  m  e  r  höchst  willkommen,  da  sie  uns  gestattet,  uns  auch  über  die 
Prognose  der  Operationen  bei  besonders  großen  Brüchen  verlässlich  aus- 
zusprechen. Dieser  Schriftsteller  trug  nämlich  98  Fälle  von  Leistenhernien 
bei  Erwachsenen  und  zwar  von  der  Größe  zweier  Fäuste  bis  zu  Kindskopf- 
größe zusammen.  In  33  Fällen  wurden  ausgedehnte  Netzverwachsungen 
vorgefunden,  so  dass  30mal  eine  Resection  des  Omentums  vorgenommen 
werden  musste.  Darmverwachsungen  wurden  nur  7mal  angetroffen.  Von 
jenen  98  Kranken  starben  6.  Bei  92  Geheilten  trat  in  38  Fällen  Eiterung 
ein;  am  häufigsten  war  dieselbe  durch  Nekrose  des  Scrotalbindegewebes 
bedingt,  diese  wahrscheinlich  wieder  durch  Ausschälung  der  Hernie. 
53  Kranke  wurden  später  nachuntersucht,  wobei  30  ohne  Recidive  be- 
funden wurden;  bei  eilf  davon  waren  freilich  noch  nicht  ganze  2  Jahre 
verflossen;  das  Schicksal  dieser  Kranken  verdiente  demnach  eine  weitere 
Nachforschung.   Recidive  wurde  in  23  Fällen  constatiert. 

Derselbe  Autor  sammelte  auch  22  Beobachtungen  von  Leistenhernien 
derselben  Größe,  aber  bei  Kindern  (meist  unter  5  Jahren).  Hievon  starb 
nur  1  Fall.  Das  definitive  Resultat  ist  bei  15  bekannt,  und  zwar  13  Dauer- 
heilungen, insgesammt  mehr  als  1  Jahr  bestehend  (5  hievon  sogar  über 
5  Jahre  anhaltend);  Recidiven  wurden  2  beobachtet. 

Hernien,  welche  mehr  als  kindskopf-,  ja  mehr  als  mannskopfgroß  waren, 
wurden  in  der  Zahl  von  64  beobachtet.  Hievon  starben  15,  und  zwar 
9  an  den  Folgen  der  Operation,  die  anderen  an  sonstigen  Krankheiten. 
Bei  22  von  49  Geheilten  wurde  reichliche  Eiterung  beobachtet.  Netzresection 
wurde  17mal,  Lösung  des  Darmes  5mal  vorgenommen. 

Von  37  Fällen  kennt  man  die  späteren  Schicksale:  Ohne  Recidive 
verblieben  28  (14  davon  waren  keine  2  Jahre  nach  der  Operation).  Bei 
9  Kranken  wurde  Recidive  constatiert. 

Des  weiteren  wurden  9  Beobachtungen  von  bis  kindskopfgroßen 
Schenkelhernien  zusammengestellt  mit  1  Todesfalle.    5  Kranke  wurden 

*)  Z.  B.  nocli  in  jüngster  Zeit  citiert  Simon  nach  B  a  s  s  i  n  i :  „Von  den  251  freien 
Hernien  recidivierten  7  =  ä^/j'/^",  olme  hinzuzufügen,  wieviel  Fälle  eine  bestimmte 
Zeit  nach  der  Operation  untersucht  wurden,  was  Bassini  ausdrücklich  anführt. 


234 


Über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


nachuntersucht,  4  blieben  ohne  Recidive,  bei  1  Kranken  wurde  Wiederkehr 
des  Bruches  festgestellt. 

Auch  7  Fälle  von  mehr  als  kindskopfgroßen  Schenkelhernien  wurden 
ausfindig  gemacht,  von  denen  1  Fall  starb.  Bei  3  Fällen  waren  die  späteren 
Nachforschungen  erfolgreich,  insofern,  als  1  Recidive  constatiert,  bei  den 
anderen  2  dagegen  Dauerheilung  vorgefunden  wurde. 

Ventral- und  Nabelbrüche  bis  zu  Kindskopfgröße  wurden  13  gesammelt, 
ohne  jeden  Todesfall;  bei  9  ist  der  weitere  Verlauf  bekannt:  6  sind  dauernd 
geheilt,  wiewohl  bei  4  eigentlich  2  Jahre  noch  nicht  verflossen  sind; 
Recidive  wurde  bei  3  beobachtet. 

Ventral-  und  Nabelbrüche  von  mehr  als  Kindskopfgröße  wurden 
10  in  der  Literatur  vorgefunden,  ohne  jeden  Todesfall;  bei  7  der  später 
untersuchten  Operierten  blieb  die  Heilung  definitiv  bei  4  (2  Beobachtungen 
erstrecken  sich  nicht  über  ganze  2  Jahre)  und  bei  4  trat  Recidive  ein. 

Es  kann  also  nicht  geleugnet  werden,  dass  die  bedeutende  Größe 
der  Hernien  die  Prognose  wesentlich  verschlimmert,  und  zwar  sowohl  in 
Bezug  auf  Mortalität  (die  Ventral-  und  Nabelbrüche  ausgenommen)  als 
auf  Vorkommen  von  Recidive.  Man  darf  aber  auch  nicht  verschweigen,  dass 
durch  gewissenhafte  Vorbereitung  der  zu  Operierenden,  gründliche  Asepsis, 
Verkleinerung  des  Bruchinhaltes  durch  ausgiebige  Resection  des  Netzes,  fast 
verlorene  Fälle  noch  gerettet  wurden  oder  dass  wenigstens  Beschwerden, 
welche  manchmal  ebenfalls  die  Weiterexistenz  bedrohen,  beseitigt  wurden. 

Sonst  muss  natürlich  die  Leistungsfähigkeit  der  Hernienoperation 
in  Bezug  darauf,  dass  eine  Hernie  aus  einer  irreponiblen  in  eine  reponible 
umgewandelt  wurde,  dass  der  empfindhche  Theil  in  einer  Ovarialhernie 
beseitigt  wird,  ein  Netzvorfall  abgeschafft,  ein  oberflächliches  Geschwür 
ausgeschaltet  wird  etc.,  als  über  allen  Zweifel  erhaben  von  jedermann 
zugegeben  werden. 


Über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 

Da  wir  schon  angedeutet,  haben,  dass  die  ersten,  wichtigsten  und 
zahlreichsten  Erfahrungen  über  Radicaloperationen  der  Brüche  an  der 
Leistenhernie  gesammelt  wurden,  so  wird  man  manche  historische  Ein- 
zelheit, die  man  in  dem  allgemeinen  Theile  vielleicht  vermisste,  in  diesem 
Capitel  vorfinden. 

Schon  höher  oben  wurde  darauf  hingewiesen,  dass  das  älteste,  seit 
den  frühesten  Zeiten  geübte  Element  der  Radicaloperation  von  Brüchen 
die  Ligatur  des,  freilich  entleerten,  Bruchsackes  ist.  Ebenso  wurde  bereits 
angeführt,  dass  der  Bruchsackhals  systematisch  mittelst  einer  subcutanen, 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


235 


bis  auf  ihren  Erfinder  Wood  von  allen  anderen  Operateuren  verlassenen 
Methode  unterbunden  zu  werden  pflegte.  Derselbe  theilte  noch  1886  einen 
Bericht  über  339  Hernienoperationen  mit,  von  denen  er  in  den  letzten 
273  Fällen  den  Bruchsack  mittelst  einer  Drahtligatur  subcutan  u.nterband. 

In  diesen  Fällen  wurde  Dauerheilung  in  96  Fällen  nach  2  Jahren, 
in  93  Fällen  vor  Ablauf  von  2  Jahren  erzielt.  Der  Erfolg  blieb  in  91  Fällen 
unbekannt,  Recidive  trat  in  52  Fällen  ein,  Todesfälle  7. 

An  den  im  vorigen  Capitel  entwickelten  Principien  sollten  eigentlich 
nur  die  circa  2  Jahre  nach  der  Operation  nachuntersuchten  Kranken  zur 
Basis  der  Beurtheilung,  inwieweit  diese  Methode  leistungsfähig  ist,  dienen, 
höchstens  unter  Zuzählung  der  außerdem  noch  von  Recidiven  befallenen 
Patienten  (auch  derer,  welche  noch  nicht  ganze  2  Jahre  nach  der  Operation 
waren).  Dass  auch  bei  der  wohlwollendsten  Beurtheilung,  nämlich  bei 
Beziehung  der  52  Recidiven  auf  (96-|-52=)  148  Kranke,  das  Endresultat 
der  Woo  d'schen  Operationen  kein  ermunterndes  ist,  muss  allgemein  eingesehen 
werden,  und  ist  dieser  Umstand  gewiss  mit  Ursache  daran,  dass  die  Methode 
verlassen  wurde,  eigentlich  nie  so  recht  in  weitere  Aufnahme  kam.  Es 
war  eben  ein  technischer  Überrest  einer  verflossenen  Zeit,  welcher  zu  unseren 
sämmtlichen  heutigen  chirurgischen  Anschauungen  in  grellem  Wider- 
spruche stand. 

Es  war  also  ganz  natürlich,  dass  unter  dem  Schutze  des  antisep- 
tischen Verfahrens  der  nächste  Schritt  darin  bestand,  dass  der  Bruchsack, 
resp.  sein  Hals  nicht  mehr  subcutan,  sondern  offen  in  der  Wunde  unter- 
bunden wurde.  Diesen  Schritt  that  1877  Czerny.  indem  er  gleichzeitig 
eine  auch  in  anderen  Beziehungen  ganz  modern  gedachte  Methode  vor- 
schlug und  ausführte.  Er  spaltete  den  Sack  bis  zu  dessen  Halse,  reponierte 
den  freien  Inhalt  oder  schickte  noch  die  Lösung  des  angewachsenen  voraus. 
Dann  löste  er  den  Hals  aus  seiner  Umgebung  aus  und  legte  an  dem  vor- 
gezogenen Sacke  möglichst  hoch  oben  eine  Seiden-  oder  Catgutligatur  an. 
Dann  nähte  er,  ebenfalls  mit  Seide  oder  Catgut,  die  Pfeiler  der  äußeren 
Leistenöffnung  zusammen,  beließ  aber  den  Bruchsack  in  der  Wunde,  ohne 
ihn  zu  exstirpieren,  da  er  Wundcomplicationen  befürchtete.  Bald  darauf 
exstirpierten  aber  Billroth  und  Nussbaum  den  Bruchsack,  jener  nach 
vorher  angelegter  Schnürnaht,  dieser  nachdem  er  den  nicht  unterbundenen 
Sack  abgeschnitten  hatte,  worauf  die  Peritonealwunde  mit  Naht  ge- 
schlossen wurde.  Eine  wesentliche  Verbesserung  der  Operation  gab  Albert 
an,  indem  er  nach  Reposition  des  ganzen  Bruchsackstumpfes  nicht  nur 
die  äußere  Öffnung  des  Leistencanales,  sondern  den  letzteren  in  seiner 
ganzen  Länge  und  zwar  durch  dreierlei  in  verschiedener  Tiefe  angelegte 
Nähte  verschloss  (also  eine  Andeutung  der  heutigen  „tiefen  Canalnaht"). 
Billroth  wendete,  zu  diesem  Zwecke  die  sogenannte  Corset-  (Schnür-) 
Naht  an. 


236 


Über  die  B.adiculopeiation  des  Leisteiibruclies. 


Auf  dieser  Stufe  verblieb  nun  die  Radicaloperation  der  Leistenhernie 
ziemlich  lange.  Es  war  nur  noch  strittig,  wie  man  das  vorgelagerte  Netz 
behandeln  soll;  einige  empfahlen  das  ohnedies  freie  oder  vorher  aus  den  Ver- 
wachsungen gelöste  Netz  zu  reponieren,  andere  wollten  es  früher  auch 
noch  gekürzt,  reseciert  haben,  indem  sie  es  in  Portionen  zerlegt  unterbanden 
und  den  Stumpf  in  die  Bauchhöhle  zurückschoben,  oder  denselben  in  die 
Bruchpforte  einnähten,  von  letzterem  Vorgange  einen  besonderen  Vortheil, 
nämlich  Verstopfung  der  Bruchpforte,  erhoffend. 

In  anderer  Richtung  wurden  insoferne  Modificationen  an  der  Operation 
angebracht,  indem  das  bisherige  Nahtmaterial.  Seide  und  Catgut,  durch 
andere  Stoffe,  z.  B.  Silberdraht  (Banks),  seit  1887  neuerdings  von  Schede 
empfohlen,  Eisendraht,  Silkworm.  Rosshaar,  Känguruhsehne  (C  o  1  e  y)  etc. 
ersetzt  wurde,  indem  man  nach  einem  Material  suchte,  welches  a  priori 
schwer  der  Träger  von  verschiedenen  Infectionsstoffen  sein  konnte  oder  sich 
auch  nur  schwer  zur  Aufnahme  solcher  aus  der  Wunde  eignete,  ohne  der  noth- 
wendigen  Festigkeit  zu  ermangeln.  In  erster  Richtung  wollte  man  die  Stichcanal- 
eiterung,  in  zweiter  die  Auseiterung  der  versenkten  Muskel-  oder  Bruchpforten- 
nähte vermeiden,  sowie  die  dieselben  begleitenden  phlegmonösen  Processe. 

Auch  an  der  Abtrennung  und  Versorgung  des  Bruchsackes  wurde  in 
mehrfacher  Weise  herumexperimentiert.  Ball  z.  B.  drehte  den  ausgelösten 
Bruchsack  so  lange  zusammen,  bis  derselbe  zu  zerreißen  drohte,  hierauf 
schnitt  er  ihn  ab  und  fixierte  den  Stumpf  in  einer  Hautnaht.  Lucas- 
Championniere  spaltete  den  Inguinalcanal  in  seiner  ganzen  Ausdehnung, 
entfaltet  denselben  mittelst  Pincetten  weit  auseinander,  incidiert  den  aus- 
gehülsten Sack,  entleert  denselben  und  bildet  endlich  aus  demselben  einen 
Stiel,  indem  er  denselben  in  mehreren  Partien  unterbindet.  Die  Ligaturen 
sind  untereinander  gekreuzt  wie  die  Glieder  einer  Kette,  daher  Ligature  en 
chaine.  Da  nun  dieselben  so  hoch  als  möglich  am  Halse  angelegt  werden, 
so  schlüpft  nach  Entzweischneiden  des  Bruchsackhalses  der  Stumpf  derselben 
hinter  die  vordere  Bauchwand  zurück.  Die  durch  Spaltung  der  Vorderwand 
des  Leistencanales  entstandenen  Lappen  werden  nun  so  vereinigt,  dass  sie 
überkreuzt  werden,  d.  h.  der  eine  mit  dem  andern  unterlegt  wird.  Endlich 
vernäht  er  die  Haut. 

Die  moderne  operative  Technik  wird  aber  von  einigen  wenigen  Methoden 
beherrscht,  welche  von  ihren  Erfindern  an  einer  großen  Reihe  von  Fällen 
erprobt  wurden.  Es  ist  dies  außer  der  Methode  von  Czerny  jene  von 
Mac  Ewen,  Bassini  und  Kocher.  Neben  denselben  wurde  eine  schier 
unübersehbare  Reihe  von  Modificationen  der  genannten  Methoden  und  von 
selbständigen,  aber  weniger  bedeutenden  Eingriffen  vorgeschlagen  und  oft 
mehrfach  angewendet. 

Chronologisch  vorgeführt  muss  von  den  erwähnten  Methoden  zuerst 
jene  von  Mac  Ewen  ausführlicher  besprochen  werden.  Mac  Ewen  ver- 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


237 


öffentlichte  1888  diese  Methode,  nachdem  er  sie  seit  1879  bereits  an- 
gewendet hatte.  Er  gieng  von  der  Erwägung  aus.  dass  nach  einfacher 
Unterbindung  des  Bruchsackhalses  an  der  inneren  Fläche  des  Peritoneum 
parietale  in  der  Gregend  der  Ligatur  eine  trichterförmige  Einziehung  ent- 
steht, ähnlich  wie  ursprünglich  das  Infundibulum  proc.  vagin.  peritonei 
aussah;  er  hält  weiter  dieses  Grübchen  für  eine  Prädisposition  zur  Hernien - 
bildung  insofern,  als  sich  bei  der  jedesmahgen  Wirkung  der  Bauchpresse 
irgend  ein  Eingeweide  darin  verfangen  kann,  das  Grübchen  vergrößert  wird 
und  endlich  wieder  eine  Hernie  entsteht.  Um  dies  zw  verhüten,  bildet  nun 
Mac  Ewen  aus  dem  entleerten  und  in  eigenthümlicher  Weise  durchnähten 
und  zusammengeschobenen  Bruchsack  einen  Pfropf,  welchen  er  durch  den 
Inguinalcanal  hindurchzwängt,  wodurch  eine  Art  innerer  organischer  Pelotte 
zustande  kommt,  welche  zwischen  Peritoneum  und  Bauchwand  gelagert  ist. 
Die  Manipulation  mit  dem  Bruchsack  besteht  in  Folgendem:  Der  Bruch- 
sack sammt  dem  auf  demselben  befindlichen  Fett  wird  angespannt  und 
mit  dem  zwischen  den  Bruchsack  und  die  Wand  des  Inguinalcanals  ein- 
geführten Finger  wird  der  erstere  vom  Samenstrang  und  zwar  bis  über 
den  inneren  Leistenring  hinaus  isoliert.  Nun  wird  am  Rande  des  angezogenen 
Bruchsackes  eine  Nadel,  in  welche  ein  mit  einem  Knopfe  versehener  Catgut- 
faddn  eingefädelt  ist.  eingeführt  und  in  verschiedener  Richtung  von  links  nach 
rechts  in  der  Direction  gegen  den  Inguinalcanal  durchstochen,  worauf  man  in 
derselben  Weise  zurückkehrt.  Wenn  man  den  Bruchsack  über  dem  Catgut- 
faden  zusammenschiebt,  so  entsteht  aus  ihm  ein  Bauschen,  welcher  in 
quere  Falten  gelegt  ist.  Nun  wird  das  Catgutende  in  eine  gestielte  Nadel 
(mit  einem  Ohr  unter  der  Spitze,  nach  Art  der  Deschamps'schen  oder 
Aneurysma-Nadeln)  eingefädelt,  die  Nadel  in  den  Inguinalcanal  eingeführt 
und  1  cm  über  dem  inneren  Leistenring  durch  die  vordere  Bauchwand 
ausgestochen,  wobei  der  obere  Winkel  der  Hautwunde  seitwärts  verzogen 
wird.  Durch  Anspannen  des  nun  ausgefädelten  Fadens  wird  der  faltige 
Bruchsack  allmählich  hineingezogen,  bis  er  im  Inguinalcanal  verschwindet 
und  sich  wie  eine  Klappe  vor  den  inneren  Leistenring  legt.  Das  Faden- 
ende wird  vom  Gehilfen  so  lange  gehalten,  bis  durch  eine  nachfolgende 
Naht  der  Leistencanal  verschlossen  ist,  dann  wird  das  Ende  so  befestigt, 
dass  einigemale  durch  die  oberflächliche  Schichte  des  äußeren  schiefen 
Bauchmuskels  hindurchgestochen  wird,  oder  dass  das  Fadenende  in  die 
Hautnaht  mitgefasst  wird. 

Die  Naht  des  Leistencanals  führt  Mac  Ewen  folgendermaßen  aus : 
Er  benützt  hierzu  zwei  gestielte  Nadeln;  der  eingeführte  Finger  schützt 
uns  vor  dem  Anstechen  der  Art.  epigastrica.  Mittelst  der  nach  links 
gekrümmten  Nadel  führen  wir  einen  starken  Faden,  ja  sogar  einen  Draht 
durch  den  inneren  Leistenpfeiler  (bei  einer  linksseitigen  Hernie),  und  zwar 
so.  dass  der  Faden  nach  angelegter  Naht  in  der  Nähe  des  unteren  Pfeiler- 


238 


Über  die  Kadicaloperation  des  Leistenbruches. 


endes  von  der  Oberfläche  in  die  Tiefe,  weiter  oben  gegen  den  oberen 
Wundwinkel,  umgekehrt,  und  daher  in  der  Tiefe  parallel  mit  '  dem 
inneren  Pfeiler  verläuft,  seine  Enden  dagegen  nach  außen  vorragen. 
Die  Enden  werden  festgehalten,  bis  das  untere  Fadenende  in  eine 
andere,  entgegengesetzt  gekrümmte  Nadel  eingefädelt  und  nun  von  der 
Tiefe  gegen  die  Oberfläche  durch  den  äußeren  Wundränd,.  daher  durch 
das  Poupart'sche  Band  und  die  vereinigte  Aponeurose  der  Bauchmuskeln  — 
und  zwar  gegenüber  dem  unteren  Einstiche  im  inneren  Leisten- 
pfeiler —  eingestochen  wird.  Ebenso  wird  das  obere  Fadenende  frisch 
eingefädelt  und  gegenüber  dem  oberen  Einstich  durch  den  äußeren  Pfeiler 
ebenfalls  von  innen  nach  außen  durchgestochen,  so  dass  nun  beide  Faden- 
enden durch  den  äußeren  Pfeiler  nach  außen  hervorragen.  Nun  werden 
diese  beiden  Enden  geknüpft,  ohne  dass  natürlich  der  Samenstrang  in 
ihnen  verfangen  wäre  oder  besonders  constringiert  würde,  und  hiedurch 
ist  der  Leistencanal  geschlossen.  Dasselbe  Manöver  kann  noch  weiter 
unten  wiederholt  werden,  wodurch  die  Leistenpfeiler  noch  enger  aneinander 
gepresst  werden.  Bei  angeborenen  Leistenbrüchen  spart  man  das  untere 
Ende  des  Bruch  sackes,  damit  aus  ihm  die  Tunica  vaginalis  propia  testis 
geformt  werden  könne;  erst  der  übrige  Theil  des  Bruchsackes  wird  in 
der  beschriebenen  Weise  durchnäht,  nachdem  von  ihm  der  Samenstrang 
abgelöst  worden  ist. 

Bassini's  Methode  wurde  im  Jahre  1890  veröffentlicht.  Dieser 
Forscher  geht  von  der  Ansicht  aus,  dass  der  Hauptübelstand  bei  den 
älteren  Hernien  darin  bestehe,  dass  der  ursprünglich  schiefe  Verlauf  des 
Leistencanales  ein  gerader  wird;  während  also  bei  einem  normal  consti- 
tuierten  Leistencanale  unter  Wirkung  der  Bauchpresse  die  hintere  Wand 
sich  an  die  vordere  anlegt  und  hiedurch  den  Leistencanal  verschließt, 
entspricht  bei  alten  Hernien,  somit  bei  geradem,  anteroposteriorem  Ver- 
laufe des  Canales  die  äußere  Leistenöffnung  nahezu  der  inneren,  so  dass 
die  Steigerungen  des  intraabdominalen  Druckes  leicht  das  Peritoneum  nach 
außen  vorstülpen  können.  Bassini  will  nun  durch  seine  Methode  den 
physiologisch  schiefen  Verlauf  des  Leistencanals  mit  einer  vorderen  und  hin- 
teren Wand  wieder  herstellen;  durch  denselben  verläuft  zwar  der  Samenstrang, 
jener  wird  aber  bei  Exspirationsanstrengungen  klappenartig  verschlossen. 
Bassini  führt  die  Operation  folgendermaßen  aus:  Es  wird  eine  Incision 
dem  Bruch  entlang  durch  die  Aponeurose  des  äußeren  schiefen  Bauch- 
muskels geführt  bis  über  den  inneren  Leistenring  hinauf,  worauf  die  so 
entstandenen,  von  den  Muskeln  abgelösten  zwei  Lappen  nach  außen  und 
innen  umgeschlagen  werden.  (Siehe  Fig.  61.)  Der  Bruchsack  wird  an 
dieser  Stelle  zuerst  vom  Samenstrang  abgelöst,  hierauf  gespalten  und  sein 
Inhalt  in  die  Bauchhöhle  zurückgeschoben.  Der  ■  Bruchsackhals  wird  zu- 
sammengedreht und  an   seiner,  Mündung  in   der  Gegend   des  inneren 


240 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


Leistenringes  unterbunden,  und  zwar  entweder  einfach,  oder,  wenn  derselbe 
breiter  ist,  doppelt,  indem  eine  Nadel  mit  doppeltem  Faden  durchgestoßen 
wird;  von  den  beiden  Klängen  wird  je  einer  nach  verschiedenen  Seiten 
geknüpft.  Vor  der  Ligatur  wird  der  Sack  abgeschnitten.  Das  so  unter- 
bundene Peritoneum  schnellt  hinauf  gegen  die  Bauchhöhle  zurück.  Hierauf 
wird  der  Samenstrang,  eventuell  sammt  dem  aus  dem  Scrotum  hervor- 
gezogenen Hoden,  aus  der  Rinne,  in  welcher  er  verläuft,  emporgehoben; 
nun  werden  die  beiden  umgelegten  Lappen  angespannt,  wodurch  die 
obere  Furche  des  Poupart'schen  Bandes  sichtbar  wird  bis  zu  dem  Punkte, 
wo  der  Samenstrang  in  die  Bauchhöhle  eintritt.  Jetzt  wird  der  äußere 
Rand  des  geraden  Bauchmtiskels  und  die  dreifache  Schichte  des  inneren 
schiefen,  des  queren  Bauchmuskels  und  der  Fascia  Cooperi  von  der 
Aponeurose  des  äußeren  schiefen  Bauchmuskels  und  vom  subserösen  Fett 
breit  abgelöst  und  an  den  hinteren  isolierten  Rand  des  Poupart'schen 
Bandes,  am  Schambein  beginnend,  angenäht,  und  zwar  in  der  Länge  von 
5 — 7  ci)i.  (Siehe  Fig.  62.)  Der  Samenstrang  tritt  nun  durch  den  oberen 
Wundwinkel  ein  und  hinter  ihm  ist  nun  die  neugebildete  hintere  Wand 
des  Inguinalcanals.  Der  Funiculus  spermaticus,  eventuell  auch  der  Testikel 
wird  in  die  normale  Lage  zurückgebracht  und  über  ihm  die  Aponeurose 
des  Externus  bis  auf  den  unteren  inneren  Winkel  vereinigt.  (Siehe  Fig.  63.) 
Die  Hautwunde  über  dem  so  vernähten  Leistencanal  wird  vollständig,  ohne 
Drainage,  vereinigt.  Bei  der  inneren  Leistenhernie  lässt  sich  das  Peri- 
toneum nur  schwer  in  einen  Stiel  zusammendrehen,  weswegen  es  nach 
Entleerung  des  Sackes  über  dem  inneren  Ring  vernäht  und  sodann  ab- 
geschnitten wird.  Bei  Frauen  ist  die  Operation  leichter,  da  bei  denselben 
das  Lig.  rotund.  uteri  ohne  Ijesonderen  Schaden  abgeschnitten  werden  kann. 

Mac  Ewen  gestattet  seinen  Kranken,  erst  nach  6  Wochen  aufzu- 
stehen, nach  8  Wochen  zu  arbeiten;  auch  während  des  nächsten  Viertel- 
jahres empfiehlt  er  ihnen  größtmögliche  Schonung,  sowie  das  Tragen  von 
leichteren  Bruchbändern,  welche  später  allerdings  überflüssig  werden; 
Bassini  schreibt  seinen  Kranken  keine  Bracherien  vor,  die  Heilung  erfolgt 
in  14  Tagen,  und  nach  den  eigenen  Berichten  Bassini's  treten  Recidive 
nur  ausnahmsweise  auf. 

Gegen  die  Argumentation  Bassini's,  dessen  Methode  sich  in  ihrem 
Wesen  nicht  von  anderen  Methoden  unterscheidet,  welche  den  Inguinal- 
canal  spalten,  um  ihn  später  wieder  zu  vereinigen,  nur  dass  dies  hier 
in  zwei  Schichten  geschieht,  zwischen  denen  der  Samenstrang  gelagert  wird, 
wäre  nur  soviel  einzuwenden,  dass  auch  der  physiologisch  schief  ver- 
laufende normale  Leistencanal  bei  der  Hernienbildung  gerade  gerichtet 
wurde,  ohne  dass  dieser  Verlauf  die  Prädisposition  gebildet  hätte,  sondern 
derselbe  ist  erst  die  allmähliche  Folge  des  Hernienbestandes.  Es  ist  nicht  ein- 
zusehen, warum  der  künstlich  schief  gemachte  Canal  denselben  Kräften 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


241 


nicht  unterliegen  sollte,  durch  welche  unter  Geraderichtung  desselben  die 
Hernie  entstand  und  sich  weiter  entwickelte.  Das  Ausbleiben  der  Recidiven 
ist  daher  wohl  durch  andere  Agentien  bedingt,  denen  offenbar  die  Methode 
Bassini 's  auch  genüg-t,  nämlich  der  Beseitigung  des  Bruchsackes  nach 
hoher  Ligatur  desselben,  Verschluss  des  Inguinalcanales  in  passender,  zweck- 
mäßiger Weise  und  prima- intentio-Heilung  der  Wunde,  durch  welche  der 
integre  Bestand  des  Verschlusses  erst  garantiert  wird.  Der  mehr  gerade 
oder  mehr  schiefe  Verlauf  des  Samenstranges  dürfte  kaum  von  wesentlicher 
Bedeutung  sein.  Immerhin  muss  wahrheitsgemäß  berichtet  werden,  dass 
von  den  vor  5  Jahren  aufgetauchten  Methoden  jene  Bassini 's  sich  der 
ausgebreitetsten  Sympathien  erfreut,  dass  nach  derselben  heutzutage  die 
meisten  Radicaloperationen  ausgeführt  werden  (an  manchen  Anstalten  nur 
mit  geringen  Änderungen),  und  dass  sie  in  der  Leistungsfähigkeit  in  Bezug 
auf  Dauerheilung  anderen  Methoden  kaum  nachsteht,  ja  viele  von  ihnen 
weit  hinter  sich  lässt. 

Kocher  machte  in  der  Ausarbeitung  seiner  Methode  drei  Phasen 
durch,  deren  erstere  „die  Canalnaht",  von  ihrem  Erfinder  selbst  verlassen, 
nicht  ausführlicher  erwähnt  zu  werden  braucht;  während  die  zweite,  „die 
Verlagerungsmethode",  von  ihm  beibehalten  und  in  Form  einer  Modification 
als  „Iii.  Methode"  heute  empfohlen  und  geübt  wird.  Im  Folgenden  eine 
Beschreibung  der  letzteren: 

Der  Bruchsack  wird,  und  zwar  in  der  Gegend  seines  Halses,  allseitig 
gründlich  isoliert.  Der  Bruchinhalt  wird  in  die  Bauchhöhle  reponiert,  der 
Sack  wird  soviel  als  möglich  heruntergezogen,  am  höchsten  noch  zu- 
gänglichen Punkte  mit  einer  Nadel  durchstochen,  deren  Doppelfaden 
entzweigeschnitten  und  nach  zwei  Richtungen  geknüpft  wird,  worauf  der 
Sack  abgeschnitten  wird.  Hierauf  zieht  sich  die  unterbundene  Partie  hinter 
die  Bauchwand  zurück  (bisher  von  der  Methode  I.  übernommen).  Bei  der 
II.  Methode  wird  nun  über  dem  Poupart'schen  Bande,  und  zwar  etwas 
nach  außen  von  dessen  Mitte,  in  die  Aponeurose  des  äußeren  schiefen 
Bauchmuskels  eine  kleine  Öffnung  gemacht,  durch  welche  das  untere  Ende 
des  isolierten,  aber  noch  nicht  abgeschnittenen  Bruchsackes,  nachdem  es 
zuerst  in  den  Leistencanal  eingebogen  worden  war,  nach  außen  gezogen 
wird,  und  zwar  mittelst  einer  besonderen  von  Kocher  angegebenen  Korn- 
zange. Die  III.  Methode  unterscheidet  sich  nur  durch  die  Befestigung  des 
bereits  vorgezogenen  Bruchsackes.  Derselbe  wird  nämlich  in  der  Richtung 
zur  Spina  ant.  sup.  angezogen  und  hier  mittelst  Knopfnähten  befestigt, 
welche  einerseits  den  inneren  schiefen,  die  Aponeurose  des  äußeren  schiefen 
Bauchmuskels,  andererseits  den  Grund  des  Bruchsackes  durchdringen. 
Hiedurch  wird  die  Bruchsackmündung  verschlossen  und  das  Peritoneum 
in  lateraler  Richtung  angespannt.  Nach  außen  legt  man  noch  2 — 3  weitere 
Nähte  an,  welche  die  ganze  Bauchwand  durchdringend  den  Bruchsack  mit 

Maydl,  Specielle  Chirurgie.  I.  '  16 


242  übei-  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 

in  sich  begreifen.  Die  weitere  Operation  wird  nach  Methode  I.  beendet. 
Lateral  vom  inneren  Leistenring  werden  tiefe  Nähte  angelegt,  welche 
denselben  verengen  sollen.  Im  Leistencanale  ziehen  wir  durch  tiefe 
Knopfnähte  die  obere  und  vordere  Wand  empor  und  nähen  so  den  In- 
guinalcanal  bis  zu  den  Pfeilern  zusammen.  Zwischen  der  letzten  Naht  und 
dem  Samenstrang  soll  nur  eine  für  die  Zeigefingerspitze  durchgängige 
Öffnung  übrig  bleiben.  Während  der  ganzen  Canalnaht  wird  durch  den 
eingelegten  Zeigefinger  der  Samenstrang  davor  geschützt,  dass  er  nicht  in 
eine  Naht  mitgefasst  wird.  War  die  Blutung  bedeutender,  so  wird  durch 
eine  Lücke  der  sonst  completen  Hautnaht  ein  Glasdrain  eingeführt.  Der 
Verband  besteht  nur  aus  einigen  Schichten  Jodoformgaze,  welche  mit 
CoUodium  aufgeklebt  wird,  damit  man  alle  Veränderungen  an  der  Wunde 
leicht  wahrnehmen  könne.  Prima-intentio  wurde  in  88  "/o  erzielt,  die 
Heilung  erfolgte  in  10  Tagen.  In  12  "/q  heilte  die  Wunde  per  granu- 
lationem,  und  zwar  durchschnittlich  in  34  Tagen.  Von  29  Fällen  wurden 
23  nachuntersucht  und  nur  in  einem  Falle  Recidive  beobachtet.  (Nach 
wie  langer  Zeit?) 

Kocher  weist  darauf  hin,  dass  infolge  dessen,  dass  bei  seiner 
Methode  der  Leistencanal  nicht  gespalten  wird,  man  im  Falle  der  Eiterung 
keinen  Schaden  gestiftet  hat  —  wie  es  entschieden  bei  dem  B  a  s  s  i  n  i  'sehen 
Verfahren  geschehen  kann  —  und  man  also  trotzdem  noch  Erfolg  haben  kann. 

Uber  seine  letzte  Methode  sagt  Kocher-Beresowsky  aus,  dass 
Heilung  in  lOO^/o,  Recidiven  in  0%  beobachtet  wurden.  Thatsächlich  soll 
es  jedoch  heißen:  Heilung  in  95"7o/o  und  Recidive  in  4"3''/o;  ja  weiter  noch: 
unter  Anwendung  der  von  uns  im  Obigen  zugrunde  gelegten  Principien 
müssten  alle  diese  Fälle  bei  Beurtheilung  der  Recidivierung  zurückgewiesen 
werden,  da  der  erste  nach  der  erwähnten  Methode  operierte  Fall  vom 
25.  Juli  1893,  der  letzte  vom  24.  Februar  1894  datiert  und  die  Nach- 
controle  im  Juli  und  August  1894  vorgenommen  wurde,  demnach  knapp 
ein  Jahr  und  weit  darunter  nach  dem  Eingriff. 

Nun  folgen  einige  Operationsmethoden,  welche  durch  Modification 
der  bereits  angeführten  entstanden: 

Wölf  1er  richtet  sich  vornehmlich  nach  den  Vorschriften  Bassini's. 
Der  nicht  isolierte  Bruchsackhals  wird  von  innen,  durch  die  sogenannte 
„innere  Schnürnaht"  verschlossen,  das  Innere  mit  dem  Thermokauter  ver- 
schorft  und  der  Sack  auch  äußerlich  vernäht.  Der  Sack  wird,  wenn 
möglich,  nach  innen  zurückgeschoben;  reicht  er  sehr  weit  nach  abwärts, 
so  trennt  man  ihn  am  äußeren  Leistenring  quer  durch  und  schiebt  nur 
die  oberhalb  gelegene  Partie  zurück. 

Von  B  a  s  s  i  n  i  weicht  er  insofern  ab,  als  er  nicht  zusammen,  sondern 
in  drei  Schichten  den  inneren  Rand  des  Leistencanals  an  das  Lig.  Pouparti 
annäht.  Er  näht  zuerst  den  Transversus  und  Obliquus  intern.,  weiter  das 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


243 


äußere  Ende  des  Rectus  abd.,  endlich  die  Aponeurose  des  Obliquus  an 
das  Leistenband.  Die  Naht  des  Rectus  wird  von  Mac  Ewen  ausdrücklich 
perhorresciert,  da  derselbe  befürchtet,  dass  beim  Aufrichten  des  Rumpfes 
der  Canal  zum  Klaffen  gebracht  würde.  Auch  andere  Modificationen  hat 
Wölfler  in  Anwendung  gebracht,  z.  B.:  er  löste  den  Hoden  vom  Guber- 
naculum  ab,  führte  denselben  hinter  den  Muse,  rectus  und  dann  durch  die 
Spalte  zwischen  den  geraden  Muskeln  nach  außen  und  lagerte  ihn  wieder 
im  Scrotum.  Da  der  Hode  und  Samenstrang  öfters  Schaden  litten,  sah 
sich  W  ö  1  f  1  e  r  zum  Aufgeben  der  Methode  veranlasst. 

Wölf  1er  verfolgte  hiebei  den  Zweck,  den  Samenstrang  vom  Verlaufe 
durch  den  Inguinalcanal  auszuschließen,  da  ja  von  altersher  die  Meinung 
besteht,  dass  sich  die  Recidiven  zumeist  entlang  dieses  Gebildes  entwickeln. 
Deswegen  führten  auch  die  meisten  mittelalterlichen  Operateure  zugleich 
mit  der  Kelotomie  auch  die  Castration  aus.  Auch  in  den  letzten  Jahren 
wurde  dieser  Gedanke  und  zwar  von  Kraske  wieder  aufgegriffen,  von 
Albert  in  scharfer,  aber  gewiss  gerechtfertigter  Weise  zurückgewiesen. 
Aus  demselben  Grunde  schlug  E.  Uli  mann  vor,  bei  Radicaloperationen 
den  Hoden  in  die  Bauchhöhle  zurückzuschieben  und  hiedurch  eine  künst- 
liqhe  abdominelle  Dystopie  des  Testikels  herbeizuführen.  Denselben  Ideen- 
gang verfolgte  Frank,  indem  er  in  einer  ganzen  Reihe  von  Fällen  im 
horizontalen  Schambeinaste  eine  anteroposteriore  Furche  ausmeißelte,  in 
welche  er  zuerst  das  früher  abgehobelte  Periost,  dann  den  Samenstrang 
hineinlegte,  worauf  er  den  Leistencanal  vollständig  wie  beim  Weibe  ver- 
nähen konnte.  Keiner  dieser  Vorschläge  war  imstande  durchzudringen, 
ebensowenig  wie  zahlreichere  Erfahrungen  über  nach  Phelps  operierte 
Fälle  mangeln;  Phelps  operierte  im  wesentlichen  nach  Mac  Ewen;  der 
Samenstrang  wurde  in  den  äußeren  Wundwinkel  verlagert  und  verläuft 
sodann  theils  zwischen  der  Haut  und  den  genähten  Bauchmuskeln,  theils 
unter  den  letzteren,  also  in  einer  gewissermaßen  welligen  Linie.  Po- 
stempski endlich  zerstört  den  Leistencanal,  näht  schichtweise  die  Obliqui, 
den  Transversus,  die  Fascie  und  lässt  nur  im  oberen  Winkel  der  Wunde 
eine  Lücke  für  den  Samenstrang,  der  hernach  über  die  Aponeurose  des 
Obliquus  ext.  zu  liegen  kommt.  Die  Resultate  bestanden  unter  57  Fällen 
in  53  Heilungen  (mit  5  [?]  Recidiven)  und  4  Todesfällen  (2  durch  Darm- 
gangrän und  2  durch  Chloroform). 

Von  Bassini  beeinflusst  sind  weiter  die  Methoden  von  Hadra: 
Spaltung  der  vorderen  Wand  des  Leistencanals;  mit  einem  schmalen 
Messer  werden  die  Wundränder  parallel  mit  der  Oberfläche  in  je  zwei  Lappen 
zerlegt,  deren  tiefere  miteinander  vereinigt  werden,  worauf  der  Samen- 
strang eingelagert  wird;  dann  folgt  die  Naht  der  oberflächlichen  Lappen. 
Parona  legt  den  Samenstrang  rund  um  die  Abbindungsstelle  des  Bruch- 
sackes (!),  übernäht  denselben  mit  dem  zurückgeschlagenen  Rande  des  Stumpfes, 

16* 


244 


Übei-  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


welcher  an  den  inneren  Leistenring  fixiert  wird;  sonst  operiert  er  nach 
Bassini.  Ebenso  Coley  (114  Operationen  an  Kindern),  nur  verwendet  er 
als  Nahtmaterial  Känguruhsehne. 

Ziemlich  genau  nach  Bassini  operierte  Nicoladoni  (260  Fälle), 
Usiglio,  Pfahl,  Hacker  (149  Operationen).  Vom  ersteren  wurde  ein, 
wie  es  scheint  ganz  empfehlenswertes  Verfahren  eingeschlagen,  um  das 
Aufsteigen  des  bislang  kryptorchistischen  Testikels  zu  verhindern.  Es  wurde 
nämlich,  um  den  Hoden  im  Scrotum  zu  erhalten,  der  vor  dem  Hoden  ins 
Scrotum  herabgestiegene  Theil  des  Proc.  vaginalis  in  einen  knapp  hinter 
dem  Scrotum  angelegten  Schlitz  im  Perineum  eingenäht,  in  dem  „das 
Ende  des  Leitbandes  mit  versenkten  Catgutnähten  subcutan  fixiert  und 
darüber  die  gesetzte  Perinealwunde  sofort  durch  Naht  geschlossen  wird". 

Auch  plastische  Operationen  wurden  bereits  ausgeführt,  um  einen 
festen  Verschluss  des  Leistencanales  herbeizuführen.  Schon  die  Mac 
E  w  e  n  'sehe  Operation  ist  im  gewissen  Sinne  eine  autoplastische  Operation. 
Schwarz  schneidet  einen  Lappen  aus  der  Hälfte  oder  dem  Drittel  des 
geraden  Bauchmuskels  zu  und  schlägt  denselben  nach  abwärts  hinter  die 
innere  Mündung  des  Leistencanales.  Andere,  z.  B.  Trend elenburg  u.  a.. 
implantierten  große  periostale  Lappen  vor  den  Annulus  ing.  int.,  Lucas- 
Championniere  dagegen  einen  blutig  gemachten  Hautlappen.  Auch 
todte  Materialien  wurden  bereits  in  Anwendung  gebracht.  So  schaltet 
Thiriar  zwischen  den  nach  Mac  Ewen  zusammengeschobenen  Bruch- 
sack und  den  Annulus  ing.  int.  eine  decalcinierte  Knochenplatte,  Weyr 
Scapul artheile  eines  Hundes,  in  die  behufs  Durchtrittes  des  Samen- 
stranges ein  Loch  gebohrt  wurde.  Der  Verfasser  versuchte  in  einigen 
Fällen  Celluloidin-  und  Aluminiumplatten,  gewissermaßen  als  innere  Pelotten. 
Sowohl  Thiriar  als  der  Verfasser  beobachteten  die  Entwickelung  eines 
sehr  umfänglichen,  festen  Narbengewebes,  welches  offenbar  durch  den 
Reiz  des  Fremdkörpers  erzeugt  worden  war.  Doch  gehören  diese  Opera- 
tionen bereits  zu  den  complicierteren  und  kommen  bei  besonders  umfang- 
reichen Leistenhernien  in  Anwendung,  während  wir  bei  den  Brüchen  von 
Durchschnittsgröße  mit  geringeren  Mitteln  auskommen. 

Zum  Schlüsse  wollen  wir  die  Operation  beschreiben,  wie  sie  vom 
Verfasser  mit  Vorliebe  auf  seiner  Klinik  ausgeführt  zu  werden  pflegt. 

Vor  allem  muss  das  Operationsfeld,  welches  sowohl  wegen  der  Aus- 
mündung des  uropoetischen  als  des  intestinalen  Tractus  leicht  Infectionen 
unterliegt,  auch  etwas  seitab  von  täglichen  Waschungen  liegt,  in  der 
Behaarung  einen  Rückhalt  für  Infectionskeime  bietet,  besonders  sorgfältig 
vorbereitet  werden,  also  vollständiges  Rasieren  der  Genitalien,  des  Peri- 
neums, der  Unterbauch-  und  der  oberen  Schenkelgegend,  durch  wiederholte 
Waschungen  mit  warmen  Seifenlösungen,  Alkohol  und  Äther  und  Anlegung 
eines  desinficierenden  Schutzverbandes  auf  24  Stunden  vor  der  Operation, 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


245 


meist  —  mit  Ausnahme  der  Kinder  —  von  30/0  Carbolwasser.  Die  durch 
Eiterungen  getrübten  Verläufe  —  bei  den  Radicaloperationen  der  Leisten- 
hernien verhältnismäßig  recht  häufig  —  sind  gewiss  zum  Theile  auf  die 
mangelhafte  Vorbereitung  zu  beziehen,  wenn  auch  eine  nachträgliche 
Infection  deswegen  nicht  ausgeschlossen  erscheint,  weil  sich  die  Operations- 
wunde infolge  ihrer  Lage  hart  am  Rande  des  Verbandes  befindet.  Die 
Vorbereitung  muss  auch  den  Darm  betreffen,  also  am  Tage  zuvor  Abführ- 
mittel, am  Operationstage  circa  6  Uhr  früh  ein  entleerendes  Klysma;  dies 
aus  dem  Grunde,  um  beirrende  Temperatursteigerungen  (durch  Darminhalts- 
stauung bedingt),  sowie  Anstrengungen  der  Bauchpresse,  endlich  Verabreichung 
von  Opium  zu  vermeiden. 

Bei  der  Operation  alle  antiseptischen  oder  aseptischen  Cautelen: 
Garnierung  mit  sterilisierten  Servietten,  Einwickelung  des  Penis  mit  Jodo- 
formgaze. Entweder  aus  freier  Hand  oder  durch  senkrechtes  Einschneiden 
einer  emporgehobenen  Hautfalte  spaltet  man  alle  gegen  die  Bruchhüllen 
frei  beweglichen  Gewebsschichten.  Die  Bruchhüllen  werden  frei  oder  so 
incidiert,  dass  man,  wie  bei  Gefäßunterbindungen,  einen  Gewebskegel 
emporhebt,  denselben  horizontal  abträgt,  in  die  gemachte  Öffnung  eine 
Hphlsonde  einführt  und  die  darauf  aufgelagerte  Schichte  spaltet.  So  trennt 
man  successive  die  Fascia  spermatica  externa  (Fortsetzung  der  Aponeurose 
des  äußeren  schiefen  Bauchmuskels),  die  Schleifen  des  M.  cremaster 
(Derivate  des  Obl.  int.  und  transv.),  endlich  die  Tunica  vag.  com.  fun. 
sperm.  et  testis,  eine  Fortsetzung  der  Fascia  transversa.  Hierauf  gelangen  wir 
auf  die  äußere  Fläche  des  Bruchsackes,  die  meist  mit  einer  deutlichen  Fett- 
schiclite  bewachsen  ist  und  welche  ein  Abkömmling  des  subserösen  Fett- 
zellgewebes ist.  Unter  der  Fettschichte  liegt  der  Bruchsack  selbst,  an  seiner 
Zartheit,  Vascularisation,  eventuell  bläulich  durchschimmernder  Flüssigkeit 
zu  erkennen.  Wenn  wir  eine  Falte  desselben  emporheben,  so  fühlen  wir, 
dass  sich  in  der  dünnen  Falte  glatte  Oberflächen  gegen  einander  reiben, 
während  wenn  wir  eine  Netz-  oder  Darmduplicatur  des  z.  B.  in  den 
Bruchsack  eingesetzten  Darmes  (cong.  Hernie)  oder  des  an  den  Bruchsack 
angewachsenen  Darmes  oder  Netzes  (H.  accreta)  emporheben,  wir  eine 
dickere  Falte,  welche  auch  Unebenheiten  aufweisen  kann,  zwischen  den 
Fingern  haben.  Haben  wir  uns  davon  überzeugt,  dass  wir  es  mit  dem 
Bruchsacke  zu  thun  haben,  so  tragen  wir  auch  da  einen  keinen  Kegel  ab, 
worauf  wir  auf  der  eingeführten  Hohlsonde  den  Bruclisack  ausgedehnt 
spalten  und  die  (serösen)  Ränder  mit  Pean'schen  Pincetten  versichern. 
'  Nun  übersieht  man  den  Bruchinhalt:  ist  er  frei,  so  wird  er  unverzüglich 
reponiert;  war  er  ursprünglich  frei,  ist  er  aber  jetzt  angewachsen,  dann 
löst  man  ihn  ab,  was  beim  Netz  keine  Schwierigkeiten  macht;  beim 
Darme  muss  aber  vorsichtig  vorgegangen  werden,  gewöhnlich  sind  die 
Adhäsionen  zart  und  lassen  sich  stumpf  lösen;  manchmal  sind  sie  aber 


246 


Über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


fester,  dann  ist  es  besser,  einen  Theil  des  Bruchsackes  am  Darme  zu  belassen, 
als  den  Darm  anzureißen;  manchmal  ist  aber  der  Darm  im  Bruche  mit 
anderen  Eingeweiden  (auch  anderen  Darmsehlingen)  so  innig  verbacken, 
dass  man  sich  nicht  traut,  das  Convolut  in  die  Bauchhöhle  zurückzu- 
schieben, um  nicht  Veranlassung  zu  späteren  Ileuserscheinungen  zu  geben; 
dann  steht  man  vor  der  Frage,  das  Convolut  mittelst  einer  Darmanastomose 
zu  umgehen,  oder  dasselbe  mittelst  Darmresection  ganz  auszuschalten; 
zu  lange  Netzzipfel  (freie  oder  freigemachte)  werden  durch  Resection  nach 
vorgängiger  Ligatur  gekürzt;  endlich  kann  der  Bruchinhalt  bei  angeborenen 
Hernien,  mit  breiter  Fläche  in  den  Bruchsack  implantiert,  eingelassen  sein; 
dann  müssen  wir  entweder  den  ganzen  Sack  mit  den  betreffenden  Ein- 
geweiden reponieren,  oder  man  muss  die  letzteren  umschneiden  und  aus 
der  Umgebung  auslösen,  um  sie  reponieren  zu  können.  Stets  muss  vor 
der  Reposition  die  Blutung  exact  gestillt  werden.  —  Soll  das  Netz  gekürzt 
werden,  dann  wird  dasselbe  gewöhnlich  in  mehreren  Partien  unterbunden. 
An  den  Stellen,  wo  man  die  Ligatur  anzulegen  beabsichtigt,  erzeugt  man 
mittelst  einer  Pean'schen  Klemme  eine  anämische  Furche,  um  das  Gewebe 
möglichst  zu  verdünnen.  Die  Ligaturen  legt  man  so  an,  dass  zwischen 
ihnen  unmöglich  eine  ununterbundene  Partie  Gewebes  stehen  bleiben  kann. 
Dies  geschieht  am  zweckmäßigsten  so,  dass  man  an  einem  Rande  des 
auseinandergelegten  Netzes  beginnend  eine  ungefähr  1  cm  breite  Partie 
desselben  abtheilt  und  durch  eine  Lücke  zwischen  den  Gefäßen  zwei  Fäden 
mittelst  einer  Aneurysmennadel  oder  einer  anatomischen  Pincette  einführt; 
einen  dieser  Fäden  (a)  knüpft  man  gegen  den  Rand  um  die  abgetheilte 
Partie.  Der  andere  Faden  (b)  wird  mit  einem  frischen  durch  eine  neue 
Lücke  im  Netze  durchgeführt,  worauf  der  Faden  b  um  die  zweite  Partie 
geknüpft  wird;  so  verfährt  man  weiter,  bis  nur  eine  Partie  des  Netzes  übrig 
bleibt,  welche  bequem  in  eine  Ligatur  gefasst  werden  kann.  Werden  diese 
sämmtlichen  Ligaturen  untereinander  verkreuzt,  so  dass  sie  alle  zusammen 
eine  Kette  bilden,  so  liegt  darin  kein  Schaden,  eher  ein  Vortheil,  weil 
eine  einzelne  Ligatur  dann  nicht  leicht  abgleiten  kann.  Peripherwärts 
schneidet  man  das  Netz  ab,  controliert.  ob  die  centrale  Schnittfläche  nicht 
blutet,  in  welchem  Falle  man  isolierte  Ligaturen  anlegen  müsste.  Ist  alles 
regelrecht  angelegt,  dann  reponiert  man  den  Netzstumpf.  Zur  Ligatur 
verwendet  jnan  sehr  gerne  Catgut  oder  absolut  keimfreie  Seide,  da  vom 
Netzstumpfe  leicht  circumscripte  Peritonitiden  ausgehen.  Die  Netzligaturen 
legt  man  nicht  gerne  zu  nahe  am  Colon  transversum  an. 

Ist  der  Bruchsack  entleert,  so  tamponieren  wir  die  Mündung  des 
Sackes  mit  einem  Tampon  an  einem  langen  Pean  und  isolieren  den 
Bruchsack  möglichst  weit  hinauf  bis  über  oder  zum  Annulus  ing.  internus, 
was  allerdings  eine  Spaltung  der  vorderen  Wand  des  Inguinalcanals  er- 
fordert. Dieselbe  führen  wir  möglichst  medianwärts  gegen  den  M.  rectus 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


247 


aus,  um  einen  fleischigen  äußeren  Lappen  zu  erhalten.  Die  beiden  so  ge- 
bildeten Lappen  werden  auseinandergelegt,  der  isolierte  Bruchsack  sammt 
seinem  Halse  stark  angezogen,  eventuell  torquiert,  und  hoch  oben  mit 
einer  starken  Ligatur  unterbunden,  worauf  der  peripherwärts  gelegene  Theil 
des  isolierten  Bruchsackes  abgetragen  wird.  Bei  congenitalen  testiculären 
Hernien  muss  der  Bruchsack  sorgfältig  von  den  Gebilden  des  Samen- 
stranges ohne  Schädigung  derselben  abgelöst  werden  und  der  unterste 
Theil  des  Bruchsackes,  in  welchen  die  Albuginea  des  Hodens  eintaucht, 


Fig.  61  (siehe  Seite  248). 


abgeschnitten  werden,  aus  welchem  man  dann  eine  Tunica  testis  propria 
bildet.  Diese  kann  man  vernähen  oder  (nach  Volkmann)  radical  behandeln. 

Nun  vereinigt  man  die  Innenflächen  des  Leistencanals  miteinander. 
Da  der  Verfasser  von  der  Ansicht  ausgeht,  die  Naht  des  nicht  angefrischten, 
nicht  blutig  gemachten  Leistencanals  gewähre  keine  Sicherheit  dafür,  dass 
durch  die  Heilung  eine  continuierliche  Muskelplatte  entsteht,  sondern 
die  geglätteten  Innenflächen  des  Canals,  besonders  bei  einer  anstandslosen 
Primaheilung,  seien  mehr  aneinander  angelehnt,  als  miteinander  fest 
verwachsen;  so  frischt  er  die  ganze  Innenfläche  des  Leistencanals  mit 
der  Hohlschere  an  und  legt  eine  doppelreihige  Naht  des  Leistencanals 


248 


Über  die  ßadicaloperation  des  Leistenbraches. 


an,  deren  tiefere  Lage  den  Obl.  int.  und  transv.  mit  der  Fascia  transv. 
fasst,  deren  oberflächliche  die  Aponeurose  des  Obl.  ext.  vereinigt;  diese 
Naht  wird  angelegt,  während  der  Zeigefinger  der  linken  Hand  mit  der 
Yolarfläche  nach  vorne  den  Samenstrang  und  das  Peritoneum  parietale 
nach  rückwärts  drängt  und  vor  dem  Anstechen  schützt.  Im  inneren  Wund- 
winkel bleibt  eine  kleine  Lücke  für  den  Durchtritt  der  Samenstranggebilde 
übrig.  Die  Hautwunde  wird  mit  recht  weit  voneinander  abstehenden  Knopf- 
nähten vereinigt,  damit  Hämatome  vermieden  werden,  durch  Spannung 
der  tieferen  Gebilde  angeregte  Eiterungen  freien  Abfluss  haben  und  weil 
es  auf  die  Primaheilung  der  Hautwunde  überhaupt  nicht  ankommt,  dieselbe 
übrigens  durch  locker  gelegte  Nähte  ebenso  erzielt  wird,  wie  durch  eine 
dichte,  fortlaufende  Naht.  Zur  Naht  verwenden  wir  Seide,  es  besteht  aber 
auch  kein  Einwand  gegen  starke  Catgut-,  Silkworm-,  Känguruhsehnen-  oder 
Drahtnähte. 

Auch  bei  diesem  Vorgehen  können  wir  uns  durchaus  nicht  verhehlen, 
dass  der  Beitrag  des  äußeren  Wundrandes  zur  Festigkeit  der  frisch  ge- 
nähten Bauchwandpartie  ein  ganz  geringer  ist,  da  derselbe  zum  großen 
Theile  von  dem  gefäßarmen  Lig.  Pouparti  gebildet  wird,  die  Anfrischung 
der  Oberfläche  desselben  übrigens  gewisse  Schwierigkeiten  darbietet. 

Entweder  durch  mangelhafte  vorbereitende  Desinfection  der  Operations- 
gegend, oder  durch  nachträgliche,  recht  gut  denkbare  Infection  (wenigstens 
der  Hautnähte),  oder  endlich  durch  Spannung  der  Gewebe  und  Nekrose 
des  Bruchsackstumpfes  kommen  bei  Radicaloperationen  der  Leistenhernien 
verhältnismäßig  häufiger  Eiterungsprocesse  vor,  als  bei  anderen  operativen 
Eingriffen.  So  wurde  unter  105  von  Simon  berichteten  Fällen  aus  der 
Heidelberger  Klinik  der  Wundverlauf  12mal  gestört,  und  zwar  7mal  durch 
Eiterung.  Unter  143  operierten  freien  Hernien  der  Innsbrucker  Klinik 
gab  es  13  gestörte  Heilungen,  und  zwar  12mal  durch  Eiterung.  Nicht  nur  im 
ersten  Falle  gieng  die  Eiterung  6mal  von  den  Hautnähten  aus,  sondern 
auch  im  zweiten  erstreckte  sich  dieselbe  nie  auf  die  tieferen  Suturenlager, 
woraus  folgt,  dass  der  Desinfection  der  Gegend  und  dem  Abschluss  der 
Wunde  besondere  Sorgfalt  gewidmet  werden  sollte.  Abgesehen  von  den 
augenblicklichen  Unannehmlichkeiten  dürften  die  Fälle,  die  geeitert  haben, 
besonders  wo  die  Eiterung  in  die  Tiefe  griff,  auch  bezüglich  der  Dauer- 
heilung minderwertig  sein. 

Um  das  Aussehen  der  Leistengegend  nach  einer  erfolgreichen  Radical- 
operation  zu  veranschaulichen,  fügen  wir  in  Fig.  64  auf  Seite  247  einen  im 
Jahre  1892  operierten  Fall  bei,  welcher  außerdem  mit  Kryptorchismus  com- 
pliciert  war.  Die  Bruchpforte  wurde  in  der  üblichen  Weise  verschlossen,  der 
am  Samenstrang  hängende  Hode  vorgezogen,  der  erstere  hiebei  sanft  gedehnt; 
hierauf  der  Hode  mittelst  der  Volkmann'schen  Naht  mit  seiner  Tunica 
propria  an  die  Scrotalhaut  fixiert,  außerdem  die  einzelnen  Gebilde  des 


über  die  Radicaloperation  des  Leistenbruches. 


249 


Funiculus  mit  seinen  Nähten  in  der  Gegend  des  äußeren  Leistenringes  an 
die  Fascia  superf.  abd.  angenäht,  so  dass  derselbe  unterhalb  dieser  Naht 
eine  Schlinge  bildete.  Hiedurch  verband  man  mit  der  Radicaloperation  die 
Orchidopexie.  Fixation  des  Hodens  am  wünschenswerten  Platze.  Auch 
Fig.  65  ist  ein  nach  derselben  Methode  im  Jahre  1886  operierter,  ebenfalls 
dauernd  geheilter  Fall. 

Zum  Schlüsse  noch  einige  Worte  über  die  Radicaloperation  der 
Leistenhernien  bei  Kindern.  In  der  L  ei s  rink'scKen  Statistik  finden  sich 
19  Fälle  unter  10  Jahren;  nachuntersucht  wurden  11,  hievon  waren 
7  geheilt,  4  recidivierten.  Durch  die  Eingriffe  von  Karewski,  C.Bayer, 


i 


Fig.  65. 

Tariel,  Felizet,  Coley  (114  Fälle)  wurde  die  Frage  der  Operierbarkeit 
der  Leistenhernien  bei  Kindern  angeregt.  Der  neuere  Bericht  von  C.  Bayer 
umfasst  34  Fälle,  hievon  starb  1  Fall.  Später  wurden  23  Fälle  als  dauernd 
geheilt  befunden  und  1  Recidive  constatiert.  Nach  unseren  höher  oben 
entwickelten  Grundsätzen  müssten  aber  von  den  23  Fällen  10  aus- 
geschieden werden,  da  seit  ihrer  Operation  keine  l^/^  Jahre  verflossen 
sind.  (Nr.  20  wurde  am  20.  Mai  1893  operiert  und  im  September  1894 
wurde  nachuntersucht;  Nr.  18  hat  kein  Operationsdatum,  Nr.  19  starb.) 
Es  sollte  eigentlich  also  1  Recidive  auf  13  vorläufige  Heilungen  berichtet 
werden. 

Wir  erwähnten  schon  der  Arbeit  von  Kram  er,  welcher  22  Fälle 
gesammelt  hat,  in  denen  die  Leistenbrüche  bei  Kindern  besonders  um- 
fangreich waren;  21  hievon  betrafen  Kinder  unter  5  Jahren.  Auch  hieraus 


250 


Über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


kann  man  gewiss  auf  eine  ungleich  größere  Zahl  von  Leistenhernien  bei 
Kindern  schließen,  die  von  kleinerem  oder  mittlerem  Umfange  sind.  Die 
meisten  dürften  allerdings  congenital,  testiculär  oder  funiculär  sein,  eine 
geringere  Anzahl  durch  Husten.  Stuhlverstopfung,  Heben  unverhältnis- 
mäßiger Lasten  etc.  erworben  sein. 

Auf  der  Klinik  des  Verfassers  wurden  im  Quinquennium  1891 — 1896 
unter  190  freien  Hernien  22  Leistenbrüche  bei  Kindern  unter  10  Jahren 
operiert  und  geheilt. 


Über  die  radieale  Cur  des  8clieiikell)ruelies. 

Die  Schenkelhernie  wird  bei  weitem  seltener  Gegenstand  einer  radicalen 
Operation,  als  die  Leistenhernie,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil,  wie  aus 
den  Statistiken  hervorgeht,  sich  dieselbe  bei  weitem  seltener  bei  Männern 
vorfindet  als  bei  Frauen,  so  dass  bei  der  anstrengenden  Arbeit,  welcher 
das  männliche  Geschlecht  sich  widmet  (die  Mehrzahl  ist  aus  den  Arbeiter- 
und Handwerkerkreisen),  der  Leistenbruch  in  Bezug  auf  dessen  Einklem- 
mung eine  bei  weitem  gefährlichere  Erkrankung  darstellt,  während  der 
Schenkelbruch,  in  überwiegender  Mehrzahl  bei  Frauen  vorkommend,  das 
Leben  weniger  bedroht,  weil  nur  eine  gewisse,  verhältnismäßig  wenig 
zahlreiche  Classe  der  arbeitenden  Bevölkerung,  nämlich  die  Dienstboten 
und  die  Handlangerinnen  bei  gewissen  Berufen,  sich  durch  anstrengende 
Körperarbeiten  ernährt.  Es  ist  demnach  das  Missverhältnis  zwischen  den 
operierten  freien  Leisten-  und  Schenkelbrüchen  ein  überaus  augen- 
fälliges, so  dass  auf  der  Klinik  des  Verfassers  gegen  die  in  die  Hunderte 
gehenden  Operationen  des  Leistenbruches  nur  wenige  und  zwar  im  ganzen 
11  Operationen  der  freien  Schenkelbrüche  ausgeführt  wurden.  Auch  im 
letzten  Jahre  (1896 — 1897)  besserte  sich  auf  der  Klinik  des  Verfassers 
dieses  Verhältnis  nicht,  indem  76  Leistenhernien  nur  einer  cruralen  gegen- 
überstehen, welche  einer  radicalen  Cur  unterzogen  worden  war,  und  auch 
diese  einzige  betraf  einen  Mann;  und  doch  halten  sich  in  Bezug  auf  in- 
carcerierte  Hernien  die  inguinalen  und  cruralen  Hernien  so  ziemlich  das 
Gleichgewicht,  indem  auch  im  letzten  Jahre  38  inguinale  35  cruralen 
gegenüberstehen.  Ferner  weisen  die  Statistiken  deswegen  weniger  radicale 
Operationen  des  Schenkelbruches  auf,  weil  derselbe  nicht  so  zum  unend- 
lichen Wachsthume  neigt,  wie  der  Leistenbruch,  welcher  eigentlich  erst  in 
einer  Eventration  seine  höchste  Entwickelungsstufe  erreicht  hat,  wobei  er 
dann  bis  zur  Mitte  des  Oberschenkels,  ja  bis  zum  Knie  herabsteigt,  während 
ein  mehr  als  faustgroßer  Schenkelbruch  bereits  zu  den  Seltenheiten  gehört. 
Die  Bruchpforte  des  Schenkelbruches  kann  sich  nur  schwer  auf  einen 


über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


251 


halbwegs  größeren  Umfang  erweitern,  weil  die  umgebenden  Theile,  nämlich 
das  Schambein,  das  Leistenband  und  die  Gefäßhülle,  nur  ungern  dem 
Drucke  des  Bruchinhaltes  nachgeben,  während  der  Leistencanal  in  zahl- 
reichen Beobachtungen  bereits  für  2  bis  4  Finger  durchgängig  gefunden 
wurde.  Deshalb  kann  man  einen  Schenkelbruch  im  ganzen  und  großen 
mittelst  eines  gut  construierten  Schenkelbruchbandes  im  ünterleibe  zurück- 
halten, während  der  Leistenbruch,  sobald  er  nur  eine  gewisse  Größe  erreicht 
hat,  große  Pelotten  erfordert  und  auch  mit  den  letzteren  nicht  verlässlich 
reponiert  erhalten  werden  kann.  Außerdem  sind  Schenkelbrüche  bei  Kindern 
und  Halberwachsenen  eine  ziemliche  Ausnahme,  während  angeborene 
Leistenbrüche  und  Bruchsäcke  eine  ganz  gewöhnliche  Erscheinung  sind, 
so  dass  das  betroffene  Individuum  schon  lange,  bevor  es  zu  einer  an- 
strengenden Arbeit  angehalten  wird,  an  einem  durch  eine  Operation  leicht 
zu  beseitigenden  Defecte  leidet.  Wir  zählen  daher  unter  den  radicalen 
Operationen  der  Leistenbrüche  verhältnismäßig  eine  große  Zahl  von  Kindern 
und  jungen  Leuten,  während  diese  Classe  bei  Schenkelbrüchen  gar  nicht 
vertreten  ist.  Schon  in  früheren  Zeiten,  als  es  sich  nur  um  die  Ver- 
theilung  von  Bruchbändern  handelte,  meldeten  sich  in  den  Kranken- 
anstalten bei  weitem  weniger  Individuen,  welche  mit  Schenkelbrüchen 
behaftet  waren,  als  solche,  welche  mit  freien  Leistenbrüchen  Hilfe  suchten, 
welche  Erfahrung  sich  auch  gegenüber  der  radicalen  Operation  wiederholt. 
Die  radicale  Operation  des  Schenkelbruches  ist  demnach  heutzutage 
weniger  entwickelt,  als  jene  des  Leistenbruches,  schon  deshalb,  weil 
weniger  Gelegenheit  zur  Übung  dieser  Operation  vorhanden  ist  und  weil 
viele  Schenkelbrüche  von  gewöhnlicher  Ausdehnung  auch  bei  einfacherer 
Behandlung  definitiv  geheilt  werden.  Dass  bei  der  geringen  Zahl  der 
Operationen  von  Schenkelbrüchen  auch  die  Schamhaftigkeit  des  von  diesem 
Defecte  am  öftesten  betroffenen  Geschlechtes  eine  große  Rolle  spielt,  indem 
die  weiblichen  Kranken  ohne  äußerste  Noth  (Entzündung,  Incarceration) 
beim  Arzte  oder  in  den  Krankenanstalten  nicht  Hilfe  suchen,  wurde  schon 
anderwärts  auseinandergesetzt. 

Die  radicale  Behandlung  der  halbwegs  umfänglichen  Schenkelbrüche 
ist  aus  dem  Grunde  schwieriger  als  jene  des  Leistenbruches,  weil  die 
Nachbarorgane  einer  ausgiebigeren  Benützung  derselben  behufs  Verdeckung 
des  Schenkelcanals  wenig  zugänglich  sind.  Es  ist  dies  hauptsächlich 
die  Nachbarschaft  der  Schenkel vene,  welche  das  Heranziehen  der  äußeren 
Partie  verbietet,  wenn  man  sich  nicht  Blutungsgefahren  aussetzen  will. 
Es  ist  weiter  der  angrenzende,  horizontale  Ast  des  Schambeines,  welcher 
die  Verschiebung  eines  Randes  des  Schenkelcanals  unmöglich  macht,  so 
dass  man  aus  diesen  Gründen  häufiger  als  beim  Leistenbruche  zu 
einer  plastischen  Deckung  der  Schenkelcanalöffnung  zu  greifen  ge- 
zwungen ist. 


252 


Über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


Auch  bei  den  Schenkelbrüchen  hat  man  verschiedene  Operations- 
methoden angegeben,  deren  einzelne  den  Zweck  haben,  ein  normales  Aus- 
sehen der  Schenkelcanalwege  herbeizuführen,  wobei  man  sich  der  genaueren 
Anatomie  der  Schenkelbruchregion  erinnern  muss.  Wir  haben  bereits  aus- 
einandergesetzt, dass  die  Lacuna  vasorum  gegen  die  Bauchhöhle  hin  offen 
ist,  dass  das  subperitoneale  Zellgewebe  und  das  Peritoneum  über  den  von 
den  großen  Schenkelgefäßen  freigelassenen  Raum  glatt  hinstreichen.  Die 
Fortsetzung  der  Lacuna  vasorum  unter  dem  Poupart'schen  Bande  ist  eine 
aponeurotische  Hülle,  welche  die  Fascia  lata  mit  ihren  Blättern  rings 
um  die  Schenkelgefäße  bildet.  Diese  Gefäßhülle  besteht  aus  drei  Theilen, 
und  zwar:  1.  Aus  dem  hinteren  äußeren  Blatte  oder  der  Fascia  lata  iliaca, 
welche  vom  Arcus  crur.  neben  dem  Ileopsoas  nach  innen  und  rückwärts 
verläuft  und  sich  an  das  Ligamentum  ileopectineum  anheftet;  2.  aus  dem 
hinteren  inneren  Blatte  oder  der  Fascia  lata  pect.,  welche,  von  der  Scham- 
fuge und  der  Spina  pubica  ausgehend,  am  Schambeinkamme  sich  befestigt, 
bis  zum  Tuberculum  ileopectineum  den  Musculus  pectineus  bedeckt  und 
sich  je  nach  der  Ausdehnung  der  Eminentia  ileopectinea  bis  zum  unteren 
Theile  des  Hüftgelenkes  herab  erstreckt  und  mit  dem  inneren  Rande 
der  Fascia  lata  iliaca  zusammenfließt,  wodurch  eine  Furche  entsteht, 
über  welche  sich  3.  ein  drittes  Blatt  legt,  nämlich  die  Lamina  superficialis 
fascise  iliacse,  welche  sich  oben  am  Arcus  femoralis,  und  zwar  nach 
innen  bis  zur  Spina  pubica  befestigt,  hier  zur  Fascia  pectinea  umbiegt, 
nach  außen  aber  zu  jenem  Punkte,  wo  die  Fascia  iliaca  beginnt.  An 
der  inneren  Seite  ist  die  Begrenzung  dieses  oberflächlichen  Blattes  schief 
bogenförmig  von  der  Spina  pubica  nach  außen  unten  zur  Einmündung  der 
Vena  saphena  major  in  die  Schenkelvene  gerichtet  und  erhält  die  erstere 
hiedurch  eine  besondere  Hülle.  Im  ganzen  wird  durch  die  beschriebei^en 
drei  Blätter  ein  trichterförmiger  Raum  gebildet,  welcher  dort,  wo  das  vordere 
Blatt  an  die  Fascia  pectinea  angeheftet  ist,  von  zahlreichen  Defecten  durch- 
brochen ist.  Dieser  trichterförmige  oder  pyramidenförmige  Raum  hat  eine 
obere  Basis,  welche  von  der  Lacuna  vasorum  gebildet  wird,  und  eine 
Spitze,  welche  peripherwärts  gerichtet  ist  und  an  der  Einmündung  der 
Saphena  in  die  Schenkelvene  liegt.  Die  Basis  ist  begrenzt  vorne  vom 
Ligam.  Pouparti,  und  zwar  vom  Beginn  des  Ligam.  ileopectineum  bis  zur 
Spina  pubica,  außen  bildet  das  Ligamentum  ileopectineum  die  Grenze, 
rückwärts  und  innen  die  Aponeurosis  pectinea,  welche  von  der  Spina  pubica 
zur  Eminentia  ileopectinea  reicht.  Von  dieser  Begrenzung  gehen  dann  die  ge- 
nannten drei  fascialen  Blätter  nach  peripherwärts  convergierend  aus  und  bilden 
die  aponeurotische  Hülle  der  Schenkelgefäße.  Die  letzteren  verlaufen  durch 
dieselbe  so,  dass  die  Arteria  nach  außen,  die  Vena  nach  innen  liegt.  Durch 
den  nach  außen  von  der  Lacuna  vasorum  gelegenen  und  als  Lacuna 
musculorum  bezeichneten  Raum  tritt  gewöhnlich  keine  Hernie  nach  außen, 


über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


253 


weil  derselbe  gegen  die  Bauchhöhle  durch  die  Fascia  iliaca,  welche  den 
Musculus  ileopsoas  begleitet,  verdeckt  ist.  Die  Schenkelhernien  liegen  in 
dem  erwähnten  fascialen  Trichter  und  werden  eigentlich  nur  behufs  Analogie 
zwischen  denselben  nnd  den  Leistenhernien  in  innere  und  äußere  unter- 
schieden, von  denen  die  letzteren  vor  den  Schenkelgefäßen  gelegen  sind 
und  auch  als  Gefäßscheidenhernien  (Herniae  intravaginales)  bezeichnet 
werden;  diese  Hernien  liegen  hinter  jener  vorderen  aponeurotischen  Schichte 
und  erreichen  daher  nie  das  subcutane  Zellgewebe,  sondern  breiten  sich 
intrafascial  durch  Ausdehnung  dieses  fascialen  Blattes  aus.  Die  innere,  und 
zwar  gewöhnliche  femorale  Hernie  verläuft  durch  die  innere  Partie  des 
genannten  Trichters,  und  zwar  dort,  wo  die  Lymphgefäße  liegen.  Auch 
diese  Hernie  legt  sich  manchmal  vor  die  femoralen  Gefäße,  ohne  jedoch 
für  gewöhnlich  von  einem  continuierlichen  Fascienblatte  bedeckt  zu  sein. 
Nachdem  die  Schenkelhernie  die  Hälfte  der  inneren  Partie  des  erwähnten 
Raumes  durchmessen  hat,  wird  sie  an  seiner  Mündung  aufgehalten  und 
gegen  die  innere  Wand  dieses  Raumes,  welche  gleichzeitig  die  dünnste  ist, 
abgelenkt  und  nun  lagert  sich  die  Hernie  in  die  Fossa  ovalis,  und  zwar 
im  subcutanen  Zellgewebe.  Wenn  wir  eine  freie  Schenkelhernie  mit  irgend 
einer  erstarrenden  Masse  injicieren  und  untersuchen,  so  finden  wir  ge- 
wöhnlich, dass  die  engste  Stelle  ihres  Durchtrittes  schief  gerichtet  ist 
von  der  Spina  pubica  (Crista  pectinea,  von  dem  inneren  Ende  des  Fallopischen 
Bandes)  zur  Plica  falciformis  und  Aponeurosis  pectinea.  Die  Gestalt  dieses 
Durchtrittes  ist  oval  und  der  geringste  Durchmesser  verläuft  von  vorne 
und  außen  nach  innen  und  rückwärts.  Incarceration  der  Schenkelhernie 
wird  meistens  an  dieser  Stelle  vorgefunden,  wodurch  die  alte  Erfahrung 
immer  wieder  bestätigt  wird,  dass  bei  der  Incarceration  die  Schenkelgefäße 
in  keiner  Weise  comprimiert  werden  und  dass  zur  Behebung  der  Ein- 
klemmung eine  Incision  des  Randes  der  Plica  falciformis  oder  des  Ligamentum 
Gimbernati  meist  vollständig  genügt. 

Mit  Rücksicht  auf  diese  anatomischen  Details  wurden  auch  die 
radicalen  Operationen  der  Schenkelhernien  ersonnen,  obgleich  sich  die 
Chirurgen  längere  Zeit  hindurch  mit  der  einfachen  Unterbindung  oder  Naht 
des  Bruchhalses  nach  vorhergehender  Drehung  desselben  oder  ohne  dieselbe 
begnügten.  Manche  waren  der  Meinung,  dass,  was  den  Verschluss  der 
Bruchpforte  anbelangt,  eine  vollständige  Naht,  ja  sogar  ihre  Verengerung 
unmöglich  ist.  Andere  legten  wieder  einer  solchen  keine  Bedeutung  bei, 
und  die  dritten  glaubten  sogar,  dass  die  Sutur  der  Bruchpforte  unvortheilhaft 
sei,  da  sie  eine  überflüssige  Spannung  des  Gewebes  und  Gangrän  desselben 
verursache.  Daher  datieren  die  Versuche,  bei  umfänglicheren  Schenkelhernien 
eine  Sutur  der  Bruchpforte  auszuführen,  erst  aus  den  jüngsten  Tagen.  Die 
einen  (Bottini  1891)  vernähten  die  innere  Ölfnung  des  Schenkelcanals 
durch  verticale  Sutur,  so  dass  sie  ungefähr  das  Ligamentum  Gimbernati 


254 


über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


mit  dem  Ligam.  Cooperi  vereinigten,  andere  wieder  durch  schiefe  Nähte, 
indem  (Guarneri  1891)  sie  das  Ligamentum  Gimbernati  mit  dem  Ligam. 
Ponparti  vereinten,  beide  freilich,  nachdem  sie  den  Bruchsack  unterbunden, 
die  periphere  Partie  exstirpiert  und  den  Stumpf  in  die  Bauchhöhle  reponiert 
hatten.  Fabricius  (im  Jahre  1894)  beginnt  mit  der  Beseitigung  des  Fettes 
und  der  Lymphdrüsen  aus  dem  Schenkelcanale.  Hierauf  verschiebt  er  die 
Gefäße  bis  hinter  das  Tuberc.  ileopectineum  und  vernäht  das  innere  Drittel 
des  Ligam.  Pouparti,  welches  er  an  seinem  inneren  Ende  abgelöst  hatte, 
nach  rückwärts  mit  der  Fascia  pectinea  und  mit  dem  Periost  des  Ramus 
horizontal,  ossis  pub.  Billroth  (1892)  hat  schon  früher  das  innere  Drittel 
des  Ligam.  Pouparti  mit  der  tiefen  Adductorenfascie  oder  mit  der  inneren 
Gefäßwand  vernäht,  und  zwar  mittelst  Seidennähten,  Czerny  mittelst  Catgut, 
Schede  (1893)  mittelst  Drahtnähten.  Lauenstein  hat,  in  Nachahmung  der 
M  a  c  E  w  e  n  'sehen  Operationsmethode  der  Leistenhernien,  den  Bruchsackstumpf 
in  einen  Tampon  durchgenäht,  hinter  den  Schenkelring  reponiert  und  das 
Ligam.  Gimbernati  mit  dem  inneren  Rande  der  Fossa  ovalis,  demnach  mit 
der  Plica  falciformis  vereinigt.  Eine  andere  Gruppe  von  Operateuren  hat 
gemeint,  dass  durch  Abknickung  des  unterbundenen  Bruchsackes  in  eine 
neue  Richtung  (daher  Verlagerungsmethode)  einer  Recidive  des  Bruches 
vorgebeugt  wird.  Daher  verfährt  Ruggi  zuerst  so,  dass  er  den  Bruchsack 
auspräpariert,  den  Inhalt  reponiert,  dann  führt  er  eine  Incision  oberhalb 
des  Poupart'schen  Bandes  und  schneidet  nach  Verschieben  des  Funiculus 
spermaticus  oder  des  Ligam.  rotundum  in  der  gleichen  Richtung  die  Fascia 
transversa  ein.  Durch  diese  Lücke  zieht  er  den  isolierten  Bruchsack  vor, 
unterbindet  denselben  und  reseciert  ihn,  den  Stumpf  in  der  Wunde  fixierend. 
Den  unteren  Rand  des  Ligam.  Pouparti  vernäht  er  mit  der  Fascia  Cooperi 
und  vernäht  die  Incision  oberhalb  des  Leistenbandes.  In  ähnlicher  Weise 
verfährt  Kocher,  welcher  den  Zweck  verfolgt,  dass  nach  der  Operation 
das  Peritoneum  über  die  innere  Canalmündung  glatt  verlaufe  und  keine 
zur  Wiederbildung  der  Hernien  disponierenden  Grübchen  bilde.  Daher  macht 
er  ober  dem  Poupart'schen  Bande  eine  kleine  Öffnung,  führt  hier  eine 
Zange  hinter  das  Leistenband,  fasst  den  zusammengedrehten  Bruchsack  an 
der  Spitze  und  zieht  ihn  durch  die  gemachte  Öffnung  vor,  legt  ihn  über 
das  Poupart'sche  Band  nach  abwärts  und  fasst  ihn  in  jene  circuläre  Naht, 
welche  das  Poupart'sche  Band  mit  der  Fascia  pectinea  vereinigt.  Der  über- 
schüssige Theil  des  Bruchsackes  wird  eventuell  abgetragen. 

Berger  sticht  zwei  Nadeln,  welche  an  die  Enden  der  Bruchsackligatur 
aufgefädelt  wurden,  durch  den  Schenkelcanal  und  die  vordere  Bauchwand  in 
das  subcutane  Zellgewebe  durch  und  bindet  sie  hier  zusammen.  Den  Schenkel- 
ring vereinigt  er  wie  Kocher.  0  'H  a  r  a  warnt  vor  dem  Vernähen  des 
Bruchsackstumpfes  mit  den  Bruchpfortenpfeilern,  Gras  er  vor  dem  Einnähen 
desselben  in  die  Bruchpforte  selbst. 


über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


255 


Endlich  wurden  auch  plastische  Operationen  in  Anwendung  gebracht, 
so  vor  allem  von  Trendelenburg.  Derselbe  geht  folgendermaßen  vor: 
Nach  ausgeführter  Naht  des  Bruchsackhalses  mit  Catgut  wird  der  isolierte 
Bruchsack  in  toto  hinter  die  vordere  Bauchwand  reponiert  und  daselbst 
mit  einigen  Nähten  in  der  Bauchwand  fixiert.  Nun  werden  von  einem 
schrägen  Schnitte,  welcher  vom  Tuberc.  pubic.  der  gesunden  Seite  'quer 
über  die  Symphyse  zur  Spina  ant.  inf.  der  kranken  Seite  verläuft,  theilweise 
die  oberflächlichen  Fasern  der  geraden  Bauchmuskeln,  des  Gracilis  und  des 
Adductor  magnus  durchtrennt.  Nun  wird,  auf  der  gesunden  Seite  beginnend, 
mit  dem  Meißel  ein  einige  Millimeter  dicker  chondrostaler  Lappen  aus  der 
vorderen  Fläche  der  Symphyse  auspräpariert,  nach  der  Hernienseite  hinüber 
gelegt  und  unter  das  Ligamentum  Pouparti  darunter  geschoben,  so  dass 
seine  blutende  Fläche  nach  vorne  schaut  und  die  Knickungsstelle  in  der 
Gegend  des  Tuberc.  pubicum  liegt.  Die  von  Hackenbruch  (1894)  ge- 
meldeten Resultate  dieser  Methode  sind  durchaus  nicht  verführerisch;  denn 
von  5  operierten  Fällen  wurde  in  3  Heilung  erzielt.  Einmal  entstand  nach 
21/2  Jahren  eine  Eecidive  und  in  einem  Falle  eine  Leistenhernie  auf  der 
operierten  Seite.  Kraske  hat  (1893)  ebenfalls  einen  periostalen  Lappen 
zur  Verlegung  der  Bruchpforte  benützt.  Salz  er  einen  Lappen  aus  der 
Pascia  pectinea  mit  oberer  Basis,  welcher  also  nach  aufwärts  geschlagen 
und  an  das  innere  Drittel  des  Leistenbandes  angenäht  wurde.  Schwartz 
und  Watson-Cheyne  implantierten  gestielte  Lappen  aus  dem  Adductor 
medius  (respective  pectineus)  in  die  Öffnung  des  Leistencanals.  Auch 
Bassini  gibt  eine  Methode  an,  welche  auch  beim  Schenkelringe  die 
normale  Gestaltung  der  Bruchgegend  herbeiführen  soll.  Er  führt  seine 
Operation  in  der  Rückenlage  bei  erhöhtem  Becken  folgendermaßen  aus: 

Den  Schnitt  führt  Bassini  so,  dass  er  unmittelbar  an  und  mit  dem 
Ligam.  Pouparti  parallel  liegt  und  dass  seine  Mitte  der  Mitte  der  Schwellung, 
welche  durch  den  Bruch  verursacht  wird,  entspricht.  Dann  trennt  er  die 
tieferen  Schichten  des  subcutanen  Zellgewebes;  die  äußere  Oberfläche  des 
Bruchsackes  und  der  Fascia  lata  peripher  vom  Bruche  wird  entblößt,  die 
Gefäße  werden  unterbunden  und  dann  wird  der  Grund  und  der  Hals  des 
Bruchsackes  über  den  Arcus  crur.  hinaus  isoliert,  bis  sich  derselbe  auch 
von  der  Aponeurosis  pectin.  und  von  der  Plica  falciform.  ablösen  lässt. 
Diese  Ablösung  ist  an  der  Außenseite,  welche  der  inneren  Peripherie  der 
bindegewebigen  Gefäßscheide  entspricht,  verhältnismäßig  am  schwierigsten. 
Dann  wird  der  Bruchsack  eröffnet  und  nach  Lösung  der  Verwachsungen 
oder  der  Einklemmung,  wenn  eine  solche  vorhanden  ist,  wird  der  Bruch- 
inhalt in  die  Bauchhöhle  reponiert,  sodann  der  Grund  des  Bruchsackes 
emporgehoben  und  der  Hals  zusammengedreht,  bis  man  ihn  mit  einer 
starken  Pincette  fassen  und  unterbinden  kann.  Wenn  der  Stiel  umfänglicher 
ist,  dann  wird  peripher  von  dieser  gemeinschaftlichen  Ligatur  noch  eine 


256 


Über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


zweite  Reihe  von  Unterbindungen  angebracht.  Der  Bruchsack  wird  periplier 
von  denselben  abgetragen  und  der  Stumpf  hinter  die  Mündung  des  trichter- 
förmigen Schenkeldurchlasses  reponiert.  Jetzt  wird  der  Schenkelcanal  zu- 
gänglich und  es  kann  die  dritte  Abtheilung  der  Operation  beginnen,  welche 
den  Zweck  hat,  das  innere  Ende  des  Arcus  crur.  mit  dem  aponeurotischen 
Überzuge  der  Crista  pect,  und  die  Plica  falciformis  mit  der  Fascia  lata 
pectinea  zu  vereinigen.  Die  Naht  wird  so  ausgeführt,  dass  mittelst  einer 
gekrümmten  Nadel  von  mittlerer  Größe  und  eines  starken  Fadens  drei  Nähte 
angelegt  werden,  welche  einerseits  den  hinteren  und  unteren  Rand  des 
Arcus  cruralis,  anderseits  die  Aponeurosis  pect,  in  der  Höhe  der  Crista 
pectinea  betreffen.  Die  Naht  beginnt  knapp  an  der  Spina  pubica  und  wird 
zuerst  durch  das  Fallopische  Band  hin  durchgeführt,  bei  Frauen  bis  zum 
runden  Gebärmutterbande,  bei  Männern  bis  zum  Samenstrange.  Diese 
Gebilde  werden  mittelst  eines  Häkchens  nach  aufwärts  und  rückwärts 
verschoben,  damit  die  Aponeurosis  pectinea  in  gehöriger  Höhe  durchbohrt 
werden  kann.  In  derselben  Weise  werden  auch  die  anderen  zwei  Nähte 
nach  außen  davon  angelegt  in  einer  Entfernung  von  Y2  '^'''^j  so  dass  die 
dritte  Naht  ungefähr  1  cm  weit  von  der  Vena  femoralis  zu  liegen  kommt. 
Diese  Nähte  werden  nicht  sofort  geschlossen,  sondern  es  werden  noch 
andere  angelegt,  welche  die  Plica  falciformis  und  die  entsprechende  Partie 
der  Fascia  pectinea  betreffen,  so  dass  der  untere  Ausläufer  der  Plica 
falciformis  durch  3 — 4  Nähte  über  die  Mündung  der  Vena  saphena  major 
gehoben  werden  soll.  (Siehe  Fig.  66  und  67.)  Dann  werden  erst  die  Nähte 
geknüpft,  und  zwar  zuerst  jene  bei  der  Spina  pubica,  wodurch  der  Arcus 
crur.  etwas  nach  rückwärts  gezogen  wird.  Nach  Schließung  aller  Nähte  wird 
die  aponeurotische  Öffnung  des  trichterförmigen  Raumes  vereinigt,  dessen 
vordere  Wand  gespannt  ist,  land  endlich  wird  auch  die  subcutane  Öffnung 
dieses  Trichters  zusammengeschnürt.  Endlich  wird  auch  die  Haut  genäht, 
worauf  ein  Trockenverband  angelegt  wird,  welcher  nach  8  — 10  Tagen  ge- 
wechselt wird,  wo  die  Wunde  schon  geheilt  ist.  Nach  den  Erfahrungen 
Bassini's,  welcher  54  Operationen,  und  zwar  bei  40  Frauen  und  bei 
11  Männern,  deren  Alter  zwischen  17  und  70  Jahren  schwankte,  vorge- 
nommen hatte,  heilten  alle  Fälle  und  wurde  die  Dauer  der  Heilung  bei 
41  Fällen  2 — 9  Jahre  nach  der  Operation  constatiert. 

Wenn  wir  uns  das  Aussehen  der  Pyramide,  durch  welche  der 
Schenkelbruch  nach  abwärts  sinkt,  vorstellen,  so  ist  es  klar,  dass  nach 
einer  Naht,  welche  die  Plica  falciformis  zur  Fascia  pectinea  empor-  oder 
das  Poupart'sche  Band  zur  Plica  falciformis  herabzieht,  ein  insofern 
ungenügender  Eingriff  ist,  als  über  der  genähten  Stelle  zwischen  dieser 
und  dem  Schenkelringe  ein  Raum  übrig  bleibt,  in  welchen  sich  sehr  leicht 
irgend  eine  Einstülpung  hineinlegen  kann,  wodurch  eigentlich  die  Hernie 
bereits  wieder  erneuert  ist.  Besteht  ein  solcher  Raum,  dann  ist  eine  noch 


über  die  radicale  Cur  des  Schenkelbruches. 


257 


so  sorgfältige  Versorgung  des  Peritoneums  nicht  verlässlich  genug,  weil 
ihm  eine  feste  Stütze  fehlt,  daher  würde  man  a  priori  bei  einer  Radicalcur 
der  Hernien  für  nothwendig  halten,  dass  durch  eine  hohe  Unterbindung 
des  Bruchsackes  oder  dessen  Torsion  die  Bildung  eines  Grübchens  vermieden 
wird.  Ferner  dass  durch  eine  Naht  nach  Fabricius  und  Bassini,  welche  senk- 
recht verläuft,  das  innere  Drittel  des  leicht  angeschnittenen  Poupart'schen 
Bandes  zur  Fascia  Cooperi  über  dem  Schambeine  herabgezogen,  demnach 
nicht  nur   nach  abwärts,  sondern  auch  nach   rückwärts  gewissermaßen 

Radicaloperation  der  Hernia  cruralis  nach  B;assini. 

(Nach  Langenbeck's  „Archiv  für  klin.  Chirurgie.") 


Fig.  66.  Fig.  67. 

Die  Naht  der  Plica  falciform.  an  die  Naht  der  Plica  falciform.  an  die 

Fase,  pect.,  vor  dem  Knüpfen.  Fase,  pect.,  geknüpft. 


eingestülpt  wird.  Das  Einschneiden  des  Bandes  erleichtert  die  Anlegung 
der  Nähte.  Diese  künstlich  neugebildete  Scheidewand  ist  umso  fester,  wenn 
die  Gefäße  temporär  nach  außen  verlegt  werden  und  die  Scheidewand 
hinter  sie  angenäht  wird,  worauf  die  großen  Gefäße  wieder  an  ihre  normale 
Stelle  zurückgebracht  werden.  Hiezu  ist  wieder  nothwendig,  dass  die 
Gefäßscheide  von  der  Fascia  pectinea  abgelöst  werde,  was  vorsichtig  ge- 
schehen muss,  wenn  es  ohne  Verletzung  der  Vena  femoralis  ablaufen  soll. 
Zu  den  Nähten  kann  mit  Vortheil  Draht  benützt  werden,  ausgenommen 
zu  jenen,  die  hinter  den  Gefäßen  angebracht  sind.  Ist  dies  geschehen,  dann 
folgt  erst  die  Naht,  welche  die  Plica  falciformis  oder  den  Rand  der  gemein- 
schaftlichen Gefäßscheide  mit  der  Fascia  pectinea  und  zwar  bis  zu  jener 

M a y  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  17 


258 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


Stelle  vereinigt,  wo  die  Vena  saphena  in  die  Vena  femoralis  einmündet. 
Sodann  wird  die  Wunde  geschlossen.  Bei  günstigem  Verlaufe  heilt  die  Wunde 
in  8 — 10  Tagen.  Die  Kranken  werden  anfangs  nur  zur  leichteren  Arbeit 
verwendet,  ohne  dass  sie  ein  Bruchband  tragen  müssten.  In  letzter  Zeit 
kommt  ein  Wundverband  häufiger  in  Anwendung,  welcher  im  Auftragen 
von  Jodoformcollodium  auf  die  Wunde  besteht  und  welcher  gewöhnlich 
jene  10  Tage,  welche  die  Wunde  bis  zur  vollständigen  Heilung  nothwendig 
hat,  aushält.  Brüchige  Collodiumschichten  werden  durch  Auftragen  neuer 
ausgebessert.  Lucas-Championniere  hat  unter  275  Hernien  überhaupt 
nur  17  femorale  operiert  und  nur  1  Recidiv  erlebt.  Ebenso  B  a  s  s  i  n  i 
1  Recidiv  unter  34  Operationen  dieser  Bruchart.  Es  scheint  demnach,  dass 
operierte  femorale  Hernien  überhaupt  nicht  besonders  zum  Recidiv  neigen, 
welcher  Umstand  natürlicherweise  bei  Beurtheilung  der  Leistungsfähigkeit 
einer  Methode  bedeutend  in  die  Wagschale  fällt. 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 

über  die  Behandlung  des  angeborenen  Nabelbruches. 

Wir  unterscheiden  eigentlich  zwei  Abarten  der  angeborenen  Nabelhernien, 
und  zwar:  1.  die  embryonale  Abart,  wobei  der  Terminus  „Nabelbruch" 
eigentlich  insofern  unrichtig  ist,  als  die  Eingeweide  nie  in  der  Bauchhöhle 
gelagert  waren,  also  nicht  nach  außen  gedrungen  sein  konnten,  sondern 
sich  wegen  mangelhafter  Entwickelung  der  vorderen  Bauchwand  außerhalb 
der  Bauchhöhle  entwickelten  und  daselbst  liegen  geblieben  sind;  und 
2.  eine  fötale  Abart,  welche  nach  Beendigung  der  Entwickelung  der  vor- 
deren Bauchwand  entsteht  und  zwar  durch  Dehnung  der  Nabelnarbe.  Der 
Ausspruch  Alb  in 's:  „Hernia  umbilicalis  congenita  inmedicabilis",  und 
Ruysch's:  „Hunc  affectum  ssepius  a  me  visum  nunquam  curatum  memini" 
betreffen  die  erstere  Abart  der  congenitalen  Nabelhernie,  und  es  unterliegt 
gar  keinem  Zweifel,  dass  vor  Einführung  der  antiseptischen  Wundbehandlung 
die  Therapie  dieser  Bruchart  zu  den  schwierigsten  Aufgaben  gehörte  und 
dass  der  letale  Ausgang  eine  regelmäßige  Erscheinung  war.  Dieses  Ver- 
hältnis änderte  sich  wesentlich  unter  dem  Schutze  der  Antisepsis  in  dem 
Sinne,  dass  mit  der  Entwickelung  der  laparotomischen  Praxis  einzelne 
Operateure  es  wagten,  die  Bauchhöhle  auch  bei  neugeborenen  Kindern  zu 
öffnen.  Den  ersten  Versuch  dieser  Art  unternahm  (1882)  Lindfors.  Die 
zwei  nächsten  Fälle  operierten  B r e i s k y  und  Fleischmann  in  Prag  und 
Felsenreich  in  Wien  in  demselben  und  folgenden  Jahre.  Trotz  des 
zarten  Alters  der  derartig  Operierten,  welche  wir  als  besonders  empfindlich 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralliernien.  259 

gegen  ausgedehntere  Eingriffe,  Blutverlust.  Narkose  und  ähnliches  halten 
würden,  war  der  Erfolg  der  ausgeführten  Operationen  besonders  in  der 
letzten  Zeit  überaus  befriedigend.  Unter  44  Fällen,  welche  seit  1882  ver- 
öffentlicht wurden,  starben  unter  den  ersten  22  Fällen  9,  hievon  wurden 
18  operiert  und  4  expectativ  niit  Hilfe  von  Pflaster  oder  Schutzverband  be- 
handelt. Die  Todesfälle  betrafen  6  operierte  und  3  expectativ  behandelte 
Kinder.  Daraus  geht  zur  Genüge  hervor,  wie  groß  die  Mortalität  dieser 
Bruchart  auch  bei  expectativer  Behandlung  ist,  denn  nur  ein  mit  einem  Schutz- 
verband behandelter  Fall  (F 1  e  i  s  c  h  m  a  n  n)  ist  geheilt.  Von  den  zweiten 
22  Fällen  starben  3.  und  zwar  2  nach  der  Operation  und  1  unter  Schutz- 
verband-Behandlung. Unter  allen  22  Fällen  wurden  überhaupt  nur  3  Fälle 
ohne  Operation  behandelt,  von  denen  also  2  heilten,  während  alle  übrigen 
einer  Operation  unterzogen  wurden,  so  dass  von  den  19  (operierten)  Fällen 
bloß  2  unterlegen  sind.  Von  den  bis  zum  Jahre  1882  veröffentlichten 
Fällen  wurden  von  Lindfors  33  gesammelt.  Hievon  wurden  9  operiert 
und  es  starb  keiner  davon.  Die  übrigen  24  Fälle  wurden  insgesammt  mit 
einem  compressiven  oder  Schutzverbande  behandelt  und  der  Erfolg  war 
ebenso  glänzend,  denn  in  keinem  dieser  Fälle  ist  der  Tod  eingetreten. 
Ar^f  die  spontane  Ausheilung  kann  man  bei  dieser  Bruchart  kaum  rechnen, 
denn  im  Jahre  1852  wurden  26  Fälle  gesammelt,  von  denen  kein  einziger 
mittelst  expectativer  Behandlung  geheilt  wurde,  doch  waren  die  Erfolge 
der  nicht  operativen  Therapie  zu  jener  Zeit  jedenfalls  besser,  als  damals 
ein  operativer  Eingriff  hätte  gewähren  können. 

Wenn  wir  nun  zusehen,  welche  operativen  Eingriffe  auch  in  der 
vorantiseptischen  Zeit  vorgenommen  wurden,  so  müssen  wir  gestehen, 
dass  eigentlich  den  ersten  Versuch  in  dieser  Richtung  im  Jahre  1848 
Berard  unternommen  hat,  welcher  den  Bruch  eröffnete,  reponierte  und 
die  Bruchpforte  vernähte.  Diese  Operation  wurde  bis  zum  Jahre  1881  bloß 
dreimal  in  derselben  Weise  ausgeführt,  oder  sie  gelang  mindestens  nur 
dreimal.  In  9  Fällen  wurde  aber  die  subcutane  Ligatur  angewendet, 
natürlich  nach  Reposition  des  Bruches,  und  zwar  mit  günstigem  Erfolge. 
In  21  Fällen  wurde  mittelst  einer  Vorrichtung  oder  eines  Schutzverbandes 
Heilung  erzielt.  Beide  diese  Statistiken  sind  freilich  dem  Einwände  zu- 
gänglich, dass  höchstwahrscheinlich  nicht  alle  operierten  Fälle  veröffent- 
licht wurden,  insbesondere  nicht  jene,  welche  ungünstig  endeten,  und  ferner 
dass  die  sich  selbst  überlassenen,  über  Städte  und  Länder  zerstreuten  Fälle 
bei  schlechtem  Verlaufe  höchstwahrscheinlich  nicht  der  Veröffentlichung 
wert  gehalten  worden  sind. 

Der  Bruchinhalt  der  operierten  Brüche  wurde  in  10  Fällen 
wenigstens  theilweise  angewachsen  vorgefunden,  und  es  war  nothwendig, 
denselben  früher  zu  lösen,  bevor  man  zur  Reposition  desselben  schreiten 
konnte.  In "  7  Fällen  constatierte  man  im  Bruche  die  Leber,  welche  nach 

17* 


260 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


Incision  der  Bauch  wand  in  der  Mittellinie  trotz  der  Verwachsungen  mit 
den  Hüllen  in  die  Bauchhöhle  zurückgeschoben  werden  konnte.  Im  Falle 
von  Benedikt  war  der  Bruchinhalt  von  der  Milz,  im  Falle  von  Landerer 
vom  Magen  gebildet.  (Siehe  diesbezüglich  auch  unsere  Fälle  in  der  ana- 
tomischen Abhandlung  der  Brüche.)  In  4  Fällen  wurde  eine  beginnende 
Peritonitis  constatiert;  in  2  von  denselben  hemmte  die  Operation  den 
weiteren  Fortschritt  derselben. 

Von  den  verschiedenen  Operationsmethoden  sind  vor  allem  folgende 
zu  nennen:  1.  die  subcutane  Ligatur  des  Bruchstieles,  durch  welche,  wie- 
wohl sie  auf  den  ersten  Anblick  nicht  besonders  verlässlich  erscheint, 
Breuss  unter  3  Fällen  zweimal  einen  günstigen  Erfolg  erzielte.  Nach  einer 
Desinfection  mit  Lysol  reponiert  Breuss  den  Bruchinhalt  und  comprimiert 
sodann  mittelst  einer  flachen  Pincette  den  Bruchstiel,  nachdem  er  sich  früher 
überzeugt  hatte,  dass  nicht  der  geringste  Theil  des  Bruchinhaltes  darin 
enthalten  ist.  Hiebei  werden  die  Ränder  der  Bruchpforte  soviel  als  möglich 
genähert.  Der  Bruchsack  wird  sodann  eröffnet,  und  wenn  die  Reposition 
vollständig  war,  werden  unter  der  Pincette  Nähte  hindurchgeführt.  Mittelst 
eines  Fadens  wird  nämlich  der  Stiel  unter  der  Pincette  in  querer  Richtung 
in  einer  Entfernung  von  ungefähr  1  cm  durchstochen.  Die  Fadenschlingen, 
welche  sich  zwischen  je  zwei  Einstichen  befinden,  werden  durchschnitten 
und  hiedurch  der  Faden  in  3  Theile  zerlegt,  worauf  dieselben  geknüpft 
werden.  Dann  wird  die  Pincette  beseitigt  und  ein  antiseptischer  Ver- 
band angelegt.  Breuss  selbst  bezeichnet  jene  Fälle,  wo  die  Haut- 
manschette nicht  hoch  genug  auf  den  Bruch  übergreift,  als  nicht  für  diese 
Methode  geeignet  und  fordert,  dass  durch  die  Pincette  die  normale  Bauch- 
haut, nicht  aber  nur  die  Hülle  der  Nabelschnurhernie  gefasst  werde.  Die 
ganze  Methode  von  Breuss  ist  noch  von  der  Furcht  vor  der  Eröffnung 
der  Bauchhöhle  durchweht,  sodann  von  der  Angst,  dass  zwischen  die 
Branchen  der  Pincette  nicht  irgend  ein  Baucheingeweide  gefasst  werde, 
wie  es  ihm  einmal  mit  dem  Meckel'schen  Diverticulum  passierte.  Diese 
Methode  kann  auch  nicht  angewendet  werden,  wenn  sich  in  dem  Bruche 
ein  Eingeweide  ohne  Mesenterium,  zum  Beispiel  der  Blinddarm  befindet. 
Sonst  können  wir  in  der  Methode  keine  besonderen  Vorzüge  wahrnehmen, 
denn  in  unseren  Tagen  kann  ja  doch  nicht  als  führendes  Princip 
einer  Operation  die  Abneigung,  die  Bauchhöhle  zu  eröffnen,  anerkannt 
werden.  Dagegen  kann  diese  Methode  vorzügliche  Dienste  leisten,  wenn 
wir  in  besonderen  Verhältnissen  gezwungen  sind,  ohne  unseren  gewöhn- 
lichen hinreichenden  operativen  Comfort-und  ohne  hinreichende  Assistenz 
einen  Eingriff  zu  unternehmen. 

Aus  demselben  Grunde  muss  man  die  „extraperitoneale"  Methode 
Ohls  hausen 's  verwerfen,  welche  die  innere  Hülle  der  Hernie  spart, 
dagegen  die  äußere  und  die  Wharton'schen  Sülze  durchschneidet.  Nachdem 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhemien. 


261 


nämlich  diese  äußeren  zwei  Schichten  durchgetrennt  worden  sind,  wird  das 
innere  Blatt  mittelst  einiger  Nähte  in  Falten  gelegt,  die  Hautränder  ange- 
frischt und  im  blutenden  Zustande  vereinigt.  Außerdem  dass  die  Beseitigung 
.  der  Wharton'schen  Sülze  überhaupt  recht  schwierig  ist,  geht  überdies  nach 
einer  solchen  Operation  die  Heilung  bloß  in  der  Haut  vor  sich,  betrifft  aber 
nicht  die  muskulären  und  aponeurotischen  Schichten.  Freilich  bleibt  nichts 
anderes  übrig,  als  zu  dieser  Methode  zu  greifen,  wenn  die  Bruchöffnung 
sehr  umfänglich  ist  und  wenn  nach  Reposition  des  Inhaltes  und  der  Vernähung 
des  Bauchfelles  es  noch  möglich  erscheint,  die  fibrösen  Ränder  zu  nähern. 
In  einem  solchen  Falle  könnten  wir  die  Haut  auf  beiden  Seiten  des  Bruches 
unterminieren,  hiedurch  verschieblich  machen  und  sie  vor  dem  Bruche 
vereinigen,  welcher  natürlich  möglichst  reponiert  werden  müsste.  Im  übrigen 
würden  wir  empfehlen,  einen  jeden  solchen  congenitalen  Bruch,  sobald  es 
nur  angeht,  mittelst  unserer,  bei  dem  Nabelbruche  der  Erwachsenen 
erwähnten  Methode  zu  behandeln.  Bei  einer  jeden  radicalen  Operation 
des  Nabelbruches  müssten  wir  also  zuerst  die  äußere  amniotische  Hülle 
spalten  und  darnach  die  Wharton'schen  Sülze  beseitigen  und  endlich  die 
innere  Hülle  eröffnen,  wobei  wir  es  sorgfältig  vermeiden  würden,  die  ange- 
wachsenen Eingeweide,  zum  Beispiel  Blinddarm  oder  Leber  anzuschneiden. 
Gibt  es  solche  angewachsenen  Organe  im  Bruche,  dann  umschneiden  wir 
dieselben  und  reponieren  sie  nach  sorgfältiger  Blutstilking,  sind  es  jedoch 
rieugebildete  Adhäsionen,  dann  lösen  wir  sie  mittelst  eines  stumpfen 
Instrumentes.  Behufs  Reposition  des  Blinddarmes,  der  Leber  ist  es  manchmal, 
wie  erwähnt,  nothwendig,  die  Incision  nach  auf-  oder  abwärts  in  die 
normale  Bauchwand  zu  verlängern.  Wenn  der  ganze  Bruchinhalt  reponiert 
ist,  dann  vereinigen  wir  zuerst  mittelst  fortlaufender  Naht  das  Bauchfell, 
sodann  die  Ränder  der  Aponeurose,  verstärken  die  letztere  Naht  durch 
Annäherung  der  Hüllen  der  Musculi  recti,  oder  eröffnen  die  Muskelscheide 
der  letzteren  im  Bereiche  der  Incision  und  vereinigen  zuerst  die  ent- 
sprechenden inneren  Ränder  des  muskulösen  Scheidenschlitzes,  in  der 
nächsten  Schichte  vernähen  wir  dagegen  die  Muskeln,  indem  wir  in  dieselbe 
Naht,  damit  sie  nicht  ausreißt,  auch  die  entsprechenden  äußeren  Ränder 
des  Schlitzes  fassen.  Am  Schlüsse  vereinigen  wir  die  Haut  und  legen  einen 
antiseptischen  Verband  an.  Das  Kind  kann  gleich  nach  der  Operation  der 
Amme  anvertraut  werden  und  soll  seine  Ernährung  recht  reichlich  sein. 
Bei  dieser  Operation  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  die  Lösung  der  auf  die 
innere  Oberfläche  des  Bruchsackes  implantierten  Baucheingeweide  zu  den 
schwierigsten  Partien  der  Operation  gehört,  und  man  kann  sich  sogar 
vorstellen,  dass  in  einzelnen  Fällen  eine  vollständige  Reposition,  zum 
Beispiel  der  Leber,  ein  Ding  der  Unmöglichkeit  ist.  In  einem  solchen 
Falle  ist  es  nun  nothwendig,  außen  verbleibende  Theile  des  Leberlappens 
möglichst  genau  mit  der  inneren  Hülle  des  Bruches  zusammenzunähen, 


262 


Über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


wobei  die  Nähte  hauptsächlich  an  der  Glisson'schen  Kapsel  ihren  Halt 
finden  müssen,  wora^^f  dann  der  vorgelagerte  Theil  der  Leber  mittelst 
des  Thermokauters  abgetragen  werden  muss.  Die  neugeborenen  Kinder 
vertragen  die  Narkose  ziemlich  gut  und  es  wurden,  wie  z.  B.  im 
Falle  von  Fenomenof,  auch  Kinder  1  Stunde  nach  der  Geburt  bereits 
narkotisiert  und  operiert.  Eine  Narkose  ist  nahezu  unumgänglich  noth- 
wendig  aus  dem  Grunde,  weil  es  rathsam  erscheint,  während  der  Operation 
alles  Geschrei  und  Weinen  zu  vermeiden,  damit  keine  Verlagerung  neuer 
Baucheingeweide  eintrete.  Nach  den  gemachten  Erfahrungen  ist  es  auch 
sonst  empfehlenswert,  die  Operation  gleich  nach  der  Geburt  auszuführen, 
besonders  dann,  wenn  selbst  geringe  Veränderungen  der  Bruchhüllen  auf 
eine  beginnende  Gangrän  oder  Ulcerationen  derselben  hinweisen.  Doch  muss 
erwähnt  werden,  dass  man  durch  Bedeckung  des  Bruches  mit  einer  Schichte 
Borvaselin  und  einem  Schutzverbande  ziemlich  lange  einer  Vertrocknung 
und  einem  Zerfall  der  Hüllen  vorbeugen  kann,  wodurch  wir  uns  günstigere 
Bedingungen  für  die  Operation  schaffen  können.  Wenn  es  vorkommt,  dass 
die  Bruchhüllen  während  der  Geburt  platzen,  dann  ist  es  natürlich  sofort 
nothwendig,  einzugreifen.  Irgend  welche  Einwände  gegen  die  Operation  be- 
stehen nicht,  sobald  das  Kind  genügend  ausgetragen  ist.  Dass  gewisse 
andere  Missbildungen,  z.  B.  Atresia  ani  et  recti,  den  Erfolg  einer  Operation 
in  Frage  stellen,  ist  selbstverständlich,  während  andere,  z.  B.  Spina  bifida, 
Hasenscharte.  Fußmissbildungen.  Missbildung  der  Harnblase,  uns  von  dem 
erwähnten  Eingriffe  nicht  abwendig  machen  sollten.  Dass  sich  die  Chirurgen 
und  die  Gynäkologen  nach  diesen  Grundsätzen  bisher  auch  gerichtet  haben, 
davon  gibt  der  Umstand  Zeugnis,  dass  in  17  Fällen  die  Operation  in  den 
ersten  24  Stunden  unternommen  wurde.  In  8  Fällen  hievon  war  es  noth- 
wendig, die  Öffnung  in  der  vorderen  Bauchwand  zu  erweitern,  damit  man 
den  Bruchinhalt  reponieren  könne.  Barth  musste  zwei  kleine  Darm- 
perforationen zunähen,  ein  Darmdiverticulum  abtragen  und  einen  Anus 
praeternaturalis  anlegen,  welchem  complicierten  Eingriffe  das  Kind  unterlag. 
Auch  Gluck  schnitt  ein  Meckel'sches  Diverticulum  aus,  Harries  ein 
Körperchen,  welches  er  für  eine  Appendix  vermiformis  hielt.  Bei  der 
Operation  vermeiden  wir  die  Anwendung  giftiger  Lösungen,  demnach 
Sublimat-  und  Carbolsolutionen,  und  ersetzen  dieselben  entweder  durch 
sterilisiertes  Wasser  oder  Salicylsäure  (1 :  300),  oder  Borsäure  (35  :  1000), 
oder  selbst  auch  physiologische  Kochsalzlösung  (6  :  1000).  Vor  der  Operation 
hüllen  wir  das  Kind  ganz  in  Watte  ein,  nach  der  Operation  sollte  es 
eigentlich  in  einen  Brutkasten  gelegt  werden,  in  welchem  die  Temperatur 
auf  ungefähr  32°  erhalten  werden  sollte.  Die  Operation  Condamin's 
(Omphalektomie),  die  Ausschneidung  des  Nabelringes  sammt  Umgebung, 
sollte  man  verwerfen,  weil  dieselbe  den  Spalt  der  Bauchwand  nur  ver- 
größert. 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


263 


Was  den  Nabelbruch  bei  älteren  Kindern  betrifft,  so  gilt  derselbe 
für  spontan  heilbar,  indem  durch  die  fortschreitende  Schrumpfung  des  Nabel- 
ringes die  Möglichkeit  des  Vorfalles  immer  mehr  verringert  wird.  Manche 
Beobachter  glauben,  dass  dieser  Erfolg  auch  dadurch  unterstützt  wird, 
dass  das  Kind  aufrecht  zu  gehen  beginnt  und  dass  sich  die  Bauchhöhle 
immer  mehr  vergrößert.  Gleichlautend  aber  geben  alle  Beobachter  zu,  dass 
es  recht  schwierig  ist,  ein  passendes  Bruchband  für  eine  Kinder  nah  elhernie 
zu  beschaffen,  dass  in  der  größten  Anzahl  der  Fälle  es  auch  recht  schwer 
ankommt,  solche  Bruchbänder  zu  erneuern,  dass  aber,  bis  auf  geringe  Aus- 
nahmen, trotzdem  die  Nabelhernie  des  Kindesalters  heile,  woraus  man  den 
Schluss  ziehen  könnte,  dass  hiezu  das  Tragen  eines  Bruchbandes  nicht 
einmal  unbedingt  erforderlich  ist,  wenn  es  auch  eine  schließliche  Verlegung 
des  Nabelringes  fördert. 

Aus  diesem  Grunde  ist  es  auch  erklärlich,  warum  eine  verhältnis- 
mäßig geringe  Anzahl  von  Brüchen  des  Kindesalters,  die  früher  erwähnten 
ausgenommen,  einer  radicalen  Operation  unterzogen  worden  sind  (nach 
C  a  h  i  e  r  ungefähr  20  Fälle),  wiewohl  in  diesen  Fällen  sämmtlich  mit 
dem  besten  Erfolge.  Bezüglich  der  Bandagen,  welche  bei  den  Kinderhernien 
empfohlen  und  gebräuchlich  sind,  müssen  wir  eine  doppelte  Construction 
unterscheiden :  Solche,  welche  aus  einer  ausgepolsterten  Pelotte  (aus  Hart- 
gummi, einem  Wattetampon,  einem  mit  Luft  gefüllten  Kautschukballon, 
aus  einer  mit  Hirschleder  überzogenen  Drahtspirale)  und  einem  dieselbe 
befestigenden  Gürtel  (also  einem  Stoff-  oder  Ledergürtel  mit  oder  ohne 
Feder,  aus  einem  Verband  aus  gewöhnlichen  Binden  oder  aus  Gummi- 
binden, oder  aus  Heftpflasterstreifen  von  Emplastrum  diach.  comp.,  oder 
aus  amerikanischen  Heftpflastern  aus  Guttapercha,  oder  aus  Wiener  Heft- 
pflastern [aus  zerkochtem  Kautschuk],  oder  aus  Englischpflaster  u.  s.  f.)  be- 
stehen. Für  die  Spitals-  oder  Armenpraxis  empfiehlt  es  sich  dagegen,  einen 
Verband  aus  einem  flachen  Gegenstande  (zum  Beispiel  einer  Münze,  einem 
flachen  Kieselsteine,  oder  einer  runden  Holzscheibe),  welcher  in  Watte 
eingehüllt  wird,  damit  er  mit  seinem  Rande  keinen  Decubitus  erzeuge, 
herzustellen,  welcher  dann  mit  Heftpflasterstreifen,  welche  circulär  um  den 
Rumpf  und  dachziegelförmig  übereinander  angelegt  werden. 

Antwortet  der  kindliche  Organismus  auf  die  Application  des  Verbandes 
mit  Ekzem,  dann  ist  es  nothwendig,  die  Stellen,  an  denen  das  Pflaster 
mit  dem  Körper  in  Berührung  kommt,  zu  wechseln,  einmal  also  die  Streifen 
übereinander  zu  legen,  das  anderemal  kreuzförmig,  einmal  entlang  der  Körper- 
achse, einmal  der  Quere  und  so  fort,  damit  sich  die  an  den  einzelnen  Stellen 
erzeugten  unbedeutenden  Veränderungen  wieder  zurückbilden  können. 
Allgemein  wird  vor  den  konischen  oder  Zapfenpelotten  gewarnt,  weil 
man  hiedurch  die  Schrumpfung  des  Nabelringes  nur  verhindert.  Die 
Wirksamkeit  des  Verbandes  wird  noch  dadurch  erhöht,  dass  man  die 


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Über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Veiitralhernien. 


Haut  in  der  Umgebung  des  Nabelringes  in  zwei  parallele  Längsfalten  zu- 
sammenschiebt, zwischen  denen  in  der  Tiefe  die  Bruchpforte  gelegen  ist, 
freilich  bei  vollständig  reponiertem  Inhalte.  Wenn  diese  Falten  in  ihrer 
gegenseitigen  Lage  mittelst  Heftpflasterverbandes  erhalten  werden,  so 
können  wir  das  Einschalten  von  flachen  harten  Gegenständen  beinahe 
vollständig  entbehren. 

Wenn  auch  solche  Verbände,  wie  sie  eben  beschrieben  wurden, 
ziemlich  allgemein  in  Gebrauch  sind,  so  fehlt  es  nicht  an  Beobachtern, 
welche  jede  Wirksamkeit  von  Verbänden  und  Prothesen  vollständig  leugnen. 
Die  Beweglichkeit  der  Bauchwände,  der  wechselnde  Umfang  bei  In-  und 
Exspiration,  bei  gefülltem  und  entleertem  Tractus  gastrointestinalis,  die 
mangelhafte  Intelligenz,  manchmal  auch  die  Unmöglichkeit  der  Aufsicht 
seitens  der  Eltern,  welche  ja  oft  in  der  Arbeit  abwesend  sind,  alles  dies 
steht  mit  der  Leistungsfähigkeit  der  oben  gedachten  Vorrichtungen  im 
Widerspruche,  so  dass  man  zwar  bei  Patienten,  welche  sich  in  besseren 
Verhältnissen  befinden,  demnach  bei  solchen,  deren  Eltern  auf  die  be- 
ständige Controle  der  Lage  des  Bruchbandes  eingehen  und  sich  damit 
beschäftigen  können,  einen  derartigen  curativen  Versuch  bis  zum  6.  und 
7.  Jahre  verlängern  kann,  dass  wir  aber  bei  dürftigen  Patienten,  denen 
die  gründliche  Pflege  und  sonstige  häusliche  Bequemlichkeit  abgeht, 
zum  operativen  Eingriffe  greifen  müssen,  nicht  nur  wenn  der  Bruch  durch 
die  getragenen  Verbände  und  Prothesen  bis  zum  6.  und  7.  Jahre  nicht 
geheilt  ist,  sondern  auch  vor  dieser  Zeit,  wenn  trotz  der  sorgfältigen 
Application  derselben  der  Bruch  stets  zunimmt,  von  oberflächlichen  Ent- 
zündungen der  Hülle  befallen  wird,  oder  wenn  auch  das  Innere  des 
Bruches  Sitz  einer  entzündlichen  Reizung  oder  der  Einklemmung  wird, 
oder  endlich,  wenn  die  empfohlene  Therapie  nicht  genug  genau  durchgeführt 
werden  kann. 

Da  die  Methoden,  welche  man  bei  Kindernabelhernien  anwenden 
kann,  auch  bei  Erwachsenen  im  Gebrauche  sind,  so  können  wir  nur  auf 
die  Therapie  der  Nabelhernien  im  späteren  Alter  hinweisen,  wo  wir  be- 
sonders auf  jene  Methoden  hinweisen  werden,  welche  bei  den  Nabel- 
hernien der  Kinder  hie  und  da  mit  Vortheil  angewendet  werden  könnten. 

Die  radicale  Cur  der  Nabelhernien  der  Kinder,  welche  durch  die 
Bruchbandtherapie  nicht  geheilt  sind,  kann,  bevor  noch  zum  operativen 
Eingriff  recurriert  wird,  durch  ein  milderes  Mittel,  nämlich  durch  Injection 
von  reizenden  Flüssigkeiten  in  die  Umgebung  der  Bruchpforte  versucht 
werden.  Wir  haben  diese  Methode  bereits  in  der  allgemeinen  Einleitung 
erwähnt  und  ist  es  hauptsächlich  die  Methode  von  Luton  und  Schwalbe, 
welche  bei  diesen  Brüchen,  allerdings  mit  keinem  größeren  Effect  als  bei 
anderen  Hernien,  angewendet  wurde.  Eine  allgemeine  Anerkennung  zu  ge- 
winnen vermochten  diese  Methoden  nicht,  außer  in  der  Umgebung  der 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


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Erfinder,  oder  dort,  wo  man,  von  der  Erfolglosigkeit  der  Bruchbandtherapie 
überzeugt,  dennoch  nicht  die  Möglichkeit  hat,  selbst  eine  operative  radicale 
Cur  der  Hernie  vorzunehmen,  dennoch  aber  die  Fälle  aus  seiner  Clientel 
nicht  verlieren  vrill.  Die  Technik  dieser  Operation  ist  aus  der  Beschreibung 
im  allgemeinen  Theile  bereits  ersichtlich,  und  bleibt  nur  hinzuzufügen, 
dass  nach  Schwalbe's  Vorschlag  meistentheils  eine  70°/o  Alkohollösung 
angewendet  wird,  von  der  mittelst  einer  Pravaz'schen  Spritze  1  oder  2  cm^ 
in  die  unmittelbarste  Umgebung  des  Nabelringes  injiciert  werden,  wobei 
man  sorgfältig  eine  Verletzung  des  Bruchinhaltes  vermeiden  muss.  Solche 
antiseptisch  ausgeführte  Injectionen  dürfen  natürlicherweise  keine  eitrige 
Infection  verursachen,  wirken  nur  durch  ihre  specifisch-chemische  Reizung 
des  Gewebes,  liefern  demnach  ein  plastisches  Exsudat,  welches  anfangs 
sich  recht  voluminös  anlässt,  bald  aber  durch  Resorption  zu  schwinden 
beginnt,  so  dass  bei  Unterbrechung  der  Therapie  bald  die  Bruchumgebung 
wieder  ziemlich  normal  erscheint  und  der  Bruchring  wieder  ebenso  wie 
früher  durchgängig  wird.  Wenn  unterdessen,  was  ja,  wie  gesagt,  bei  den 
Nabelhernien  der  Kinder  oft,  ja  regelmäßig  eintritt,  der  Nabelring  wieder 
enger  geworden  wäre,  so  kann  dem  Publicum  gegenüber,  speciell  bei  den 
Nabelhernien  der  Kinder,  noch  am  ehesten  ein  scheinbarer  Erfolg  der  In- 
.  jectionstherapie  vorgegeben  werden. 

Keetley  combinierte  im  Jahre  1887,  demnach  bereits  unter  dem 
Schutze  des  antiseptischen  Verfahrens,  die  Einspritzungstherapie  mit  der 
Naht  des  Nabelringes.  Nach  Durchtrennung  der  äußeren  Bruchhüllen  und 
Reposition  des  Bruchinhaltes  invaginierte  er  den  eigentlich  nicht  eröffneten 
Bruchsack  und  vereinigte  durch  umschlungene  Naht  den  Nabelring,  worauf 
er  in  die  Umgebung  Injectionen  mit  frischer  Abkochung  von  Quercus  alba 
vornahm.  Es  lässt  sich  aber  durchaus  nicht  behaupten,  dass  in  den  drei 
Beobachtungen,  mit  welchen  dieser  Vorschlag  belegt  ist,  die  Heilung  durch 
die  Einspritzung  und  nicht  durch  die  Naht  erfolgt  ist.  Dem  Verfasser  ist 
es  einigemale  vorgekommen,  dass  kurze  Zeit  nach  der  Injection  von 
Alkohol  derartige  Agitationen  der  Kinder  eintraten,  dass  mit  Recht  auf 
einen  künstlichen  Rausch  derselben  geschlossen  und  daher  mit  der  ver- 
abreichten Dosis  Alkohol  herabgegangen  werden  musste. 

Zu  diesen  Methoden  müssen  wir  auch  die  Wood'sche  Methode, 
welche  in  einer  subcutanen  Ligatur  oder  Sutur  des  Nabelringes  nach 
Einstülpung  der  Haut  besteht  und  welche  im  Jahre  1885  publiciert  wurde, 
hinzurechnen,  wiewohl  dieselbe  durchaus  nicht  dem  modernen  Standpunkte 
der  Chirurgie  entspricht.  Diese  Methode  wird  so  ausgeführt,  dass  mit  dem 
linken  Zeigefinger,  natürlich  nach  Reposition  des  Bruchinhaltes,  die  Bruch- 
bedeckungen in  den  Nabelring  eingestülpt  werden,  .worauf  mittelst  einer 
Drahtsutur,  entweder  durch  quere  Knopfnähte  oder  durch  eine  Schnürnaht, 
nach  Art   der  Geld-  oder  Tabaksbeutelnaht,  die  Vereinigung  ausgeführt 


266 


Über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


wird,  durch  welche  die  Ränder  des  Nabelringes  entweder  der  Länge  nach 
oder  circulär  genäht  werden  und  welche  Sutur  derart  ausgeführt  wird, 
dass  der  Draht  immer  in  einiger  Entfernung  vom  Nabelringe  eingestochen 
und  durch  den  aponeurotischen  Rand  und  die  eingestülpte  Haut  geführt 
und  auf  der  gegenüberliegenden  Seite  durch  die  eingestülpte  Haut  und  den 
aponeurotischen  Rand  wieder  ausgestochen  wird.  Die  nächste  Naht,  wenn  sie 
eine  geknöpfte  ist,  wird  unabhängig  von  der  ersten  angelegt.  Macht  man 
eine  Schnürnaht,  so  wird  die  Nadel  in  einiger  Entfernung  vom  Einstich 
wieder  ausgestochen,  worauf  man  den  Ausstich  der  ersten  Naht  zum  Ein- 
stich der  zweiten  benützt.  Die  queren  Nähte  werden  über  einem  Heft- 
pflasterröllchen, welches  zwischen  die  invaginierte  Bauchbedeckung  und 
die  Drahtknöpfe  eingeschoben  wird,  zusammengedreht.  Die  modernen  Me- 
thoden gestatteten,  wegen  ihrer  Einfachheit  und  Verlässlichkeit,  der  oben 
besprochenen  Methode  nicht,  eine  halbwegs  bedeutende  Ausbreitung  zu 
gewinnen.  Unter  391  Fällen  operierte  Wood  bloß  5  Nabelhernien,  hievon 
4  bei  Kindern.  Von  diesen  gelangen  3,  während  der  4.  Fall  einem  voll- 
ständigen Misserfolge  begegnete. 

Bei  der  nächsten  Methode  muss  uns  ein  bestimmtes  Detail,  nämlich 
die  Nothwendigkeit  der  Gangrän  der  Bruchbedeckungen,  ebenfalls  von  einer 
Nachahmung  eines  solchen  Vorgehens  abhalten.  Von  Celsus  bis  auf  den 
heutigen  Tag  erscheint  diese  Methode  ab  und  zu,  um  wieder  spurlos  zu 
verschwinden.  Es  ist  möglich,  natürlich  nach  Reposition  des  Inhaltes,  was 
bei  Erwachsenen  allerdings  ebenfalls  ausführbar  sein  müsste,  aber  häufig 
nicht  zutrifft,  den  Bruch  mit  zwei  Fäden  nach  Celsus  oder  wiederholt 
mit  einem  gewichsten  Faden  nach  Desault  zu  unterbinden,  nachdem 
man  die  äußere  Haut  eingeschnitten  hatte,  und  so  weit  zusammenzuschnüren, 
bis  der  Bruchsack  abfällt.  Nach  Notta  (1890)  sollte  die  Ligatur  mittelst 
eines  Drainröhrchens,  dessen  Ränder  mittelst  eines  Seidenfadens  zusammen- 
geschnürt würden,  vorgenommen  werden.  Nach  einer  anderen  Reihe  von 
Operateuren  werden  die  entleerten  Bedeckungen  in  Partien  unterbunden, 
wie  Angiome  (Bouchacourt),  oder  über  Nadeln,  welche  durch  die  Basis 
hindurchgeführt  worden  waren;  und  zwar  über  einer  (nach  Thier ry)  oder 
über  mehreren  (nach  L  e  e),  wobei  die  emporgehobenen  Bedeckungen  mehr 
oder  weniger  zusammengedreht  werden  können.  Chicoyne  (1846)  fasst 
den  entleerten  Bruchsack  zwischen  zwei  entlang  der  Basis  desselben  ange- 
legte Hölzchen,  welche  an  ihren  Enden  zusammengebunden  werden.  Nach 
einigen  Tagen  fallen  die  gangränösen  Bedeckungen  ab  und  hinterlassen 
eine  runde  oder  ovale  granulierende  Fläche,  welche  in  einigen  Tagen  verheilt. 

Von  den  gemeldeten  Methoden  fehlte  bei  keiner  der  Erfolg,  weil  ja, 
wie  eben  erwähnt,  die  Nabelhernie  der  Kinder  leicht  spontan  ausheilt. 
Der  Beweis,  dass  dies  ohne  Ligatur  und  Gangrän  nicht  ebenso  stattgefunden 
hätte,  ist  später  nicht  mehr  zu  erbringen. 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


267 


Mit  unseren  Erfahrungen  über  die  Nachgiebigkeit  der  Narben  bei 
Laparotomie,  wenn  die  Wunden  granuliert  hatten  oder  wenn  sie  drainiert 
worden  waren,  glauben  wir  zwar  recht  gerne  an  die  unmittelbaren  Erfolge 
dieser  Methoden,  hätten  aber  durchaus  kein  Vertrauen  zu  der  Dauerhaftig- 
keit des  Erfolges,  wenn,  wie  wir  abermals  hinzufügen  müssen,  die  Neigung 
zur  spontanen  Heilung  nicht  mitwirkte.  Man  müsste  diese  Methode  aber 
dann  als  leistungsfähig  bezeichnen,  wenn  man  sie  in  Fällen  anwenden  würde, 
wo  diese  spontane  Tendenz  nicht  mehr  vorhanden  ist,  nämlich  bei  Erwach- 
senen. Zu  diesem  Beweise  fordert  die  Chirurgie  durchaus  nicht  auf,  ja  sie 
warnt  davor,  weil  wir  uns  vor  der  Infection  durch  die  gangränösen  Theile, 
sowie  vor  der  Ausdehnung  der  nach  Granulation  entstandenen  Narben 
fürchten.  Schon  Bichat  hat  constatiert,  dass  sich  zwar  die  Methode  von 
Desault  bei  einem  ISmonatlichem  Kinde  bewährte,  bei  einem  4jährigen 
Kinde  bereits  Schwierigkeiten  vorhanden  waren,  und  absolut  misslang  bei 
einem  9jährigen  Kinde.  Es  würde  demnach  wohl  jeder  in  den  Anschauungen 
der  letzten  Jahre  aufgewachsene  Chirurg  staunen,  wenn  er  eine  dieser 
Methoden  angewendet  sähe. 

Die  moderne  radicale  Operation  der  Nabelhernie  der  Erwachsenen 
muss  ebenso  wie  jede  andere  aus  den  bekannten  vier  Phasen  bestehen, 
nämlich  aus  der  Eröffnung  des  Sackes,  aus  der  Reposition  des  Inhaltes, 
aus  der  Beseitigung  des  Sackes  nach  Naht  oder  Ligatur  seines  Halses, 
und  aus  der  Naht  seiner  Bruchpforte.  Schon  Celsus,  hauptsächlich  aber 
Paul  von  Agina  operierte  nach  diesen  Grundsätzen  und  wagte  sich 
sogar  an  eine  Resection  des  vorgefallenen  Netzes  mit  Unterbindung  seiner 
Gefäße. 

Bei  der  Leistungsfähigkeit  der  selbst  recht  zweckmäßig  construierten 
Bruchbänder  müssen  wir  zur  Operation  unsere  Zuflucht  nehmen,  sobald 
bei  Erwachsenen  die  Beschwerden  unerträglich  sind  und  die  Incarcerations- 
gefahr  imminent  ist,  und  werden  jedenfalls  vorzügliche  Erfolge  erzielen, 
sobald  uns  nicht  nur  Hernien  von  Riesendimensionen  und  mit  tief  ver- 
änderten Bedeckungen  und  angewachsenem  Bruchinhalte  zugewiesen  werden, 
wie  es  heutzutage  noch  gewöhnlich  der  Fall  ist. 

Welcher  Methode  ist  nun  bei  den,  wenn  auch  ausnahmsweisen  Opera- 
tionen der  Nabelhernien  bei  Kindern,  sowie  bei  den  schon  häufiger  vor- 
kommenden Nabelhernien  bei  Erwachsenen  der  Vorzug  zu  geben?  Hier  sei 
vor  allem  die  Methode  von  Hadlich  erwähnt,  welcher  ebenso  wie  Wood  eine 
Invagination  der  Bedeckungen  vornahm,  dann  aber,  nach  erfolgter  Einstülpung, 
die  Hautpartie,  welche  dem  Rande  der  Bruchpforte  entsprach,  streifenförmig 
anfrischte  und  die  blutenden  Ränder  quer  vernähte,  bis  auf  eine  Stelle,  wo 
er  ein  Drainagerohr  in  den  Sack  einschob.  Hinter  der  Narbe,  welche  hieraus 
resultierte,  befand  sich  demnach  ein  mit  Haut  ausgekleideter  Sack.  Das 
Secret  des  letzteren  zersetzte  sich  in  einen  stinkenden  Brei,  so  dass  die 


268  Über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 

späteren  Folgen  ärger  waren  wie  der  frühere  Zustand.  Hadlich  selbst 
führte  eine  solche  Operation  und  zwar  bei  einer  Ventralhernie  aus,  fand 
aber  keine  Nachahmer. 

Andere  Operateure  giengen  so  vor,  dass  sie  den  Sack  vorsichtig  er- 
öffneten, ohne  den  Inhalt  zu  verletzen:  der  unverwachsene  Darm  wurde 
reponiert,  der  verwachsene  vorsichtig  gelöst,  eventuell  mit  einem  Stückchen 
Bruchsackes,  damit  eine  Enterorrhaphie  umgangen  werde.  Das  hypertrophische 
Netz  wurde  selbst  recht  nahe  am  queren  Grimmdarme  unterbunden  und 
beseitigt.  Manche  nähten  die  Bruchpforte  von  innen  mittelst  Seide,  Catgut 
oder  Drahtnähten  zu  und  ließen  das  Bruchsackinnere  ausgranulieren,  andere 
exstirpierten  den  peripher  von  der  Naht  gelegenen  Theil  des  Bruchsackes 
und  vereinigten  über  der  genähten  Pforte  die  Haut.  Ebenso  wie  bei  anderen 
Brüchen  zeigte  es  sich,  dass  die  einfache  passive  Annäherung  der  Bruchpforten- 
ränder durch  was  immer  für  eine  Naht  nur  einen  unbedeutenden  Effect  hat, 
da  nach  Entfernung  oder  Aufsaugung  der  Nähte  die  genäherten  Ränder 
wieder  auseinandergehen  und  der  Bruch  sich  wieder  erzeugt.  Deswegen 
wurde  vom  Verfasser  dieses  Buches  eine  Methode  vorgeschlagen  und  zuerst 
bei  einer  ventralen  Hernie  versucht,  welche  in  Folgendem  besteht:  Der 
ganze  Vorgang  ist  vollständig  gleich  den  anderen  Methoden  bis  zu  dem 
Augenblicke,  als  der  Bruchinhalt  gänzlich  reponiert  ist.  Nun  wird  der 
peritoneale  Sack  der  Nabelhernie  bis  zur  Bruchpforte  isoliert  und  so  weit 
reseciert,  dass  es  keine  Schwierigkeiten  macht,  die  Ränder  des  Restes  in 
der  Mitte  mittelst  Naht  zu  vereinigen,  was  auch  ausgeführt  wird,  ohne  dass 
eine  vorhergehende  Ligatur  des  Sackes  vorausgeschickt  worden  wäre. 
Nachdem  die  peritoneale  Höhle  derart  geschlossen  ist,  werden  die  bloß- 
gelegten vorderen  Muskelscheiden  der  Recti  mit  nach  außen  convexen, 
flachbogigen  Schnitten  in  der  ganzen  Ausdehnung  der  Wunde  eröffnet,  so 
dass  oben  und  unten  zwischen  den  Schnittenden  nur  eine  ungefähr  1  cm 
breite  Brücke  übrigbleibt.  Die  inneren  Ränder  dieser  Incisionen  werden 
von  der  vorderen  Seite  des  Muskels  stumpf  abgelöst  und  durch  fort- 
laufende Naht  oder  durch  einzelne  Knopfnähte  miteinander  als  zweite 
Nahtetage  vereinigt.  Die  folgende  dritte  Nahtreihe  vereinigt  die  lateralen 
Ränder  der  gemachten  Incision  der  Muskelscheide  und  fasst  beiderseits 
Partien  des  Muskelfleisches  der  Recti  mit  in  die  Naht.  Die  Muskeln  allein 
zu  nähen  empfiehlt  sich  nicht,  da  die  Nähte  wegen  Brüchigkeit  der 
Muskelsubstanz  ausreißen.  Endlich  wird  darüber  die  Haut  mit  lockeren 
Nähten  vollständig  vereinigt.  Die  ganze  Naht  kann  durch  zwei  oder  drei 
Silberdrahtbleiplattennähte  wenigstens  für  die  erste  Zeit  (8  bis  10  Tage) 
gestützt  werden,  weil  die  Spannung  der  Nähte  bei  halbwegs  breiter  Pforte 
ziemlich  bedeutend  sein  kann  und  das  Gewicht  der  fetten  Bauchwandungen, 
ebenfalls  nach  beiden  Seiten  hin  wirkend,  eine  in  der  MitteUinie  verlaufende 
Naht  auseinanderzerrt.   Da  der  Nabelbruch  besonders  Frauen  betrifft  und 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


269 


X 

V 


Fig.  68  (siebe  Seite  270). 


diese  gewöhnlich  sehr  dick  und  schwer  sind,  so  ist  die  seitwärts  wirkende 
Kraft  der  sich  flachlegenden  Bauchdecken  eine  ziemlich  bedeutende,  wes- 
wegen es  sich  auch  empfiehlt,  durch  breite  Heftpflaster  streifen  das  im 
Liegen  sich  abflachende  Abdomen  gewissermaßen  etwas  zusammenzufassen 
und  aufzurichten,  zu  welchem  Zwecke 
auch  ein  knapper  Flanellverband  recht 
empfehlenswert  ist.  Diese  radicale  Ope-  ^  ^ 

ration  des  Nabelbruches  gewann  ver-  ^  - 
hältnismäßig  langsamer  als  andere  Ope- 
rationen der  Brüche  Anhänger,  und  erst 
nachdem  dieselbe  durch  zahlreiche  Be- 
obachtungen einzelner  Operateure  belegt 
worden  ist,  kann  man  sagen,  dass  diese 
Operation  zur  typischen  bei  Nabel-  und 
Ventralbrüchen  der  Linea  alba  geworden 
ist.  Einzelne  Operateure  behelfen  sich 
ohne  die  Eröffnung  der  Rectusscheiden, 
wie  z.  B.  Chrobak  und  andere,  welchen 
Vorgang  wir  jedoch  als  unzureichende 
Sicherheit  bietend  nicht  empfehlen  würden. 

Bei  Kindern  wur- 
de die  radicale  Ope-  / 
ration  nach  Cahier 
1 3mal  ausgeführt, 
und     zwar     durch-  i 
gehends   mit  gutem 
Erfolge.  Die  Rectus- 
scheiden wurden  hie-  / 
bei,  wiewohl  in  an- 
derer Art,  als  es  der 
Verfasser  empfiehlt, 
eröffnet,  was  bei  Kin- 
dern  vielleicht  auch  ,  ? 

überflüssig  ist,  weil 
die  einfache  Naht  der 
angefrischten  Ränder 
des  Nabelringes  hin- 
reichend die  spontane  Tendenz  desselben  zur  Schrumpfung  unterstützt.  Diese 
Methode,  weil  sie  im  Ausschneiden  der  Nabelbruchpforte  besteht,  wurde  als 
Omphalektomie  bezeichnet  und  besonders  von  Condamin  empfohlen. 
Anders  bei  Erwachsenen.  Bei  diesen  ist  die  radicale  Operation  der  freien 
Nabelhernien  verhältnismäßig  seltener  ausgeführt  worden.  Die  vom  Verfasser 


Fig.  69  (siehe  Seite  270). 


270 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


im  Jahre  1886  für  Ventral-  und  ümbilicalhernien  empfohlene,  bei  den 
ersteren  schon  damals  auch  ausgeführte  Methode  wurde  seit  jener  Zeit  in 
einzelnen  Fällen  erprobt  und  für  gut  befunden.  Ja,  dieselbe  wurde  im 
Jahre  1894  von  Ostermeyer  und  im  selben  Jahre  von  Gersuny  wieder- 
erfunden, ohne  dass  des  Vorganges  des  Verfassers  auch  nur  erwähnt  worden 
wäre.  Dieser  Umstand  wurde  jedoch  im  Jahre  1895  von  W.  Kram  er  den 
Thatsachen  entsprechend  corrigiert.  Der  Verfasser  selbst  hatte  seit  jener  Zeit 
Gelegenheit,  diese  Methode  an  8  klinischen  und  5  privaten  Fällen  von  Nabel- 
hernien und  9  Fällen  von  Ventralhernien  zu  erproben,  von  welchen  letzteren 
einzelne  allerdings  nicht  in  der  Mittellinie  lagen,  wodurch  die  Ausführung 
der  typischen  Operation  natürlicherweise  unmöglich  wurde  und  zu  einer 
Modification  gegriffen  werden  musste.  Sämmtliche  diese  22  Fälle,  wovon 
13  Nabelhernien,  genasen  und  werden  nächstens  Gegenstand  einer  ein- 
gehenden Publication  sein.  Ahnlich  wie  Co n damin  operierten  auch  Bruns, 
Zoege-Manteuffel,  Keen,  indem  sie  alle  eine  Art  von  Omphalektomie 
ausführten.  Der  Verfasser  meint,  dass  neben  dem  Vortheile,  dass  statt  einer 
Öffnung  am  Nabelringe  nun  eine  vierfache  Lage  Gewebe  demselben  vorge- 
lagert ist,  auch  ein  Vortheil  seiner  Methode  darin  besteht,  dass  seine  Opera- 
tion ohne  Verlust  an  Gewebe  ausgeführt  werden  kann,  was  ja  bei  breiten 
Bruchpforten  und  auseinandergewiclienen  Recti  einen  wichtigen  Umstand 
darstellt,  während  bei  der  Omphalektomie  es  ohne  beiderseitigen  Verlust  an 
Gewebe  in  der  Breite  nicht  abgehen  kann.  Dass  man  als  Nahtmaterial  bei 
der  Bruchpfortennaht  nicht  nur  Seide,  sondern  Catgut,  ebenso  Draht  (nach 
dem  Beispiel  von  Banks,  Burkhardt,  Terrier,  Schede)  verwenden  kann, 
ist  offenkundig.  Andere  Ventralhernien  können  mittelst  derselben,  nur  leicht 
modificierten  Methode  operiert  werden,  insofern,  als  man  auch  hier  zuerst 
den  Bruchsack  bis  zu  den  Bruchpfortenrändern  isoliert  und  über  die 
Bruchpfortenöffnung  zusammennäht,  den  Uberschuss  aber  beseitigt.  Die 
gewöhnlich  geglätteten,  oft  scharf  auslaufenden  Ränder  des  Defectes  können 
ebenso  in  einiger  Entfernung  vom  Rande,  ähnlich  wie  die  Muskelscheiden 
der  Recti,  gespalten  und  über  dem  Defecte  vernäht  werden.  Die  Möglichkeit, 
in  drei  Etagen  Muskel  und  Fascie  zu  vereinigen,  hängt  allerdings  davon 
ab,  ob  in  der  unmittelbaren  Nähe  des  Bruchpfortenrandes  genügend  Muskel- 
substanz verläuft,  was  ja  nicht  nur  bei  erworbenen,  sondern  hauptsächlich 
bei  den  congenitalen  Bauchwanddefecten,  wie  sie  bei  den  Wyss 'sehen 
lateralen,  lumbalen  Hernien  constatiert  wurden,  vorkommen  kann.  Bei  den 
Fetthernien  der  Linea  alba  ist  es  dringend  nothwendig,  das  Lipom  wenigstens 
zum  größten  Theile  zu  exstirpieren  und  den  Gefäßstiel,  an  dem  ein 
peritonealer  Trichter  befestigt  sein  kann,  durch  die  Bruchpforte  zurück- 
schlüpfen zu  lassen  und  nach  Anfrischung  der  Pfortenränder  diese  zu 
vernähen.  Die  beigefügten  zwei  Abbildungen  (siehe  Fig.  68  und  69 
auf   Seite   267)    illustrieren    eine   ventrale    Hernie    nach    dem  Durch- 


über  die  radicale  Cur  der  Nabel-  und  Ventralhernien. 


271 


bruclie  eines  parametriti sehen  Abscesses,  und  zwar  vor  und  nach  der 
Operation. 

Bei  der  subpubischen  Hernie  würde  es  sich  natürlicherweise 
empfehlen,  nicht  nur  die  äußere  Öffnung  des  obturatori  sehen  Canales  zu  ver- 
schließen, weil  dahinter  immer  noch  eine  kleine  Hernie  bleiben  könnte, 
sondern  es  wäre  zweckmäßig,  auch  die  innere  Mündung  dieses  Canales 
zu  verstopfen;  doch  ist  diese  Gegend  recht  unzugänglich,  daher  vor- 
bereitende Eingriffe  behufs  Naht  der  abdominalen  Öffnung  des  Canales 
nothwendig,  anderseits  aber  hat  man  fast  nie  Gelegenheit,  eine  radicale  Opera- 
tion einer  freien  obturatorischen  Hernie  auszuführen.  Es  ist  keine  solche  bisher 
bekannt  geworden  und  man  würde  gewiss  vorkommendenfalls  ebenso  wie  bei 
inearcerierten  Hernien  dieser  Abart  versuchen,  ob  nicht  eine  Torsion  und 
Ligatur  des  Bruchsackes  eine  radicale  Cur  der  Hernie  herbeiführen  würde.  Für 
die  anderen  Hernien  (ischiadica,  perinealis  etc.)  kann  man  bei  der  Seltenheit 
der  Beobachtungen  kaum  irgend  eine  allgemein  giltige  Vorschrift  fest- 
stellen, doch  glaubt  der  Verfasser,  dass  nach  dem  Principe,  wie  es  für  die 
bisher  abgehandelten  Hernien  entwickelt  wurde,  auch  leicht  ein  zweck- 
mäßiger Plan  für  die  selteneren  Hernienabarten  zusammengestellt  werden 
könnte,  wozu  sieh  bei  den  Hernien,  welche  durch  cireuläre  oder  partiell 
wenigstens  auch  vom  Knochen  begrenzte  Lücken  hindurehtreten,  ein 
plastischer  Verschluss  der  Bruchpforte  mittelst  periosteo-fascialer  Lappen 
empfehlen  würde. 


VI.  Abtheilung. 

Die  pathologischen  Vorgänge  an  den 

Hernien. 


Auszug  aus  der  Geschichte  der  Anschauungen  über  die  Irreponi- 
bilität  im  weitesten  Sinne. 

Von  den  pathologischen  Zuständen  der  Hernien  ist  die  Irreponibilität 
der  wichtigste.  Die  Ursachen  derselben  können  nach  den  bisherigen  Er- 
fahrungen sehr  verschieden  sein.  Wegen  ihrer  Tragweite  ist  sie  natürlicher- 
weise sehr  frühzeitig  Gegenstand  genauer  Beobachtungen  und  auch  der  dis- 
paratesten Erklärungstheorien  geworden,  so  dass  schon  Praxagoras  als 
Urheber  einer  diesen  Zustand  betreffenden  Theorie  genannt  wird,  nämlich 
jener,  welche  die  Irreponibilität  der  Hernie  durch  die  Anhäufung  von 
Fäcalien  in  den  den  Bruch  bildenden  Schlingen  erklärt.  Von  Celsus  bis 
zum  16.  Jahrhundert  war  diese  Anschauung  in  der  Herniologie  fast  aus- 
schließlich geltend,  wiewohl  nach  unseren  heutigen  Anschauungen  auf  diesem 
W^ege  nur  die  Irreponibilität  der  Dickdarmhernie  erklärt  werden  könnte, 
und  nicht  jene  der  häufigsten  Bruchart,  nämlich  der  Dünndarmhernie,  welche 
stets  einen  flüssigen  Darminhalt  beherbergt,  welcher  auch  innerhalb  der 
Hernie  nicht  verhärtet,  wie  später  Verduc,  Littre,  Arnaud  eingewendet 
haben.  Der  Befund  von  Peter  Franc o,  welcher  nicht  nur  keine  ver- 
härteten Massen  in  der  Darmschlinge  vorfand,  sondern  neben  anderem 
Inhalte  hauptsächlich  Gas  in  der  Schlinge  constatierte,  stürzte  eigentlich 
die  bisherigen  Anschauungen  vollständig  um.  Pigray  sprach  im  Jahre  1612 


Die  Irreponibilität. 


273 


die  Anschauung  aus,  dass  die  irreponible,  meistens  freilich  durch  In- 
carceration  irreponible  Schlinge  von  Gasen  ausgedehnt  ist,  und  rieth  daher 
consequent,  dass  der  Bruch  behufs  Reposition  mit  einer  Hohlnadel  an- 
gestochen werden  solle;  und  weil  er  im  eröffneten  Bruche  öfters  die  Darm- 
sclilinge  gedreht  antreffen  konnte,  fügte  er  zu  diesem  Rathe  noch  den 
Vorschlag  hinzu,  dass  der  Darm  nach  Einstich  noch  —  natürlich  sub- 
cutan —  zurückgedreht,  also  gewissermaßen  gerade  gerichtet  werden 
solle.  Erst  seit  den  Zeiten  Rousset 's  (1592)  begegnen  wir  dem  Ausdrucke 
„Incarceration"  und  die  Krankheit  selbst  wurde  als  eine  Art  Einkeilung 
des  Darmes  aufgefasst.  Der  Terminus  „Einklemmung",  „Etranglement" 
des  Darmes  stammt  von  Nicolas  Lequin  aus  dem  Jahre  1665.  Ein 
bedeutsamer  Fortschritt  in  der  Lehre  über  die  Irreponibilität  der  Hernien 
war  die  Entdeckung  Riol  an 's  im  Jahre  1648,  welcher  auf  die  natürlichen 
fibrösen  Öffnungen  als  auf  Bruchpforten  hinwies,  die  äußere  Leistenöffnung 
beschrieb,  dieselbe  als  den  Sitz  oder  wenigstens  als  einen  bedeutsamen 
Factor  bei  der  Incarceration  bezeichnete  und  die  Pforten  zu  erweitern 
rieth,  damit  die  Schlinge  wieder  zurückgebracht  werden  könne.  Wie  man 
sieht,  lauter  fundamentale,  bis  heute  giltige  Sätze  der  Herniologie. 

i  Eine  gleich  wichtige  Wendung  in  den  Anschauungen  über  die  patho- 
logischen Zustände  der  Hernien  wurde  im  Jahre  1768  von  Goursand 
eingeleitet.  Während  bisher  die  sämmtlichen  pathologischen  Zustände  der 
Hernien  durch  eine  einzige  Theorie  erklärt  werden  sollten,  schied  Goursand 
auf  Grund  verschiedener  Verläufe  der  einzelnen  Incarcerationen  die  letzteren 
hauptsächlich  in  zwei  Classen,  nämlich:  1.  Das  Etranglement  par  engoue- 
ment,  die  Einklemmung  durch  Anschoppung,  und  2.  das  Etranglement  par 
inflammation,  die  Incarceration  durch  Entzündung.  Es  sind  dieses  zwar 
noch  nicht  jene  Zustände,  welche  heutzutage  die  pathologische  Herniologie 
dominieren,  nämlich  die  Incarceration,  welche  zur  Nekrosis  der  Schlinge 
führt,  und  die  plastische  Entzündung,  welche  durch  eine  Peritonitis  im 
Bruchsacke  (Peritonite  herjiiaire  Malgaigne)  zur  Verwachsung  des  Bruch- 
inhaltes mit  dem  Sacke  oder  der  verschiedenen  Theile  des  Bruchinhaltes 
untereinander  führt,  doch  wurde  hiemit  immerhin  schon  eine  Classification 
in  den  Beobachtungen  eingeführt.  So  wurden  später  die  Zustände  auch 
unter  verschiedenen  Namen  geführt.  Die  wahre,  den  Bestand  der  Schlinge 
bedrohende  Incarceration  wurde  zum  Beispiel  später  acut  genannt,  auch 
die  wahre  eigentliche  Incarceration,  Einkeilung,  Einklemmung  des  Darmes, 
während  die  Incarcerationserscheinungen,  welche  die  Entzündung  der 
Hernien  zu  begleiten  pflegen,  die  chronische  Einklemmung,  oder  die  schein- 
bare oder  Pseudoincarceration,  oder  Pseudo-Etrangiement,  endlich  auch 
Entzündung  der  Hernien  genannt  wurden. 

Goursaud  selbst  dachte  sich  nämlich  unter  der  entzündlichen  In- 
carcera,tion   eigentlich   die   wahre   Einklemmung,    sah    jedoch   die  Ent- 

M  a  y  d  1,  Specielle  Chirurgie.  I.  18 


274        Die  Irreponibilität.  —  Über  die  Verstopfung  des  Darmes  im  Bruche. 

Zündung  nicht  als  Folge,  sondern  als  Ursache  der  Incarceration  an.  Die 
Incarceration  durch  Anschoppung  dagegen  war  für  ihn  in  einer  gewissen 
Anzahl  von  Fällen  mit  milderem  Verlaufe  im  Spiele,  wobei  selten  eine  ener- 
gischere Behandlung  nothwendig  war.  Wir  würden  in  diese  Classe  heutzutage 
zum  Beispiele  die  entzündeten,  vielleicht  selbst  die  incarcerierten  Netzhernien 
einbeziehen.  Die  Eintheilung  von  Goursaud  gerieth  nach  einem  halben 
Jahrhundert  vollständig  in  Vergessenheit,  bis  im  Jahre  1840  Malgaigne, 
indem  er  die  Theorie  der  Anschoppung  vollständig  verwarf,  abermals  die 
Classification  Goursaud 's  aufgriff,  aber  derselben  eine  andere,  höher  oben 
angedeutete  Bedeutung  unterlegte,  indem  er  sagte,  dass  die  entzündlichen 
Incarcerationen  jenes  Autors  die  einzigen  wahren  Einklemmungen  sind  und 
dass  das  Etranglement  par  engouement  nichts  anderes  ist,  als  eine  Ent- 
zündung, welche  das  Bruchinnere  ergriffen  hat.  Der  Fehler,  welchen 
Malgaigne  hiebei  begieng,  besteht  darin,  dass  er  meinte,  dass  die  Mehrzahl 
der  sogenannten  Einklemmungen  entzündliche  Processe  sind,  während  jeder 
Operateur,  wenn  er  seine  Fälle  übersieht,  sich  überzeugt,  dass  es  in  seiner 
Praxis  recht  wenig  Fälle  gibt,  bei  denen  beim  Vorhandensein  thatsäch- 
licher  Incarcerationserscheinungen  nicht  eine  Incarcerationsfurche  an  der 
vorliegenden  Darmschlinge  constatiert  werden  könnte.  Dagegen  scheint 
überhaupt  die  Ansicht  Gosselin 's,  eines  Opponenten  Malgaigne 's  in 
dieser  Angelegenheit,  auf  Wahrheit  zu  beruhen,  dass  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  eine  Unterscheidung  der  wahren  Einklemmungen  von  den  Ischein- 
baren  (also  von  den  Entzündungen)  ein  Ding  der  Unmöglichkeit  ist,  und 
dass  je  erfahrener  ein  Beobachter  ist,  er  desto  leichter  zugestehen  werde, 
dass  Fälle  vorkommen,  in  denen  er  es  nicht  auf  sein  Gewissen  nehmen 
möchte,  einen  zweifelhaften  Fall  mit  Entschiedenheit  als  Entzündung  zu 
bezeichnen  und  einen  operativen  Eingriff  decidiert  abzulehnen. 

Wir  unterscheiden  heutzutage  mehrere  Zustände,  welche  zur  Irre- 
ponibilität des  Bruches  führen  können. 

1.  Über  die  Verstopfung  des  Darmes  im  Bruche. 

Mit  Rücksicht  auf  das,  was  in  der  geschichtlichen  Einleitung  gesagt 
wurde,  sollten  wir  eigentlich  zuerst  von  der  Anschoppung  des  im  Bruche 
befindlichen  Darmes  mit  seinem  eigenen,  eingedickten  oder  verhärteten 
Inhalte  sprechen,  also  von  dem  Zustande,  welcher  auch  am  Darme  inner- 
halb der  Bauchhöhle  vorkommen  kann  und  den  wir  sonst  Obturation,  meist 
bedingt  durch  Koprostase,  nennen.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  das  letztere 
nur  an  dem  in  einen  Bruch  herabgestiegenen  Dickdarm  geschehen  kann, 
höchstens  auch  an  den  der  Bauhin'schen  Klappe  benachbarten  Partien  des 
Dünndarmes.  Hiebei  ist  nicht  zu  leugnen,  dass  die  mit  der  Bruchbildung 
einhergehenden  Störungen  in  der  Fortbewegung  des  Darminhaltes  der  Ent- 


über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Brucliinhaltes. 


275 


Wickelung  einer  Koprostase  im  Bruche  förderlich  wären,  und  doch  weiß  sich 
der  Verfasser  keines  Falles  zu  entsinnen,  in  dem  die  bestehenden  Be- 
schwerden auf  eine  Eindickung  des  Darminhaltes  hätten  bezogen  werden 
können  oder  gar  müssen. 

Ausnahmsweise  könnte  es  sich  auch  um  die  Verstopfung  des  Darmes 
im  Bruche  durch  einen  Fremdkörper  handeln,  und  dieser  könnte  autochthon 
(Koth-,  Gallenstein)  oder  von  außen  eingeführt  worden  sein.  Es  besteht 
kein  Hindernis,  dass  sich  solche  Körper  auch  im  Dünndarme  verfangen; 
die  durch  dieselben  hervorgerufenen  Symptome  werden  sich  aber  kaum  von 
jenen  unterscheiden,  welche  innerhalb  der  Bauchhöhle  eingekeilte  Fremd- 
körper zu  verursachen  pflegen;  es  könnte  nur  ein-  oder  das  anderemal  der 
Fremdkörper  im  Bruche  genau  getastet  und  hiedurch  die  Diagnose 
präciser  gemacht  werden.  Wir  verweisen  diesbezüglich  auf  das  Capitel  der 
Darmobstruction. 

Hie  und  da  könnte  es  vorkommen,  dass  der  Durchbruch  von  Ge- 
schwüren —  sie  mögen  stercoralen  Ursprungs  sein  oder  durch  Fremdkörper 
hervorgerufen,  ja  spontan,  idiopathisch  sein  —  Erscheinungen  bedingt, 
welche  jenen  aufli"allend  ähnlich  sein  können,  welche  die  Darmgangrän 
bei  Incarceration  zu  begleiten  pflegen.  Diese  Veränderungen  sind  aber  in 
ihrem  Wesen  identisch  mit  denen,  welche  Perforationen  von  Fremd- 
körpern aus  dem  Processus  vermiformis  oder  aus  dem  Rectum  zu  ver- 
ursachen pflegen,  und  ihre  Folgen  könnten,  wenn  sie  an  Brüchen  vor- 
kommen, nur  insofern  sich  günstiger  gestalten,  als  sie  ja  außerhalb  der 
großen  Peritonealhöhle  ablaufen  und  sich  auf  den  Bruchsack  beschränken 
könnten. 

Doch  davon,  dass  durch  die  Anstauung  des  Darminhaltes  in  einer 
Bruchschlinge  besondere  Erscheinungen,  die  gar  den  Symptomen  einer 
Brucheinklemmung  ähneln  sollten,  auftreten,  ist  man  allgemein  abgekommen, 
daher  auch  von  allen  Theorien  über  die  Art  und  Weise,  wie  Anschoppung 
fallweise  Einklemmung  erzeugen  könnte. 

2.  Über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinhaltes  und 

seine  Folgen. 

Selbst  der  oberflächlichste  Beobachter  der  inneren  Oberfläche  des 
Bruchsackes  wird  bei  der  Operation  sowohl  von  freien  als  von  einge- 
klemmten Hernien  eine  Reihe  von  Veränderungen  beobachtet  haben,  welche 
den  sonst  normalen  Bruchinhalt  unberührt  lassen,  oder  welche  sich  auch 
auf  denselben  erstrecken.  Es  sind  dies  Veränderungen,  welche  wesentlich 
von  jenen  abweichen,  welche  durch  die  Einklemmungen  selbst  verursacht 
zu  werden  pflegen,  denn  sie  bestehen  meistens  in  der  Production  von 
strangförmigen  oder  membranösartigen  Adhäsionen,  oder  in  mehr  oder 

18* 


276 


Über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinlialtes. 


weniger  innigen  Verwachsungen  des  Bruchinhaltes  untereinander  oder 
mit  dem  Bruchsacke.  Es  ist  klar,  dass  hiedurch  die  Reponibilität  des 
Bruchinhaltes  theilweise  oder  ganz  aufgehoben  werden  kann,  oder  dass 
dadurch  Theile  gegeneinander  fixiert  werden,  welche  nach  ihrer 
Reposition  in  die  Bauchhöhle  gegeneinander  beweglich  sein  sollten  und 
deren  Fixation  nachher  auch  recht  bedenkliche  krankhafte  Erschei- 
nungen verursacht.  Der  Ursprung  des  Bruchsackes,  die  ursprüngliche 
Lagerung  der  Baucheingeweide,  die  nun  den  Bruchinhalt  bilden,  in  der 
Bauchhöhle,  das  Aussehen  der  erwähnten  Adhäsionen  erregt  in  dem  Be- 
schauer meist  beim  ersten  Anblicke  bereits  den  Gedanken,  dass  es  sich  um 
eine  selbständige,  auf  den  Bruchsack  beschränkte  peritoneale  Entzündung 
handle,  dass  dieselbe  aber  auch  eine  Theilerscheinung  einer  allgemeinen 
adhäsiven  Peritonitis  sein  kann.  Da  wir  erfahrungsgemäß  wissen,  dass 
derartige  peritoneale  Adhäsionen,  z.  B.  bei  Bauchtumoren,  durch  eine 
derart  gelinde  Entzündung  ihren  Ursprung  nehmen,  dass  die  Kranken 
durch  keinerlei  Symptome  und  Beschwerden  auf  dieselben  aufmerksam 
gemacht  werden:  weiter  weil  in  einzelnen  Fällen  der  Kranke  selbst  von 
typischen,  ziemlich  wohl  charakterisierten  Anfällen  von  peritonealer  Ent- 
zündung an  Stellen  berichtet,  welche  später  Sitze  von  Adhäsionen  be- 
funden werden  (z.  B.  in  der  Blinddarmregion,  um  die  Genitaladnexe 
herum,  endlich  um  die  Gallenblase  und  so  fort):  so  ist  es  ungemein  natürlich, 
sich  den  Vorgang  ungefähr  folgendermaßen  zurecht  zu  legen:  Es  gibt 
vielleicht  Fälle,  wo  innerhalb  des  Bruchsackes  durch  geringfügige  Trauma- 
tismen,  wie  z.  B.  die  täglichen  Repositionsversuche,  das  Tragen  von  Bruch- 
bändern und  dergleichen,  ein  gewisser  niederer  Grad  von  Entzündung  er- 
reicht wird,  ohne  dass  der  Kranke  hievon  etwas  wesentliches  verspüren 
würde,  außer  dass  der  früher  leicht  reponierbare  Bruch  allmählich  immer 
schwerer  und  schwerer  in  die  Bauchhöhle  zurückgeschoben  werden  kann. 
Es  wird  weiter  auch  Fälle  geben,  wo  besondere  Umstände,  wie  z.  B.  eine 
abgelaufene  Incarceration,  oder  die  Entzündung  des  Processus  vermiformis, 
oder  ein  sehr  rauher  Bruchinhalt,  wie  z.  B.  ein  durch  Blutstase  indurierter 
Netzklumpen,  eine  etwas  intensivere  Entzündung  hervorrufen,  welche  sowohl 
durch  die  örtlichen  Erscheinungen,  als  auch  durch  die  Mitleidenschaft  des 
an  den  Bruchsack  angrenzenden  übrigen  Peritoneums  derart  sich  dem 
Kranken  aufdrängt,  dass  er  dieselbe  wohl  nur  schwer  übersieht.  Wissen 
wir  ja  doch,  dass  von  den  intraperitonealen  Tumoren  auch  besonders  die 
höckerigen,  körnigen  Tumoren  an  die  Bauchwand  und  den  Bauchhöhlen- 
inlialt  eher  anwachsen,  als  andere,  welche  cystisch,  uniloculär,  kugelig, 
glatt  sind. 

Und  thatsächlich,  wo  wir  heutzutage  Hernien  operieren,  welche  bisher 
keinen  Incarcerationsanfall  durchgemacht  haben,  können  wir  trotzdem  oft 
bereits  gewisse  Spuren  von  pathologischen  Veränderungen  vorfinden,  ohne 


über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinhaltes. 


277 


dass  wir  in  der  Anamnese  für  dieselben  irgend  einen  Anhaltspunkt  gewinnen 
könnten.  Ein  anderesmal  beobachten  wir  wieder  Fälle,  freilich  nicht  gar 
zu  häufig  und  bei  gewissen  Brüchen  häufiger  als  bei  anderen,  z.  B.  bei 
Nabelbrüchen  häufiger  "als  bei  Schenkelbrüchen,  wo  wir  aus  milden,  auf 
eine  Einklemmung  verdächtigen  Symptomen  manchmal  die  Diagnose  auf 
thatsächliche  Incarceration  —  vielleicht  eines  weniger  wichtigen  Organes  als 
des  Darmes  —  machen  und  wo  wir  bei  Eröffnung  des  Sackes  überrascht 
sind,  wenn  wir  dennoch  als  Inhalt  desselben  eine  rosarothe  oder  eine  hell- 
rothe  hyperämische,  nicht  aber  dunkelschwarzbraune,  venostatische  Darm- 
schlinge vorfinden,  welche  durchaus  nicht  am  Bruchringe  fixiert  ist,  sondern 
welche  sich  leicht  vorziehen  lässt  und  an  welcher  wir  nirgends  auch 
nicht  die  leiseste  Spur  von  einem  Incarcerationsringe  wahrnehmen.  Eine 
mäßige  Menge  Exsudat  im  Bruchsacke,  fibrinöse  Niederschläge  auf  dem 
Bruchinhalte  und  dem  Bruchsackinnern,  zarte  membranöse  Verlöthungen 
der  beiden  letzteren  untereinander  drängen  uns  förmlich  die  Deutung  auf. 
dass  es  sich  in  diesem  Falle  dennoch  um  eine  Entzündung  des  Bruches, 
nicht  um  Incarceration  handelte. 

Wir  haben  schon  in  der  Einleitung  zu  dem  Capitel  der  Irreponibilität 
die  nothwendigen  historischen  Notizen  vorausgeschickt;  an  dieser  Stelle 
wollen  wir  nachtragen,  dass  bezüglich  der  neueren  Zeit  es  hauptsächlich 
Stephens  ist  (1829  bis  1831),  welcher  einen  doppelten  Zustand  des 
adhärenten  Bruches  unterscheidet,  nämlich  Incarceration  und  Entzündung. 

Entzündet  war  nach  demselben  ein  Bruch,  wenn  bei  der  Nekroskopie 
(wir  wissen  ja.  dass  zu  eben  dieser  Zeit  nahezu  keine  radicalen  Operationen 
der  Brüche  ausgeführt  worden  sind)  die  dunkelrothe  oder  die  bläulich 
gangränöse  Verfärbung  eines  Theiles  der  Darmoberfläche  fehlte,  wenn  auch 
der  zuführende  Arm  ausgedehnt  und  der  abführende  contrahiert  vor- 
gefunden wurde;  dafür  konnte  das  Bauchfell  und  der  Darm  sowohl  über 
als  unter  dem  Bruche  stark  entzündet  und  mit  eitrigem  Exsudat  bedeckt 
sein.  Klinisch  bezeichnet  Stephens,  dass  besonders  große,  veraltete,  ins- 
besonders  Nabelbrüche,  von  den  kleineren  aber  jene,  welche  Netz  enthalten, 
öfters  von  Entzündung  befallen  werden.  Daneben  führt  er  auch  gewisse 
diagnostische  und  therapeutische,  sowie  pathologisch-anatomische  Merkmale 
und  Winke  an,  welche  bei  weitem  nicht  den  Wert  der  soeben  erwähnten 
Unterschiede  zwischen  Incarceration  und  Entzündung  erreichen. 

V.  Dumreicher  widmete  diesem  Gegenstande  im  Jahre  1852 
in  der  k.  k.  Gesellschaft  der  Arzte  in  Wien  seine  besondere  Aufmerk- 
samkeit zu.  Derselbe  wies  hauptsächlich  auf  die  Wichtigkeit  der  örtlichen 
Symptome  hin,  unter  anderem  darauf,  dass  wir  manchmal  durch  Betasten 
des  Bruches  Reibegeräusche  constatieren  können,  welche  wir  zuweilen 
unter  ähnlichen  Bedingungen  an  anderen  serösen  Häuten,  zum  Beispiel 
am  Herzbeutel  und  am  Brustfelle  wahrzunehmen  Gelegenheit  haben.  Weiter 


278  Über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinhaltes. 

dass  wir  anstatt  des  circum Scripten  Schmerzes,  welcher,  wie  bekannt,  bei 
den  eingeklemmten  Hernien  gerade  an  der  Stelle  der  stärksten  Constriction 
empfunden  wird,  bei  den  entzündeten  Hernien  eine  Schmerzhaftigkeit 
des  ganzen  Bruches  bei  Betastung  antreffen.  Ferner  legt  v.  D um- 
reich er  einen  besonderen  Nachdruck  darauf,  dass  auch  die  allgemeinen 
Erscheinungen,  soweit  wir  ihre  Dauer  und  Stärke  betrachten,  in  keinem 
geraden  Verhältnisse  stehen.  Endlich  wies  er  darauf  hin,  dass  unter 
besonderen  Bedingungen  auch  an  einem  entzündeten  Darme  und  daher 
auch  an  einem  entzündeten  Bruche  eine  Perforation  eintreten  kann. 

Albert,  welcher  auf  Grund  von  22  Beobachtungen  diesem  Gegen- 
stande nähergetreten  ist,  unterschied,  wie  man  überhaupt  bei  allen  serösen 
Häuten  drei  Classen  der  Entzündungen  auseinanderhält:  1.  Eine  adhäsive 
hyperplastisch-fibröse  Entzündung,  2.  eine  exsudativ- seröse,  und  3.  eine 
eitrige  Entzündung.  Nach  unseren  Begriffen  von  heute  wären  es  allerdings 
nur  drei  Grade  einer  und  derselben  Infection.  nämlich  durch  eitererregende 
Mikroorganismen,  welche  sich  voneinander  nur  durch  die  Intensität,  wenn 
man  will  durch  die  Zahl  der  im  Spiele  befindlichen  Mikroorganismen 
und  ihre  verschiedene  Virulenz  voneinander  unterscheiden. 

Eine  derartige  Entzündung  kann  aber  auch  allerdings  durch  schlecht 
anliegende  Bruchbänder,  durch  eine  besonders  gewaltsame  Taxis  hervor- 
gerufen werden.  Da  letztere  gewöhnlich  bei  eingeklemmten  Hernien  an- 
gewendet wird,  so  könnte  es  in  solchen  Fällen  immer  noch  zweifelhaft  sein, 
ob  die  abgelaufene  Incarceration  oder  die  hiebei  angewendeten  Repositions- 
versuche  die  Ursache  der  Entzündung  sind.  Außer  den  Ursachen,  welche 
außerhalb  des  Bruchsackes  liegen,  durch  welche  wegen  inniger  Nachbarschaft 
eine  Entzündung  des  Bruches  angeregt  werden  kann,  hat  Malgaigne 
auch  die  Verkühlung  als  Ursache  der  Entzündung  angenommen,  indem  er 
sagte,  dass  für  viele  Personen  der  Bruch  ein  gleich  guter  Barometer  ist, 
als  die  Stumpfnarben  für  die  Amputierten.  Es  wird  niemanden  überraschen, 
dass  auch  Fremdkörper,  Geschwüre  an  der  Darmoberfläche,  Entzündungen 
und  Perforationen  des  in  einem  Bruche  enthaltenen  Proc.  vermiformis, 
anstrengende  Arbeit,  ermüdende  Märsche,  jäher  Wechsel  einer  Ernährungs- 
weise und  so  weiter  als  Ursachen  der  Entzündung  angeführt  werden. 

Der  wichtigste  Theil  der  Pathologie  der  Hernia  inflammata  ist 
die  Diagnose  derselben,  denn  von  der  letzteren  hängt  es  ab,  ob  eine 
Operation  vorgenommen  werden  soll,  ja  muss  oder  nicht.  Wir  machen 
demnach  die  Diagnose  auf  Entzündung  eines  Bruches,  wenn  wir  an  irgend 
einer  Stelle  Reibegeräusche  wahrnehmen,  wenn  der  Bruch  nur  wenig 
gespannt  ist,  vielleicht  sogar  weich  und  zusammengefallen,  wenn  der- 
selbe zum  Theile  reponibel  ist,  wenn  es  uns  gelingt,  neben  dem  Stiele 
des  Bruches  in  die  Bruchpforte  mit  dem  Finger  einzudringen,  wenn  der 
ganze  Bruch  beim  Betasten  schmerzhaft  ist,  weniger  aber  seine  engste 


über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinhaltes. 


279 


Stelle  im  Bruchsackhalse,  wenn  nach  einem  initialen  Anfalle  von  Erbrechen 
statt  einer  stetigen  Steigerung  eine  Erleichterung  dieses  Symptoms  ein- 
tritt insofern,  als  nicht  mehr  Inhaltsmassen  aus  tieferen  Abschnitten  des 
Darmes  heraufbefördert  werden,  sondern  es  zum  Beispiel  beim  Erbrechen 
von  Galle  sein  Bewenden  findet  oder  wenn  das  Erbrechen  immer  seltener 
wird,  ja  sogar  ganz  aufhört;  wenn  die  Kranken  nicht  absolut  jede  Nahrung 
verweigern,  sondern  gewisse  Quantitäten  derselben  behalten,  sogar  ver- 
langen; wenn  die  Stuhlverstopfung  weniger  absolut  ist  als  bei  der  In- 
carceration  und  wenn  trotz  der  längeren  Dauer  eines  solchen  Anfalles 
keine  allgemeinen  nervösen  Krankheitserscheinungen  sich  geltend  machen. 
Es  ist  dagegen  recht  schwer,  eine  Entzündung  von  Incarceration  zu  unter- 
scheiden, wenn  der  Bruchsack  mit  serösem  Exsudat  oder  mit  Eiter  gefüllt 
und  daher  gespannt  ist,  wenn  das  Erbrechen  nicht  aufhört,  dagegen 
die  Stuhlverstopfung  weiter  besteht,  wenn  der  Puls  immer  schwächer  wird, 
beschleunigt,  wenn  sich  das  bekannte  hippokratische  Aussehen  des  Ge- 
sichtes, Blässe  desselben,  kalter  Schweiß  daselbst  einstellt,  wie  wir  es  ab 
und  zu  beobachten,  wenn  die  Entzündung,  besonders  jene  von  sero-fibri- 
nöser,  eitriger  Beschaffenheit,  sich  vom  Bruche  aus  über  das  ganze  Peri- 
toneum ausdehnt,  oder  wenn  sich  eine  derartige  Infection  von  der  ganzen 
Peritonealhöhle  auf  das  Bruclisackinnere  fortgepflanzt  hat.  Dann,  ja,  wie 
immer  in  einem  zweifelhaften  Falle,  ist  es  nicht  rathsam,  mit  der  Hernio- 
tomie  zu  zögern,  da  es  unbedingt  nothwendig  ist,  das  eitrige  Exsudat 
aus  dem  Bruchsacke  und  den  angrenzenden  Partien  des  Peritoneums  zu 
entleeren  und  weil  nur  dadurch  gewisse  Fälle,  in  denen  die  Entzündung 
begrenzt  und  abgesackt  ist,  gerettet  werden  können.  Wir  haben  bereits  den 
Ausspruch  Gosselin's  angeführt,  dass,  einzelne,  besonders  eclatante  Fälle 
ausgenommen,  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  die  Unsicherheit  in  der  Diagnose 
so  bedeutend  ist,  dass  wir  uns  nicht  über  die  modernen  Schriftsteller, 
zum  Beispiel  F  r  a  n  c  k,  wundern  dürfen,  wenn  sie  zwar  die  Peritonitis 
herniaria  als  eine  pathologische  Einheit  anerkennen,  ihr  seltenes  Vor- 
kommen betonen,  dagegen  leugnen,  dass  man  dieselbe  klinisch  mit  Sicherheit 
erkennen  könnte,  und  wenn  sie  lehren,  dass  dieselbe  eine  Begleit-  und 
Folgeerscheinung  der  Incarceration,  besonders  des  milderen  Grades  der- 
selben, zu  sein  pflegt. 

Und  thatsächlich  ist  eine  verlässliche  Unterscheidung  zwischen 
Incarceration  und  Inflammation  insbesondere  in  den  Anfängen  des  Anfalles 
recht  unsicher,  während  nach  mehrtägigem  Verlaufe,  zum  Beispiel  bei  der 
Ankunft  der  Kranken  in  den  Krankenanstalten,  die  Wahrscheinlichkeit  des 
Bestandes  des  einen  oder  des  anderen  Zustandes  immer  mehr  hervortritt; 
und  ist  es  einmal  jemandem  gelungen,  durch  Gunst  der  Umstände  oder 
durch  strenge  Beurtheilung  der  Symptome  und  ihrer  Intensität  mit  Erfolg 
auf  der  Diagnose  „Entzündung"  zu  beharren,  dann  ist  es  schwer,  denselben 


280 


Über  die  Entzündung  des  Bruch sackes  und  Bruchinhaltes. 


von  diesem  Glauben  abzuwenden,  ebenso  denjenigen,  welcher  in  zweifel- 
haften Fällen  oder  unter  der  Diagnose  der  Einklemmung  einen  operativen 
Eingriff  vornimmt  und  nichts  als  eine  zweifellose  Entzündung  des  .Bruch- 
inhaltes und  des  Bruchsackes  vorfindet.  Das  gilt  auch  vom  Verfasser 
dieses  Buches,  der,  die  Seltenheit  der  Fälle  zugebend,  doch  zweifellos  von 
dem  Bestände  einer  selbständigen  Peritonitis  herniaria  überzeugt  ist. 

Wenn  nun  die  Entzündung  des  Bruches  oder  eines  leeren  Bruchsackes 
eitrig  ist,  dann  bemerken  wir  allerdings  manchmal  Erscheinungen  des  tiefen 


Fig.  70. 

Chronisch-entzündliche  Induration  einer  Bruchschlinge,  welche  Aulass  zu  darm- 
stenotischen  Erscheinungen  gegeben  hatte  and  deshalb  reseciert  wurde.    Ausgang  in 

Heilung. 

Abscesses;  es  gibt  jedoch  Fälle,  in  denen  eine  derartige  intensive  Er- 
krankung ohne  jedes  Symptom  verläuft. 

Interessant  sind  jene  Fälle,  in  denen  nach  Eröffnung  des  Bruchsackes 
in  der  Bruchschlinge  eine  bedeutende  Verdickung  bis  zu  1  cm  gefunden 
wurde,  und  zwar  entweder  durch  Odem  oder  durch  entzündliche  Infiltration 
oder  durch  Blutsuffusionen,  welche  schon  von  außen  sichtbar  sein  können. 
Die  in  Fig.  70,  71  und  72  wiedergegebenen  Abbildungen  illustrieren  eine 
derartige  Verdickung  der  Bruchschlinge  älteren  Datums,  welche  so  hoch- 
gradig ist,  dass  sie  stenotische  Erscheinungen  hervorbrachte  und  durch  Re- 
section  der  Schlinge  zur  Heilung  gebracht  wurde.  Die  beiden  mikroskopischen 


über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinhaltes. 


281 


Durchschnitte  veranschaulichen  den  Unterschied  der  Wanddicke  des  Darmes 
inner-  und  außerhalb  der  Bauchhöhle.  Doch  nicht  nur  durch  Beengung 
des  Darminnern  kann  eine  solche  Volumszunahme  der  Darmwand  stenotische 


7i 


i  .  Ii 


i  Fig.  71. 

Mikroskopischer  Durchschnitt  (bei  schwacher  Vergrößerung)  der  clironisch-entzündlich- 
indurierten  Bruchschlinge  ans  Fig.  70. 


Erscheinungen  hervorbringen,  sondern  auch 
dadurch,  dass  nachträglich  das  entzündliche 
Exsudat  infolge  seiner  Umwandlung  in  faseriges 
Narbenbindegewebe  eine  fortschreitende  Ver- 
engerung des  Darmlumens  bedingen  kann, 
welche  aus  anderen  Ursachen  im  Dünndarme, 
wie  bekannt,  recht  selten  beobachtet  wird. 

Während  des  Verlaufes  der  Entzündung 
verwandelt  sich  allmählich  der  freie,  reponible 
Bruch  (die  Hernia  libera,  reponibilis)  in  einen 
angewachsenen,  theilweise  oder  ganz  irrepo- 
niblen  Bruch  (Hernia  acreta,  irreponibilis), 
dessen  Symptome  darin  bestehen,  dass  der 
bisher  selbst  zurückschlüpfende  oder  leicht 
zurückschiebbare  Bruch  sich  jetzt  nur  theil- 
weise verkleinern  lässt,  so  dass  immer  noch 
ein  Theil  desselben  vor  der  Bruchpforte  liegen 
bleibt,  oder  dass  endlich  der  Bruch  über- 
haupt nicht  verkleinbar  ist.  Da  aber  selbst 
der  geringste  außen  angewachsene  Theil  des 


Fig.  72. 

Mikroskopischer  Durchschnitt 
(bei  schwacher  Vergrößerung)  der 
an  die  verdickte  Darmschlinge 
(aus  Fig.  70) angrenzenden,  inner- 
halb der  Bauchhöhle  befindlichen 
normalen  Darm  wand  (behufs  Illu- 
stration der  Differenz  der  Darm- 
wanddicke). 


282 


Über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  und  Bruchinlialtes. 


Brucliinhaltes  consequenterweise  sogar  die  Application  des  Bruchbandes 
hindert,  jedenfalls  die  Wirksamkeit  desselben,  wenigstens  als  richtigen 
Heilmittels  sicher  aufhebt,  weiter  weil  der  Stiel  des  Bruches  die  Ver- 
wachsung des  Bruchhalses  unmöglich  macht,  so  ist  es  ohneweiters  klar, 
dass  vor  allem  diese  angewachsenen,  irreponiblen  Hernien  Gegenstand 
der  radicalen  Operation  der  Brüche  geworden  sind,  und  dies  umsomehr, 
als  nicht  nur  der  im  Bruchhalse  liegende  Stiel  und  der  außen  ange- 
wachsene Theil  desselben  die  Anlegung  eines  Bracheriums  erschwert, 
sondern  auch  aus  dem  Grunde,  weil  der  Stiel  der  Geschwulst  den  noch 
in  der  Bauchhöhle  befindlichen  Eingeweiden  gewissermaßen  den  Weg  weist, 
dass  also  solche  Brüche  stetig  zunehmen  und  manchmal  ihr  Volumen 
erst  dann  stabilisieren,  wenn  nahezu  der  ganze  Bauchinhalt  im  Bruche 
gelagert  ist.  Hieven  machen  natürlich  jene  Brüche,  in  denen  der  Bruch- 
stiel circulär  an  den  Bruchsackhals  anwächst,  eine  Ausnahme,  da  hiedurch 
zwar  die  Hernie  irreponibel  gemacht,  aber  auch  der  Bruch  für  die  Ein- 
geweide nach  außen  verlöthet  worden  ist.  Wir  haben  schon  erwähnt,  dass 
für  einzelne  kleinere  Brüche  dieser  Art,  besonders  wenn  sie  das  unempfindliche 
Netz  enthalten,  wir  im  Nothfalle  trotzdem  Bruchbänder,  dann  aber  mit 
ausgehöhlter  Pelotte  anlegen. 

Von  den  einzelnen  Brucharten  pflegen  gewöhnlich  die  Nabelhernien 
nahezu  immer  angewachsen  zu  sein,  von  den  übrigen  häufiger  die  Leisten- 
brüche als  die  Schenkelbrüche  und,  wie  ebenfalls  bereits  angeführt  wurde, 
zeigen  die  Netzbrüche  eine  bei  weitem  größere  Tendenz  zur  Adhärenz  an 
den  Bruchsack,  als  der  Darmbruch. 

Es  ist  ohneweiters  begreiflich,  dass  der  Nabelbruch,  welcher  Netz 
und  gar  im  angewachsenen  Zustande  enthält,  wegen  der  Dünnheit  seiner 
Bedeckungen  und  wegen  der  Reibung  der  knapp  über  ihm  gebundenen 
Kleider  leicht  zu  Excoriationen  neigt,  welche  sich  auch  zu  Geschwüren 
vertiefen  können,  worauf  abermals  das  darunterliegende  dünne  Peritoneal- 
blatt  gereizt  wird  und  die  Verwachsungen  wieder  vermehrt  werden.  Es 
kann  auch  geschehen,  dass  durch  Tiefergreifen  der  Geschwüre  der  Bruch- 
sack eröffnet  und  sodann  der  Bruchinhalt  nicht  nur  zutage  liegt,  sondern 
in  Form  von  Zapfen  nach  außen  vorfällt.  Außer  bei  Nabelbrüchen  beobachten 
wir  derartige  Verschwärungen  bei  anderen  Hernien  ziemlich  selten  und  ist  in 
dieser  Beziehung  Fig.  73  ein  Ausnahmsfall,  da  er  eine  inguinale  Hernie  bei 
einer  Frau  darstellt,  welche  an  der  Basis  der  Hernie  einige  Darmfisteln 
aufweist;  ebenso  auch  Fig.  74,  an  deren  unterem  Pole  ein  doppelter  Vorfall 
granulierender  Netzzipfel  sichtbar  ist.  Beide  Fällen  betrafen  Frauen,  welche 
keine  Incarceration  je  durchgemacht  haben.  Beide  wurden  selbstverständlich 
einer  radicalen  Cur  des  Bruches  unterzogen. 


über  die  Entzündung  des  Bruchsackes  i^nd  Bruchinhaltes. 


283 


■\ 
\ 
\ 


Fig.  73. 

Inguinalhernie  bei  einer  Frau. 
Mehrere  Darmfisteln    an    der  Basis 
des  Braches. 


Fiy.  74. 

Inguinalhernie  bei  einer  Frau. 
Vorfall  von  granulierenden  Netzzipfeln 
am  Scheitel  des  Bruches. 


284 


Übersicht  der  operierten  ein] 


igelilemmten  Hernien. 


Übersicht  der  operierten 


Jahr 


Bruchgattung 


1881 


188-2 


1883 


1884 


1885 


1886 


1887 


1888 


1889 


1890 


Hernia  inguinalis  . 

,,  cruralis 

,  inguinalis  . 

„  cruralis 

^  umbilicalis 

„  interna 

„  inguinalis  . 

„  cruralis 

„  umbilicalis 

^  inguinalis  . 

^  cruralis 

„  umbilicalis 

,  inguinalis  . 

,,  cruralis 

„  umbilicalis 

„  inguinalis  . 

„  cruralis 

„  umbilicalis 

inguinalis  . 

„  cruralis 

„  umbilicalis 

.,  interna 

„  inguinalis  . 

.,  cruralis 

„  inguinalis  . 

„  cruralis 

„  umbilicalis 

„  interna 

,,  inguinalis  . 

.,  cruralis 
umbilicalis 


Art  des  Eing 

;rifPes 

Gesammtzahl 

Taxis 

Herniotomie 

Anus  prsetern. 

Prim.  Resect. 

See.  Resect. 

Unbek.  Eingriff 

15 

7 

b 

1 

11 

3 

7 

1 

— 

— 

19 

b 

Q 
O 

Q 
O 

17 

»> 

ö 

10 

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1 

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1 

1 

2 

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Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien. 


285 


ei  u  geklemmten  Hernien. 


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1 

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Ohne 

Herniotomie 

Anus  praeter n. 

Prim. 

3,esect. 

See.  Resect. 

ünbek.  Eingriff 

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Gebessert 

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Gebessert 

Fistel 

Gestorben 

Geheilt 

Gebessert 

Fistel 

Gestorben 

Geheilt 

Gebessert 

Fistel 

Gestorben 

Geheilt 

Gebessert 

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1 

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3 

1 

1 
1 

286 


Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien 


Jahr 


Bruch gattung 


Art  des  Eingriffes 


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1891 


1891—92 


1892-93 


1893—94 


1894-95 


1895-96 


Hernia  inguinalis  . 
cruralis 
„  umbilicalis 
„       periuealis  . 
,.  interna 


inguinalis , . 
cruralis 


inguinalis 
cruralis 


inguinalis 
cruralis 


inguinalis 
cruralis 


inguinalis 
cruralis 


1)  Von  1891 — 92  an  sind  in  diese 
Zusammenstellung  bloS  die  Leisten-  und 
Schenkelliernien  einbezogen  worden. 


13 
4 
1 


11 
7 

6 
2 

3 
2 


Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien.  287 


f  0 

1 

g 

Ohne 

Herniotomie 

Anus  praetern. 

Prim.  Resect. 

See.  Resect. 

ünbek.  Eingriff 

Operation 

Geheilt 

1  Gebessert 

Fistel 

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Geheilt 

Gebessert 

Fistel 

Gestorben 

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Gebessert 

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14 
16 

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3 

1 

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10 
17 

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288  Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien. 


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Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hejuien.  289 


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M  a  y  d  1,  Specielle  Chirurgie.  I. 


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290 


Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien. 


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Übersicht  der  operierten  eingeklemmten  Hernien.  291 


Erfolg 

ge- 
storben 

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geheilt 

uen'B.T^ 

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Operativer  Eingriff 

Kesectio  intest, 
secundar. 

Frauen 

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über  Einklemmung  der  Brüche. 


293 


3.  Über  Einklemmung  der  Brüche. 

Geschichtliche  Bemerkungen. 

Wir  haben  bereits  in  der  Einleitung  zum  Capitel  über  die  Irre- 
ponibilität  der  Brüche  im  allgemeinen  angeführt,  seit  welcher  Zeit  wir 
eigentlich  von  einer  Einklemmung  der  Brüche  sprechen,  und  wie  dieselbe 
aufgefasst  wurde,  bis  der  Unterschied  zwischen  ihr  und  der  Entzündung 
des  Bruches  genauer  festgestellt  ward.  Desgleichen  thaten  wir  der 
Wahrnehmung  Riolan's  Erwähnung,  dass  die  natürlichen,  fibrösen 
Durchlässe  der  Bauchwand  die  Bruchpforten  bilden  und  der  Sitz  der 
Einklemmung  zu  sein  pflegen.  Ledran  und  Arn  au  d  thaten  einen  weiteren 
Schritt  nach  vorwärts,  indem  sie  erklärten,  dass  die  Einklemmung  auch 
innerhalb  des  Bruchsackhalses  ihren  Sitz  haben  könne,  an  welchem 
Orte  demnach  auch  die  Lösung  der  Einklemmung  vorgenommen  werden 
müsse.  Derselbe  Arnaud  (1740)  constatierte  auch,  dass  die  Incarceration 
auch  an  zufälligen  Bruchringen,  besonders  bei  Schenkelhernien  vorkommen 
könne.  Erst  nach  langen  Kämpfen,  welche  dadurch  hervorgerufen  wurden, 
dass  einzelne  Forscher  allzusehr  Anhänger  einer  einzigen  Anschauung 
waren,  stabilisierte  sich  die  Lehre  von  der  Brucheinklemmung  dahin,  dass 
dieselbe  für  gewöhnlich  am  Bruchhalse,  manchmal  aber  auch,  besonders 
bei  Schenkelhernien,  in  zufälligen  Bruchpforten  sich  ereignen  könne. 
Chassaignac,  später  B a x  griffen  die  alte  Theorie  wieder  auf,  da  sie 
behaupteten,  dass  auch  das  Ligamentum  Gimbernati  für  die  Einklemmung 
von  großer  Bedeutung  sei,  indem  sie  darauf  hinwiesen,  dass  auch  außer- 
halb des  Sackes  eine  erfolgreiche  Lösung  der  Einklemmung  vorgenommen 
werden  könne,  und  darauf,  dass  die  äußere  (Schenkelcanal-)  Öffnung  (z.  B. 
in  einer  Lücke  der  Fascia  cribriformis)  sich  zur  inneren  Mündung  dieses 
Durchlasses  annähern  könne,  so  dass  ein  Auseinanderhalten  derselben 
undenkbar  ist,  hiemit  aber  auch  die  Basierung  einer  Theorie  auf  den  be- 
treffenden Befunden  unzulässig  ist. 

Eines  Ausdruckes  muss  in  diesem  einleitenden  Capitel  Erwähnung 
gethan  werden,  nämlich  der  spastischen  Incarceration  (Richter's),  von 
der  bis  vor  kurzer  Zeit  häufig  in  der  Herniologie  gesprochen  wurde.  Es  sollte 
hiemit  jene  Einklemmungsabart  bezeichnet  werden,  deren  Erscheinungen  zeit- 
weise nachließen,  um  unter  lebhafter  Peristaltik  des  Darmes  abermals  aufzu- 
treten und  sich  zu  steigern.  Wenn  auch  die  klinische  Beobachtung  des  Verlaufes 
richtig  ist,  so  ist  die  Thatsächlichkeit  des  vorausgesetzten  Mechanismus, 
nämlich  der  Muskelkrampf,  bisher  stets  abgelehnt  worden,  überhaupt  ist 
es  eigentlich  keine  abweichende,  abgesonderte  Form  der  Einklemmung, 
sondern  eine  Exaggeration  des  gewöhnlichen  Verlaufes,  welcher  bei  an- 
dauernder und  sorgfältiger  Beobachtung  ebenfalls  wechselnd  (Etranglement 
ä  marche  remittente)  zu  ««ein  pflegt..  Fügen  wir  jedoch  an  dieser  Stelle  gleich 


294 


Über  Einklemmung  der  Brüche. 


hinzu,  dass  diese  Anschauung  über  den  Mechanismus  nicht  mit  jenen  Formen 
der  Einklemmung  in  Verbindung  gebracht  werden  darf,  welche  mit  Krämpfen 
an  den  Extremitäten,  Cyanose,  Temperaturabfall,  Stimmlosigkeit,  Anurie  etc. 
einherverläuft,  und  welche  Malgaigne  (1854,  früher  schon  B einet  1832, 
wegen  der  Ähnlichkeit  mit  der  gleichzeitig  herrschenden  Cholera)  „Cholera 
herniaire"  benannt  hat.  Auch  sonst  führt  die  excessive  Schmerzhaftigkeit 
der  Einklemmung,  insbesondere  bei  Kindern,  zu  epileptischen,  eklamptischen 
Anfällen,  mit  Myose  der  Pupillen  und  Strabismus;  ja,  auch  vollentwickelte 
Psychose  wurde  beobachtet,  während  welcher  sogar  Selbstmordversuche 
begangen  wurden. 

Scarpa  war  es,  welcher  in  die  Hernienterminologie  die  Bezeichnung 
„acute  und  chronische  Incarceration"  einführte.  Jene  verlief  unter  rapider 
Steigerung  der  Symptome,  so  dass  der  ganze  Verlauf  bis  zu  den  äußersten 
Anzeichen  der  Einklemmung  oft  nur  36 — 60  Stunden  dauerte.  Die  Temperatur 
pflegt  in  solchen  Fällen  erhöht  zu  sein.  Bei  der  chronischen  Incarceration 
(Etranglement  lent  ou  chronique)  ist  der  Verlauf  etwas  verborgener,  sozusagen 
tückischer,  so  dass  wir  oft  erst  in  3 — 5  Tagen  zu  der  festen  Diagnose: 
„Incarceration",  gelangen. 

Allgemeine   Bemerkungen   über    die   eingeklemmten  oder 
incarcerierten  Hernien. 

Das  Verhältnis  der  freien  und  eingeklemmten  Brüche  zueinander  ist 
nicht  constant.  Dieser  Umstand  wird  am  besten  am  Hernienmateriale  der  Klinik 
des  Verfassers  während  des  letzten  Quinquenniums  ersichtlich.  Da  vor  dem 
Antritte  des  Verfassers  keine  Radicaloperationen  ausgeführt  worden  waren,  so 
überwogen  auch  nach  seiner  Übernahme  die  incarcerierten  Hernien  weit  über  die 
freien;  im  ersten  Jahre  (1891/92)  wurden  nur  11  freie  und  67  eingeklemmte 
Brüche  operiert;  in  den  ersten  3  Jahren  standen  bei  220  mit  Hernien  behafteten 
Patienten  170  eingeklemmte  50  freien  Hernien  gegenüber.  In  den  letzten  2  Jahren 
(1894/96)  kehrt  sich  das  Verhältnis  bereits  um,  indem  102  incarcerierten 
118  freie  Hernien  entsprechen.  Während  also  die  Anzahl  der  incarcerierten 
Hernien  in  diesen  5  Jahren  nur  wenig  um  ein  Mittel  herum  schwankt 
(67,  50,  53,  52,  50),  sehen  wir,  dass  die  Anzahl  der  operierten  freien 
Hernien  immer  noch  in  aufsteigender  Bewegung  sich  befindet  (von  11 — 64, 
sogar  79  im  Jahre  1896/97).  Die  Herniotomie  ist  nämlich  ein  altbekannter 
Eingriff,  dessen  souveräne  Wirksamkeit  in  nicht  allzu  vernachlässigten 
Fällen  anerkannt  ist,  während  die  Radicalcur  der  Hernie  ein  moderner 
Vorgang  ist,  welcher  mit  fortschreitender  Vervollkommnung  auch  immer  mehr 
Freunde  wirbt,  in  immer  breiteren  Schichten  der  Bevölkerung  bekannt  wird. 

Es  wäre  natürlich  von  Interesse,  sicherzustellen,  ob  auch  an  anderen 
Instituten  die  jährliche  Durchschnittszahl  an  eingeklemmten  Brüchen  innerhalb 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


295 


enger  Grenzen  schwankt,  wieviel  sie  an  einzelnen  Anstalten  beträgt, 
freilich  unter  der  Voraussetzung,  dass  die  äußeren  Verhältnisse  gleichbleiben, 
z.  B.  Gründungen  neuer  Anstalten  das  Material  eines  bestimmten  Instituts 
nicht  schmälern,  oder  Kliniken  oder  Abtheilungen  nicht  getheilt  werden. 

Aus  der  Züricher  Klinik  wurden  276  Fälle  aus  einem  Zeiträume  von 
13  Jahren  veröffentlicht,  nicht  ganz  soviel  als  auf  der  Klinik  des  Verfassers 
Fälle  binnen  5  Jahren  aufgenommen  wurden.  Bezüglich  der  incarcerierten 
Hernien  kann  auch  dort  eine  Durchschnittszahl  ermittelt  werden.  Nur 
muss  man  betreffs  dessen  für  Zürich  zwei  Phasen  unterscheiden;  im  Zeit- 
räume von  1881 — 1887  schwankte  die  Zahl  der  Operationen  zwischen  10 
und  20  (11,  17,  13,  16,  18,  17),  seit  1887  stieg  diese  Zahl  über  20,  mit 
2  Rückfällen  im  Jahre  1888/89  und  1892/93  und  einer  außerordentlich 
hohen  Zahl  im  Jahre  1894/95;  die  Zahlen  lauten  dann:  24,  18,  22,  22, 
22,  17,  25.  Es  wäre  nun  erwünscht,  in  ähnlicher  Weise,  wie  es  Berger 
gethan,  nachzuforschen,  ob  vom  Jahre  1887  nicht  eine  auffällige  Zunahme 
der  Bewohnerzahl  Zürichs  datiert,  oder  welcher  Umstand  die  Erhöhung 
der  Hernienzahl  verschuldet. 

Bei  den  statistischen  Angaben  über  incarcerierte  Hernien  möchten 
wir  vor  allem  wissen,  wie  sich  percentuell  die  einzelnen  Brucharten  an 
der  Gesammtzahl  der  incarcerierten  Hernien  betheiligen.  Beginnen  wir 
mit  der  Klinik  des  Verfassers: 

Im  Jahre  1891^92  wurden  operiert  33  Leisten-  und  32  Schenkelbrüche, 
„      „     1892-93      „  „       27      „         „  25 

„      „     1893    94      „  „       31      „         „    23  „ 

„      „     1894-95      „  „       32      „        „  21 

„      „     1895-96   36      „        „  31 

Zusammen  wurden  operiert  159  Leisten-  und  132  Schenkelbrüche, 

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an  denen  sich  die  Leistenhernien  mit  54"6  und  die  Schenkelhernien  mit 
45-40/0  betheiligen. 

Vergleichen  wir  hiemit  die  Angaben   aus  anderen   Anstalten:  Im 
Jahre    1889    veröffentlichte  Adler   aus   der  Berliner  Universitätsklinik 
159  Fälle  aus  einer  Epoche  von  5  Jahren;  darunter  waren  102  incar- 
ceriert;  von  den  letzteren  entfallen 
auf  Leistenhernien 
„  Schenkelhernien 
„   Nabelhernien  . 
„  Ventralhernien 
„   unbestimmte  . 

Die  Publication  Gärber's  aus  dem  Jahre  1880  führt  aus  der 
Greifswalder  Klinik  39  Fälle  an,  u.  zw.: 


43   (=  42-1  o/„), 
50   (=  500/0), 

1, 
4. 

1880  führt 


296 


Uber  Einklemmung  der  Brüche. 


18  Leistenhernien        .        .        .      =    46*1  "/o? 
16  Schenkelhernien      .        .        .      =    48-7  o^o, 
2  Nabelhernien.        .        .        .      =      5-1  "/o. 
Wohl  er  verarbeitete  das  Hamburger  Hernienmaterial  von  9  Jahren 
(bis  1888);  es  wurden  387  Hernien  radical  operiert,  darunter  115  einge- 
klemmte Brüche: 

nämlich  51  Leistenhernien    .        .      =    44-3  »/g, 
64  Schenkelbrüche    .        .      =    55-7  "/o- 
Habs  stellte  aus  dem  Magdeburger  Stadtkrankenhause  200  Fälle 
von  Hernien  zusammen,  von  denen  170  Fälle  auf  eingeklemmte  Brüche 
entfallen.  Beobachtungsdauer  8  Jahre. 

Darunter  waren:  66  Leistenhernien       =    38-8 "/g, 
96  Schenkelhernien     =  56"4''/o, 
3  Nabelhernien         =  l'8o/o- 
Henggeier  basiert  seine  Arbeit  auf  276  Fälle  der  Züricher  Klinik 
aus  den  Jahren  1881 — 1894.  Die  Vertheilung  war  wie  folgt: 
III  Leistenhernien     ...        =  4020 
159  Schenkelhernien  .        .        .       =  57-60  «/o, 
4  obturatorische      .        .        .        =  l-44''/o) 
2  Nabelhernien       .        .        .        =    0-72  %. 
Simon  berichtet  über  68  incarcerierte  Hernien  (für  den  Zeitraum 
vom  1.  October  1889  bis  1.  October  1894)  aus  der  Heidelberger  Klinik. 
Hievon  betrafen: 

38  Leistenbrüche        .        .        .       =    56  "/o, 
30  Schenkelbrüche      .        .        .        =    44  o/o- 
Die  von  Ludwig  aus  der  Innsbrucker  Klinik  berichteten  6  incarce- 
rierten  Hernien  (eines  Jahres)  betrafen  insgesammt  Leistenbrüche;  dieser 
geringen  Zahl  an  Herniotomien  steht  eine  erstaunliche  Anzahl  von  143 
während  eines  Jahres  operierten  freien  Brüche  gegenüber. 

Die  Verhältniszahlen  der  incarcerierten  Leisten-  und  Schenkelbrüche 
zueinander  ähneln  in  der  (Prager)  Klinik  des  Verfassers  am  ehesten  denen 
der  Heidelberger  Klinik,  insofern,  als  auf  beiden  Anstalten  unter  den  ein- 
geklemmten Brüchen  die  Leistenbrüche  überwiegen,  während  sonst  überall 
die  Schenkelbrüche   in  erster  Reihe   stehen,   dieselben   nämlich   um  2, 
11  — 17 — 18^0  die  Leistenhernien  übertreffen.   Genau  in  der  Mitte  steht 
die  Breslauer  Klinik,  aus  welcher  von  Reichel  für  10  Jahre  über 
77  Leistenhernien        .        .        .        =  484  "/o, 
77  Schenkelhernien      .        .        .        =  48-4  »/o, 
nebst  5  anderen  Brüchen  berichtet  wurde. 

Geschlecht:  Wie  in  der  Gesammtzahl  der  Hernien,  werden  auch  in- 
carcerierte Leistenhernien  zumeist  bei  Männern,  incarcerierte  Schenkelhernien 
überwiegend  bei  Frauen  beobachtet;  doch  muss  man  nur  die  Incarceration 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


297 


von  Schenkelhernien  bei  Männern  als  Ausnahmsfälle  bezeichnen,  während 
incarcerierte  Leistenhernien  bei  Frauen  öfters  zur  Operation  kommen. 
Wenn  wir  von  der  Bruchart  absehen,  so  könnte  es  bei  einzelnen  Statistiken 
scheinen,  dass  das  eine  Geschlecht  mehr  von  Incarcerationen  befallen  wird, 
als  das  andere.  Unter  160  (Breslauer)  Fällen  gab  es  64  Männer  und 
96  Frauen.  Sobald  aber  die  Beobachtungen  zu  größeren  Massen  zusammen- 
gefasst  werden,  scheint  sich  dieser  Unterschied  auszugleichen.  Unter  den 
1099  Fällen  Frikhöffer's  gab  es  537  Männer  und  562  Frauen,  ein 
Unterschied,  welcher  nicht  in  die  Wagschale  fällt.-  Die  Zählungsergebnisse 
unserer  eigenen  Klinik  entsprechen  vollkommen  der  eben  erwähnten  Ver- 
theilung,  insofern,  als  im  Quinquennium  1891  —  96  unter  291  Hernien 
146  Männer  und  145  Frauen  gezählt  wurden. 

Alter:  Man  würde  a  priori  schließen,  dass  die  Incarceration  umso 
eher  vorkommen  dürfte,  je  mehr  sich  gewisse  Altersclassen  jenen  Schädlich- 
keiten aussetzen,  die  eine  Incarceration  zur  Folge  haben  können,  so  dass  dar- 
nach die  Einklemmung  im  mittleren  Alter  am  häufigsten  vorkommen  sollte. 
Nach  verschiedenen  Zusammenstellungen  stellt  sich  aber  heraus,  dass  die 
Anzahl  der  eingeklemmten  Hernien  auch  über  das  mittlere  Lebensalter 
ansteigt,  was  umsomehr  in  die  Augen  fällt,  als  über  das  mittlere  Lebens- 
alter hinaus  die  Zahl  der  Individuen  rasch  abnimmt,  ohne  dass  die  Abnahme 
der  Brüche  gleichen  Schritt  hielte,  so  dass  gesagt  werden  kann,  dass  die 
Zahl  der  incarcerierten  Hernien  mit  dem  zunehmenden  Alter  sich  ver- 
hältnismäßig vermehrt.  Nach  der  Wernher 'sehen  Statistik  nehmen  die 
Leistenhernien  in  den  Decennien  nach  20  Jahren  im  Verhältnis  der  nach- 
folgenden Zahlen  ab  :  18  :  16  :  12  :  7  :  3;  die  eingeklemmten  Hernien  nehmen 
dagegen  bei  weitem  langsamer  ab,  das  heißt  im  Verhältnis  wie  18  :  17  : 
13  :  12  :  9.  Noch  auffallender  ist  die  Disposition  zur  Entwickelung  der 
Schenkelhernien  im  zunehmenden  Alter:  ihr  Vorkommen  (nach  dem 
20.  Lebensjahre)  entspricht  folgenden  Verhältniszahlen:  25  :  29  :  22  :  12  :  5, 
während  die  incarcerierten  Cruralhernien  in  folgender  Häufigkeitsscala 
beobachtet  werden:  1  :  10 :  22  :  19  :  15. 

Das  Kindesalter  ist  gegen  Einklemmung  ziemlich  geschützt.  Unter 
den  in  äen  letzten  6  Jahren  auf  der  Klinik  des  Verfassers  operierten 
269  freien,  369  incarcerierten  Hernien,  zusammen  638  Fällen,  befand  sich 
unter  25  Fällen  Hernien  bei  Kindern  eine  einzige  incarcerierte  Inguinal- 
hernie. 

a)  Uber  die  Netzeinklemmung  (Incarceratio  omentalis). 

Die  Einklemmung  eines  Netzlappens  oder  Netzzipfels  bis  zur  Ein- 
keilung der  ganzen  Breite  des  indurierten  und  hypertrophischen  Netzes  war 
selbstverständlich  ebenfalls  seit  jeher  eine  häufig  discutierte  Erscheinung.  In 
•  früheren  Zeiten  wurde  die  Möglichkeit  einer  Netzincarceration  zugegeben. 


298 


Über  Einklemmung  der  Brüche. 


bis  Malgaigne  in  seinem  Werke  über  die  Entzündung  des  Bruches  die 
Meinung  äußerte,  dass  die  Constriction  des  Netzstieles  eigentlich  nur  eine 
ganz  untergeordnete  Rolle  spiele  und  dass  sämmtliche  Erscheinungen 
eigentlich  von  der  Bruchentzündung,  demnach  von  der  Peritonite  herniaire, 
oder  von  der  Epiploitis  hergeleitet  werden  sollen.  Wie  sehr  unter  dem 
Ausspruche  Malgaigne's  die  ganze  damalige  sachliche  Anschauung  stand, 
geht  daraus  hervor,  dass  sich  noch  im  Jahre  1868  der  bekannte  Chirurg 
Rose  in  Berlin  mit  aller  Entschiedenheit  gegen  die  Möglichkeit  einer 
Netzeinklemmung  äußerte.  In  Frankreich  war  es  Gosselin.  ein  Gegner 
M  a  1  g  a  i  g  n  e  's,  welcher  einige  Fälle  von  Netzincarceration  beobachtet 
hatte.  Gegen  Rose  trat  der  Heidelberger  Chirurg  Simon  auf. 

Die  Versuche  R  o  s  e  's,  dass  durch  Abschnürung  eines  Netzzipfels 
mittelst  eines  Fadens  unmöglich  Gangrän  hervorgerufen  werde,  deutete 
Simon  so,  dass  nachdem  der  Faden  die  oberflächlichen  Schichten  des 
Netzzipfels  durchschnitten  hatte,  diese  über  ihm  wieder  verwachsen  können, 
wodurch  aber  nicht  nur  die  tieferen  Schichten  frei  geworden  sind,  sondern 
auch  die  Oberfläche  vom  Centrum  aus  ernährt  werden  könne.  Simon 
sagte  auch  weiter,  dass  eine  _  Bruchpforte  und  ein  Faden  zwei  wesentlich 
verschiedene  Dinge  sind,  indem  die  erstere  nicht  durch  ein  plötzliches 
Einschneiden,  sondern  durch  allmählichen  Druck  wirke.  Es  ist  gar  kein 
Zweifel,  dass  bei  der  Häufigkeit  der  Mitbetheiligang  des  Netzes  an  der 
Bruchbildung  verhältnismäßig  selten  Gangrän  des  Netzes  bei  Incarceration 
der  gemischten  oder  ausschließlichen  Netzhernien  beobachtet  werde.  Wir 
selbst  erklären  uns  die  Seltenheit  der  gangränösen  Netzhernien  dadurch, 
dass  die  Mehrzahl  der  Netzhernien  im  Augenblicke  der  Incarceration  ge- 
wöhnlich an  irgend  einer  Stelle  des  Bruchsackes  oder  des  Bruchsack- 
halses verwachsen  zu  sein  pflegt.  Diese  Adhäsionen,  die  bei  älteren 
Netzbrüchen  selten  fehlen,  können  aber  eben  die  Ernährungsquelle  für 
den  Netzzipfel  abgeben,  sobald  die  sonstigen  Ernährungsgefäße  central  von 
jenen  Verwachsungen  bis  zur  Undurchgängigkeit  comprimiert  sind.  Des- 
wegen braucht  bei  der  Mehrzahl  der  Netzhernien  die  Constriction  der 
ernährenden  Gefäße  nicht  so  deletär  zu  wirken,  wie  bei  den  Darmhernien, 
welche  in  der  Überzahl  der  Fälle  wieder  gewöhnlich  frei  zu  sein  pflegen 
und  deren  Ernährungsgefäße  in  ihrer  eigenthümlichen  Anordnung  eine  Er- 
nährung von  den  seitlichen  Collateralen  nur  schwer  zulassen.  Es  würde  daher 
nur  die  Erklärung  noch  übrig  bleiben,  warum  die  nicht  angewachsenen  Netz- 
hernien nicht  leicht  gangränescieren.  Abgesehen  davon,  dass  die  Erklärung 
Simon 's  vielleicht  vollständig  richtig  ist,  müssen  wir  auf  Grund  von  ver- 
lässlichen Beobachtungen  behaupten,  dass  es  eine  Gangrän  des  Netzes  infolge 
von  Incarceration  thatsächlich  gebe.  So  constatierte  Albert  unter  30  Fällen 
von  gangränösen  Enteroepiplocelen  zwei  deutliche  Fälle  von  Gangrän  des 
Netzes,  wodurch  olfenbar  alle  Speculationen  über  die  Möghchkeit  des  Ab- 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


299 


Sterbens  des  Netzes  bei  Einklemmung  wegfallen.  Ein  classisches  Beispiel  einer 
Incarceration  des  Netzes  mit  Gangrän  besprach  im  Jahre  1864  Piedewache 
im  Bulletin  de  la  Societe  anatom.  „Das  Netz  ist  schwarz  verfärbt,  in  seiner 
ganzen  Ausdehnung  auf  1  cm  verdickt,  sehr  hart;  am  Durchschnitte  zeigt  sich 
dasselbe  von  Blut  durchsetzt,  aber  auch  von  plastischen  Producten,  welche 
nicht  aus  der  jüngsten  Zeit  herstammen.  Die  omentalen  Drüsen  partici- 
pieren  an  der  Hypertrophie."  Auch  an  unserer  KUnik  wurde  in  der  letzten 
Zeit  eine  bis  zur  vollständig  schwarzen  Verfärbung  des  Netzes  und  voll- 
ständiger Obturation  der  Gefäße  fortschreitende  Incarceration  des  Netzes 
beobachtet,  wovon  auch  die  nachstehende  Abbildung  (Fig.  75)  einen 
mikroskopischen  Durchschnitt  wiedergibt.   Rose  hat  aber  auf  Grund  von 


Incarceriertes  Netz  mit  Tlirombose  aller  Gefäße  und  beginnender  Gangrän. 

5  Fällen  die  Meinung  geäußert,  dass  die  gedeckten  Hernien,  das  heißt 
die  von  einer  Netzlage  geschützten  Hernien  günstiger  verlaufen,  als  die 
reinen  Darmbrüche,  da  sie  durch  die  erwähnte  Netzlage  vor  Druck  be- 
wahrt werden,  so  dass  reine  Darmbrüche  nach  dem  dritten  Tage  nur 
ausnahmsweise,  die  gedeckten  Hernien  aber  nach  dem  achten  Tage  der 
Incarceration  durch  Herniotomie  immer  noch  gerettet  werden  können.  Da- 
durch aber,  dass  Albert  unter  30  gedeckten  Hernien  bei  der  Operation 
5  gangränöse  feststellen  konnte,  weiter  dadurch,  dass  bei  5  weiteren  Fällen 
später  Gangrän  auftrat,  ist  auch  diese  nicht  genügend  gestützte  Anschauung 
entkräftet.  Die  Erfahrungen  anderer  Beobachter  bis  auf  die  neueste  Zeit 
zeugen  von  der  Berechtigung  des  Albert 'sehen  Widerspruches. 

Was  die  Erscheinungen  der  Netzeinklemmung  betrifft,  so  kann  durch 
die  letztere  vielleicht  keine  stercorale  Phlegmone,  keine  Darmfistel,  kein 


300 


über  Einklemmung  der  Bräche. 


widernatürlicher  After  entstehen,  doch  kommen  Symptome,  wie  Erbrechen, 
verhaltener  Stuhl  und  Gaseabgang,  daher  Meteorismus  auch  bei  Netzein- 
klemmung  vor,  denn  das  erstere  kann  reflectorischen  Ursprunges  sein  und 
das  letztere  kann  dadurch  bedingt  sein,  dass  mitten  durch  die  Bauchhöhle 
ein  gespannter  Netzstrang  verläuft,  durch  welchen  verschiedene  Hemmnisse 
in  der  Fortbewegung  des  Darminhaltes  gesetzt  werden  können,  wie  zum 
Beispiel  Compression  des  Darmes,  Knickung  des  Darmes,  weiter  Ver- 
schlingung desselben  und  ähnliches.  Doch  sind  die  Erscheinungen  einer 
Netzeinklemmung  unter  den  gewöhnlichen  Verhältnissen,  wo  sich  die 
letzteren  Zustände  nicht  damit  combinieren,  jedenfalls  milder,  sie  steigern 
sich  nicht,  sie  nehmen  ab  und,  was  das  wichtigste  ist,  es  kommt  nicht 
jener  schädigende  Einfluss  der  Incarceration  auf  die  Herzthätigkeit  vor, 
welcher  jedes  Ende  einer  ohne  Hilfe  verlaufenden  Darmeinklemmung  kenn- 
zeichnet. 


h)  Incarceration  des  Darmes  (Incarceratio  intestini). 

Die  sämmtlichen  Erscheinungen  der  Darmeinklemmung  erklären  wir 
uns  auf  doppelte  Weise:  Entweder,  sagen  wir,  ist  der  Darm  elastisch  ein- 
geklemmt oder  die  Incarceration  ist  die  Folge  einer  eigenthümlichen 
plötzlichen  Füllung  der  Darmschlinge  mit  flüssigem  oder  gasförmigem 
Inhalte,  welche  eine  ündurchgängigkeit  des  Darmes  bedingt.  Deswegen 
nennt  man  auch  die  letztere  Abart,  weil  sie  durch  den  Darminhalt  selbst 
bedingt  ist,  die  stercorale. 

Die  erstere  Abart  entsteht  dann,  wenn  durch  einen  engen,  aber  nach- 
giebigen elastischen  Ring  unter  heftiger  Einwirkung  der  Bauchpresse  eine 
Darmschlinge  oder  irgend  ein  anderes  Eingeweide  hindurchgepresst  wird, 
worauf,  sobald  die  Bauchpresse  zu  wirken  aufhört,  der  erwähnte  elastische 
Bing  zusammenschnellt  und  das  hindurchgetretene  Eingeweide,  also  hier  den 
Darm,  festhält,  wodurch  dann  eine  Ündurchgängigkeit  des  Darmes  mit  allen 
ihren  Folgen  hervorgebracht  wird.  Es  ist  selbstverständlich,  dass  die  Peri- 
pherie des  Bruchstieles  in  solchen  Fällen  größer  ist  als  der  einklemmende 
Ring  und  dass  daher  durch  Einschneiden  des  Ringes  in  das  eingeklemmte 
Eingeweide  eine  wesentliche  Störung  in  der  Ernährung  desselben  eintritt, 
welche  infolge  der  besonderen  Anordnung  der  Ernährungsgefäße  des  Darmes 
bald  und  rasch  zur  Nekrose  führen  kann. 

Die  Erklärung  der  stercoralen  Incarceration  ist  hingegen  eine  etwas 
schwierigere  Aufgabe.  Gewöhnlich  wird  dieser  Vorgang  so  geschildert,  dass 
durch  die  Einwirkung  der  Bauchpresse  oder  durch  die  Contraction  der  Darm- 
muskulatur, also  durch  eine  heftige  peristaltische  Welle,  in  eine  Darmschlinge, 
welche  sich  bereits  im  Bruchsacke  befunden  hat  oder  welche  in  demselben 
Augenblicke  erst  zum  Bruchinhalte  wird,  eine  große  Quantität  von  Darm- 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


301 


inhalt  hineingesclileudert  wird,  welche  im  Bruchdarme,  der  eben  erst  noch 
vollständig  durchgängig  war,  plötzlich  eingesperrt  wird  und  gleichzeitig  auch 
die  Darmschlinge  in  dem  Incarcerationsringe.  Das  Missverhältnis  zwischen 
der  Größe  des  Bruchstieles  und  dem  Bruchringe,  durch  welchen  das  Ein- 
geweide hindurchgetreten  ist,  ist  bei  der  elastischen  Einklemmung  schon 
in  voraus  gegeben,  bei  der  stercoralen  Einklemmung  wird  dasselbe  erst  durch 
die  AnfüUung  des  Bruchdarmes  mit  Darminhalt  geschaffen.  Von  diesen 
beiden  Arten  der  Einklemmung  wurde  demnach  selbstverständlich  nur  die 
zweite  häufig  Gegenstand  näherer  Zergliederung  und  von  Versuchen,  welche 
die  Verhältnisse  ähnlich  wie  bei  der  Einklemmung  nachahmen  sollten. 
Das  erste  Experiment,  welches  in  dieser  Richtung  unternommen  wurde, 
ist  jenes  von  O'Beirn.  Dasselbe  wurde  folgendermaßen  angestellt:  In 
einem  Stücke  Pappendeckel  von  ungefähr  ?>  mm  Dicke  wurde  eine  Öffnung 
von  der  Größe  eines  Fünfzigcentimestückes  angelegt:  durch  diese  Öffnung 
wurde  eine  Darmschlinge  so  vorgezogen,  dass  auf  einer  Seite  die  Darm- 
schlinge, auf  der  anderen  Seite  die  beiden  anderen  Enden  herunterhiengen. 
An  einem  der  letzteren  wird  mittelst  einer  Ligatur  ein  Katheter  angebunden 
und  durch  denselben  mittelst  einer  Spritze  Luft  in  den  Darm  eingeblasen. 
Wenn  man  nun  die  Luft  allmählich  in  den  Darm  einpresst,  so  übergeht 
dieselbe  aus  dem  zuführenden  Darme  in  den  abführenden  und  die  Darm- 
schlinge klemmt  sich  nicht  ein;  sobald  aber  die  Insufflation  rasch  vor- 
genommen wird,  so  bläht  sich  die  Darm  schlinge  hinter  der  kreisförmigen 
Öffnung,  die  Luft  geht  in  den  abführenden  Arm  nicht  ab,  sie  kann  auch 
in  den  zurückführenden  Arm  nicht  zurückkehren,  außer  wenn  wir  auf  die 
geblähte  Darmschlinge  längere  Zeit  einen  stärkeren  Druck  ausüben.  Durch 
die  Blähung  der  Schlinge  legt  sich  dieselbe  an  die  Ränder  der  Öffnung- 
genau  an  und  ist  incarceriert. 

Durch  dieses  Experiment  wurde  offenbar  also  ziemlich  treu  der 
Vorgang  der  Incarceration  einer  Darmschlinge  nachgeahmt,  die  Erklärung 
der  übereinstimmenden  Erscheinung  war  aber  hiemit  doch  nicht  gegeben, 
über  diese  Erklärung  wurden  im  Laufe  der  Zeiten  verschiedene  Theorien 
aufgestellt. 

L  Für  die  erste  Theorie,  die  Theorie  der  sogenannten  Brucheinklem- 
mungsklappen, diente  der  Res  er 'sehe  Versuch  als  Grundlage  (1856 — 1860). 
Auch  Roser  zog  durch  einen  Draht-  oder  Holzring  von  circa  1  m  Durch- 
messer, am  besten  nach  vorausgegangener  Füllung  der  Gekrösearterie  mit 
Wasser,  um  den  Darm  turgider  zu  machen,  eine  Darmschlinge.  Er  beschreibt 
nun  den  Verlauf  des  Experimentes  folgendermaßen:  „Treibt  man  den  Inhalt 
in  dieselbe  und  sucht  sie  sofort  durch  Compression  von  ihrer  Spitze  her 
wieder  zu  entleeren,  so  sieht  man  eine  Spannung  des  Darminhaltes  gegen 
den  beengenden  Ring  eintreten.  Der  entsprechende  Darmtheil  wird  prall 
angefüllt,  es  entleert  sich  aber  nichts  durch  den  Ring,  sondern  je  mehr 


302 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


man  drückt,  desto  praller  wird  der  vor  dem  Ringe  befindliche  Darmtheil. 
Der  Darminhalt  ist  also  in  der  Schlinge  abgesperrt  und  der  Grund  der 
Absperrung  liegt  nicht  in  der  Enge  des  Ringes  (denn  dieser  ist  groß  genug, 
um  noch  der  Fingerspitze  neben  dem  Darme  Raum  zu  gewähren),  sondern 
der  Grund  muss  in  einer  Ventilwirkung  gesucht  werden,  in  der  Formation 
von  Faltenklappen,  die  man  auch  zu  Gesicht  bekommt,  wenn  man  die 
Darmschlinge  aufschneidet  und  mit  klarem  Wasser  füllt.  Die  häufige  Wieder- 
holung dieses  Versuches  lässt  über  die  Thatsachen,  die  hiebei  beobachtet 
wurden,  keinen  Zweifel  aufkommen."  Roser  meint  demnach,  dass  die 
Ursache  der  plötzlich  eintretenden  ündurchgängigkeit  des  Darmes  in  ge- 
wissen Klappen  zu  suchen  sei  nach  Art  der  Aortenklappen  (daher  Klappen- 
theorie). Derselbe  Versuch  gelingt  aber  auch,  wenn  wir  faltenlosen  Darm 
benützen  oder  wenn  wir  den  Darm  mit  der  glatten  Serosa  nach  innen 
umstülpen.  Auch  ist  bestritten  worden,  dass  sich  der  Darm  in  Quer- 
falten lege,  wohl  aber  in  Längsfalten.  Auch  kann  man  nicht  behaupten, 
dass  durch  dieses  Experiment  die  Circulationsstörungen  klargestellt  worden 
wären,  weil  ausdrücklich  behauptet  wird,  dass  neben  der  incarcerierten 
Darmschlinge  noch  der  Zeigefinger  durch  die  Bruchpforte  hindurchgeführt 
werden  kann.  Man  musste  sich  demnach  nach  einer  anderen  Erklärung 
umsehen,  und  es  war  zunächst  Busch  (1875),  welcher  dieser  Frage  näher 
getreten  ist.  Die  Anordnung  des  Busch'schen  Versuches,  welcher  die 
Grundlage  der  sogenannten  Abknickungstheorie  ist,  ist  die  folgende: 

II.  Man  zieht  eine  Darmschlinge  durch  einen  mäßig  engen  Ring  und 
spritzt  in  dieselbe  plötzlich  von  dem  einen  Ende  her  Luft  oder  Wasser 
ein.  Die  Schlinge  bläht  sich,  zieht  von  dem  abführenden  Ende  noch 
ein  Stück  durch  die  Pforte  nach  außen  und  füllt  sich  prall  bis  zum 
Platzen  an;  keine  Luft,  kein  Tropfen  Wasser  geht  zum  abführenden  Arme 
ab.  Busch  erklärt  die  ündurchgängigkeit  des  letzteren  damit,  dass  an 
ihm  eine  Knickung  zustande  komme,  welche  durch  den  Uberdruck,  der 
auf  der  convexen  Wand  der  Schlinge  lastet,  hervorgebracht  wird.  Die 
physikalische  Grundlage  der  letzteren  Behauptung  ist  die,  dass  nach  den 
Gesetzen  der  Hydrostatik  die  in  die  Schlinge  injicierte  Flüssigkeit,  oder 
auch  Luft,  auf  alle  Oberflächeneinheiten  der  Schlingenwand  einen  gleich- 
hohen Druck  ausübt;  da  nun  die  convexe  Wand  der  Schlinge  größer  ist, 
als  die  concave,  so  ist  auf  ihr  ein  bei  weitem  größerer  Druck  wirksam, 
welcher  sie  geradezurichten  trachtet  und  demnach  an  ihren  Enden  einen 
Zug  nach  außen  von  den  Rändern  des  Bruchringes  ausübt,  wodurch  sie 
an  dem  letzteren  abgeknickt  wird. 

In  gleicher  Weise  nun,  wie  sich  bei  einem  Kautschukrohre,  welches 
man  über  eine  Kante  anzieht,  die  Wände  einander  nähern,  bis  sie  schließlich 
eng  aneinander  liegen,  müsse  nach  Busch  bei  seinem  Experimente  am 
abführenden  Arme  ein  Aneinanderlegen  der  beiden  Darmoberflächen  im 


über  Einklemmung  der  Bräche. 


303 


Bruchringe,  ja  eine  Abknickung  des  Darmrohres  stattfinden.  Auf  gleiche 
Weise  entstand  der  Abschluss  am  zuführenden  Ende,  sowie  der  Druck  in 
der  Schlinge  eine  gewisse  Höhe  erreicht  hat  und  der  Druck  oberhalb  der 
Bruchpforte  nachlässt.  Abgesehen  davon,  dass  der  Vergleich  mit  dem  über 
eine  Kante  gelegenen  Kautschukrohre  nur  dann  herangezogen  werden  könnte, 
wenn  an  beiden  Enden  des  Darmes,  also  am  abführenden  Stücke  sowohl 
an  dem  außerhalb,  als  innerhalb  des  Bruchringes  gelegenen  Darmtheile, 
ein  energischer  Zug  ausgeübt  würde,  was  ja  für  den  collabierten  Theil  des 
in  der  Bauchhöhle  gelagerten  abführenden  Darmes  denn  doch  jedenfalls 
nicht  gelten  kann,  daher  die  Analogie  hierin  nur  für  den  Verschluss  am 
zuführenden  Arme  herangezogen  werden  könnte;  abgesehen  also  von  diesem 
Einwände,  ist  diese  Theorie  nicht  mehr  neu,  indem  S  c  a  r  p  a  schon  im 
Jahre  1813  schrieb,  dass  die  geblähte  (incarcerierte)  Darmschlinge  mit  dem 
in  der  Bauchhöhle  befindlichen  Arme  einen  scharfen  Winkel  einschließt, 
der  manchmal  sogar  sehr  scharf  ist,  und  dass  der  eigentliche  Grund  dieser 
Incarceration  in  dieser  winkeligen  Knickung  liege. 

Doch  auch  in  der  neuesten  Zeit,  im  Jahre  1864,  führt  Chassaignac 
an,  dass  in  einer  gewissen  Anzahl  von  Fällen  die  plötzliche  Knickung  des 
Darmes  über  eine  scharfe  Kante  oder  Leiste  in  der  Öffnung  des  Bruch- 
rihges  die  Incarceration  verursache.  Als  Nachweis  hiezu  weist  er  darauf 
hin,  dass  die  fortgeschrittensten  Veränderungen  im  Darme  an  der  Seite 
dieser  Leiste  zu  treffen  sind,  weiter,  dass  es  ihm  in  vielen  Fällen  gelungen 
ist,  durch  den  Incarcerationsring  einen  weiblichen  Katheter  hindurchzuführen, 
als  Beweis,  dass  in  diesem  Augenblicke  keine  circuläre  Constriction  des 
Darmes  bestand.  Chassaignac  nannte  seine  Auffassung  Theorie  des 
„etranglement  par  vive-arete." 

in.  Lossen,  welcher  als  dritter  in  der  Reihe  der  Forscher  über  die 
stercorale  Brucheinklemmung  zu  nennen  ist,  wendete  gegen  die  Deutung 
B  u  s  c  h  's  ein,  dass  die  Knickung  der  Darmschlinge  nicht  das  primäre, 
sondern  erst  die  Folge  des  Verschlusses  sei,  die  Obturation  selbst  aber 
werde  bedingt  durch  eine  Compression  des  abführenden  Schenkels  am 
Bruchringe  durch  den  geblähten  zuführenden.  Er  suchte  am  Congresse  der 
Deutschen  Gesellschaft  für  Chirurgie  im  Jahre  1875  seine  Anschauung 
durch  Vorlegen  von  Trockenpräparaten  zu  belegen.  Er  vermochte  die  an- 
wesenden Cöllegen  nicht  zu  überzeugen,  dass  bei  der  wahren  Koth- 
einklemmung  ein  Verschluss  bloß  am  abführenden  Schenkel  bestehe,  der 
zuführende  aber  offen  sei,  demnach  stets  eine  freie,  wenn  auch  enge 
Communication  bestehe  zwischen  der  Bruchschlinge  und  dem  geblähten 
zuführenden  Arme.  Lossen  selbst  suchte  den  Grund  der  L'reponibilität 
des  Bruchinhaltes  bei  bestehender  Communication  in  dem  enormen  Reibungs- 
widerstande, welcher  durch  den  viscösen  Darminhalt  der  Schlinge  und  die 
gestauten  Kothmassen  in  den  Därmen  oberhalb  des  Bruchringes  bedingt  wäre. 


304 


Ober  Einklemmung  der  Brüche. 


IV.  In  dieser  Richtung  sind  auch  die  Versuche  Berger's  aus  dem 
Jahre  1876  erwähnenswert.  Derselbe  hat  hauptsächhch  zwei  Versuche  an- 
gestellt. Im  ersten  hat  er  durch  eine  Öffnung  von  1^/2  cm  im  Durchmesser, 
welche  in  einer  Holzplatte  angelegt  worden  war,  eine  Darmschhnge 
sammt  Mesenterium  durchgezogen;  in  einer  gewissen  Entfernung  von  der 
Öffnung  hat  er  durch  das  zuführende  Ende  rasch  Luft  eingeblasen.  Dieser 
Schenkel  dehnte  sich  bis  zur  Öffnung  aus  und  keine  Luftblase  drang  in 
die  Schlinge  ein.  Durch  weitere  Insufflation  des  zuführenden  Armes  dehnte 
sich  derselbe  immer  mehr  und  mehr  aus  und  wenn  sein  Umfang  nicht 
mehr  genügte,  so  zog  sich  die  durch  die  Öffnung  hervorgezogene  Darm- 
schlinge wieder  in  die  Öffnung  zurück,  bis  dieselbe  vollständig  nach  innen 
reponiert  wird,  worauf  Luft  in  den  abführenden  Schenkel  abgeht  und  der 
zuführende  Arm  zusammenfällt.  Wenn  wir  dagegen  diese  spontane  Reduction 
der  Schlinge,  zum  Beispiel  durch  Fixation  ihrer  Spitze,  verhindern,  oder 
wenn  der  Insufflateur  nur  wenige  Centimeter  von  der  Öffnung  eingebunden 
ist,  dann  hört  die  Tendenz  der  Schlinge  zur  spontanen  Reduction  auf. 
Im  Gegentheil,  die  Schlinge  bläht  sich,  und  zwar  jetzt  auf  Kosten  des 
abführenden  Armes,  welcher  sammt  seinem  Mesenterium  in  die  Öffnung 
hineingezogen  wird,  gleichfalls  aber  ohne  dass  das  kleinste  Luftbläschen  in 
denselben  abgienge. 

Wenn  wir  nun  das  Ventil  des  Insufflateurs  schheßen  und  die  geblähte 
Darmschlinge  comprimieren,  da  werden  nur  noch  neue  Theile  des  ab- 
führenden Darmes  in  den  Ring  gewissermaßen  aspiriert.  Wenn  wir  dagegen 
das  Ventil  öffnen,  so  fällt  auch  sofort  die  Darmschlinge  zusammen,  als 
Beweis,  dass  dennoch  zwischen  ihr  und  dem  zuführenden  Arme  eine  gewisse 
Communication  besteht,  ein  Umstand,  den  bereits  auch  O'Beirn  constatiert 
hat.  Es  blieb  daher  für  B  e  r  g  e  r  nur  noch  die  Erklärung  übrig,  durch 
Welchen  Mechanismus  die  Communication  zwischen  der  Darmschhnge  und 
dem  zuführenden  Arme  verschlossen  wird,  wenn  in  dem  letzteren  der 
Druck  weiter  ansteigt.  Dies  sollte  nach  Berger  folgendermaßen  geschehen: 
Das  Mesenterium,  dessen  Verlängerbarkeit  die  äußerste  Grenze  erreicht  hat. 
beginnt  wieder  sich  zusammenzuziehen  und  zieht  daher  an  der  Concavität 
der  Schlinge  und  trachtet  dieselbe  in  toto  zu  reducieren;  dabei  tritt  es  in 
den  Ring  wie  ein  Keil  mit  seiner  Schneide  ein  (il  s'y  introduit  par  le 
sommet  du  coin  qu'il  represente)  und  verschließt  beide  Arme.  Eine  Seite 
zuvor  erzählt  derselbe  Forscher  freilich,  dass  das  Mesenterium,  mit  stets 
zunehmender  Breite  in  die  Bruchpforte  eintretend,  dieselbe  endlich  obturiert, 
wie  ein  Keil,  dessen  Basis  gegen  die  Bauchhöhle  und  dessen  Spitze  gegen 
die  Hernie  zu  gewendet  ist  (ce  mesentere  s'introduissant  en  proportion 
toujours  plus  considerable  dans  la  porte  herniaire,  finissait  par  la  boucher, 
ä  la  maniere  d'un  coin  dont  la  base  serait  tournee  vers  l'abdomen,  le  sommet 
vers  la  hernie),  insbesondere  aber  durch  den  Druck,  welcher  von  außen  auf 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


305 


die  Darmschlinge  ausgeübt  wurde,  so  dass  von  dieser  Theorie  spottend 
gesagt  wurde,  dass  sie  die  Incarceration  von  mehr  oder  weniger  richtig 
geübten  Repositionsversuchen  abhängig  mache.  B  e  r  g  e  r,  der  bekannte 
französische  Herniolog,  kam  durch  seinen,  den  Vorgang  Lossen's  imitierenden 
Versuch  zu  einer  auch  im  ganzen  identischen  Theorie,  nur  dass  er  eine 
große  Bedeutung  dem  zugleich  im  Bruche  befindlichen  Mesenterium  beilegt, 
gewiss  ohne  Berechtigung,  da  wir  auch  eine  Incarceration  von  Darmwand- 
hernien  kennen,  welche  überhaupt  kein  Mesenterium  enthalten.  Berger 
führt  ein  neues  Element  in  die  Theorie  von  Incarceration  ein,  indem  er 
sagt,  dass  durch  den  Incarcerationsmechanismus  neue  Theile  des  Darmes 
sammt  seinem  Mesenterium  hineingezogen  werden;  weil  aber  die  Form  des 
Mesenteriums  bis  zu  der  Radix  mesenterii  ein  Dreieck  bildet,  so  soll  bei 
dem  Nach-außen- Zerren  des  abführenden  Armes  eine  immer  breiter  werdende 
Partie  des  Mesenteriums  in  die  Bruchpforte  hineingezwängt  werden,  bis 
dieselbe  wie  von  einem  Keile  erfüllt  ist  und  bis  durch  denselben  auch 
der  zuführende  Darmschenkel  verschlossen  ist,  wodurch  der  bereits  ange- 
deutete Defect  der  Lossen 'sehen  Theorie  verdeckt  werden  soll. 

V.  Reichel  vertritt  mit  Korteweg  die  Ansicht,  dass  der  Verschluss 
des  zu-  und  abführenden  Schenkels  der  incarcerierten  Darmschlinge  der- 
selben Natur  sei,  folglich,  dass  wir,  sobald  wir  den  Mechanismus  des 
Verschlusses  des  einen  Armes  kennen,  auch  den  Mechanismus  des  Ver- 
schlusses des  anderen  erkannt  haben.  Er  legte  sich  drei  Fragen  vor: 
1.  Erfolgt  der  Verschluss  des  abführenden  Schenkels  durch  äußeren  Druck 
und  ist  die  Knickung  der  Darmschlinge  erst  seine  Folge?  2.  Oder  ist  die 
Knickung  des  abführenden  Schenkels  die  primäre  Ursache  und  der  Ver- 
schluss derselben  erst  seine  Folge?  3.  Oder  sind  diese  beiden  Erklärungs- 
versuche ungenügend  und  muss  man  sich  nach  einer  anderen  Erklärungsweise 
umsehen?  Durch  einige  Modification  der  hergehörigen  Versuche  hat  er 
einige  richtige  Details  feststellen  können.  Busch  behauptete  zum  Beispiel, 
dass  bei  halbwegs  verengter  Bruchpforte  die  Incarceration  auch  eintritt, 
wenn  wir  die  Compression  des  abführenden  Armes  durch  den  zuführenden 
dadurch  verhindern,  dass  wir  innerhalb  des  eigentlichen  Bruchringes  in 
den  zuführenden  Schenkel  eine  Canüle  einbinden.  Lossen  entgegnete  auf 
diesen  Einwurf,  dass  in  einem  solchen  Falle  das  Mesenterium  in  den 
Bruchring  nachgezogen  werde,  wodurch  die  Lichtung  des  abführenden 
Schenkels  verlegt  wird.  Wird  das  Mesenterium  vom  Darme  abpräpariert, 
dann  zieht  sich  der  abführende  Schenkel  ganz  durch  den  Bruchring  nach 
außen.  Soll  dies  durch  Fixation  des  abführenden  Schenkels  verhindert 
werden,  so  erfährt  man,  dass  die  Einklemmung  nur  dann  eintritt,  wenn 
wir  die  Bruchschlinge  an  ihrer  mesenterialen  oder  an  dieser  und  der 
convexen  Seite  derselben  fixieren,  nicht  aber,  wenn  wir  dieselbe  bloß  an 
ihrer  convexen  Seite  befestigen.   Auch  Kocher  suchte  die  Compression 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  20 


306 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


des  abführenden  Schenkels  dadurch  auszuschließen,  dass  er  den  künstlichen 
Bruchring  mittelst  einer  Scheidewand  in  zwei  Abtheilungen  schied  und 
durch  jede  derselben  einen  der  Schlingenschenkel  durchzog.  Wenn  man 
das  Mesenterium  abpräpariert,  so  tritt  auch  in  diesem  Falle  bei  engem 
Bruchring  Einklemmung  nur  dann  ein,  wenn  der  außerhalb  des  Ringes 
stärker  angespannte  zuführende  Schenkel  den  abführenden  zur  Seite  schiebt, 
sie  lässt  aber  sofort  nach,  wenn  wir  den  zuführenden  Schenkel  auf  seine 
Seite  ziehen  oder  ihn  vom  abführenden  entfernen.  Bidder  wieder  zeigte, 
dass  eine  noch  so  hochgradige  Knickung  des  Darmes  nie  einen  Verschluss 
desselben  verursache.  Sein  Versuch  wurde  folgendermaßen  angestellt:  Wenn 
wir  um  den  Darm  eine  Zwirnschlinge  legen,  welche  ungefähr  1  an  im 
Durchmesser  hat  und  nun  Wasser  in  einen  der  beiderseits  herabhängenden 
Schenkel  einspritzen,  demnach  bei  bedeutender  Knickung  des  Darmes, 
dann  werden  die  in  der  Schlinge  liegenden  Darmwände  voneinander 
entfernt  und  trotz  der  plötzlichen  Abknickung  fließt  Wasser  durch  das 
andere  Ende  ab.  Man  modificierte  den  Versuch  weiter  so,  dass  man  den 
Darm  über  eine  scharfe  Kante  legte  und  in  das  zuführende,  aber  diesmal 
S-förmig  gekrümmte  Rohr  Wasser  einspritzte.  Auch  dann  wurde  an  dem  über 
die  Kante  gelegten  Darme  die  eine  Wand  von  der  anderen  entfernt  und 
Wasser  floss  durch.  Auch  durch  diesen  Versuch  dürfte  die  Anschauung, 
die  Einklemmung  sei  durch  Abknickung  des  Darmes  bedingt,  widerlegt 
werden. 

Noch  eines  Versuches  von  Busch  muss  Erwähnung  gethan  werden: 
Er  führte  in  den  Darm  einen  weiblichen  Katheter  ein  und  schnürte  darüber 
den  Darm  fest  zu;  hierauf  entfernte  er  den  Katheter.  Hiedurch  war 
natürlich  die  Darmlichtung  hochgradig  verengt,  war  aber  eigentlich  doch 
noch  durchgängig,  da  man  in  die  Stenose  einen  Katheter  einführen  konnte. 
Wurde  nun  in  einiger  Entfernung  von  der  Strictur  Luft  oder  Wasser  in 
den  Darm  eingespritzt,  so  dass  sich  der  Darm  rasch  bläht,  dann  geht 
durch  die  verengte  Stelle  absolut  keine  Gasblase,  auch  kein  Tropfen 
Wasser  durch.  Wiewohl  nun  von  der  centralen  Seite  die  Circulation  des 
Darminhaltes  nicht  wiederhergestellt  werden  kann,  so  gelingt  es  uns 
trotzdem,  von  der  anderen  Seite  einen  Katheter  einzuschieben,  worauf 
Luft  und  Wasser  leicht  abgeht  und  der  geblähte  Darm  zusammenfällt.  Es 
scheint,  dass  in  diesem  Falle  der  Verschluss  an  der  verengten  Stelle  in 
derselben  Weise  erfolge  wie  in  den  vorher  geschilderten  Versuchen  und 
auch  bei  wirklicher  Darmeinklemmung. 

Es  handelt  sich  nun  um  die  Erklärung  dieses  Experimentes,  was 
freilich  bei  weitem  schwieriger  ist,  als  die  Ausführung  desselben,  welche 
sehr  leicht  gelingt.  Busch  selbst  sagte,  wie  schon  einmal  bemerkt  wurde, 
dass  an  der  convexen  Seite  der  Bruch  schlinge  ein  größerer  Druck  laste, 
als  auf  der  mesenterialen,  dass  also  die  Schlinge  sich  geradezurichten 


über  Einklemmung  der  Brüche.  gQij- 

trachtet  und  daher  in  der  Nähe  der  verengten  Stelle  in  die  constringierende 
Schlinge  ein  weiteres  Stück  der  Darmwand  hineinzieht  und  dass  hiedurch 
die  Darmwände  gegeneinander  gepresst  werden.  Dagegen  wendet  Kocher 
ein,  dass  hier  die  Knickung  über  eine  Kante  nicht  möglich  ist,  weil  die  ver- 
engende, also  Zwirnschlinge  beweglich  ist,  weiter  dass  das  Anziehen  beim 
peripheren  Ende  der  Schlinge  in  was  immer  für  einer  Richtung  sofort  den 
Verschluss  der  Lichtung  beseitigt,  während  die  Lageveränderung  des  ab- 
führenden Schenkels  ohne  Anziehen  keinen  Effect  hat,  endlich  dass  durch 
Aufblasen  des  peripheren  Theiles  die  Verengerung  sofort  durchgängig  wird. 

Dieser  Versuch  wurde  von  Kocher  so  modificiert,  dass  ein  umfäng- 
licheres gläsernes  Rohr  in  den  Darm  eingeführt  wurde,  welcher  durch  einen 
Zwirnfaden  einfach  constringiert  worden  war.  Wenn  der  Darm  früher  mit 
Wasser  angefüllt  wurde,  dann  floss  bei  herabhängender  Lage  des  Darmes  das 
Wasser  durch  die  Verengerung  langsam  ab;  wurde  aber  das  gläserne  Rohr 
bis  zur  verengten  Stelle  vorgeschoben  und  hiedurch  der  Darm  ausgedehnt 
dann  hörte  der  Wasserabfluss  sofort  auf.  Hiebei  konnte  man  direct  durch 
das  Glasrohr  sehen,  dass  sich  der  Trichter  zwischen  dem  Rohrrande  und 
der  Verengerung  verkürzte,  abflachte  und  dass  aus  der  verengten  Stelle 
Schleimhaut  in  den  centralen  Antheil  hineingezogen  wurde.  Kocher  erklärt 
diesen  Versuch  wie  folgt:  „Die  Flüssigkeit  im  centralen  Schenkel  bildet 
einen  Keil,  eigentlich  Kegel,  welcher  sich  in  der  Richtung  gegen  die  verengte 
Stelle  ebenfalls  verengt  und  mit  der  Schleimhaut  auf  der  Unterlage  der 
letzteren  beweghch  ist."   Wenn  der  Scheitel  des  Wasserkeiles  bis  in  den 
peripheren  TheiJ,  hinter  die  Verengerung  reicht,  dann  fließt  das  Wasser  ohne 
Hindernis  ab,  sowie  aber  durch  die  Einführung  des  Glasrohres  das  trichter- 
förmige Ende  jenes  Wasserkeiles  abgeflacht  wird,  dann  wird  der  Keil  mit  seiner 
Schleimhautumhüllung  immer  breiter,  bis  sein  Ende  nicht  mehr  in  den  peri- 
pheren Darmantheil  hinter  der  Schnürstelle  des  Darmes  hineinreicht.  An  dieser 
Erklärung,  welche  sonst  richtig  zu  sein  scheint,  wurde  ausgesetzt,  dass  die- 
selbe nicht  ganz  präcise  sei.  Reichel,  welcher  diesen  Versuch  wiederholte, 
beobachtete  ein  deutliches  Abflachen  und  Breiterwerden  des  erwähnten  Keiles,' 
und  wenn  er  statt  eines  Zwirnfadens  einen  hölzernen  Ring  benützte,  so  sah  er,' 
dass  die  Öffnung  der  bisherigen  Verengerung  ungefähr  in  der  Höhe  des 
oberen  Randes  des  hölzernen  Ringes  immer  breiter  wurde  und  dass  der 
eigentliche  Verschluss  ungefähr  in  der  halben  Höhe  dieses  Ringes  liege, 
so  dass  an  Gefrierpräparaten,  welche  der  Länge  nach  aufgeschnitten  worden 
waren,  sichtbar  war,  dass  auf  die  cylinderförmigen  Theile  jenes  Keiles  ein 
kleiner  kegelförmiger  Aufsatz  folgte,  welcher  mit  seinem  Scheitel  bis  in 
die  Bruchpforte  selbst  hineinreichte.  Den  detaillierten  Vorgang  bei  diesem  Ver- 
suche kann  man  beobachten,  sobald  man  unter  der  Bruchpforte  (das  heißt  unter 
dem  verengernden  Ringe)  den  Darm  der  Quere  nach  durchschneidet,  und  nach 
Ausemanderlegen  desselben  beobachtet,  was  während  des  Versuches  auf 

20* 


308 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


der  peripheren  Seite  der  Bruchpforte  vorgeht.  Im  Anfange  sehen  wir  die 
Lichtung,  wenn  auch  eng,  so  doch  offen,  und  durch  sie  fließt  die  Flüssigkeit 
ab,  welche  den  centralen  Darmtheil  füllt:  sobald  aber  das  Glasrohr  in  der 
Richtung  gegen  die  Bruchpforte  vorgeschoben  wird,  dann  sehen  wir,  dass 
sich  die  Schleimhaut  der  verengten  Stelle  gewissermaßen  der  vorgeschobenen 
Röhre  entgegenbewegt,  hinter  sich  die  Schleimhaut,  welche  dem  peri- 
pheren Antheile  unmittelbar  anliegt,  nachziehend.  Während  dem  bewegt  sich 
die  Serosa  entweder  wenig  oder  gar  nicht.  Weiter  kann  man  sehen,  dass  sich 
die  dem  peripheren  Darmantheile  benachbarten  Partien  zur  Mitte  der  Ver- 
engerung concentrisch  hinbewegen,  bis  sich  die  Darmwände  berühren  und 
endlich  die  Schleimhaut,  welche  hineingezogen  worden  war,  sich  eng  an 
die  gegenüberliegende  anschließt.  Von  der  centralen  Seite  kann  man  durch 
die  Glasröhre  sehen,  dass  die  in  Längsfalten  zusammengelegte  Schleimhaut 
durch  den  oberen  Antheil  des  Ringes,  welcher  sich  etwas  verbreitert, 
aufsteigt  und  im  unteren  Ringniveau  die  Wände  sich  eng  aneinanderlegen. 
Es  handelt  sich  darnach  zweifellos  um  eine  Hineinschiebung  des  Darmes 
von  unterhalb  der  Schnürstelle  in  dieselbe  hinein  bei  verhältnismäßiger 
Fixation  des  äußeren  Theiles,  welcher  aus  Serosa  und  Muscularis  besteht 
und  zwar  höchstwahrscheinlich  infolge  der  Reibung  an  der  inneren  Ring- 
wand; es  beginnt  daher  der  Verschluss  höchstwahrscheinlich  immer  in  der 
Ebene  des  unteren  Niveaus  des  verengenden  Ringes.  Der  erste,  welcher  diese 
Erklärung  des  Einklemmungsmechanismus  angegeben  hat,  warKorteweg, 
und  Reichel  konnte  durch  seinen  erwähnten  Versuch  seine  Anschauung 
bestätigen.  Wenn  wir  nun  diese  Anschauung  in  den  verschiedenen  früher 
angegebenen  Detailangaben  prüfen,  so  ist  es  klar,  dass  eine  einfache  Be- 
wegung des  peripheren  Darmantheiles  zur  Seite  keinen  Einfluss  auf  die 
Beseitigung  des  Verschlusses  haben  kann,  dass  aber  das  Anziehen  am 
peripheren  Darmtheile  den  Verschluss  beseitigen  kann,  weil  es  der  Spannung 
am  centralen  Antheile  entgegentritt.  Denselben  Effect  wird  auch  die  Blähung 
des  peripheren  Antheiles  durch  Gas  oder  die  Füllung  desselben  mit  Wasser 
haben,  weil  ebenso,  wie  durch  Anziehen  mit  dem  Finger,  durch  Spannung  der 
Darmwände  die  eingeschobenen  Theile  aus  dem  Schnürring  herausgezogen 
werden,  worauf  durch  Zug,  welcher  nun  auf  beiden  Seiten  wirksam  ist, 
die  Darmwände  abgeflacht,  geglättet,  alle  in  die  Lichtung  hineinragenden 
Falten  ausgeglichen  werden  und  hiedurch  die  Lichtung  wieder  freigegeben 
wird.  Deswegen  können  wir  bei  einem  eingeklemmten  Bruche  von  der  Bauch- 
höhle aus  leicht  den  Darm,  welcher  von  außen  irreponibel  war,  hineinziehen. 
Ebenso  ist  es  leichtbegreiflich,  dass  wir  von  dem  peripheren  Darmtheile 
aus  in  die  verengte  Stelle  einen  Katheter  einführen  können,  weil  der  durch 
ihn  ausgeübte  Druck  eine  ganz  andere  Wirkung  äußert,  als  der  Druck 
des  erwähnten  Wasserkeiles;  er  plattet  nämlich  die  in  den  Schnürring 
hineingezogene  Schleimhaut  ab,  worauf  das  Wasser  leicht  abfließt.  Wenn 


1 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


309 


wir  den  Katheter  von  dem  centralen  Darmantheile  einführen,  so  kann  man  sich 
die  Wiederherstellung  der  Durchgängigkeit  so  vorstellen,  dass  die  in  den  Schnür- 
ring hineingezogenen  Theile  gewissermaßen  in  den  peripheren  Darmtheil  wieder 
zurückgedrängt  werden.  Weiter  ist  es  klar,  dass  wir  auf  ein  Mchtgelingen 
dieses  Versuches  rechnen  müssen,  sobald  wir  die  Ausdehnung  des  centralen 
Theiles  dadurch  verhindern,  dass  wir  über  denselben  ein  unnachgiebiges  Rohr 
schieben.  Man  hätte  sich  demnach  die  sogenannte  stercorale  Incarceration 
als  aus  drei  Elementen  bestehend  vorzustellen:  1.  aus  dem  verengernden 
Ringe;  2.  aus  den  über  demselben  gelegenen  und  der  Ausdehnung  fähigen 
Theilen;  3.  endlich  aus  der  unterhalb  des  Ringes  gelegenen  und  beweglichen 
Schleimhaut.  Die  Hauptsache  wäre  aber  eine  Invagination  der  Schleimhaut 
von  der  Peripherie  her  in  den  constringierenden  Ring. 

Durch  den  in  der  Bruchpforte  herrschenden  Druck  können  wir  uns 
sehr  leicht  eine  Erschwerung  des  venösen  Blutlaufes  und  eine  Unterbrechung 
der  peristaltischen  Bewegung  vorstellen.  Durch  diese  beiden  Umstände 
erklären  wir  uns  wieder  einerseits  die  venöse  Hyperämie,  die  Schwellung 
der  Darmwand,  die  Lähmung  derselben,  Entzündung  und  endlich  Grangrän,  auf 
der  anderen  Seite  erklären  wir  uns  hiedurch  den  Umstand,  dass  kein  Darm- 
inhalt, und  zwar  weder  fester  noch  flüssiger  noch  gasförmiger,  abgeht,  im 
Gegentheile.  dass  sich  derselbe  über  dem  eingeklemmten  Bruche  staut,  dass 
Meteorismus  auftritt,  dass  Erbrechen  von  Darminhalt,  endlich  auch  Ent- 
zündung des  Bauchfelles,  welche  Darmlähmung  nach  sich  zieht,  manchmal' 
auch,  wiewohl  in  selteneren  Beobachtungen,  Gangrän  der  innerhalb  der 
Bauchhöhle  gelegenen  Darmschlinge  entsteht,  wozu  endlich  auch  allgemeine 
Erscheinungen  hinzutreten,  z.  B.  die  abnehmende  Kraft  der  Herzbe- 
wegung etc. 

Was  jene  Symptomenreihe  betrifft,  welche  in  dem  gestörten  Rück- 
läufe des  Blutes  bedingt  ist,  bis  zu  denen,  welche  durch  die  Gangrän  der 
Schlinge  begründet  sind,  so  kann  man  einen  Theil  derselben  wohl  durch 
äußere  Beobachtung  ohne  Eröffnung  des  Bruchsackes  constatieren,  ein 
anderer  setzt  aber  die  directe  Besichtigung  der  Schlinge  unbedingt  voraus. 
Wir  haben  nämlich  gar  keine  Erkennungszeichen,  ob  die  Darmschlinge 
bloß  venös  hyperämisch  ist,  oder  ob  sie  am  Schnürringe,  oder  sogar  in 
größerer  Ausdehnung  schon  gangränös  geworden  ist,  wenn  sich  hiezu  nicht 
gröbere,  auch  dem  unbewaffneten  Auge  wahrnehmbare  Zeichen  der  Durch- 
gängigkeit der  Darmwand  für  den  flüssigen  oder  gasförmigen  Darminhalt  hin- 
zugesellen, insolange  die  Bedeckungen  über  dem  Bruche  intact  sind.  Doch  wäre 
es  sehr  wünschenswert,  diagnosticieren  zu  können,  ob  die  Darmschlinge  in 
ihrer  Gewebsconstruction  noch  unversehrt  ist  oder  ob  sie  vielleicht  auf  einer 
ganz  geringen  Stelle  der  Gangrän  verfallen  ist,  weil  in  der  ersten  Phase 
die  Reposition,  die  Taxis  des  eingeklemmten  Bruches  zulässig  ist,  während 
in  der  zweiten  Phase  ein  solches  Vorgehen  verboten  wäre.   In  der  Wirk- 


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über  Einklemmung  der  Brüche. 


lichkeit  können  wir  aber  diese  geringen  Läsionen  an  der  Schlinge  nicht  nur 
bei  intacten  Bruchbedeckungen  nicht  erkennen,  ja  dieselben  entgehen  uns 
sogar  manchmal,  wenn  wir  die  entblößte  Darmoberfläche  zu  betrachten 
imstande  sind.  Daher  kommen  ab  und  zu  immer  noch  Fälle  vor,  dass  eine 
Darmschlinge  subcutan  reponiert  wird,  welche  nach  der  Intactheit  der  Bruch- 
bedeckungen als  unversehrt  angenommen  wurde  und  wo  einige  Stunden  darauf 
Zeichen  einer  perforativen  Peritonitis  entstehen  und  meist  rettungslos  mit 
dem  Tode  enden,  ein  Missgriff,  welcher  nur  dann  abgewendet  werden  könnte, 
wenn  wir  nach  irgend  einem  Merkmale  entscheiden  könnten,  ob  es  noch 
gestattet  ist.  eine  Darmschlinge  subcutan  oder  selbst  nach  Lösung  des 
Incarcerationsringes  noch  in  die  Bauchhöhle  zu  reponieren,  oder  ob  dies 
bereits  unstatthaft  ist  und  dieselbe  außerhalb  des  Bruchringes  versorgt 
werden  muss.  Bei  intacten  Bruchbedeckungen  kommen  solche  Fälle  deshalb 
vor,  weil  winzige,  gangränös  zerfallene  Stellen  noch  durch  Adhäsionen  an  den 
Bruchsack  oder  dessen  Hals  verdeckt  und  abgekapselt  werden,  demnach  die 
bereits  eingetretene  Gangrän  sich  durch  keine  äußeren,  später  zu  schildernden 
Erscheinungen  kundgibt.  Ebenso  werden  wir  sehen,  dass  auch  bei  eröffnetem 
Bruchsacke  die  sämmtlichen  Hilfsmittel,  außer  der  directen  Wahrnehmung  der 
gangränösen  Stellen  an  der  Darmschlinge,  wie  z.  B.  die  Trübung,  der  üble 
Geruch  des  Bruchwassers,  fibrinöse  Niederschläge  u.  dgl.,  nicht  hinreichen, 
um  nach  denselben  die  Reponierbarkeit  der  Darmschlinge  entweder  zu  be- 
'schließen  oder  abzulehnen..  Während  aber  bei  eröffnetem  Bruchsacke  und  ent- 
standenem Zweifel,  ob  die  Bruchschlinge  reponiert  werden  dürfe  oder  nicht, 
die  Technik  der  jüngsten  Tage  bereits  ein  Auskunftsmittel  gefunden  hat, 
gibt  es  für  die  Fälle  mit  uneröffnetem  Bruchsacke  bisher  kein  anderes 
Mittel,  um  aus  dem  Zweifel  herauszukommen,  als  die  Taxis  abzulehnen 
und  sich  zur  Herniotomie  zu  entschließen.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle 
zeigen  sich  jedoch  die  Zerfallsvorgänge  an  der  Darmschlinge  auch  äußerlich 
schon  an  und  wir  müssen  demnach  mit  der  Schilderung  der  sämmtlichen 
Symptome  der  Brucheinklemmung  beginnen,  um  am  entsprechenden  Orte 
auf  die  speciellen  Zeichen  des  Bruchzerfalles  hinzuweisen. 

Die  Einklemmung  des  Bruches  geht  sehr  häufig  unter  Vergrößerung 
des  bisher  bestehenden  Bruches  einher.  Wir  sagen  „sehr  häufig",  weil,  wie 
bereits  erwähnt  wurde,  es  Brüche  gibt,  welche  sich  schon  bei  ihrem  Entstehen 
sofort  einklemmen.  Weiter  wird  der  bisher  freie  Bruch  irreponibel;  weil 
wir  aber  nicht  selten  nicht  eingeklemmte  Brüche  beobachten,  deren  Inhalt 
theilweise  reponierbar  ist,  theilweise  aber  allen  Repositionsversuchen  wider- 
steht, so  muss  man  den  obigen  Satz  dahin  modificieren,  dass  entweder 
ein  bisher  freier  Bruch  irreponibel  wird,  oder  dass  ein  Bruch,  welcher  nur 
theilweise  irreponibel  war,  nun  in  seiner  ganzen  Ausdehnung  irreponibel 
wird.  Schmerzen  bemerken  wir  im  ganzen  an  den  eingeklemmten  Brüchen 
nicht,   wenigstens   sind   die   Betastungsschmerzen    äußerst  gering.  Wir 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


311 


cons5tatieren  aber  ganz  circumscripte  Schmerzhaftigkeit,  welche  gewöhnlich 
dem  Incarcerationsringe  der  Brüche,  daher  der  engsten  Stelle  des  Bruches 
entspricht,  nach  welchem  Symptome  wir  uns  auch  manchmal  richten 
können,  wenn  es  sich  um  die  Entscheidung  zwischen  Einklemmung  und 
Entzündung  des  Bruches  handelt,  da  bei  der  letzteren  eher  die  Empfindlichkeit 
des  ganzen  Bruches  vorgefunden  wird.  Bei  den  eingeklemmten  Brüchen  be- 
merken wir  gewöhnlich  anfangs  keine  Entzündung  der  Haut,  welche  den  Bruch 
bedeckt,  außer  wenn  eine  oberflächliche  Dermatitis  durch  die  yorausgegangenen 
gewaltsamen  Repositionsversuche  hervorgerufen  worden  war.  Der  einge- 
klemmte Bruch  ist  gewöhnlich  sehr  gespannt,  fluctuiert  manchmal  sehr 
deutlich,  da  er  eine  größere  oder  geringere  Menge  Flüssigkeit  enthält, 
und  zwar  entweder  innerhalb  der  Darmschlinge,  welche  auch  sehr  häufig 
durch  gasförmigen  Inhalt  ausgedehnt  ist,  oder,  was  häufiger  der  Fall  ist, 
indem  der  Bruchsack  das  sogenannte  Bruchwasser  enthält,  eine  seröse, 
gewöhnlich  durch  Blut  tingierte  Flüssigkeit.  Der  von  der  Incarceration 
befallene  Kranke  gibt  gewöhnlich  an,  dass  er  während  einer  gewaltsamen 
Körperanstrengung,  also  beim  Heben  von  Lasten  oder  wenigstens  bei 
Anstrengung  der  Bauchpresse,  demnach  beim  Husten  oder  beim  harten 
Stuhle,  plötzlich  einen  stechenden  Schmerz  in  der  Bruchregion  empfunden 
hat,  wo  er  entweder  zum  erstenmale  eine  kleine  Geschwulst  tastete,  oder, 
wenn  dieselbe  schon  früher  vorhanden  gewesen  war.  eine  nun  vergrößerte 
und  stark  gespannte  irreponible  Geschwulst  fühlen  konnte.  Sehr  bald 
gesellt  sich  hiezu  Erbrechen  und  Störungen  der  Darminhaltscirculation. 
Der  Kranke  gibt  nämlich  an,  dass  er  von  dem  Augenblicke  der  Ein- 
klemmung weder  eine  Stuhlentleerung  noch  einen  Gasabgang  hatte.  Bei 
sonst  deutlichen  Zeichen  darf  es  uns  aber  nicht  beirren,  wenn  der  Kranke 
angibt,  dass  er  nach  dem  Eintreten  der  Einklemmung  noch  einmal  oder  zweimal 
Stuhlentleerung  hatte  und  dass  bald  darnach  auch  noch  Gase  abgegangen 
sind,  weil  insbesondere  bei  Einklemmung  höher  gelegener  Darmtheile  noch 
der  Darminhalt  aus  den  abwärts  gelegenen  Theilen  abfließen  kann,  ganz 
abgesehen  von  den  Fällen,  wo  es  sich  um  Incarceration  eines  Theiles  der 
Darmwand  handeln  kann,  insbesondere  eines  Dickdarmhaustrums,  bei 
welcher  Bruchabart  sehr  gut  an  ungestörte  Entleerung  des  gesammten,  auch 
des  ober  der  eingeklemmten  Stelle  angesammelten  Inhaltes  gedacht 
werden  kann. 

Das  initiale  Erbrechen  bei  Darmeinklemmungen  könnte  wohl  auch 
mehr  als  Ausdruck  einer  Peritonealreizung  als  der  gestörten  Darmcirculation 
aufgefasst  werden,  sofern  wir  aus  derselben  Erscheinung  bei  Hernien- 
incarcerationen,  bei  denen  die  Operation  nicht  die  Einklemmung  eines  Darm- 
stückes, sondern  eines  anderen  Baucheingeweides  entdeckte,  oder  bei  Fällen, 
in  denen  nur  eine  Bruchentzündung  vorgefunden  wurde,  schließen  dürfen; 
wir  finden  ein  ähnliches  Erbrechen  auch  in  den  Anfängen  einer  umschriebenen 


312 


über  Einklemraiing  der  Brüche. 


und  allgemeinen  Peritonitis,  welche  so  oft  Perityphlitiden,  Pericholecystitiden 
und  Entzündungen  um  die  Genitaladnexe  begleitet.  Betrifft  die  Einklemmung 
Eingeweide,  welche  mit  der  Circulation  des  Darmes  nichts  zu  thun  haben, 
so  kann  auch  das  initiale  Erbrechen  aufhören,  wiewohl  die  Einklemmung 
weiter  besteht,  so  dass  davor  gewarnt  werden  muss,  dass  man  aus  dem 
Aufhören  des  Erbrechens  auch  auf  die  erfolgte  Beseitigung  der  Einklemmung 
schließe  und  die  Herniotomie  nicht  mehr  für  nothwendig  erachte. 

Ist  jedoch  eine  ganze  Darmschlinge  eingeklemmt,  d.  h.  nicht  nur  eine 
partielle  Ausstülpung  des  Dünndarmes  oder  ein  Haustrum  des  Dickdarmes, 
dann  steigert  sich  das  Erbrechen  rasch  derart,  dass  mit  jedem  folgenden 
Brechacte  der  Inhalt  eines  tieferen  Darmabschnittes  herausbefördert  wird,  so 
dass  der  Patient  zuerst  den  Mageninhalt  allein,  später  mit  Gallebeimischung, 
dann  deutlichen  Chymus,  endlich  aber  auch  einen  fäcaloid  riechenden  Darm- 
inhalt erbricht.  Aus  dem  letzteren  Umstände  darf  aber  nicht  unter  allen 
Umständen  gefolgert  werden,  dass  die  Einklemmung  einen  Darmabschnitt 
betrifft,  dessen  Inhalt  de  norma  fäcaloid  riecht,  denn  man  beobachtet  das 
fäcaloide  Erbrechen  auch  bei  Einklemmung  recht  hoch  gelegener  Dünn- 
darmabschnitte, so  dass  es  scheint,  dass  bei  gestörter  Durchgängigkeit  des 
Darmes  der  Darminhalt  über  der  undurchgängigen  Stelle  Zersetzungs- 
vorgänge durchmacht,  welche  gewöhnlich  erst  in  weiter  abwärts  gelegenen 
Darmabschnitten  abzulaufen  pflegen.  Das  Erbrechen  geformter  Fäces  hat  sich 
bei  genauerer  Analyse  zumeist  als  das  Heraufbefördern  von  kothigbraun 
verfärbten  Milchgerinseln  oder  anderweitiger  consistenterer,  unverdauter 
Nahrungsbestandtheile  erwiesen;  es  lässt  umsoweniger  den  Schluss  auf 
Einklemmung  von  Dickdarmpartien  zu,  als  gerade  bei  Incarceration  des 
Colons  das  Erbrechen  überhaupt  mild  auftritt,  bald  sistiert,  oder  überhaupt 
gar  nicht  beobachtet  wird. 

Zu  diesen  örtlichen,  später  den  ganzen  Darm  betreffenden  Symptomen 
gesellen  sich  sehr  bald  auch  allgemeine  Erscheinungen.  Der  Puls  wird 
schneller  und  schwächer,  so  dass  er  endlich  kaum  mehr  tastbar  wird; 
allgemeine  Blässe,  Cyanose  der  Lippen,  kalter  Gesichtsschweiß  stellt  sich 
ein,  alles  dies  bei  erhaltenem  Bewusstsein,  allgemeine  muskuläre  Unruhe, 
bis  unter  deutlichen  Zeichen  der  Herzlähmung  der  Tod  eintritt. 

Nicht  immer  aber  verläuft  das  Krankheitsbild  der  sich  selbst  über- 
lassenen  Fälle  letal,  ohne  dass  auch  deutliche,  weitere  örtliche  Symptome 
eigener  Art  hervorgetreten  wären.  Dieselben  sind  durch  Gangrän  am 
Incarcerationsring  bedingt  mit  allen  ihren  Consequenzen,  der  Perforation  des 
Schiingeninhaltes,  ihren  localen  Folgen  und  der  hieran  anschließenden  Bauch- 
fellentzündung. Die  Darmperistaltik,  bisher  —  besonders  durch  dünne  Bauch- 
decken —  deutlich  sichtbar,  wird  unter  zunehmendem  Meteorismus  immer 
seltener,  träger,  bis  sie  vollständig  schwindet.  Die  enorme  Spannung  des  Unter- 
leibes bedingt  ein  Heraufdrängen  des  Diaphragmas  und  mit  ihm  bedeutend 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


313 


erschwerte  Athmung.  Die  Berührung  des  Bauches  erst  in  der  unmittel- 
baren Nähe  des  Bruches,  später  des  ganzen  Unterleibes  ist  schmerzhaft, 
die  Ansammlung  von  flüssigem  Exsudat  in  den  abhängigen  Partien  des 
Abdomens  ist  nachweisbar,  oft  auch  freie  Gase  in  demselben,  mit  ihrem 
charakteristischen  Percusionsschall  und  Schwinden  des  Leberschalles  durch 
Abdrängen  der  Leber  von  der  vorderen  Bauchwand.  Auch  in  diesen  Fällen 
kann  ohne  besondere  Veränderungen  am  Bruche  selbst  der  Tod  eintreten. 

Doch  auch  noch  ein  drittes  Verlaufsbild  ist  bekannt.  Die  ersten 
Gangränerscheinungen  treten  am  Incarcerationsring  auf,  aber  die  Perforation 
findet  nicht  in  der  Richtung  gegen  die  Bauchhöhle,  sondern  gegen  den 
Bruchsack  statt,  oder  die  nekrotischen  Stellen  entwickeln  sich  überhaupt 
unterhalb  des  Einklemmungsringes  an  der  Bruchschlinge  selbst.  Es  soll 
nicht  geleugnet  werden,  dass  sich  ischämische  Veränderungen,  wie  sie  an 
der  Incarcerationsfurche  vorkommen,  auch  an  der  Bruchschlinge  selbst 
entwickeln  können,  doch  muss  auch  ein  anderer  Mechanismus  der  Darm- 
gangrän zugegeben  werden.  Erfahrungsgemäß  wissen  wir,  dass  an  dem 
ausgedehnten  zuführenden  Schenkel  Schleimhautgeschwüre  vorkommen, 
welche  gangränösen  Ursprunges  sind  und  durch  Fortschreiten  der  Nekrose 
gegen  außen  hin  endlich  auch  die  Serosa  perforieren  können,  wodurch  der 
Verlauf  einer  sonst  correct  ausgeführten  Herniotomie  höchst  ungünstig 
beeinflusst  werden  kann.  (Siehe  später  Näheres  hierüber  und  über  die 
Mittel,  diese  Zufälle  zu  vermeiden.)  Es  liegt  sehr  nahe,  dass  es  die  starke 
Dehnung  des  Darmes  ist,  welche  die  schweren  Circulationsstörungen  her- 
vorruft. Koch  er 's  Versuche  (Unterbindung  einer  Darmstrecke  und  starke 
Blähung  derselben)  weisen  mit  Entschiedenheit  auf  diese  Auslegung  hin. 
Die  Zersetzungsvorgänge  über  der  verengten  Stelle  (wie  auch  bei  ander- 
weitigen Stenosen,  z.  B.  Carcinom),  vielleicht  eine  directe  Einwirkung  der 
Mikroorganismen,  die  Erschwerung  der  Circulation  bei  Compression  der 
Darmschlingen  untereinander,  dürften  jene  deletäre  Wirkung  der  Blähung 
nur  noch  steigern.  Es  ist  nun  gewiss  nicht  von  der  Hand  zu  weisen,  dass 
ähnliche  Folgen  sich  in  der  geblähten  Bruchschlinge  ebenfalls  einstellen 
werden,  umsomehr,  als  die  Ernährungs  verhältnisse  derselben  tief  geschädigt  sind. 

Es  ist  also  natürlich  auch  leicht  denkbar,  dass  sich  sowohl  ischämische 
Vorgänge  an  der  Incarcerationsfurche,  als  auch  Blähungsfolgen  im  Verlaufe 
der  Bruchschlinge  in  Form  von  anfangs  kleinen  Nekrosen  der  Darmwand 
geltend  machen  werden. 

Durch  alle  derartigen  Veränderungen  kann  der  im  Vorhergehenden 
geschilderte  Verlauf  einer  Darmincarceration  um  neue  Erscheinungen  be- 
reichert werden.  Durch  Infection  vom  Darme  aus  entsteht  nämlich  um  die 
Bruchschlinge  eine  acute  .stercorale  Phlegmone  der  Leistengegend,  welche 
zuerst  durch  pastöse  Infiltration  bei  schwacher  Röthung  der  Bedeckungen  auf 
den  tiefen  Ausgangspunkt  hinweist,  bald  aber  durch  intensive  Röthung.  bläuliche 


314 


Über  Einklemmung  der  Brüche. 


Verfärbung  der  Mitte,  mächtiges  collaterales  Ödem,  rapid  auftretenden 
centralen  Zerfall  unter  Entwickelung  von  deutlichem  Emphysem  der  er- 
weichten Stellen,  ihre  Wesenheit  leicht  erkennen  lässt.  Diese  Phlegmone  wird 
entweder  operativ  geöffnet,  oder  sie  bricht  spontan  auf  und  es  entwickelt 
sich  daselbst  nach  Exfoliation  der  gangränösen  Darmpartien,  aber  auch 
der  nekrotischen  Umgebung  (Bruchsack  und  Bruchlager)  entweder  eine 
Darmfistel  oder  ein  widernatürlicher  After,  je  nachdem  ein  Theil  oder  die 
ganze  Darmperipherie  der  Nekrose  verfällt.  Diese  Elimination  geschieht 
allerdings  unter  beständig  immin  enter  Peritonitisgefahr.  Von  nun  an  entleert 
sich  also  ein  Theil  oder  der  ganze  Darminhalt  durch  die  abnorme  Öffnung. 
Die  Fistel  heilt  entweder  spontan,  oder  sie  erfordert,  ebenso  wie  in  der 
Kegel  der  widernatürliche  After,  eine  nachträgliche  Resection  und  Sutur, 
wenn  der  Kranke  von  seinem   ekelhaften   Defecte   geheilt  werden  soll. 

Doch  noch  ein  viertes  Bild  des  Einklemmungsverlaufes  wird  beob- 
achtet: Eine  gewisse  Zahl  von  Kranken  mit  eingeklemmten  Brüchen  unter- 
liegt einer  scheinbar  selb.ständigen  Entzündung  der  Lungen,  und  zwar 
entweder  ohne  Operation,  oder  auch  nach  vorhergehendem  Eingriffe,  mag 
derselbe  in  was  immer  bestanden  haben.  Diese  die  Brucheinklemmung 
begleitenden  Lungenaffectionen  sind  schon  lange  Gegenstand  ausführlicher 
Beobachtungen  und  Deutungen  gewesen.  Schon  im  Jahre  1873  hat  Leboux 
die  Complication  der  Lunge  bei  Hernienincarcerationen  zum  Gegenstande 
seiner  Untersuchungen  gemacht,  und  im  Jahre  1881  wurde  von  Verneuil 
darauf  hingewiesen,  dass  bei  manchen  Brucheinklemmungsfällen  der  Tod 
durch  enorme  Lungenhyperämie  eintrat,  welche  sich  bis  zur  Bildung  apo- 
plektischer  Herde  mit  Splenisation  des  Gewebes  steigern  kann.  Hierauf 
wurde  im  Jahre  1889  am  Congresse  der  deutschen  Chirurgen  die  Ansicht 
G  u  s  s  e  n  b  a  u  e  r  's  mitgetheilt,  dass  die  Lungenentzündungen  bei  Bruch- 
einklemmungen sowohl  bei  bejahrten,  als  bei  jüngeren  Individuen  auch 
bei  sonst  guter  Ernährung  auf  folgende  Weise  gedeutet  werden  sollten: 
In  der  eingeklemmten  Darmpartie  staut  sich  in  den  kleineren  Venen  und 
Capillaren  das  Blut  und  es  bilden  sich  capillare  Thromben;  nach  Reposition 
des  eingeklemmten  Eingeweides  werden  diese  Thromben  in  den  Blutkreis- 
lauf embolisiert,  und  zwar  nicht  nur  in  der  Leber,  sondern  auch  in  der 
Lunge,  da  beim  Menschen  zwischen  der  Vena  cava  und  der  Wurzel  der 
Pfortader  die  bekannten  Anastomosen  bestehen.  Wenn  die  Emboli  nicht 
inficiert  sind,  so  sind  die  Folgen  keineswegs  bedenklich,  sind  sie  aber 
Träger  von  Infectionskeimen,  dann  werden  sie  Ursachen  von  Lungenent- 
zündungen. Lesshaft  hat  die  Entzündung  der  Lunge  nach  Incarceration 
als  eine  Pneumonia  ex  ingestis,  also  eine  Fremdkörperpneumonie  bezeichnet, 
welche  dadurch  entsteht,  dass  beim  Erbrechen,  welches  gewöhnlich  die 
Incarceration  begleitet,  Partikelchen  des  Darminhaltes  in  den  Respirations- 
tractus  hineindringen,  besonders  wenn  das  Erbrechen  während  der  Hernio- 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


315 


tomie,  also  in  der  Narkose  erfolgt,  in  welcher  die  Theilchen  auch  leicht 
aspiriert  werden.  Fischer  und  Lewy,  welche  bei  zwei  gangränösen,  aber 
nicht  reponierten  Hernien  eine  Bronchopneumonie  beobachtet  haben,  ohne 
dass  sie  Emboli  oder  Fremdkörper  in  der  Lunge  vorgefunden  hätten, 
glauben,  dass  als  Quelle  der  Metastasen  auch  die  allergeringste  Entzündung 
des  Bauchfelles  gelten  kann,  welche  während  des  Lebens  vielleicht  gar 
nicht  diagnosticiert  wird  und  welche  noch  vor  dem  Tode  des  Organismus 
überwunden  werden  könnte. 

Dass  es  sich  bei  der  Erklärung  Gussenbauer's,  zweifellos  der 
einfachsten  und  allerwahrscheinlichsten,  in  erster  Reihe  um  die  im  Darme 
enthaltenen  Mikroben  handeln  würde,  demnach  hauptsächlich  wieder  um 
den  Bacillus  Escherichi,  weiter  um  pyogene  Mikroorganismen  und  dann 
um  jene  Organismen,  denen  man  bei  der  Lungenentzündung  eine  besondere 
Aufgabe  beilegt,  also  um  den  Diplococcus  Fränkel- Weichselbaum,  dies  liegt 
so  ziemlich  auf  der  Hand. 

Wir  kehren  hiemit  abermals  zu  der  Frage  über  die  Mikrobenhältigkeit 
des  Bruchwassers,  da  es  ja  ziemlich  wahrscheinlich  ist,  dass  jene  Mikroben, 
welche  wir  im  Bruchwasser  finden,  durch  die  Darmwand  hindurchgetreten 
sjnd,  demnach  dass  sie  während  ihres  Durchdringens  auch  die  Thromben 
in  den  Venen  und  Capillaren  inficieren  könnten.  Dass  wir  also  einen  und 
denselben  Mikroben  an  zwei  voneinander  beträchtlich  entfernten  Orten 
vorfinden  können,  wo  er  krankhafte  Veränderungen  verursachen  kann, 
nämlich  im  Bruchwasser  und  in  der  Lunge,  dass  der  Diplococcus  pneumoniae 
an  zahllosen  Orten  eitrige  Vorgänge  anregen  kann,  dafür  bestehen  ja 
zahlreiche  Beweise  in  der  Literatur.  Die  Erfahrungen  von  Weich  sei  bäum  j 
und  Barbacci  haben  den  erwähnten  Mikroben  als  Ursache  der  acuten  / 
Entzündung  des  Bauchfelles  und  der  perforativen  Peritonitis  constatiert, 
wodurch  auch  die  Wahrscheinlichkeit  des  Fundes  derselben  als  Ursache 
der  Infection  der  Thromben  der  Darmwand  und  im  Bruchwasser  bedeutend 
gestiegen  ist. 

Bevor  wir  auf  den  Verlauf  der  Krankheit  zu  sprechen  kommen, 
wenn  der  Bruch  subcutan  oder  operativ  reponiert  worden  ist,  müssen 
wir  noch  von  einem  Symptome  sprechen,  dem  in  dem  vergangenen  Jahr- 
zehnte noch  nicht  viel  Wichtigkeit  beigelegt  wurde,  bis  auf  seine  Be- 
deutung in  der  Neuzeit  ein  neuerlicher  Hinweis  geschah;  es  ist  dies  nämlich 
das  Erscheinen  von  Indican  und  Albumen  im  Harne  von  an  Bruchein- 
klemmung erkrankten  Individuen. 

Schon  vor  langer  Zeit  hatte  Max  Jaffe  (1872)  auf  die  Ver- 
änderung der  Zusammensetzung  des  Urins  bei  Incarceration  hingewiesen, 
indem  er  eine  beträchtliche  Menge  Indican  in  demselben  constatierte.  Diese 
Erscheinung  erklärte  er  sich  derart,  dass  er  sich  auf  das  von  Kühn  ent- 
deckte Factum  bezog,  nämlich  dass  das  Indol  zu  den  Endproducten  der 


316 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


pankreatischen  Verdauung  gehöre,  und  auf  die  Thatsache,  dass  nach  sub- 
cutaner Einspritzung  von  Indol  im  Harne  eine  beträchthche  Menge  von 
Indican  erscheint.  Bei  dem  gewöhnlichen  Vorwärtsrückon  des  Darminhaltes 
pflegt  dieses  Zersetzungsproduct,  nämlich  Indol,  durch  den  After  nach 
außen  entleert  zu  werden.  Wenn  aber  irgend  ein  Hindernis  für  die  Ent- 
leerung besteht  und  wenn  sich  also  diese  Zersetzungsproducte  längere 
Zeit  über  dem  Hindernisse  stauen,  so  pflegen  sie  resorbiert  und  hierauf 
durch  die  Nferen  ausgeschieden  zu  werden.  Ja,  sie  können,  sobald  sie 
nicht  zur  rechten  Zeit  aus  dem  Körper  entfernt  werden,  Ursachen  von 
Intoxicationen  werden.  Mancher  Fall,  welcher  bei  bestehendem  Hindernisse  für 
die  Darmbewegung  tödtlich  zu  Ende  geht,  beruht  auf  dieser  Selbstvergiftung 
(Autointoxicationen),  wie  wir  wenigstens  in  jenen  Fällen  glauben,  wo  irgend 
ein  positiver  Befund  in  anderen  Organen  fehlt.  Aber  es  lässt  sich  auch  con- 
statieren,  dass,  wenn  auch  nicht  gerade  tödtliche  Mengen  in  den  Organismus 
aufgenommen  werden,  dennoch  nachweisbare  Quantitäten  dieser  Stoffe  resorbiert 
wurden,  da  man  deutliche  Quantitäten  derselben  im  Harne  nachweisen  kann. 
Diese  Erscheinung  kann  man  aber  wieder  benützen,  einerseits  um  innere 
Incarceration  und  innere  Undurchgängigkeit  des  Darmes  von  anderen 
diesem  Zustande  ähnlichen  Krankheiten  zu  unterscheiden,  bei  denen  sich 
jedoch  der  Darminhalt  nicht  anstaut,  wie  zum  Beispiel  bei  der  Bauchfell- 
entzündung; bei  der  letzteren  ist  ein  eigentlicher  Grund  zur  Ausscheidung 
von  Indican  durch  den  Harn  nicht  gegeben.  Wir  können  jedoch  an  dieser 
Stelle  nicht  verschweigen,  dass  nach  Senator  nicht  nur  ein  Katarrh  des 
Dünndarmes,  sondern  auch  Typhus  und  Entzündung  des  Bauchfelles  dennoch 
von  qualitativ  bestimmbarer  Ausscheidung  von  Indican  begleitet  werden 
können.  Weiter  ist  nach  denselben  Studien  Jaffe's  ein  wesentlicher  Unter- 
schied darin,  ob  das  Hindernis  im  Dünndarme  oder  Dickdarme  besteht;  bei 
einem  Hindernis  im  Dünndarme  pflegt  die  Menge  des  Indicans  bedeutend 
vermehrt  zu  sein,  bei  einem  Hindernis  im  Dickdarme  fehlt  Indican  über- 
haupt im  Harne  oder  derselbe  ist  nur  in  ganz  unbedeutender  Weise 
vermehrt. 

Wenn  wir  von  den  vereinzelten  Angaben,  dass  die  Harnmenge  in 
den  Fällen  von  Bruchincarceration  verringert  zu  sein  pflegt,  ja  sogar  eine 
vollständige  Anurie  besteht  (Cholera  herniaire  nach  den  Beobachtungen 
von  Davis  und  Mal gaigne),  absehen,  so  müssen  wir  dennoch  die  Beobachtung 
erwähnen,  dass  bei  incarcerierten  Hernien  auch  Albuminurie  vorzukommen 
pflegt.  Im  Jahre  1884  hat  Englisch  eine  Reihe  von  Hernienunter- 
suchungen  bei  Bruchleidenden  unternommen,  und  zwar  im  ganzen  in 
73  Fällen,  von  denen  33  operiert  und  40  durch  Taxis  behandelt  wurden, 
außerdem  hat  er  den  Harn  auch  in  15  Fällen  von  entzündeten  und  leeren 
Bruchsäcken  untersucht.  Eiweiß  wurde  bei  Entzündung  des  Bruchsackes 
nur  2mal  constatiert,  bei  Brucheinklemmung  und  gelungener  Taxis  lOmal 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


317 


und  bei  operierten  incarcerierten  Hernien  20mal.  Daraus  schloss  En glisch. 
dass  je  größer  das  Repositionshindernis  ist,  desto  sicherer  Albanien  im 
Harne  vorgefunden  wird.  Mit  Rücksicht  auf  den  ganzen  Verlauf  dieser 
Erscheinungen  sprach  Englisch  die  Meinung  aus.  dass  auch,  wenn  im 
Harne  früher  kein  Albumen  vorgekommen  ist.  dasselbe  in  einer  nicht 
immer  gleichen  Zeitperiode  nach  der  Einklemmung  erscheine,  dass  seine 
Menge  stetig  ansteige  und  seine  Höhe  entweder  knapp  vor  der  Operation 
oder  bei  der  ersten  auf  die  Operation  folgenden  Harnentleerung  erreicht, 
worauf  die  Eiweißmenge  abnimmt,  bis  sie  vollständig  verschwindet,  wenn 
der  Wundverlauf  normal  war  und  wenn  keine  Complication  von  Seite  des 
Darmes  entstanden  ist.  Sonst  ist  diese  Erscheinung  von  dem  Alter  des 
Kranken,  von  der  bisherigen  Dauer  der  Hernie,  von  der  Länge  der  herniösen 
Darmschlinge,  oder  davon,  ob  bereits  eine  Einklemmung  vorhergegangen 
ist,  vollständig  unabhängig. 

Englisch  wies  aber  noch  auf  einen  Umstand  hin,  dass.  je  un- 
günstiger der  postoperative  Verlauf  ist,  je  mehr  die  Kräfte  des  Kranken 
verfallen,  desto  rascher  die  Eiweißmenge  ansteige  und  dass  desto  größer 
auch  ihre  verhältnismäßige  Menge  ist.  Endlich  verdient  noch  eine 
dritte  Beobachtung  des  genannten  Autors  erwähnt  zu  werden.  In  allen 
Fällen  nämlich,  in  denen  der  Bruchinhalt  entweder  von  einer  Darmschlinge 
allein  oder  in  Verbindung  mit  dem  Netze  gebildet  wurde,  ist  stets  Eiweiß 
im  Urin  nachgewiesen  worden,  während  dasselbe  bei  Einklemmung  des 
Netzes  gewöhnlich  fehlt. 

Die  gangränösen  Hernien,  also  die  Fälle,  deren  postoperativer  Verlauf 
schwer  ist,  pflegen  von  einer  bis  11  Tage  anhaltenden  Albuminurie  be- 
gleitet zu  werden,  welche  temporär  auch  einen  gewissen  Anstieg  aufweist. 

Bei  allen  diesen  Beobachtungen  (ausgenommen  jene,  in  denen  die 
kranken  Nieren  schon  früher  erkrankt  waren)  pflegen  die  Gewebsver- 
änderungen der  Nieren  bei  der  soeben  erwähnten  Albuminurie  im  ganzen 
recht  unbedeutend  zu  sein,  und  zwar  sowohl  nach  der  klinischen  Unter- 
suchung, als  auch  nach  der  mikroskopischen  Analyse  bei  den  ungünstig 
geendeten  Fällen.  Man  könnte  also  diese  Veränderungen  auf  eine  Nieren- 
hyperämie oder  eine  parenchymatöse  oder  fettige  Degeneration  der  Nieren- 
epithelien  beziehen. 

Nach  der  Erfahrung,  dass  bei  den  spontan  entzündeten  Hernien, 
weiter  dass  bei  den  Radicaloperationen,  auch  trotz  der  ziemlich  intensiven 
örtlichen  Entzündung,  endlich  dass  bei  entzündeten  leeren  Bruchsäcken 
fast  niemals  Eiweiß  im  Urin  vorkommt,  dagegen  bei  Brucheinklemmung 
sofort  beobachtet  wird,  scheint  es,  dass  es  hauptsächlich  die  intensiven 
Veränderungen  der  Darmwand  sind,  insbesondere  also  das  Gangränöswerden 
derselben,  welches  zum  Auftreten  von  Eiweiß  im  Urin  führt,  und  zwar 
vermittelst  eines  Mechanismus,  der  uns  des  genaueren  noch  nicht  bekannt  ist. 


318 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


Außer  der  Albuminurie  ist  in  allerneuester  Zeit  (und  zwar  von 
Neugebauer  aus  der  Klinik  von  Nicoladon i)  in  zwei  Fällen  Grlykosurie 
bei  Brucheinklemmung  beschrieben  worden;  durch  Beobachtung  dieser  zwei 
Fälle,  sowie  durch  Thierexperimente  wurde  die  folgende  Erklärung  ungefähr 
wahrscheinlich  gemacht:  Bei  der  Incarceration  oder  der  Strangulation  des 
Zwölffingerdarmes,  oder  des  Jejunums  allein,  oder  der  Einklemmung  von 
Brüchen,  bei  denen  ein  großer  Theil  des  Dünndarmes  von  der  Function 
ausgeschlossen  ist,  können  Erscheinungen  der  Glykosurie  auftreten,  welche 


Fig.  76.  Fig.  77. 

Retrograd  incarcerierter  Wurmfortsatz.  Retrograd  incarcerierte  Tuba. 

aä  =  die  Incarcerationsspur.  a  d  =  Incarcerationsspur. 

b  —  Morsus  diaboli. 

c  =---  Ovarium. 

d  =  cystös  degenerierte  Tubaschiinge. 

nach  Beseitigung  des  Hindernisses  schwindet,  irgend  einen  ungünstigen 
Einfluss  aber,  zum  Beispiel  auf  die  Narkose  oder  auf  den  postoperativen 
Verlauf,  nicht  zu  äußern  pflegt.  Die  Constriction  des  Ileums  oder  des 
Dickdarmes  pflegt  bei  Thieren  keine  Glykosurie  zur  Folge  zu  haben.  Diese 
Beobachtung  würde  eine  Weiterbestätigung  der  Auffassung  Kolisch 's  sein, 
welcher  meint,  dass  die  durch  Unterbindung  der  ernährenden  Gefäße  des 
Darmes  hervorgerufene  Glykosurie  ihrem  Wesen  nach  als  alimentär  auf- 
zufassen sei  und  durch  die  Vernichtung  oder  temporäre  Ausschaltung  der 
Dünndarmfunction,  als  des  den  Zucker  assimilierenden  Organes,  hervor- 
gerufen werde. 


über  Einklemmung  der  Brüche. 


319 


Diese  ausführliche  Abhandlung  der  Brucheinklemmung  des  Darmes 
muss  am  Schlüsse  durch  eine  vom  Verfasser  gemachte  Beobachtung  er- 
gänzt werden.  In  zwei  rasch  hintereinander  folgenden  Fällen  wurde 
nämlich  beobachtet,  dass  der  incarcerierte  Theil  des  Bruchinhaltes  nicht 
außen  vom  incarcerierenden  Ringe,  also  im  äußeren  Bruche  liege, 
sondern  dass  er  sich  in  der  Bauchhöhle  befinde.  Diese  Fälle  betrafen 
den  wurmförmigen  Anhang  und  den  Eileiter  und  sind  auf  den  bei- 
gefügten Abbildungen  (Fig.  76  und  77  auf  Seite  318)  wiedergegeben. 
Sowohl  das  Ende  des  wurmförmigen  Anhanges  (Fig.  76).  als  die  Eileiter- 
schlinge (Fig.  77),  welche  ungefähr  der  Mitte  dieses  Organes  entsprach, 
waren  deutlichst  incarceriert,  während  außen  im  Bruchsacke  der  centrale 
Theil  dieses  Organes  sich  befand.  Dieser,  nach  der  Terminologie  beim 
Darme,  als  zuführender  Arm  zu  bezeichnende  Theil  war  in  beiden  Fällen 
beinahe  unverändert,  wodurch  der  Unterschied 
in  dem  Aussehen  dieser  und  der  incarcerierten 
Partie  noch  deutlicher  wurde.  Verfasser  bezeichnete 
diese  Incarceration  als  retrograd  oder  rückläufig 
und  hat  darauf  hingewiesen,  dass  sich  derartige 
Vorkommnisse  wohl  hauptsächlich  an  Organen 
und  endoperitonealen  Gebilden  zur  Beobachtung 
eignen  dürften,  welche  frei  in  der  Bauchhöhle 
flottieren,  oder  an  langen,  dünnen,  röhrenförmigen 
oder  soliden  Eingeweiden,  wie  sie  vom  wurm- 
förmigen Anhange,  vom  Eileiter,  vom  Diverti- 
culum  Meckelii,  wenn  es  an  seinem  Ende  nicht 
fixiert  ist,  und  von  Netzzipfeln  repräsentiert 
werden.   Und   thatsächlich   wurde   bald  darauf 

von  J.  Schnitz  1er  in  der  kais.  königL  Gesellschaft  der  Ärzte  von 
Wien  ein  Fall  vorgestellt  und  von  Porges  publiciert,  in  welchem  ein 
Netzzipfel  rückläufig  incarceriert  war.  Ein  ähnlicher  Fall  wurde  jüngst 
von  einem  unserer  Hilfsärzte  operiert,  in  welchem  ein  bedeutender  ver- 
dickter Netzklumpen  incarceriert  in  der  Bauchhöhle  lag,  während  zwei 
ähnliche  Netzknollen,  und  zwar  ausgehend  von  dem  centralen  Theile 
des  Netzes,  den  Bruchinhalt  bildeten.  Ein  weiterer  Fall  von  retrograder 
Incarceration  wurde  vom  Assistenten  des  Verfassers,  Dr.  Kukula.  ver- 
öffentlicht, in  welchem  es  sich  um  eine  Incarceration  eines  kurzgestielten, 
der  Außenfläche  des  Darmes  aufsitzenden  Tumors  handelte.  Die  Darm- 
schlinge, welcher  der  Tumor  angehörte,  lag  außen  vom  Bruchringe,  die 
Geschwulst  aber  mit  deutlichen  Incarcerationserscheinungen  innerhalb  der 
Bauchhöhle  (siehe  Fig.  78).  In  allen  diesen  Fällen  wurde  der  rückläufige 
incarcerierte  Theil  exstirpiert,  wodurch  bald  Heilung  eintrat,  zum  Zeichen, 
dass  die  drohende  Peritunealinfection  noch  nicht  eingetreten  war.  Freilich 


Retrograd  incarcerierter 
gestielter,  subseröser  Darm- 
tumor. 


320 


Über  Einkleinnrang  der  Brüche. 


hat  es  sich  in  diesen  Fällen  nie  um  eine  Incarceration  des  Darmes 
gehandelt,  bei  welcher  allerdings  die  Infectionsgefahr  eminent  gewesen 
wäre.  Doch  können  wir  uns  eine  rückläufige  Incarceration  des  Darmes 
nur  schwer  vorstellen,  nämlich  nur  dann,  wenn  eine  Darmschlinge 
mit  ihrer  Kuppe  centralwärts  vom  inneren  Bruchringe  anwachsen  würde 
und  hierauf  die  central  und  peripher  von  dieser  Verlöthungsstelle 
liegenden  Darmpartien  in  den  Bruch  herabsinken  würden,  worauf  also  die 
innerhalb  verbliebene  Mitte  der  Darmschlinge  sich  riickläufig  einklemmen 
könnte.  Da  aber  in  einem  solchen  Falle  das  zugehörige  Mesenterium, 
demnach  die  zugehörigen  mesenterialen,  ernährenden  Gefäße  innerhalb  der 
Bauchhöhle  verbleiben  müssten,  und  weiter  infolge  des  ümstandes,  dass 
die  Bruchpforte  sodann  Raum  für  eine  vierfache  Darmschlinge  darbieten 
müsste  und  weil  Incarceration  in  solchen  geräumigen  Bruchpforten  nur 
äußerst  selten  vorkommt,  so  mag  alles  dies  der  Grund  sein,  warum  die  rück- 
läufige Incarceration  des  Darmes  bisher  noch  in  keinem  Falle  gemeldet 
wurde. 

Die  Beobachtung  der  rückläufigen  Incarceration  fordert  uns  auf, 
dass  wir  in  den  Fällen,  wo  die  Zeichen  der  Brucheinklemmung  in  dem 
außen  vorliegenden  Bruchinhalte  nicht  deutlich  ausgeprägt  sind  und  wo 
die  Einklemmungserscheinungen  dennoch  auf  eine  Strangulation  des  Darmes 
deutlich  hinweisen,  daran  denken  müssen,  dass  sich  mit  dem  Bruche  auch 
irgend  ein  Ileusfall  combinieren  könne,  dass  es  sich  aber  auch  um  eine 
rückläufige  Incarceration  handeln  könne  und  dass  demnach  nicht  nur  eine 
Revision  des  Bruchinhaltes,  sondern  auch  der  anliegenden  Partien  der  im 
Bruchsacke  befindlichen  Eingeweide  nothwendig  sei,  auch  wenn  dieselben 
noch  in  der  Bauchhöhle  gelagert  sind.  Dass  die  rückläufige  Incarceration 
außer  der  schwierigen  Erkenntnis  an  und  für  sich  gefährlicher  ist  als  die 
äußere  Einklemmung  derselben  Organe,  braucht  nicht  erst  bemerkt  zu 
werden,  denn  die  Perforation  eines  in  der  Bauchhöhle  liegenden  rückläufig 
eingeklemmten  Darmes  würde  sofort  die  ganze  Peritonealhöhle  anstecken, 
während  bei  einer  gewöhnlichen  Incarceration  zuerst  der  Bruchsack  und 
erst  im  weiteren  Verlaufe  die  Peritonealhöhle  inficiert  wird,  welch  letzteres 
Vorkommnis  durch  verschiedene  Maßregeln  noch  vermieden  werden  kann. 

Neben  der  äußeren  und  rückläufigen  Incarceration  müssen  wir  noch 
die  innere  Incarceration  erwähnen;  vor  allem  sollten  wir  von  der  Incar- 
ceration der  inneren  Hernien  sprechen.  Da  es  aber  ein  allgemeiner  Usus  ist, 
von  inneren  Hernien  auch  zu  sprechen,  wenn  eine  Verdrehung,  Verknotung, 
Verwickelung  oder  Strangulation  des  Darmes  durch  Netz-  oder  neugebildete, 
pseudomembranöse  Stränge  u.  s.  w.  vorliegt,  so  sehen  wir  uns  genöthigt, 
in  den  Bereich  dieses  Buches  auch  alle  jene  Fälle  der  acuten  und 
chronischen  Obturation  des  Darmes  einzubeziehen,  gegen  welche  die 
Differentialdiagnose  der  inneren  Hernien  gemacht  werden  muss. 


über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis. 


321 


Hiedurcli  wird  dieser  Gegenstand  so  umfänglich,  dass  wir  ihm  einen 
und  zwar  nicht  den  unbedeutendsten  Theil  dieses  Buches  widmen  müssen. 
Wir  bemerken  aber  schon  an  dieser  Stelle,  dass  die  Lehre  von  der  In- 
carceration  der  inneren  Hernien  in  diesem  Capitel  dennoch  nur  einen 
geringen  Theil  einnehmen  wird,  weil,  wie  wir  schon  bei  der  anatomischen 
Besprechung  der  letzteren  erwähnten,  die  Operationen  unzweifelhafter  innerer 
eingeklemmter  Brüche  wenig  zahlreich  sind  und  solche  Beobachtungen  erst 
in  der  allerneuesten  Zeit  sich  mehren. 

An  dieser  Stelle  muss  auch  weiter  darauf  hingewiesen  werden,  dass 
die  Therapie  der  eingeklemmten  inneren  Hernien  im  Vergleiche  zu  jener 
der  äußeren  als  bei  weitem  complicierter  bezeichnet  werden  muss,  schon 
aus  dem  Grunde,  weil  1.  die  Diagnose  der  inneren  Hernien  eine  ungemein 
schwierigere,  mindestens  unsichere  ist,  während  die  der  äußeren  ziemlich 
einfach  ist;  2.  weil  die  Einsicht  in  die  verwickelten  Verhältnisse  bei  der 
inneren  Hernie  eine  Eventration  des  Bauchhöhleninhaltes  verlangt,  und 
3.  weil  bei  eintretender  Darmgangrän  die  Prognose  der  inneren  Hernien 
beinahe  immer  als  tödthch  bezeichnet  werden  kann  infolge  der  Ansteckung 
der  Bauchhöhle,  welcher  nur  schwer  zu  steuern  ist,  und  weil  gleichzeitig 
die  Elimination  eines  gangränösen  inneren  Bruchsackes  beinahe  immer  als 
unmöglich  bezeichnet  werden  muss,  ebenso  wie  die  Exstirpation  desselben. 


Über  die  subctttane  Reposition  oder  die  Taxis. 

Nachdem  wir  sämmtliche  Erscheinungen,  welche  in  einem  einge- 
klemmten Bruche  von  Beginn  der  Incarceration  bis  zur  spontanen  oder 
künstlichen  Reposition  sich  ereignen  können,  besprochen  haben,  bleibt  uns 
nur  noch  die  Aufgabe  übrig,  die  letzteren  Kunsteingriffe  selbst  abzu- 
handeln. 

Der  Eingriff,  mittelst  dessen  eine  Schlingenincarceration  beseitigt 
werden  soll,  muss  demnach  jenes  Hindernis  überwinden,  welches  dieser 
Reposition  im  Wege  ist  und  sollte  dieser  Eingriff  demnach  je  nach  Art 
dieses  Hindernisses  auch  verschieden  sein.  Gewöhnlich  machen  wir  jedoch 
keinen  solchen  Unterschied  in  unserem  Vorgehen,  und  es  liegt  vielleicht 
darin  schon  ein  gewisser  Hinweis  darauf,  dass  die  Ursache  der  Incarceration 
in  der  größten  Mehrzahl  der  Fälle  dieselbe  ist,  nämlich  stercoralen  Ur- 
sprunges und  nur  in  Ausnahmsfällen  anderartig,  nämlich  elastisch. 

Der  Repositionsversuch  einer  eingeklemmten  Hernie  kann  entweder 
subcutan  sein  und  heißt  dann  Taxis,  oder  er  wird  unter  Anlegung  einer 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  21 


322  über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis. 

Wunde  vorgenommen  und  heißt  dann  Bruchschnitt,  Herniotomie,  oder 
Kelotomie. 

Die  Taxis  will  die  Reposition  durch  bestimmte  Manipulation  ohne 
äußere  Wunde  erreichen,  durch  welche  das  die  Incarceration  bedingende 
Hindernis  beseitigt  und  der  Bruchinhalt  an  seinen  normalen  Ort  zurück- 
geschoben werden  soll.  Dieser  Taxis  wurde  seit  jeher  eine  große  Be- 
deutung beigemessen.  Tirman,  ein  Schüler  Lisfranc's,  sprach  den  Satz 
aus:  „Die  Taxis  ist  die  Regel,  die  Operation  dagegen  die  Ausnahme." 
Gegenwärtig  stehen  wir  allerdings  auf  einem  entgegengesetzten  Stand- 
punkte, indem  wir  sagen:  die  Operation  ist  die  Regel  und  die  Taxis  ist 
nur  ein  Nothbehelf.  Diese  Wandlung  der  Ansichten  hat  in  Folgendem 
seinen  Grund:  Früher  fürchtete  man  nämlich  den  Bruchschnitt,  indem 
man  die  Ansteckung  der  Peritonealhöhle  vom  Bruchsacke  aus  vermeiden 
wollte.  Die  schlechten  Erfolge  der  Herniotomie  (nämlich  bis  80°/^  Mortalität) 
machten  diese  Befürchtung  auch  wohlbegründet.  Jetzt  besteht  aber  diese 
Angst  vor  der  Eröffnung  der  peritonealen  Ausstülpung  nicht  mehr  und 
wir  ersetzen  die  Taxis  durch  die  Operation,  in  der  Regel  deswegen,  weil 
jene  Fälle,  in  denen  die  Taxis  wahrscheinlich  erfolgreich  angewendet 
werden  könnte,  auch  geeignet  sind,  dass  an  die  Herniotomie  auch  zugleich 
der  Eingriff  angeschlossen  werde,  welcher  die  radieale  Ausheilung  der 
Hernie  überhaupt  bezweckt,  oder  welcher  das  Wiedererscheinen  der  Hernie 
vermeiden  soll.  Daher  führen  wir  die  Taxis  auch  in  jenen  Fällen, 
welche  sie  den  Umständen  nach  zulassen  würden,  nur  dann  aus,  wenn 
bestimmte  Verhältnisse  die  radieale  Operation  verbieten.  So  wurden  auf 
der  Klinik  des  Verfassers  im  Jahre  1891  bis  1892  20  Hernien  mittelst 
Taxis  reponiert,  im  Jahre  1892  bis  1893  8  Hernien,  im  Jahre  1895  und 
1896  dagegen  nur  eine.  Dem  entsprechend  stieg  aber  die  Anzahl  der 
radical  operierten  Fälle,  welche  incarceriert  gewesen  waren,  bedeutend. 
Von  34  in  den  letzten  5  Jahren  ausgeführten  Taxisoperationen  starb  bloß 
eine  und  zwar  an  einer  nachträglichen  Perforation  des  Darmes.  Dies  ergibt 
eine  Verhältniszahl,  in  welcher  auch  früher  nach  ausgedehnter  Taxis- 
anwendung einzelne  Fälle  tödtlich  abgiengen,  nämlich  3  bis  4:°/q  der  so 
behandelten  Fälle  giengen  zugrunde.  Die  Taxis,  also  der  subcutan  ausge- 
führte Repositionsversuch  einer  eingeklemmten  Hernie,  wird  ungefähr  in 
derselben  Weise  ausgeführt  wie  die  Repositionsweise  einer  freien  Hernie, 
nur  in  etwas  intensiverer  Weise,  da  es  sich  ja  um  Beseitigung  eines  Hinder- 
nisses handelt,  welches  bei  einer  freien  Hernie  nicht  besteht. 

Man  muss  sich  aber  bei  der  Taxis  stets  vor  Augen  halten,  dass 
dieselbe  nicht  unser  Ziel  um  jeden  Preis  ist,  da  uns  bekannt  ist,  dass  der 
eingeklemmte  Bruch  am  Halse  oder  sonstwo  angewachsen  sein  kann, 
worauf  natürlich  eine  Reposition  der  Schlingen  unmöglich  ist.  Man  muss 
sich  aber  hauptsächlich  dessen  bewusst  sein,  dass  der  Verlauf  einer  Darm- 


über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis. 


323 


einklemmung  derart  verschieden  ist,  dass  die  Schlinge  einmal  schon  nach 
48  Stunden  der  Gangrän  verfällt,  während  sie  ein  andermal  auch  nach 
lOtägiger  Incarceration  bei  der  Operation  als  noch  zur  Reposition  geeignet 
erachtet  wird.  Es  ist  daher  eigentlich  niemals  möglich,  mit  apodiktischer 
Sicherheit  sich  darüber  auszusprechen,  ob  ein  Bruch,  welchen  wir  mittelst 
der  Taxis  heilen  wollen,  auch  für  dieselbe  geeignet  ist,  oder  ob  die  be- 
absichtigte Taxis  in  diesem  Falle  nicht  ein  das  Leben  des  Patienten  be- 
drohender Eingriff  ist.  Es  ist  daher  rathsam,  sich  desto  weniger  zur 
Taxis  zu  entschließen,  je  länger  die  Incarceration  bereits  dauert,  denn 
umso  wahrscheinlicher  sind  bereits  die  Gewebsstörungen  im  Darme.  Dass 
also  die  Taxis  sich  von  selbst  verbietet,  sobald  entzündliche  Erscheinungen 
um  den  Bruch  herum  erkennbar  sind,  ist  selbstverständlich,  an  eine 
Reposition  einer  von  einer  Stercoralphlegmone  befallenen  Hernie  dürfte 
wohl  überhaupt  kein  Vernünftiger  denken. 

Doch  mit  Rücksicht  auf  Brüche,  deren  Hautbedeckungen  verändert 
sind,  muss  man  sich  daran  erinnern,  dass  Hernien,  welche  bereits  gewalt- 
same Repositionsversuche  durchgemacht  haben,  von  ödematöser  Haut 
bedeckt  sein  können,  welche  auch  verdächtig  verfärbt  sein  kann,  und  zwar 
von  einer  schwach  rosarothen  Färbung  bis  zu  einer  grüngelbbraungraulichen 
Farbennuance  —  alles  dies  durch  blutige  Extravasate,  welche  allmählich 
sich  entfärben  und  auch  zur  Oberfläche  vordringen.  Ganz  besonders  ist 
aber  eine  gewaltsame  Taxis  verboten,  und  zwar  aus  dem  Grunde,  weil 
durch  Anwenden  von  großer  Gewalt  die  Darmwand  in  ihrer  Structur  derart 
geschädigt  werden  kann,  dass  sie  auch  nach  Lösung  der  Einklemmung 
nicht  mehr  lebensfähig  ist.  Dass  durch  unmäßige  Repositionsversuche  eine 
Gewebsstörung  im  Bruchhalse,  welche  vielleicht  sonst  nicht  eingetreten 
wäre,  beschleunigt  werden  kann,  ist  leicht  begreiflich,  insbesondere  muss 
man  aber  bei  der  Taxis  von  jeder  Gewaltanwendung  deswegen  ablassen, 
weil  durch  dieselbe  ein  zweifaches  Ereignis  eintreten  kann,  von  dem  das 
eine  die  Sackruptur  mit  einer  bestimmten  Folge  derselben,  nämlich  der 
unrichtigen  Reposition,  und  deren  zweites  die  Totalreposition  oder  die  Re- 
position en  masse  oder  en  bloc  benannt  wird.  Im  ersten  Falle  reponieren 
wir  durch  eine  Ruptur  des  Sackes  den  Bruchinhalt  in  das  präperitoneale 
Zellgewebe,  in  dem  zweiten  Falle  lösen  wir  den  Bruchsackhals  von  der 
Bruchpforte  und  drängen  den  unversehrten  Sack  mit  seinem  Inhalte 
zwischen  die  Bauchmuskeln  oder  wieder  in  einen  präperitonealen  Raum, 
ohne  die  Einklemmung  in  beiden  Fällen  gelöst  zu  haben.  Hier  wollen  wir 
jedoch  auf  diese  Ereignisse  nur  hingewiesen  haben,  da  wir  ja  später  auf 
dieselben  ausführlich  zu  sprechen  kommen.  Durch  die  beiden  eben- 
genannten Ereignisse  kann  die  äußere  Schwellung  oder  Bruchgeschwulst 
verschwinden  und  für  den  Ungeübten  der  Eindruck  entstehen,  als  ob  alles 
in  bester  Weise   geordnet  wäre;  erst  die  Austastung  der  Gegend  über 

21* 


324 


über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis. 


dem  Bruchringe,  sowie  die  Persistenz  der  Incarcerationsersclieinungen  oder 
ihre  Steigerung  bis  zu  dem  Bilde  einer  perforativen  Peritonitis  belehrt 
denselben  vom  Gegentheil.  Bezüglich  der  Technik  subcutaner  Repositionen 
kann  Folgendes  angeführt  werden:  Zuerst  lagern  wir  den  Kranken  derart, 
dass  die  Bauchwand  möglichst  erschlafft  und  auch  die  Umgebung  des 
Bruchringes  nach  Thunlichkeit  relaxiert  werde.  Deswegen  legen  wir  den 
Kranken  auf  ein  Bett  mit  unnachgiebiger  Unterlage  derart,  dass  das  Kopf- 
ende des  Rumpfes  etwas  erhoben  ist,  die  unteren  Extremitäten  im  Knie 
gebeugt  und  bei  bestimmten  Brucharten  im  Hüftgelenk  nach  außen  rotiert 
sind,  auch  in  der  Hüfte  gebeugt,  doch  derart,  dass  sie  die  Repositions- 
versuche  nicht  behindern.  Ein  andermal  rechnen  wir  darauf,  dass  die  im 
Bauchraume  zurückgebliebenen  Darmschlingen  sammt  dem  in  denselben 
befindlichen  Darminhalte  durch  ihr  eigenes  Gewicht  imstande  sein  werden, 
die  außen  befindlichen  Darmpartien  zurückzuziehen,  indem  sie  die  statt- 
gehabte Invagination  im  Incarcerationsringe  ausgleichen.  Zu  diesem  Zwecke 
legen  wir  den  Kranken  vor  uns  hin,  und  zwar  mit  erhobenem  Beckenende 
des  Rumpfes  und  niedrig  gelegtem  Kopfe,  was  besonders  bei  Hernien  von 
geringen  Dimensionen  empfohlen  werden  könnte.  Manche,  wie  zum  Beispiel 
Sharp  und  Leasure  (1848),  stürzten  den  Kranken  vollständig  auf  den 
Kopf  und  suchten  in  dieser  Lage  eine  spontane  Reposition  zu  erreichen 
oder  sich  wenigstens  den  eigenen  Repositionsversuch  zu  erleichtern. 

Die  Wirksamkeit  der  Taxis  erhöhen  wir  dadurch,  dass  wir  sie  aus- 
führen, nachdem  wir  dem  Kranken  ein  warmes  Bad  von  30  bis  34"  ge- 
reicht haben,  wodurch  die  Spannung  der  quergestreiften  und  glatten 
Muskulatur  gemindert  wird  und  die  Gewebe  nachgiebiger  gemacht  werden. 
Auch  im  Bade  selbst  können  wir  den  Taxisversuch  vornehmen,  oder  wir 
erleichtern  uns  denselben  auch,  nachdem  der  Kranke  das  Bad  verlassen 
hatte,  durch  Injection  von  Morphium  in  die  Umgebung  des  Bruches,  oder 
durch  Auftropfen  von  Äther  auf  die  Bruchgeschwulst  (nach  Finkeinstein), 
oder  endlich  durch  eine  allgemeine  Chloroform-  oder  Äthernarkose.  Ins- 
besondere mit  der  letzteren  zaudern  wir  nicht  und  zwar  schon  gleich 
bei  Anfang  der  Incarceration,  wenn  unser  erster,  mäßiger  Repositions- 
versuch nicht  sofort  einen  Erfolg  gehabt  hat. 

Die  beiden  Hände  legen  wir  bei  der  Taxis  ungefähr  in  gleicher  Weise 
auf  wie  bei  der  Reposition  von  freien  Hernien:  die  eine  und  zwar  die 
ungleichnamige  Hand  wird  im  Aufgriff  oder  in  Vorderarmpronation  den 
Bruchsackhals  derart  umgreifen,  dass  der  Daumen  denselben  von  unten, 
die  übrigen  Finger  aber  ihn  von  der  anderen  Seite,  nämlich  von  oben 
umfassen;  die  zweite,  gleichnamige  Hand  umgreift  aber  die  eigentliche 
Bruchgeschwulst  in  ähnlicher  Lage,  aber  nicht  nur  den  unteren  Pol  der 
Hernie,  in  einer  der  halben  Pro-  und  Supination  entsprechenden  Stellung. 
Nun  wird  zuerst  die  Bruchgeschwulst  mit  der  peripher  angelegten  gleich- 


über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis. 


325 


namigen  Hand  comprimiert,  und  zwar  von  der  Kleinfingerseite  zum  Daumen- 
rande der  Holilhand;  in  derselben  Bewegung  schreitet  gewissermaßen  die 
centralliegende  und  gleichnamige  Hand  in  umgekehrter  Richtung,  also  vom 
radialen  zum  ulnaren  Rande  der  Hohlhand  fort,  indem  dieselbe  gleichzeitig 
den  Stiel  der  Geschwulst  anspannt,  als  ob  sie  noch  mehr  von  den  Bauch- 
eingeweiden aus  der  Bauchhöhle  nach  außen  vorziehen  wollte.  Indem  diese 
centrale  Hand  die  Bewegungswelle  fortsetzt,  wehrt  sie  zugleich  ab,  dass 
sich  der  Bruchinhalt  nicht  vor  dem  Bruchringe  staue,  dass  sich  hier 
die  Bruchgeschwulst  nicht  abplatte,  endlich  bei  gelingender  Reposition 
auch  dem,  dass  die  bereits  reponierten  Theile  des  Bruchinhaltes,  also  vor 
allem  der  schon  entleerte  Darminhalt  nicht  wieder  in  die  äußere  Bruch- 
geschwulst zurückströme.  Es  ist  natürlich,  dass  der  Repositionsversuch 
anfänglich  mit  mäßiger  Gewalt  begonnen  wird,  derselbe  sich  später  aber 
allmählich  steigert,  aber  nur  insoweit,  als  derselbe  nicht  schädlich  wirken 
kann.  Gelingen  uns  die  Repositionsversuche  nicht  dadurch,  dass  der  Bruch 
in  einer  bestimmten  Lage  erhalten  wird,  so  erneuern  wir  dieselben  bei 
Lagerung  der  Hernie  in  eine  andere  Richtung,  wodurch  sich  allmählich 
eine  kreisende  Bewegung  der  peripheren  Hand  um  die  das  Centrum  ab- 
hebende centrale  Hand  entwickelt. 

Maisonneuve  ersetzte  den  Handdruck  durch  Einwickelung  mit 
einer  Kautschukbinde,  ungefähr  nach  dem  Muster  der  Frick'schen  Ein- 
wickelung des  Hodens  bei  Entzündungen  desselben;  die  Einwickelung  be- 
gann am  Bruchhalse;  da  hiebei  auch  der  Bruch  vorgezogen  wurde,  so 
wirkte  bei  dieser  Methode  sowohl  Druck  als  Zug;  Lannelongue  wendete 
den  Druck  eines  mit  Sehrot  gefüllten  Beutels  an,  auch  ein  Sandsack  würde 
diesen  Zweck  erfüllen. 

Lisfranc  empfahl  in  besonders  hartnäckigen  Fällen  eine  sogenannte 
prolongierte  Taxis,  welche  bis  zu  60  Minuten  andauerte;  Gossel  in  wendete 
wieder  die  sogenannte  forcierte  Taxis  an,  das  heißt  eine  bis  zur  Er- 
müdung des  Operateurs  fortgesetzte  Reposition;  Amussat  empfahl  bei 
Hernien  die  sogenannte  Reposition  mit  4  bis  6  Händen,  indem  er  sich 
hiezu  zweier  oder  dreier  Gehilfen  bediente. 

Andere  Operateure  legten  in  ihre  Manipulationen  feinere,  detailliertere 
Absichten.  So  wollten  Richter,  Streubel  (1861),  Schede  (1874)  durch 
die  am  Stiele  angelegten  Daumen  und  Finger  zuerst  gewaltsam  diesen  Theil 
in  die  Bauchhöhle  zurückschieben,  Lossen  wollte  seiner  Theorie  ent- 
sprechend durch  laterale  Verschiebung  des  Bruchstieles  den  abführenden 
Arm,  welcher  nach  seiner  Anschauung  durch  den  zuführenden  comprimiert 
sein  sollte,  lockern.  Andere,  wie  zum  Beispiel  L inhart  und  Heller, 
wollten  den  Bruch  pedunculisieren,  gestielt  machen,  indem  sie  am  Bruche 
anzogen,  als  ob  sie  noch  mehr  Bruchinhalt  nach  außen  vorziehen  wollten. 
Finkeinstein  tropfte  längere  Zeit  hindurch  Äther  auf  die  Hernien,  bis 


326 


Über  die  subcutane  Reposition  oder  die  Taxis. 


diese  sich  entweder  spontan  reponierten  oder  unter  Beihilfe  verhältnismäßig 
mäßiger  Manipulationen  zurückgiengen. 

Unter  anderen  Hilfsmitteln,  die  Reposition  zu  erleichtern,  mögen 
folgende  genannt  werden:  O'Beirn  führte  eine  Canüle  in  den  Mastdarm, 
Simon  wollte  durch  Mastdarmuntersuchung  mit  der  halben  oder  ganzen 
Hand,  oder  durch  forcierte  Wassereingießungen  die  Reposition  erzwingen. 
Pare,  van  Swieten,  Levrat  punktierten  die  Bruchgeschwulst,  Dolbeau 
aspirierte  den  Inhalt  mittelst  eines  Troicarts,  manche  begnügten  sich  aber 
auch  nur  mit  der  Function  des  Bruchsackes.  Alles  dies  sind  bei  der  anti- 
septischen Wundversorgung  überlebte  Vorschläge  und  Kunstgriffe. 

Als  Zeichen  einer  gelungenen  Reposition  wird  die  Abnahme  der 
Spannung  und  die  Verkleinerung  des  Umfanges  angesehen  nebst  einem 
früher  nicht  beobachteten  Gurren,  bis  auf  einmal  der  offenbar  freigewordene 
Bruch  entweder  bei  größeren  Hernien  aldmählich  sich  verkleinert  oder  bei 
kleineren  auf  einmal  in  die  Bauchhöhle  zurückschlüpft.  Als  weitere  Zeichen 
einer  gelungenen  Reposition,  auf  die  geachtet  werden  muss,  müssen  an- 
geführt werden:  Die  Abnahme  der  Spannung  des  Unterleibes,  das  Abgehen 
von  Gasen,  das  Eintreten  des  Stuhles,  welches  wir  durch  Verabreichung 
von  Abführmitteln,  noch  besser  aber  durch  Applicierung  von  Klysmen 
beschleunigen,  endlich  das  Schwinden  der  bekannten  Incarcerations- 
erscheinungen,  als  da  sind:  Aufstoßen,  Erbrechen.  Nahrungsverweigerung  etc. 
Der  Weiterbestand  der  Incarcerationserscheinungen  zwingt  uns  aber  un- 
aufschieblich  die  Laparoherniotomie  vorzunehmen  und  die  Verhältnisse 
unter  Controle  des  Auges  definitiv  zu  ordnen.  Damit  wir  allen  unange- 
nehmen Überraschungen  vorbeugen,  so  empfiehlt  es  sich  (nach  dem  Rathe 
von  Chelius),  nach  jeder  Taxis  den  inneren  Brachring  abzutasten,  be- 
sonders beim  Leistenbruche,  damit  nicht  ein  Theil  des  Bruches  unerkannt 
im  Leistencanale  verborgen  bleibe,  wodurch  der  Weiterbestand  der  Ein- 
klemmung bedingt  wäre  und  die  unverzügliche  Vornahme  einer  Laparo- 
herniotomie erforderlich  würde. 

Die  Art  und  Weise  der  Vornahme  der  Taxis  ist  für  alle  Brucharten 
ungefähr  dieselbe,  und  es  ist  daher  nicht  noth wendig,  für  jede  derselben 
eine  besondere  Vorschrift  zu  geben. 

Am  Schlüsse  wollen  wir  noch  ein  Ereignis  anführen,  welches  darin 
besteht,  dass  bei  den  Repositionsversuchen  der  im  Bruche  befindliche 
Darm  auf  einmal  berstet.  Die  Frage,  ob  auch  ein  gesunder  Darm  oder 
ein  durch  Ulceration  oder  Gangrän  nicht  geschwächter  einreißen  könne, 
ist  dem  Verfasser  nach  eigener  Erfahrung  zu  entscheiden  unmöglich.  Be- 
obachter von  enormer  herniologischer  Erfahrung  bestreiten  das  Vorkommen 
derselben,  so  dass  man  es  zumindest  als  zweifelhaft  bezeichnen  kann. 
Man  könnte  nur  dann  etwas  Ahnliches  zugeben,  wenn  zuerst  der  Bruch- 
sack, was  zweifellos  vorkommt,  einreißt  und  durch  weitere  rohe  Mani- 


Der  Bruchschnitt. 


327 


pulationen  auch  die  durch  den  Riss  vorgedrängten  Därme  gewissermaßen 
zerwühlt  würden.  Die  Ruptur  des  gangränösen  oder  ulcerösen  Darmes  ist 
ein  bei  der  Taxis  stets  drohendes  Vorkommnis,  weil  wir  keine  verläss- 
lichen Zeichen  kennen,  welche  mit  absoluter  Sicherheit  Darmgangrän 
ausschließen  würden;  dieselbe  kann  ohne  jede  äußeren  Symptome,  und 
zwar  in  recht  vorgeschrittenem  Grade  bestehen.  Dass  die  Reposition  eines 
eingerissenen  Darmes  ein  das  Leben  im  höchsten  Grade  bedrohendes  Vor- 
gehen ist,  wenn  es  nicht  sofort  erkannt  wird,  ist  selbstverständlich;  sollte 
rechtzeitig  die  Diagnose  gemacht  werden,  so  muss  ohne  Aufschub  die 
Laparotomie  vorgenommen  und  der  extravasierte  Darminhalt  durch  reich- 
liche Spülung  beseitigt  werden,  worauf  erst  der  Erfolg  dieses  Eingriffes 
von  allen  jenen  Umständen  abhängt,  von  denen  wir  im  Schlusscapitel 
dieses  Buches  ausführlich  sprechen  werden  und  welche  hauptsächlich  darin 
bestehen,  wie  lange  nach  dem  Ereignisse  die  Laparotomie  vorgenommen 
wird,  welcher  Theil  des  Magendarmcanales  beschädigt  ist  und  auch  wie 
gründlich  der  vorgenommene  Eingriff  durchgeführt  wird. 


Der  Briichsehnitt  (Heniiotomie  oder  Kelotoiiiie). 

Wenn  die  subcutane  Reposition  eines  eingeklemmten  Bruches  nicht 
gelingt,  so  kann  unser  weiteres  Vorgehen  ein  doppeltes  sein:  entweder 
wir  trachten  auf  blutigem  Wege  die  Einklemmung  zu  beseitigen,  indem 
wir  den  Bruchschnitt  ausführen,  oder  wir  überlassen  den  Bruch  seinem 
Schicksale.  In  den  klinischen  Anstalten  wird  freilich  der  letztere  Weg  nur 
ausnahmsweise  wissentlich  eingeschlagen,  doch  gibt  es  immerhin  auch  an 
Kliniken  vereinzelte  Fälle,  wo  unoperierte  Brüche  zur  Section  gelangen, 
namentlich  dann,  wenn  die  Kranken  in  derart  herabgekommenem  Zustande, 
also  nahezu  moribund  in  die  Anstalt  eingeliefert  werden,  dass  jede  ärzt- 
liche Hilfe  sich  beim  bloßen  Anblicke  des  Patienten  verbietet.  Sonst  liefert 
nur  eine  ungenügende  Erfahrung,  mangelhafte  Beobachtung  oder  Unter- 
suchung, in  Ausnahmsfällen  aber  ein  gewisses  ungünstiges  Zusammentreffen 
von  Umständen  die  Bedingung  dazu,  dass  ein  Bruchkranker  ohne  Operation 
stirbt.  Diesbezüglich  sind  besonders  die  selten  begangenen  oder  versteckten 
Bruchpforten,  zum  Beispiel  die  obturatorischen  oder  ischiadischen  Öffnungen, 
berühmt  dadurch,  dass  ihre  Brüche  unerkannt  auf  den  Sectionstisch  ge- 
langen. Nur  noch  am  Lande  gibt  es  immerhin  vereinzelte  Ärzte,  welche  noch 
auf  dem  mittelalterlichen  Standpunkte  der  Medicin  stehen,  wie  wir 
später  Gelegenheit  haben  werden  zu  schildern,  der  darin  gipfelte,  dass  bei 
Brucheinklemmung  der  Kranke  beglückwünscht  werden  sollte,  falls  er  in 


328 


Der  Bruchschnitt. 


chirurgisch  ungeübte  Hände  fiel  und  daher  die  Operation  unterblieb.  Sonst 
werden  Landärzte  durch  sociale  Verhältnisse  nicht  selten  gezwungen,  nur 
mehr  der  Entwickelung  eines  Anus  praeternaturalis  oder  einer  Darmfistel 
entgegenzusteuern,  da  in  dem  Augenblicke,  als  sie  gerufen  wurden,  an  die 
Aussicht  auf  einen  operativen  Erfolg  nicht  mehr  gedacht  und  daher  auch 
eine  Uberführung  in  eine  Anstalt  nicht  mehr  empfohlen  werden  konnte. 
Doch  muss  auch  andererseits  erwähnt  werden,  dass,  wie  aus  der  Anamnese 
der  klinischen  Fälle  entnommen  wird,  nicht  selten  die  Zeit,  in  welcher 
mit  Erfolg  eine  Operation  vorgenommen  werden  könnte,  mit  unnützen 
Repositionsversuchen,  weiterem  Beobachten  vergeudet  wird,  theils  von  der 
Umgebung  des  Patienten,  in  Ausnahmsfällen  auch  von  ärztlicher  Seite. 
Die  Zahl  dieser  Fälle  ist  schwer  zu  berechnen,  jedenfalls  gehören  die  im 
gangränösen  Zustande  in  eine  Anstalt  eingelieferten  Fälle  (und  ihre  Zahl 
ist  wahrlich  nicht  gering)  sämmtlich  in  diese  Kategorie,  sie  dürften  aber 
durch  eine  erkleckliche  Zahl  von  weiteren  Fällen  vermehrt  werden,  wenn 
es  möglich  wäre,  zum  Beispiel  bei  an  Peritonitis  zugrunde  gegangenen 
Personen  stets  auch  die  Ursache  der  Peritonitis  zu  eruieren.  Es  ist  ja  in 
manchen  Fällen  nicht  im  Interesse  des  Leichenbeschauers,  der  ja  gleich- 
zeitig behandelnder  Arzt  sein  kann,  im  Beschauzettel  zu  erwähnen,  dass 
die  Peritonitis  durch  einen  eingeklemmten  Bruch,  an  dem  keine  Operation 
vorgenommen  worden,  verursacht  war. 

Im  allgemeinen  kann  man  daher  behaupten,  dass  die  Herniotomie 
die  Regel  ist,  ja  sie  ist  ein  strenges  Gebot  und  ihre  Unterlassung  eine 
Versündigung  gegen  die  ärztliche  Kunst  und  Wissenschaft. 

Wir  sagten,  dass  in  den  Fällen  der  Brucheinklemmung,  bei  denen 
auch  die  radicale  Operation  ausführbar  erscheint,  das  heißt  also  bei  jenen 
Brüchen,  bei  denen  die  Einklemmung  noch  nicht  lange  besteht  und  bei 
denen  vorausgesetzt  werden  kann,  dass  sie  nicht  allzu  stramm  ist,  wir 
also  die  subcutane  Reposition  deswegen  nicht  versuchen,  weil  wir  durch 
die  angeschlossene  Radicaloperation  auch  den  Bruch  als  solchen  zu  heilen 
hoffen  und  greifen  demnach  sofort  zur  Herniotomie.  Wir  sagten  auch,  dass 
aus  diesem  Grunde,  Ausnahmsfälle  ausgenommen  (z.  B.  hohes  Alter,  Herz- 
fehler), die  subcutane  Reposition  aus  unserer  Praxis  nahezu  verschwunden 
ist,  weil  die  übrigen  Fälle,  also  jene,  bei  denen  die  Einklemmung  schon 
lange  besteht  oder  muthmaßlich  sehr  eng  ist,  weiter  Fälle  mit  phlegmonösen 
Veränderungen  um  den  Bruch,  zwar  zur  Radicaloperation  ungeeignet  sind, 
aber  richtigerweise  auch  besser  mit  subcutaner  Reposition  nicht  behandelt 
werden  sollen. 

Die  Herniotomie  wurde  in  früheren  Zeiten  auf  zweifache  Art  aus- 
geführt, und  zwar  entweder  extraperitoneal  oder  intraperitoneal,  worunter 
verstanden  wurde,  dass  in  dem  einen  Falle  der  Bruchinhalt  ohne 
Eröffnung  des  Bruchsackes,  im  anderen  Falle  aber  erst  nach  Spaltung 


Der  Bruchschnitt. 


329 


desselben  reponiert  wurde.  Dass  die  extraperitoneale  Methode  allein  und 
ausschließlich  durch  die  Furcht  einer  möglichen  Infection  der  Bauchhöhle 
vom  Bruchsacke  aus  dictiert  wurde,  darüber  ist  ein  Zweifel  wohl  kaum 
zulässig.  Da  diese  Furcht  durch  die  antiseptische  und  aseptische  Wund- 
behandlung geschwunden  ist,  so  entfällt  auch  der  Hauptgrund  für  die 
Herniotomie  ohne  Eröffnung  des  Bruchsackes,  doch  gibt  es  Fälle,  in  denen 
man  denken  könnte,  dass  die  besagte  Furcht  denn  doch  nicht  ganz  un- 
gerechtfertigt ist,  dass  also  mitunter  Verhältnisse  bestehen  können,  in 
denen  eine  Infection  mehr  als  wahrscheinlich  ist.  Als  solche  Verhältnisse 
sind  Operationen  am  Lande,  in  Privathäusern,  ohne  Assistenz,  ja  unter 
hygienisch  bedrohlichen  Bedingungen  zu  nennen  und  man  könnte  dann 
die  Zulässigkeit  einer  extraperitonealen  Herniotomie  zugeben.  Deswegen 
müssen  wir  von  dieser  auf  chirurgischen  Instituten  wohl  allgemein  ver- 
lassenen Methode  etwas  näher  sprechen  und  auf  ihre  Nachtheile,  ja 
Gefahren  ausdrücklich  hinweisen.  Die  extraperitoneale  Methode  wurde 
ursprünglich  von  Petit  eingeführt,  später  von  Ä.  Cooper  und  A.  Key 
gepflegt. 

Diese  Methode  empfiehlt  sich  unter  den  bestehenden  Verhältnissen 
deswegen  nicht,  weil  man  im  allgemeinen  behaupten  kann,  dass  die  Ursache 
der  Incarceration  nur  in  der  Minderzahl  der  Fälle  außerhalb  des  Sackes 
■liegt;  dieselbe  liegt  im  Gegentheil  zumeist  am  Bruchsackhalse  und  könnte 
demnach  ohne  Eröffnung  desselben  kaum  je  beseitigt  werden. 

Zweitens  ist  die  Incarceration  von  angewachsenen  Brüchen  nicht 
gerade  selten,  und  da  eine  vollständige  Reposition  des  Bruchinhaltes  ohne 
Lösung  dieser  Verwachsungen  nicht  denkbar  ist,  dieselben  aber  ohne  Er- 
'  Öffnung  des  Bruchsackes  nicht  durchtrennt  werden  können,  so  verbietet 
sich  folgerichtig  die  extraperitoneale  Methode  auch  bei  der  großen  Zahl 
der  angewachsenen  Brüche,  ausgenommen  den  Fall,  dass  sich  ein  Operateur 
zutrauen  würde,  eine  Reposition  für  vollständig  und  genügend  zu 
erklären,  sobald  noch  ein  Theil  des  Bruchinhaltes  im  Bruchsacke  ver- 
blieben ist. 

Drittens  ist  es  mitunter  recht  schwer,  durch  irgend  ein  außerhalb 
des  Bruchsackes  wahrnehmbares  Zeichen  sich  von  dem  Zustande  einer  im 
Bruche  befindlichen  Darmschlinge  verlässlich  zu  überzeugen.  Deswegen 
könnte  es  uns  leicht  vorkommen,  dass  wir  eine  Darmschlinge  mit  be- 
ginnenden Zeichen  von  Darmgangrän  in  die  Bauchhöhle  reponieren. 

Viertens  erleichtert  die  extraperitoneale  Reposition  auch  die  sogenannte 
Repositio  en  bloc.  da  durch  den  zwischen  den  Bruchsackhals  und  die 
Bruchpforte  eingeführten  Finger  der  Zusammenhang  zwischen  diesen  beiden 
gelockert  wird  und  wir  erfahrungsgemäß  wissen,  dass  die  Lockerung  des 
Bruchsackhalses  ein  Verschieben  desselben  gegen  die  Bauchhöhle  hin  und 
somit  eine  Massenreposition  wesentlich  begünstigt. 


330 


Der  Bruchschnitt. 


Fünftens,  weil  wir  einsehen,  dass  behufs  Überzeugung  von  einer  correct 
ausgeführten  Herniotomie  ein  Manöver,  nämlich  die  Umkreisung  der  Eintritts- 
stelle in  den  Bruchsack  mit  dem  Finger  nothwendig  ist,  was  bei  der  extra- 
peritonealen Methode  überhaupt  unmöglich  erscheint. 

Endlich  ist  es  unmöglich,  sich  bei  einer  extraperitonealen  Herniotomie 
von  dem  Zustande  der  Schlinge  am  Incarcerationsringe,  umsoweniger 
natürlich  auch  von  dem  Zustande  des  in  der  Bauchhöhle  befindlichen  zu- 
führenden Armes  zu  überzeugen  und  es  könnten  bei  der  genannten  Methode 
Decubitus,  Geschwüre  im  Incarcerationsringe  oder  stercorale  Geschwüre  am 
zuführenden  Arme  leicht  übersehen  werden.  Wir  sind  demnach  zur  extra- 
peritonealen Reposition  des  Bruchinhaltes  eigentlich  nur  dann  gezwungen, 
wenn  der  Bruchinhalt  von  einem  extraperitonealen  Theile  der  Bauch- 
eingeweide gebildet  wird,  zu  dessen  Reposition  es  allerdings  keiner  Eröffnung 
des  Bruchsackes  bedarf.  In  allen  anderen  Fällen  sind  wir  entschieden  gegen 
die  extraperitoneale  Herniotomie  und  ziehen  es  vor,  aus  den  genannten 
Gründen  stets  den  Bruchsack  zu  spalten  und  die  nothwendige  Revision 
vorzunehmen. 

In  der  anatomischen  Beschreibung  der  einzelnen  Brucharten  haben 
wir  die  Schichten  jedes  einzelnen  Bruches  aufgezählt  und  wir  können 
daher  im  Hinweise  auf  diese  Auseinandersetzung  sagen:  Die  Herniotomie 
wird  so  ausgeführt,  dass  der  Bruchinhalt  nach  Durchtrennung  sämmtlicher 
denselben  deckenden  Schichten  freigelegt,  entblößt  wird.  Der  Vorgang 
hiebei  ist  identisch  mit  der  Durchtrennung  derselben  Schichten  bei  der 
radicalen  Operation,  wiewohl  wir  bei  eingeklemmten  Brüchen  infolge  der 
zumeist  vorausgehenden,  manchmal  recht  gewaltsamen  Repositionsversuche 
die  einzelnen  Schichten  von  Blutaustritten  und  von  ödematösen  Aus- 
schwitzungen durchsetzt  vorfinden,  welche  letzteren  auch  bereits  die  Zeichen 
einer  beginnenden  Bruchphlegmone  sein  können. 

Nach  Spaltung  des  Bruchsackes  beobachten  wir  bei  der  Herniotomie 
aber  ein  Symptom,  welches  wir  in  der  Regel  bei  einer  Radicaloperation 
des  Bruches  vermissen,  nämlich:  sobald  der  Bruchsack  in  einer  selbst  noch 
so  kleinen  Stelle  eröffnet  wird,  so  spritzt  aus  derselben  ein  feiner  Strahl 
einer  gewöhnlich  blutig  tingierten,  manchmal  auch  fäcaloid  riechenden 
Flüssigkeit,  welche  wir  das  Bruchwasser  (Liquor  herniosus)  nennen  und 
welches  als  das  sicherste  Zeichen  angesehen  wird,  dass  der  Bruchsack 
eröffnet  worden  ist.  Nur  in  dem  Falle,  dass  es  sich  um  eine  encystierte 
Hernie  oder  um  eine  in  der  unmittelbarsten  Nachbarschaft  des  Bruches 
befindliche  Hydrocele  handelte,  könnte  dieser  Wasserstrahl  auch  der  letzteren 
entstammen.  Gibt  es  keinen  Bruchsack,  so  gibt  es  auch  kein  Bruch wasser. 
Es  gibt  jedoch  Fälle,  bei  denen  der  Bruchinhalt  flächenförmig  mit  dem 
Bruchsacke  verwachsen  ist.  Da  bei  diesen  Brüchen  das  erwähnte  Zeichen 
mangelt,  so  ist  bei  denselben  auch  die  Erkenntnis,  in  welcher  Schichte 


Der  Brachschnitt. 


331 


wir  uns  bereits  befinden,  nur  unverlässlich,  und  es  sind  Fälle  vorgekommen, 
dass  bei  solchen  Operationen  auch  die  Serosa  des  Darmes  für  den  Bruch- 
sack gehalten  und  incidiert  wurde,  ja  einzelne  Operateure  sind  irrthümlich 
sogar  bis  in  das  Darminnere  vorgedrungen.  Ist  der  Bruchsack  einmal  ge- 
spalten, so  werden  seine  Ränder  mittelst  Pean'scher  Klemmen  gefasst  und 
der  Bruchsack  behufs  bequemerer  Übersicht  sowohl  nach  der  Peripherie 
als  centralwärts  von  der  bereits-  bestehenden  ÖfPnung  gespalten.  In  der 
Richtung  gegen  den  Incarcerationsring  hören  wir  mit  der  Erweiterung  des 
Schnittes  nach  Cooper's  Rathe  aus  einem  später  anzuführenden  Grunde 
knapp,  das  heißt  ungefähr  einen  Centimetor  unter  demselben,  auf.  Jetzt 
schon  kann  der  weitere  Eingriff  durch  den  Befund  von  tiefgreifenden, 
krankhaften  Veränderungen  im  Bruchinhalte  wesentlich  modificiert  werden, 
doch  wollen  wir  vorläufig  voraussetzen,  dass  solche  Alterationen  zur  Zeit 
noch  fehlen  und  dass  wir  nach  Spaltung  des  Bruchsackes  eine  Darmschlinge 
vor  uns  haben,  welche  wir  zur  Reposition  in  die  Bauchhöhle  für  geeignet 
ansehen.  Im  weiteren  Vorgehen  nun  wurden  seit  jeher  schon  zwei  wesentlich 
verschiedene  Methoden  unterschieden,  und  zwar  die  stumpfe  Dilatation  des 
Incarcerationsringes  nach  Arnaud.  T hevenin,  und  zweitens  die  Er- 
weiterung der  Incarcerationsstelle  mit  dem  Messer,  und  zwar  mit  besonders 
zu  diesem  Zwecke  construiertem  Instrumente,  dem  Herniotom. 

Die  erste  Methode  der  stumpfen  Dilatation  lässt  sich  thatsächlich 
in  einer  ganzen  Reihe  von  einfachen  Fällen  anwenden.  Es  lässt  sich  nämlich 
bei  einer  großen  Zahl  von  Brüchen,  an  einer  im  voraus  nicht  näher  be- 
stimmten Stelle,  zwischen  dem  Brucliinhalte  und  dem  Bruchsackhalse  die 
Spitze  des  kleinen  Fingers  einführen  und  der  Incarcerationsring  mittelst 
eines  gegen  die  Peripherie,  also  gegen  den  Incarcerationsring  angebrachten 
Druckes,  nicht  aber  mittelst  bohrender  Bewegung,  derart  erweitern,  dass  es 
gelingt,  sich  durch  Zug  am  Bruchinhalte  die  Incarcerationsfurche  am  Darme 
sichtbar  zu  machen  und  daher  in  den  Schnürring  eine  gesunde  Partie 
des  Darraes  einzuziehen.  Ist  dies  einmal  geschehen,  dann  kann  der  bereits 
ausgeübte  Druck  nun  zwischen  der  letzten  Darmstelle  und  dem  Schnürringe 
wiederholt  werden,  so  weit,  bis  uns  die  Erweiterung  des  Bruchringes  zur 
nachträglichen  Reposition  genügend  erscheint.  Diese  stumpfe  Dilatation 
gelingt  insbesondere  oft  bei  den  Schenkelhernien,  wiewohl  die  häufig  be- 
obachtete Enge  des  Schenkelringes  dem  zu  widersprechen  schiene;  und  ist 
auch  nachträglich  eine  Incision  des  Schnürringes  nothwendig,  dann  kann 
sie  bei  bereits  stumpf  erweitertem  Ringe  mit  größerer  Sicherheit  und  Ver- 
lässlichkeit  ausgeführt  werden,  als  wenn  der  Schnürring  tief  in  die  Darm- 
wand einschneidet.  In  früheren  Zeiten  wurde  diese  stumpfe  Dilatation  mittelst 
besonderer  Dilatatorien  ausgeführt,  von  denen  complicierte  Leblanc  und 
Brüninghausen  construierten ,  von  denen  aber  das  einfachste  das 
Arnaud 'sehe  Häkchen  war  (ein  im  scharfen  Winkel  gekrümmtes,  am  Ende 


332 


Der  Bruchschnitt. 


abgeplattetes,  ziemlich  festes  Häkchen),  welches  auf  dem  Finger  zwischen 
die  Darmschlinge  und  den  Schnürring  eingeführt  wurde.  L inhart  findet 
diese  Methode  äußerst  zweckmäßig  aus  dem  Grunde,  weil  bei  ihr  eine 
Repositio  falsa  unmöglich  ist. 

Die  zweite  Methode,  nämlich  die  Erweiterung  des  Schnürringes  mit 
dem  Messer,  ist  die  verbreitetste,  Wir  brauchen  hiezu  einen  Herniotom, 
nämlich  ein  geknöpftes  Scalpell  oder  Bistouri,  welches  gewöhnlich  S-förmig 
gekrümmt,  vom  Knopfe  bis  auf  3  bis  4  cm  weit  scharfschneidend  ist, 
während  es  von  da  ab  bis  zum  Griffe  glatt  poliert  ist.  Dieses  Cooper'sche 
Herniotom  kann  aber  auch  durch  ein  beliebiges  geknöpftes  Messer  ersetzt 
werden,  welches  an  seiner  dem  Hefte  zugekehrten  Hälfte  mit  irgend 
einem  Pflaster  umwickelt  werden  kann  und  mit  dem  die  Manipula- 
tionen vielleicht  beschwerlicher,  aber  immerhin  ausführbar  sind.  Indem 
also  der  Bruchsack  mittelst  der  angehängten  Pean'schen  Klemmen  straff 
gespannt  wird,  wird  der  Zeigefinger  der  linken  Hand  bis  in  den  Schnürring 
vorgeführt  und  trachtet  zwischen  dem  Bruchinhalte  und  dem  Schnürringe 
wenigstens  zum  Theil  durchzudringen.  Damit  wir  nicht  zwischen  den  Bruch- 
sack und  die  umgebenden  Schichten  mit  dem  Finger  eindringen,  haben  wir 
den  Bruchsack  ungefähr  einen  Centimeter  vor  dem  Schnürringe  ungespalten 
gelassen.  Hiedurch  entsteht  bei  Anspannung  der  Bruchsackränder  ein  kegel- 
förmiger Raum,  dessen  Scheitel  vom  Schnürringe  gebildet  wird,  gegen 
welche  Stelle  nun  der  eingeführte  Zeigefinger  ohne  Schwierigkeit  vor- 
dringen kann.  Auf  dem  letzteren  Finger  wird  nun  das  flach  aufgelegte 
Herniotom  vorgeschoben,  bis  der  Knopf  zwischen  dem  Bruchinhalte  und 
dem  Bruchsackhalse  eingedrungen  ist.  Sodann  wird  das  Herniotom  mit  der 
Schneide  gegen  den  Schnürring  gewendet  und  mittelst  einer  hebeiförmigen 
Bewegung  am  Hefte  (also  mehr  durch  Druck  als  durch  Zug)  der  Schnürring 
seicht  eingeschnitten,  worauf  es  manchmal  gelingt,  mit  der  ganzen  Finger- 
kuppe durch  den  ganzen  Schnürring  hindurchzutreten  und  denselben  stumpf 
zu  dilatieren.  Gelingt  dies  nicht,  so  haben  wir  einen  zweifachen  Weg 
vor  uns:  Früher  galt  es  als  Regel,  dass  die  Erweiterungsincision  so 
groß  sein  soll,  dass  durch  dieselbe  der  Brucliinhalt  leicht  in  die  Bauch- 
höhle reponiert  werden  kann.  Die  älteren  Chirurgen  machten  daher  eine 
Incision  von  1  bis  l^/j  Zoll.  Dass  durch  solche  ausgiebige  Incision  manches 
Gefäß  in  der.  Nachbarschaft  verletzt  werden  kann  und  zu  Blutungen  Anlass 
gegeben  werden  kann,  ist  evident;  daher  rühren  auch  die  ängstlichen 
Vorschriften  der  älteren  Chirurgen  über  die  Richtung  dieser  tiefen  Incision. 
Später  begnügten  sich  die  Chirurgen  mit  Incisionen  von  2  bis  3  Linien. 
Heutzutage  ersetzen  wir  die  langen  Schnitte  durch  mehrere  seichtere,  durch 
das  sogenannte  Debridement  multiple,  und  versuchen  hernach  immer  wieder 
die  stumpfe  Dilatation.  Diese  mehrfachen  seichten  Einschnitte  können 
eigentlich  in  einer  jeden  beliebigen  Richtung  geführt  werden.   Die  Er- 


Weiterung  halten  wir  für  genü- 
gend, wenn  sich  beide  Arme 
der  incarcerierten  Schlinge  hin- 
reichend vorziehen  lassen,  also 
nicht  nur  der  geschrumpfte, 
collabierte  abführende  Arm,  son- 
dern auch  der  durch  Flüssigkeit 
und  Gas  ausgedehnte  zuführende. 
Haben  wir  uns  endlich  die  In- 
carcerationsspur  auf  beiden  Ar- 
men zugänglich  gemacht,  so 
constatieren  wir.  ob  im  Verlaufe 
derselben  nicht  an  irgend  einer 
Stelle  eine  Perforation  einge- 
treten ist  und  ob  nicht  die  auf- 
fallende Verdünnung  der  Darm- 
wand in  dem  Incarcerationsringe 
auf  ein  Durchschneiden  einer 
oder  mehrerer  Schichten  der 
Darmwand  hinweist,  was,  wie 
wir  bereits  angeführt  haben,  von 
außen  nicht  sichtbar  sein  muss, 
sondern  bei  erhaltener  Serosa 
nur  die  Mucosa  (siehe  Fig.  79), 
manchmal  auch  die  Muscularis 
(siehe  Fig.  80  auf  Seite  335) 
betreffen  kann.  Wir  setzen  nun 
abermals  voraus,  dass  der  Be- 
fund in  beiden  Beziehungen 
günstig  ist,  so  dass  wir  mit  der 
Reposition  des  Bruchinhaltes  be- 
ginnen können.  Wir  beginnen 
nun  zuerst  mit  dem  abführenden 
Arme,  reponieren  sodann  die 
incarceriert  gewesene  Darmstelle 
oder  Darmschlinge,  so  dass  uns 
als  letztes  der  normale  vorge- 
zogene Theil  des  zuführenden 
Armes  zu  reponieren  bleibt.  Wir 
handeln  in  dieser  Weise  aus 
dem  Grunde,  weil  der  zuletzt 
außen   verbleibende   Theil  der 


3B4 


Der  Bruchsclinitt. 


Darmschlinge  gewöhnlich  die  meisten  Schwierigkeiten  bei  der  endHchen 
Reposition  zu  bieten  pflegt  und  weil  die  incarceriert  gewesene  Schlinge 
durch  die  in  ihr  abgelaufene  Circulationsstörung  denn  doch  an  irgend 
einer  Stelle  in  ihrer  Integrität  geschädigt,  wenigstens  die  Serosa  zum 
Zerreißen  und  zur  Blutung  geneigt  sein  kann,  so  dass  wir  dieselbe 
ungern  als  die  allerletzte  Partie  der  zu  reponierenden  Schlinge  außen 
belassen,  da  an  derselben  immerhin  zwar  ein  mäßiger,  aber  doch  ener- 
gischer Druck  ausgeübt  werden  muss.  Auf  einmal  gleiten  die  letzten 
Reste  des  Darmes  in  die  Bauchhöhle  und  wir  haben  vor  uns  entweder 
den  leeren  Bruchsackhals,  oder  es  befindet  sich  in  demselben  noch  ein 
Zipfel  des  miteingeklemmt  gewesenen  Netzes  oder  eines  anderen  Eingeweides. 
Da  wir  uns  dahin  geäußert  haben,  dass  ungewöhnlich  lange  Netzzipfel  eine 
gewisse  Prädisposition  zur  Bruchbildung  abgeben,  ebenso  wie  ein  offener 
Processus  vaginalis  peritonei,  so  beseitigen  wir  vom  Netze  wenigstens  das, 
was  bisher  im  Bruche  vorgefallen  war.  Es  ist  zwar  bekannt,  dass  wir  einen 
incarceriert  gewesenen  Netzzipfel  durch  peripher  von  der  Incarcerationsspur 
geführte  Schnitte  nahezu  ohne  jede  Blutung  abtragen  könnten,  weil  die  im 
Netze  befindlichen  Gefäße  durch  die  Einklemmung  thrombosiert  sind;  aber 
da  wir  es  immer  vorziehen,  das  Netz  so  viel  als  möglich  zu  kürzen,  und 
da  wir  auch  wünschen,  jene  Partie  des  Netzes  aus  dem  Organismus  zu 
eliminieren,  welche  Ursprung  von  embolischen  Gefäßverschlüssen  werden 
könnte,  so  unterbinden  wir  mittelst  der  bei  den  Radicaloperationen  bereits 
geschilderten  Massenligatur  in  Kettenförm  den  Netzzipfel  und  schneiden  den- 
selben peripher  von  der  Ligatur  durch;  nachdem  wir  uns  überzeugt  haben, 
dass  keines  der  durchschnittenen  Gefäße  blutet,  reponieren  wir  den  Netz- 
stumpf. Durch  diesen  Vorgang  vermeiden  wir  auch  eine  eventuelle  peritoneale 
Infection.  welche  durch  die  Reposition  des  incarceriert  gewesenen  Netz- 
stumpfes hätte  erfolgen  können.  Die  Reposition  sowohl  der  Darmschlinge 
als  des  Netzes  erleichtern  wir  uns  durch  das  Anspannen  des  Bruchsackes 
vermittelst  der  angehängten  Pean'schen  Klemmen,  da  hiedurch  sämmtliche 
Falten  an  der  inneren  Oberfläche  des  Bruchsackes  und  besonders  des  Bruch- 
sackhalses ausgeglichen  werden,  welche  der  Reposition  wesentlich  hinderlich 
sind.  Freilich  muss  man  hiebei  darauf  sehen,  dass  durch  die  Anspannung 
des  Bruchsackes  derselbe  nicht  abgeknickt  werde,  wodurch  die  Mündung 
desselben  in  die  Bauchhöhle  verkleinert  würde.  Ist  die  Reposition  voll- 
endet, dann  überzeugen  wir  uns  mittelst  des  in  die  Bauchhöhle  ein- 
geführten Zeigefingers,  dass  alles  in  Ordnung  ist.  d.  h.,  dass  wir  nirgends  in 
der  Nähe  der  inneren  Ausmündung  des  Bruchsackes  irgend  eine  gespannte 
Darmschlinge  oder  irgend  einen  gespannten  Sack  tasten,  noch  dass  innerhalb 
des  Bruchcanales  eine  Darmschlinge  seitwärts  zwischen  die  Schichten  der 
Bauchwand  hin  verläuft,  wir  also  durch  den  vollständig  leeren  Bruchsackhals 
Eingeweide  in  der  Bauchhöhle  tasten,  welche  vordem  nicht  den  Bruchinhalt 


Der  Bruchschnitt. 


335 


gebildet  haben.  Bei  Frauen  kann  man  sich  diese  Überzeugung  leichter  ver- 
schaffen, indem  man  gewisse  Organe  tastet,  welche,  ohne  früher  Bruchinhalt 
gewesen  zu  sein,  in  der  großen  Bauchhöhle  gelagert  sind,  so  also  z.  B. 
den  Uterusfundus,  die  Ovarien.  Es  empfiehlt  sich,  zu  diesem  Zwecke  mit 
dem  eingeführten  Finger  die  Bruchsackmündung  in  der  Bauchhöhle  zu  um- 
kreisen und  sich  derart  vom  richtigen  Stande  der  Dinge  zu  überzeugen. 
Tasten  wir  aber  irgend  etwas  Abnormes,  so  müssen  wir  unsere  weiteren 
Schritte  darnach  einrichten;   über  das  „Wie"   wird  in  einem  separaten 


0... 


Fig.  80  (siehe  Seite  333). 

Incarcerationsspur  am  Darme.  —  a,  h  —  der  Wanddefect  des  Darmes,  reicht  von  der 
Schleimhaut  bis  in  die  äußere  Muscularis.  Serosa  bereits  von  letzterer  abgehoben. 


Abschnitte  dieses  Buches,  welcher  über  falsche  Reposition  handelt,  aus- 
führlich gesprochen  werden.  Haben  wir  einmal  erkannt,  dass  die  Ein- 
klemmung gelöst  und  der  Bruchinhalt  an  seine  richtige,  normale  Stelle 
zurückgebracht  wurde,  dann  sind  die  Verhältnisse  auch  weiter  entweder 
so  günstig,  dass  wir  eine  Radicaloperation  des  betreffenden  Bruches  nach 
den  schon  früher  erörterten  Principien  anschließen  können,  oder  wir  er- 
blicken in  der  unmittelbaren  Ausführung  der  Radicaloperation  eine  Er- 
schwerung des  Wundverlaufes;  so  z.  B.,  wenn  in  der  Bauchhöhle  eine 
bedeutende  Quantität  von  serösem  Exsudat  angehäuft  ist,  verschließen  wir 


336 


Der  Bruchsclinitt. 


allerdings  die  Bruchpforte,  aber  wir  lassen  doch  eine  kleine  Lücke,  durch 
welche  wir  ein  Drainagerohr  in  die  Bauchhöhle  einführen,  damit  das 
Exsudat  bequem  und  vollständig  abfließen  könne  und  nicht  etwa  einen 
günstigen  Nährboden  für  Mikroorganismen  abgebe,  welche  eventuell  mit 
dem  reponierten  Bruchinhalte  in  die  Bauchhöhle  hineingebracht  worden 
sein  konnten.  Bei  einfachen  Fällen  von  Bruchincarcerationen,  wie  wir  sie 
hier  voraussetzen,  dürften  wir  selten  hiezu  gezwungen  sein,  eher  bei 
complicierten,  welche  wir  im  Nachfolgenden  schildern  wollen. 

Wir  haben  bisher  vorausgesetzt,  dass  bei  Eröffnung  des  Bruchsackes 
der  Bruchinhalt  ein  derartiges  Aussehen  darbietet,  dass  wir  ihn  als  zur 
Reposition  geeignet  ansehen,  ohne  von  den  gegentheiligen  Veränderungen 
zu  sprechen  und  ohne  auch  bisher  diese  Veränderungen  näher  zu  charak- 
terisieren, welche  die  Repositionsfähigkeit  als  zweifelhaft  erscheinen  lassen 
oder  welche  die  Reposition  überhaupt  verbieten  würden.  Es  ist  daher 
zweckmäßig,  sich  aller  jener  Erscheinungen  bewusst  zu  werden,  welche  die 
entblößten  Baucheingeweide  im  Bruche  darbieten  können. 

Die  blassrosa  Färbung  der  normalen  Darmschlingen,  wie  wir  sie  bei 
der  radicalen  Operation  gewöhnlich  zu  Gesicht  bekommen,  ist  bei  der  In- 
carceration  einer  Darmschlinge  gewöhnlich  verschwunden  und  die  Darmwand 
biekommt  eine  dunkelrothe  bis  braunrothe.  endlich  nahezu  schwärzliche 
Färbung,  und  zwar  zum  Theile  durch  die  venöse  Stase,  theilweise  auch 
durch  den  Blutaustritt,  welche  durch  die  bisher  angestellten  Repositions- 
versuche  verursacht  wurden;  dabei  ist  die  Darmwand  gewöhnlich  gespannt. 
Die  Spannung  lässt  freilich  nach  Lösung  des  Incarcerationsringes  nach  und 
die  Darmwand  wird  für  das  Tastgefühl  weicher  und  nachgiebiger,  aber 
auch  die  Färbung,  welche  beim  Vorziehen  der  beiden  Schiingenarme  an 
der  Incarcerationsspur  scharf  absetzt,  verblasst  allmählich.  Und  es  sind 
seit  jeher  Angaben  bekannt,  dass  die  durch  venöse  Stase  bedingte  bläuliche 
Färbung  der  Darmschlinge  nach  Erweiterung  des  Incarcerationsringes  unter 
den  Augen  des  Operateurs  sich  ausgleicht  und  dass  die  Spur  des  Incarcerations- 
ringes undeutlich  wird.  Jene  Darmschlinge,  welche  von  zahlreichen  Blut- 
anstritten durchsetzt  und  vielleicht  auch  von  parenchymatöser  Entzündung 
der  Darmwand  bereits  ergriffen  ist,  coUabiert  aber  schwer,  sie  bleibt 
rundlich,  blasenförmig  und  bei  der  Betastung  sind  ihre  Wände  deutlich 
verdickt;  hiebei  bleibt  die  Serosa  immer  noch  unversehrt,  glatt,  spiegelnd; 
bei  oberflächlicher  Ritzung  oder  beim  Anstechen  mit  einer  Nadel  blutet 
dieselbe;  hat  aber  die  Einklemmung  bereits  längere  Zeit  bestanden,  so 
verändert  sich  das  Verhalten  der  Darmschlinge  in  doppelter  Beziehung, 
sowohl  der  Färbung  als  auch  der  Consistenz  nach;  gewöhnlich  treten  zuerst 
im  Verlaufe  der  Incarcerationsspur,  manchmal  jedoch  auch  auf  der 
Oberfläche  der  Darmschlinge  selbst,  einzelne  Stellen  auf,  welche  graulich, 
graugrünlich  verfärbt  sind  und  welche  schlaff  zusammenfallen,  oder  sich 


Der  Bruch  schnitt. 


337 


zusammenfalten,  als  ob  an  diesen  Stellen  die  Darmschlinge  dünner  wäre 
als  die  umgebende  Darmwand,  während  die  Serosa  nicht  blutet  und  ihre 
spiegelnde  Oberfläche  getrübt  ist. 

In  einem  solchen  Falle  ist  es  allerdings  unzweifelhaft,  dass  diese 
Stellen  der  Nekrose  verfallen  sind,  zum  mindesten  aber,  dass  darunter 
einzelne  Schichten  der  Darmwand  bereits  von  Gangrän  ergriffen,  auseinander- 
gewichen sind.  Diese  Thatsache  kann  schon  bei  der  Entblößung  des  Bruch- 
inhaltes klar  sein,  oder  erst  dann,  wenn  nach  Lösung  des  Incarcerations- 
ringes  die  Schiingenarme,  freilich  immer  mit  der  größten  Vorsicht  vorgezogen 
werden;  vorsichtig  deswegen,  weil  gerade  die  eben  geschilderten  Stellen  beim 
Anziehen  leicht  reißen  und  der  Darminhalt  leicht  nicht  nur  die  äußere  Wunde, 
sondern  theilweise  auch  die  Bauchhöhle  inficieren  kann.  Wir  müssen  daher 
auf  diese  Thatsache  des  Ergusses  des  Darminhaltes  beim  Vorziehen  der 
Darmschlingen  immer  gefasst  sein  und  Behelfe  behufs  Wegspülens  und 
Auftupfens  des  austretenden  Darminhaltes  bereithalten.  Wir  haben  schon 
darauf  hingewiesen,  dass  eben  diese  Revision  des  Bruchinhaltes  und  der 
dem  Incarcerationsringe  centralwärts  anliegenden  Darmpartie  eine  unbedingte 
Nothwendigkeit  sei,  was  natürlich  stets  eine  Herniotomia  intraperitonealis 
voraussetzt,  ebenso  wie  die  bereits  früher  angedeutete  Revision  des  zu- 
führenden Schenkels,  welcher  Sitz  von  ausgebreiteten  Stercoralgeschwüren 
sein  kann,  deren  Perforation  auch  nachträglich  trotz  gelungener  Herniotomie 
den  Fall  letal  enden  lassen  kann.  Diese  Geschwüre,  weiche  sich  manchmal 
auch  auf  mehrere  Decimeter  aufwärts  auf  den  zuführenden  Arm  erstrecken, 
sind  am  Durchscheinen  von  graulichbraunen  Flecken  erkennbar,  welche 
gewöhnlich  in  der  Nähe  der  Hernie  zahlreicher  sind  und  nach  aufwärts 
immer  seltener  und  seltener  werden.  Über  den  Einfluss  dieser  Geschwüre 
auf  die  Ausdehnung  der  Resection  wird  später  noch  gesprochen  werden. 

Nach  den  angegebenen  Merkmalen  ist  es  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
nicht  eben  schwer,  ein  Urtheil  darüber  abzugeben,  ob  eine  vorliegende 
Darmpartie  zur  Reposition  geeignet  ist  oder  nicht.  Es  bleibt  immerhin 
aber  eine  Reihe  von  Fällen  übrig,  in  welchen  die  Entscheidung  über  diese 
Angelegenheit  nicht  sofort  gefällt  werden  kann.  Dass  dieses  ürtheil  unsicher 
sein  kann,  davon  zeugt  ein  Ausspruch  von  Henggeier  in  dem  Berichte 
über  seine  eigenen  Fälle:  derselbe  sagt:  „Unter  den  sämmtlichen  Todes- 
fällen (64)  befinden  sich  14  Fälle,  in  denen  offenbar  eine  verdächtige 
Darmschlinge  trotzdem  in  die  Bauchhöhle  zurückgebracht  wurde  und  bei 
denen  eine  Entzündung  des  Bauchfelles,  theils  mit  Gangrän  und  Perforation, 
theils  ohne  dieselben,  die  hauptsächlichen  bei  der  Section  vorgefundenen 
Veränderungen  ausmachte."  (Demselben  Operateur  starben  an  Gangrän  und 
Peritonitis  im  ganzen  31  Fälle,  d.  h.  48-4%  der  gesammten  Todesfälle.) 
Es  wäre  daher  einerseits  wünschenswert,  irgend  ein  Mittel  zu  kennen,  um 
im  Falle  einer  Ungewissheit  dennoch  eine  verlässliche  Entscheidung  treffen 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  22 


338 


Der  Bruchschnitt. 


zu  können,  oder  einen  Vorgang,  um  wenigstens  die  schweren  Folgen  eines  auf 
einem  bestimmten  Urtheile  basierten  Vorgehens  hintanzuhalten.  Mit  Rücksicht 
darauf  muss  an  dieser  Stelle  erwähnt  werden,  dass  in  der  letzten  Zeit 
die  Chirurgen  und  Pathologen  gehofft  haben,  ein  solches  Mittel  in  der 
Untersuchung  des  Bruchwassers  auf  seinen  bacteritischen  und  Toxingehalt 
gefunden  zu  haben,  indem  hiedurch  nachgewiesen  werden  sollte,  ob 
die  Darmwand  für  die  eben  erwähnten  Schädlichkeiten  schon  durch- 
gängig ist  oder  nicht,  und  indem  vorausgesetzt  wurde,  dass  dieselbe  für 
sie  durchgängig  wird,  sobald  die  Structur  der  Darmwand  ernstlich  ge- 
schädigt ist,  oder  eine  Perforation  baldigst  bevorsteht,  wenn  dies  auch  dem 
unbewaffneten  Auge  noch  gar  nicht  sichtbar  ist.  Diese  Angelegenheit  ist 
jedoch  trotz  vieler  darauf  verwendeter  Mühe  noch  in  Discussion  und  ein 
abschließendes  ürtheil  über  dieselbe  nicht  zulässig.  Der  Leser  kann 
sich  aber  dennoch  durch  die  Schilderung  der  darauf  gerichteten  Versuche 
von  den  Schwierigkeiten  der  Frage  einen  Begriff  machen: 

Diese  Versuche  datieren  ungefähr  aus  den  letzten  15  Jahren;  Es  war 
nämlich  im  Jahre  1867  Nepveu,  welcher  zuerst  im  Bruchwasser  Bacterien 
und  Cercomonaden  constatierte,  von  welchem  Befunde  er  jedoch  erst  im 
Jahre  1883  einen  besonderen  Bericht  erstattete.  Auch  vordem,  nämlich  im 
Jahre  1871,  hatte  Verneuil  darauf  aufmerksam  gemacht,  dass  das  Brach- 
wasser gewiss  bestimmte  toxische  Stoffe  enthalten  müsse.  Er  befasste  sich 
aber  nicht  weiter  mit  der  Bestimmung  derselben.  Die  Angaben  von  Nepveu 
bezeichnete  aber  Friedländer  mit  Rücksicht  auf  die  zahlreichen  Er- 
fahrxmgen  am  Sectionstische  als  unwahrscheinlich,  und  Garre  züchtete 
in  8  Fällen  von  Einklemmungen  nur  einmal  aus  dem  Bruchwasser  eine 
Kokkenart,  welche  bei  der  Thiereinimpfung  in  keiner  Weise  krankheits- 
erregend wirkte,  während  bei  einem  Bruche,  bei  welchem  die  Darmschlinge 
schiefergrau  verfärbt  und  eine  Bauchfellentzündung  bereits  in  Entwickelung 
begriffen  war,  keine  Bacterien  constatiert  werden  konnten. 

Grawitz  äußerte  sich  dahin,  dass  beinahe  keine  Bauchfellentzündung 
möglich  sei,  bei  welcher  sich  nicht  die  Darmwand  gleichzeitig  betheiligen 
würde,  und  zwar  so,  dass  die  Peritonitis  erst  dann  entstünde,  wenn  schon 
Gangrän  der  Darmwand  oder  wenigstens  Ulceration  derselben  an  der  in- 
carcerierten  Darmschlinge  auftreten  würde,  welche  pyogene  Bacterien  ent- 
halten sollte.  Er  wies  gleichzeitig  darauf  hin,  dass  bei  einer  einfachen 
Obturation  des  Darmes  ohne  Miterkrankung  der  Darmwand  keineswegs 
eine  Bauchfellentzündung  entsteht.  Pawlowski  verwendete  zur  Her- 
vorrufung dieser  Entzündung  chemische  Reizmittel  und  sah  niemals 
Mikroorganismen  durch  die  Wand  hindurchtreten  und  eine  secundäre 
Infection  bedingen,  ebensowenig  konnte  er  im  peritonealen  Exsudate 
Bacterien  nachweisen.  Waterhouse  sah  bei  eingeschnürten  Darm- 
schlingen und  Einspritzung  von  Staphylokokkenculturen  in  dieselben  die 


Der  Bruchsclinitt. 


339 


Mikrootganismen  nur  dann  hindurchwandern,  wenn  Nekrose  der  Wand 
eingetreten  war. 

Im  Jahre  1890  hat  dagegen  Boennecken  eine  ausführliche  Studie 
über  diesen  Gegenstand  unternommen  und  in  einem  vollständig  durch- 
sichtigen Bruchwasser  nach  vierstündiger  Incarceration,  aber  auch  im 
blutig  tingierten  Liquor,  endlich  im  getrübten  und  im  übelriechenden 
Bruchwasser  stets  Mikroorganismen  vorgefunden,  welche  auch  weiterer 
Entwickelung  fähig  waren.  Auch  Thierexperimente,  welche  in  dieser  An- 
gelegenheit von  ihm  unternommen  wurden,  zeigten,  dass  bei  Incarceration 
schon  in  den  ersten  Phasen  der  einfachen  Circulationsstörung,  und  zwar 
noch  früher,  als  Veränderungen  im  Bauchfelle  sich  etablieren,  mit  zu- 
nehmendem Filtrationsdrucke  auch  Mikroorganismen  durch  die  Darmwand 
hindurchgehen.  Dadurch  werden  aber  Veränderungen  nur  von  untergeordneter 
oder  gar  keiner  Bedeutung  hervorgerufen,  sobald  in  diesem  Stadium  die 
Einklemmungsursache  behoben  wird.  Boennecken  leitete  aus  diesen 
seinen  Experimenten  nur  die  Nothwendigkeit  einer  gründlichen  Desinfection 
einer  jeden  incarcerierten  Darmschlinge  ab.  Diese  Versuche  waren  nur 
insofern  ungenügend,  als  die  hiebei  verwendeten  Thiere  nicht  länger  am 
Leben  gelassen  wurden.  Diesen  Einwand  vermied  im  Jahre  1893  Arnd, 
und  er  kam  zu  dem  Schlüsse,  dass  die  Kaninchendarmwand  bereits  im 
Stadium  der  leichtesten  venösen  Stase  für  Mikroorganismen  durchgängig 
sei.  Dieser  Forscher  stellte  Versuche  mit  verschiedenen  Mikroorganismen- 
arten an,  so  mit  Bacillus  subtüis.  pyocyaneus,  prodigiosus,  und  zwar  derart, 
dass  er  dieselben  zuerst  in  die  Darmschlinge  einbrachte  und  dann  im 
Bruchwasser  nach  denselben  suchte.  Seine  Versuche  scheinen  diese  Frage 
ungefähr  in  dem  Sinne  zu  entscheiden,  dass  auch  jene  Darmwand,  welche 
bezüglich  ihres  weiteren  Bestandes  noch  vollständig  erholungsfähig  ist. 
schon  in  dem  Stadium  einer  mäßigen  venösen  Stase  Mikroorganismen, 
welche  sich  im  Innern  der  unverletzten  Schlinge  befinden,  durchlässt,  und 
zwar  ohne  dass  entzündliche  Vorgänge  die  Darm  wand  zum  Durchtritte 
derselben  vorbereiten  müssten.  Doch  auch  gegen  diesen  Versuch  wurden 
Einwände  gemacht,  und  zwar  von  Kraft  und  Rovsing,  welche,  auch 
nach  einer  24-  bis  27stündigen  Einklemmung,  im  Bruchwasser,  welches 
auch  schwarzbraun  verfärbt  und  intensiv  übelriechend  sein  konnte,  keine 
Mikroorganismen  nachweisen  konnten,  ebensowenig  wie  in  den  fibrinösen 
Gerinseln,  welche  bei  der  Entzündung  des  Bauchfelles  sich  ablagern.  Dieser 
Zustand  der  ganzen  Frage  bewog  Z  i  e  g  1  e  r,  noch  einmal  die  ganze  An- 
gelegenheit durchzuarbeiten,  und  zwar  mit  Benützung  derselben  Thiere  wie 
Boennecken,  aber  unter  Anwendung  von  verschiedenen  Methoden, 
welche  sich  bisher  am  besten  zum  Nachweise  von  Mikroorganismen,  um 
die  es  sich  bei  dieser  Frage  in  erster  Linie  handelte,  bewährt  hatten.  Es 
handelte  sich  bei  diesen  Versuchen  darum,  die  Darmschlinge  mit  den 

22* 


340 


Der  Bruchschnitt. 


Fingern  nicht  zu  berühren.  Die  Darmschlinge  wurde  also  nach  aseptischer 
Eröffnung  der  Bauchhöhle  in  einem  Condom  eingeschlossen,  welcher  eine 
Viertelstunde  hindurch  ausgekocht  worden  war;  sodann  wurde  die  Schlinge 
mit  einer  Catgutligatur  umschnürt  und  wieder  in  die  Bauchhöhle  versenkt,  die 
Bauchwunde  sodann  vollständig  vereinigt.  Die  Bauchwunde  wurde  nach 
verschieden  langer  Zeit  wieder  eröffnet  und  der  Inhalt  des  Condoms 
untersucht.  Bei  schwacher  Einschnürung  der  Schlinge  war  es  möglich, 
selbst  ein  Weinglas  voll  von  Exsudat  zu  gewinnen,  während  bei  starker 
Constriction  wegen  Ischämie  der  Darmschlinge  die  Exsudatmenge  nur 
unbedeutend  war.  Nachdem  man  derart  Brucliwasser  gewonnen  hatte, 
wurde  nach  Beseitigung  des  Schnürfadens  die  Darmschlinge  wieder  in 
die  Bauchhöhle  zurückgebracht  und  die  Thiere  am  Leben  gelassen.  Der 
Unterschied  in  den  Ergebnissen  der  Boennecken  'sehen  Versuche  mit 
ihrer  unendlichen  Zahl  von  Mikroorganismen  im  Bruch wasser  und  jener 
Ziegler's  ist  auffällig.  Bei  Verwendung  von  verschiedenen  Untersuchungs- 
methoden gelang  es  nämlich  Z  i  e  g  1  e  r  bisher  überhaupt  gar  nicht,  beim 
Menschen  nach  5-  bis  löstündiger  Einklemmung  Mikroorganismen  im 
Bruchwasser  nachzuweisen  und  unter  29  Versuchen  an  Thieren  bloß  in 
8  Fällen  und  zwar  nur  3mal  in  größerer  Anzahl,  während  in  den  übrigen 
Fällen  auch  ohne  Verdünnung  schon  auf  der  ersten  Platte  einzelne  Mikro- 
organismenarten voneinander  isoliert  werden  konnten.  Ziegler  constatierto 
anstatt  18  Arten  wie  Boennecken,  deren  bloß  6.  darunter  Streptokokken, 
Staphylococcus  aureus  und  am  häufigsten  das  Bacterium  coli  commune, 
welches  auch  von  Boennecken  unter  15  Fällen  llmal  nachgewiesen 
wurde. 

Wegen  der  Wichtigkeit  dieses  Mikroorganismus  wollen  wir  an  dieser 
Stelle  die  Haupteigenschaften  desselben  recapitulieren.  Derselbe  besteht 
aus  einem  kurzen  Stäbchen  von  ungefähr  1  [i  Dicke  und  2  jx  Länge, 
welches  aber  auch  in  längere  Fäden  auswachseii  kann.  Die  einzelnen 
Individuen  führen  schaukelnde  Bewegungen  aus  und  wachsen  rasch  auf 
allen  Nährböden,  verflüssigen  die  Gelatine,  die  Impffurche  ist  stark  granu- 
liert und  wächst  bald  stark  in  die  Breite  und  zwar  in  concentrischen 
Kreisen,  welche  etwas  über  die  Oberfläche  erhaben  sind,  oder  bildet 
Schichten  wie  aus  feinen  Lamellen  zusammengesetzt.  In  der  Tiefe  der 
Impfungsfurche  entwickeln  sich  sehr  bald  Gasblasen.  Das  Wachsthum  auf 
Agar  ist  nicht  charakteristisch,  da  wir  bloß  starke,  weiße  Colonien  sehen, 
während  der  dicke,  schmierige,  gelbbraune  Brei  der  Kartoffelcultur  charak- 
teristisch ist.  Gährversuche  mit  Milchzucker  gelingen  aus  diesem  Bacillus, 
mag  er  vom  Menschen  oder  von  Kaninchen  gewonnen  sein.  Manchmal  ist 
es  nothwendig,  einen  flüssigen  Nährboden  zu  verwenden,  weil  Z  i  e  g  1  e  r 
constatierte,  dass  die  Gelatine  steril  blieb,  während  Bouillon  sich  trübte, 
worauf  eine  Überimpfung  der  Mikroben  ganz  leicht  gelang. 


Der  Bruchschnitt. 


341 


Nach  Ziegler.  Garre  und  Boennecken  durchwandern  Kokken 
die  Darmwand  bei  weitem  leichter  als  die  Bacterien.  Bei  den  Ziegler'schen 
Versuchen  war  auffällig;  dass  bei  einer  ganz  schwarzen  und  bis  zur  Starre 
infiltrierten  Darmschlinge  man  keine  Culturen  erzielen  konnte,  weiter  auch 
dass  Rovsing  bei  fäcaloid  riechendem  Bruchwasser  in  demselben  keine 
Mikroorganismen  nachweisen  konnte,  was  an  den  Ausspruch  König 's 
erinnert,  der  manchmal  bei  übelriechendem  Bruchwasser  die  Darmschlinge 
unverändert  antraf,  dieselbe  nach  gründlicher  Desinfection  auch  in  die 
Bauchhöhle  nicht  zu  reponieren  zögerte,  worauf  er  eine  aseptische  Heilung 
erzielte.  Durch  die  Z  i  e  g  1  e  r'schen  Versuche  wurde  der  Ausspruch  Boennecke  n- 
Arnd's  in  dem  Sinne  modificiert,  dass  zwar  in  den  Stadien,  die  von  diesen 
Forschern  angegeben  wurden,  die  Darmwand,  also  bei  mäßiger  venöser 
Stase,  für  Mikroorganismen  noch  nicht  durchgängig  ist,  man  jedoch  zugeben 
müsse,  dass  die  Mikroorganismen  doch  schon  früher  hindurchwandern,  bevor 
die  Darmwand  der  Nekrose  verfällt.  Ziegler  meint,  dass  so  lange  die 
Serosa  des  Darmes  glatt  und  spiegelnd  ist,  die  Darmschlinge  zur  Reposition 
geeignet  sei,  dass  dieselbe  aber  verdächtig  wird,  sobald  ihre  Oberfläche 
sich  mit  Fibringerinseln  bedeckt  und  unbedeutende,  dem  unbewaffneten 
iAuge  unsichtbare  Nekrosen  entstehen,  wiewohl  bei  den  Ziegler'schen 
Versuchen  constatiert  wurde,  dass  auch  bei  entschiedener  Nekrose  der 
Darmschlinge  Mikroorganismen  im  Bruchwasser  nicht  nachgewiesen  werden 
müssen.  Was  den  Weiterbestand  des  Lebens  oder  den  Verlauf  nach  den 
Ziegler'schen  Versuchen  betrifft,  da  zeigte  es  sich,  dass  nur  jene  Thiere 
zugrunde  giengen,  in  deren  Bruchwasser  Bacterien  constatiert  wurden;  es 
scheint  daher,  dass  die  unverletzte  Serosa  ein  hinreichender  Schutz  gegen 
die  Einwanderung  der  Mikroorganismen  in  die  Bauchhöhle  sei,  was  auch 
daraus  hervorgeht,  dass  eine  ganze  Reihe  von  eitrigen  Vorgängen,  welche 
in  der  vorderen  Bauchwand  ablaufen,  nicht  nothwendigerweise  eine  eitrige 
Bauchfellentzündung  nach  sich  ziehen.  Dies  wurde  durch  den  Versuch  von 
Waterhouse  bestätigt,  welcher  die  vordere  Bauchwand  bis  zum  Bauch- 
felle einschnitt,  in  die  Wunde  Eiterkokken  einbrachte,  worauf  zwar  eine 
Phlegmone  der  vorderen  Wand,  aber  keineswegs  eine  Bauchfellentzündung 
entstand.  Aus  dieser  ganzen  Auseinandersetzung  geht  hervor,  dass  wir  bei 
eingeklemmten  Hernien  so  lange  das  Entstehen  einer  Bauchfellentzündung 
nicht  zu  fürchten  hätten,  als  die  durch  die  Einklemmung  bedingten  Ver- 
änderungen der  Gewebe  nicht  zu  den  oben  besprochenen  Erscheinungen 
führen:  dies  wird  auch  durch  den  Umstand  bestätigt,  dass  die  Mortalität 
nach  der  Herniotomie  in  der  neuesten  Zeit  nicht  durch  Entwickelung 
einer  Bauchfellentzündung  bedingt  zu  sein  pflegt,  welche  freilich  durch 
Contactinfection  verursacht  wäre,  oder  welche  auf  der  Durchwanderung 
von  Mikroorganismen  aus  dem  Innern  der  eingeklemmten  Darmschlinge 
auf  die  Oberfläche  der  Bauchhöhle  beruhen  würde,  sondern  diese  Mortalität 


342 


Der  Bruchschnitt. 


ist  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  durch  einen  anderen  Umstand  hervorgebracht. 
Spitta  fand  unter  23  Todesfällen  nach  Incarceration  bloß  2,  in  denen 
Peritonitis  die  Ursache  war,  und  auch  in  diesen  Fällen  dauerte  die  Ent- 
zündung längere  Zeit  als  die  Einklemmung.  Z  i  e  g  1  e  r  verlor  unter  40  Hernio- 
tomien  10  Fälle,  ohne  irgend  eine  Bauchfellentzündung  oder  eine  nach- 
trägliche Perforation  erlebt  zu  haben.  Diesem  unentschiedenen  Stande  der 
Frage  entsprechen  auch  die  Resultate  der  umfänglicheren  Studie  von 
Tavel-Lanz,  welche  unter  30  Fällen  von  Bruchincarcerationen  von 
16  Fällen  berichtet,  bei  denen  der  Impfungsversuch  resultatlos  blieb,  und 
dies  sogar  bei  2  Fällen,  wo  bereits  Darmgangrän  bestand:  in  2  Fällen  von 
Hydrocele  hernialis  war  das  im  Bruchsacke  enthaltene  Exsudat  steril, 
ebenso  wie  dasselbe  bei  einem  Netzbruche  beobachtet  wurde,  was  wir  auch 
nebenbei  bemerken  wollen.  In  11  Fällen  dagegen  wurden  die  Impf  versuche 
von  einem  positiven  Resultate  befolgt,  und  zwar  befinden  sich  darunter 
folgende  Fälle: 

1.  Eine  eingeklemmte  Leistenhernie,  welche  heilte;  2.  eine  gangränöse 
Littre'sche  Hernie,  in  deren  Verlaufe  eine  stercorale  Fistel  entstand,  welche 
durch  Laparotomie  geheilt  werden  musste;  3.  eine  gangränöse  Schenkelhernie 
mit  tödtlichem  Ausgange;  4.  eine  crurale  Netzhernie  mit  gutem  Verlaufe; 
5.  eine  crurale  Netzhernie,  deren  Verlauf  auf  eine  Infection  der  Wunde 
ohne  Mitbetheiligung  des  Bauchfelles  hinwies  und  deren  schließlicher  Aus- 
gang günstig  war;  6.  beim  Empyem  des  Bruchsackes  ohne  Einklemmung 
irgend  eines  Eingeweides;  der  Eiter  war  übelriechend  und  reichte  bis  in  die 
Darmbeingrube,  wurde  aber  entleert,  worauf  Heilung  eintrat;  7.  in  einem 
Falle  von  innerer  Einklemmung  einer  Dünndarmschlinge,  und  zwar  unter 
einem  Netzstrange,  in  diesem  Falle  waren  die  Impfversuche  ohne  Erfolg; 

8.  Einklemmung  einer  Darmschlinge  unter  zwei  inneren  Strängen  mit  Drehung 
um  1800  tödtlichem  Ausgange  infolge  von  Autointoxication,  da  man 
weder  mit  der  Löffler'schen  noch  Gramm'schen  Färbung  Bacterien  in  den 
fibrinösen  Niederschlägen  oder  im  serösen  Transsudat  nachweisen  konnte; 

9.  ein  Fall,  wo  nach  Reposition  einer  gangränösen  Schlinge,  und  zwar  bei 
einer  Herniotomie,  eine  diffuse  Entzündung  des  Bauchfelles  entstand,  wor- 
über wir  allerdings  nicht  staunen  werden;  10.  ein  Fall,  bei  welchem  eine 
Infection  bei  der  Operation  einer  Darmfistel  entstand  und  welche  früher 
gefehlt  hat;  11.  in  einer  Leistenhernie,  bei  welcher  Infection  in  dem  Augen- 
blicke entstand,  als  durch  Ungeschicklichkeit  des  Operateurs  die  an  den  Bruch- 
sack angewachsene  Darmschlinge  barst,  worauf  eine  fötid  riechende  Flüssig- 
keit ausfloss;  die  Wunde  wurde  vernäht  und  die  Schlinge,  in  Carbolgaze 
eingewickelt,  in  die  Bauchhöhle  reponiert,  worauf  regelmäßige  Heilung  eintrat. 

In  den  letzten  Jahren  befassten  sich  mit  dieser  Frage  T  i  e  t  z  e. 
Schloffer  und  Brentano.  Nach  der  Ubersicht  des  letzteren  wären  die 
Resultate  der  bisherigen  Untersuchung  folgende: 


Der  Bruchschnitt. 


343 


Garre    untersuchte  8  Fälle,  hievon  war  der  Befund  positiv  in  1  Falle; 
Boennecken  „         8    „        „        „     „       „         „    in  8  Fällen; 
Rovsing        „         5    „        „        „     „       „         „in  keinem  Falle; 
Ziegler         „         5    „        „        „     „       „         „    in  keinem  Falle; 
T  i  e  t  z  e  „       10    „        „        „     „       „         „    in  4  Fällen ; 

Schloff  er     „       12    „        „        „    „       „         „    in  2  Fällen; 
Tavel  und  Lanz  untersuchten  21  Fälle,  hievon  war  der  Befund  positiv 
in  5  Fällen. 

Auch  auf  unserer  Klinik  wurden  im  Jahre  1894  6  Fälle  von  in- 
carcerierten  Hernien  auf  diesen  Umstand  untersucht  und  nur  in  1  Falle 
war  der  Befund  positiv. 

Gegen  diese  Untersuchungen  richtete  sich  nun  die  Arbeit  Brentano's. 
Derselbe  sagte,  die  Mehrzahl  der  Untersuchungen  hätte  als  Nährboden 
feste  Gelatine  oder  Agar  verwendet,  was  ungünstig  für  die  Entwickelung 
der  Mikroorganismen  sei.  Auch  in  einer  ganzen  Reihe  von  eigenen  Fällen 
(49  Beobachtungen)  ergieng  es  ihm  unter  gleichen  Verhältnissen  ähnlich. 
Es  gelang  ihm  nämlich  nur  in  9  Fällen  hievon,  Mikroorganismen  zu  con- 
statieren,  also  ungefähr  in  einem  ähnlichen  Procentsatze  wie  bei  der  obigen 
'Zusammenstellung,  wo  der  Befund  unter  61  Fällen  21mal  positiv  war. 
Wenn  er  dagegen  unter  Verwendung  einer  größeren  Menge  von  Bruch- 
wasser Versuche  mit  flüssigem  Bouillon  anstellte,  so  war  er  imstande, 
unter  31  incareerierten  Fällen  in  21  Fällen  im  Bruchwasser  Mikroben 
nachzuweis^en,  demnach  nunmehr  67-7°/o  gegen  frühere  18'75°/q.  Brentano 
arbeitete  folgendermaßen:  er  übertrug  eine  größere  Menge  von  Bruchwasser 
in  eine  Erlenmayer'sche  Flasche,  welche  sterilen  Bouillon  enthielt,  die 
Flüssigkeit  wurde  aus  dem  Bruchsacke  mittelst  einer  Pipette  angesaugt 
und  diese  Ansaugung  geschah  mittelst  eines  am  oberen  Ende  angesteckten 
Drainagerohres,  welches  am  freien  Ende  zugebunden  war.  Durch  Zusam- 
mendrücken und  Nachlassen  des  Gummiröhrchens  wurde  die  Flüssigkeit 
in  die  Pipette  aspiriert.  Das  Drainageröhrchen  war  natürlich  sterilisiert, 
ebenso  auch  die  Pipette,  welche  ausgekocht  oder  durch  eine  Flamme  durch- 
gezogen worden  war. 

Die  Ergebnisse  der  Untersuchung  waren  nun  folgende:  Von  den 
negativen  Fällen  war  keiner  länger  als  24  Stunden  incarceriert,  aber  auch 
in  7  positiven  Fällen  hatte  die  Einklemmung  nicht  ganze  24  Stunden 
gedauert.  Dies  waren  aber  exceptionell  ungünstige  Umstände,  zum  Beispiel 
eine  sehr  strenge  Einschnürung,  welche  es  verschuldete,  dass  schon  vor 
Ablauf  von  24  Stunden  Mikroben  durch  die  Bauchwand  hindurchtraten. 
Bei  allen  7  Fällen,  in  denen  die  Darmgangrän  vorgefunden  wurde,  wurden 
auch  im  Bruchsacke  Mikroben  nachgewiesen,  ein  Ergebnis,  welches  von 
den  früheren  Autoren  manchmal  bestritten  wurde.  Es  wurden  aber 
auch  in  14  Fällen  Mikroorganismen  nachgewiesen,  bei  denen  nach  Repo- 


344 


Der  Bruchschnitt. 


sition  der  Schlingen  der  Verlauf  durch  gar  keine  ungünstigen  Vorkommnisse 
getrübt  wurde. 

Hiedurch  sind  wir  zu  einem  Erklärungsversuche  gedrängt.  Den  Um- 
stand, dass  vor  Ablauf  der  ersten  24  Stunden  nur  in  einer  kleinen  Anzahl 
der  Fälle  Mikroorganismen  nachgewiesen  wurden,  könnte  man  so  deuten, 
dass  dem  Bruchwasser  selbst  eine  gewisse  bactericide  Fähigkeit  innewohne 
und  dass  diese  Kraft,  wie  Schloffer  bei  Kaninchen  nach  den  ersten 
6  bis  10  Stunden,  welche  dem  Beginn  der  Incarceration  folgten,  constatierte, 
am  intensivsten  in  den  Stunden  wäre,  welche  dem  Eintritte  der  Ein- 
klemmung unmittelbar  folgen.  Es  wäre  dann  allerdings  möglich,  dass,  wie 
Boennecken  behauptet,  in  jedem  Bruchwasser  Mikroorganismen  vorhanden 
sind,  die  Constatierung  derselben  gelänge  aber  in  den  ersten  Stunden  des- 
halb nicht,  weil  einzelne  Untersucher  Nährböden  verwendeten,  welche  für 
das  Gedeihen  der  Mikroorganismen  ungünstig  sind,  da  ja  dieselben  in  ihrer 
Lebensenergie  durch  die  Einwirkung  des  Bruchwassers  geschädigt  sind, 
welches  in  den  ersten  Stunden  der  Einklemmung  besonders  bacterien- 
vernichtend  wirke.  Deswegen  könnten  auch  einzelne  Fälle  gut  verlaufen,  bei 
denen  Mikroorganismen  nachgewiesen  worden  waren,  weil  diese,  in  ihrer 
Virulenz  abgeschwächt,  in  der  Bauchhöhle  überdies  keinen  günstigen 
Nährboden  vorfinden.  Für  diese  Deutung  spricht  auch,  was  schon  von 
Wegner  und  Grawitz  sichergestellt  wurde,  dass  nämlich,  wenn  durch 
Einspritzung  in  die  Bauchhöhle  ungünstige  Erscheinungen  erzielt  oder  be- 
wirkt werden  sollten,  man  entweder  eine  ungewöhnlich  große  Menge  der- 
selben in  diese  Höhle  einbringen  muss,  oder  dass  man  günstige  Bedingungen 
schaffen  müsse,  damit  sich  dieselben  stetig  erneuern  können. 

In  Schenkelbrüchen  sind  Mikroorganismen  bei  weitem  häufiger  nach- 
gewiesen worden  als  bei  Leistenbrüchen,  was  der  übrigens  alten  klinischen 
Erfahrung  entsprechen  würde,  dass  die  Einklemmung  einer  Cruralhernie 
insofern  gefährlicher  sei,  als  die  Integrität  der  Darmschlinge  durch  rascheren 
gangränösen  Verfall  bedroht  ist,  dieses  aber  wieder  durch  die  Enge  des 
Schnürringes  bedingt  ist.  Freilich  muss  man  vorläufig  noch  die  Bestätigung 
der  Brentano 'sehen  Versuchsergebnisse  oder  die  Abweichung  von  den- 
selben abwarten,  jedenfalls  haben  sie  die  frühere  Formulation  dieser  An- 
gelegenheit gewissermaßen  erschüttert. 

Vom  klinischen  Standpunkte  muss  man  demnach  allerdings  eingestehen, 
dass,  abgesehen  von  der  Schwierigkeit  einer  augenblicklichen  und  während 
einer  Herniotomie  vorzunehmenden  bacteriologischen  Untersuchung  des 
Bruchwassers,  wir  infolge  der  oben  angeführten  Versuchsresultate  auch  weiter- 
hin angewiesen  sind,  die  Beurtheilung  der  entblößten  Darmschlinge  auf  makro- 
skopische Beobachtung  zu  basieren,  da  uns  erfahrungsgemäß  beim  guten 
Aussehen  der  Schlingen  auch  der  Befund  von  Bacterien  im  Bruchwasser 
durchaus  nicht  von  der  Reposition  des  Briichinhaltes  abschrecken  darf; 


Der  Bruchschnitt. 


345 


andererseits  aber,  weil  nach  den  Untersuchungen  von  Tavel-Lanz  und 
Schloff  er  der  Umstand,  dass  Mikroben  nicht  vorgefunden  wurden,  die 
Darmgangrän  nicht  ausschließt,  wodurch  wir  abermals  auf  die  genauere 
Beobachtung  des  gröberen  Aussehens  des  Darmes  angewiesen  sind. 

Den  bereits  früher  angeführten  makroskopischen  Befund  an  einer 
incarcerierten  Darmschlinge  wollen  wir  nun  weiter  controlieren  durch  Unter- 
suchung der  incarcerierten  Darmtheile  und  zwar  eventuell  auch  durch 
mikroskopische  Untersuchung  derselben.  An  einer  anderen  Stelle  haben  wir 
bereits  auf  Veränderungen  hingewiesen,  welche  sich  in  einer  Darmschlinge 
bis  zum  Augenblicke  der  Herniotomie  entwickeln  können,  und  brauchen 
nicht  zu  bemerken,  dass  diese  Veränderungen  mehr  oder  weniger  vor- 
geschritten sein  können,  je  nachdem  die  Incarceration  länger  oder  kürzer 
dauert,  aber  auch  nach  dem  Grade  derselben,  nach  der  Art  und  Weise  der 
Behandlung,  welche  vor  Ausführung  des  Bruchschnittes  eingeleitet  worden  war. 

Nach  den  verschiedenen  Befunden,  welche  wir  beim  Bruchschnitte 
am  Lebenden  beobachten,  weiter  nach  den  Präparaten,  welche  von  Kranken 
herrühren,  die  trotz  correct  ausgeführter  Herniotomie  doch  unterlagen,  und 
endlich  nach  den  Ergebnissen  der  Thierexperimente  und  der  aus  diesen 
s'owie  aus  den  Resectionen  am  lebenden  Menschen  gewonnenen  Präparate 
können  wir  uns  den  folgenden  Entwickelungsgäng  der  anatomischen  Ver- 
änderungen an  einer  incarcerierten  Darmschlinge  construieren. 

Im  großen  und  ganzen  wurde  bisher  sowohl  der  makroskopischen 
als  mikroskopischen  Veränderung  einer  incarcerierten  Darmschlinge  wenig 
systematische  Aufmerksamkeit  gewidmet,  deswegen  sind  viele  der  beige- 
fügten makro-  und  mikroskopischen  Abbildungen  vollständig  neu  und 
nach  Präparaten  der  Klinik  angefertigt. 

Wir  können  die  Veränderungen  an  der  incarcerierten  Darmschlinge 
in  zwei  Gruppen  theilen:  in  jene  nämlich,  welche  sich  im  Incarcerations- 
ringe  entwickeln,  und  in  jene,  welche  wir  an  der  außen  liegenden  Darm- 
schlinge beobachten  können.  Die  letztere  wird  also  durch  Behinderung  des 
venösen  Rückflusses  des  Blutes  passiv  hyperämisch,  deutlich  vascularisiert, 
welches  Stadium  aber  ungemein  rasch  vorübergeht,  worauf  sich  die  Schlinge 
gleichmäßig  dunkelroth,  braun  bis  schwarz  färbt,  ohne  dass  man  noch 
behaupten  könnte,  dass  eine  dieser  Farbennuancen  für  die  Darmgangrän 
bereits  charakteristisch  wäre.  Auch  die  vollständig  schwarz  gefärbte  Darm- 
schlinge ist  noch  repositionsfähig.  Weiter  wird  die  Darmschlinge  Sitz  einer 
Hypertrophie  der  Wände,  welche  immer  mehr  zunimmt,  doch  ist  es  unter 
den  Forschern  eine  noch  nicht  ganz  ausgetragene  Frage,  ob  diese  Dicken- 
zunahme eine  Folge  von  Transsudat  oder  Od<äm  oder  eigentlich  die  Folge 
einer  Entziindung  der  Darmschlinge  sei.  Wir  wissen  aus  der  geschichtlichen 
Einleitung,  dass  Broca  in  der  entzündlichen  Spannung  der  Darmschlinge 
die  hauptsächlichste  Ursache  der  Incarceration  erblickte,  und  Labbe  hielt 


346 


Der  Bruchschnitt. 


die  Wandhypertrophie  bis  zur  doppelten  Dicke  für  die  Hauptursache  der 
Darm  Verengerung.  Die  Experimente  von  Berger  haben  uns  gelehrt,  dass 
diese  Dickenzunahme  bereits  nach  2,  3,  4,  aber  auch  nach  6  Tagen  ent- 
stehen könne,  dass  dieselbe  besonders  die  Mucosa  und  die  Muscularis 
betreffe  und  dass  nach  Gangrän  oder  Perforation  der  Darmschlinge  die 
Dickenzunahme  rasch  zurückgeht. 

Durch  die  Veränderung  der  Darm  wand  wird  die  sonst  glatte  Ober- 
fläche des  Darmes,  besonders  am  Übergang  des  Darmes  ins  Mesenterium, 
grobhöckerig,  uneben  und  die  äußere  seröse  Oberfläche  überzieht  sich 
infolge  einer  örtlichen  Peritonealentzündung  mit  eigenthümlichen,  sulz- 
artigen Schichten,  welche  gewöhnlich  (von  den  früheren  Repositions- 
versuchen  her)  blutig  tingiert  sind  und  ziemlich  rasch  (nach  Motte 
bereits  im  Verlaufe  von  8  Stunden)  consolidieren  und  vielleicht  eine 
wichtige  Rolle  bei  der  Reposition  spielen,  indem  sie  das  Hindernis  nur 
erhöhen.  Nach  der  Ansicht  einzelner  Beobachter  bilden  sich  diese  Exsudat- 
schichten besonders  am  Mesenterialrande  sehr  zeitlich  aus,  wodurch  abermals 
eine  dauernde  Knickung  der  Darmschlinge  bewirkt  wird,  wodurch  natürlicher- 
weise das  Hindernis  in  der  Circulation  des  Darminhaltes  nur  noch  ge- 
steigert werden  kann.  Diese  letztere  Knickung  kann  selbstverständlich  auch 
nach  der  Reposition,  wenn  sie  subcutan  oder  extraperitoneal  erfolgt  ist, 
weiter  bestehen  und  im  weiteren  Verlaufe  die  Ursache  einer  chronischen 
Verengerung  des  Darmes  abgeben. 

In  der  incarcerierten  Darmschlinge  staut  sich  Darminhalt  an,  welcher 
theils  aus  Gasen,  theils  aus  Flüssigkeit  besteht;  dass  diese  letztere  schwarz, 
blutig,  schleimig  ist,  kann  man  leicht  daraus  herleiten,  da  sie  sich  entweder 
durch  ödematöses  Transsudat  oder  durch  thatsächliche  Hypersecretion  des 
Darmschleimes  oder  endlich  (und  dies  entweder  durch  gewaltsame  Reposition 
oder  auch  ohne  dieselbe  durch  Berstung  der  ad  maximum  gespannten 
Capillaren)  durch  Blutung  gebildet  hatte.  Wir  würden  nicht  staunen, 
dass  dieselbe  offenbar  Theilchen  des  normalen  Darminhaltes,  also  Galle, 
Nahrungspartikelchen  enthält,  da  wir  ja  wissen,  was  für  eine  Rolle  der 
Darminhalt  bei  der  Entstehung  der  Incarceration  spielt.  In  ähnlicher  Weise 
können  wir  begreifen,  dass  wir  zur  Untersuchung  der  Qualität  des  Inhaltes 
einer  incarcerierten  Darmschlinge  selten  Gelegenheit  haben,  denn  eine  freie 
Einsicht  in  das  Innere  der  Darmschlinge  ist  nur  beim  gangränösen  Darm- 
theile  möglich,  und  in  solchen  Fällen  mischt  sich  der  Darminhalt  mit 
Producten  der  Entzündung  und  Gangrän,  so  dass  schwer  zu  entscheiden 
ist,  was  ursprünglich  den  Inhalt  der  Darmschlinge  gebildet  hatte.  Nur  in 
jenen  Fällen,  wo  eine  bisher  unversehrte  Darmschlmge  nach  unzweifel- 
haften Zeichen  von  beginnender  Nekrose  reseciert  werden  muss,  oder  wo 
aus  verschiedenen  Gründen  ein  Bruchkranker  unoperiert  stirbt,  könnten  wir 
verlässliche  Informationen  über  diesen  Punkt  gewinnen.  Doch  in  dieser 


Der  Bruchschnitt. 


347 


Beziehung  sind  die  literarischen  Aufzeichnungen  derart  spärlich,  dass  man 
mit  ihnen  beinahe  nicht  rechnen  kann.  Im  großen  ganzen  ist  die  Percussion 
über  einer  incarcerierten  Darmschlinge  so  selten  tympanitisch,  dass  man 
nicht  gerne  an  einen  gasförmigen  Inhalt  denkt,  anderseits  könnte  dieser 
Umstand  aber  durch  die  Einhüllung  der  Schlinge  mit  Bruchwasser  bedingt 
sein,  während  einige  wenige  unserer  eigenen  Beobachtungen  wieder  darauf 
hindeuten,  dass  eigentlich  der  Inhalt  einer  incarcerierten  Darmschlinge 
fast  ausschließlich  nur  aus  Gasen  besteht  und  Flüssigkeit  in  der  Schlinge  so 
gut  wie  gar  nicht  vorhanden  ist.  Literarisch  wird  sehr  selten  eingedickter 
Darminhalt  gemeldet,  am  häufigsten  ein  blutiger,  schlüpfriger,  galliggelb 
gefärbter,  deutlich  fäcaloid  riechender  Inhalt,  welcher  nach  Eröffnung  einer 
verdächtigen  Schlinge  sich  entleert  oder  spontan  durch  die  bestehende 
Perforation  herausrinnt. 

Andere  Veränderungen  betreffen  wieder 
jene  Partien  der  incarcerierten  Darmschlinge,  f^' 
welche  dem  Schnürringe  anliegen.  Nach 
einigen  Stunden,  ja  nach  Motte  bereits  nach  ^'  T 
nur  wenige  Minuten  dauernder  Einklemmung 
entwickelt  sich  im  Darme  eine  quere  Furche, 
die  Spur  des  Incarcerationsringes.  Dieselbe  ' " 

ist   sowohl   am   zuführenden    als  am  ab-  '       ^  :• 

führenden  Arme  sichtbar,  sie  kreuzt_  auch 

das  Mesenterium,  wenn  eine  ganze  Darm-   .  is.  Seite  348). 

schlinge  incarceriert  war,  sie  berührt  aber        «  =  Defect  der  Serosa  am 
das  Mesenterium  nicht  und  umkreist  nur      Incarcerationsringe  einer  Darm- 
einen Theil  der  Darmperipherie,  wenn  die  wandhernie. 
Hernie    eine    laterale    ist.    Nach  diesen 

Furchen  und  den  an  denselben  sich  einstellenden  Circulationsstörungen 
ist  auch  nach  einigen  Tagen  jene  Schlinge  zu  erkennen,  welche  incarceriert 
gewesen  war,  auch  wenn  die  Einklemmung  bereits  gelöst  und  die  Schlinge 
in  die  Bauchhöhle  zurückgeschoben  worden  war.  Durch  wiederholte  Er- 
fahrungen ist  es  aber  auch  sichergestellt,  dass  die  Färbungsdifferenz  sowie 
die  Tiefe  der  Incarcerationsspur  bereits  unter  den  Augen  des  Operateurs  zu 
verschwinden  und  sich  auszugleichen  beginnt.  Französische  Autoren  meinen, 
dass  die  Veränderungen  des  Darmes  in  der  Incarcerationsspur  durch  die 
passiven  Folgen  des  Druckes  von  Seite  des  Schnürringes  bedingt  sind, 
anderntheils  aber  auch  durch  Krampf  der  Darmmuskulatur.  Wer  diesem 
Umstände  nicht  nähere  Aufmerksamkeit  gewidmet  hat,  wird  bei  näherer 
Untersuchung  geeigneter  Fälle  erstaunt  sein,  bis  zu  welchem  geringfügigen 
Collabieren  eine  Darmschlinge  ohne  eigentliche  Schädigung  der  Darmwand 
im  Incarcerationsringe,  insbesondere  die  Cruralhernie  reduciert  werden  kann, 
eine  Thatsache,  welche  registriert  werden  muss,  da  die  Dünnheit  des  unter 


348 


Der  Bruchschnitt. 


dem  Poupart'schen  Bande  tastbaren  Stieles  einer  cruralen  Hernie  durchaus 
nicht  ein  Einwand  dagegen  ist,  dass  es  sich  um  einen  Schenkelbruch 
handle,  und  durchaus  nicht  ein  Symptom  ist,  dass  es  sich  um  dünne 
röhrenförmige  Organe,  wie  zum  Beispiel  Processus  vermiformis  oder  Tuba 
handle. 

Wenn  der  Druck  am  Incarcerationsringe  längere  Zeit  anhält,  so 
beginnen  die  darunter  liegenden  Darmschichten  theils  durch  Ischämie  des 
Gewebes,  theils  durch  moleculare  Zersetzung  des  Gewebes  infolge  des 
Druckes  zu  nekrotisieren.  Nach  den  häufigsten  Beobachtnngen,  sowohl  am 
Krankenbette,  als  auch  am  Seciertische,  und  auch  nach  den  N  i  c  a  i  s  e  'sehen 
Thierexperimenten  scheint  es,  dass  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  die  Schleim- 
haut des  Darmes  der  Gangrän  zuerst  verfällt,  dann  die  Muscularis  und  zwar 
die  innere  circulare  Muskelschichte,  sodann  die  Schichte  der  longitudinalen 
Muskulatur,  so  dass  endlich  die  Continuität  des  Darmes  nur  mehr  durch 
die  dünne  Serosa  aufrecht  erhalten  wird  (siehe  Fig.  80  auf  Seite  335), 
bis  endlich  auch  diese  der  Gangrän  verfällt,  so  dass  in  einzelnen  Fällen  der 
Darm  wie  durch  einen  Draht  durchschnitten  am  Incarcerationsringe  liegend 
vorgefunden  wird.  Der  ganze  Voi'gang  erinnert,  wie  schon  Eoux  vollständig 
richtig  erklärt  hatte,  an  die  Erscheinungen  bei  der  Unterbindung  von 
arteriellen  Gefäßen,  wobei  regelmäßig  zuerst  die  Intima.  dann  die  Media 
und  zwar  wie  durch  ein  Messer  entzweigeschnitten  wird,  während  die  in 
Falten  zusammengelegte  Adventitia  noch  längere  Zeit  in  der  Ligaturschlinge 
unversehrt  liegen  bleibt. 

Doch  wurde  auch  der  umgekehrte  Vorgang  beobachtet,  nämlich  dass 
zuerst  die  Serosa  entzweigeschnitten  wird,  sodann  die  Muscularis,  während  die 
Mucosa  noch  keinerlei  Veränderungen  aufweist  (siehe  Fig.  81  auf  Seite  347). 
Dies  scheinen  aber  nur  Ausnahmsfälle  zu  sein,  während  die  Thatsache,  dass 
im  Incarcerationsringe  nur  die  dünne  Serosa,  welche  sich  leicht  in  Längs- 
und Querfalten  legt  und  unter  das  Niveau  der  übrigen  Schlingen  einsenkt, 
öfters  beobachtet  werden  kann.  Die  Abbildung  Fig.  80  auf  Seite  335,  nach 
einem  klinischen  Präparate  gezeichnet,  zeigt  die  mikroskopischen  Verhält- 
nisse einer  solchen  von  innen  nach  außen  fortschreitenden  Gangrän.  Es 
ist  klar,  dass,  wenn  eine  solche  Darmschlinge,  welche  noch  nicht  perforiert 
ist,  deren  einzelne  Schichten  aber  und  zwar  entweder  die  äußeren  oder 
die  inneren  zerstört  sind,  in  die  Bauchhöhle  zurückgebracht  wird  und 
Heilung  eintritt,  dass  eine  entweder  innere  oder  äußere  Narbe  mit  circulärem 
Verlaufe  entstehen  kann,  welche  durch  nachträgliche  Schrumpfung  sogar 
eine  absolute  Undurchgängigkeit  des  Darmes  bedingen  kann.  Die  Abbildung 
Fig.  82  gibt  uns  einen  Begriff  von  einer  solchen  nach  Reposition  eines  Bruches 
entstandenen  circulären,  diaphragmatischen  Darmstrictur.  Wenn  wir  ent- 
scheiden sollen,  von  welcher  Seite  in  diesem  Falle  eigentlich  die  Nekrose 
begann,  so  empfiehlt  es  sich,  sich  an  den  ununterbrochenen  Verlauf  entweder 


Der  Bruclischnitt. 


350 


Der  Bruch  schnitt. 


der  inneren  oder  äußeren  Muscularisschichte  zu  halten.  Der  ununterbrochene 
Verlauf  der  inneren  Miiscularisschichte,  während  in  der  äußeren  eine  deutliche 
Lücke  eingeschnitten  ist,  spricht  entschieden  für  die  von  außen  nach  innen 
vordringende  Nekrose. 

Die  durchdringende  Gangrän  am  Incarcerationsringe  erscheint  zuerst 
in  Form  von  kleinen,  lochförmigen  Defecten,  deren  Durchgängigkeit 
manchmal  recht  schwer  zu  constatieren  ist.  insbesondere  bei  der  Sonden- 
untersuchung, so  dass  man  zur  Aufblähung  des  Darmstückes  mit  Wasser 
oder  Luft  schreiten  muss,  um  dieselben  demonstrieren  zu  können.  Die 
einzelnen  Perforationsöffnungen  fließen  zusammen  und  bilden  größere,  bis 
sie  endlich  rund  um  den  Darm  verlaufen,  wodurch  derselbe  quer  entzwei- 
geschnitten werden  kann.  Auch  auf  der  Darmschlinge  selbst  entstehen 
manchmal  lochförmige  Perforationen  infolge  von  Geschwürszerfall  oder 
ungenügender  Ernährung  der  Darmwand.  Die  totale  Gangrän  einer  Schlinge 
ist  aber  ein  ziemlich  seltenes  Ereignis. 


Durch  die  eben  beschriebenen  Vorgänge  sowohl  am  Incarcerations- 
ringe als  im  Verlaufe  der  eingeklemmten  Darmschlinge  entstehen  Öffnungen, 
durch  welche  der  Darminhalt  nach  außen  fließt.  Ist  einmal  durch  den  ab- 
fließenden Darminhalt  der  Bruchinhalt,  mag  dieser  aus  was  immer  für 
einem  Eingeweide  bestehen,  verunreinigt  worden,  so  darf  derselbe  unter 
gar  keiner  Bedingung  in  die  Bauchhöhle  zurückgebracht  werden.  Die 
gangränösen  oder  gangränverdächtigen  Eingeweide  sollen  nach  vorher- 
gehender Ligatur,  wenn  dieselbe,  wie  zum  Beispiel  beim  Netze,  zulässig 
ist,  abgetragen  werden.  Dasselbe  kann  mit  dem  Ovarium,  der  Tuba  ge- 
schehen, mit  dem  Darme  aber  ist  die  Art  und  Weise  der  Versorgung 
dreifach,  und  zwar:  1.  Man  kann  den  vorgezogenen  Darm  außen  liegen 
lassen,  so  dass  die  Incarcerationsspur  sichtbar  ist,  und  zwar  entweder 
nachdem  man  die  gangränösen  Darmtheile  durch  Excision  beseitigt  hat, 
oder  auch  indem  man  die  Exfoliation  derselben  der  Natur  überlässt; 
oder  2.  man  kann,  nachdem  man  die  resecierten,  gleichzeitig  normalen 
Darmenden  sofort  durch  Naht  vereinigt  hat,  den  vernähten  Darm 
in  die  Bauchhöhle  versenken.  Den  ersten  Vorgang  nennen  wir  die  An- 
legung eines  Anus  praeternaturalis,  den  zweiten  die  primäre  Enterorrhaphie. 
Es  gibt  aber  noch  eine  dritte  Art  der  Versorgung  der  Darmschlingen,  das 
heißt:  wenn  wir  darüber  nicht  schlüssig  sind,  ob  die  Darmschlinge  bereits 
der  Gangrän  verfallen  ist  oder  nicht,  so  können  wir  die  uneröffnete  Darm- 
schlinge außen  liegen  lassen  und  sie  durch  24  oder  36  Stunden  weiter 
beobachten  und  erst  nach  Ablauf  dieser  Zeit  uns  entweder  für  die  Eeposition 
oder  für  die  Resection  entweder  mit  Anlage  eines  Anus  praeternaturalis 
oder  mit  sofortiger  Vereinigung  und  Reposition  entscheiden.   Uber  diese 


Der  Bruchschnitt. 


351 


drei  Arten  der  Schiingenversorgung  müssen  wir  schon  an  dieser  Stelle 
etwas  ausführlicher  sprechen. 

ad  1.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  sich  die  Chirurgen  bei ,  Darmgangrän 
infolge  von  Brucheinklemmung  in  ähnlicher  Weise  verhielten,  wie  es  die 
Natur  zu  thun  pflegt,  w:enn  eine  fachliche  Hilfe  mangelt.  Die  Darmgangrän 
führt  nämlich  zur  stercoralen  Phlegmone,  diese  bricht  nach  außen 
durch,  und  wenn  das  Individuum  diesen  Process  überwindet,  so  entwickelt 
sich  entweder  eine  Darmfistel  oder  ein  widernatürlicher  After.  In  früherer 
Zeit  gieng  man  in  derselben  Weise  vor,  das  heißt,  wenn  bei  der  Herniotomie 
eine  Nekrose  des  Darmes  vorgefunden  wurde,  so  wurde  der  Darm  eröffnet 
und  der  übrige  Verlauf  ohne  Erweiterung  des  Schnürringes  der  spontanen 
Abstoßung  und  relativen  Ausheilung  überlassen.  Die  gangränösen  Fetzen 
lösten  sich  ab,  die  Wunde  begann  zu  granulieren  und  in  der  Granulations- 
fläche mündete  die  Darmfistel  oder  der  Anus  praeternaturalis.  Wieviel 
Procente  der  Kranken  hiebei  zugrunde  giengen.  lässt  sich  nicht  genau  fest- 
stellen, da  wir  der  Controlbeobachtungen  aus  den  Krankenanstalten  wenige 
besitzen,  indem  wir  nur  die  Ausgänge  derselben  zu  Gesichte  bekommen, 
und  zwar  gewöhnlich  die  übernarbten  abnormen  Darmausmündungen,  welche 
unsere  Anstalt  behufs  des  Verschließens  derselben  aufsuchen.  Dieses  inactive 
Verhalten  des  Chirurgen  kann  man  in  keiner  Richtung  empfehlen:  indem 
wir  nämlich  den  Schnürring  unerweitert  lassen,  gestatten  wir,  dass  infolge 
der  dauernden  Constriction  die  allerintensivsten  Veränderungen  sich  am 
Schnürringe  weiter  abspielen,  welche  Stelle  dem  Bruchsacke  und  der  großen 
Peritonealhöhle  gemeinschaftlich  ist.  Die  von  dieser  Stelle  ausgehenden 
Störungen  können  sich  nun  nach  beiden  Seiten',  sowohl  gegen  den  Bruchsack 
als  gegen  die  Bauchhöhle  hin  verbreiten,  woraus  sich  auch  eine  Infection 
der  Gesammtbauchhöhle  entwickeln  kann,  wenn  nicht  durch  langsames 
Einschneiden  des  Incarcerationsringes  die  zukünftigen  Perforationsstellen 
unter  Entwickelung  von  Adhäsionen  von  der  übrigen  Bauchhöhle  abge- 
schlossen wurden.  Da  wir  nun  am  Schnürringe  Veränderungen  kennen,  welche 
von  einer  stecknadelkopfgroßen  Perforation  bis  zur  vollständigen,  queren 
Durchtrennung  des  Darmes  gehen  können,  so  ist  nicht  nur  durch  die  solchen 
Perforationen  folgenden  Eiterungen,  sondern  auch  schon  durch  Extravasate 
des  Darminhaltes  und  die  sich  anschließende  peracute  septische  Peritonitis 
der  Ausgang  dieser  Affection  gegeben.  Daher  empfiehlt  es  sich,  einer  Bruch- 
einklemmung nicht  unthätig  zuzusehen,  sondern  rechtzeitig  an  eine  Be- 
seitigung der  Einklemmung  zu  denken.  Wenn  dagegen  bereits  Darmgangrän 
eingetreten  ist  und  insbesondere  wenn  man  an  gewissen  Zeichen  erkannt 
hat,  dass  dieselbe  am  Schnürringe  zu  allererst  und  am  schwersten  auf- 
getreten ist,  so  empfiehlt  es  sich,  den  Schnürring  successive,  prseparando 
von  außen  nach  innen  zu  durchtrennen  und  die  am  Schnürringe  befindliche 
Darmpartie  unter  sorgfältiger  Vermeidung  einer  Infection  der  Bauchhöhle 


352 


Der  Bruchschnitt. 


derart  vorzuziehen,  dass  auch  noch  die  Incarcerationsspur  außen  vom  In- 
carcerationsringe  gelagert  ist.  Da  jedoch  auch  die  innere  Fläche  des 
Schnürringes  inficiert  sein  kann  und  von  hier  aus  eine  Propagation  der 
Ansteckung  stattfinden  könnte,  so  wickle  man  die  emporgehobene  Darm- 
schlinge, soweit  sie  im  Bruchsackhalse  liegt,  mit  Jodoformmull  um,  damit 
durch  denselben  die  Bruchsackhöhle  an  dieser  Stelle  desinficiert  und  die  von 
ihm  producierten  Stolfe  aufgesaugt  werden.  Doch  daran  ist  nicht  genug;  da 
wir  die  Thatsache  kennen,  dass  am  zuführenden  Arme,  hr)chstwahrscheinlich 
durch  die  Arrosionsfähigkeit  der  Mikroorganismen  oder  deren  Producte,  welche 
im  angestauten  Darminhalte  enthalten  sind,  stercorale  Geschwüre,  Nekrose 
und  Perforation  eintreten  können,  so  benützen  wir  den  Augenblick,  da 
der  Schnürring  gelöst  wird,  auch  dazu,  um  den  über  demselben  befind- 
lichen Theil  des  zuführenden,  also  geblähten  Darmes  zu  revidieren,  ob  an 
ihm  die  erwähnten  Geschwüre  nicht  durchscheinen,  oder  am  Ende  nicht 
schon  bis  zur  Serosa  vorgedrungen  sind.  Mancher  Kranke  ist  an  der 
nachträglichen  Perforation  dieser  Geschwüre  trotz  correct  ausgeführter 
Herniotomie  zugrunde  gegangen.  Haben  wir  etwas  derartiges,  wie  eben  ge- 
schildert, vorgefunden,  dann  bleibt  niclits  anderes  übrig,  als  diesen  zu- 
führenden Arm  so  weit  vorzuziehen,  als  an  ihm  tiefe  Veränderungen 
sichtbar  sind,  und  denselben,  wenn  nun  genäht  werden  soll,  lieber  sofort 
zu  beseitigen,  als  durch  Belassung  desselben  in  der  Bauchhöhle  Trübung 
des  Verlaufes  nach  der  Herniotomie  zu  verursachen.  Auf  die  Entfernung 
eines  halben  Meters  Darmes  kommt  es  hiebei  wahrlich  nicht  an. 

Da  wir  von  dem  Standpunkte  die  Sache  betrachten,  dass  von  jeder 
Gangrän  eine  weiterschreitende  Infection  stattfinden  könne,  so  trachten 
wir  schon  bei  der  primären  Wundanlegung  alles  Gangränöse  zu  entfernen, 
und  beschränken  uns  hiebei  nicht  nur  darauf,  dass  wir  alles  Gangränöse 
vom  Darme  und  Mesenterium  abtragen,  um  gesunde  Darmenden  entweder 
zu  vereinigen  oder  in  der  Wunde  zu  unterbringen,  aber  dass  wir  auch 
den  inficierten  Bruchsack,  soweit  als  dessen  Veränderungen  reichen,  ex- 
cidieren.  Ist  dies  einmal  geschehen,  dann  vereinigen  wir  die  Serosa  des 
Darmes  mit  dem  Peritoneum  parietale  ringsherum,  damit  kein  weiterer 
Vorfall  der  eingenähten  oder  auch  der  nachbarlichen  Schlingen  stattfinde, 
führen  in  den  etwas  vorgenähten  zuführenden  Arm  ein  weites  dünnwandiges 
Drainagerohr  ein,  durch  welches  der  Darminhalt  in  ein  unter  dem  Bette 
befindhches,  mit  einer  desinficierenden  Flüssigkeit  gefülltes  Gefäß  abgeleitet 
wird.  Ein  antiseptischer  Verband,  durch  welchen  das  Drainagerohr  hindurch- 
gesteckt wird,  schließt  die  übrige,  gewöhnlich  austamponierte,  Wunde  ab. 

Ob  wir  uns  schon  während  der  Herniotomie  entschließen,  die  im  Ge- 
sunden resecierten  Darmstücke  mittelst  primärer  Enterorrhaphie  zu  ver- 
einigen, oder  ob  wir  es  für  gewöhnlich  vorziehen,  eine  Darmfistel  oder 
einen  widernatürlichen  After  anzulegen  mit  der  Aussicht  auf  eine  spätere, 


Der  Bruchschnitt. 


353 


secundäre  Darmnaht,  darüber  werden  wir  im  Capitel  über  Darmnaht 
ausführlich  handeln.  An  dieser  Stelle  hat  es  sich  uns  nur  darum  ge- 
handelt, den  Vorgang  bis  zur  Ausbildung  einer  Fistula  stercoralis,  oder 
Anus  prseternaturalis  zu  schildern.  Wir  haben  schon  am  Anfange  dieses 
Capitels  auf  gewisse  Unterschiede  zwischen  einer  Darmfistel  und  dem 
Anus  praeternaturalis  hingewiesen,  welche  functionelle  Definition  darin 
gipfelte,  dass  bei  Fistula  stercoralis  ein  Theil  des  Darminhaltes  nach  außen 
fließt,  während  der  übrige  Theil  auf  normalem  Wege  entleert  wird,  dass 
dagegen  beim  Anus  praeternaturalis  durch  die  abnorme  Darmölfnung  der 


Fig.  83  (siehe  Seite  354). 

Ein  Anus  praeternaturalis  mit  zwei 
deutlichen    Oifnungen    und  Vorfall 
des  zu-  und  abführenden  Schenkels. 
In  den  Öifnungen  Drainröhren. 


Fic/.  84  (siehe  Seite  354). 

Ein  Anus  praeternaturalis  mit  einer 
deutlich  sichtbaren  Öffnung,  und  zwar 
an  dem  prolabierten,  zuführenden 
Schenkel ;  die  zweite  Öffnung  unter 
dem  Narbenrande  ¥er steckt. 


gesammte  Darminhalt  entleert  wird,  so  dass  auf  normalem  Wege  nichts 
abgeht,  oder  höchstens  eine  so  unbedeutende  Menge  von  Stuhl,  dass  wir 
dieselbe  leicht  als  desquamiertes  Darmepithel,  mit  Schleim  gemischt,  oder 
als  den  im  abführenden  Arme  übriggebliebenen  und  nun  allmählich  ent- 
leerten Inhalt  erkennen.  Wir  können  beide  Affectionen  aber  auch  ana- 
tomisch definieren,  indem  wir  sagen,  dass  als  Fistula  stercoralis  jene 
abnorme  Darmöffnung  bezeichnet  wird,  welche  durch  Darmgangrän,  aber 
auch  durch  andere  krankhafte  Vorgänge  entsteht,  welche  jedoch  nur  einen 
Theil  der  Darmperipherie  betrifft,  während  der  Anus  praeternaturalis  durch 
ebensolche  Processe  bedingt  ist,  welche  aber  den  gesammten  Umfang  des 
Darmes  ergriffen  haben.  Wir  könnten  aber  auch  sagen,  dass  wir  bei  einer 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  23 


354 


Der  Bruchschnitt. 


Fistula  stercoralis  eine  einzige  Darmöffnung  wahrnehmen,  mittelst  derer 
der  Darm  auf  die  Hautoberfläche  ausmündet,  während  wir  beim  Anus 
pxeeternaturalis  zumindest  zwei  solche  Offnungen  constatieren  können,  von 
denen  wenigstens  eine  von  der  gesammten  Peripherie  des  Darmes  gebildet 
wird  (siehe  Fig.  83  und  84  auf  Seite  353).  Zu  diesen  Definitionen  muss  aber 
bemerkt  werden,  dass  es  Zustände  gibt,  welche  nach  dem  eben  Gesagten 
beurtheilt,  zur  falschen  Deutung  Veranlassung  geben  könnten,  da  For- 
mationen bestehen,  welche  wie  eine  Darmfistel  aussehen,  thatsächlich  aber 
ein  Anus  praeternaturalis  sind,  und  umgekehrt.  Wir  können  uns  nämlich  vor- 
stellen und  die  beigefügten  zwei  Abbildungen  geben  hievon  einen  klaren 
Begriff,  dass  nach  Abfall  einer  Darmwandhernie  eine  ziemlich  große  laterale 
Ülfnung  am  Darme  entsteht,  welche  zum  Theile  den  Darminhalt  nach  außen 
entleert,  während  der  andere  Theil  zum  After  abfließt.  In  dem  in  Fig.  85 
abgebildeten  Falle  aber  entwickelte  sich  ein  Vorfall  der  der  abnormen 
Öffnung  gegenüberliegenden  Mesenterialseite  des  Darmes,  und  zwar  derart, 
dass  durch  denselben  jeder  Zugang  zu  dem  abführenden  Stücke  verlegt 
war.  Wir  sehen  am  Bilde  den  Vorfall  eines  T-förmigen  Stückes  Darm  mit 
der  Schleimhaut  nach  auswärts  gekehrt,  an  dessen  beiden  Enden  je  eine 
Öffnung  in  den  zuführenden  und  abführenden  Darm  hineinführt.  Dieses  letztere 
Kriterium,  sowie  die  Entleerung  des  gesammten  Darminhaltes  bei  einer 
Öffnung  heraus  würde  die  Annahme,  dass  es  sich  um  einen  Anus  praeter- 
naturalis handle,  rechtfertigen.  Die  Wesenheit  dieses  Zustandes  wird  aber 
sofort  anders,  sobald  wir  den  Vorfall  reponieren,  worauf  sich  die  Darmfistel 
mit  ihren  wesentlichen  Merkmalen  darstellt.  In  dem  anderen  abgebildeten 
Falle  (siehe  Fig.  86)  haben  wir  eine  abnorme  Darmöffnung  vor  uns, 
durch  welche  nur  ein  Theil  des  Darminhaltes  nach  außen  befördert  wird, 
während  der  andere  beim  After  abfließt.  Hiebei  könnte  die  Auffassung 
platzgreifen,  dass  es  sich  um  eine  Darmfistel  handle,  während  die  weitere 
Untersuchung  ein  zweites,  vom  ersteren  gänzlich  getrenntes  Darmlumen 
constatiert,  durch  welches  wir  in  eine  ganz  andere  Darmpartie  gelangen, 
als  durch  das  erste,  was  wieder  dem  Befunde  eines  Anus  praeternaturalis, 
womit  aber  wieder  die  theilweise  Entleerung  des  Darminhaltes  nicht  über- 
einstimmte, entspräche.  Die  beiden  Auslegungen  wurden  endlich  durch  die 
genaue  Untersuchung  des  Falles  vollständig  klargestellt,  indem  erkannt 
wurde,  dass  in  der  Wunde  zwei  isolierte  Darmenden  eingewachsen  sind, 
welche  aber  oberhalb  dem  Bauchraume  bereits  eine  quere  Communication 
untereinander  besitzen,  durch  welche  der  Darminhalt  aus  dem  zuführenden 
in  den  abführenden  Arm  überleert  wird,  also  ein  Zustand,  welchen  wir  bei 
der  Anlegung  des  Enterotoms  bezwecken. 

Wenn  wir  an  die  Ausheilung  dieser  Zustände  denken,  so  könnte  man 
eine  Darmfistel  auch  als  jene  abnorme  Darmöff'nung  bezeichnen,  zu  deren 
Ausheilung   eine  wandständige  partielle  Resection  des  Darmumfanges  ge- 


Der  Bnichschnitt.  355 

nügend  ist  und  wobei  die  Darmenden  wenigstens  mit  der  dem  Mesenterial- 
ansatze  entsprechenden  Wandpartie  im  Zusammenhange  bleiben,  während 
bei  einem  Anus  praeternaturalis  die  Resection  vollständig,  der  Quere  nach, 
an  beiden  Armen  ausgeführt  werden  muss,  demnach  auch  in  das  Mesen- 
terium hineinreichen  muss.  Abgesehen  von  dem  soeben  erwähnten  Befunde, 
kann  jedoch  auch  bei  einem  Anus  prseternaturalis  nur  eine  Öffnung 
äußerlich  sichtbar  sein,  indem  sich  nämlich  das  abführende  Darmstück 
manchmal  in  ziemlich  großer  Entfernung  von  der  sichtbaren  Mündung 


a 


Fig.  85. 

Scheinbarer  Anus  prseternaturalis ; 
eigentlich  anatomisch  eine  Stercoraltistel 
mit  Vorfall  der  Mesenterialseite  (zwei 

Öffnungen). 
«  —  Ofl'nung  des  abfühi-enden  Schenkels. 
b  =  Öffnung  des  zuführenden  Schenkels. 


FUj.  86. 

Anus  pr;eternaturalis.  Aussehen  einer  schein- 
baren Darmfistel  (eine  Öffnung).  Die  andere 
ist  aber  versteckt.  Außerdem  besteht  Com- 
niunication  der  Därme  innerhalb  der  Bauch- 
höhle. 


unter  dem  Wundrande  befindet  und  erst  durch  mühsames  Sondieren  oder 
durch  Wasserinjectionen  vom  Rectum  aus  unserer  Wahrnehmung  zugänglich 
gemacht  werden  muss  (siehe  Fig.  84  [auf  Seite  353]  und  86). 

Es  muss  weiter  hinzugefügt  werden,  dass  die  Darmfisteln,  bei  denen  sich 
der  Darminhalt  nur  partiell  entleert,  auch  mehrfach  sein  können,  da  die 
Darmfistel  durch  multiple  Krankheitsprocesse  der  Darmwand  entstanden 
sein  kann,  so  z.  B.  durch  eine  Perforation  am  Schnürringe  und  eine 
Perforation  auf  der  Höhe  der  Darmschlinge.  Aber  auch  beim  Anus  prseter- 
naturalis können  mehr  als  zwei  Öffnungen  vorhanden  sein,  und  zwar 
dadurch,  dass  die  Gangrän  z.  B.  die  Gegend  des  Blinddarmes  betrifft,  worauf 

23* 


356 


Der  Bruchschnitt. 


auf  der  Haut  im  rechten  Hypogastrium  drei  Öffnungen  sichtbar  sein  können, 
von  denen  die  erste  ins  Ileum,  die  andere  ins  Colon  ascendens  und  die 
dritte  in  den  Processus  vermiformis  führen  kann  (siehe  Fig.  87,  88  und  89). 
Wenn  wir  uns  denken,  dass  eine  Darmschlinge  im  inneren  Leistenringe 
fixiert  ist  und  die  von  ihr  central  und  peripher  gelegene  Darm- 
partie einen  Bruch  bildet  und  incarceriert  vpird,  so  kann  diese  ein  W 
bildende  Darmschlinge  beim  Abfallen  der  gangränösen  Partien  auch 
vier  Darmöffnungen  hinterlassen,  vpobei  sich  der  gesammte  Darminhalt 
dennoch  nur  bei  einer  derselben  entleert.  An  dieser  Stelle  müssen  wir 
auch  darauf  hinw^eisen,  dass  die  Darmöffnungen  bei  Anus  praeternaturalis 
gewöhnlich  in  der  Weise  gegeneinander  gelagert  sind,  dass  die  Öffnung  des 
zuführenden  Armes  nach  vorn  und  rechts  von  der  Ausmündung  des  ab- 
führenden Darmes  gelagert  ist,  was  damit  zusammenhängt,  dass  die  Darm- 
schlingen im  Bruche  gewöhnlich  um  180 "  torquiert  erscheinen. 

Die  außerhalb  der  Bruchpforte  liegende  Darmpartie  hypertrophiert 
bedeutend  gegen  die  im  Bauchraume  zurückgebliebenen  Schlingen.  Fig.  90 
a  und  b  auf  Seite  359  veranschaulichen  das  Verhältnis  der  Wanddicke 
der  innerhalb  und  außerhalb  des  Brucliringes  gelegenen  Darmpartie.  Man 
sieht,  dass  insbesondere  die  Drüsenschichte  der  Schleimhaut,  sodann  die 
Serosa,  und  zwar  durch  Auflagerung  neuer  Schichten,  an  Dicke  zuge- 
nommen hat. 

Durch  die  Peristaltik  kann  sich  sowohl  beim  Anus  praeternaturalis  als 
auch  bei  der  Darmfistel  ein  Darmprolaps  entwickeln,  und  zwar  kann  derselbe 
auf  die  unmittelbare  Nähe  des  Darmes  beschränkt  sein,  oder  die  vorfallende 
Darmpartie  oder  Exvagination  kann  eine  sehr  beträchtliche,  mehrere  Deci- 
meter  betragende  Länge  aufweisen.  Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass,  wenn 
eine  derartige  exvaginierte  Darmpartie  in  sich  einen  Theil  der  peritonealen 
Höhle  im  nicht  obliterierten  Zustande  enthält,  dass  in  demselben  neue 
Eingeweide  herabtreten  können,  wodurch  brucliähnliche  Bildungen  entstehen, 
ähnlich  dem  Descensus  der  Eingeweide  in  die  prolabierte  vordere  Scheiden- 
wand, oder  ähnlich,  wie  auch  Dünndarmschlingen  in  den  in  einem 
Prolapsus  recti  enthaltenen  Theil  der  Peritonealhöhle  eintreten  können. 
Schließlich  sei  der  Vollständigkeit  halber  noch  eines  ausnahmsweisen 
Befundes  Erwähnung  gethan,  nämlich  jenes,  dass  trotz  des  scheinbaren 
Befundes  eines  Anus  praeternaturalis  mit  vollständiger  Entleerung  des 
Darminhaltes  durch  die  Fistel  dennoch  nur  eine  Darmfistel  bestehen  kann, 
wie  der  Verfasser  in  einem  Falle  beobachtete,  wo  bei  einem  jungen  Manne 
nach  der  Incarceration  eines  Bruches  eine  Darmfistel  zurückblieb;  behufs 
Schließung  derselben  sollte  eine  Enterotomie  vorgenommen  werden,  als  die 
allseitige  Untersuchung  feststellte,  dass  vom  Anus  aus  kein  Wasser  in  die 
Fistel  überfließe  und  dass  auch  das  durch  die  Fistel  eingespritzte  Wasser 
beim  Anus  nicht  abfließe.  Eine  weitere  gründliche  Untersuchung  ergab, 


i 


Der  Bruchschiiitt. 


357 


dass  der  Mann  an  einem  Carcinom  des  Dickdarmes  litt,  welches  die 
Darmlichtung  vollständig  verlegte. 

ad  2.  Zweitens  haben  wir  erwähnt,  dass  wir  uns  gegenüber  einer 
Darmgangrän  derart  verhalten  können,  dass,  was  nekrotisch  ist,  beseitigt 


Fig.  87. 


Fig.  88. 


wird,  worauf  die  zurückbleibenden  gesunden  zwei  Darmenden  sofort  mittelst 
circulärer  Enterorrhaphie  verschlossen  werden.  Wir  müssen  uns  deuthch 
theoretisch  darüber  aussprechen,  welchem  von  diesen  beiden  Vorgängen 


Fig.  89. 

wir  principiell  den  Vorzug  geben,  oder  ob  wir  nach  Auswahl  der  Fälle 
den  einen  dieser,  den  anderen  jener  Therapie  unterziehen.  Schon  von  den 
ersten  Zeiten  der  Übung  einer  Darmresection  her,  also  vom  Jahre  1880 
und  1881,  schwankt  die  Vorliebe  der  Operateure  zwischen  der  Anlegung 


358 


Dei'  Bruchschnitt. 


eines  Anus  praeternaturalis  und  zwischen  der  primären  Enterorrhaphie. 
Hören  wir  nun,  wie  dieselbe  von  den  einzelnen  Anhängern  motiviert  wird. 
Da  die  Beobachtungen  vom  widernatürlichen  After  älter  sind,  so  wollen 
wir  mit  ihnen  beginnen. 

Die  Mortalität  bei  Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters  ist  gegen 
jedes  Erwarten  seit  jeher  eine  sehr  bedeutende  gewesen.  Nach  Franks 
betrug  sie  80°/q,  und  wenn  wir  nur  auf  die  allerneuesten  Publicationen 
reflectieren,  so  z.  B.  jene  von  Mikulicz,  so  findet  derselbe  unter  94  Fällen 
von  verschiedenen  Operateuren  72  Todesfälle  oder  76  "/o  Mortalität.  Er 
selbst  hatte  unter  7  Fällen  von  Anlegung  eines  Anus  praeternaturalis 
ebensoviel,  also  7  Todesfälle.  Es  würde  demnach  scheinen,  dass  eine  Ent- 
scheidung zu  Gunsten  der  Resectionsmethode  nicht  schwer  fallen  sollte, 
und  es  wird  niemanden  verwundern,  wenn  Mikulicz  auch  ein  eifriger 
Anhänger  derselben  geworden  ist.  Es  ist  jedoch  nothwendig.  zu  unter- 
suchen, ob  die  Mikulicz 'sehen  Zahlen  nicht  durch  Zufall  oder  durch 
eigenthümliche  Gruppierung  und  Verwendung  der  ungünstigen  Fälle  so 
unerfreulich  sind.  Deswegen  ist  eine  genaue  Analyse  derselben  nothwendig, 
und  Chaput  macht  in  dieser  Richtung  einen  ganz  berechtigten  Schritt, 
indem  er  eine  sogenannte  unvermeidliche  Mortalität,  bei  welcher  der  Fall 
unabwendbar  verloren  war,  unterscheidet  von  jener  Mortalität,  welche 
durch  die  Wahl  der  operativen  Methode  bedingt  ist,  also  hier  dadurch, 
dass  der  Anus  praeternaturalis  angelegt  und  nicht  eine  Darmresection 
mit  Naht  ausgeführt  wurde.  Die  erstere  Mortalität  wäre  demnach  unab- 
hängig davon,  ob  eine  Darmresection  oder  ein  Anus  praeternaturalis  zur 
Anwendung  gekommen  war. 

Ein  Beispiel  soll  diesen  Unterschied  illustrieren.  Wenn  ein  Kranker 
infolge  Durchlöcherung  des  zuführenden  Armes  innerhalb  der  Bauchhöhle 
oder  durch  totale  Gangrän  desselben  stirbt,  oder  wenn  er  daran  zugrunde 
geht,  dass  eine  Darmschlinge  in  das  kleine  Becken  gesunken  ist,  dort 
anwuchs  und  hiedurch  eine  ündurchgängigkeit  des  Darmes  veranlasst 
wurde,  so  war  der  Tod  des  Kranken  insofern  unvermeidlich,  als  derselbe 
durch  eine  Herniotomie  älteren  Styles  nicht  abgewendet  werden  konnte. 
Wenn  dagegen  ein  Kranker  mit  einem  Anus  praeternaturalis  durch  bestän- 
digen Verfall  der  Ernährung,  oder  an  einer  von  dem  Bruchsacke  aus- 
gehenden Phlegmone  des  Beckenzellgewebes  oder  der  Bauchwand,  oder 
an  einer  Bauchfellentzündung,  welche  vor  der  Operation  noch  nicht 
bestand,  dagegen  vom  Bruchsacke  aufwärts  stieg,  gestorben  ist,  dann  hätte 
vielleicht  der  Tod  vermieden  werden  können,  wenn  bei  der  Versorgung 
der  Darmenden  eine  andere  Methode  gewählt  worden  wäre.  Wenn  wir 
nach  diesen  Principien  die  Fälle  Mikulicz'  scheiden  würden,  so  würden 
aus  den  gesammten  Todesfällen  71o/o  auf  die  Mortalität  infolge  der  Wahl 
der  Methode  und  28 "/(,  auf  die  unvermeidliche  Mortalität  entfallen.  Chaput 


Der  Bruch  schnitt. 


359 


Fig.  90  u  (siehe  Seite  356). 


hat  bei  seinen  Kranken  7mal  einen  Anus  praeternaturalis  angelegt  und 
erlebte  nur  1  Genesung  und  6  Todesfälle;  von  den  letzteren  starben 
2  Fälle  (=  28  "/o)  an  den  operativen  Folgen  und  4  Fälle  (=  57  o/o)  aus 
Gründen,  welche  mit  der  Operation  nicht  zusammenhiengen  und  unab- 
wendbar waren.  Also  schon  in  dieser  kleinen  Statistik  verschieben  sich 
die  Ziffern  zu  Gunsten  der  Methode  der  Anlegung  eines  widernatürlichen 
Afters. 

Wenn  wir  nun  unsere 
eigene  Erfahrung  fragen, 
so  ist  in  dem  abgelaufenen 
Quinquennium  eine  derart 
große  Zahl  von  gangränösen 
Hernien  vorgekommen,  dass 
in  einem  gleichen  Zeit- 
räume kaum  eine  zweite 
Anstalt  über  ein  derartiges 
Material  verfügt.  Es  kamen 
nämlich  bei  uns  45  Fälle 
von  gangränösen  Hernien 
zur  Beobachtung,  unter 
welchen  SOmal  ein  Anus 
praeternaturalis  angelegt 
wurde;  von  diesen  letzteren 
30  Fällen  starben  14,  also 
460/0;  GS  sind  demnach 
von  den  100  "/o  Mortalität 
der  persönlichen  Statistik 
Mikulicz'  und  von  den 
Söo/o  von  Todesfällen  von 
der  persönlichen  Zusam- 
menstellung von  Chaput 
die  Mortalität  bei  der  ge- 
sammten  Statistik  Miku- 
auf  Tßo/n  und  bei 


;icz 


Fig.  90  b  (siehe  Seite  356). 

II  =  die  Dicke  des  Darmes  innerhalb, 
—  die  Dicke  des  Darmes  außerhalb  des  Bruchringes 
bei  einem  Anus  prseternaturalis. 
unserer  persönlichen  schon 

auf  46  gesunken,  demnach  beinahe  auf  die  Hälfte,  und  es  darf  wohl 
geschlossen  werden,  dass,  da  bei  der  Anlegung  des  widernatürlichen  Afters 
heutzutage  keine  besonderen  Verdienste  oder  persönliche  Fehler  sich  geltend 
machen  werden,  die  Erklärung  der  Gunst  oder  Ungunst  der  Verhältnisse 
darin  zu  suchen  ist,  wie  sich  schwere  oder  einfache  Fälle  gruppieren. 
Nachgewiesen  ist  durch  die  aus  unserer  Klinik  mitgetheilten  Ziffern,  dass 
in  mehr  als  der  Hälfte  der  Beobachtungen,  in  welchen  die  Darmgangrän 


360 


Der  Brnchschnitt. 


mittelst  Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters  behandelt  warde,  Heilung 
erzielt  werden  kann  und  unter  diesen  Fällen  müssten  wir  also  noch  die 
Scheidung  in  die  unvermeidliche  und  die  operative  Mortalität  vornehmen. 

Vergleichen  wir  mit  diesen  Resultaten  die  Erfolge  einer  primären 
Enterorrhaphie :  bei  der  letzteren  Operation  entscheiden  freilich  Erfahrung 
und  Übung  mehr,  als  bei  der  Anlegung  eines  Anus  praeternaturalis.  Barette 
hat  49  Fälle  von  primären  Enterorrhaphien  gesammelt  und  hiebei  23  Todes- 
fälle oder  47  "/o  Mortalität  gefunden,  von  welchen  16  Fälle  mit  der  Operation 
in  gar  keinem  Zusammenhange  standen  (darunter  6  Fälle  von  CoUaps, 
welche  natürlich  auch  durch  die  verlängerte  Operation,  besonders  Narkose, 
zweifellos  gefördert,  vielleicht  aber  auch  direct  hervorgerufen  wurden);  in 
7  Fällen  wurde  der  Tod  durch  die  Wahl  der  Operationsmethode  bedingt;  es 
stehen  demnach  ca.  320/0  unvermeidlicher  Mortalität  14''/o  Mortalität  durch 
die  Methode  bedingt  entgegen.  Mikulicz  sammelte  64  Fälle,  und  zwar 
aus  den  persönlichen  Statistiken  von  Czerny,  Riedel,  Kocher,  Hagedorn, 
Hahn  und  Paulsen  und  seinen  eigenen  und  verzeichnet  auf  diese  64  Fälle 
32  Todesfälle  (=  öO^/o).  Wenn  wir  nun  fragen,  wie  es  sich  mit  unseren 
Fällen  von  primärer  Enterorrhaphie  verhält,  so  lautet  die  Antwort,  dass 
in  den  15  Fällen  9mal  Genesung  erzielt  wurde,  dagegen  6  Todesfälle 
vorkamen,  was  also  gleich  40''/o  Mortalität  ist.  Wir  sehen  also,  dass  sich 
die  Erfolge  der  primären  Enterorrhaphie  in  den  verschiedensten  Händen 
einander  auffällig  nähern,  denn  sie  betrug  öO^/o)  4:7  "j^  und  40",  o,  und  dass 
sie  nicht  in  so  weiten  Grenzen  schwanken,  wie  die  Erfolge  der  Anlegung 
eines  widernatürlichen  Afters,  wo  die  Mortalität  85o/o  auf  der  einen,  46''/u 
auf  der  anderen  Seite  betragen  kann.  Wenn  wir  demnach  die  Resultate  unserer 
eigenen  persönlichen  Thätigkeit  vergleichen,  so  sind  die  Differenzen,  was 
die  Methode  der  Versorgung  der  nach  einer  Resection  zurückbleibenden 
Darmenden  betrifft,  nur  so  weit  verschieden,  nämlich  46o/o  und  40%5  dass 
ein  nächster  Fall  das  Verhältnis  umkehren  kann,  so  dass  wir  eigentlich 
durch  unsere  eigene  Statistik  zu  der  Schlussfolgerung  gedrängt  werden,  dass 
man  durch  beide  Methoden,  sofern  sie  am  richtigen  Platze  angewendet 
werden,  gleich  günstige  Resultate  erzielen  kann,  wenn  man  gerade  nicht 
lauter  a  priori  verlorene  Fälle  in  die  Hand  bekommt,  dass  aber  diese 
Frage  vorläufig  auf  Grund  von  verhältnismäßig  geringen  Erfahrungen  durch 
Ziffern  nicht  entschieden  werden  kann. 

Wenn  wir  aber  die  Gleichwertigkeit  der  Methoden  zugeben  und  von 
der  Ansicht  ausgehen,  es  sei  mit  jeder  derselben  gleichviel  Günstiges  zu 
erzielen,  wenn  nur  eine  jede  derselben  nach  passender  Auswahl  der  Fälle 
angewendet  wird,  so  ergibt  sich  die  Frage,  durch  was  sollen  wir  uns  bei 
dieser  Auswahl  leiten  lassen.  Es  ist  zweifellos,  dass  wir  bei  der  Anlegung  des 
widernatürlichen  Afters  insoferne  unter  günstigeren  Verhältnissen  operieren, 
als  der  Kranke,  welcher  von  einer  Darmincarceration  betroffen  ist,  ipso 


Der  Bruchschiiitt. 


361 


facto  an  einer  Undurchgängigkeit  leidet.  Derselbe  ist  demnach  durch  die 
Resorption  der  Zersetzungsproducte  aus  dem  sich  stauenden  Darminhalte 
vergiftet,  collabiert,  derselbe  hat  auch  mehrere  Tage  nichts  Nahrhaftes 
genossen.  Der  zuführende  Arm  ist  ad  maximum  diktiert,  und  zwar  durch 
Flüssigkeit  und  Gase,  welche  auch  nach  Einschneiden  des  Darmes  sich 
nur  langsam,  manchmal  erst  im  Verlaufe  von  24  Stunden  gründlich  ent- 
leeren; es  ist  klar,  dass  die  Verlängerung  der  Narkose  behufs  Anlegung 
einer  primären  Darmsutur  die  Ursache  zum  Collapse  vermehren  würde, 
während  wir,  was  die  Narkose  betrifft,  die  Anlegung  eines  widernatürlichen 
Afters  unter  örtlicher  Narkose,  beim  collabierten  Patienten  sogar  auch  ohne 
Narkose  ausführen  könnten.  Niemand  wird  leugnen,  dass  die  Anlegung 
eines  Anus  praeternaturalis  auch  in  verhältnismäßig  einfachen  Verhältnissen 
ausgeführt  werden  kann,  ohne  ein  besonderes  Instrumentarium  und  ohne 
eine  besonders  geübte  Assistenz. 

Dagegen  führen  wir  die  primäre  Enterorrhaphie  unter  gewissen 
Beziehungen  unter  entschieden  ungünstigen  Verhältnissen  aus.  Da  wir  also 
nicht  warten  können,  bis  sich  der  Darm  ordentlich  entleert,  so  müssen 
wir  die  resecierten  Darmenden  nähen,  während  der  zuführende  Darm  noch 
Voll  von  Flüssigkeiten  und  Gasen  ist.  Wenn  wir  auch  während  der  Operation 
durch  Anwendung  derselben  das  Operationsfeld  vor  Überschwemmung  von 
Fäcalien  schützen  können,  so  muss  in  dem  Augenblicke  der  Lösung  der 
Ligatur  nach  vollführter  Darmsutur  durch  die  erwachte  Darmperistaltik 
eine  mächtige  Welle  vom  Darminhalte  auf  die  genähte  Stelle  zustürzen, 
welche  nicht  selten  durch  die  Naht  etwas  verengt  ist,  und  es  darf  uns 
nicht  wundernehmen,  wenn  in  diesem  Augenblicke  die  eine  oder  die  andere 
Naht  nachgibt,  so  dass  Barette  zum  Beispiel  außer  den  23  Todesfällen 
unter  29  geheilten  primären  Darmsuturen  noch  9mal  die  Entwickelung  von 
stercoralen  Fisteln  zwischen  den  Nähten  beobachtet  hatte.  Weiter  arbeiten 
wir  während  der  ganzen  Resection  und  Sutur  in  einem  Felde,  welches 
früher  schon  durch  die  Darmgangrän,  im  Augenblicke  der  Operation  aber 
durch  das  Abfließen  des  Darminhaltes  intensiv  inficiert  worden  war  oder 
sehr  leicht  inficiert  werden  konnte  und  welche  Besudelung  auch  durch  die 
gründlichste  Irrigation  nicht  beseitigt  werden  kann,  und  trotzdem  wollen 
wir  ja  noch  die  vernähte  Darmschlinge  in  die  Bauchhöhle  reponieren! 
Dürfte  da  jemand  staunen,  wenn  der  Reposition  des  Darmes  in  die  Peri- 
tonealhöhle auf  den  Fersen  eine  septisch-eitrige  Infection  des  Bauchfelles 
folgen  würde,  welcher  der  Kranke  rettungslos  unterläge? 

Ein  weiterer  ungünstiger  Umstand  der  unmittelbaren  Darmnaht  ist 
der,  dass  dieselbe  eine  gründliche  Entleerung  des  Darmes  nicht  zugibt, 
dass  demnach  durch  weiteren  Verbleib  des  angestauten  Darminhaltes  über 
der  genähten  Stelle  leicht  Perforationen  des  zuführenden  Armes  entstehen 
können,  dieselben,  welche  von  den  stercoralen  Geschwüren  ausgehend  auch 


362 


Der  Bruchschnitt. 


die  Ausgänge  der  Anlegung  eines  Anus  praeternaturalis  ungünstig  gestalten 
können.  Die  durch  die  Incarceration  bedingte  Darmparese  oder  Darmparalyse 
trägt  jedenfalls  dazu  bei,  dass  die  Entleerung  des  Darminhaltes  unvoll- 
kommen geschieht  und  demnach  die  weitere  Resorption  von  verschiedenen 
toxischen  Stoffen  aus  demselben  ermöglicht  ist.  Dass  solche  Perforationen 
am  zuführenden  Arme  vorkommen,  darüber  geben  Chap piain  (1859. 
Societe  de  Chirurgie)  und  Englisch  (Hernia  obturatoria,  Monographie) 
die  nothwendigen  literarischen  Nachweise.  Aus  demselben  Grunde  wurden 
aber  auch  Totalnekrosen  des  zuführenden  Armes  nach  ausgeführter  primärer 
Naht  häufiger  beobachtet  als  nach  Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters. 
Wir  werden  später  von  der  Zulässigkeit  der  Darmresection  bezüglich  der 
Länge  etwas  ausführlicher  verhandeln  und  erfahren,  dass  verhältnismäßig 
ausgedehnte  Ausschaltungen  des  Darmes  zulässig  sind.  Wenn  uns  also  an 
dem  zuführenden  Arme  irgend  welche  Zeichen  verdächtig  erscheinen 
sollten,  so  empfiehlt  es  sich,  wenn  hiedurch  nicht  gerade  excessive  Längen 
beseitigt  werden  müssten,  sowohl  bei  der  Anlegung  des  widernatürlichen 
Afters,  als  vielmehr  noch  bei  der  unmittelbaren  Naht  des  Darmes  die  ver- 
dächtige Darmpartie  zu  resecieren. 

Ebenso  wie  wir  in  dem  Vorhergehenden  die  günstigen  Umstände, 
welche  bei  der  Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters,  und  die  ungünstigen 
Verhältnisse,  welche  bei  der  unmittelbaren  Naht  des  Darmes  herrschen, 
angeführt  haben,  ebenso  wollen  wir  anderseits  wieder  die  Nachtheile  eines 
Anus  prseternatiiralis  und  die  Vorzüge  einer  primären  Enterorrhaphie  einzeln 
erwägen.  Einer  der  größten  Nachtheile  des  widernatürlichen  Afters  ist  der, 
dass  zu  seiner  definitiven  iVush eilung  eine  zweite  Narkose  nothwendig  ist 
und  ein  zweiter  durchaus  nicht  gieichgiltiger  Eingriff.  Man  kann  nämlich 
nicht  behaupten,  dass  ein  widernatürlicher  After  ein  Zustand  ist,  welcher, 
falls  überhaupt  eine  Aussicht  auf  dessen  Ausheilung  besteht,  jahrelang 
oder  das  ganze  Leben  hindurch  ertragen  werden  könnte.  Abgesehen  davon, 
dass  der  Defect  an  und  für  sich  ekelhaft,  durch  das  Definitivum  aber  an 
seiner  Widerlichkeit  noch  zunimmt,  müssen  wir  gestehen,  dass  es  Fälle 
gibt,  in  denen  bei  widernatürlichem  After  die  Existenz  nicht  einmal  Wochen 
hindurch  möglich  ist.  Einzelne  Kranke  gehen  hiebei  nämlich  daran  zugrunde, 
1  dass  die  abnorme  Darmöff'nung  zu  hoch  am  Darme  liegt,  so  dass  also  die 
Nahrungsmittel  ungenügend  ausgenützt  werden,  dass  also  die  Kranken  bei 
gewöhnlicher  Ernährung,  ja  sogar  bei  überreicher  Zuführung  von  Nahrung.s- 
mitteln  immer  mehr  und  mehr  abmagern.  Uber  den  letzteren  Umstand 
können  wir  uns  überzeugen,  indem  wir  dem  Kranken  zum  Beispiel 
pulverisierte  Thierkohle  oder  chinesischen  Tusch,  beispielsweise  zu  einem 
dunklen  Rothwein  hinzugesetzt,  verabreichen,  worauf  wir  bemerken,  dass 
die  Kohlenpartikelchen  nach  sehr  kurzem  Zeiträume  bereits  durch  die 
abführende  Darmöffnung  abgehen,  dass  sie  also  kurz  vorher  den  Magen 


Der  Bruchsclinitt. 


363 


verlassen  haben  müssen.  Doch  auch  ohne  diesen  Behelf  können  wir  an 
einem  durch  Galle  grün  gefärbten,  stark  schaumigen,  mit  einzelnen  noch 
nicht  ganz  verdauten  Nahrungspartikelchen  untermischten  Darminhalte  er- 
kennen, dass  die  Darmöffnung  hoch  oben  am  Jejunum  liege,  besonders 
wenn  es  sich  um  linksseitige  Dünndarmfisteln  handelt.  Unter  solchen 
Umständen  ist  eine  sogenannte  intermediäre  Enterorrhaphie  oder  eine 
Darmnaht  in  der  Zwischenzeit  eine  Lebensindication.  Man  könnte  uns 
hiebei  einwenden,  dass  man  der  ungenügenden  Ernährung  entgegenarbeiten 
könne  dadurch,  indem  man  entweder  flüssige  oder  eigens  zubereitete 
Nahrung  in  das  abführende  Stück  einspritzt  oder  den  aus  dem  zuführenden 
Stücke  abfließenden  Darminhalt  auffängt  und  ihn  wieder  durch  das  ab- 
führende Stück  dem  Organismus  einverleibt,  oder  dass  man  diesen  ganzen 
Vorgang  dadurch  spontan  ablaufen  lässt,  indem  man  von  dem  zuführenden 
in  das  abführende  Darmende  ein  starkcalibriges  Drainagerohr  einführt, 
durch  welches  auch  außerdem  der  die  beiden  Darmöff'nungen  trennende 
Mesenterialsporn  zurückgedrängt  werden  kann.  Es  ist  zweifellos,  dass  dieser 
Einwand  richtig  ist  und  wir  es  versuchen  sollen,  durch  diesen  Behelf  die 
Enterorrhaphie  möglichst  so  lange  hinauszuschieben,  bis  die  Infections- 
möglichkeit  von  der  Wunde  nahezu  ausgeschlossen  ist.  In  diesem  Stadium 
können  wir  auch  die  Ernährung  des  Kranken  durch  ernährende  Rectal- 
klysmen unterstützen.  Es  gibt  jedoch  Fälle,  in  denen  trotz  Einhaltung  aller 
dieser  Vorsichtsmaßregeln  die  Kranken  immer  mehr  und  mehr  abmagern, 
so  dass  es  scheint,  als  ob  bloß  die  unverzüglich  ausgeführte  Enterorrhaphie 
noch  eine  günstige  Wendung  des  Zustandes  bewirken  könnte.  Diese  Er- 
wägungen bewogen  den  Verfasser  einigeraal  zu  einer  Beschleunigung  der 
Darmnaht,  welche  er  sonst  gerne  bis  zur  vollständigen  Reinigung  der 
Wunde  und  beginnender  Vernarbung  derselben  zu  verschieben  pflegi.  Diese 
Fälle  wurden  jedoch  beinahe  durchgehends  als  ungünstige  Fälle  befunden, 
es  zeigte  sich  aus  denselben  die  Richtigkeit  der  gemachten  und  soeben 
mitgetheilten  Beobachtungen  und  Vorschriften  aus  dem  Grunde,  weil  die 
getroffenen  Maßnahmen  gewiss  genügt  und  sich  bewährt  hätten,  wenn 
nicht  andere  Veränderungen  vorhanden  gewesen  wären,  welche  die  stetige 
Abnahme  der  Kräfte  verursachten.  Die  Ursache  war  gewöhnlich  so  schwer, 
dass  der  Effect  der  Enterorrhaphie  hiedurch  geschädigt  wurde,  so  dass 
der  Verfasser  endlich  zur  Ansicht  gelangte,  dass  diese  Fälle  zu  den  un- 
günstigsten für  die  Darmsutur  gehören.  Weitab  gelegene  Abscesse,  Knickungen 
des  Darmes,  abnorme  Communicationen,  geschwürige  Processe  waren  ge- 
wöhnlich die  Ursachen  der  beobachteten  Kräfteabnahme  bei  bestehender 
abnormer  Darmöffnung,  als  auch  des  Misserfolges  der  intermediären  Sutur. 
Es  ist  hiedurch  natürlich  auch  sehr  nahegelegt,  dass  diese  Fälle  auch  ein 
gewichtiger  Einwand  gegen  die  Anlage  eines  widernatürlichen  Afters  über- 
haupt sind. 


364 


Der  Bruchschnitt. 


Wenn  wir  nun  alles  zusammenfassen,  was  soeben  gesagt  wurde,  so 
müssten  wir  als  Haupteinwand  gegen  die  Anlegung  eines  Anus  prceternaturalis 
anführen,  dass  es  zu  seiner  Ausheilung  einer  zweiten  großen  Operation 
benöthigt  und  dass  auch  diese  bei  manchen  Fällen  resultatlos  ist,  da  sich 
bereits  unausgleichbare  Veränderungen  entwickelt  hatten. 

Dass  ein  Anus  praeternaturalis  nach  einer  Brucheinklemmung  für 
einen  jüngeren  Menschen,  welcher  noch  unter  Leuten  verkehren  soll  und 
auch  verkehren  könnte,  einen  qualvollen  und  unerträglichen  Defect  darstellt, 
braucht  nicht  erst  erwähnt  zu  werden,  hauptsächlich  auch  aus  dem 
Grunde,  dass  solche  nach  Incarceration  entstandene  abnorme  Darmöffnungen 
bei  Versuchen,  sie  temporär  wasserdicht  zu  verschließen,  ziemlich  renitent  sind. 

Weiter  enthält  ein  Anus  prasternaturalis  in  sich  gewisse  Gefahren, 
welche,  wiewohl  wir  sie  nicht  beobachtet  haben,  sich  doch  nicht  leugnen 
lassen.  Sowohl  Mikulicz  als  Chaput  verloren  jeder  je  zwei  Fälle  von 
sieben  an  einer  Phlegmone,  welche  von  der  Wunde  ausgieng,  wenn  wir  auch 
von  allen  anderen  abgesackten,  in  mehreren  weiteren  Fällen  beobachteten 
Abscessen  absehen,  von  denen  soeben  die  Rede  war.  Erinnern  wir  uns 
weiter  noch  an  die  hohe  Mortalität,  die  bei  der  Anlage  eines  widernatür- 
lichen Afters  beobachtet  wurde  und  bis  Sö^/q  betragen  kann,  so  wird 
jeder  unsere  Schlussfolgerung  begreifen,  dass  wir  jedenfalls  alle  Mittel  be- 
nützen werden,  um  die  Anlage  eines  widernatürlichen  Afters  zu  vermeiden. 

Führen  wir  nun  noch  die  Vortheile  einer  primären  Darmnaht  an. 
Durch  einen  einzigen  operativen  Eingriff'  beseitigen  wir  die  Einklemmung 
und  ihre  Folgen  und  vereinigen  die  nach  der  Resection  zurückbleibenden 
Darmenden  derart,  dass  binnen  wenigen  Tagen  der  Kranke  auf  gewöhnlichem 
Wege  ernährt  werden  kann,  da  er  nach  Abstoßung  der  gangränösen  Bruchsack- 
partie binnen  zwei  bis  vier  Wochen  vollständig  geheilt  ist.  Hiedurch  ist 
die  Gefahr  einer  ungenügenden  Ernährung,  von  secundären  Erkrankungen, 
zum  Beispiel  von  Phlegmonen,  welche  vom  Bruchsacke  ausgiengen,  Thrombosen 
der  Vena  femoralis,  Embolien  und  aus  denselben  hervorgehende  Pneumonien 
und  anderes  mehr  und  auch  die  Gefahr  einer  zweiten  nicht  unbedeutenden 
Operation  abgewendet.  Bei  genügender  Resection,  besonders  auch  des  irgendwie 
verdächtigen  zuführenden  Armes,  haben  wir  nach  unseren  Kräften  eine  von 
demselben  drohende  Perforation  ausgeschlossen;  bei  vollkommener  Technik 
der  Darmnaht  ist  auch  die  Entwickelung  der  secundären  Darmfistel  in 
der  genähten  Darmstelle  ziemlich  unwahrscheinlich,  besonders  wenn  wir 
vor  der  Vereinigung  die  Spannung  des  Darmes  durch  Entleerung  einer 
bedeutenden  Menge  des  Darminhaltes  vermindert  haben  und  nach  der 
Operation  dafür  sorgen,  dass  der  Darminhalt  nicht  wesentlich  vermehrt 
wird.  Durch  Ausspülung  des  Magens,  und  zwar  selbst  durch  wiederholte 
Ausspülung,  können  wir  auch  die  Überfüllung  der  Därme  nach  dieser 
Richtung,  also  über  der  genähten  Darmpartie,  verringern.  Ja,  durch  Be- 


Verlauf  nach  der  Herniotomie 


365 


lassung  der  genähten  Darmstelle  in  der  Nähe  der  äußeren  Wunde,  also 
durch  seroseröse  Nähte  zwischen  dem  Darme  und  dem  Peritoneum  parietale, 
können  wir  uns  gegen  das  vorzeitige  Durchschneiden  der  Nähte  schützen, 
das  heißt  gegen  die  Gefahr  des  Durchschneidens  derselben,  solange  noch 
keine  abschließenden  Adhäsionen  vorhanden  sind. 

Wenn  wir  demnach  beide  Seiten  der  zwei  in  Frage  kommenden 
Eingriffe  bei  Gangrän  einer  Darmpartie  erwägen,  so  werden  wir  uns  jeden- 
falls für  die  primäre  Darmnalit  entschheßen,  als  für  einen  Eingriff,  welchem 
vor  der  Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters  entschiedenst  der  Vorzug 
gegeben  werden  muss.  Wir  etablieren  dagegen  einen  Anus  praeternaturalis, 
wenn  die  Verhältnisse  in  irgend  einer  Beziehung  ungünstig  sind,  und  diese 
sind:  1.  Wenn  die  Herzschwäche  (abgesehen  von  einer  septico-purulenten 
Entzündung  des  Bauchfelles,  welche  die  Prognose  eines  jeden  Eingriffes 
ungünstig  macht)  sehr  groß  ist.  Dann  ist  die  Verlängerung  der  Operation 
bedenklich;  2.  wenn  die  Stercoralphlegmone  gar  zu  ausgedehnt  ist,  derart, 
dass  ihre  Ausbreitung  nach  innen  wahrscheinlich  ist,  dann  ist  es  besser, 
wenn  wir  die  Wirksamkeit  einer  primären  Darmnaht  nicht  durch  einen 
derartigen  an  und  für  sich  schon  zweifelhaften  Fall  compromittieren ; 
3.'  wenn  die  Spannung  der  Därme  (der  Meteorismus)  allzu  bedeutend 
ist,  so  dass  die  überfüllten,  comprimierten  und  geknickten  Därme  nicht 
gründlich  entleert  werden  können,  denn  in  diesem  Falle  stellen  wir  die 
genähte  Darmstelle  unter  sehr  ungünstige  Bedingungen;  4.  wenn  die 
hygienischen  Verhältnisse,  die  Vorbereitung  aller  Utensilien  und  die  Assistenz 
ungenügend  sind,  dann  lassen  wir  uns  lieber  in  den  complicierten  Eingriff' 
einer  primären  Darmnaht  nicht  ein,  weil  unter  solchen  Umständen  die 
Contactinfection  während  der  Operation  schwer  zu  vermeiden  ist. 

In  solchen  und  ähnlichen  Fällen  können  wir  uns  durch  die  Anlage 
eines  widernatürlichen  Afters  und  zwar  in  gesunder  Darmpartie  aushelfen 
und  verschließen  denselben  später  durcli  eine  secundäre  Darmnaht.  Herrschen 
aber  in  den  angeführten  Verhältnissen  gegentheilige,  das  heißt  günstige 
Bedingungen,  dann  schließen  wir  diese  Angelegenheit  möglichst  durch  Resection 
der  gangränösen  Darmpartie  und  durch  primäre  Darmnaht  definitiv  ab. 


Verlauf  nach  der  Herniotomie. 

Der  Verlauf  der  Krankheit  nach  der  Herniotomie  war  in  den  früheren 
Zeiten  in  einer  großen  Zahl  der  Fälle  deswegen  ungünstig,  ja  tödtlich,  weil 
während  der  Operation  durch  Berührung  mit  verschiedenen  Utensilien, 
Instrumenten     und    Verbänden,    ja    leider    auch  mit     der    Hand  des 


366 


Verlauf  nach  der  Herniotomie. 


Chirargen  jene  Theile.  welche  in  die  Bauchhöhle  zurückgeschoben 
werden  sollten,  inficiert  wurden,  wodurch  eine  allgemeine  Entzündung 
der  Bauchhöhle  bedingt  war,  welche  sich  nur  in  den  allerseltensten  Fällen 
durch  einen  großen  operativen  Eingriff  bekämpfen  lässt,  weil  eine  nach- 
trägliche gründliche  Desinfection  der  Bauchhöhle  wegen  der  Unmasse  von 
Falten  und  Taschen  nahezu  ausgeschlossen  erscheint.  Im  Laufe  der  letzten 
Jahre  aber  lernten  die  Chirurgen  die  Contactinfection  und  hiemit  auch  die 
septische  und  eitrige  operative  Peritonitis  zu  vermeiden,  so  dass  wir  erst 
in  der  neueren  Zeit  einen  ungefähr  richtigen  Begriff  bekamen,  wieviel 
beiläufig  die  durchschnittliche  Mortalität  der  incarcerierten  Hernien  betrage, 
d.  h.,  wieviel  Individuen  durchschnittlich  an  den  gewöhnlichen  Folgen  der 
Incarceration  eines  Baucheingeweides  zugrunde  gehen,  ohne  dass  sich  hiezu 
eine  operative  Infection  des  Bauchinhaltes  hinzugesellt  hatte.  Es  sank 
nämlich  die  Mortalität  in  septischen  und  eitrigen  Vorgängen  von  der  un- 
geheueren Ziffer  der  früheren  Zeit  auf  verhältnismäßig  unbedeutende  Zahlen, 
welche  fortschreitend  immer  mehr  noch  durch  das  Bemühen  der  Chirurgen, 
durch  verschiedene  Maßregeln  in  der  Versorgung  der  gangränösen  Darm- 
schlingen das  Leben  des  betreffenden  Individuums  dem  sonst  unvermeidlichen 
Tode  zu  entreißen,  verringert  werden.  Es  gehört  demnach  die  Lösung  der 
eingeklemmten  Darmschlingen  an  und  für  sich  unter  den  jetzigen  Verhält- 
nissen zu  den  allereinfachsten  Eingriffen,  so  dass  Kranke,  welche  eine  un- 
complicierte  Herniotomie  durchgemacht  haben,  nach  8 — 10  Tagen  geheilt 
aus  der  Behandlung  entlassen  werden  können;  was  aber  den  Chirurgen 
bisher  nicht  gelungen  ist,  das  ist  den  vernachlässigten  Zustand  des  Bruch- 
inhaltes zu  bessern  und  die  Ansteckung  der  Peritonealhöhle  auszuschließen, 
wenn  dieselben  eingetreten  sind,  bevor  der  Kranke  in  fachtechnisch  geübte 
Hände  gekommen  ist.  Diese  letzteren  Umstände  sind  natürlich  von  den 
Fortschritten  der  chirurgischen  Kunst  und  Wissenschaft  unabhängig,  sondern 
bloß  davon,  dass  das  Publicum  dem  Rathe  des  Arztes  folge  und  die 
Wichtigkeit  und  den  Ernst  der  Situation  begreife,  andererseits  aber  davon, 
dass  die  Diagnostik  der  Arzte  verlässlich  sei  und  in  besonderen  Fällen  die 
kostbare  Zeit  mit  unnützem  Temporisieren  nicht  vergeudet  werde.  Concret 
gesprochen,  ist  es  nothwendig,  dass  im  gegebenen  Falle  die  Incarceration 
einer  Darmschlinge  vom  Arzte  richtig  erkannt  werde,  dass  derselbe  die 
unumgängliche  Nothwendigkeit  einer  Operation  erkenne,  eventuell  also  den 
Transport  in  die  Nähe  einer  fachtechnisch  geübten  Hilfe  anordne,  dass  aber 
auch  das  Publicum  diesen  Ratlischlägen  vertrauensvoll  folge  und  nicht 
vielleicht  die  entscheidende  Zeit  mitunter  durch  Bereisen  von  Curpfuschern 
verpasse.  Es  ist  auch  viel  davon  abhängig,  dass  auch  die  in  der  Operation 
solcher  Zustände  erfahrenen  Arzte  sich  nicht  auf  erfolglose,  oftmals  wieder- 
holte Repositionsversuche  einlassen,  sondern,  wenn  die  Reposition  nach 
Anwendung  der  aufgezählten  Hilfsmittel  mit  sanfter  Gewalt  unter  den 


Verlauf  nach  der  Herniotomie. 


367 


erwähnten  Cautelen  nicht  gelingt,  sofort  zur  Operation  schreiten,  nach  der 
alten  Regel,  dass  man  über  einer  incarcerierten  Hernie  nicht  schlafen  soll, 
sondern  dass  die  Herniotomie  vor  Sonnenuntergang  ausgeführt  werden 
möge. 

Zu  diesem  Zwecke  ist  es  also  nothwendig,  die  Incarceration  zu  er- 
kennen, die  Verwechslung  mit  anderen  Zuständen  zu  vermeiden,  so  mit  der 
Entzündung  der  Lymphdrüsen,  mit  den  varicösen  subinguinalen  Venen- 
knoten und  so  fort.  Nur  in  einem  solchen  Falle  wird  es  gelingen,  die  Zahl 
der  complicierten  Fälle,  welche  ohne  Operation  mitunter  erst  am  10.  oder 
11.  Tage  nach  Beginn  der  Incarceration  mit  drohendem  oder  schon  be- 
stehendem Anus  praeternaturalis  in  unsere  Hände  kommen,  auf  das  Minimum 
zu  beschränken.  So  ist  nur  zu  hoffen,  dass  im  Laufe  der  nächsten  Jahre 
die  früher  bedeutende,  nun  wesentlich  gesunkene  Mortalität  noch  auf  die 
allergeringsten  Ziffern  herabgesetzt  wird. 

Die  soeben  geäußerten  Behauptungen  wollen  aber  auch  durch  Zahlen 
belegt  werden.  Die  Discussion  über  diesen  Gegenstand  begann  am  12.  Con- 
gresse  der  Deutschen  Gesellschaft  der  Chirurgen  im  Jahre  1883  infolge 
einer  Behauptung  von  B.  Schmidt,  dass  nach  Beobachtungen  von 
ä08  Fällen  von  den  Jahren  1871  bis  1881  die  Letalität  nach  der  Hernio- 
tomie durch  die  antiseptische  Wundversorgung  nur  unbedeutend  gesunken 
Sei,  nämlich  von  45"8%  auf  36'6o/o,  respective  auf  SO^O^/'o,  wenn  wir  die 
complicierenden  und  intercurrenten  Erkrankungen  abziehen.  Dagegen  lässt 
sich  nun  einwenden,  dass  früher  auch  eine  bei  weitem  bedeutendere  Mor- 
talität beobachtet  wurde.  Billroth  hat  in  der  voranti septischen  Zeit  aus 
den  Kliniken  in  Zürich  und  Wien  eine  Mortalität  von  50 — öl^/f,.  Malgaigne 
schon  früher  aus  den  Pariser  Spitälern  eine  solche  von  58^0  constatiert. 
Eine  Herabsetzung  der  Mortalität  um  22 — 28''/n  wäre  allerdings  schon  ein  be- 
deutender Gewinn,  auch  wenn  es  bei  einer  solchen  geblieben  wäre;  doch  daran 
ist  nicht  genug.  Wenn  wir  die  Resultate  der  Behandlung  der  incarcerierten 
Hernien  in  der  neuesten  Zeit  verfolgen,  so  machen  wir  die  Erfahrung,  dass 
dieselbe  noch  weiter  um  ein  bedeutendes  abgenommen  hat.  Hiezu  wollen 
wir  schon  im  voraus  bemerken,  dass  die  Mortalität  der  kleineren  Reihen 
von  Beobachtungen  gewöhnlich  geringer  ist  als  jene  der  größeren  Zu- 
sammenstellungen, einfach  aus  dem  Grunde,  weil  hie  und  da  ein  Operateur, 
nachdem  er  in  einer  Anzahl  von  Fällen  besonders  günstige  Resultate  erzielt 
hatte,  die  Reihe  künstlich  abschließt.  Es  würde  sich  in  vielen  Fällen  die 
Erfahrung  wiederholen,  dass,  wenn  man  die  Erfolge  eines  solchen  Operateurs 
unmittelbar  vor  oder  nach  dieser  publicierten  Beobachtungsreihe  unter- 
suchen wüi'de,  eine  bei  weitem  ungünstigere  Mortalität  herauskäme.  Bei 
größeren  Beobachtungsreihen  aber,  welche  sich  über  mehrere  Jahre  fort- 
laufend erstrecken,  gleichen  sich  diese  künstlichen  Abweichungen  aus  und 
die  Angaben  werden  verlässlicher. 


368 


Verlauf  nach  der  Herniotomie. 


Henggeier  führt  folgende  Zusammenstellung  an: 


im  Jalire 


Zahl  der 
incarc.  Hermen 


mit  Mortalität 


An  der  egg  (Basel) 

führte  1886 

80 

22-5''/o 

an. 

Nedopil  (Brünn) 

5) 

1886 

25 

16-0o/o 

Köhler  (Berlin-Charite) 

)1 

1887 

16 

12-5o/o 

Gelpke  (private  Praxis) 

51 

1888 

15 

13-3O/0 

35 

Wolf  (Czerny-Heidelberg) 

n 

1888 

32 

6-2O/0 

V. 

Mette  (städt.  Spital  Aachen) 

35 

1889 

86 

12-7  o/„ 

11 

Tscherning  (Commun alspital 

Kopenhagen) 

51 

1863—87 

524 

24-4o/o 

11 

Adler  (Berlin-Bergmann) 

55 

1889  (füi-ÖJalire) 

102 

27-3o/o 

n 

Gär b er  (Greifswald) 

)) 

1888 

39 

23-0«/o 

11 

Koch  (private  Praxis) 

T, 

1892 

21 

10-5o/„ 

n 

Wolter  (Hamburg) 

n 

1880—88 

115 

9-4o/„ 

n 

(wobei,  da  die  letztere  Zusammenstellung  eigentlich  radical  operierte  Fälle 
betraf,  höchstwahrscheinlich  gangränöse,  also  jene  Hernienfälle,  bei  welchen 
eine  Radicaloperation  nicht  angeschlossen  werden  konnte,  ausgelassen  sind, 
was  natürlich  auch  von  anderen  Zusammenstellungen  gilt,  welche  von 
Radicaloperationen  eingeklemmter  Hernien  handelten). 


im  Jahre 

führt  1883—91 
„  1892 
„  1881—94 
„  1873-81 


Herniotomien   mit  Mortalität 

170 
36 
276 
164 


17-0<>/o  an, 
19-40/0  „ 
23-2o/„  „ 
39-00/ 


;o  11 


Habs  (Magdeburg) 
Massopust  (Triest) 
Henggeier  (Zürich) 
Bayer  (Prag) 

(bei  stets  durchgeführter  antiseptischer  Behandlung,  in  den  letzten  3  Jahren 
aber  nur  22 o/,  Mortalität). 

An  der  Klinik  des  Verfassers  in  Prag  wurden  im  Jahre  1891  bis 
1896  293  Fälle  mit  17-7o/o  Mortalität  operiert:  darunter  befanden  sich 
45  gangränöse  Hernien. 

Wenn  wir  nun  diese  Zahlenreihen  überblicken,  so  sehen  wir,  dass 
bei  den  Statistiken  (abgesehen  von  der  B ergmann'schen  Klinik,  welche 
in  fünf  Jahren  eine  etwas  höhere  Mortalität  von  27%  aufweist),  welche 
sich  auf  mehr  als  100  Fälle  beziehen,  die  gesammte  Mortalität  17  bis  23 
oder  240/0  betrage.  Fassen  wir  nun  die  größeren  Statistiken,  also  jene  von 
Tscherning,  Adler,  Habs,  Henggele r  und  unsere  eigene  zusammen, 
so  bekommen  wir  1349  Herniotomien  mit  271  Todesfällen,  also  eine  Durch- 
schnittsmortalität von  etwa  20"/ Es  sank  daher,  gegen  die  Behauptung 
von  B.  Schmidt,  die  frühere,  vorantiseptische  Mortalität  bei  ein- 
geklemmten Hernien  von  45-8o/o  um  25-8"/^,  also  auf  200/^,  demnach 


Verlauf  nach  der  Herniotomie. 


369 


gegen  die  im  1883  von  demselben  Forscher  constatierte  Mortalität  von 
SB-ö^/o  ^bßJ'        weitere  IB'B^/q. 

Dies  ist  schon  eine  ungemein  belehrende  Seite  der  Statistik  der  ein- 
geklemmten Hernien;  andere  genauere  Angaben,  einzelne  Hernienarten  be- 
treffend, werden  seinerzeit  mitgetheilt  werden.  An  dieser  Stelle  möge  nur 
darauf  hingewiesen  werden,  dass  über  die  Prognose  der  Herniotomie  heut- 
zutage der  Zustand  entscheidet,  in  welchem  die  Hernie  in  die  Hand  des 
Operateurs  geräth,  oder  über  das  Aussehen  der  Statistik  entscheidet  bei 
jedem  Operateur  die  Anzahl  der  gangränösen  Fälle,  welche  ihm  unter- 
kommen. Hiedurch  wird  selbstverständlich  die  Verantwortlichkeit  für  den 
Erfolg  der  Herniotomie  vollständig  von  dem  Operateur  auf  das  Publicum 
und  auf  den  Arzt,  welcher  zuerst  zu  einer  Darmincarceration  berufen  wurde, 
überwälzt.  Auch  diese  Behauptung  lässt  sich  durch  Ziffern  belegen. 

Mette  beobachtete  unter  15  gangränösen  Hernien  8  Todesfälle, 
unter  71  nichtcomplicierten  Fällen  dagegen  nur  3.  In  der  Adler 'sehen 
Statistik  aus  der  Bergmann'schen  Universitätsklinik  ist  die  allgemeine 
Mortalität  von  27"4^/o  nach  Ausscheidung  jener,  bei  denen  ein  Anus  praeter- 
naturalis angelegt  wurde,  sofort  auf  13"5%  gesunken.  Aus  den  Gärber 'sehen 
39  Fällen  musste  in  4  ein  widernatürlicher  After  angelegt  werden;  von 
diesen  starben  3,  von  den  3B  übrigen  dagegen  nur  6  Fälle.  Henggeier 
führt  15  Fälle  von  Anus  praeternaturalis  an.  von  denen  13  starben;  weiter 
berichtet  er  über  12  Fälle  von  Darmresection  mit  folgender  Darmnaht: 
von  diesen  starben  8,  so  dass  von  27  Fällen,  in  denen  bei  der  Herniotomie 
Darmgangrän  constatiert  wurde,  21  Fälle,  das  heißt  77-7%  starben, 
während  die  übrigen  249  Fälle  bloß  eine  Mortalität  von  17'2<'/(|  hatten. 

In  unseren  Fällen  wurde  ein  Anus  praäternaturalis  30mal  angelegt, 
und  eine  primäre  Darmnaht  lömal,  es  wurde  daher  eine  Darmgangrän  in 
zusammen  45  Fällen  constatiert;  von  den  ersteren  starben  14,  das  heißt 
46''/o,  von  den  zweiten  (Resection  und  Naht)  6,  also  40%,  im  ganzen  starben 
demnach  von  45  Fällen  20  oder  44-4''/o,  während  die  Mortalität  der  unsrigen 
234  Fälle  mit  27  Todesfällen  bloß  eine  Mortalität  von  10-8 o/o  aufweist. 

Es  kann  wohl  keine  beredtere  Aufmunterung  als  diese  Ziffernangabe 
geben,  dass  der  Arzt  bei  einer  Bruchincarceration  nach  gemachter  Diagnose 
und  unverzüglich  versuchter  subcutaner  Reposition  und  Erfolglosigkeit  der- 
selben sofort  entweder  selbst  zur  Operation  schreite  oder  den  Kranken 
behufs  Operation  in  eine  passende  Anstalt  weise,  dass  aber  auch  das  Pu- 
blicum seinem  Rathe  unverzüglich  folge,  denn  wir  kennen  weder  den  Tag 
noch  die  Stunde,  welche  über  die  Integrität  der  Darmschlinge  entscheidet. 
Bei  Besserung  dieser  Verhältnisse  könnten  die  gangränösen  Hernienfälle 
von  den  chirurgischen  Ausweisen  nach  und  nach  vollständig  verschwinden 
und  die  Mortalität  z.  B.  bis  auf  lO^/o  der  Gesammtzahl  herabgesetzt 
werden. 

M  a  y  d  1,  Specielle  Chii-uigie.  I.  , 


370 


Über  die.  Scheinreduction. 


Entzündungen  des  Bauchfelles  durch  Berührung  mit  inficierten  Gegen- 
ständen und  Händen  bei  der  Operation  verstehen  wir  zu  vermeiden,  wie 
es  die  Ziffern,  welche  wir  über  die  Radicaloperation  solcher  Zustände  mit- 
getheiit  haben,  unwiderruflich  nachweisen,  aber  gegen  einen  anderen  Feind 
sind  wir  bisher  nicht  genug  gewappnet,  nämlich  gegen  jene  drohende 
Gefahr,  welche  darin  besteht,  dass  durch  die  Einklemmung  bedingte  Per- 
forationsstellen (natürlich  auch  Perforationen  anderer  Art)  mit  folgenden 
Extravasaten  der  Hohlorgane  des  Bauches,  insbesondere  aber  des  Uro- 
genitaltractus,  vor  allem  aber  des  gastro-intestinalen  Tractus,  Bauchfell- 
entzündungen mit  einem  progressiv  septischen  Charakter  verursachen, 
oder  durch  einen  etwas  schleichenderen  fibrinoso-purulenten  Verlauf  die 
Individuen,  bis  auf  einzelne  äußerst  seltene  Fälle  der  Rettung,  unabwendbar, 
gewöhnlich  nicht  später  als  nach  dem  9. — 10.  Tage  tödten.  Diese  Fälle 
verstehen  wir  auch  mit  den  jetzigen,  sonst  wirksamen  Mitteln  und  bei 
der  jetzt  vor  wenigen  Zuständen  zurückschreckenden  operativen  Kühnheit 
noch  nicht  mit  einer  halbwegs  sicheren  Aussicht  auf  Erfolg  bekämpfen. 
Es  wäre  demnach  nothwendig,  dass  wir  über  diese  sogenannte  gastro- 
intestinale  Form  der  Bauchfellentzündung  etwas  ausführlicher  sprechen  und 
gleichzeitig  darauf  hinweisen,  dass  die  Tragweite  der  gastro-intestinalen 
Form  der  Peritonitis  nach  Einklemmung  des  Darmes  ungefähr  dieselbe  ist 
wie  bei  zufälligen  Perforationen  des  Darmes,  mögen  sie  durch  Trauma  bei 
vollständig  gesundem  Darme  bedingt  oder  durch  spontane  Perforation  von 
geschwürigen  Stellen  desselben  ausgehen,  oder  sich  aus  beiden  insofern 
combinieren,  als  die  Durchlöcherung  des  Darmes  bei  bestehenden  krank- 
haften Processen  desselben  durch  selbst  geringe  äußere  Traumen  erleichtert 
wird.  Wir  wollen  aus  diesem  Gegenstande  jedoch  ein  separates  Capitel  am 
Schlüsse  dieses  Buches  machen  und  nach  einer  historischen  Einleitung  zu 
dieser  Frage  den  derzeitigen  Stand  dieser  Angelegenheit  zu  skizzieren  trachten. 


Über  die  Sclieiiirediictioii. 

Schon  bei  der  Besprechung  der  subcutanen  Reposition  der  Hernien 
(oder  der  Taxis),  auch  bei  der  Abhandlung  über  die  blutige  Reposition 
(oder  Herniotomie)  haben  wir  Gelegenheit  gehabt,  darauf  hinzuweisen,  dass 
unter  gewissen  Bedingungen  die  Reposition  der  Hernien  nur  scheinbar  gelungen 
ist,  dass  also  die  Reposition  den  äußeren  Zeichen  nach  erfolgt  war,  die 
krankhaften  Erscheinungen  aber  weiter  andauern. 

In  dieser  Abtheilung  wollen  wir  zusammenfassend  über  alle  jene  Be- 
dingungen und  Verhältnisse  berichten,  unter  denen  eine  solche  Scheinreduction 
einer  Hernie  vorkommen  kann. 


über  die  8cheinreductioii. 


371 


Die  Scheinreduction,  das  heißt  eine  derartige  Reduction  einer  Hernie, 
bei  welcher  zwar  die  äußere  Geschwulst  verschwindet,  bei  welcher  jedoch 
die  Störung  in  der  Circulation  des  Darminhaltes  und  des  Blutes  nicht  be- 
hoben wurde,  kann  eine  recht  verschiedene  anatomische  Basis  haben.  Alle 
jene  Umstände,  welche  zur  Scheinreduction  Veranlassung  geben  können, 
wenigstens  die  wichtigsten  davon,  lassen  sich  in  zwei  Hauptgruppen  ein- 
theilen. 

Die  erste  Gruppe  nennen  wir  die  falsche  Reposition  (Repositio  falsa) 
und  verstehen  darunter  jenen  Befund,  dass  bei  einer  Herniotomie  nach 
richtiger  Durchtrennung  des  Incarcerationsringes  durch  die  denselben 
spaltende  Incision  im  Bruchsackhalse  der  Bruchinhalt  in  irgend  einen 
außerhalb  der  peritonealen  Bruchhülle  gelegenen  Raum  hineingezwängt 
wird,  oder  dass  bei  einer  subcutanen  Reduction,  das  heißt  bei  der  Taxis, 
also  ohne  Erweiterung  des  incarcerierenden  Ringes,  der  Bruchsack  zerreißt 
und  durch  den  Riss  desselben  die  Brucheingeweide  in  einen  künstlich  hervor- 
gebrachten Raum  reponiert  werden,  welcher  stets  außerhalb  des  Bruchsackes 
liegt.  Dieser  Riss  liegt  meistens  nach  außen  von  dem  Incarcerationsringe, 
reicht  aber  auch  manchmal  in  diesen  hinein  und  nur  in  Ausnahmsfällen 
reicht  derselbe  auch  centralwärts  über  denselben  hinaus,  dass  die  Ein- 
geweide in  den  extraperitonealen,  aber  innerhalb  der  Bauchwandungen 
gelegenen  Raum  eingepresst  werden. 

Die  zweite  Gruppe  nennt  man  die  Massenreduction  (Repositio  en 
masse  oder  en  bloc).  Bezeichnend  für  diese  Gruppe  ist  der  Umstand,  dass 
der  Bruch  im  ganzen  (das  heißt  sowohl  der  ßruchinhalt  als  auch  der  Bruch- 
sack) entweder  in  irgend  einen  künstlich  gebildeten  Raum,  welcher  zumeist 
präperitoneal  gelegen  ist,  reponiert  wird;  oder  dass  der  Bruchinhalt  aus 
einem  äußerlich  sichtbaren  Theile  des  Bruchsackes  nach  einem  äußerlich 
nicht  wahrnehmbaren,  centralwärts  gelegenen,  in  verschiedenen  Schichten 
der  Bauchwand  situierten  zweiten  Raum  reponiert  wird,  so  dass  sich  der 
Bruchinhalt  im  extraperitonealen  Zellgewebe  befindet,  ohne  dass  in  beiden 
Fällen  die  Incarceration  behoben  worden  wäre;  dies  kann  sowohl  bei  der 
Taxis  als  auch  bei  einer  extraperitonealen  Herniotomie  vorkommen. 

Nach  dieser  Auseinandersetzung  unterscheidet  sich  die  erste  Gruppe 
von  der  zweiten  dadurch,  dass  in  der  ersten  der  Bruchinhalt  ganz  oder  theil- 
weise,  und  zwar  stets  vollständig  entblößt,  ohne  jede  seröse  Hülle,  in  einem 
neugebildeten  Räume  gelegen  ist,  während  in  der  zweiten  Gruppe  der  Bruch- 
inhalt, mag  er  nun  in  einem  präformierten  oder  in  einem  neugebildeten 
Räume  gelegen  sein,  stets  noch  von  einer  peritonealen  Hülle  umschlossen  ist, 
so  dass  wir  nach  Durchschneiden  der  deckenden  musculösen  Schichten  den 
Bruchinhalt  von  einem  besonderen  Sack  eingehüllt  vorfinden,  welcher  an 
sich  alle  Zeichen  einer  peritonealen  Ausstülpung  trägt,  und  wir  erst  in 
einer  gewissen  Entfernung  von  der  vorderen  Bauchwand  den  constringierenden 

24* 


372 


Über  die  Scheinreduction. 


Ring  vorfinden,  dessen  deletäre  Einwirkung  auf  den  Bruchinhalt  deutlich 
sichtbar  ist.  Es  soll  in  keiner  Weise  bestritten  werden,  dass  einige  Fälle 
der  Massenreduction  mit  gleichem  Rechte  auch  eine  falsche  Reduction  genannt 
werden  könnten,  weil  auch  in  diesen  Fällen  der  Bruchinhalt  in  einer  Weise 
reponiert  wurde,  die  nicht  richtig  ist. 

Wenn  wir  uns  aber  einen  künstlichen  Fall  construieren,  bei  welchem 
zwei  voneinander  durch  eine  enge  Communication  in  Verbindung  stehende, 
übereinander  gelegene  Räume  äußerlich  gelegen  wären,  beide  vom  Bruch- 
inhalte erfüllt,  und  dass  wir  bei  den  Repositionsversuchen  den  Inhalt  aus 
dem  peripheren  Räume  in  den  centralen  einschieben  würden,  so  könnten 
wir  in  einem  solchen  Falle  gewiss  von  einer  unvollständigen,  nicht  aber 
von  einer  unrichtigen  Reposition  sprechen,  insofern,  als  ja  der  aus  dem 
peripheren  Räume  in  die  Bauchhöhle  zu  reponierende  Inhalt  den  central- 
wärts  gelegenen  jedenfalls  hätte  passieren  müssen.  Hingegen  kann  es 
keinem  Zweifel  obliegen,  dass  die  Reduction  in  einen  falschen  Raum 
geschehen  ist,  wenn  durch  die  Erweiterungsincision  bei  der  Herniotomie 
oder  durch  einen  Bruchsackriss  bei  der  Taxis  der  Bruchinhalt  in  einen 
außerhalb  vom  Bruchsacke  oder  außerhalb  von  der  peritonealen  Hülle  ge- 
legenen Raum  eingezwängt  wird. 

Da  die  erstere  Supposition  mehr  an  eine  Massenreduction  erinnert  — 
bleibt  doch  der  Bruchsackinhalt  von  einer  peritonealen  Hülle  umschlossen  und 
der  Incarcerationsring  ungelöst,  gerade  so  wie  bei  einer  Repositio  en  bloc  — • 
so  fassen  wir  auch  beide  Ereignisse,  welche  sich  bei  der  Hernienreduction 
ereignen  können,  die  eigentliche  Reposition  en  bloc  und  die  Einschiebung 
in  einen  zweiten  properitonealen  Raum,  in  eine  Gruppe  zusammen. 

Im  Folgenden  wollen  wir  jede  dieser  Gruppen  des  genaueren  behandeln. 

Die  Massenreduction  kann  sich,  wie  schon  erwähnt  wurde,  sowohl 
bei  der  Taxis  wie  bei  der  Herniotomie  ereignen,  und  zwar  bei  der  Taxis 
dadurch,  dass  ein  wenig  umfängliqher  Bruch  durch  den  Bruchcanal  hinter 
die  Bauchwand  zurückgeschoben  wird,  wobei  also  der  Bruch  nicht  verkleinert 
werden  muss;  hiebei  braucht  auch  der  constringierende  Ring  nicht  nach- 
zugeben und  die  im  Bruchinhalte  eventuell  vorhandene  Darmschlinge  nicht 
entleert  werden.  Dasselbe  kann  auch  bei  der  Herniotomie  vorkommen,  wenn  der 
Operateur  glaubt,  dass  er  bei  der  Untersuchung  des  Bruchhalses  den  wirklich 
constringier enden  Ring  gefunden  und  eingeschnitten  hat  (wodurch  aller- 
dings der  Bruch  von  der  Incarceration  befreit  worden  wäre),  wenn  aber  in 
Wirklichkeit  der  Operateur  nur  eine  andere,  engere  Stelle  des  Bruchsackes 
für  den  Incarcerationsring  gehalten  hat,  während  der  eigentliche  Constric- 
tionsring  weiter  oben  unverändert  weiter  bestand.  Dieser  wurde  vom 
Operateur  übersehen  und  bei  der  Reposition  der  Hernie  wurde  zwar  der 
Bruchinhalt  durch  den  Bruchcanal  nach  innen  geschoben,  aber  gleichzeitig 
auch  der  incarcerierende  Ring.  Bei  der  extraperitonealen  Herniotomie  kann 


■über  die  Scheinreduction. 


373 


natürlicherweise  die  Reposition  en  bloc  ebenso  leicht  vorkommen,  ja  noch 
leichter  als  bei  der  Taxis;  da  nach  Eröffnung  des  Bruchsackes  der  Durch- 
messer des  Bruches  auch  ohne  Zerstörung  des  Incarcerationsringes  sich 
dadurch  verkleinern  kann,  dass  eine  Darmschlinge  früher  auf  einen  kleineren 
Eaum  zusammengepresst  war,  nun  aber  in  zwei  nahezu  parallel  verlaufende 
Stränge  auseinandergelegt  werden  kann,  so  können  nun  auch  umfängliche 
Hernien,  welche  kaum  einer  Massenreduction  fähig  wären,  sich  nach  Er- 
öffnung des  Bruchsackes  ganz  wohl  zu  einer  solchen  eignen.  Dass  bei 
den  früher  üblichen  extraperitonealen  Repositionen  dieselben  Unfälle,  wie 
bei  der  Taxis  weniger  umfänglicher  Brüche  vorkommen  könnten,  darauf 
wurde  schon  höher  oben  hingewiesen. 

Der  Befund  nach  der  Reposition  einer  Hernie  hinter  die  vordere 
Bauchwand  bei  der  Taxis  und  bei  der  Herniotomie  hat  folgende  gemein- 
schaftliche Merkmale:  In  beiden  Fällen  wurde  der  Incarcerationsring  nicht 
gelöst,  sondern  ohne  Erweiterung  von  der  vorderen  Bauchwand  sammt  dem 
parietalen  Peritoneum  abgedrängt  und  dadurch  ein  kegelförmiger  prä- 
peritonealer Raum  hervorgebracht,  dessen  Scheitel  der  eben  abgedrängte 
Incarcerationsring  ist,  dessen  Basis  aber  von  einem  Theile  der  vorderen 
Bauchwand  gebildet  wird.  In  diesem  kegelförmigen  Räume  wurde  also  der 
Bruch  mit  Gewalt  eingezwängt  und  er  befindet  sich  daselbst  sowohl  nach 
der  Massenreduction,  welche  bei  der  Taxis,  als  bei  jener,  welche  bei  einer 
Herniotomie  vorkommen  kann,  allseitig  in  derselben  Ausdehnung  von  einer 
peritonealen  Hülle  umschlossen,  als  der  Bruchinhalt  selbst  früher  eine 
seröse  Überkleidung  besaß.  Wenn  der  Bruch  vor  den  Repositionsversuchen 
auf  irgend  einer  Seite  des  peritonealen  Uberzuges  entbehrte,  so  wird 
auch  die  en  masse  reponierte  Hernie  an  derselben  Stelle  der  serösen  Be- 
kleidung bar  sein.  In  beiden  Fällen,  sowohl  bei  der  extraperitonealen 
Herniotomie  als  auch  bei  der  Taxis,  bleibt  der  Bruchinhalt  in  den  meisten 
Fällen  von  der  vorderen  Bauchwand  durch  ein  peritoneales  Blatt  ge- 
schieden, nach  dessen  Spaltung  erst  der  Bruchinhalt  eigentlich  vollständig- 
entblößt  vor  unseren  Augen  liegt. 

Sobald  wir  uns  also  durch  den  revidierenden  Finger,  oder  aus  den 
Symptomen  einer  Hernieneinklemmung,  besonders  aus  dem  Fortbestande 
derselben  nach  einer  Taxis  zu  dem  Schlüsse  berechtigt  halten,  dass  eine 
Massenreduction  stattgefunden  hat,  so  sind  wir  verpflichtet,  die  vordere  Wand 
des  besprochenen  präperitonealen  Raumes,  welcher  durch  Ablösung  des 
parietalen  Peritoneums  entstanden  ist,  zu  spalten,  in  den  meisten  Fällen 
also  die  sämmtlichen  Schichten  der  vorderen  Rauchwand;  sodann  muss 
der  überhaupt  noch  unberührte  Bruchsack  eingeschnitten  werden. 

Nachher  müssen  wir  uns  durch  Vorziehen  des  Bruchinhaltes  aus 
diesem  Räume,  welcher  von  einem  serösen  Blatte  ausgekleidet  ist,  endlich 
auch  den  Scheitel  dieses  Raumes,  nämlich  den  Incarcerationsring  zugänglich 


374 


Über  die  Scheinreduction. 


machen,  um  denselben  nach  den  üblichen  Vorschriften  von  innen  nach 
außen  oder  auf  einer  Sonde  von  außen  nach  innen  zu  durchschneiden, 
worauf  wir  erst  berechtigt  sind,  den  Bruchinhalt  in  die  Bauchhöhle  zurück- 
zuschieben, selbstverständlich  aber  unter  vorausgegangener  genauester  Unter- 
suchung, dass  diesmal  der  Bruchring  thatsächlieh  beseitigt  ist,  und  mit  der 
nachfolgenden  Controle,  dass  diesmal  die  Reposition  richtig  vorgenommen 
worden  war. 

Streubel  (1864)  hat  schon  vor  ziemlich  langer  Zeit  eine  gründliche 
Studie  dieser  Art  der  Scheinreduction  gegeben.  Eine  Prädisposition  zu  einer 
solchen  ist  die  lockere  Anheftung  des  Bruchsackhalses  zur  Umgebung  und 
des  Fundus  zum  Bruchlager;  eine  solche  Verlöthung  fehlt  entweder  ganz 
oder  ist  nur  unbedeutend,  endlich  muss  die  Bruchpforte  ziemlich  geräumig 
sein,  so  dass  durch  dieselbe  der  Bruch  im  ganzen  durchgedrängt  werden 
kann.  Wiewohl  die  Erscheinung  bei  allen  Arten  des  Leisten-  und  Schenkel- 
bruches beobachtet  wurde,  so  ereignet  sie  sich  dennoch  bei  dem  erworbenen 
äußeren  Leistenbruche  am  häufigsten. 

Die  ersten  Betrachtungen  dieser  Art  stammen  von  Ledran,  Arnaud 
und  Delafaye;  Louis,  der  damalige  Secretär  der  chirurgischen 
Akademie  zu  Paris,  negierte  die  Möglichkeit  einer  solchen  Reduction  der 
Hernien,  gegen  ihn  tritt  aber  mit  Erfolg  Richter  auf,  welcher  zwar  etwas 
derartiges  nicht  selbst  beobachtete,  jedoch  die  Gründe  Louis'  durch 
wichtige  Gegenbetrachtungen  in  seinem  Panegyrikus  im  Jahre  1770  ent- 
kräftete. Am  genauesten  kannte  diese  Thatsache  Jules  Cloquet,  welcher 
selbst  20  bis  25  von  ihm  selbst  beobachtete  Fälle  erzählt.  Der  Mechanismus, 
welcher  zu  einer  Reduction  „en  bloc"  führt,  besteht  darin,  dass  durch  den 
Druck  gegen  den  Fundus  des  Bruchsackes  der  Bruchsackhals  nach  rückwärts 
(oder  innen)  geschoben  wird,  bis  seine  Verwachsungen  mit  der  Umgebung 
vollständig  zerreißen  und  der  Bruchsackhals  sich  ablöst,  während  der 
aponeurotische  Ring,  der  ihn  umschlossen  hatte,  an  seiner  Stelle  bleibt.  Je 
mehr  sich  der  Bruchsackhals  gegen  die  Bauchhöhle  zu  von  der  vorderen 
Bauchwand  entfernt,  desto  mehr  löst  er  das  parietale  Peritoneum,  bis  auch 
der  Fundus  des  Bruches  durch  den  aponeurotischen  Bruchring  durch- 
dringt und  sich  in  das  präperitoneale  Zellgewebe  lagert. 

Als  eine  ünterabtheilung  dieser  Massenreposition  kann  man  jene  be- 
zeichnen, wo  der  Fundus  noch  nicht  ganz  durch  den  Bruchcanal  nach 
innen  gedrungen,  sondern  zum  Theil  noch  außen  sichtbar  ist,  während  die 
inneren  Partien  des  Bruchsackhalses  gegen  die  Bauchhöhle  hin  vergebuchtet 
sind.  Manchmal  ist  die  Bruchpforte  aber  so  geräumig,  dass  der  Bruch  zwar  im 
ganzen  durch  dieselbe  hinter  die  Bauchwand  geschoben  werden  kann,  aber 
bei  dem  geringsten  Exspirationsdruck  durch  dieselbe  wieder  nach  außen  dringt 
und  sichtbar  wird.  B  o  u  r  g  u  e  t  sammelte  aus  der  Literatur,  soweit  sie  ihm 
zugänglich  war,  eine  große  Anzahl  von  Massenrepositionen  und  constatierte. 


über  die  Sclieimeduction. 


375 


dass  unter  112  derartigen  Fällen  in  101  Fall  die  Reposition  einen  äußeren 
Leistenbruch,  zweimal  einen  inneren  Bruch  derselben  Art  und  in  9  Fällen 
eine  Schenkelhernie  betraf. 

Indem  wir  einzelne  Grade  der  Entwickelung  einer  Hernie  durchmustern, 
kommen  wir  natürlicherweise  zu  dem  Schlüsse,  dass  sich  eine  Massen- 
reduction  am  häufigsten  bei  kleinen,  interstitiellen,  äußeren,  erworbenen 
Brüchen  ereignen  könnte.  Aber  die  Erfahrung  lehrt  uns,  dass  die  Massen - 
reduction  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  Hernien  betreffe,  welche  ei-  bis  faust- 
groß waren.  S  t  r  e  u  b  e  1  erklärt  diese  Thatsache  dadurch,  dass  Hernien  eine 
ziemlich  lange  Zeit  brauchen,  bis  sich  in  ihrem  Halse  jene  narbige  Leiste 
entwickelt,  welche  die  Einklemmung  innerhalb  des  Bruchsackhalses  fordert; 
während  dieser  Zeit  nehmen  die  Hernien  auch  an  Größe  zu.  Bei  kleinen 
Hernien  sehen  wir  daher  nur  kleine  weißliche  Flecke  oder  Streifen,  so- 
genannte Cloquet'sche  Stigmata,  welche  nicht  genügen,  um  den  Bruch 
circulär  ausgiebig  genug  einzuschnüren. 

Jener  Druck,  durch  welchen  die  Massenreduction  bewirkt  wird,  kann 
entweder  durch  den  Kranken  selbst  oder  häufiger  durch  die  Hand  des 
Chirurgen  ausgeübt  werden,  welcher  sich  bemüht,  die  Hernie  zu  reponieren: 
doch  wurden  auch  Fälle  beobachtet,  wo  ohne  Einwirkung  einer  äußeren 
Kraft  überhaupt  der  Bruch  unter  den  Augen  des  Arztes  spontan  nach 
innen  sich  zu  retrahieren  begann  und  eine  Reduction  „en  bloc"  eintrat, 
ohne  dass  die  Hernie  überhaupt  berührt  wurde.  Nach  den  Mittheilungen 
von  Bourguet  wurde  unter  99  Fällen  von  Massenreductionen  dieselbe 
51mal  durch  den  Arzt,  31mal  durch  den  Kranken,  2mal  durch  das  gemein- 
schaftliche Bemühen  beider  und  endlich  2mal  spontan  zuwege  gebracht. 
Die  Mortalität  nach  der  Operation  betrug  in  den  früheren  Zeiten  ungefähr 
ein  Drittel  der  Fälle. 

Nach  einer  Massenreduction  bemerken  wir,  dass  die  entsprechende 
Hodensackhälfte  trichterförmig  eingezogen  ist,  dass  der  äußere  Leistenring 
offen,  leer  ist,  dass  man  in  den  Leistencanal  einen  Finger  einführen  kann, 
dass  der  Funiculus  spermaticus  geschwollen  ist  und  dass  die  reponierte 
Hernie  entweder  im  inneren  Leistenringe  selbst  oder  in  der  Nähe  desselben 
gelegen  ist,  indem  man  dort  einen  kugelförmigen,  unnachgiebigen,  gespannten, 
manchmal  umfänglicheren,  ein  andermal  kleinen  Tumor  tastet.  In  Bezug 
auf  den  inneren  Leistenring  kann  der  Tumor  entweder  oben  oder  unten, 
außen  oder  innen  gelagert  sein.  Am  häufigsten  pflegt  das  Bauchfell  unter 
dem  inneren  Leistenringe  in  der  Darmbeingrube  oder  hinter  dem  hori- 
zontalen Schambeinaste  abgelöst  zu  sein,  in  welcher  Gegend  dann  auch  der 
Bruch  gelagert  ist. 

Da  wir  bei  der  Abhandlung  der  Leistenhernien  eine  properitoneale 
Abart  derselben  kennen  gelernt  haben,  wo  der  Bruchsack  entweder  zur 
Gänze  oder  wo  eine  Ausstülpung  desselben  zwischen  den  einzelnen  Schichten 


376 


Über  die  Scheinreduction. 


der  vorderen  Bauchwand  gelagert  ist,  und  zwar  in  verschiedener  Tiefe, 
so  müssen  wir,  um  eine  Verwechslung  mit  einem  en  bloc  reponierten 
Bruche  zu  vermeiden,  stets  darauf  sehen,  wo  der  Fundus  und  wo  der 
Hals  der  Bruchgeschwulst  sich  befindet.  Bei  einer  Massenreduction  stellen 
wir  uns  schon  a  priori  vor,  dass  der  Bruchsackhals  gewissermaßen  den 
Scheitel  des  präperitoneal  reponierten  äußeren  Bruches  bildet,  dass  er 
demnach  von  der  vorderen  Bauchwand  am  meisten  entfernt  ist  und  dass 
nur  der  Fundus  der  vorderen  Bauchwand  anliege.  In  manchen  Fällen  wird 
die  Lage  des  Bruchsackhalses  jedoch  anders  beschrieben,  indem  gesagt  wird, 
dass  derselbe  in  der  Nähe  des  inneren  Leistenringes  verbleibt,  während  der 
Fundus  der  Hernie  sich  von  der  aponeurotischen  Bruchpforte  entfernt,  so 
zum  Beispiel  in  dem  Falle  Was  eher  und  Textor.  In  der  Beobachtung 
von  Wasch  er  war  der  Fundus  vor  der  Harnblase  gelegen  und  der  Bruch- 
sackhals in  der  Nähe  des  inneren  Leistenringes.  Im  Falle  von  T  e  x  t  o  r 
lag  der  Fundus  der  Hernie  in  der  Darmbeingrube  und  der  Bruchsackhals 
in  der  Nähe  der  Harnblase;  es  wäre  demnach,  um  den  modernen  An- 
schauungen über  die  properitoneale  Abart  des  Leistenbruches  zu  genügen, 
angezeigt,  besonders  jene  Fälle,  bei  denen  der  Bruchsackhals  in  der  Nähe 
des  inneren  Leistenringes  liegen  bleibt,  einer  genaueren  Untersuchung  zu 
unterziehen,  besonders  darauf,  ob  die  Fälle  nicht  eher  zu  den  properitonealen 
Brüchen  mit  Einklemmung  am  inneren  Leistenringe,  als  zu  den  „en  bloc" 
reponierten  Hernien  gehören.  Dadurch  würde  vielleicht  auch  erkannt  werden, 
warum  manche  Hernie  bei  der  Section  zwar  in  einer  Lage  gefunden  wurde, 
wie  sie  bei  der  Massenreduction  beschrieben  wird,  wo  aber  bei  Lebzeiten  nur 
ein  mäßiger  oder  gar  kein  Druck  behufs  Reposition  angewendet  worden  war. 

Bei  einer  schon  vorher  bestehenden  Ausstülpung  eines  Bruchsackes 
entweder  zwischen  das  Bauchfell  und  die  Fascia  transversa,  oder  zwischen 
den  äußeren  und  inneren  Bauchmuskel  könnten  wir  uns  vorstellen,  dass 
ein  äußerer  Bruch  durch  die  Repositionsversuche  einfach  aus  dem  äußeren 
Loculament  in  das  properitoneale  hineingeschoben  wurde,  wozu  allerdings 
manchmal  keine  besondere  Kraft  nothwendig  wäre.  Diese  Möglichkeit  fiel 
auch  den  früheren  Beobachtern  bereits  auf  und  sie  suchten  dieselbe  auf 
verschiedene  Art  und  Weise  zu  erklären.  Jetzt  ist  eine  solche  Deutung 
insbesondere  dann  zulässig  und  naheliegend,  wenn  es  sich  in  einem  fraglichen 
Falle  einer  Massenreduction  um  eine  angeborene,  testiculäre  Hernie  handelt, 
oder  wenn  mit  der  „en  masse"  reponierten  Hernie  scheinbar  oder  wirklicli 
auch  der  Hode  hinter  die  vordere  Bauchwand  reponiert  wurde,  weil  wir 
ja  gelernt  haben,  dass  die  properitonealen  Hernien  zumeist  angeboren  sind, 
Männer  betreffen  und  sehr  oft  mit  Kryptorchismus  combiniert  zu  sein  pflegen. 

Die  Symptome,  welche  eine  Reposition  „en  masse"  begleiten,  sind 
nach  A r n a u d  und  Dupuytren  die,  dass  der  Bruch  auf  einmal  und  zwar 
in  der  Richtung  gegen  die  Bauchhöhle  hin  entgleitet,  und  wenn  er  auch 


über  die  Scheiiueduction. 


377 


an  Volumen  abnimmt,  dennoch  seine  Spannung  sich  nicht  verringert,  während 
bei  einer  erfolgreichen  und  richtigen  Reposition  der  Umfang  der  Bruch- 
geschwulst abnimmt,  dieselbe  aber  auch  zugleich  weicher  wird.  Bei  der 
Reposition  „en  masse"  wird,  bis  auf  kleine  Ausnahmen,  und  zwar  auf 
Fälle,  welche  eben  vielleicht  properitoneale  Brüche  betreffen,  der  Bruchinhalt 
sammt  der  Umhüllung  hinter  die  Bauchwand  geschoben,  während  bei 
einer  richtigen  Reposition  nach  Entleerung  des  Inhaltes  der  Bruchsack 
außen  tastbar  bleibt.  Die  durch  den  eingeführten  Finger  in  der  Tiefe  des 
Bruchcanals  tastbare,  gespannte,  kugelförmige  Geschwulst  schlägt  bei  Husten 
auf  den  Finger  auf.  Außerdem  tasten  wir  gewöhnlich  schon  von  außen 
eine  vermehrte  Resistenz  in  der  Gegend,  nach  welcher  hin  die  Massen- 
reduction  erfolgt  ist,  also  entweder  in  der  Darmbeingrube  oder  gegen  den 
Nabel  hin;  ist  jedoch  die  Hernie  in  die  Umgebung  der  Harnblase  reponiert 
worden,  so  brauchen  wir  von  außen  allerdings  nichts  zu  tasten,  dagegen  gibt 
uns  die  bimanuelle  Untersuchung  per  vaginam  oder  per  rectum  einen 
treftlichen  Aufschluss.  Wenn  bei  Hustversuchen  die  Hernie  wieder  erscheint, 
so  ist  sie  im  Falle  einer  Massenreduction  ebenso  gespannt  wie  vor  der- 
selben. Manchmal  kann  man  durch  den  untersuchenden  Finger  in  der  Tiefe 
des  Bruchcanals  oder  der  Bauchhöhle  den  vSchnürring  selbst  austasten. 

Diese  Reposition  en  bloc  kann  entweder  complet  oder  incomplet 
sein.  Unter  einer  vollständigen  Massenreduction  verstehen  wir  jene  Fälle, 
in  welchen  sich  im  Bruchcanal  nicht  der  geringste  Theil  des  Bruches  be- 
findet; wenn  dieses  geschieht  und  wenn  also  selbst  der  geringste  Theil 
des  Bruchsackes  und  zwar  entweder  im  leeren  oder  gefüllten  Zustande  im 
Bruchcanal  tastbar  bleibt,  dann  sprechen  wir  von  einer  unvollständigen 
Reposition  ,,en  bloc".  Streubel  sammelte  in  der  Literatur  17  Fälle  und 
bezeichnet  als  den  geringsten  Grad  eines  solchen  Ereignisses  jenen,  wo 
der  Schnürring  nur  um  weniges  vom  inneren  Leistenringe  abgedrängt  und 
der  ganze  Bruchkörper  nur  etwas  weiter  nach  oben  verschoben  ist;  eigentlich 
sollte  man  von  einer  Reposition  „en  bloc"  nicht  sprechen,  weil  ja  die 
Geschwulst  nach  außen  sichtbar  bleibt;  weiter  kann  sich  aber  die  Ver- 
schiebung so  weit  erstrecken,  dass  die  Hälfte  des  Bruches  im  Leistencanal. 
die  andere  Hälfte  hinter  der  Bruchpforte  gelegen  ist. 

Die  nächste  Stufe  wäre  dann  die,  wo  der  größte  Theil  des  Bruches 
hinter  dem  inneren  Leistenringe  lagert  und  nur  ein  geringer  fühlbarer 
Theil  sich  noch  innerhalb  des  Leistencanals  befindet,  was  endlich  auch  zur 
vollständigen  Lagerung  der  Bruchgeschwulst  im  präperitonealen  Gewebe 
führt,  wobei  der  Bruchcanal  vollständig  leer  gefunden  wird.  Der  Befund  am 
Bauchfell  ist  in  allen  Fällen  identisch  und  nur  gradweise  verschieden. 

Auch  die  Richtung,  in  welcher  der  Bruch  zurückgeschoben  wurde, 
kann  eine  verschiedene  sein.  Während  der  Fundus  sich  noch  außen  vor 
dem  äußeren  Leistenringe  oder  nur  noch  vor  dem  inneren  Leistenringe  be- 


378 


Übtu-  die  Sclieini'eduction. 


findet,  kann  bei  einer  solchen  incompleten  Reduction  „en  masse"  die  Form 
des  Bruches  im  ganzen  die  einer  Sanduhr  sein ;  bei  geräumigem  Bruchsacke 
kann  es  geschehen,  dass  der  unterste  Pol  desselben  im  Scrotum  zurück- 
gehalten wird,  während  der  Inhalt  desselben  hinter  dem  inneren  Leisten- 
ringe sich  befindet.  Wir  können  in  einem  solchen  Falle  die  glatten  Flächen 
des  leeren  Bruchsackes  fühlen,  ja  es  kann  auch  geschehen,  dass  sich  dieser 
äußere  leere  Theil  des  Bruchsackes  mit  einer  serösen  Flüssigkeit  füllt. 
Solche  Fälle  sind  aber  im  ganzen  sehr  selten.  Die  Diagnose  einer  unvoll- 
ständigen Massenreduction  ist  leichter  aus  dem  Grunde,  weil  ein  Theil  des 
Bruches  unserem  Gesichts-  oder  Tastsinn  noch  zugänglich  ist. 

Ähnlich  wie  beim  Leistenbruche  kann  eine  falsche  Reposition  auch 
beim  Schenkelbruche  vorkommen.  Streubel  sammelte  9  Beobachtungen 
eines  solchen  Ereignisses.  Dasselbe  kommt  höchstwahrscheinlich  deswegen 
bei  Schenkelbrüchen  nicht  gerade  oft  vor,  weil  die  Einklemmungsstelle 
beim  Schenkelbruche  gewöhnlich  außerhalb  des  Bruchsackhalses  liegt,  und 
wenn  sie  ab  und  zu  innerhalb  desselben  gelegen  ist,  so  pfiegt  der  Bruch- 
sackhals fest  mit  der  Bruchpforte  verwachsen  zu  sein.  Auch  bei  Schenkel- 
brüchen kann  die  Massenreduction  entweder  durch  Repositionsversuche 
von  Seiten  des  Arztes  oder  von  Seiten  des  Kranken  geschehen,  ja  im  Falle 
von  Dupuytren  ist  die  Massenreposition  überhaupt  ohne  jedwedes  Zuthun 
einer  äußeren  Kraft  eingetreten,  denn  nach  bereits  durchgeführten  und 
erfolglosen  Repositionsversuchen  setzte  man  den  Kranken  in  ein  Bad,  in 
welchem  im  Verlaufe  einer  Stunde  der  Bruch  sich  spontan  reponierte.  Wir 
könnten  uns  diese  Thatsache  dadurch  erklären,  dass  der  sich  contrahierende 
Darm  den  Bruch  nach  einwärts  von  der  Bruchpforte  zurückzog,  obgleich 
auch  die  Deutung  nicht  ausgeschlossen  ist,  dass  sich  der  Kranke  durch 
wiederholte  Repositionsversuche  den  Bruch  doch  selbst  reponierte. 

Nach  der  Lage  des  reponierten  Bruches  kann  das  parietale  Bauchfell 
entweder  unterhalb  oder  oberhalb  der  Bruchpforte  abgelöst  sein:  nach  der 
Gegend  der  Harnblase  und  in  der  Nabelgegend  wurde  die  Massenreduction 
noch  nicht  beobachtet,  aber  ein  Vorkommen  derselben  bei  Schenkelbrüchen 
kann  nicht  absolut  ausgeschlossen  werden.  Im  Falle  von  Streubel  selbst 
wurde  eine  unvollständige  Reposition  eines  Schenkelbruches  beobachtet. 
Unter  den  Symptomen  einer  Massenreduction  beobachten  wir  neben  dem 
classischen  Symptom  von  Arnaud,  dass  nämlich  ohne  Gurren  das  Gefühl 
entsteht,  als  ob  eine  Kugel  in  den  Bauch  hinein  rutschen  würde,  beim 
Schenkelbruche  ebenso  wie  bei  der  Massenreduction  eines  Leistenbruches 
an  der  Stelle  des  Bruches  eine  vertiefte  Stelle;  das  Poupart'sche  Band 
ist  gedehnt,  so  dass  man,  wie  im  Falle  von  L  e  d  r  a  n,  mit  vier  Fingern 
unterhalb  desselben  eindringen  kann,  und  endlich  besteht  auch  hier  das 
Symptom,  dass  wir  bei  Hustversuchen  fühlen,  wie  der  gespannte  Bruch 
auf  den  Finger  aufschlägt. 


über  die  Scheiureduciion. 


371) 


Auch  innere  Leistenbrüche  wurden  bereits  en  masse  reduciert;  in 
der  Monographie  von  St  reu  bei  sind  zwei  Fälle  verzeichnet.  Die  verhältnis- 
mäßige Seltenheit  bei  inneren  Leistenbrüchen  können  wir  durch  das 
seltene  Vorkommen,  sowie  durch  die  halbkugelförmige  Geschwulst  der- 
selben erklären.  In  einem  solchen  Falle  kann  man.  mit  Hilfe  des  unter 
Einstülpung  der  Scrotalhaut  in  die  Bruchpforte  eingeführten  Fingers, 
hinter  dem  Schambeinaste  und  hinter  dem  geraden  Bauchmuskel  einen 
gespannten  Tumor  vorfinden,  wiewohl  dieser  Griff  erschwert  sein  kann, 
wenn,  wie  im  Falle  von  R  e  g  n  o  1  i,  der  geschwellte  Samenstrang  und  die 
gedehnten  Venen  desselben  eine  Schwellung  verursachen,  welche  die 
Bruchpforte  verdeckt  und  hindert,  dass  die  Scrotalhaut  noch  weiter  ein- 
gestülpt werde. 

Zu  dieser  Massenreduction  fügen  wir  noch  eine  zweite  Unterart, 
welche  während  der  Herniotomie  sich  ereignen  kann,  die  also  ausschließ- 
lich durch  das  Zuthun  des  Chirurgen  entsteht,  weswegen  auch  ihr  Ent- 
stehen ein  umso  größerer  Fehler  ist,  als  es  Hilfsmittel  und  Erkennungs- 
zeichen zur  Genüge  gibt,  um  den  Bruch  in  richtiger  Weise  zu  reducieren 
und  auch  eine  falsche  oder  richtige  Reduction  sofort  zu  erkennen.  Es  ist 
daher  immer  ein  technischer  Fehler,  und  derselbe  kommt  vor,  wenn  der 
Chirurg  nach  Durchtrennung  einer  gewissen  Anzahl  von  Schichten  der 
Meinung  ist,  dass  er  den  eingeklemmten  Bruchinhalt  vor  sich  habe,  und 
darauf  sich  stützend,  die  Bruchpforte  erweitert,  während  die  Hernie  noch 
von  einer  Schichte  bedeckt  ist  und,  wie  es  ja  bei  den  Leistenbrüchen  zu  ge- 
schehen pflegt,  gerade  in  dieser  letzten  Schichte  die  Einklemmungsursache 
liegt.  Die  Reposition  „en  masse"  ereignet  sich  umso  eher,  weil  der  Chirurg 
bei  dem  Versuche,  den  Einklemmungsring  zu  spalten,  unwillkürlich  den 
Bruchsackhals  von  seiner  Umgebung  ablöst.  Ein  solcher  Irrthum  kommt 
weiter  umso  leichter  vor,  je  öfter  die  extraperitoneale  Herniotomie  aus- 
geübt wird,  bei  welcher  ohne  Durchtrennung  des  Bruchsackes  der  Inhalt 
hinter  die  Bruchpforte  gedrängt  wird,  ohne  dass  man  wüsste,  ob  that- 
sächlich  der  einschnürende  Ring  nachgegeben  hat.  Unter  den  von  Streubel 
gesammelten  Fällen  betrafen  10  den  ersten  Mechanismus  und  3  beruhen 
auf  dem  in  zweiter  Reihe  soeben  angeführten  Irrthume.  Diese  unangenehme 
Thatsache  kommt  sowohl  bei  Leisten-  als  auch  bei  Schenkelbrüchen  vor. 
Ihr  Vorkommen  wird  in  der  letzten  Zeit  immer  seltener  und  seltener,  da 
die  extraperitoneale  Herniotomie  nahezu  vollständig  aufgegeben  ist.  Gegen 
den  zweiten  Irrthum  kann  man  sich  nur  durch  die  Erfahrung  schützen, 
jedoch  muss  bemerkt  werden,  dass  auch  bei  ausgedehnter  Erfahrung  es 
ab  und  zu  recht  schwierig  ist,  zu  entscheiden,  ob  die  dem  Operateur 
vorliegende  Schichte  bereits  der  Bruchinhalt  oder  noch  der  Bruchsack 
ist,  insbesondere  dann,  wenn  die  letzte  Schichte  mit  dem  Inhalte  flächen- 
haft  verwachsen  ist. 


380 


Ül)er  die  Scheinreduction. 


Eine  weitere  Abart  der  Massenreduction  ist,  wie  bereits  erwähnt,  die, 
wo  der  Bruchinhalt  theilweise  oder  zur  Gänze  in  eine  peritoneale  Aus- 
stülpung reponiert  wird,  welche  bereits  präformiert,  sehr  oft  congenital, 
in  Ausnahmsfällen  aber  auch  erworben  sein  kann.  Dieses  Ereignis  wurde 
bisher,  zwei  Fälle  ausgenommen,  nur  bei  äußeren  Leistenhernien  beob- 
achtet und  unterscheidet  sich  von  manchen  besonders  unvollständigen 
en-bloc-Repositionen  dadurch,  dass  die  secundäre  Ausstülpung  des  Bruch- 
sackes sich  hinter  dem  Leistencanal  und  vor  dem  Bauchfell  befindet,  in 
welche  demnach  der  Bruchinhalt  eingeschoben  wird,  oder  in  welcher  der 
eigene  Inhalt  unreponiert  verbleibt,  während  die  äußere  Ausstülpung,  weil 
ihr  Inhalt  nicht  eingeklemmt  war,  richtig  entleert  wurde.  Solcher  Fälle 
sammelte  bereits  Streubel  14,  von  denen  sich  12  auf  Leisten-  und  2  auf 
Schenkelbrüche  beziehen;  in  allen  diesen  14  Fällen  wurde  die  Section 
gemacht  und  gerade  durch  diesen  Umstand,  nämlich  durch  die  gründliche 
anatomische  Analyse,  sind  wir  genau  über  den  Mechanismus  dieses  Ereignisses 
unterrichtet  worden  und  haben  hiedurch  wertvolle  Winke  erhalten,  wie 
wir  uns  bei  einem  derartigen  Falle  verhalten  sollen. 

Wenn  wir  an  dieser  Stelle  die  durchaus  verlässlichen  Angaben 
StreubeTs  über  diese  Abart  der  Massenreduction  eitleren  würden,  so 
würde  der  Leser  vielleicht  die  Grundzüge  der  Lehre  von  den  properitonealen 
Leistenhernien  erkennen,  welche  wir  an  einer  anderen  Stelle  angeführt 
haben.  Wir  weisen  demnach  auf  das  bereits  Gesagte  hin  und  ergänzen  hier 
nur  die  dort  gemachten  Angaben  dadurch,  dass  der  präformierte  Ring  nach 
verschiedener  Richtung  von  der  ßruchpforte  hin  liegen  kann  und,  wie  wir 
bereits  berichtet,  auch  in  verschiedener  Tiefe,  nämlich  als  Hernia  inguino- 
properitonealis  zwischen  Bauchfell  und  Fascia  transversa  oder  als  Hernia 
inguino-interstitialis  zwischen  äußerem  und  innerem  schiefen  Bauchmuskel. 

Von  unserem  Standpunkte  fassen  wir  sowohl  die  properitonealen  als 
auch  die  intraparietalen  Brüche  als  congenitale  Missbildung  auf,  als  eine 
Art  Ektopie  des  Processus  vaginalis  peritonei.  und  bemerken,  dass  dieselbe 
sehr  oft  von  einem  gehemmten  Abstieg  des  Hodens  begleitet  wird.  Wir 
wollen  an  dieser  Stelle  nur  bemerken,  dass  schon  P  ari  se  dachte,  dass  seiner 
eigenen  und  der  Beobachtung  H  ei  n u 's  nach  es  sich  in  solchem  Falle  um 
eine  besondere  Abart  der  Leistenhernie  handelte,  welche  er  die  Hernia  inguinalis 
intrailiaca  oder  die  Hernia  inguinalis  media  ante-vesicalis  benannte  und 
bei  welcher  das  Beiwort  die  Lage  der  peritonealen  Tasche  bezeichnet.  Er 
sah  in  diesen  Hernien  eine  primäre  Anomalie  in  der  Bildung  des  Bruch- 
sackes, in  welcher  Beziehung  er  insofern  Recht  hat.  dass  bei  gestörtem 
Abstiege  des  Hodens  die  betreffenden  Bauchfelltaschen  sich  ausbilden. 
Schon  Birkctt  hat  den  Namen  „Hernia  inguinalis  intraparietalis"  vor- 
geschlagen und  zwei  Classen  hievon  unterschieden,  je  nachdem  das  obere 
Loculament  entweder  in  der  oberen  oder  in  der  unteren  Partie  der  Bauch- 


über  die  Scheinreduction. 


381 


wand  gelegen  war:  Birkett  hat  später  auch  die  anatomische  Angabe 
gemacht,  dass  diese  intraparietalen  Brüche  zwischen  dem  Bauchfell  und 
der  Fascia  transversa  gelegen  sind. 

Die  Forschung  nach  dem  Mechanismus  der  scheinbaren  Reduction 
einer  äußeren  Hernie  in  eine  angeborene  properitoneale  oder  intraparietale 
Bauchfelltasche  hinein  sollte  also  eigentlich  in  eine  Forschung  über  den 
Ursprung  dieses  präformierten  Raumes  umgewandelt  werden,  demnach  bis  in 
die  fötale  Periode  zurückgreifen.  Man  muss  jedoch  in  den  freilich  wenig  zahl- 
reichen Fällen  von  solchen  erworbenen  Bauchfelltaschen  auch  darauf  bedacht 
sein,  wie  diese  entstehen  könnten  und  wie  die  Scheinreduction  in  dieselben 
bewerkstelligt  werden  könnte.  Hiebei  ist  es  äußerst  interessant,  zu  verfolgen, 
wie  sich  Streubel  dieser  Aufgabe  entledigte.  Er  sagte  in  dem  schon  häufiger 
citierten  Werke: 

„Wenn  sich  der  Bruchsackhals  einmal  in  der  Gegend  des  inneren 
Leistenringes  organisiert  hat,  d.  h.  narbig  geschrumpft  ist.  so  pflegt  er  bei 
den  Repositionsversuchen  vom  inneren  Leistenringe  abgedrängt  zu  werden, 
und  wenn  dies  häufiger  geschieht,  so  kann  unter  diesem  narbigen  Ringe 
oder  peripher  von  ihm  eine  zweite  Ausstülpung  entstehen,  welche  anfangs 
■noch  beim  Nachlassen  des  Druckes  sich  ausgleicht,  endlich  aber  doch 
stabilisiert  wird  und  mit  dem  Peritoneum  parietale  verwächst;  so  eine 
peritoneale  Ausstülpung  kann  bis  Ellen  Darm  enthalten,  wie  im  Falle 
von  Lehmann.  Zwischen  einem  derartigen  properitonealen  Räume  und 
der  übrigen  Bauchhöhle  finden  wir  demnach  ein  doppeltes  peritoneales 
Blatt  gespannt,  wie  ein  zweites  Zwerchfell,  welches  die  hypogastrische 
Abtheilung  des  Bauches  von  dem  übrigen  Bauchraume  trennt.  Die  Entstehung 
und  die  Aufrechterhaltung  einer  solchen  Ausstülpung  wird  durch  das  Tragen 
von  schlechten  Bracherien  unterstützt,  aber  auch  ohne  jeden  äußeren  Druck 
kann  eine  solche  secundäre  Ausstülpung  bei  gestörtem  Descensus  testiculi 
zustande  kommen.  Wenn  der  Testiculus  entweder  in  der  Gegend  des 
inneren  Leistenringes  oder  im  Verlaufe  des  Leistencanals  stecken  bleibt, 
so  können  die  eindringenden  Därme  diesen  Processus  vaginalis  peritonei 
ausstülpen,  und  zwar  entweder  seitlich  oder  auch  nach  abwärts  vom  inneren 
Leistenringe.  Die  Folge  der  Entwickelung  beider  dieser  Räume  ist  ver- 
schieden: entweder  entwickelt  sich  zuerst  die  properitoneale  Ausstülpung 
und  dann  erst  die  im  Leistencanal  befindliche,  oder  umgekehrt.  Pessier 
erklärt  das  Entstehen  solcher  peritonealer  Taschen  dadurch,  dass  der  pro- 
peritoneale Raum  eigentlich  ein  alter  Bruchsack  ist,  welcher  ursprünglich 
im  Schenkelcanal  lag,  sich  sodann  wieder  in  die  Bauchhöhle  zurückstülpte, 
worauf  das  Bauchfell  wieder  an  einer  neuen  Stelle  gedehnt  wurde  und 
hiedurch  neben  dem  bereits  bestehenden  properitonealen  Sacke  sich  peripher 
ein  neuer  Bruchsack  entwickelte.  Da  der  Bruchsack  häufig  genügend  ge- 
räumig ist,  so  beobachten  wir  nicht  eben  oft  eine  wirkliche  Einklemmung, 


382 


über  die  Scheinreduction. 


sondern  der  Inhalt  der  peripheren  Tasche  pflegt  in  die  central  gelegene 
hineingeschoben  zu  werden,  ohne  dass  Zeichen  der  Einklemmung  auftreten 
würden:  solche  können  doch  auftreten,  wenn  die  Darmschlingen  gewaltsam 
in  die  obere  Einstülpung  eingepresst  oder  bei  Repositionsversuchen  mit 
Gewalt  geknickt  werden.  In  einem  solchen  Falle  tastet  der  Finger  nach 
Er(»fFnung  des  Bruchsackes  die  Darmschlingen  im  oberen  Loculament, 
erreicht  aber  nicht  die  Wand  desselben  oder  den  Bruchsackhals,  so  dass 
der  Operateur  denkt,  er  befinde  sich  mit  dem  Finger  in  der  Bauchhöhle, 
dass  daher  alles  in  bester  Ordnung  ist  und  dass  die  Erscheinungen  der 
Einklemmung  auf  irgend  eine  innere  Incarceration  bezogen  werden  müssen, 
welche  nicht  erreichbar  ist.  daher  nicht  beseitigt  werden  kann,  oder  dass 
eine  Entzündung  des  Bauchfells  mit  im  Spiele  ist." 

Dies  ist  allerdings  der  Standpunkt  des  Chirurgen  der  vorantisep tischen 
Zeit:  in  unserer  Zeit,  wo  jede  innere  Einklemmung,  wenn  der  Kranke 
nicht  eben  in  den  letzten  Zügen  ist,  einer  chirurgischen  Therapie  unter- 
zogen wird,  welche  darin  besteht,  dass  die  Bauchhöhle  breit  eröffnet  und 
eventuell  der  Inhalt  vollständig  herausgewälzt  wird,  unter  diesen  modernen 
Cautelen  »kann  also  wohl  die  Erkennung  der  thatsächlichen  Verhältnisse 
nicht  fehlen.  In  einem  anderen  Falle  kann  es  dagegen  wohl  geschehen, 
dass  eine  kleinere  Darmschlinge  in  die  obere  Ausstülpung  hineinschlüpft, 
später  aber  ein  größeres  Schlingenconvolut  in  das  periphere  Loculament: 
nach  Reposition  dieser  letzteren  Schlingen  dringt  der  Finger  in  die  Bauch- 
höhle, berührt  hiebei  gar  nicht  die  central  gelegene  Ausstülpung  und  die 
in  dieselbe  hineindringende  Schlinge,  so  dass  dieselbe  vollständig  übersehen 
wird  und  in  diesem  Räume  verbleibt,  worauf  natürlich  die  Passagestörung 
in  der  Bewegung  des  Darminhaltes  fortbesteht.  Dies  geschieht  besonders 
häufig  dann,  wenn  das  angewachsene  Netz  oder  der  retinierte  Hode  den 
Zutritt  in  das  obere  Loculament  verlegt.  Die  Erscheinungen  solcher  Hernien, 
wenn  sie  eingeklemmt  werden,  differieren  natürlicherweise  kaum  von  den 
Erscheinungen  anderer  Darmeinklemmungen.  höchstens  da,  wo  der  Processus 
vaginalis  peritonei  leer  gefunden  wird  oder  auch  mit  seröser  Flüssigkeit 
gefüllt  ist,  während  man  in  allerdings  seltenen  Fällen  den  gefüllten  centralen 
Bruchsack  durch  die  Bauchdecken  tasten  kann. 

Als  zweite  Gruppe  der  Scheinreduction  haben  wir  die  falsche 
Reduction  bezeichnet,  worunter  wir  die  Reposition  in  einen  unrichtigen 
Raum  verstehen,  unrichtig  insofern,  als  in  ihm  ohne  Einklemmung  Bauch- 
eingeweide nie  getroffen  werden,  oder  ein  Raum,  welcher  weder  die  Bauch- 
höhle ist,  noch  ein  Derivat  derselben,  sondern  ganz  außerhalb  der  letzt- 
genannten Höhle  gelegen  ist,  demnach  ein  künstlich  gebildeter  Raum,  welcher 
von  gar  keiner  Serosa  ausgekleidet  wird. 


über  die  Scheinreduction. 


383 


Auch  dieses  Ereignis  kann  entweder  subcutan  oder  bei  der  blutigen 
Reposition  einer  eingeklemmten  Hernie  vorkommen,  also  sowohl  bei  der 
Taxis,  als  bei  der  Herniotomie. 

Bei  der  Taxis  ereignet  sich  eine  Repositio  falsa  dann,  wenn  durch 
unmäßigen  Gebrauch  von  Gewalt  der  Bruchsack  zerreißt  und  der  Bruch- 
inhalt durch  den  Bruchsackriss  in  einen  außerhalb  des  Sackes  gelegenen 
Raum  hineingepresst  wird,  welcher  erst  durch  das  Einpressen  der  SchHngen 
gebildet  wird;  dieser  Raum  kann  entweder  unterhalb  oder  auch  scheinbar 
central wärts  von  der  Bruchpforte  gelegen  sein,  jedenfalls  liegen  aber  die 
Darmschlingen  in  einem  Räume,  aus  welchem  sie  in  die  Bauchhöhle  nur 
wieder  durch  die  Bruchpforte  hindurch  hineingelangen  können.  An  einem 
Beispiele  erläutert,  kann  nämlich  ein  Scrotalbruch  nach  geschehenem  Risse 


Fiij.  'Jl.  lU(j.  92. 

Bruchsackriss,  Reductio  falsa  in  tbssam  Bruchsackriss,  Repositio  falsa  in  fossam 

iliacam  (von  innen  gesehen!.  iliacam  (von  außen  gesehen). 

des  Bruclisackes  entweder  zwischen  den  coUabierten  Bruchsack  und  die 
übrigen  Scrotalhüllen  liineingezwängt  werden,  oder  es  kann  auch  ge- 
schehen, wie  ein  auf  unserer  Klinik  beobacliteter  Fall  lehrt,  von  dem 
auch  zwei  Abbildungen  vorstehend  (Fig.  91  und  92)  beigefügt  sind,  dass 
die  Darmschlingen  durch  den  Riss  des  Bruchsackes  in  einen  sehr  weiten 
Leistencanal  und  von  da  in  das  subperitoneale  Zellgewebe  der  Darmbein- 
grube hineingepresst  werden.  Der  Riss  liegt  daher  stets  unterhalb  des 
einklemmenden  Ringes;  denn  würde  der  Riss  in  den  Einklemmungsring 
selbst  hineinreichen,  dann  wäre  eben  die  Einklemmung  an  sich  schon  be- 
hoben; übrigens  ist  natürlich  der  Sitz  des  Risses,  ob  auf  der  hinteren 
oder  vorderen  oder  seitlichen  Oberfläche  des  Bruchsackhalses  oder  des 
Bruchsackes,  nicht  im  voraus  bestimmt. 

Bei  der  Herniotomie  dagegen  ereignet  sich  dieses  Verhängnis  dann, 
wenn  bei  intraperitonealer  Herniotomie  der  incarcerierende  Ring  in  richtiger 


384 


über  die.  Sclieinreduction. 


Weise  eingeschnitten  wird  und  wenn  durch  die  Incision  desselben  die  Darm- 
schlingen aus  dem  Bruchsacke  in  einen  neben  demselben  oder  neben  der 
Bauchhöhle  gelegenen  Raum  hineingepresst  werden,  wiewohl  es  auch  nicht 
ausgeschlossen  ist,  dass  dieselben  durch  den  Riss  zwischen  die  einzelnen 
Schichten  der  vorderen  Bauchwand  eingezwängt  werden.  Es  ist  dies  also 
abermals  ein  Fehler  des  Operateurs,  welcher  durch  den  bekannten  GrifP 
mit  dem  Finger  sich  nicht  überzeugt  hat.  dass  die  Reposition  richtig  und 
vollständig  war.  Es  kann  natürlich  auch  eine  Abart  dieser  Thatsache  dadurch 
hervorgebracht  werden,  dass  beim  Debridement  nur  scheinbar  der  Incar- 
cerationsring  gelöst  wurde,  während  nur  eigentlich  eine  schmale  Stelle 
des  Bruchsackhalses  eingeschnitten  ward  und  der  Incarcerationsring  un- 
berührt blieb,  worauf  natürlich  die  Darmschlinge  außer  der  falschen 
Reposition  auch  noch  incarceriert  bleibt. 

Wie  aus  dem  Vorhergehenden  klar  hervorgeht,  kann  bei  einer  falschen 
Reposition  sowohl  bei  der  Taxis  als  bei  der  Herniotomie  die  Incarceration 
schon  beseitigt  sein  oder  sie  kann  weiterbestehen.  Es  ist  aber  offenkundig, 
dass  auch  im  ersteren  Falle  die  Circulation  des  Darminhaltes  nicht  frei  ist. 
weil  um  den  Rand  des  Risses  oder  der  Incision  die  Darmschlingen  abgebogen, 
geknickt  sind,  wozu  auch  ferner  der  Umstand  hinzutreten  kann,  dass,  wenn 
die  abnorme  Öffnung  im  Bruchsacke  ganz  klein  ist,  in  dieser  eine  aber- 
malige oder  zweite  Einklemmung  stattfinden  kann.  Die  Compression  einer 
Darmschlinge  in  einer  solchen  abnormen  Öffnung  kann  so  scharf  sein,  dass 
ein  oder  beide  Schlingenschenkel  durch  den  Rand  derselben  wie  mit  einem 
Messer  entzweigeschnitten  sind,  wie  ein  Fall  des  Verfassers  zweifellos  lehrt. 

Es  können  demnach  nach  einer  falschen  Reposition  die  bisher  be- 
stehenden Symptome  einer  Incarceration  entweder  in  gleicher  Intensität 
andauern  oder  sie  können  auf  einige  Zeit  nachlassen,  um  im  mittleren 
Grade  wieder  aufzutreten  und  eventuell  sich  wieder,  und  zwar  bis  zu  einem 
bedenklichen  Grade  zu  steigern.  Es  kann  also  bei  einem  solchen  Ereignis 
die  drohende  Gefahr  einer  Darmgangrän  und  die  von  derselben  ausgehenden 
Symptome  eines  Strangulationsileus  weiter  bestehen  oder  auch  beseitigt 
sein,  es  können  jedoch  im  letzteren  Falle  auch  neue  Erscheinungen,  und 
zwar  die  der  Darmknickung,  also  eines  Obturationsileus  hervorgebracht 
werden. 

Die  Behandlung  eines  solchen  Missgeschickes  ist  ganz  dieselbe  wie 
die  einer  Reposition  en  masse.  Auch  hier  muss  man  bei  dem  geringsten 
Verdachte  auf  eine  Repositio  falsa,  die  häufig  genug  von  einer  Massen- 
reduction  kaum  zu  unterscheiden  ist,  ohne  Zögern  den  ganzen  Bruchcanal 
spalten  und  durch  sorgfältige  Untersuchung  sicherstellen,  welches  von  den 
beiden  Ereignissen  eingetreten  ist.  Wenn  wir  eine  falsche  Reduction  consta- 
tieren,  so  müssen  wir  selbstverständlich  die  Darmschlinge  aus  dem  unrichtigen 
Räume  hervorziehen  und  uns  sodann  überzeugen,  dass  nicht  nur  der  ganze 


über  die  Scheiureduction. 


385 


Raum,  sondern  auch  der  ganze  Riss  oder  die  Incision  vollständig  leer  ist. 
Hierauf  müssen  wir,  wie  bei  einer  regulären  Herniotoraie,  den  eventuell 
noch  nicht  eingeschnittenen  Incarcerationsring  lösen  und  den  Bruchinhalt 
in  correcter  Weise  in  die  große  peritoneale  Höhle  zurückbringen,  wenn 
der  Zustand  desselben  eine  Reposition  überhaupt  noch  zulässt. 

Die  subcutane  Ruptur  eines  Bruchsackes,  welche  wir  in  der  letzten 
Zeit  zweimal  hintereinander  beobachtet  haben,  ereignet  sich  freilich  am 
häufigsten  dann,  wenn  der  Kranke  selbst  die  Repositionsversuche  vorge- 
nommen hatte.  Ist  derselbe  durch  zahllose  vorhergehende  Taxisversuche 
überzeugt,  dass  die  Reposition  gelingt,  so  scheut  er  gar  nicht  vor  der 
Anwendung  einer  unmäßigen  Gewalt  zurück,  und  öfters  beschrieben  die 
Kranken  den  Repositionsmechanismus  derart,  dass  sie  sagten,  sie  hätten 
den  Bruch,  gewöhnlich  einen  großen  Scrotalbruch,  zwischen  die  beiden 
flachen  Hände  und  gleichzeitig  zwischen  beide  Schenkel  eingeklemmt, 
worauf  sie  plötzlich  einen  acuten  Schmerz  verspürten,  unter  welchem  der 
Sack  zerriss,  ebenso  wie  ein  Hydrocelensack,  den  der  Kranke  für  eine 
Hernie  gehalten  hat,  bei  ebensolchem  Mechanismus  zerreißen  kann,  ein 
Ereignis,  welches  wir  ebenfalls  in  der  letzten  Zeit  beobachtet  haben. 
Birkett  hat  eine  subcutane  Ruptur  des  Sackes  dreimal  beobachtet  und 
Streubel  fügte  zu  dieser  Beobachtung  drei  neue  persönliche  hinzu. 

Bei  solchen  Brüchen,  deren  Bruchsack  einen  Riss  erleidet,  pflegt 
derselbe  unterhalb  des  Halses  sehr  dünn  zu  sein,  während  der  Fundus 
fest  an  die  Unterlage  angewachsen  ist,  worauf  bei  den  Repositionsversuchen 
der  Bruchsackhals  vom  inneren  Leistenring  abgedrängt  wird  unter  gleich- 
zeitiger Zerrung  des  dünnen  Theiles,  welcher  unterhalb  des  Leistenringes 
liegt,  wo  derselbe  an  irgend  einer  Stelle  reißt  und  die  Eingeweide  in  das 
subperitoneale  Zellgewebe  austreten.  Dieser  Riss  wurde  gewöhnlich  rückwärts 
im  Sacke  beobachtet  und  der  Bruchinhalt  tritt  gewöhnlich  in  die  Darm- 
beingrube aus.  Manche  Forscher  meinen,  dass  bei  einer  solchen  Gelegenheit 
ein  Geräusch  von  reißendem  Gewebe  zu  hören  wäre,  worauf  sich  die  Hernie 
sofort  verkleinert  und  reponibel  wird,  während  wir  aber  kein  Gurren 
vernehmen.  Wenn  der  Kranke  eine  solche  falsche  Reduction  selbst  aus- 
geführt hat,  so  tasten  wir  im  Scrotum  den  leeren  Bruchsack  und  den  er- 
weiterten Leistencanal  und  nur  selten  können  wir  durch  die  Bauchwand 
hindurch  irgend  eine  gespannte  Schlinge  in  der  Tiefe  austasten.  Dagegen 
tastet  der  eingeführte  Finger  bei  der  Herniotomie  in  dem  neu  entstandenen 
Räume  Darmschlingen  und  das  parietale  Peritonealblatt  gegen  die  Bauch- 
höhle hin  vorgewölbt  und  gespannt.  Die  Schlingen  müssen  natürlich  hierauf 
hervorgezogen  und  durch  die  richtige  Öffnung  in  die  Bauchhöhle  reponiert 
werden,  was  freilich  manchmal  Schwierigkeiten  verursacht,  da  die  Rissstelle 
sehr  eng  sein  kann,  so  dass  sie  selbst  eine  secundäre  Einklemmung  herbei- 
zuführen imstande  ist.   In  der  jetzigen  Zeit,  wo  wir  bei  Hernien,  welche, 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  1.  25 


386 


Über  die  Sclieinreduction. 


wenn  auch  eingeklemmt  gewesen,  dennoch  kein  Zeichen  einer  beginnenden 
Darmgangrän  zeigen,  sofort  zur  Herniotomie  auch  die  radicale  Behandlung 
hinzufügen,  sind  derartige  Verhältnisse  wohl  nur  schwer  zu  übersehen, 
indem  wir  bei  der  radicalen  Operation  die  centrale  Bruchsackligatur  wo- 
möglich bis  in  die  Gegend  des  inneren  Leistenringes  verlegen,  nachdem 
wir  die  vordere  Wand  des  Leistencanals  gespalten  hatten;  hiebei  müssten 
wir  natürlicherweise  abnorme  Taschen  und  Darmschlingen,  welche  sich  im 
subserösen  Bindegewebe  befinden,  oder  eine  Darmschlinge,  welche  aus  dem 
Leistencanal  in  einen  subperitonealen  Raum  hineindringen  würde,  bemerken. 
Durch  die  unrichtig,  in  einen  neugebildeten  Raum,  reponierte  Darmschlinge 
wird  selbstverständlich  das  parietale  Blatt  des  Peritoneums  abgelöst,  nur 
ist  das  Bauchfell,  welches  diesen  Raum  von  der  ganzen  Bauchhöhle  trennt, 
einfach  und  nicht,  wie  bei  der  Massenreduction.  doppelt.  Im  Falle  von 
Textor  wurde  die  Darmschlinge  nach  blutiger  Lösung  des  Incarcerations- 
ringes  in  der  Gegend  des  Bruchsackhalses  in  einen  Raum,  weicher  zwischen 
dem  Bauchfell,  der  Harnblase  und  den  Bauchmuskeln  lag,  reponiert. 
Dasselbe  geschah  auch  im  Falle  von  Ouvrard.  Auch  dann,  wenn  der  Darm 
nach  —  wenn  auch  nur  scheinbarer  —  Erweiterung  des  Incarcerationsringes, 
der  bestehenden  Regel  nach  hervorgezogen  worden  ist,  müsste  der  Operateur 
erkennen,  dass  die  Reposition  durch  einen  Riss  oder  eine  Incision  in  einen 
abnormen  Raum  geschehen  ist,  und  zwar  daran,  dass  er  das  berühmte 
Manöver,  wodurch  wir  uns  überzeugen,  dass  unser  Finger  in  der  großen 
Peritonealhöhle  ist,  nicht  durchführen  könne,  und  dass  bei  abermaliger 
Revision,  d.  h.  bei  abermaligem  Vorziehen  der  Schlingen,  die  letzteren 
endlich  dem  Zuge  nicht  folgen,  zum  Zeichen,  dass  sie  noch  an  irgend 
einer  Stelle  fixiert  seien. 

Die  nächste  Abart  einer  scheinbaren  falschen  Reposition  ist  das  kreis- 
förmige Abreißen  des  Bruchsackhalses  vom  Bruchsacke,  oder  des  Incarce- 
rationsringes von  demselben  mit  Reposition  des  Bruchinhaltes  in  einen 
außerhalb  der  Bauchhöhle  gelegenen  Raum.  Die  meisten  der  Fälle,  bis  auf 
jenen  von  Lau  gier,  welche  zum  Nachweise  der  Thatsache  dieses  Vor- 
kommnisses dienen,  sind  nicht  ohne  Einwürfe.  Dagegen  wurde  in  dem 
ebenerwähnten  Falle  bei  der  Section  gefunden,  dass  ein  Ring,  ungefähr 
von  2  Zoll  Länge  und  nirgends  mit  dem  Darm  verwachsen,  den  reponierten 
Theil  der  Darmschlinge  constringierte.  Dieser  Ring,  vielmehr  Hülse,  stammte 
vom  Bruchsacke  her,  denn  man  fand  die  obere  Peripherie  des  abgerissenen 
Bruchsackes  zerfranst,  der  Bruchsack  selbst  war  zugleich  Tunica  vaginalis 
propria  testis.  Bourgerie  erzählt  von  einem  Falle,  wo  der  Incarcerations- 
ring  nicht  vom  Bruchsacke,  sondern  von  dem  Bauchfell  abriss  und  dann 
die  Darmschlingen  mit  dem  noch  einschnürenden  Ringe  in  die  Bauchhöhle 
reponiert  wurden.  Einen  beiderseitigen  Abriss,  wie  im  Falle  von  Laugier, 
können  wir  uns  nur  dann  vorstellen,  wenn  sowohl  die  innere  Öffnung  des 


über  die  Scheinreduction. 


387 


Bruchsackes  als  auch  der  Fundus  fest  an  die  Unterlage  angewachsen  sind, 
während  der  Bruchsackhals  sehr  schmal  und  fast  klappenförmig  ist.  Durch 
ein  derartiges  Ereignis  wird  ein  äußerer  Unterleibsbruch  in  einen  ein- 
geklemmten inneren  Bruch  umgewandelt  und  zur  Behebung  der  Einklemmung 
ist  entschieden  die  Laparotomie  nothwendig. 

Neben  den  bereits  angeführten  zwei  Hauptgruppen  der  scheinbaren 
Reposition  wird  noch  eine  ganze  lange  Reihe  von  einzelnen  Beobachtungen 
angeführt,  aus  denen  jedoch  nicht  größere  Gruppen  gemacht  werden  können. 
Der  Leser  wird  nach  den  angegebenen  Kriterien  wohl  selbst  im  einzelnen 
Falle  entscheiden  können,  in  welche  von  den  zwei  genannten  Gruppen  ein 
concreter  Fall  eher  einzureihen  wäre.  So  ist  es  zum  Beispiel  möglich,  den 
Bruchinhalt  zwischen  die  Muskeln,  welche  die  Bruchunterlage  bilden,  hinein- 
zudrängen, so  zum  Beispiel  den  Leistenbruch  zwischen  den  Musculus 
obliquus  abdominis  externus  und  internus,  oder  den  Schenkelbruch  zwischen 
den  Musculus  adductor  longus  und  pectineus,  freilich  so,  dass  der  äußere 
Tumor  verschwindet;  durch  wiederholte  Repositionsversuche  kann  diese 
vorübergehende  Localisation  des  Bruches  auch  dauernd  werden.  So  beschrieb 
im  Jahre  1777  Callisen  einen  Bruch,  dessen  Sack  zwischen  dem  Musculus 
pectineus  und  der  Sehne  des  Musculus  psoas  lag;  auch  da  muss  man  also 
immer  darauf  sehen,  wie  der  Stiel  des  Bruches  verläuft,  damit  das  Wesen 
desselben  richtig  erkannt  werde.  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  wir  darauf 
sehen  müssen,  ob  der  Raum,  in  welchen  der  Bruch  hineingebracht  wurde, 
die  Zeichen  eines  präformierten  Raumes  an  sich  trage  oder  nicht,  das 
heißt,  ob  er  vom  Bauchfelle  ausgekleidet  ist,  daher  irgend  eine  Abart  der 
properitonealen  Leistenhernie  bildet,  oder  ob  die  Wandungen  des  Raumes 
die  Zeichen  eines  neugebildeten  an  sich  tragen;  hiebei  soll  nicht  verkannt 
werden,  dass  eine  solche  Untersuchung  bei  länger  bestehenden  Brüchen 
dieser  Art  nicht  eben  leicht  auszuführen  ist.  Der  positive  Nachweis  einer 
Membran  mit  Endothelbelag  an  ihrer  Innenseite  spricht  allerdings  für  einen 
präformierten,  mit  Bauchfell  ausgekleideten  Raum. 

Engel  beschrieb  einen  Fall  von  „Hernia  tunicse  vaginalis  communis"; 
er  fand  nämlich  vor  dem  inneren  Leistenringe  einen  Sack,  welcher  aus 
der  Tunica  vaginalis  communis  bestand,  weiter  aus  dem  Bruchsacke, 
welcher  von  einer  4  Zoll  langen  Darmschlinge  erfüllt  war.  Der  Kranke 
ist  bereits  wegen  einer  Brucheinklemmung  operiert  worden,  und  Engel 
hielt  die  ganze  Sache  für  eine  unrichtige  Reposition.  Da  aber  gleichzeitig 
die  Angabe  gemacht  wird,  dass  die  Tasche  bis  zur  hinteren  Fläche  des 
Foramen  obturatum  reichte,  zwischen  dem  Bauchfell  und  der  Beckenfascie 
lag,  so  ähnelt  diese  Bruchart  einer  inguino-properitonealen  Hernie  mit  der 
Entwickelung  nach  abwärts  ins  kleine  Becken. 

Ein  weiterer  Fall  von  scheinbarer  Reduction  kann  bei  vielfachen 
Bruchsäcken  geschehen,  welche  entweder  neben-  oder  übereinander  liegen. 

25* 


388 


Über  die  Scheinreduction. 


Solche  Bruchsäcke  haben  das  gemeinschaftliche  Merkmal,  dass  sie  unter- 
einander zusammenhängen.  Sie  wurden  schon  von  Arn  au  d,  nachher  von 
Horn,  Sandyfort,  Scarpa  und  anderen  beschrieben.  Übereinander 
liegende  Bruchsäcke  wurden  bisher  am  häufigsten  beim  Leistenbruche  beob- 
achtet, aber  auch  ab  und  zu  beim  Schenkelbruche,  und  entstehen  dadurch, 
dass  der  Bruchsackhals  einer  Hernie,  die  in  der  Bruchpforte  lag  und  durch 
eine  narbige  Degeneration  bedeutend  stenosiert  wurde,  durch  vehemente 
Anstemmung  der  Bauchpresse  nach  außen  vorgeschoben  wird,  worauf  sich 
der  peritoneale  Trichter  über  dieser  Verengung  abermals  ausweitet  und 
einen  neuen  Bruchsack  bildet.  Ob  nun  zwei  oder  drei  solche  Räume  über- 
einanderliegen,  immer  mündet  der  centralst  gelegene  in  die  Bauchhöhle. 
Solche  übereinanderliegende  Bruchsackloculamente  können  aber  auch  Über- 
bleibsel aus  der  fötalen  Zeit  sein  und  sind  dann  als  solche  ein  schönes 
charakteristisches  Merkmal  eines  angeborenen,  besonders  also  äußeren  Leisten- 
bruchsackes. Es  ist  nämlich  möglich,  dass  zwar  der  Bruchsack  an  keiner  Stelle 
vollständig  verwächst,  aber  dass  in  Form  von  Verengerungen  die  deutliche 
Tendenz  zum  Verwachsen  des  Inneren  documentiert  wird.  So  können 
sämmtliche  Stenosen,  welche  die  einzelnen  Bruchsackabtheilungen  von- 
einander scheiden,  fötalen  Ursprunges  sein,  oder  es  kann  eigentlich  nur 
eine,  die  peripherste  zum  Beispiel,  davon  ursprünglich  im  Leistencanal 
gelegen  sein,  worauf  dieselbe  durch  denselben  Mechanismus,  wie  die  verengte 
Stelle  eines  erworbenen  Bruchsackhalses,  durch  die  Bauchpresse  nach  ab- 
wärts verschoben  werden.  Solche  verengte  communicierende  Stellen  eines 
Bruchsackes  können  alle  gleichzeitig  Sitz  einer  Einklemmung  werden, 
gewöhnlich  aber  geht  die  Einklemmung  an  einer  dieser  Stenosen  voraus, 
worauf  sich  nacheinander  Einklemmungen  auch  in  den  übrigen  einstellen. 
Wenn  durch  congestive  Schwellung  einer  incarcerierten  Schlinge  ein  Exsudat 
geliefert  wird,  so  kann  sich  dasselbe  im  untersten,  periphersten,  früher  leeren 
Loculament  ansammeln  und  wir  haben  übereinander  eine  eingeklemmte  Hernie 
und  darunter  eine  Schwellung,  die  das  Aussehen  einer  Hydrocele  hat;  es  kann 
aber  auch  geschehen,  dass  sich  der  Bruch  am  Übergange  eines  peripheren 
Loculamentes  in  ein  centrales  ereignet,  worauf  in  das  letztere  noch  ein 
zahlreiches  Schlingenconvolut  eindringen  kann.  Beim  Bestände  von  In- 
carcerationserscheinungen  kann  es  nun  vorkommen,  dass  wir  nach  Re- 
position des  Inhaltes  der  centralen  Abtheilung,  und  zwar  unter  Gurren  und 
Verkleinerung  der  Bruchgeschwulst,  meinen,  die  Einklemmung  behoben 
zu  haben,  während  eine  Einklemmung  einer  einzelnen  Schlinge  am  Über- 
gange aus  dieser  centralen  in  die  darunter  liegende  periphere  Abtheilung 
fortbestehen  kann.  Es  ist  jedoch  auch  möglich,  dass  eine  Darmschlinge 
bis  in  die  periphere  Abtheilung  herabsteigt  und  dass  sie  sich  am  Eintritte 
in  beide  einklemmt;  da  könnten  wir  durch  Entleerung  des  peripheren  in 
den  centralen  Sack  die  Einklemmung  für  behoben  halten,  weil  die  Schwellung 


über  die  Scheinreduction. 


389 


in  der  peripheren  Abtheilung  schwindet,  während  die  Schwellung  im  Ein- 
gange in  die  centrale  Abtheilung  fortbestehen  kann.  Es  ist  jedoch  auch 
die  Möglichkeit  gegeben,  dass  der  sich  ausdehnende  centrale  Sack  den 
peripheren  vollständig  deckt  und  dass  die  Öffnung,  mittelst  welcher  die 
beiden  Säcke  miteinander  communicieren,  in  der  Mitte  der  hinteren  Wand 
des  oberen  Sackes  liegt.  Dann  können  wir  allerdings  den  größten  Theil 
der  Bruchgeschwulst  reponieren,  ohne  die  Einklemmung  behoben  zu  haben 
und  ohne  peripher  von  dem  centralen  Sacke  eine  noch  weiter  bestehende 
Geschwulst  zu  tasten.  Bei  einem  angeborenen  Bruche  mit  mehrfachen  Unter- 
abtheilungen können  wir  beim  Eindringen  des  Darmes  in  die  Tunica 
vaginalis  propria  testis  die  Bruchgeschwulst  für  eine  Hodenschwellung 
ansehen,  wodurch  eine  für  den  Kranken  funeste  Verwechslung  stattfinden 
kann. 

Von  den  nebeneinander  liegenden  Bruchsäcken  können  beide  Bruch- 
säcke erworben  sein,  oder  einer  davon  ist  erworben  und  der  andere  an- 
geboren. Demmeaux  erklärte  den  Mechanismus  dieser  Brüche  offenbar 
ganz  richtig  derart,  indem  er  sagte,  dass  in  einem  solchen  Falle  der  Bruch- 
sackhals mit  seiner  Umgebung  nur  an  einer  Stelle  zusammenhängt,  während 
der  übrige  Theil  derselben  frei  ist.  Beim  Andrängen  von  Darmschlingen 
kann  eben  dieser  freie  Theil  ausgestülpt  werden,  während  der  verwachsene 
Theil  an  seiner  Stelle  bleibt.  Der  neugebildete  Sack  lagert  sich  neben  dem 
bereits  bestehenden,  und  zwar  entweder  vor  oder  hinter  ihm,  entweder 
auf  der  einen  oder  auf  der  anderen  Seite.  Dieser  Mechanismus  scheint 
identisch  zu  sein,  mag  der  primäre  Sack  angeboren  oder  erworben  sein. 
Da  bei  einem  solchen  Ereignisse  die  Verengerung  des  Halses  eines  bestehenden 
Bruchsackes  eine  Prädisposition  zur  Entstehung  eines  secundären  abgibt, 
so  finden  wir  häufig,  dass  der  primäre  Sack  leer  ist.  während  die  Darm- 
schlinge in  den  secundären  eindringt.  In  solchen  Fällen  ist  allerdings  eine  un- 
richtige Reposition  nicht  eben  leicht,  außer  dann,  wenn  dennoch  auch  in  dem 
primären  Sacke  eine  kleine  Darmschlinge  vorgefallen  wäre,  welche  ein- 
geklemmt bleiben  könnte,  auch  wenn  der  Inhalt  des  secundären  Sackes 
in  richtiger  Weise  in  die  Bauchhöhle  zurückgeschoben  worden  ist.  Wenn 
zwei  solche  Säcke  nebeneinander  liegen  und  der  eine  davon  mit  seröser 
Flüssigkeit  gefüllt  ist,  so  kann  es  geschehen,  dass  wir  nach  Eröffnung 
eines  der  Säcke  denken,  die  ausfließende  Flüssigkeit  sei  bereits  das  Bruch- 
wasser und  die  in  diesem  Sacke  sichtbar  werdende  Wand  der  Darm, 
besonders  dann,  wenn  diese  Wand  sehr  dünn  ist,  genau  an  den  Darm 
anliegt,  und  wenn  aus  dem  als  Darm  eröffneten  secundären  Sacke  eine 
fäcaloid  riechende  —  durch  Gangrän  des  in  diesem  Sacke  enthaltenen 
Darmes  entstandene  —  Flüssigkeit  herausfließt.  Dieses  —  für  Darminhalt 
gehaltene  —  Bruchwasser  kann  uns  in  der  unrichtigen  Annahme,  dass 
der  Darm  eröffnet  ist,  bestärken  und  wir  übersehen  den  wirklichen  Darm. 


390 


über  die  Scheinreduction. 


Weiter  kann  eine  unrichtige  Reposition  geschehen,  wenn  mehrere 
Bruchsäcke  bestehen,  von  denen  einer  wegen  seines  geringen  Umfanges 
übersehen  wird  und,  wiewohl  gerade  er  der  Sitz  der  Einklemmung  ist, 
nicht  entleert  wird.  Solche  Fälle  kommen  vorwiegend  bei  Leistenbrüchen 
vor,  bei  denen  schon  Malgaigne  unter  319  Fällen  186  beiderseitige 
constatiert  hat.  Die  Einklemmung  von  mehreren  oder  wenigstens  zwei 
Brüchen  ist  kein  besonders  seltenes  Ereignis,  da  Streubel  in  30  Jahren 
15  Fälle  hievon  beobachtete;  übersehen  werden  von  mehrfachen  Brüchen 
besonders  solche,  von  denen  der  Kranke  selbst  eigentlich  gar  keine 
Kenntnis  hat  oder  deren  Bruchsack  so  geringfügig  ist,  dass  er  außen 
gar  nicht  wahrzunehmen  ist,  ja  dass  er  nicht  einmal  durch  Betasten  sicher- 
gestellt werden  kann.  Es  empfiehlt  sich  daher,  in  einem  jeden  Falle  von 
Brucheinklemmung  die  symmetrische  Gegend  zu  untersuchen,  und  wenn 
auch  nur  eine  geringe  Empfindlichkeit  oder  geringe  Schwellung  derselben 
beständen,  sie  auch  operativ  zu  revidieren ;  bei  weitem  seltener  als  die 
Einklemmung  von  symmetrischen  Brüchen  ist  die  Incarceration  von  zwei 
Brüchen  auf  derselben  Seite,  besonders  wenn  die  Bruchpforten  nahe  an- 
einanderliegen :  da  kann  ein  kleiner  Bruch  leicht  übersehen  werden,  vor- 
nehmlich wenn  er  früher  durch  einen  größeren  Bruch  maskiert  worden  war, 
dessen  Reposition  endlich  doch  gelang.  Es  kann  daher  sehr  leicht  ein 
kleiner  Schenkelbruch  übersehen  werden,  wenn  er  von  einem  größeren 
Leistenbruche  bedeckt  ist,  oder  (bei  Frauen)  umgekehrt,  wenn  ein  größerer 
Schenkelbruch  einen  kleineren  Leistenbruch  verdeckt,  und  das  umso  eher, 
als,  wenn  auch  nach  der  Reposition  Zeichen  der  Einklemmung  weiter- 
bestehen, jeder  Chirurg  leicht  verführt  ist,  eher  an  eine  innere  Ein- 
klemmung oder  an  eine  Scheinreduction  zu  denken,  als  an  eine  Ein- 
klemmung in  der  unmittelbarsten  Nachbarschaft  des  reponierten  Bruches. 
Ahnlicher  Complicationen  gibt  es  mehrere  Arten. 

Es  kann  aber  auch  geschehen,  dass  die  Zeichen  der  Einklemmung 
zwar  unzweifelhaft  sind,  aber  eine  Hernie  für  eine  andere  gehalten  wird, 
was  namentlich  bei  der  Hernia  obturatoria  geschehen  kann,  bei  welcher 
selbst  Grub  er  eine  Verwechslung  mit  einer  Schenkelhernie  unterlief  und  wo 
erst  nach  Eröffnung  des  leeren  Schenkelcanales  der  Operateur  zur  Aufhebung 
des  Musculus  pectineus  und  zur  Untersuchung  der  Gegend  unter  diesem 
Muskel  geführt  wurde,  worauf  er  eine  eingeklemmte  Hernie  des  eiförmigen 
Loches  entdeckte.  Eine  ähnliche  Verwechslung  kann  auch  geschehen  bei  dem 
epigastralen  Bruche  in  der  unmittelbaren  Nähe  von  umfänglicheren  Nabel- 
hernien. G  i  n  z  und  W  r  i  s  b  e  r  g  beschrieben  schon  ähnliche  Fälle,  und 
Sömmering,  welcher  des  genaueren  die  Hernien  „linese  albse  in  vicinio 
umbilici"  beschrieb,  hat  auch  zur  allgemeinen  Kenntnis  gebracht,  dass  sich 
solche  Hernien  sehr  leicht  mit  den  wirklichen  Nabelhernien  der  Kinder 
vergesellschaften.    Wenn  in  einem  solchen  Falle   eine  kleine  epigastrale 


über  die  Scheinreduction. 


391 


Hernie  eingeklemmt  wird,  so  sucht  jeder  natürlicherweise  die  Ursache  eher 
in  dem  umfänglicheren  Nabelbruche  und  kann  die  wirkliche  Einklemmung 
übersehen;  ähnliche  Fälle  können  auch  bei  den  Nabel-  und  Epigastral- 
hernien  der  Erwachsenen  geschehen.  Eine  weitere  Nebengruppe  wird  von 
den  gleichzeitig  sich  entwickelnden  äußeren  und  inneren  Leistenhernien 
auf  derselben  Seite  gebildet:  wenn  der  größere  innere  Leistenbruch  äußerlich 
sichtbar  und  der  äußere  interstitiell  gelagert  ist  und  der  letztere  einge- 
klemmt wird,  während  man  den  ersten  zu  reponieren  vermag,  so  könnte 
man  leicht  zu  dem  Schlüsse  gelangen,  dass  hiedurch  die  Einklemmungs- 
affaire  überhaupt  erledigt  ist;  in  einem  solchen  Falle  gewährt  immer 
nur  eine  gründliche  Untersuchung  sämmtlicher  Bruchpforten  eine  Sicherung 
gegen  die  sich  vielleicht  gleichzeitig  vorfindenden  häufigeren  Combi- 
nationen.  die  eben  angeführt  wurden.  Desgleichen  aber  auch  für  den 
Fall,  dass  wir  bei  der  Operation  einer  Hernie,  welche  wir  für  eingeklemmt 
gehalten  hatten,  keine  örtlichen  bestätigenden  Zeichen  dieser  Vermuthung 
vorfinden,  oder  dass  nach  Reposition  eines  scheinbar  eingeklemmt  gewesenen 
Bruches  die  Erscheinungen  der  Einklemmung  weiter  andauern.  Dass  in 
solchen  Fällen  auch  eine  Untersuchung  per  vaginam  und  per  anum  noth- 
wendig  ist,  erscheint  umso  einleuchtender,  als  wir  ja  anatomische  Abarten 
von  Hernien  angeführt  haben,  bei  welchen  sich  die  Eingeweide  in  den 
Scheiden-  und  Mastdarmraum  vorwölben. 

Ein  andermal  kann  sich  eine  scheinbare  Reposition  bei  einer  voll- 
ständigen Taxis  ereignen;  dies  geschieht  am  häufigsten  bei  umfänglichen 
Leistenhernien  des  Leistencanals,  bei  denen  zwar  durch  die  Taxis  der 
größte  Theil  des  Bruchinhaltes  in  die  Bauchhöhle  reponiert  wird,  wo  aber 
dennoch  ein  Theil  zum  Beispiel  im  Leistencanale  verbleiben  und  hiedurch, 
auch  wenn  die  ursprünglichere  Einklemmung  beseitigt  worden  wäre,  infolge 
Schwellung  und  Blähung  der  Darmschlinge  abermalige  Einklemmungs- 
erscheinungen  verursachen  kann.  Es  ist  bekannt,  dass  bei  Hernien,  welche 
noch  nicht  lange  bestehen,  bei  der  Taxis,  durch  welche  der  größte  Theil 
des  Bruchinhaltes  reponiert  worden  war,  der  letzte  Theil  gewöhnlich  und 
zwar  höchstwahrscheinlich  durch  Zug  des  gesammten  Bauchhöhleninhaltes 
von  selbst  in  die  Peritonealhöhle  zurückschlüpft.  Bei  alten  Hernien  befinden 
sich  aber  die  Darmschlingen  im  Zustande  einer  gewissen  Parese  und 
Motilitätsbehinderung  durch  Infiltration,  und  da  ist  es  nothwendig,  auch  den 
allerletzten  Rest  einer  solchen  Hernie  und  zwar  zum  Schlüsse  auch  durch 
den  inneren  Leistenring  in  die  Bauchhöhle  zurückzuschieben,  weil  sonst 
Bruchreste  im  Leistencanale  zurückbleiben  und  Einklemmungserscheinungen 
sich  wiederholen  können;  darum  schrieb  Chelius  vor,  dass  man  nach 
der  Taxis  stets  den  inneren  Leistenring  mit  dem  Finger  abtasten  soll, 
behufs  Uberzeugung,  dass  nicht  ein  Theil  des  Bruches  im  Leistencanale 
zurückblieb.  Chelius  nämlich  war  nach  einer  solchen  unvollständigen  Taxis 


392 


Über  die  Scheinreduction. 


genöthigt,  eine  Herniotomie  auszuführen,  weil  er  durch  den  untersuchenden 
Finger  fühlte,  wie  eine  gespannte  Darmschlinge  auf  seine  Fingerkuppe 
aufschlug,  sobald  der  Kranke  hustete.  Ein  ähnlicher  Zufall  passierte 
Perrin;  in  diesem  Falle  wurde  zwar  nach  der  Taxis  der  Leistencanal 
untersucht  und  keine  Darmschlinge  darin  gefunden,  doch  wurde  eine 
Membran  getastet,  welche  man  leicht  hin-  und  herschieben  konnte:  der 
Kranke  empfand  auch  nicht  im  geringsten  jene  Erleichterung,  welche  die 
Kranken  nach  einer  gelungenen  Taxis  zu  empfinden  pflegen,  und  starb  am 
dritten  Tage.  Bei  der  Section  zeigte  es  sich,  dass  über  dem  entleerten 
Bruchsacke  sich  noch  ein  zweiter  ähnlicher,  aber  ungemein  dünnwandiger 
Sack  befinde,  welcher  eine  schwarzbraune,  collabierte,  sonst  aber  ziemlich 
gut  erhaltene  Darmschlinge  enthielt. 

Im  Falle  einer  Massenreduction  und  einer  falschen  Reposition  sind 
wir  entschiedene  Anhänger  des  bereits  angedeuteten  und  von  Luke  im 
Jahre  1844  empfohlenen  Verfahrens;  dasselbe  entspricht  gewissermaßen  der 
chronologischen  Zeitfolge  dieser  Affection.  Zuerst  soll  nämlich  der  äußere 
Leistenring  (an  anderen  Bruchpforten  ist  diese  Affection  ohnehin  seltener) 
entblößt  werden,  damit  man  sieht,  ob  er  nicht  irgend  welche  Reste  eines 
Bruchsackes  enthalte.  Die  Incision,  welche  zu  dem  Zwecke  geführt  wurde, 
kann  man  nachträglich  erweitern  und  mit  einer  Incision  der  vorderen  Bauch- 
wand vereinigen,  so  dass  es  endlich  gelingen  muss,  den  Bruchsack  zu  Gesicht 
zu  bekommen,  ihn  mit  der  Pincette  zu  ergreifen  und  so  weit  vorzuziehen, 
dass  man  den  Einklemmungsring  untersuchen  kann.  Bei  den  zweikammerigen, 
angeborenen  Hernien  kann  es  geschehen,  dass  der  properitoneale  Sack  mit 
seiner  Umgebung  sehr  innig  verwachsen  ist,  so  dass  es  nicht  möglich  ist, 
denselben  nach  außen  vorzuziehen.  In  einem  solchen  Falle  muss  man  den 
Sack  dort  incidieren,  wo  er  sich  befindet;  nach  seiner  Eröffnung  erweitern 
wir  den  Schnürring  und  reponieren  lege  artis  den  Bruchinhalt  in  die  Bauch- 
höhle; so  gelingt  es  uns,  alle  Störung  ohne  jedwede  überflüssige,  breite 
Eröffnung  der  Bauchhöhle  auszugleichen,  welche  man  allerdings  zu  Zeiten 
Luke's  mehr  zu  fürchten  hatte,  als  heutzutage.  Bei  dem  sich  so  häufig 
mit  diesen  Hernien  combinierenden  Kryptorchismus  ist  die  größte  Wach- 
samkeit nothwendig,  damit  man  mit  einem  Schnitt  nicht  auch  das  Vas 
deferens  oder  selbst  den  Hoden  verletze.  Eine  verdächtige  oder  gangränöse 
Darmschlinge  behandeln  wir  selbstverständlich  gerade  so  wie  bei  einer  ge- 
wöhnlichen Herniotomie. 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


39B 


ßemerkuiigeii  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 

a)  Die  Herniotomie  beim  Leistenlbruche. 

Bei  jenen  Hernien,  welche  den  äußeren  Leistenring  nicht  besonders  weit 
nach  abwärts  überschreiten,  führen  wir  die  Incision  (und  zwar  entweder  aus 
der  Hand  oder  indem  wir  eine  emporgehaltene  Hautfalte  senkrecht  durch- 
schneiden) in  der  Richtung  des  Leistencanals,  daher  von  oben  außen  nach 
innen  unten  ungefähr  bis  zum  Tuberculum  pubicum.  Reicht  der  Bruch  bis  in 
den  Hodensack,  so  muss  der  Schnitt  in  der  Gegend  des  Schambeinhöckers 
senkrecht  nach  abwärts  gewendet  werden  entlang  der  gleichseitigen  Hoden- 
sackhälfte. Die  Länge  der  Incision  richtet  sich  nach  der  Größe  der  Hernien; 
das  obere  Ende  des  Schnittes  soll  nicht  weit  vom  inneren  Leistenringe  liegen, 
nicht  nur  weil  die  Einklemmung  in  dieser  Gegend  sitzen  kann,  sondern  weil 
wir  in  dieser  Gegend  mit  der  Sutur  beginnen,  wenn  wir  zur  Herniotomie 
auch  die  Radicaloperation  hinzufügen.  Die  Hautincision  führe  man  recht 
vorsichtig,  da  wir  auch  bei  der  Leistenhernie  bruchsacklose  Hernien  kennen, 
und  zwar  wenn  nicht  andere,  also  solche,  deren  Bruchsack  zerrissen  worden 
■kar.  Dann  spalten  wir  die  Bruchhüllen,  welche  natürlicherweise  verschieden 
sind,  je  nachdem  der  Bruch  ein  äußerer  oder  innerer  war;  doch  werden 
wir  regelmäßig  enttäuscht,  wenn  wir  nur  ebenso  viele  Schichten  darstellen 
wollten,  als  ihrer  bei  der  anatomischen  Analyse  dieser  Brucharten  auf- 
gezählt wurden. 

Durch  langen  Bestand  einer  Hernie  entwickeln  sich  nämlich  acces- 
sorische  Bruchhüllen,  welche  gewöhnlich  so  gespalten  werden,  dass  man  in 
jeder  folgenden  Schichte  zwischen  zwei  anatomischen  Pincetten  eine  kleine 
Öffnung  anlegt,  durch  welche  man  eine  Hohlsonde  einführt;  diese  wird  so  weit 
vorgeschoben,  als  sie,  und  zwar  bis  zu  ihrem  Ende  deutlich  sichtbar  bleibt 
und  dies  sowohl  nach  oben  als  auch  nach  unten.  Die  auf  der  Sonde  be- 
findliche Schichte  spalten  wir  mit  einem  spitzen  Scalpell,bis  uns  eine  Schichte 
präperitonealen  Fettgewebes  oder  das  aus  einer  kleinen  Öffnung  hervor- 
spritzende Bruchwasser  aufhält.  Im  ersten  Falle  haben  wir  den  Bruchsack 
noch  zu  incidieren,  im  zweiten  ist  es  bereits  geschehen.  Nach  Erweiterung 
der  Bruchsacköffnung  fixieren  wir  die  Ränder  derselben  durch  Anhängen 
von  Pean'schen  hämostatischen  Pincetten;  hierauf  spalten  wir  den  Bruch- 
sack nach  oben  und  unten,  doch  enden  wir  die  Incision  etwas  unter- 
halb des  Schnürringes.  Wenn  im  Inhalte  ein  Netzbündel  ist,  so  wird  das- 
selbe in  der  Fläche  ausgebreitet,  und  wenn  es  irgendwo  verwachsen  ist, 
zwischen  zwei  Ligaturen  durchschnitten;  erst  dann  suchen  wir  eventuell 
die  eingeklemmte  Darmschlinge,  welche  bei  gemischten  Brüchen  nicht  selten 
durch  ihre  dunklere  Färbung  gegen  das  bloße  Netz  absticht.  Wenn  wir 
nun  infolge  des  Befundes  im  gespaltenen  Bruchsacke  zweifellos  zu  erkennen 


394 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


vermögen,  zum  Beispiel  an  der  sichtbaren  Albuginea  des  Hodens,  dass  es 
sich  um  einen  äußeren  Bruch  handelt,  dann  könnten  wir  ohne  Zaudern 
den  Schnürring  in  der  Richtung  gegen  die  Spina  ante  sup.  einschneiden; 
bei  einer  zweifellosen  inneren  Hernie  jedoch  nach  innen  und  oben,  da  wir 
ja  in  beiden  Fällen  die  Verletzung  der  unteren  epigastralen  Gefäße  ver- 
meiden wollen.  Da  wir  jedoch  in  den  meisten  Fällen  nicht  zu  entscheiden 
imstande  sind,  welche  Unterart  der  Leistenhernie  vor  uns  liegi,  so  führen 
wir  den  Erweiterungsschnitt  direct  nach  oben  parallel  mit  der  weißen  Linie, 
also  senkrecht  auf  den  horizontalen  Ast  des  Schambeines.  Soweit  die  Vor- 
schrift von  Rougemont  und  Scarpa.  Andere  Beobachter  hielten  sich 
an  den  Samenstrang.  Abgesehen  aber  davon,  dass  bei  Kryptorchismus  nichts 
von  demselben  äußerlich  sieht-  oder  tastbar  ist,  ist  seine  Lage  zu  unbestimmt, 
als  dass  wir  uns  nach  derselben  richten  könnten;  doch  behufs  Bestätigung, 
für  vvelche  der  Leistenhernien  wir  einen  concreten  Fall  zu  halten  haben, 
können  wir  immerhin  auch  auf  den  Verlauf  des  Samenstranges  sehen;  be- 
findet er  sich  hinter  der  Hernie,  so  ist  es  gewöhnlich  ein  äußerer  Bruch, 
ist  er  jedoch  vor  der  Hernie  gelegen  und  mehr  gegen  die  Außenseite  hin 
verschoben,  dann  liegt  auch  die  Arteria  gewöhnlich  auf  der  äußeren  Seite, 
wodurch  die  Hernie  als  eine  innere  charakterisiert  ist.  Wir  sagten  auch, 
dass  wir  bei  einer  gewissen  Übung  den  Schnürring  von  außen  nach  innen 
zerstören  können,  dann  allerdings  auch  an  den  soeben  erwähnten  Stellen, 
weil  wir  ja  auch  bei  dieser  Art  der  Einklemmungslösung  die  Verletzung 
der  epigastralen  Gefäße  vermeiden  wollen;  doch  ist  bei  dieser  Art  von 
Debridement  die  Blutung  aus  diesen  Gefäßen  beiweitem  nicht  so  zu  fürchten, 
weil  zur  Zeit  der  Gefäßverletzung  die  Bauchhöhle  noch  nicht  eröffnet  ist 
und  weil  es  ziemlich  leicht  ist,  in  der  flachen  präperitonealen  Wunde  die 
blutenden  Gefäße  mit  Pincetten  zu  verschließen.  Doch  bei  der  Erweiterung 
des  Bruchringes  von  innen  nach  außen  ist  ab  und  zu  doch  eine  Verletzung 
der  Arteria  epigastrica  inferior  beobachtet  worden  und  zwar  erfolgte  die 
Hämorrhagie  manchmal  gegen  die  Bauchhöhle,  ohne  dass  Blut  nach  außen 
durchsickerte,  so  lange,  bis  die  Zeichen  einer  excessiven  Anämie  auf  eine 
innere  Verblutung  hinwiesen,  manchmal  allerdings  nachdem  es  schon  zu  spät 
war.  Es  braucht  aber  nicht  verschwiegen  zu  werden,  dass  die  Mehrzahl 
dieser  Fälle  aus  den  früheren  Zeiten  stammt,  wo  man  zur  Beherrschung 
der  Blutung  noch  nicht  so  vollkommene  Mittel  hatte,  wie  heutzutage. 

Der  übrige  Verlauf  der  Herniotomie  ist  ungemein  einfach:  eine  gut 
erhaltene  Schlinge  wird  reponiert,  und  nachdem  auch  der  letzte  Rest  der- 
selben reponiert  worden  war,  überzeugen  wir  uns  mit  dem  bekannten  GrifPe, 
bei  dem  der  Finger  den  inneren  Leistenring  kreisförmig  umgeht,  dass  die 
Reposition  correct  gewesen  sei;  eine  verdächtige  Darmschlinge  jedoch  be- 
lassen wir  24  bis  36  Stunden  außerhalb  des  erweiterten  Schnürringes,  und 
ist  dieselbe  in  ihrer  Integrität  unberührt  geblieben,  dann  reponieren  wir  sie; 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


395 


eine  gangränöse  Darmschlinge  eröffnen  wir  bereits  bei  der  Herniotomie,  eine 
verdächtige  eröffnen  wir,  wenn  an  ihr  nach  24  bis  36  Stunden  Defecte 
aufgetreten  sind.  Bei-  der  primären,  schon  bei  der  Herniotomie  beob- 
achteten Gangrän  ziehen  wir  jedoch  die  veränderte  Darmschlinge  derart 
hervor,  dass  wir  auch  die  Spur  des  Incarcerationsringes  und  ein  Stück  des 
zuführenden  Armes  übersehen  können  und  je  nach  dem  Befunde  und  dem 
allgemeinen  Zustande  legen  wir  entweder  einen  Anus  praeternaturalis  an, 
oder  sobald  die  Umstände  es  gestatten,  führen  wir  die  primäre,  geschieht 
dies  aber  erst  nach  36  Stunden,  die  sogenannte  intermediäre  Resection  mit 
Enterorrhaphie  aus. 

Bei  Reposition  einer  zweifellos  gut  erhaltenen  Darmschinge.  bei  Ab- 
wesenheit von  entzündlichen  Exsudaten  in  der  Peritonealhöhle  und  bei 
jugendlichen  oder  vollkräftigen  Individuen  schließen  wir  an  die  Herniotomie 
sehr  gerne  die  Radicaloperation  an,  wobei  wir,  wie  auch  schon  bei  der 
Herniotomie  selber,  die  vorgefallenen  Partien  des  Netzes  oberhalb  der  In- 
carcerationsspur  in  mehreren  Ligaturen  abbinden  und  abtragen. 

h)  Die  Herniotomie  beim  Schenkelbruche. 

Beim  Schenkelbruche  hat  man  gleich  häufig  sowohl  die  quere,  als 
die  longitudinale  Incision  angewendet.  Die  quere,  also  etwas  unter  dem 
Poupart'schen  Bande  gelegene,  selbstverständlich  bei  den  im  verticalen 
Durchmesser  mehr,  weniger  aber  im  queren,  ausgedehnten  Brüchen:  die 
Längsincision  bei  jenen  Brüchen,  welche  länger  als  breiter  sind,  sowie 
auch  bei  den  hängenden  oder  gestielten  Brüchen.  Die  Längsincision  be- 
ginnt gewöhnlich  am  Poupart'schen  Bande  und  zieht  nach  abwärts  und 
etwas  nach  innen,  je  nachdem  für  den  Fall  eine  Ablenkung  derselben  für 
nothwendig  erachtet  wird  oder  nicht.  Auch  die  Querincision  wird  später 
bei  der  Aufrichtung  des  Rumpfes  nicht  vielleicht  als  Narbenzug  empfunden, 
da  die  Weichtheile  hier  ziemlich  dehnbar  sind.  C  o  o  p  e  r  empfahl  eine 
T-Incision  (Tau- Incision),  welche  aber  jetzt  vollständig  verlassen  ist. 

Was  die  übrigen  Schichten  des  Schenkelbruches  betrifft,  so  könnten 
wir  auf  die  Anatomie  dieser  Bruchart  hinweisen,  welche  wir  schon 
anderwärts  mitgetheilt  haben;  hier  mögen  nur  die  praktisch  wichtigsten 
Einzelheiten  recapituliert  werden.  Der  Schenkelbruch  kann,  wenn  er  von 
kleineren  Dimensionen  ist,  entweder  von  der  vorderen  Wand  des  sogenannten 
Schenkelcanals  oder  von  dem  oberflächlichen  Blatte  der  Fascia  lata  oder 
endlich  von  dem  vorderen  Blatte  der  Vagina  vasorum  (et  herniai  cruraUs) 
communis  bedeckt  sein.  Wenn  der  Bruch  umfänglich  und  durch  irgend 
eine  Öffnung  in  der  Lamina  cribrosa  hindurchgetreten  ist,  so  können  wir 
den  Bruchsack  nur  von  einer  Schichte  Fettgewebe  bedeckt  im  Unterhaut- 
zellgewebe vorfinden.   Doch  kann  auch  die  vordere  Wand  des  Schenkel- 


SOG 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


canals  so  kurz  sein,  dass  das  obere  innere  Horn  der  Plica  semilunaris 
gleich  unter  dem  Poupart'schen  Bande  liegen  kann,  so  dass  auch  eine 
ganz  kleine  Schenkelhernie  die  vordere  Bedeckung  von  Seite  der  Fascia 
lata  entbehren  kann.  Wenn  der  Bruch  von  dem  oberflächlichen  Blatte  der 
Fascia  lata  bedeckt  ist,  so  können  wir  unter  der  Haut  ein  fettigbinde- 
gewebiges  Blatt  antreffen,  welches  die  Hernie  einhüllt  und  den  Contour 
derselben  etwas  kleiner  macht.  Das  Aussehen  dieses  Blattes  ist  hinreichend 
von  den  Operationscursen  an  der  Leiche  her  bekannt,  und  zwar  von 
der  Unterbindung  der  Art.  femoralis  unterhalb  des  Poupart'schen  Bandes; 
da  wie  dort  deckt  dieselbe  Schichte  die  Arteria  und  Vena  cruralis  und 
den  Schenkelbruch.  Solange  dieses  Blatt  nicht  eingeschnitten  ist,  kann 
man  nicht  in  den  Schenkelcanal  eindringen  und  tasten  auch  oberhalb  der 
Hernie  keinen  scharfen  Rand.  Das  erwähnte  Blatt  spannt  sich  bei  Extension 
der  Extremität  im  Hüftgelenke.  Erst  wenn  wir  dieses  festgewebte  Binde- 
gewebsblatt  zerstören,  können  wir  unter  dem  künstlich  erzeugten  oberen 
Rande  in  dem  Schenkelcanale  und  zwar  bis  zum  Poupart'schen  Bande 
vordringen;  deswegen  spalten  wir  auch  dieses  Blatt  bis  an  das  letzt- 
genannte Band.  Ist  dieses  einmal  geschehen,  so  haben  wir  unter  gewöhn- 
lichen Verhältnissen  sofort  den  Bruchsack  vor  uns  und  müssen  vorsichtig 
vorgehen,  wenn  mit  dem  Bruchsacke  nicht  gleich  auch  der  Bruchinhalt 
verletzt  werden  soll,  denn  die  Menge  des  Bruchwassers  pflegt  bei  einer 
ziemlich  bedeutenden  Anzahl  der  Schenkelbrüche  ganz  geringfügig  zu  sein, 
weil  das  sonst  vor  dem  Darm  liegende  Netz  oft  ganz  fehlt  und  sich  daher 
die  Darmoberfläche  nicht  selten  mit  dem  Bruchsacke,  wenn  auch  nur 
mittelst  frischer  und  lockerer  Adhäsionen,  verlöthet  und  weil  wir  es  bei 
dieser  Bruchart  öfters  mit  einem  Darmwandbruche  zu  thun  haben,  und 
endlich  weil  der  Bruch  eines  Bruchsackes  überhaupt  entbehren  kann.  Sind 
wir  einmal  thatsächlich  bis  auf  den  Bruchsack  vorgedrungen,  so  können 
wir  zwischen  demselben  und  dem  Ligamentum  Pouparti  in  die  Tiefe  ein- 
dringen. 

Uber  den  Erweiterungsschnitt  ist  Folgendes  zu  bemerken:  Es  ist 
schon  seit  Scarpa  bekannt,  dass  die  Reposition  des  Schenkelbruches  ge- 
lingen kann,  sobald  das  oberflächliche  Blatt  der  Fascia  lata  eingeschnitten 
worden  ist,  weil  auch  hiemit  das  Ligamentum  Pouparti  gelockert  wurde. 
Es  empfiehlt  sich  jedoch  nicht,  sich  extraperitoneal  um  diese  Reposition  zu 
versuchen,  weil  kleinere  Hernien  sich  leicht  hinter  das  Poupart'sche  Band 
und  hinter  die  vordere  Bauchwand  reponieren  lassen,  ohne  dass  die  In- 
carceration  behoben  worden  wäre.  Wissen  wir  ja  doch,  dass  die  Incarceration 
sehr  häufig  am  inneren  Schnürringe  sitzt;  deswegen  öffnen  wir  auch 
lieber  in  der  Regel  den  Bruchsack,  freilich  auch  aus  jenen  allgemeinen 
Gründen,  welche  wir  für  diese  Behandlungsmethode  an  einer  anderen 
Stelle  angeführt  haben.  Auch  bei  diesem  Bruche  versuchen  wir,  wenn  die 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


397 


Darmschlinge  noch  gut  erhalten  ist,  den  Incarcerationsring  durch  Eindringen 
mit  dem  kleinen  Pinger  zwischen  dem  Darme  und  dem  Incarcerationsringe 
stumpf  zu  erweitern,  und  erst  wenn  dies  nicht  möglich  ist,  schneiden  wir 
den  Incarcerationsring  mit  dem  Messer  ein,  und  zwar  wenn  der  Bruch 
verlässlich  einwärts  von  den  Gefäßen  gelegen  ist,  auch  durch  einen  seichten 
Schnitt  in  das  Ligam.  pubic.  Cooperi.  Ist  auch  über  den  eben  erwähnten 
Umstand  ein  Zweifel  zulässig,  so  führen  wir  den  Erweiterungsschnitt  nach 
einwärts  gegen  das  Ligam.  Gimbernati.  Tiefere  Einschnitte  vermeiden  wir, 
bei  seichten  Einschnitten  brauchen  wir  aber  eine  Verletzung  auch  der 
abnorm  verlaufenden  Arteria  obturatoria  in  keiner  Weise  zu  fürchten. 
Wenn  das  Lig.  Pouparti  seicht  eingeschnitten  ist,  so  erweitere  man  diesen 
Schnitt  bei  länger  dauernder  Incarceration  dennoch  nicht  mit  dem  Finger, 
weil  bei  solchen  Brüchen  auf  diese  Weise  der  bereits  in  seiner  Integrität 
geschädigte  Darm  verletzt,  ja  vollständig  eingerissen  werden  könnte.  Aus 
diesem  Grunde  ziehen  wir  nach  seichter  Einkerbung  des  Incarcerations- 
ringes  vorsichtig  einen  Schiingenarm  vor,  damit  wir  einen  verlässlichen, 
durch  den  Gesichtssinn  controlierbaren  Böfund  an  der  Incarceration sfurche 
besitzen.  Ist  der  Darm  oberhalb  dieser  Furche  gesund,  so  können  wir 
ohne  Schaden  den  Finger  zwischen  Bruchinhalt  und  Schnürring  eindrängen, 
stumpf  dilatieren  und,  wenn  der  Bruchinhalt  gut  erhalten  ist,  reponieren. 
Wenn  aber  die  Darmschlinge  verdächtig  ist,  die  Störungen  in  der  Richtung 
zum  Schnürringe  zunehmen  und  die  Adhäsionen  immer  fester  werden, 
oder  wenn  beim  Anziehen  an  der  Darmschlinge  von  oben  sich  Darminhalt 
oder  Eiter  entleert,  dann  empfehlen  wir  den  bereits  gemachten  äußeren 
Schnitt  nach  aufwärts  zu  verlängern  oder  eventuell  einen  neuen  verticalen 
Schnitt  zu  führen,  sodann  das  Lig.  Pouparti  vorsichtig  von  oben  nach 
abwärts  zu  spalten,  bis  wir  zu  dem  gewöhnlich  in  einer  tiefen  Furche 
gelegenen  Schnürringe  gelangen  und  diesen  auch  eventuell  auf  einer 
(z.  B.  L  i  s  1 0  n 'sehen)  Sonde  spalten  können.  Nach  Flachlegen  des 
Ringes  und  des  Bruchsackes  revidieren  wir  die  Verhältnisse  und  legen 
entweder  einen  Anus  praeternaturalis  an  oder  resecieren  quer  voll- 
ständig oder  der  Länge  nach  partiell  den  Darm  und  vereinigen  die  Wund- 
ränder in  beiden  Fällen  senkrecht  auf  die  Längsachse  des  Darmes.  Wenn 
wir  den  genähten  Darm  reponieren  wollen,  so  drängen  wir  lieber  die 
beiden  Schiingenarme  in  den  oberen  über  dem  Poupart'schen  Bande  ge- 
legenen, gewöhnlich  nicht  inficierten  Wundwinkel,  damit  die  neu  hervor- 
gezogenen Darmtheile  weder  den  Bruchsack  noch  den  Bruchring,  an  welch 
letzterem  die  Darmdefecte  gewöhnlich  angelegen  haben,  berühren.  Da  wir 
durch  eine  solche  Operation  die  Bauchhöhle  oberhalb  und  außerhalb  des 
Bereiches  des  Schenkelcanals  eröffnet  haben,  so  reihen  wir  einen  solchen 
Eingriff  unter  die  sogenannten  Laparoherniotomien.  Den  Bruchsack  sammt 
Inhalt  und  die  zurückbleibende  Wunde  behandeln  wir  ebenso  wie  beim  Leisten- 


398 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


bruclie,  nämlich  nach  Reposition  einer  verhältnismäßig  gut  erhaltenen  Darm- 
partie fügen  wir  Radicaloperation  hinzu;  bei  entschiedener  Gangrän  resecieren 
wir  mit  nachträglicher  Anlage  eines  Anus  praeternaturalis  oder  primärer 
Enterorrhaphie;  eine  verdächtige  Darmschlinge  beobachten  wir  außer- 
halb des  erweiterten  Bruchringes  durch  24  bis  86  Stunden,  worauf 
wir  dieselbe,  wenn  sie  sich  erholt  hat,  reponieren,  oder  falls  die  Ver- 
änderungen auf  Gangrän  hindeuten,  den  Darm  ebenso  wie  bei  einer 
primären  Nekrose  resecieren  und  zusammennähen  oder  einen  widernatür- 
lichen After  anlegen.  Ab  und  zu  kann  man  auch  zu  dem  Helf erich'schen 
Verfahren  Zuflucht  nehmen,  nämlich  die  gangränösen  Darmschlingen 
vorgelagert  lassen  und  am  Fußpunkte  derselben  zwischen  dem  zu- 
und  abführenden  Schenkel  eine  Enteroanastomose  (side-to-side)  anlegen. 
Sollte  bei  der  cruralen  Herniotomie  die  Arteria  epigastrica  oder 
obturatoria  verletzt  und  die  Blutung  aus  derselben  rechtzeitig  bemerkt 
werden,  dann  muss  man  freilich  die  Wunde  spalten,  bis  auf  das 
Peritoneum  vordringen  und  im  sogenannten  präperitonealen  Fette  die 
blutende  Arterie  doppelt  fassen,  eventuell  zwischen  den  beiden  Pincetten 
durchschneiden  und  unterbinden.  Bertrand i,  Richter  und  Le  Blanc 
berichten  über  Fälle  von  tödtlichen  Blutungen  aus  diesen  Gefäßen. 
Lawrence  hat  einen  Fall  beobachtet,  in  welchem  die  Hämorrhagie 
sistierte,  nachdem  die  Kranke  infolge  Anämie  ohnmächtig  geworden  war. 
Dieselbe  genas.  Auf  einen  ähnlichen  günstigen  Verlauf  darf  natürlich  a  priori 
nicht  gerechnet  werden.  Veraltete  Apparate,  wie  zum  Beispiel  jene  von 
Hesselbach  und  anderen,  sowie  die  Tamponade  verwende  man  nicht,  sobald 
eine  Unterbindung  in  loco  ausgeführt  werden  kann.  Nägele  sistierte  die 
Blutung  durch  ^/^ stündige  Compression,  zeitweiliges  Reiben,  was  immerhin 
empfohlen  werden  kann,  bevor  alle  Vorbereitungen  zur  Unterbindung  ge- 
troffen sind. 

(•)  Die  Herniotomie  beim  Nabelbruche. 

Die  Einklemmung  eines  Nabelbruches  wurde  seit  jeher  für  eine  ernste 
Erkrankung  gehalten  (daher  „Hernise  umbilicalis  tanta  est  atrocitas,  regiis 
confirmata  funeribus  etc.",  Hall  er,  Tab.  diss.  chir.  Tom.  3,  p.  653),  doch 
bei  diesem  Bruche  müssen  wir  mehr  als  bei  anderen  Brucharten  darauf 
sehen,  dass  wir  genau  zwischen  einer  Entzündung  und  einer  Einklemmung 
unterscheiden  und  so  vielleicht  öfters  unnütze  Operationen  vermeiden,  für 
welche  keine  günstigen  Bedingungen  vorliegen.  Entzündliche  Reizungen  von 
Nabelhernien  sind  umso  häufiger,  als  zumeist  die  gedehnte  Nabelnarbe  die 
einzige  Bedeckung  des  Nabelbruches  oder  wenigstens  des  Scheitels  des- 
selben ausmacht  und  weil  äußere  Insulte  deswegen  häufiger  vorkommen, 
da  verschiedene  Kleidungsstücke  unmittelbar  ober  dem  Bruche  gebunden 


Bemerkungen  zur  Hernio+omie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


399 


oder  geknöpft  zu  werden  pflegen.  Wir  haben  schon  an  einer  anderen 
Stelle  darauf  hingewiesen,  dass  die  Entzündung  und  entzündliche  ülceration 
dadurch  unterstützt  zu  werden  pflegen,  dass  der  Inhalt  des  Bruches 
häufig  von  verhärteten  Omentalsträngen,  Netziipomen  gebildet  wird,  welche 
durch  ihre  ünnachgiebigkeit  die  Bruchbedeckung  gegen  die  Nabelbruch- 
bandpelotten  oder  Kleider  aufreiben. 

Wenn  die  Diagnose  auf  Einklemmung  gestellt  worden  war,  dann 
müssen  wir  uns  immer  noch  die  Frage  vorlegen,  ob  in  einem  solchen 
Falle  nicht  die  einfache  Lösung  des  Incarcerationsringes  genügt  oder  ob 
auch  die  Eeposition  dringend  nothwendig  ist.  Meist  sind  die  Bedingungen 
so  ungünstig,  indem  zum  Beispiel  das  Alter  sehr  vorgeschritten,  der 
Bruch  enorm  groß,  die  Bedeckung  ulcerös,  narbig  oder  infiltriert  oder  der 
Inhalt  angewachsen  ist,  dass  wir  dieser  prekären  Situation  recht  gerne 
durch  einen  einfachen,  verhältnismäßig  gefahrlosen  Eingriff,  wenn  derselbe 
genügt,  entrinnen  möchten. 

Wenn  die  Verhältnisse  die  Lösung  der  Einklemmung  und  die 
Reposition  verlangen  oder  zulassen,  dann  öffnen  wir  den  Bruchsack  mit 
gleicher  Vorsicht  wie  bei  der  radicalen  Operation,  und  zwar  gewöhnlich 
in  der  Mittellinie,  wiewohl  seinerzeit  und  auch  heute  noch  bei  Einzel- 
fällen eine  Kreuzincision  empfohlen  wurde  und  noch  beliebt  ist.  Das 
weitere  Vorgehen  gleicht  dem  bei  anderen  Herniotomien.  Man  spalte  daher 
den  ganzen  Bruchsack  und  sei  sich  stets  dessen  bewusst,  dass  die  Ein- 
klemmung nicht  immer  in  der  Bauchöffnung  des  Sackes,  nämlich  in  dem  wirk- 
lichen oder  paraumbilicalen  Ringe  sitzen  muss.  sondern  dass  dieselbe  auch 
in  der  Eingangsöffnung  eines  secundären  Recessus  der  Nabelhernie  sitzen 
kann,  so  dass  bloß  die  Erweiterung  dieser  Öffnung,  nicht  aber  der  eigent- 
lichen Bruchpforte  nothwendig  ist.  Dass  bei  dieser  Beurtheilung  das  Aus- 
sehen des  Bruchinhaltes  entscheidet,  ist  selbstverständlich.  Wenn  an  der 
eigentlichen  Bruchpforte  der  Befund  an  den  Eingeweiden  außen  und  innen 
des  Nabelringes  gleich  ist,  dann  müssen  wir  die  Ursache  der  Einklemmung 
an  einer  anderen  Stelle  suchen.  Die  Eingangsöffnungen  in  die  secundären 
Taschen  des  Hauptbruchsackes  können  nach  welcher  Richtung  immer,  also 
ohne  besondere  Vorschrift  erweitert  werden.  Bei  dem  eigentlichen  Neben- 
ringe soll  man  nach  Sabatier  den  Erweiterungsschnitt  entweder  nach 
oben  oder  nach  rechts  hinführen,  nach  der  Mehrzahl  der  Autoren  auch 
nach  links,  damit  die  vielleicht  nicht  obliterierte  Vena  umbilicalis  nicht 
verletzt  werde.  Da  dies  aber  regelmäßig  zu  geschehen  pflegt,  so  braucht 
man  keine  besondere  Furcht  vor  einer  Hämorrhagie  zu  haben,  und  mit 
Recht  bemerkt  Sömmering,  dass  auch  im  Falle  einer  Verletzung  das 
Blut  in  derselben  nicht  rückläufig  strömen  würde.  Da  auch  die  unteren 
Nabelblasenarterien  schon  längst  obliteriert  zu  sein  pflegen,  ausgenommen 
freilich  die  Einklemmung  bei  Neugeborenen,  so  können  nach  Rougemont 


400 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten. 


die  Erweiterungsschnitte  auch  nach  unten  geführt  werden,  nach  Richter 
auch  nach  der  Seite,  da  in  der  Nachbarschaft  des  Nabels  nur  ganz  zarte 
arterielle  Gefäße  sich  vorfinden.  Ist  der  Bruchsack  gespalten,  so  lässt  sich 
die  sonst  freie  Hernie  reponieren,  ist  sie  angewachsen,  so  muss  sie  von 
der  inneren  Oberfläche  des  Bruchsackes  abgelöst  werden,  eventuell  unter 
Ligatur  der  Adhäsionen;  das  überschüssige  Netz  wird  nach  Unterbindung 
abgetragen,  wobei  wir  uns  vor  dem  Abbinden  eines  Haustrums  des  Colon 
transversum  hüten  müssen,  welches  sich  in  den  Blättern  des  Omentum 
majus  befinden  kann.  Wenn  Gangrän  des  Bruchinhaltes  eingetreten  ist. 
so  müssen  wir  entweder  einen  Anus  praeternaturalis  oder  eine  primäre 
Resection  und  Enterorrhaphie  ausführen.  Nach  dem  Befunde  im  Sacke 
und  rings  um  denselben  können  wir  auch  eine  Radicaloperation  ausführen 
oder  uns  nur  mit  einer  Herniotomie  begnügen.  Sind  die  Verhältnisse 
ungünstig,  so  spalten  wir  nur  den  Schnürring  nach  dem  Beispiele  von 
Cooper  ohne  breite  Eröffnung  des  Bruchsackes,  und  zwar  von  einem 
Hautschnitte  aus,  welcher  oberhalb  des  Bruches,  unmittelbar  über  dem 
Incarcerationsringe  geführt  und  von  dem  aus  nun  die  Bruchpforte  gespalten 
wird.  Nach  übereinstimmenden  Berichten  aller  Zeiten  sind  die  Bedeckungen 
einer  eingeklemmten  Nabelhernie  auch  ohne  Herniotomie  und  ohne  Darm- 
gangrän ungemein  hinfällig  und  zur  Nekrose  geneigt.  Lettson  hat  nach 
kalten  Umschlägen,  welche  einige  Stunden  hin  fortgesetzt  wurden,  bereits 
eine  Gangrän  der  Bruchhüllen,  und  zwar  ohne  Herniotomie,  beobachtet; 
wir  selbst  sahen  nach  einer  Cooper'schen  Herniotomie  innerhalb  des 
antiseptischen  Verbandes  eine  ausgedehnte  Nekrose  der  Bruchhüllen  eintreten. 

d)  Die  oMuratorische  oder  subpubische  Herniotomie. 

Diese  Hernien  wollen  wir  nur  deswegen  speciell  behandeln,  weil  bei 
der  häufigen  Gangrän  des  Darmes  ein  Vorgehen  nothwendig  wird,  welches 
wir  im  Nachstehenden  schildern  wollen. 

Wenn  wir  an  der  inneren,  manchmal  auch  an  der  äußeren  Seite  des 
Musculus  pectineus  den  Bruchsack  eröffnet  haben,  so  spalten  wir  denselben 
nach  gewöhnlicher  Regel;  lässt  der  Zustand  des  Bruchinhaltes  die  Reposition 
zu,  dann  führen  wir  dieselbe  aus.  Hiezu  ist  jedoch  nicht  selten  eine  Er- 
weiterung des  Bruchringes  nothwendig.  Die  letztere  besteht  zum  großen  Theile 
aus  Knochen,  nur  die  untere  Umrandung  des  obturatorischen  Durchlasses  ist 
durch  die  oberen  Ränder  der  Membrana  obturatoria  gebildet,  es  muss  daher 
die  Incision  in  der  Richtung  der  letzteren  geführt  werden,  umsomehr,  als 
in  der  oberen  Peripherie  des  Halses  der  Nerv  mit  den  Gefäßen  verläuft,  deren 
Verletzung  wir  ja  vermeiden  wollen.  Ist  die  Erweiterung  genügend,  dann 
kann  der  Bruch  reponiert,  der  Bruchsack  einfach  ligiert  und  tamponiert 
werden,  was  zur  Radicaloperation  dieser  Bruchart  zu  genügen  scheint,  weil 


Bemerkungen  zur  Herniotomie  bei  den  einzelnen  Brucharten.  401 


dieselbe  höchstwahrscheinlich  keine  besondere  Neigung  zu  Recidiven 
zeigen  wird. 

Schwieriger  aber  ist  die  Versorgung  der  gangränösen  Darmschlingen. 
In  dem  subpubischen  Bruchsacke  wird  ohnedies  sehr  häufig  nur  eine 
Darmwandhernie  vorgefunden,  weil  der  Durchtritt  dermaßen  eng  ist,  dass 
es  an  Raum  für  eine  ganze  Darmschlinge  mangelt.  Derselbe  Umstand  ist 
auch  Ursache,  warum  es  bei  vorkommender  Darmgangrän  schwierig 
ist,  behufs  Revision  der  central  vom  Bruchringe  gelegenen  Darmpartie 
beide  Schiingenarme  vorzuziehen. 

Auch  nach  durchgeführter  Enterorrhaphie  wäre  es  schwierig,  die  genähte 
Darmstelle  unter  einem  gewissen  Drucke  ohne  Verletzung  derselben  durch 
die  enge  Bruchpforte  in  die  Bauchhöhle  zu  reponieren.  Deswegen  möchten 
wir  empfehlen,  in  einem  solchen  Falle  den  horizontalen  Ast  des  Scham- 
beines genau  über  dem  Bruchstiele  zu  resecieren  und  dies  in  einer  ge- 
nügenden Ausdehnung,  damit  der  Bruchhals,  also  auch  die  durch  die 
Einklemmung  eventuell  gangränös  gewordene  Stelle  durch  diese  Knochen- 
lücke bis  über  das  Schambein  emporgehoben  werden  könnte,  ungefähr  in 
die  Lage  eines  Schenkelbruches.  Hiedurch  würde  Raum  gewonnen  werden 
sowohl  für  ein  genügendes  Vorziehen  beider  Schiingenarme,  als  auch  für 
eine  leichte  Reposition  der  resecierten  und  wieder  zusammengenähten 
Darmschlinge.  Dieses  Vorgehen  ähnelt  entschieden  dem  auch  bereits  reali- 
sierten Vorschlage  H  a  h  n  's  auch  bei  anderen  Brüchen,  wenn  man  bei 
Stercoralphlegmone  eine  Infection  der  reinen,  bisher  in  der  Bauchhöhle 
gelegenen,  mm  aber  vorgezogenen  Darmpartie  vermeiden  will.  Hahn  schlug 
nämlich  vor  (und  operierte  auch  nach  diesem  Vorschlage),  bei  Stercoralphleg- 
mone und  Gangrän  des  Bruchsackes  die  Darmschlinge  zu  resecieren  und  die 
resecierten,  provisorisch  obturierten  Darmenden  in  Jodoformgaze  einzuhüllen, 
sodann  eine  Incision  in  der  Medianlinie  anzulegen,  durch  dieselbe  die 
Hand  einzuführen  und  die  eingehüllten  Darmenden  quer  durch  die  Bauch- 
höhle bei  der  Medianincision  nach  außen  hervorzuholen  und  erst  hier 
definitiv  die  Enden  herzurichten  und  zusammenzunähen,  wobei  natürlich 
eine  weitere  Infection  derselben  nicht  zu  befürchten  wäre. 


über  die  specielle  Art  und  Weise,  die  Herniotomie  bei  den  anderen 
Brucharten  auszuführen,  ist  eine  allgemeine  Abhandlung  bei  der  Seltenheit 
der  Beobachtungen  nahezu  unmöglich,  jedenfalls  kann  man  sich  aus  der 
hier  gegebenen  speciellen  Beschreibung  der  Herniotomie  bei  den  ge- 
wöhnlicheren Brucharten  auch  für  die  übrigen  Brucharten  die  nöthigen 
Vorschriften  ableiten,  welche  thatsächlich  so  selten  vorkommen,  dass  sie 
während  eines  Quinquenniums  auf  der  Klinik  des  Verfassers  nur  mit  einem 
einzigen  Falle  vertreten  sind. 


May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I. 


26 


402         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  (Pistula  stereoralis)  und  des 
widernatürlichen  Afters  (Anus  praeternaturalis). 

Die  Versuche,  welche  auf  die  Ausheilung  der  Darmfistel  und  des 
widernatürlichen  Afters  gerichtet  waren,  haben  die  glänzende  Periode  der 
modernen  Chirurgie  eingeleitet.  Mit  ihnen  begann  die  Arbeit  auf  dem 
überaus  ausgedehnten  Felde  der  Chirurgie  des  Digestionstractus,  auf 
welchem  sie  von  Tag  zu  Tag  neue  Triumphe  feiert.  Eine  Reihe  von  an- 
geborenen und  erworbenen  Defecten  im  Magendarmcanale,  die  radicale  und 
palliative  Behandlung  der  Tumoren  desselben,  die  Beseitigung  der  me- 
chanischen Hindernisse  vielfacher  Art  und  andere  chirurgische  Eingriite 
bedeuten  auf  diesem  überaus  heiklen  Gebiete  tägliche,  früher  beinahe 
kaum  denkbare  Erfolge. 

Die  Darmfistel  kann  manchmal  spontan  heilen.  Weil  in  einem 
solchen  Falle  gewöhnlich  die  abnorme  Öffnung  nur  einen  Theil  der 
Peripherie  des  Darmes  betrifft,  gewöhnlich  nach  einem  Darmwandbruche, 
und  weil  in  verhältnismäßig  zahlreichen  Fällen  eine  derartige  Fistel  den 
Dickdarm  betrifft,  so  kann  man  sich  sehr  leicht  einen  Fall  denken,  dass, 
obgleich  eine  Darmschlinge  an  die  vordere  Bauchwand  angewachsen 
ist  und  mit  einer  kleinen  Öffnung  nach  außen  mündet,  dennoch  die 
übrigbleibende  Lichtung  des  Darmes  genügend  ist,  damit  sich  der  Darm- 
inhalt ohne  besondere  Schwierigkeit  und  vollständig  auf  normalem  Wege 
nach  außen  entleert,  nachdem  er  an  der  abnormen  Öffnung  vorbeipassiert 
ist.  Die  den  zuführenden  vom  abführenden  Schenkel  scheidende,  in 
das  Darmlumen  vorspringende  mesenterielle  Wand  ist  in  einem  solchen 
Falle  nur  angedeutet,  flach  und  erreicht  bei  weitem  nicht  die  äußere  ab- 
normale Darmöffnung,  hindert  also  nicht  den  Übertritt  des  Darminhaltes 
aus  dem  einen  Arme  in  den  anderen,  so  dass  im  ersten  Falle  ein  Theil 
und  vielleicht  ein  ganz  unbedeutender  sich  durch  die  Darmfistel  nach 
außen  entleert,  während  der  größere,  manchmal  fast  der  ganze  Darminhalt 
den  normalen  Weg  bis  zum  After  verfolgt.  Ist  nun  die  Verbindung 
zwischen  dem  Darminnern  und  der  Bauchwandoberfläche  eng,  lang,  torquiert, 
schief,  so  kann  es  vorkommen,  dass  unter  günstigen  Verhältnissen  der 
ganze  Darminhalt  durch  den  After  nach  außen  entleert  wird,  wiewohl  wir 
mit  der  Sonde  widerstandslos  die  Verbindung  mit  dem  Darminnern  nach- 
zuweisen imstande  sind.  Die  Fistel  selbst  secerniert  in  einem  solchen  Falle 
entweder  Eiter  oder  eine  seröse  Flüssigkeit,  entleert  manchmal  vielleicht  auch 
Partikelchen  des  Darminhaltes,  wie  zum  Beispiel  Gas,  Chymus,  kleine 
Bröckchen  geformten  Darminhaltes  oder  Theilchen  unverdauter  Nahrung, 
wie  Mohnkörner  und  ähnliches,  oder  es  entleert  sich  regelmäßig  ein  ver- 
schieden großer  Theil  des  Darminhaltes  durch  die  Fistel.    Je  breiter  die 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  403 

Fläche  ist,  mittelst  welcher  die  Darmschlinge  mit  der  vorderen  Bauchwand 
verwächst,  umso  schwerer  ist  die  spontane  Ausheilung  der  Fistel;  je 
kleiner  eine  solche  Fläche  ist,  wenn  die  Darmschlinge  gewissermaßen  nur 
tangentiell  an  die  Bauchwand  angewachsen  ist,  umso  leichter  ist  die 
spontane  Ausheilung,  weil  durch  die  wiederholte  peristaltische  Bewegung 
die  lange,  schmale  Adhäsion  immer  mehr  und  mehr  ausgezogen  werden 
kann,  wodurch  auch  wieder  der  Übergang  des  Darminhaltes  auf  die  Haut- 
oberfläche erschwert  und  hiemit  die  Verwachsung  der  Fistel  erleichtert 
wird,  da  stets  weniger  und  weniger  fremden  Inhaltes  hindurchgeht. 
Es  ist  demnach  die  vom  Organismus  geforderte  Arbeit  desto  einfacher, 
je  kleiner  der  Defect  in  der  Darmwand  war,  welcher  zur  Bildung  einer 
Darmfistel  führte.  Am  günstigsten  wäre  also  jener  Befund,  welcher 
dadurch  entstand,  dass  in  einer  scheinbar  normalen  Darmschlinge,  welche 
auch  deswegen  in  die  Bauchhöhle  reponiert  worden  ist,  an  irgend  einer 
Stelle  des  Incarcerationsringes  nachträglich  eine  kleine,  vielleicht  steck- 
nadelkopfgroße Gangrän  der  Darmwand  sich  entwickelte  und  wo  durch 
günstig  einschließende  Adhäsionen  diese  Stelle  an  die  Bauchwand  ange- 
Ipthet,  aber  von  der  übrigen  Bauchhöhle  abgeschlossen  würde,  wodurch 
eine  allgemeine  Peritonitis  verhütet  wurde  und  der  Kranke  dieses  be- 
drohliche Ereignis  zu  überstehen  imstande  war.  So  wären  weiter  die  Ver- 
hältnisse zu  einer  spontanen  Ausheilung  besonders  günstig,  wenn  die  Fistel 
dadurch  entstanden  wäre,  dass  zum  Beispiel  nach  einer  wegen  Darmgangrän, 
aber  auch  wegen  Carcinom.  Tuberculose  oder  Narbe  ausgeführten  Entero- 
rrhaphie  die  Naht  an  einer  einzigen  wenig  ausgedehnten  Stelle  so  allmählich 
nachgeben  würde,  dass  sich  Adhäsionen  bilden  konnten.  Die  Chancen 
einer  solchen  kleinen  Darmfistel  für  spontane  Ausheilung  sind  derart  groß, 
dass  eine  Methode  bei  der  Versorgung  einer  gangränösen  Hernie  darin 
besteht,  die  resecierten  Darmenden  zu  nähen,  aber  in  der  Naht  eine  kleine 
Fistel  anzulegen,  durch  welche  bei  übergroßer  Spannung  vor  der  Nahtstelle 
der  Darminhalt  sich  nach  außen  entleeren  könnte.  Auch  nach  Perforation 
von  cir  cum  Scripten  Geschwüren  und  von  wenig  umfänglichen  Fremdkörpern 
können  Darmfisteln  entstehen,  welche  große  Neigung  zur  Ausheilung  ohne 
jede  Beihilfe  entwickeln.  Dass  Dickdarmfisteln  leichter  spontan  ausheilen, 
als  jene  des  Dünndarmes,  dessen  Ursache  liegt  offenbar  darin,  dass  bei  Dick- 
darmfisteln der  eingedickte  Darminhalt  bei  weitem  nicht  jene  Neigung 
zum  Passieren  durch  die  Darmfistel  nach  außen  zeigt,  wie  der  flüssige 
Dünndarminhalt.  Nicht  selten  ist  aber  die  spontane  Heilung  der  Darmfistel 
nur  scheinbar;  dieselbe  bricht  nämlich  manchmal  wieder  auf;  so  öffnet  sich 
zum  Beispiel  auch  im  Dickdarme  eine  schon  verheilte  Fistel  gerne,  wenn  ein 
katarrhalischer  Zustand  der  Schleimhaut  den  festdicklichen  Inhalt  dieser 
Darmpartie  in  einen  dünnflüssigen  umwandelt,  welcher  leicht  eine  dünne 
Fistel  passiert  oder  ein  dünnes  Narbenhäutchen  arrodiert. 

26* 


404         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 

Manchmal  kennen  wir  die  Ursachen  des  Wiederausbruches  einer  spontan 
geheilten  Fistel  nicht  und  vermuthen  nur,  dass  es  erschwerte  Verhältnisse 
in  der  Circulation  des  Darminhaltes  sind,  welche  diese  verschulden,  zum 
Beispiel  die  narbige  Schrumpfung  an  der  Stelle  einer  unzweckmäßig  aus- 
geführten circulären  Darmnaht. 

Ahnliche  spontane  Heilungen  sind  durch  zahlreiche  Beobachtungen 
in  der  Literatur  vertreten  und  in  der  chirurgischen  Praxis  wiederholen 
sich  diese  Fälle  ziemlich  häufig,  wiewohl  die  activere  Chirurgie  von 
heutzutage  einerseits  gleich  bei  der  Herniotomie  die  Wundverhältnisse 
so  anlegt,  zum  Beispiel  durch  Resection  und  vollständige  primäre 
Enterorrhaphie,  dass  keine  Darmfistel  entsteht,  anderseits  bei  der  defini- 
tiven Ausbildung  einer  Darmfistel  der  letzteren  kaum  Zeit  lässt  zur 
spontanen  Ausheilung,  sondern  dieselbe  durch  Excision  der  Ränder  und 
zum  Beispiel  durch  partielle  quere  Enterorrhaphie  unverzüglich  zum  Ver- 
schlusse bringt. 

Diese  spontanen  Heilungen,  welche  in  einzelnen  Fällen  zweifellos  con- 
statiert  wurden,  waren  schuld  daran,  dass  man  bei  den  früheren  Wundver- 
hältnissen, welche  für  eine  Eröffnung  der  Bauchhöhle  recht  ungünstig  gewesen, 
endlich  vollständig  von  den  Heilversuchen  einer  Darmfistel  abstand,  so  dass 
Louis  im  Jahre  1757  bei  Beschreibung  von  gangränösen  Hernien  sich 
äußern  konnte:  „Der  vollständige  Mangel  einer  chirurgischen  Hilfe  ist  nicht 
tödtlich,  und  ich  bin  überzeugt,  dass  die  natürliche  Hilfe,  sich  selbst  über- 
lassen, in  einer  solchen  Lage  verlässlicher  ist,  als  eine  chirurgisch-operative 
Hilfe,  wenn  sie  schlecht  angewendet  wurde."  Und  schon  im  Jahre  1723 
beobachtete  Farcy  einen  Lastträger,  welcher  seit  8  Jahren  an  einem 
Bruche  litt,  welcher  sich  plötzlich  vergrößerte,  verhärtete,  entzündete  und 
vereiterte,  wiewohl  sich  beim  Kranken  am  vierten  Tage  der  Stuhl  ein- 
gestellt hatte.  Farcy  schnitt  den  vereiterten  Darm  in  einer  Ausdehnung 
von  4  Zoll  ein,  beseitigte  Knochenstücke  (aus  einem  Lammsbeine),  die 
Wunde  vernarbte  und  zur  großen  Verwunderung  des  Beobachters  entwickelte 
sich  nicht  einmal  eine  dauernde  Darmfistel. 

In  ähnlicher  Weise  verhält  sich  die  Sache  mit  dem  widernatürlichen 
After,  also  mit  jener  abnormen  Darmöffnung,  durch  welche  noth gedrungen 
der  ganze  Darminhalt  nach  außen  abfließt,  so  dass  der  Kranke  keinen  Stuhl 
auf  normalem  Wege  haben  kann.  In  einer  solchen  Darmöffnung  mündet 
die  ganze  Peripherie  des  Darmes  nach  außen,  bei  Hernien  dem- 
nach ist  es  der  zuführende  Arm,  welcher  seinen  Inhalt  vollständig  nach 
außen  entleert.  Die  Mündung  des  abführenden  Armes  ist  dabei  in  ver- 
schiedener Weise  im  widernatürlichen  After  implantiert:  entweder  mündet 
dieselbe,  ebenfalls  deutlich  sichtbar,  in  denselben  und  ist  der  Sonde  leicht 
zugänglich,  oder  sie  retrahiert  sich  in  die  umgebenden  Adhäsionen,  so  dass 
dieselbe  der  suchenden  Sonde  ziemlich  schwer  zugänglich  ist,  auch  aus 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  405 

dem  Grunde,  weil  sich  dieser  Darmtheil  aus  Mangel  an  Benützung  zu- 
sammenzieht und  schrumpft.  Die  Scheidewand,  welche  den  zuführenden  und 
abführenden  Arm  voneinander  trennt  und  welche  gewöhnlich  von  den 
miteinander  verlötheten  Mesenterialrändern  beider  Arme  gebildet  wird,  be- 
steht gewöhnlich  aus  dem  zusammengeschobenen  Mesenterium  und  wird 
der  Sporn  genannt.  Im  wesentlichen  muss  also  neben  diesem  Sporne  in 
jedem  Falle  eine  mit  Darmschleimhaut  ausgekleidete  Öffnung  den  gesammten 
Darminhalt  nach  außen  entleeren,  während  auf  der  anderen  Seite  entweder 
eine  bei  weitem  engere  Öffnung  sichtbar  ist,  welche,  ebenfalls  mit  Schleim- 
haut ausgekleidet,  nur  Darmschleim  entleert,  oder  während  auf  der  anderen 
Seite  des  Spornes  nur  eine  enge  von  gewöhnlichen  Granulationen  aus- 
gekleidete Fistel  ausmündet,  die  Eiter  secerniert.  Der  eben  genannte  Sporn 
behindert  den  Übertritt  des  Darminhaltes  aus  einem  Arme  in  den  anderen 
und  daher  auch  die  spontane  Ausheilung  des  widernatürlichen  Afters, 
wodurch  auch  die  Aufgabe  des  behandelnden  Chirurgen  vorgeschrieben  ist.  Aus 
diesem  Grunde  ist  auch  die  spontane  Ausheilung  solcher  Darmöffnungen 
ungemein  selten  und  bei  definitiv  ausgebildetem  widernatürlichen  After  nur 
so  denkbar,  dass  durch  Narbenretraction  des  genannten  Spornes  dieser 
'  immer  flacher  und  flacher  wird  und  sich  zurückzieht,  wodurch  auch  das 
Hindernis  für  den  Übertritt  des  Darminhaltes  sich  immer  mehr  und  mehr 
verringert,  bis  endlich  derselbe  zum  Theile  aus  dem  zuführenden  in  den 
abführenden  Arm  sich  übergießt  und  sich  durch  dieses  Factum  selbst  durch 
Zurückdrängen  des  Spornes  den  Weg  immer  mehr  und  mehr  freimacht. 
Aber  auch  in  dem  Falle  eines  unzweifelhaften  widernatürlichen  Afters  ge- 
schieht manchmal  über  alles  Erwarten  eine  spontane  Ausheilung.  So  be- 
obachtete schon  La  Peyronie  im  Jahre  1723  nach  einer  Herniotomie,  bei 
welcher  er  einen  halben  Schuh  Darm  entfernt  hatte  und  wobei  er  die  Darm- 
schlinge so  versorgte,  dass  er  durch  das  Mesenterium  eine  schmale  Faden- 
schlinge legte,  wodurch  dasselbe  in  der  Mitte  der  Wunde  fixiert  wurde,  eine 
spontane  Heilung;  die  Darmenden  selbst  sicherte  er  nun  derart  in  der  Wunde, 
dass  er  sie  einander  näherte,  in  der  Erwartung,  dass  der  gesammte  Darminhalt 
durch  den  zuführenden  Arm  abfließen  werde,  während  der  abführende  Arm 
überflüssig  wird;  „doch  die  Natur  leistete  mehr,  als  er  im  günstigsten  Falle 
selber  je  erwartet  hätte,"  fügte  er  hinzu.  Nach  einem  Monate  war  das 
eine  Darmende  mit  dem  anderen  bereits  vereinigt,  der  Darminhalt  floss  zwar 
anfangs  durch  die  Wunde  nach  außen,  aber  immer  weniger  und  weniger, 
bis  er  sich  in  normaler  Weise  durch  den  abführenden  Arm  entleerte.  Derselbe 
Autor  veröffentlichte  im  Jahre  1743  weitere  derartige  Beobachtungen,  in  denen 
er  die  Darmenden  in  ähnlicher  Weise  und  mit- ähnlich  günstigem  Erfolge  ver- 
sorgte. Diese  Praxis  wurde  auch  thatsächlich  bis  in  die  zweite  Hälfte  dieses 
Jahrhunderts  befolgt,  freilich  nicht  immer  mit  gleich  günstigem  Erfolge, 
und  die  älteren  von  uns  sahen  während  ihrer  Studien  gewiss  die.  Darm- 


406         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 

Öffnungen  in  ähnlicher  Weise  versorgen,  sobald  bei  einer  Herniotomie  eine 
Gangrän  der  Darmenden  constatiert  wurde ;  es  spielte  also  damals  die 
sichernde  Fadenschlinge,  eine  sogenannte  Mesenterialschlinge,  eine  bedeutende 
Rolle.  Und  trotzdem  dachte  man  nicht  einmal  an  eine  Fixation  der  Darm- 
enden selbst  an  die  Haut,  wiewohl -sie  vor  langer  Zeit  bereits  von  Littre 
vorgeschrieben  worden  ist. 

Das  früher  von  Guy  von  Chauliac  und  Fabricius  ab  Aqua- 
pendente  über  die  Praxis  eines  Jamerius,  Roger,  Theodorich, 
welche  den  Darm  über  einem  Cylinder  von  HoUundermark  zusammennähten, 
weiter  über  das  Vorgehen  des  Wilhelm  de  Saliceto,  welcher  den  Darm 
über  einem  ausgetrockneten  Thierdarme  vereinigte,  endlich  über  die  Ge- 
pflogenheit der  „vier  Meister"  (quattuor  magistri),  welche  am  Ende  des 
13.  Jahrhunderts  den  verletzten  Darm  über  die  in  sein  Inneres  eingeführte 
Thiertrachea  vernähten,  ausgesprochene  Interdict  wurde  auch  jetzt  von 
Louis  über  die  bisherigen  Versuche,  sich  weniger  unthätig  der  Darm- 
gangrän gegenüber  und  der  bestehenden  Darmfistel  oder  dem  vorhandenen 
widernatürlichen  After  gegenüber  zu  verhalten,  verhängt.  Solche  Versuche 
wurden  bereits  von  Littre  inauguriert,  welcher  die  folgende  Vorschrift  gab: 
„Wenn  ein  Darmdivertikel  (als  Bruchinhalt)  bloß  an  seinem  unteren  Ende 
verändert  ist,  und  wenn  zwischen  dieser  Stelle  und  dem  Darme  selbst 
noch  eine  Strecke  gesunden  Gewebes  von  mindestens  zwei  Fingern  Breite 
sich  befindet,  dann  soll  das  Darmanhängsel  in  einer  Entfernung  von 
ungefähr  1  Zoll  von  der  gangränösen  Partie  unterbunden,  sodann  unter 
der  Ligatur  durchgeschnitten  und  der  Stumpf  in  die  Bauchhöhle  zurück- 
gebracht werden.  Der  Faden  mag  fest  zugezogen  werden,  bis  die  unter- 
bundene Partie  sich  exfoliiert,  worauf  sie  vermittels  des  Fadens  entfernt 
werden  kann."  Dieses  ist  auch  ungefähr  der  Vorgang,  welchen  wir  auch 
jetzt  einhalten,  wenn  es  sich  auch  ohne  Incarceration  um  eine  Gangrän  des 
Wurmfortsatzes  handelt,  durch  welche  zumeist  die  Perityphlitiden  bedingt 
sind.  Weiter  sagt  Littre:  „Reicht  die  Gangrän  des  Darmanhängsels 
bis  zum  Darme  selbst,  dann  soll  der  Chirurg  alles  beseitigen,  was  ab- 
gestorben ist,  er  soll  auch  die  Darmschlinge  jemandem  zum  Halten  übergeben, 
damit  sie  nicht  in  die  Bauchhöhle  zurückschlüpfe.  Nachdem  er  sichergestellt 
hatte,  welches  Ende  dem  zuführenden  Arme  und  welches  dem  abführenden 
angehört,  soll  der  abführende  Arm  unterbunden  und  in  die  Bauchhöhle 
zurückgebracht  werden  (!!);  der  Faden  soll  in  der  Nähe  der  Wunde  ver- 
sorgt werden,  bis  er  abfällt,  durch  drei  Nähte  soll  aber  der  zuführende 
Arm  fixiert  werden,  damit  er  in  der  Bauch  wunde  anwächst." 

Es  ist  möglich,  dass  eine  derartige  Fixation  einer  Darmschlinge  oder 
eigentlich  nur  des  zuführenden  Darmes  der  spontanen  Heilung  des  wider- 
natürlichen Afters  in  bedeutender  Weise  im  Wege  stand,  so  dass  die 
späteren  Chirurgen  nahezu  ausschließlich  der  Methode  von  La  Peyronie 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  407 

treu  blieben,  indem  sie  die  Darmschlinge  ausschließlich  mittelst  einer  durch 
das  Mesenterium  derselben  geführten  Schlinge  fixierten. 

Gegen  diese  beiden  Methoden  treten  alle  anderen,  welche  zum  Zwecke 
hatten,  entweder  die  Bildung  eines  widernatürlichen  Afters  nach  Gangrän 
oder  nach  einer  Verletzung  vorzubeugen,  weit  in  den  Hintergrund,  indem 
sie  gewöhnlich  nur  von  ihren  Erfindern  oder  hie  und  da  von  einem  kühneren 
Nachahmer  versucht  wurden,  worauf  sie  bei  dem  ersten  Misserfolge  ver- 
urtheilt  wurden  und  in  Vergessenheit  geriethen.  An  dieser  Stelle  muss 
ausdrücklich  betont  werden,  dass  die  Anwendung  dieser  Methoden  behufs 
Heilung  eines  vernarbten  Anus  prseternaturalis  niemandem  in  den  Sinn  kam; 
das  Object  derselben  war  stets  entweder  ein  frischer  Substanzverlust  oder 
eine  Continuitätstrennung  der  Darmwände. 

Von  diesen  sporadischen  Versuchen  sollen  jedoch  einige  an  dieser 
Stelle  erwähnt  werden,  da  in  ihnen,  allerdings  zerstreut,  die  Elemente  der 
modernen  Therapie  der  fraglichen  Affection  enthalten  sind. 

So  wurde  im  Jahre  1727  Ramdohr  gezwungen,  ungefähr  zwei  Fuß 
gangränösen  Darmes  zu  beseitigen  und  den  entstandenen  Defect  derart  zu 
versorgen,  dass  er  ein  Darmende  an  den  Rändern  mittelst  zweier  durch- 
geführter Fäden  erfasste  und  diese  von  innen  her  durch  das  andere  Darmende 
einführte,  derart,  dass  er  das  eine  in  das  andere  hineinzog  und  durch  mäßiges 
Anziehen  in  dieser  Lage  befestigte.  Der  Kranke  genas,  die  Methode  wurde 
aber  trotzdem  wieder  verlassen,  denn  die  nach  ihr  operierten  Fälle  werden 
zwar  aus  dem  Jahre  1727  von  Vermale  gemeldet,  die  nächsten  dagegen  aber 
erst  ungefähr  ein  Jahrhundert  später  (im  Jahre  1810)  von  Lo  vi  eile. 

Boy  er,  Sabatier.  Moebius,  Heister,  Devilliers  sprachen  sich 
zu  verschiedenen  Zeiten  gegen  diese  Methode  aus,  manche  darauf  hin- 
weisend, dass  ihre  Ausführung  schon  an  den  Versuchsthieren  sehr  schwierig 
sei.  Aus  dem  Jahre  1839  wird  hierauf  wieder  ein  Fall  der  Darmvereinigung 
nach  den  Vorschriften  der  „vier  Meister"  mitgetheilt,  und  zwar  von 
Duverger,  welcher  hiezu  ebenfalls  eine  thierische  Trachea  verwendete. 
Auch  gegen  diese  Methode  opponierte  Sabatier,  so  dass  ein  ganzes  Jahr- 
hundert verfloss,  ohne  dass  in  dieser  Angelegenheit  ein  Schritt  nach  vor- 
wärts gemacht  worden  wäre.  Nur  durch  Thompson  ist  constatiert  worden, 
dass  wenn  er  rings  um  den  Darm  eine  Reihe  von  Knopfnähten  anlegte, 
diese  nach  einiger  Zeit  (von  ungefähr  6  Wochen)  verschwanden,  indem  sie 
in  den  Darm  hineinfielen  und  mit  dem  Stuhle  nach  außen  befördert  wurden. 
Es  ist  unnöthig  hinzuzufügen,  dass  diese  Erfahrung  ausschließlich  durch 
Thierversuche  gewonnen  wurde. 

Eine  fortschrittliche  Wendung  in  dieser  Angelegenheit  wurde  durch 
Jobert  (1822)  und  Lembert  (1826)  inauguriert.  Jener  glaubte  durch 
Thierversuche  sichergestellt  zu  haben,  dass  die  Heilung  von  Darmver- 
letzungen nur  derart  erzielt  werden  könne,  dass  die  serösen  Oberflächen 


408         Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 

beider  Darmenden  aneinander  gelegt  werden.  Zu  diesem  Zwecke  führte  er 
eine  Invagination  nach  Ramdohr  aus,  hatte  aber  schon  vorher  die 
Ränder  des  äußeren  Darmendes  ebenfalls  eingestülpt,  so  dass  sich  nach 
der  Invagination  die  serösen  Säume  der  beiden  IntestinalöfPnungen  be- 
rührten: die  Ici-Titeren  wurden  sodann  durch  zwei  Nähte  aneinander  fixiert 
Man  warf  dieser  i.  ethode  vor,  dass  es  sehr  schwierig  sei,  das  zu-  und 
abführende  Ende  voneinander  zu  unterscheiden,  dass  durch  die  Operations- 
methode eine  Darmverengerung  geschaffen  wird,  endlich  dass  die  Ausführung 
sehr  schwierig  sei.  Deswegen  schlug  Lembert  auf  Grund  desselben 
Principes  vor,  dass  min  nach  Durchschneidung  des  Darmes  die  Serosa  der 
Darmenden  nur  bis  zu  einem  rechten  Winkel  abbiege  und  in  dieser  Lage 
dadurch  befestige,  dass  man  einzelne  Nähte  so  anlegt,  dass  sie  durch  den 
abgebogenen  Rand  schi  ef  durchgehen,  die  Schleimhaut  aber  nicht  durch- 
bohren. Die  letzte  Nahta  degung  ist  auch  heutzutage  noch  üblich,  allerdings 
in  Verwendung  mit  der  Naht  noch  anderer  Darmschichten  (zum  Beispiel 
der  Schleimhaut),  doch  werden  auch  aus  der  allerneuesten  Zeit  (zum 
Beispiel  von  Bier  1895)  Mittheilungen  gemeldet,  nach  denen  diese  Naht 
ausschließlich  und  zwar  i  dt  ziemlich  gutem  Erfolge,  nämlich  mit  2  Todes- 
fällen auf  15  Fälle  ange\^  endet  wurde. 

Schon  im  Jahre  18i  7  erzielte  zwar  Reybard  durch  Vernähung  der 
Darmenden  (nach  Exstirpation  eines  Carcinoms)  mittelst  einer  gewöhnlichen 
Knopfnaht  Heilung,  doch  von  dieser  Zeit  an  bis  in  die  allerneueste  Phase 
der  operativen  Chirurgie  beherrschen  die  Ansichten  Jobert's  und 
Lembert 's  die  Darmchii'urgie,  wiewohl  die  Frage  ungemein  nahe  lag,  wie 
man  sich  bei  der  Anerken  lung  des  Principes  der  genannten  zwei  Forscher  die 
Heilung  jener  willkürlichen  oder  zufällig  vorkommenden  Darmverletzungen 
vorstelle,  welche  an  Örtlichkeiten  vorkommen,  wo  die  Darmoberfläche  eines 
serösen  Überzuges  entbehrt,  demnach  vor  allem  bei  der  Naht  des  Colon 
ascendens  und  descendens.  besonders  der  hinteren  Oberfläche  derselben.  Früher 
war  jedoch  dieser  Einwurf  weniger  actuell,  da,  bis  auf  den  Versuch  von 
Reybard,  an  Operation  sn  am  Colon  nicht  gedacht  wurde  und  man  daher 
auch  kaum  je  zur  Anlegung  einer  Sutur  an  diesen  Organen  Gelegenheit 
hatte.  Man  operierte  meist  nur  wegen  Verletzungen  und  Hernien  und 
ausschließlich  am  Dünndarme.  Die  Tumoren  des  Dickdarmes  blieben,  bis 
auf  den  Fall  von  Reybc  rd,  bis  zum  Jahre  1877  unberührt.  Die  Frage 
über  Heilung  der  durch  Exstirpation  eines  Dickdarmcarcinoms  gesetzten 
Wunde  wird  daher  erst  von  da  an  actuell. 

Wir  wollen  an  dies(  r  Stelle  alle  jene  Versuche  und  Vorschläge  über- 
gehen, von  denen  bei  der  heutigen  Praxis  nichts  verwendet  wird  und 
wenden  uns  daher  sofort  ;  u  den  modernen  Methoden. 

Die  Stimmung  gegen  jedwedes  activeres  Einschreiten  gegenüber  den 
Darmdefecten  war  im  Anlange  dieses  Jahrhunderts  ziemlich  stabilisiert. 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


409 


Scarpa  (1819)  äußert  sich  folgendermaßen:  „In  gegenwärtiger  Zeit  kann 
man  gegen  2  bis  3  nach  dem  Beispiele  von  Ramdohr  mit  vollständigem 
Erfolge  operierte  Fälle  eine  fast  unübersehbare  (!  ?)  Zahl  von  Heilungen 
anführen,  welche  die  Natur  selbst  zu  Ende  führte.  Auch  bei  dem  heutigen 
Stande  der  chirurgischen  Kunst  müssen  wir  den  Kranken  beglückwünschen, 
wenn  er  in  diesen  ungünstigen  Verhältnissen  in  die  Hand  von  Chirurgen 
geräth,  welche  nicht  fähig  sind,  eine  Operation  zu  unternehmen  und  die 
sich  nicht  bemühen,  die  Heilung  der  Wunde  zu  beschleunigen." 

Die  Versuche  von  J  o  b  e  r  t  und  L  e  m  b  e  r  t  haben  an  dieser  Stimmung 
nicht  das  mindeste  geändert,  umsoweniger,  als  sich  die  Erfindung 
Dupuytren 's  rasch  zahlreiche  Anhänger  verschaffte,  welche  eine  Aus- 
heilung des  widernatürlichen  Afters  auch  ohne  Operation  ermöglichte. 
Das  von  Dupuytren  hiezu  erfundene  Instrument  wurde  von  ihm  Enterotom 
genannt.  Seine  Aufgabe  war,  den  Sporn,  welcher  den  zu-  und  abführenden 
Arm  voneinander  schied,  vom  unteren  Rande  desselben  zu  zerstören,  so 
dass  das  Hindernis  für  das  übertreten  des  Darminhaltes  aus  dem  zu-  in 
den  abführenden  Arm  hinweggeräumt  wurde.  Das  Instrument  bestand  aus 
zwei  Theilen;  sein  Aussehen  war  scherenförmig,  es  ließ  sich  in  dem  Schlosse 
auseinanderlegen,  und  zwar  in  eine  männliche  und  weibliche  Branche.  Die 
weibliche  hatte  eine  Längsfurche  wie  eine  Hohlsonde,  in  dieselbe  passte 
der  einfache  männliche  Arm;  die  ringförmigen  Handenden  des  Instrumentes 
sind  mittelst  einer  Schraube  miteinander  verbunden,  mit  deren  Hilfe 
die  geraden,  das  Object  umgreifenden  Enden  nach  Belieben  gegeneinander 
gepresst  werden  konnten.  Das  auseinandergelegte  Instrument  wird  ungefähr 
so  angelegt,  wie  man  bei  der  Geburtszange  eine  Branche  nach  der  anderen 
anlegt,  indem  jeder  Arm  in  ein  separates  Darmende  eingeführt  wird.  Dann 
werden  die  Branchen  im  Schlosse  zusammengefügt  und  mit  der  Schraube 
angezogen,  so  dass  es  wahrscheinlich  ist,  dass  das  von  ihnen  eingeschlossene 
Gewebe,  nämlich  der  Sporn  des  widernatürlichen  Afters,  der  Gangrän  verfällt. 
Der  Vorgang  war  derart,  dass  man  anfangs  die  Branchen  nur  mäßig  gegen- 
einander presste,  damit  durch  diesen  Reiz  die  aneinander  gelegten  Serösa- 
flächen  des  Darmes  zur  plastischen  Exsudation  gereizt  werden,  ohne  dass 
gleich  anfangs  die  Darmwand  durchgeschnitten  worden  wäre.  Nachdem 
sich  rings  um  diese  Stelle  Adhäsionen  gebildet  hatten,  steigerte  man  den 
Branchendruck  gegeneinander  derart,  dass  unausweichlich  die  beiden  Darm- 
wände durchgedrückt  werden  mussten;  hiedurch  wurde  eine  Communication 
zwischen  den  beiden  Darmenden  hergestellt,  beim  langsamen  Vorgehen 
allerdings  unter  Bildung  nur  halbfester  Adhäsionen.  Wurde  der  Druck  rasch 
gesteigert,  dann  konnte  es  wohl  geschehen,  dass  die  Darmwanddurchschneidung 
erfolgte,  bevor  die  Adhäsionen  hinreichend  fest  waren,  der  ausfließende 
Darminhalt  daher  die  Peritonealhöhle  inficierte  und  derart  eine  tödtliche 
Peritonitis  hervorrufen  musste.  v.  D umreicher  modificierte  das  Instrument 


410         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters 

insofern,  als  er  die  geraden  gegen  das  Object  gekehrten  Branchen  des 
Instrumentes  durch  schlanke,  etwas  nach  außen  convexe  Metallstäbchen 
ersetzte,  welche  an  ihren  Enden  elliptische  Metallplättchen  trugen;  statt 
der  Branchen  sollten  nun  durch  Zusammenschrauben  des  Instrumentes 
diese  Platten  aneinander  gedrückt  werden.  Man  bezweckte  dadurch,  dass 
<Jer  besagte  Defect  in  den  beiden  Darmenden  nicht  linienförmig,  sondern 
rund-elliptisch  ausfiel  und  dass  diese  Communicationsöffnung  von  dem 
unteren  Rande  des  Spornes  noch  durch  eine  intact  gebliebene  Partie  des 
letzteren  getrennt  blieb.  Wir  sehen  darin  schon  die  Realisierung  einer  auch 
in  modernen  Zeiten  häufig  geübten  Methode,  nämlich  die  Herstellung  einer 
Darmanastomose,  vorläufig  allerdings  ohne  Verschluss  der  beiden  Darm- 
enden. Der  Vortheil  des  D  umreicher 'sehen  Instrumentes  war  unzweifelhaft 
besonders  in  jenen  Fällen,  in  denen  der  Sporn  bis  hart  an  die  Körper- 
oberfläche heranreichte,  daher  auch  der  Darminhalt,  wenn  er  denselben 
umgehen  sollte,  eigentlich  auch  nach  Anlegung  des  Dupuytren'schen 
Enterotoms  zum  Theile  auf  die  Hautoberfläche  überfließen  musste. 

Die  Unsicherheit  und  die  Gefahr  des  Druckes  durch  das  Dupuy- 
tren 'sehe  Enterotom  und  seine  Modification  bestand  darin,  dass  der  Operateur 
auch  bei  der  größten  Vorsicht  nicht  dafür  einstehen  konnte,  dass  er  zwischen 
die  Branchen  des  Instrumentes  das  eine-  oder  das  anderemal  nicht  auch  eine 
anliegende,  manchmal  angewachsene  Darmschlinge  mitfasste,  welche  mit  der 
Bildung  des  widernatürlichen  Afters  nichts  zu  thun  hatte.  Hiedurch  konnten 
zwischen  den  Darmsehlingen,  welche  sehr  weit  voneinander  lagen,  abnorme 
Communicationen  hergestellt  und  hiedurch  eine  derartige  Abkürzung 
des  Weges  für  den  Darminhalt  bedingt  werden,  dass  die  Nahrung  nur 
unvollkommen  ausgenützt  wurde  und  der  Kranke  bei  normaler,  manchmal 
auch  überreicher  Ernährung  immer  mehr  und  mehr  verfiel. 

Es  ist  kein  Zweifel,  dass  gerade  diese  Methode  bei  vielen  Chirurgen, 
besonders  bei  jenen,  deren  Jugendzeit  in  die  vorantiseptische  Zeit  fällt, 
auch  dann  ein  gefürchteter  Feind  für  die  modernen  Methoden  der  Heilung 
eines  widernatürlichen  Afters  war,  als  bereits  der  Schutz  gegen  die  operative 
Infection  in  Form  der  antiseptischen  Methode  bestand. 

Per  parenthesin  soll  hier  einer  Methode  Erwähnung  getlian  werden, 
welche  in  der  neuesten  Zeit  in  Form  der  Darmprothesen  bei  Darmnaht, 
insbesondere  also  in  Form  des  Murphy 'sehen  Knopfes  wieder  erscheint. 
Schon  Denans  hat  nämlich  drei  Ringe  aus  Silber  oder  Zink  verwendet;  zwei 
derselben,  von  ungefähr  3  Linien  Höhe,  waren  von  gleichem  Durchmesser 
wie  der  Darm,  der  dritte  Ring  aber  zweimal  so  hoch  und  etwas  dünner, 
damit  er  in  die  anderen  zwei  Ringe  eingeschoben  werden  könnte.  Die 
Anwendung  geschah  in  folgender  Weise:  Nach  gemachter  Resection  des 
Darmes  wurde  jedes  der  zurückbleibenden  Darmenden  über  je  einen  der 
weiteren  Ringe  invaginiert  und  nun  die  beiden  Ringe  mit  den  über  sie 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  411 


eingestülpten  Darmenden  auf  den  dritten  höheren  Ring  daraufgeschoben 
und  so  einander  genähert,  bis  sie  sich  mit  den  serösen  Oberflächen  be- 
rührten; in  dieser  Lage  wurden  die  Ränder  mittelst  zweier  Knopfnähte 
befestigt.  Es  war  dies  ein  experimenteller  Vorschlag,  welcher  kaum  je  am 
Menschen  angewendet  worden  war. 

Außer  den  angeführten  Methoden  kann  man  bis  zur  Einführung  der 
antiseptischen  Wundbehandlung  fast  keinen  Fortschritt  in  den  Heilungs- 
versuchen, welche  gegen  den  widernatürlichen  After  gerichtet  wären,  ver- 


c"  <:"'  d  e 


Fig.  93. 

zeichnen.  Es  ist  zwar  eine  ganze  Reihe  von  Modificationen  des  Ram- 
dohr 'sehen  Invaginationsverfahrens,  als  auch  der  circulären  Naht  der 
Darmenden  über  Fremdkörpern  bekannt  geworden,  doch  interessieren  uns  hier 
vornehmlich  nur  die  zahlreichen  Modificationen  und  Nuancen  der  Nahtanlegung 
selbst,  wovon  wir  das  für  uns  halbwegs  Brauchbare  hervorheben  wollen. 

So  verwendete  man  entweder  die  aus  Fig.  93  ersichtliche  gewöhn- 
liche Knopfnaht  (a)  oder  die  fortlaufende  oder  Kürschnernaht  (Garengeot  [6] 
oder  Bele  [b']  oder  Dupuytren)  oder  die  Lembert'sche  fortlaufende 
Naht  [b"]\  man  gebrauchte  die  sogenannte  Sutura  transgressiva  mit  Über- 
springen einer  Naht  (Sabatier  [c])  und  zwar  entweder  in  einer  Richtung 
ausgeführt  oder,  nach  Dieffenba  ch,  auch  zurückkehrend  [c'],  also  in  zwei 
Richtungen.  Man  führte  diese  Nähte  auch  auf  einmal  mit  einem  Faden  und 


412         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 

zwei  eingefädelten  Nadeln,  und  zwar  insofern  umgekehrt,  als  die  bisherigen, 
quer  zum  Defecte  verlaufenden  Fadenpartien  außen  und  die  längs  desselben 
angelegten  innen  im  Darme  verlaufen,  es  ist  die  Naht  von  Gely  [c"]  (Suture 
en  pique,  die  Steppnaht).  Die  Sab  atier 'sehe  Naht,  jedoch  mit  einem 
doppelten  Faden  statt  eines  einfachen  ausgeführt,  nennt  man  die  Naht 
nach  Appolito  [c'"];  die  queren  Fäden  liegen  außen,  die  Längsfäden 
innen;  abgeschlossen  wird  diese  Naht  mit  einem  einfachen  Lembe rt 'sehen, 
aber  nur  mit  einem  der  Fäden  ausgeführten  Stiche. 

Auch  die  einzelne  Knopfnaht  wurde  in  verschiedener  Weise  angelegt. 
Nach  Bouisson  [d\  kann  man  auf  beiden  Seiten  der  Wunde,  die  allerdings 
entlang  dem  Darme  verlaufen  müsste  (die  Anwendung  dieser  Methode  bei 
circulären  Darmwunden  ist  sehr  schwierig),  je  eine  Nadel  und  zwar  mittelst 
mehrfachen  Einstichs  durch  die  oberflächlichen  Schichten  fixieren,  so 
dass  die  Nadel  von  Stelle  zu  Stelle  sichtbar  bleibt  und  die  sichtbaren 
Stellen  der  beiden  Nadeln  sich  gegenüberliegen.  Die  Knopfnähte  wurden 
nun  quer  über  die  Wunde  angelegt,  indem  man  dieselben  nur  um  die 
sichtbaren  Stellen  der  Nadeln  herumführte  und  zusammenband.  Nach 
Verheilung  der  Wunde  wurden  die  Nadeln  herausgezogen,  wodurch  auch 
sämmtliche  Nähte  frei  wurden.  Emmeri  (ej  hat  die  Naht  so  ausgeführt,  dass 
er  die  Darmwand  mittelst  einer  Nadel  mit  Faden  parallel  mit  der  Darm- 
wunde durchstach,  und  zwar  auf  beiden  Seiten;  an  den  freien  Stellen 
wurde  der  Faden  schlingenförmig  vorgezogen  und  die  Schlinge  zerschnitten; 
die  entsprechenden  Enden  der  gegenüberliegenden  Nähte  wurden  zu- 
sammengebunden, also  a  mit  a',  b  mit  b'  und  so  fort. 

Weitere  Nuancen  der  Knopfnaht  brauchen  wir  nicht  anzuführen; 
dagegen  können  wir  eines  Umstandes  erwähnen,  nämlich  jenes,  in  welcher 
Tiefe  die  Nähte  durch  die  Darmwand  geführt  werden  sollen,  mögen  sie 
nun  Knopf-  oder  fortlaufende  Nähte  sein.  Auf  diese  beiden  Nahtarten  be- 
schränken wir  uns  nämlich  bei  der  modernen  Enterorrhaphie. 

Wenn  wir  von  dem  Standpunkte  ausgehen,  dass  wir  nur  jene  ein- 
reihige Sutur  theoretisch  empfehlen  können  (und  die  hat  sich  auch  in  der 
Praxis  bewährt),  welche  nicht  in  das  Darminnere  hineinsieht,  daher  auch 
mit  dem  Darminhalte  nicht  in  Berührung  kommt,  so  können  wir  uns  die 
Kritik  der  einzelnen  Nahtarten  in  dieser  Beziehung  sehr  erleichtern.  Zu 
den  von  diesem  Gesichtspunkte  empfehlenswerten  Nahtarten  gehört  die  in 
Fig.  94  veranschaulichte  Lembert'sche  Sutur  [«].  Dieselbe,  durch  die 
äußersten  Darmschichten  geführt,  kann  durch  die  Verlöthung  der  breit 
angelegten  Serosasäume  vom  Darminnern  ziemlieh  vollkommen  abge- 
schlossen werden.  In  der  Praxis  kann  allerdings  durch  Einsickern  des  Darm- 
inhaltes zwischen  die  Serosaoberflächen  auch  diese  Naht  infieiert  werden. 

Dass  man  auch  die  folgenden  einreihigen  Nähte  nicht  empfehlen  kann, 
liegt  auf  der  Hand,  und  die  Abbildung  gibt  hievon  hinreichend  den  Grund 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  413 


an.  Dazu  gehören:  die  Jobert'sche  Naht  bei  der  Invagination  [h],  auch 
nicht  dessen  Knopfnaht  [c];  die  Wys  1er 'sehe  Naht  tauchte  ebenfalls  mit 
einer  Hälfte  in  den  Darminhalt  ein  [d];  ebenso  konnte  die  Jobert'sche 
einfache  Naht  an  zwei  Stellen  inficiert  werden  [c].  Gussenbauer  ersann, 


Fig.  94. 


hauptsächlich  für  Magenwunden,  und  zwar  vor  allem,  um  die  Wunde  gegen 
die  verdauende  Kraft  des  Magensaftes  zu  schützen,  die  sogenannte  Achter- 
naht [e],  welche  eine  Combination  der  Lembert 'sehen  und  Wysl  er 'sehen 
Sutur  ist,  allerdings  aber  mit  einem  Faden  ausgeführt.  Infolge  des  Um- 
standes,  als  sich  durch  die  Fadencontinuität  Infection  von  der  inneren  Naht 
auch  der  äußeren  serösen  Naht  mittheilen  kann,  ist  eine  Verurtheilung 


414         Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 

dieser  Methode  ausgesprochen.  Dagegen  bestand  ein  glücklicher  Gedanke 
Czerny's  in  der  Zerlegung  der  Gussenbau  er 'sehen  Achternaht  in  ihre 
Elemente  [/],  und  zwar  in  eine  seromuskuläre  innere  und  eine  biseröse 
äußere.  Beide  dieser  Nahtreihen  wurden  nach  außen  geknüpft  und  hiemit 
die  Phase  der  doppelreihigen,  sogenannten  Etagennähte  inauguriert.  Einen 
kleinen  Fortschritt  in  der  Nahtanlegung  verdanken  wir  auch  Wölf  1er, 
welcher  die  innere  Nahtreihe  bis  auf  die  zwei  oder  drei  letzten  Nähte 
nach  innen  knüpfte,  so  dass  die  Nahtknöpfe  nicht  zwischen  der  Serosa, 
sondern  im  Darminnern  liegen,  ein  Umstand,  welcher  zwar  theoretisch  einen 
Vortheil  involviert,  in  der  Praxis  bei  der  Dünnheit  des  verwendeten  Näh- 
materials aber  kaum  in  die  Wagschale  fällt.  Albert  knüpfte  beide  Naht- 
reihen nach  außen,  mit  der  inneren  Naht  aber  hielt  er  vor  der  Schleimhaut 
nicht  ein.  sondern  fasste  die  beiden  Schleimhautränder  mit  in  die  innere 
Nahtreihe  [g].  Hiedurch  communicierte  abermals  die  äußere  vermittels  der 
inneren  Nahtreihe  direct  mit  dem  Darminnern.  wodurch  wieder  die 
Infection  der  äußeren  serösen  Nähte  sehr  nahegerückt  wurde.  Eine  kleine 
Modification  der  äußeren  Naht  brachte  Frank  als  Assistent  Albert's 
vor,  indem  er  zwei  Nähte  mittelst  eines  Fadens  anlegte  [h],  welche  sich 
besonders  bei  dem  Verschlusse  der  letzten  Schleimhautlücken  bei  der 
circulären  Darmnaht  bewähren. 

Wölfl  er  modificierte  die  Darmnaht  noch  in  der  Beziehung,  dass  er 
die  Nadel  von  innen  und  zwar  zwischen  die  Muscularis  und  Schleimhaut 
durchstach  und  auf  der  Serosa  etwas  weiter  vom  Rande  ausstach;  dieselbe 
Nadel  wurde  nun  auf  dem  anderen  Darmende  in  einer  kleinen  Entfernung 
vom  Rande  in  die  Serosa  eingestochen  und  zwischen  der  Muscularis  und 
Schleimhaut  dieses  Endes  ausgestochen  [i].  Hiedurch  wurde  beabsichtigt, 
die  Schleimhautränder  so  nahe  als  möglich  aneinander  zu  rücken  und 
hiebei  die  Nadel  nicht  durch  das  Darminnere  hindurchzuführen,  also  im 
Grunde  dasselbe,  was  Albert  durch  seine  innere  Naht  bezweckte.  Wenn 
sich  die  Ränder  noch  nicht  berührten,  so  wurden  einige  reine  Schleimhaut- 
nähte angelegt.  Auch  gegen  diese  Nahtanordnung  kann  man  einwenden, 
dass  in  der  Submucosa  die  innere  Naht  mit  dem  Darminhalte  in  Contact  ist, 
sodann  aber  sich  zu  den  angelehnten  Serosaflächen  die  biseröse  Naht  derart 
nähert,  dass  die  Infection  leicht  übertragen  werden  kann.  Auf  Grund  dieser 
Erwägungen  hat  der  Verfasser  seit  dem  Jahre  1885  seine  doppelreihige 
Naht  derart  angelegt,  dass  mittelst  der  inneren  nur  die  Mucosa  und  Sub- 
mucosa vereinigt  wird  und  außerdem  eine  biseröse  Lembert'sche  Sutur 
in  zweiter  Reihe  angelegt  wurde,  welche  allerdings  auch  in  die  äußeren 
Muscularisschichten  eindringt.  Hiedurch  ist  die  Möglichkeit  gegeben,  dass 
sich  nicht  nur  die  beiden  angelehnten  Serosaflächen  in  ihrer  ganzen  Aus- 
dehnung breit  verlöthen,  indem  sie  nur  von  der  biserösen  Naht  passiert 
werden,  es  ist  aber  auch  alles  eingeleitet,  damit  sich  die  Muscularisschichte 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  415 

jedes  Darmendes  mit  der  entsprechenden  der  anderen  Seite  vereinige  und 
derart  eine  Scheidewand  zwischen  den  früheren  und  den  nur  die  Mucosa 
und  Submucosa  durchbohrenden  Nähten  bilde.  So  wird  die  äußere  Nahtreihe 
vollständig  von  der  inneren  abgeschlossen,  nichtsdestoweniger  aber  die  Schleim- 
haut so  viel  als  möglich  genöthigt,  sich  über  der  Darmwunde  per  primam  zu 
vereinigen.  Unter  dem  Einflüsse  des  Lawso  n-Tait'schen  Principes  der 
Lappenrandspaltung  bei  plastischen  Perinealoperationen  und  unter  dem 


Fig.  95  (siehe  Seite  416). 

Mikroskopischer  Durchschnitt  einer  vor  längerer  Zeit  genähten  Darnawunde. 
Bei  b  Mucosanaht,  bei  a  die  biseröse  Naht. 


Einflüsse  der  Erwägung,  dass  bei  Dickdarmwunden  ja  die  Serosa  ohnedies 
mangele,  legte  der  Verfasser  dieses  Buches  in  einer  Reihe  von  Fällen  die 
Naht  so  an,  dass  er  die  gegen  das  Darmlumen  vorgezogene  Schleimhaut  in 
erster  Reihe  nähte  und  zwar  in  der  soeben  angegebenen  Weise,  sodann  aber 
die  übrigen  Schichten,  nämlich  Muscularis  und  Serosa,  nicht  nach  einwärts, 
sondern  nach  auswärts  umschlug  und  eine  äußere  Nahtreihe,  welche  Serosa 
und  oberflächliche  Muscularisschichten  (!)  durchdringt,  in  derselben  Weise 
anlegte,  wie  man  andere  Wundränder  (zum  Beispiel  in  der  Haut)  näht  [k]. 


416         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


In  diesen  Fällen  legten  sich  also  nicht  Serosaflächen,  sondern  nur  Serosa- 
ränder  aneinander.  Diese  Versuche  wurden  auch  durch  jene  Beobachtungen 
des  Verfassers  angeregt,  in  denen  es  gelang,  die  Implantation  der  Ureteren  in 
die  Flexura  romana  erfolgreich  durchzuführen,  während  doch  die  eingenähte 
Harnblasenellipse  eines  serösen  Uberzuges  entbehrte.  Da  durch  die  genannte 
Nahtanordnung  kauna  eine  Differenz  in  den  Erfolgen  der  Enterorrhaphie 
beobachtet  wurde,  so  ist  wohl  ein  Zweifel  an  der  ausschließlichen  Geltung 
des  Job ert- Lern bert 'sehen  Principes  gestattet.  Da  der  Verfasser  auch 
Versuche  in  der  Richtung  unternahm,  dass  er  Darmwunden  vereinigte, 
ohne  die  Serosa  zu  nähen,  und  Erfolge  mit  dieser  Methode  erzielte,  so  ist  er 
überzeugt,  dass  die  Darmwunden  und  Verletzungen  in  derselben  Weise  zur 
Heilung  gelangen,  nämlich  durch  Verlöthung  der  frischen  und  blutenden 
Oberflächen  und  Durchschnitte,  wie  die  gleichartigen  Continuitätstrennungen 
anderer  Gewebe.  Es  ist  jedoch  nicht  zu  leugnen, 

 dass  die  Tendenz  zum  Verkleben,  daher  auch  zur 

   Verheilung  bei  der  Serosa  des  Darmes  in  außer- 

^  ordentlichem  Maße  und  mehr  als  bei  jeder  anderen 

  Darmschichte  zur  Beobachtung  kommt. 

Fig.  95  auf  Seite  415  yeranschaulicht  einen 

c=   mikroskopischen  Schnitt  durch  eine  genähte  Darm- 

^  wunde,  welche  nach  der  im  Vorstehenden  geschilderten 

Nahtmethode  des  Verfassers  vereinigt  wurde,  a  ist 
der  Durchschnitt  der  biserösen,  h  der  Durchschnitt 
der  bimucösen  Naht. 

Auf  dem  Standpunkte,  welcher  soeben  aus- 
einandergesetzt  wurde,  und  welcher  sich  auf  die 
Schichten  und  auf  die  Art,  wie  sie  genäht  werden 
sollen,  bezieht,  verharren  wir  bis  auf  den  heutigen  Tag.    Dass  auf  diese 
Art  auch  die  Entstehung  einer  Stenose  am  sichersten  vermieden  wird,  ist 
selbstverständlich. 

Wir  müssen  aber  auch  noch  in  einer  anderen  Beziehung  von  den 
Darmnähten  sprechen. 

Wir  haben  nämlich  schon  erzählt,  dass  Ramdohr  ein  Ende  in 
das  andere  invaginierte,  und  zwar  natürlicherweise  das  zuführende  in 
das  abführende  (siehe  Fig.  96  [a]).  Job  ert  [i]  hat  zuerst  die  Ränder 
des  abführenden  Darmstückes  eingestülpt  und  dann  erst  das  zuführende 
hinein  invaginiert.  Diese  Art  der  Vereinigung  der  Darmenden  kann 
empfohlen,  jene  dagegen  muss  verworfen  werden,  weil  in  dem  ersten  Falle 
die  Mucosa  des  abführenden  Stückes  der  Serosa  des  zuführenden  aufliegt, 
was  natürlicherweise  ungünstige  Wundheilungsverhältnisse  ergibt,  weil  die 
Mucosa  auf  die  Serosa  nie  aufwächst.  Jobert  hat  die  Darmenden  in  der 
gegebenen  Lage  mittelst  Nähten  fixiert.  Die  Lem  bert 'sehe  Naht  [c]  hatte 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  417 


die  Einstülpung  beider  Enden  zur  nothwendigen  Folge.  Durch  die  Circulation 
des  Darminhaltes  aber  wurde  der  Rand  des  zuführenden  Stückes  gewiss 
in  das  abführende  eingestülpt,  so  dass  das  Bild  im  Durchschnitte  höchstwahr- 
scheinlich dem  Zustande  wie  bei  b.  nämlich  bei  Job  er  t,  ähnlich  sah.  Näht 
man  nach  Lembert  nur  die  äußere  Schichte,  so  ist  es  gleichgiltig,  welches 
Ende  in  das  andere  invaginiert  wird,  weil  die  Darmcirculation  die  eventuell 
verkehrte  Einstülpung  sofort  corrigiert,  was  bei  der  J ob ert 'sehen  Fixation 
der  Ränder  nicht  möglich  ist  und  bei  bedeutender  Vorragung  der  letzteren 
eine  Stenose  verursachen  kann.  Dass  die  letztere  nur  erhöht  wird,  wenn 
die  Ränder  über  einen  Fremdkörper  eingestülpt  werden,  welcher  in  das 
Darmlumen  eingeführt  wurde,  ist  wohl  klar. 

In  einer  eigenthümlichen  Weise  bewerkstelligt  die  Vereinigung  der 
Darmränder  Chaput.  Er  exstirpiert  nämlich  (siehe  Fig.  97  [a])  vom  Durch- 
schnitt aus  an  beiden  Enden  einen  circulären  Streifen  der  Mucosa.  dann 
stülpt  er  die  Seromuscularis-Ränder  nach  au(äen   und   vereinigt,  indem 


Fif/.  97. 


er  mit  Nähten  nahezu  die  ganze  Darmwand  durchdringt,  die  Darmenden 
so,  dass  er  die  Submucosa  des  einen  Endes  an  die  Submucosa  des  anderen 
anlegt  und  die  Nähte  nach  außen  knüpft  \})\.  Nach  Beendigung  dieser 
Nalitreihe  aber  legt  er  über  dieselbe  noch  eine  Reihe  von  Lemb ert'schen 
Nähten,  durch  welche  die  erstere  versenkt  wird  [c].  Wenn  durch  irgend 
eine  circuläre  Darmsutur  einmal  eine  Stenose  entstehen  könnte,  so  ist  es 
offenbar  diese  von  Chaput  „Suture  par  abrasion"  benannte  Darmnaht. 
Eine  ähnliche  Naht  legt  Morisani  an;  auch  er  exstirpiert  von  jedem 
Darmende  einen  Streifen  Mucosa,  sodann  sticht  er  von  der  serösen  Ober- 
fläche bis  zum  Schleimhautrande  ein,  wiederholt  dieses  auf  dem  anderen 
Darmende,  jedoch  in  umgekehrter  Weise,  und  knüpft  die  Fäden  bei 
evertierten  Rändern  nach  außen.  Eine  ähnliche  Naht  ist  weiter  die  von 
Wella,  welcher  die  Darmenden  überhaupt  schief  zuschneidet  und  nicht 
bloß  einen  Streifen  der  Mucosa  exstirpiert. 

Einen  guten  Gedanken  verfolgt  die  Naht  von  Kummer;  derselbe 
will  die  Bildung  einer  Stenose  des  Darmes  an  der  genähten  Stelle  sammt 
ihrer  Folge,  nämlich  die  Perforation  in  der  Naht  oder  die  Darmlähmung 

Maydl,  Specielle  Chirurgie.  I.  27 


418         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


vermeiden:  deswegen  erfasst  er  mit  der  Pincette  die  Submucosa  des  Darmes 
und  löst  die  Muscularis  mit  der  Serosa  in  Form  einer  Manschette  ab 
(siehe  Fig.  98  [«]).  Sodann  stülpt  er  die  letztere  um  und  exstirpiert  den 
nun  hervorragenden  isolierten  Schleimhautcylinder  \b],  endlich  vernäht  er  die 

  Schleimhautränder  bei- 

^  der   Enden,  außerdem 

aber  stülpt  er  die  nach 
innen  umgelegten  Sero- 
muscularis  -  Manschette 
beider  Darmenden  ge- 


r^T)F^  geneinander  ein,  so  dass 

sie  sich  mit  den  serösen 

Fin  98 

Flächen  breit  berühren, 

und  legt  an  die  Umbiegungsstelle  derselben  gewissermaßen  Lembert'sche 
Nähte  durch  beide  hindurch  [c]. 

Briggs  löst  ebenfalls,  aber  bloß  auf  einer  Seite  die  Seromuscularis 
von  der  Submucosa  ab,  stülpt  sodann  die  Mucosa  und  Submucosa  des- 
selben Darmendes  nach  einwärts  und  durch  diese  eingestülpte  Mucosaröhre 
zieht  er  das  unveränderte  andere  Darmende  hinein,  so  dass  nun  die  gegen 
die  Darmlichtung  schauende  Submucosa  die  äußere  Fläche,  nämlich  die 
Serosa  des  zuführenden  Darmendes  berührt  (siehe  Fig.  99  [a]).  Mehr  nach 
rückwärts  und  nach  außen  liegt  die  Muscularis  mit  ihrer  inneren  Ober- 
fläche der  Serosa  desselben  zuführenden  Darmendes  an  [b].  Es  ist  kein 
Zweifel,  dass  diese  Nahtanordnung  ein  Fortschritt  ist,  aus  dem  Grunde,  weil 
die  Nähte  der  einzelnen  Schichten  nicht  an  einer  Stelle,  sondern  in  zwei 
voneinander  entfernten  Punkten  liegen.  Hiedurch  ist  der  Entstehung  einer 
bedeutenden  Strictur  am  Orte  der  Naht  vorgebeugt:  dafür  entsteht  aber 
eine  neue  Lumenbeschränkung  durch 
die  Einstülpung  der  Mucosa  und 
Invagination  des  ganzen  zuführenden 
Endes.  Deswegen  kann  die  Modifi- 
cation  von  Frey  als  eine  weitere 
Verbesserung  der  Naht  bezeichnet 
werden.  Dieselbe  wird  folgender- 
maßen angelegi:  Er  isoliert  an  p-^  gg 
einem  Ende  den  Mucosa-Submucosa- 

Cylinder  von  der  Seromuscularis,  stülpt  diese  nach  außen  um:  sodann  näht 
er  das  ganze  andere  Ende  an  die  Submucosa  des  isolierten  Mucosa- 
Cylinders  an,  indem  er  die  Nähte  auf  einer  Seite  durch  die  isolierte 
•  Mucosa-Submucosa  durchführt  und  dieselben  auf  dem  anderen  Ende  von 
der  Serosa  bis  in  die  Darmlichtung  einsticht  und  nach  innen  knüpft 
(Fig.  100  [bei  a]);:^ist  dies  ringsherum  geschehen,  so  zieht  er  die  abgelöste 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


419 


Seromuscularis  des  einen  Endes  über  das  intacte  andere  Darmende  zurück 
und  befestigt  sie  durch  Nähte,  welche  einerseits  die  Serosa  (des  unver- 
letzten Endes),  andererseits  die  Seromuscularis  des  anderen  Endes  durch- 
dringen (siehe  Fig.  100  [bei  b]).  Ein  Einwand  gegen  diese  Naht  könnte  erstens 
darin  bestehen,  dass  die  Nähte,  welche  durch  ^ 
das  Darminnere  hindurchgehen,  auch  auf  die 
Außenseite  der  Serosa  des  intacten  Endes  hin- 
überführen, demnach  auch  die  Infection  vom 
Darmlumen  aus  auf  die  äußere  Oberfläche  des 
intacten  Endes  hinleiten  können,  woher  aber  der 
Weg  bis  zum  Gesammtperitoneum  sehr  kurz  ist;  -loo 
zweitens  darin,  dass  die  blutiggemachte  innere 

Muscularisfläche  des  einen  auf  der  intacten  Serosa  des  anderen  Endes 
aufliege,  während  es  erfahrungsgemäß  günstiger  wäre,  wenn  sich  entweder 
zwei  seröse  oder  zwei  blutende  Flächen  berührten. 

Wollten  wir  allen  diesen  Einwendungen  begegnen,  so  müssten  wir 
die  Naht  folgendermaßen  anlegen:  Wir  müssten  an  einem  Ende  eine 
Mucosa-Submucosaröhre  isolieren  und  in  derselben  Ausdehnung  die  sie 
'  früher  deckende  Seromuscularis  exstirpieren  (siehe  Fig.  101  [«]).  Am  anderen 
Ende  müssten  wir  ebenfalls  ungefähr  in  gleicher  Ausdehnung  die  Sero- 
.  muscularis  von  dem  Schleimhautcylinder  isolieren,  hier  aber  —  par 
abrasion  —  einen  Mucosacylinder  in  gleicher  Länge  exstirpieren,  wie  am 

^  anderen  Ende  die  Seromuscularis 

 ^  ^  entfernt  worden  ist  \h\.  Nach  Um- 

 ,  I  stülpung  der  seromusculären  Man- 
schette des  letzteren  würde  man 
■                                               _  nun  Schleimhaut  mit  Schleimhaut 
I             I                      vereinigen  und  zwar  durch  nach 

innen  geknüpfte  Nähte  soweit  es 
angeht,    sodann    die  umgestülpte 

  Seromuscularis-Manschette  über  den 

bereits  vereinigten  Mucosacylinder 

  zurückklappen  und  an  den  Rand. 

 welcher   nach    Exstirpation  eines 

Streifens    Seromuscularis  zurück- 
Fig.  101.  blieb,  annähen  [c].  Selbstverständlich 

muss  die  Excisiqn  der  Schleimhaut 
am  abführenden  Stücke,  die  Excision  der  Seromuscularis  am  zuführenden 
Stücke  vorgenommen  werden,  damit  der  Darminhalt  im  Augenblicke,  da  er 
über  die  Mucosanaht  fließt,  bereits  die  seromusculäre  Nahtreihe  weit  hinter 
sich  hätte;  durch  diese  Nahtanlegung  sind  beide  Nahtreihen  voneinander 
durch  einen  breiten  Streifen  blutig  gemachten  Gewebes  getrennt,  daher  eine 

27* 


420         über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


Infection  der  äußeren  Nahtreihe  von  der  inneren  höchst  unwahrscheinHch 
gemacht.  Der  Raum  zwischen  den  beiden  bhitenden  Oberflächen  com- 
municiert  histologisch  nicht  mit  der  Peritonealhöhle,  weil  keine  der 
Schichten,  welche  diesen  Raum  bilden,  je  einen  Theil  der  Bauchhöhle 
ausgemacht  hat;  es  ist  daher  die  Fortleitung  einer  Infection  durch  diesen 
Raum  vom  Darmlumen  aus  gegen  die  Bauchhöhle  höchst  schwierig.  Irn 
ganzen  muss  jedoch  bemerkt  werden,  dass  diese  in  der  letzten  Abtheilung 
besprochenen  complicierten  Nahtmodificationen  in  der  Praxis  weit  gegen  die 
einfachen  zweireihigen  übereinander  liegenden  Suturen  zurückstehen,  und 
zwar  aus  dem  einfachen  Grunde,  weil,  wenn  nicht  besonders  ungünstige 
Verhältnisse,  also  zum  Beispiel  besondere  Dünnheit  der  Darmwände  oder 
geringe  Vitalität  derselben,  bestehen,  man  mit  den  einfachen  Nahtanordnungen 
meistentheils  auskommt. 

In  der  neuesten  Zeit  wendet  man  anstatt  der  circulären  Darmnaht 
der  nach  der  Resection  zurückbleibenden  Darmenden  eine  Methode  an, 
welche  wir  die  der  Darmprothesen  nennen  und  welche,  wie  wir  schon 
erwähnten,  bereits  im  Mittelalter,  allerdings  in  primitiver  Form,  verzeichnet 
ist;  es  ist  dies  hauptsächlich  die  Methode  Senn's  und  Murphy 's, 
welche  zahlreiche  Nachahmer  gefunden  hat. 

Es  wurde  bereits  angeführt,  dass  man  früher  die  Darmenden  auf 
einer  Kalbstrachea,  später  auf  einem  geblähten  und  getrockneten  Darm- 
cylinder  nähte.  Hohenhausen  (1883)  invaginierte  beide  Enden  und 
vernähte  sie  auf  einem  eingeführten  Brodcy linder.  Neuber  (1884)  stülpte 
die  Darmenden  ein  und  vereinigte  sie  über  einem  Cylinder  aus  decalciniertem 
Knochen,  welcher  in  der  Höhe  der  Naht  eine  Querrinne  trug.  Treves 
nähte  über  einer  geblähten  Gummiröhre,  welche  durch  ein  dünnes  Seiten- 
röhrchen  nach  außen  communicierte  und  nach  Belieben  aufgeblasen  werden 
konnte.  Vor  Schluss  der  letzten  Nähte  konnte  die  Gummiblase  heraus- 
gezogen werden;  man  könnte  aber  auch  das  nach  außen  communicierende 
Röhrchen  glatt  abschneiden,  worauf  die  Gummiblase  collabieren  würde  und 
^  mit  dem  Stuhle  nach  außen  abgienge.  Ungefähr  zu  gleicher  Zeit  wurde  die 
aus  dem  Jahre  1842  stammende,  von  Maisonneuve  in  die  Praxis  ein- 
geführte, in  zwei  Fällen  jedoch  ohne  Erfolg  angewendete  Methode  der 
Enteroanastomose  wieder  aufgenommen  und  von  Wölfler,  Salzer  und 
Hohenegg  weiter  ausgebildet,  so  dass  die  ursprüngliche  Methode,  welche 
in  lateraler  Apposition  des  Ileums  an  das  Colon  ascendens  (z.  B.  bei 
Stricturen  des  Cöcums)  bestand,  in  zahlreiche  Unterarten  zerlegt  wurde.  Man 
führte  eine  Gastroenterostomie  aus.  eine  Communication  zwischen  Magen 
und  Jejunum,  man  übte  eine  Enteroanastomose  im  engeren  Sinne,  die 
Communication  zwischen  zwei  Dünndarmschlingen,  und  endlich  Colentero- 
anastomose,  eine  Verbindung  zwischen  Dünndarm  und  Colon  herstellend. 
Die  Vereinigung  auch  dieser  zur  Darmcommunication  führenden  Darm- 


Ober  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  421 

Öffnungen  nahm  man  nun  ebenso  wie  die  terminale  Sutur  zweier  Darm- 
enden nach  Resection  mittelst  Prothesen  vor,  bei  denen  die  folgenden 
Materialien  am  häufigsten  in  Gebrauch  gezogen  wurden:  Senn  wendete 
nämlich  zur  Anlegung  einer  Enteroanastomose  zwei  decalcinierte  Knochen- 
platten; V.  Baracz  Rübenplättchen,  Stamm  Abschnitte  von  den  unteren 
Winkeln  der  Schulterblätter  von  jungem  Rindvieh,  Dawborn  (1891) 
als  erster  Kartoff'elplatten.  Die  Senn'schen  (stets  2)  Knochenplatten  waren 
entweder  aus  dem  Femur  oder  der  Tibia  eines  Ochsen  ausgeschnitten, 
und  zwar  in  der  Dicke  eines  halben  Centimeters;  dieselben  wurden 
behufs  Decalcinierung  in  Salzsäure  eingelegt,  bis  sie  vollständig  biegsam 
geworden  waren,  dann  wurde  in  einer  schwachen  Lösung  von  Kali 
causticum  der  Säureüberschuss  beseitigt  und  die  centrale  Öffnung  (der 
Knochenmarkshöhlendurchschnitt)  etwas  erweitert,  sodann  vier  kleine 
Offnungen  in  der  Peripherie  angelegt.  Der  Vorgang  bei  der  Naht  ist 
nun  folgender:  Man  fädelt  zwei  Nadeln  derart  ein,  dass  die  Klänge 
gleich  lang  sind,  nun  wird  je  ein  Klang  einer  Nadel  mit  einem  Klang 
der  andern  Nadel  geknüpft,  was  auch  mit  dem  anderen  Klange  geschieht, 
so  dass  die  beiden  Faden  einen  an  zwei  Stellen  geknoteten  Fadenring 
bilden,  auf  welchem  zwei  Nadeln  aufgefädelt  sind.  Die  Mittelpunkte  der 
Entfernung  zwischen  je  einer  Nadel  und  je  einem  Knoten  werden  nun 
in  die  erwähnten  vier  Offnungen  an  der  Peripherie  des  Knochenplättchens 
eingeschoben,  so  dass  auf  einer  Seite  des  Plättchens  vier  Fadenschlingen 
hervorsehen:  durch  diese  Fadenschlingen  wird  ein  dritter  Faden  hindurch- 
geführt und  geknöpft,  so  dass  die  Schlingen  nicht  mehr  zurückgezogen 
werden  können.  Solcher  Plättchen  werden  stets  zwei  vorbereitet.  Soll  nun 
eine  Enteroanastomose  vorgenommen  werden,  so  werden  die  Darmwände 
eingeschnitten,  und  zwar  so,  dass  je  ein  Knochenplättchen  gerade  noch  ein- 
geführt werden  kann;  im  Innern  eines  jeden  Darmstückes  wird  das  Plättchen 
so  gedreht,  dass  die  Öffnungen,  aus  denen  die  Nadeln  hervorhängen,  unter 
der  Mitte  der  Incisionsränder,  und  die  Öffnungen,  aus  denen  die  Knoten 
hervorsehen,  in  dem  Incisionswinkel  liegen.  In  dieser  Lage  werden  nun 
die  Plättchen  dadurch  befestigt,  dass  die  Nadeln  durch  je  einen  Darm- 
incisionsrand  gestochen  werden.  Dies  geschieht  auch  am  anderen  Darm- 
stücke. Nun  werden  je  zwei  gegenüberstehende  Nadeln  und  je  zwei  sich 
entsprechende  Knöpfe  geknüpft,  womit  die  Operation  eigentlich  beendet  ist. 
Zur  weiteren  Sicherung  legte  jedoch  Senn  ringsherum  eine  Reihe  von 
Lembert'schen  Nähten.  Dieselbe  Methode  wurde  auch  bei  der  circulären 
Darmnaht  angewendet;  hie  und  da  wurde  ein  günstiger,  manchmal  auch 
ein  ungünstiger  Erfolg,  letzterer  durch  Decubitus  und  Peritonitis,  beobachtet. 
Im  ganzen  erhielt  sich  diese  Methode  nicht  lange,  da  sie  von  der  später 
zu  erwähnenden  Murphy 'sehen  Metallknopfmethode  rasch  überflügelt 
wurde. 


i 


422 


Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


Die  Senn  'sehen  Platten  wurden  von  M  a  1 1  a  s  durch  Ringe  ersetzt, 
welche  aus  mehrfachen  Touren  von  Catgut  zusammengedreht  waren  und 
in  die  Darmenden  eingeführt  wurden,  damit  über  dieselben  die  beiden 
Darmenden  invaginiert  werden  können.  Es  wurden  hiezu  Cellosaiten  oder 
Darmsaiten,  mittelst  denen  man  Paids;enfelle  zu  spannen  pflegt,  verwendet. . 
Nach  Anlegung  der  beiden  derart  eingestülpten  Darmenden  wurden  dieselben 
mittelst  Lembert'scher  Nähte  vernäht.  Weiter  wurden  die 
Senn  'sehen  Platten  von  Sachs  durch  eine  Platte  ersetzt, 
welche  eine  centrale  Öffnung  und  eine  tiefe  Rinne  auf  der 
Fig  102  Kante  hatte,  so  dass  diese  Prothese  einem  Manschettenknopfe 
ähnlich  sah  (siehe  Fig.  102).  Die  Seitenöffnungen  bei  dieser 
lateralen  Darmanastomose  sollen  nur  so  lang  sein,  dass  sich  die  Prothesen 
durch  dieselben  mit  Mühe  durchdrängen  lassen,  so  dass  die  Ränder  der 
Incision  gewissermaßen  von  selbst  in  die  Randfurche  einspringen;  manchmal 
ist  bei  denselben  keine  Außennaht  nothwendig.  Ein  ähnlicher  Knopf  wurde 
auch  von  Rabson  vorgeschlagen. 

In  der  neuesten  Zeit  wird  aber  am  meisten  der  sogenannte  Murphy'sche 
Knopf  angewendet,  welcher,  wie  bereits  erwähnt,  ebenfalls  seine  Vorgänger 
hat;  insbesondere  gleicht  die  Anwendung  den  Denans'schen  Metallringen 
aus  dem  Jahre  1826.  Die  Beschreibung  der  Denans'schen  Methode  wurde 
bereits  mitgetheilt.  Dasselbe  Princip  kehrt  bei  Littlewood  wieder,  welcher 
zwei  Platten  (wie  Senn)  anwendet,  die  aber  mittelst  eines  kurzen  Hohl- 
cylinders  aneinander  befestigt  werden,  welcher  in  die  centrale  Öffnung  der 
Platten  genau  hineinpasst  (siehe  Fig.  103  und  104).  Die  Methode  Murphy's 


(Denans)  (Littlewood) 
Fig.  103.  Fig.  104. 

hält  denselben  Vorgang  ein,  nur  dass  der  eine  Theil  dieser  Prothese  den 
Hohlcylinder  bereits  fest  an  sich  angelöthet  enthält,  welcher  von  einem 
ähnlichen,  nur  wenig  breiteren  am  anderen  Theile  der  Prothese  aufgenommen 
wird,  wobei  die  Durchgängigkeit  des  Knopfes  erhalten  bleibt,  gleichzeitig  aber 
auch  mittelst  zweier  seitlich  vorspringenden  Federn  die  einzelnen  Theile 
der  Prothese  aneinander  fixiert  werden.  Es  wird  demnach  bei  dieser 
Methode  je  eine  Hälfte  des  Murphy'schen  Knopfes  in  je  ein  Darmende 
eingeführt  und  im  letzteren  mittelst  einer  Schnürnaht  derart  befestigt, 
dass  nur  die  etwas  längeren  Hohlcylinder  aus  den  Darmenden  her- 
vorragen; diese  werden  nun  übereinander  geschoben,  bis  sich  die  serösen 
Flächen  der  Darmenden  innig  berühren.  Die  zwei  die  Knopfhälften  mittelst 
Schnürnaht  umfangenden  Darmränder  sterben  in  3  bis  19  Tagen  ab,  worauf 


über  die  Behandlung  der  Durmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


423 


lange 
1895 


der  ganze  Knopf  frei  wird  und  mit  dem  Stuhle  abgehen  kann.  Unterdessen 
kann  der  Darminhalt  aus  dem  zuführenden  in  den  abführenden  Arm 
mittelst  der  Hohlcylinder  frei  überfließen  und  es  werden  hiedurch  die 
Ileuserscheinungen,  welche  nach  circulärer  Darninaht  manchmal  vorüber- 
gehend beobachtet  wurden,  vermieden  (siehe  Fig.  105  a  und  b). 

Um  eine  allzu  ausgedehnte  Darmgangrän  zu  ver- 
heilen, hat  Ramange  einen  Knopf  construiert,  der 
aus  zwei  Theilen  besteht,  auf  welche  je  ein  Darmende 
aufgenäht  wird.    Diese  Ringe  werden  mittelst  einer 
Federvorrichtung  derart  aneinander 
genähert,  dass  zwischen  den  Ring- 
rändern eine  Distanz  von  ungefähr 
einem  Millimeter  bestehen  bleibt. 

Erst  nach  längerem  Zögern 
entschlieI3en  sich  die  europäischen 
Chirurgen  endlich  einer  nach  dem 
andern,  die  Murphy 'sehe  Prothese 

zu  versuchen,  nachdem  ihnen  die  amerikanischen  Collegen  bereits 
zuvorgekommen  waren.  So  publicierte  schon  zu  Anfang  des  Jahres 
Murphy  einen  Bericht  über  III  Fälle,  in  denen  der  nach  ihm  benannte 
Knopf  zumeist  von  amerikanischen  Chirurgen  angewendet  worden  ist; 
hievon  betrafen  18  Fälle  Gastroenterostomien  mit  6  Todesfällen,  58  Fälle 
Darmresectionen  mit  14  Todesfällen,  19  Fälle  Cholecystoduodenostomien 
und  4  Fälle  verschiedene  andere  Operationen  an  der  Gallenblase  wegen 
malignen  Neubildungen.  Nur  in  2  Fällen  konnte  die  Methode  des  ursäch- 
lichen Zusammenhanges  mit  dem  ungünstigen  Ausgang  beschuldigt  werden. 
In  Deutschland  war  es  die  Arbeit  von  Graft  (1893/4  und  1895),  welche 
als  erste  über  eine  größere  Reihe  von  Beobachtungen,  in  denen  der 
Murphy-Knopf  angewendet  worden  war,  berichtete.  Es  waren  dies  25  Ope- 
rationen aus  der  Schede'schen  und  Sick'schen  Abtheilung.  Hievon 
betrafen  5  Gastroenterostomien  wegen  gutartiger  Pylorusstenose,  welche 
sämmtlich  geheilt  wurden,  6  Gastroenterostomien  wegen  Carcinom  mit 
3  Todesfällen,  3  Pylorusresectionen  mit  3  Todesfällen  und  11  Darm- 
resectionen mit  5  Todesfällen.  In  keinem  Falle  war  der  Knopf  die  Ursache 
des  letalen  Ausganges.  Die  Resultate  dieser  freilich  bei  weitem  kleineren 
Statistik  stehen  recht  weit  gegen  die  Erfolge  der  Darmresectionen  — 
welche  uns  ja  in  diesem  Buche  am  meisten  interessieren  —  der 
Murphy 'sehen  Zusammenstellung  zurück. 

Auch  die  neueren  Publicationen  (von  Kümmel  1,  Czerny,  Mar- 
wedel, Frank)  betreffen  zumeist  Magen-  oder  Magendarmoperationen ; 
nur  der  Aufsatz  von  Marwedel  aus  der  Heidelberger  Klinik  enthält  eine 
Reihe  von  hergehörigen  Darmoperationen.  Unter  55  Operationen  betreffen 


424         Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


35  Anastomosen  zwischen  Magen  und  Darm,  3  solche  zwischen  Gallen- 
blase und  Darm  und  17  sind  reine  Darmoperationen.  In  keinem  einzigen 
Falle  der  35  Operationen  am  Magen  wurde  ein  übler  Ausgang  direct 
infolge  der  Anwendung  des  Knopfes  beobachtet,  wenn  auch  darunter  13  Fälle 
im  Anschlüsse  an  die  Operation  zugrunde  giengen  (1  von  6  Narben- 
stenosen, und  12  von  29  Carcinomstenosen). 

Von  den  17  Operationen  am  Darme  betrafen  6  den  Dünndarm, 
11  dagegen  Erkrankungen  des  Blinddarmes  und  des  Colon.  Von  jenen 
wurden  3  gerettet,  3  starben.  Von  den  übrigen  Operationen  wurden  7  ge- 
heilt. Die  letzteren  betrafen  meist  Dickdarmanastomosen;  die  ersteren  6 
dagegen  wurden  wegen  Darmgangrän  infolge  eingeklemmter  Brüche  aus- 
geführt, und  zwar  wurde  einmal  eine  Enteroanastomose  am  zu-  und  ab- 
führenden Schenkel  einer  gangränösen,  2  Meter  Darm  bergenden  Nabel- 
hernie angelegt  und  5mal  nach  vorgängiger  Resection  des  gangränösen 
Stückes  eine  endständige  Vereinigung  der  Darmenden  vorgenommen.  In 
den  3  geheilten  Fällen  giengen  die  Knöpfe  am  8.,  10.  und  11  Tage  ab. 
Bei  den  anderen  hieng  der  letale  Ausgang  mit  der  Knopfapplication  nicht 
zusammen.  Marwedel  weist  darauf  hin.  dass  man  bei  Anwendung  des 
Knopfes  bei  kleinen  cruralen  Hernien  gezwungen  werden  kann,  die 
Herniotomiewunde  zu  einer  Herniolaparotomiewunde  zu  erweitern,  da  die 
einfach  erweiterte  Bruchpforte  nicht  genug  Raum  zur  Reposition  der  den 
Knopf  enthaltenden  Darmschlinge  bietet. 

Auch  auf  einen  weiteren  Umstand  macht  Marwedel  bei  Application 
des  Knopfes  und  zwar  am  Dickdarm  aufmerksam.  Es  sei  nämlich  zweifel- 
haft, ob  man  mit  der  frühen  Darreichung  von  Abführmitteln  und  von 
Einläuten  wird  immer  einer  Kothobturation  des  Knopflumens  und  ihren 
Folgen  vorbeugen  können,  worauf  allerdings  Dilatation  des  zuführenden 
Schenkels  und  Sprengung  der  Vereinigung  eintreten  könnte. 

Im  ganzen  und  großen  kann  man  mit  Chaput  der  Application 
des  Murphy 'sehen  Knopfes  folgende  Vortheile  nachrühmen: 

1.  Die  Ausführung  ist  leicht  und  rasch; 

2.  Operationsfehler,  wie  (in  die  Darmlichtung)  durchdringende  Suturen, 
sind  ausgeschlossen; 

3.  es  kommen  nachträgliche  Verengerungen  nicht  vor.  Letzteres 
scheint  thatsächlich  meist  einzutreffen,  wiewohl  Brentano  unter  328  Knopf - 
Operationen  3mal  eine  nachträgliche  Verengerung  der  Anastomosenöffnung 
anführt. , 

Immerhin  erfordert  die  Application  des  Knopfes  einige  Übung.  Man 
darf  die  Knopfhälften  nicht  allzufest  zusammendrücken,  weil  Darm- 
perforation eintreten  kann;  aber  auch  nicht  zu  wenig,  weil  der  Darm 
herausschlüpfen  kann.  Die  einander  zugekehrten  Ränder  der  Knopfhälften 
dürfen  nicht  scharf  sein,  weil   sie  den  Darm  vorzeitig  durchschneiden 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


425 


können:  die  Widerhäkchen  sollten  nicht  auf  Zinn  gelöthet  sein,  weil  das 
Zinn  im  Sterilisator  schmelzen  kann  und  die  Häkchen  leicht  abbrechen 
können. 

Bei  Application  des  Knopfes  am  Dünndarm  wende  man  nur  den 
kleinstcalibrierten  Knopf  an.  da  die  höheren  Nummern  leicht  stecken 
bleiben  (siehe  Besprechung  der  Dimensionen  des  Dünndarmes  im  Abschnitte 
über  Darmhernien).  Wir  wollen  daher  die  Dimensionen  der  zumeist  üblichen 
Knopfgrößen  anführen:  dieselben  sind: 

Kleinster  Knopf:  Durchmesser    21  mm. 
Umfang  66  ,, 

Mittlerer  Knopf:  Durchmesser    25  „ 
Umfang  78  „ 

Größter  Knopf:    Durchmesser    27  „ 
Umfang  85  „ 

Bei  der  kleinsten  Nummer  ist  ein  Steckenbleiben  nicht  zu  fürchten, 
da  bisher  ein  Ileus  durch  Verstopfung  mit  dem  Knopf  nicht  beobachtet  wurde. 

Betreffs  der  Technik  der  Operation  unterscheiden  wir,  wie  bei  jeder 
Darmanastomose,  dreierlei  Application: 

1.  end-to-end  approximation,  endständige  Vereinigung  der  also  selbst- 
verständlich resecierten  oder  quer  voneinander  getrennten  Darmenden; 

2.  end-to-side  approximation,  seitliche  Einpflanzung  eines  Darmendes 
in  ein  weiter  rectalwärts  gelegenes  Darmstück:  auch  hier  wird  eine  quere 
Durchtrennimg  oder  Resection  des  Darmes  vorausgesetzt:  das  andere,  nicht 
eingepflanzte  Ende  wird  durch  Naht  geschlossen  oder  in  die  Haut  ein- 
genäht; 

3.  seitliche  Apposition  der  Darmoberflächen,  side-to-side  approximation, 
in  welchem  Falle  die  einander  zugekehrten  Seiten  der  gewählten  Darm- 
abschnitte eröffnet  und  vernäht  werden,  ohne  vorhergehende  quere  Durch- 
trennung des  Darmes  ober  dem  auszuschaltenden  Stücke  und  ohne  Resection 
desselben. 

'Bei  bestimmten  Erkrankungen  (z.  B.  Tuberculose  des  Cöcums,  kaum 
bei  Hernien)  kann  man  ober  und  unter  dem  Tumor  den  Darm  quer  durch- 
schneiden und  um  die  erste  (centralste)  Darmöff'nung  mit  der  4.  (periphersten) 
end-to-end  oder  end-to-side  vereinigen.  Die  2.  und  8.  (zum  und  vom  Tumor 
führende)  Darmöffnung  kann  in  die  Haut  eingenäht  werden,  wodurch  eine 
locale  Behandlung  des  zurückbleibenden  Tumors  möglich  wird.  (Wahre 
Darmausschaltung.) 

Auf  den  Knopfhälften  werden  die  Darmöffnungen  oder  Durchschnitte 
mittelst  einer  Uberwendlingsschnürnaht  fixiert,  die  beim  Dünndarm  am 
Mesenterialansatze  mittelst  doppeltem  kreuzweisen  Durchstich  desselben 
beginnt  und  ebendort  auch  endet.  Diese  Naht  wird  vor  dem  Einführen 
des  Knopfes  angelegt.  Die  Darmüffnungen  (besonders  die  seitlichen)  brauchen 


426 


Über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


nicht  größer  zu  sein,  als  Knopfdurchmessers.    Äußere  seroseröse 

Nähte  sind  bei  regelrechter  Application  des  Knopfes  nicht  nothwendig; 
manche  bezeichnen  sie  direct  als  schädlich.  Die  Schnürnaht  kann  die 
gesammte  Wanddicke  oder  auch  nur  die  Seromuscularis  betreffen. 

Nach  dem  eben  Gesagten  ist  zwar  die  Erfindung  des  Murphy-Knopfes 
als  ein  bedeutender  Fortschritt  zu  bezeichnen;  dessen  Application  bei 
Magendarmoperation  äußerst  willkommen,  bei  Colonoperation  nicht  über 
alle  Einwürfe  erhaben  und  nur  mit  Auswahl  anwendbar,  bei  Dünndarm- 
operationen endlich  seine  Anwendung  am  wenigsten  dringend,  da  die 
gewöhnliche  Naht  hier  leicht  und  rasch  ausführbar  ist. 

Chaput  hat  die  Darmanastomose 
mittelst  sogenannter  Klappenbildung 
bewerkstelligt  (anastomose  valvulaire), 
und  zwar  auf  folgende  Weise:  In  den 
einander  zugekehrten  Darmoberflächen 
führt  Chaput  einen  H-Schnitt,  wo- 
durch je  zwei  Darmläppchen  entstehen 
(siehe  Fig.  106  \a]):  die  einander  ent- 
sprechenden Läppchen  und  die  corre- 
spondierenden  Längsincisionen,  welche 
den  verticalen  Schenkeln  des  H  entsprechen,  werden  nun  mit  Knopfnähten 
vernäht  [b]. 

Im  allgemeinen  muss,  wenn  eine 
Enteroanastomose  ausgeführt  werden 
soll,  darauf  gesehen  werden,  dass 
die  Richtung  des  Darminhaltstromes 
nicht  an  der  Nahtstelle  allzu  jäh 
gebrochen  werde  (siehe  Fig.  107  [a]), 


Fig.  106. 


Ungünstige  Lage  : 


Günstige  Lage  : 


Fiy.  107. 


z.  B.  dass  der  eine  Arm  schief  auf  den  andern  aufgesetzt  werde  und 
daher  der  Strom  nur  seitlich  abgelenkt,  aber  in  derselben  Richtung  weiter 
gehe.  Die  beigegebene  Abbildung  a  zeigt  die  ungünstige  Lage  bei  lateraler 
Darmapposition,  während  die  Abbildungen  h  und  c  ein  günstiges  Lagerungs- 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


427 


Verhältnis  der  Darmenden  zueinander,  und  zwar  einmal  bei  side-to-side, 
einmal  bei  end-to-side  approximation,  veranschaulichen.  Bis  in  die  neueste 
Zeit  erschöpft  sich  die  Phantasie  der  Operateure  durch  Erfindungen 
immer  neuer  und  neuer  Methoden  der  Anfügung  der  Darmenden  aneinander, 
ohne  dass  wir  an  denselben  irgend  ein  neues  Princip  zu  entdecken  ver- 
möchten. Es  ist  nicht  der  Zweck  dieses  Buches,  sich  in  die  Schilderung 
aller  kleinen  Details  dieser  Vorschläge  einzulassen. 


An  mehreren  Stellen  der  bisherigen  Auseinandersetzung  wurde  von 
primärer  Darmnaht  gesprochen,  während  an  anderen  einer  Darmnaht  Erwähnung 
geschah,  welche  nicht  als  primäre  bezeichnet  werden  könnte.  Wenn  wir 
also  die  Darmnähte  bezüglich  der  Zeit,  in  welcher  sie  nach  der  Resection 
des  Darmes  angelegt  wurden,  classificieren  wollten,  so  müssten  wir  an  erster 
Stelle  die  sogenannte  primäre  Darmnaht  anführen,  welche  sofort  nach  der 
Resection  oder  nach  der  Verletzung  den  entstandenen  Defect  mittelst  par- 
tieller oder  circulärer  Darmnaht  oder  mittelst  einer  Darmanastomose  zu 
decken  oder  zu  beseitigen  trachtet.  Dieser  Eingriff  geschieht  in  derselben 
Narkose,  in  welcher  die  Resection  vorgenommen  wurde,  so  dass  durch 
den  unmittelbaren  x\nschluss  der  Darmvereinigung  die  vorhergehende  Re- 
section wesentlich  verlängert  wird.  Wir  sprechen  weiter  von  einer  secun- 
dären  Darmnaht,  wenn  wir  warten,  bis  die  Darmfistel  oder  der  wider- 
natürliche After  definitiv  ausgebildet  ist,  wenn  also  die  Darmränder  mit  der 
Haut  fest  verwachsen  sind  und  sich  übernarbt  haben.  Wir  sind  in  solchen 
Fällen  gewöhnlich  überzeugt,  dass  von  dieser  abnormen  Öffnung  der  Orga- 
nismus, abgesehen  von  dem  qualvollen  und  ekelhaften  Defecte,  welcher 
das  Verweilen  in .  menschlicher  Gesellschaft  nahezu  unmöglich  macht,  nicht 
weiter  bedroht  ist.  Eine  derartige  secundäre  Enterorrhaphie  setzt  selbst- 
verständlich eine  neue  Narkose  voraus,  worauf  die  in  die  Bauchdecken 
eingewachsenen  Darmenden  ausgelöst  werden,  ihre  Ränder  bis  in  das  gesunde 
Darmgewebe  abgetragen  werden  müssen  (siehe  Fig.  108  auf  Seite  429).  worauf 
erst  die  Darmnaht  angelegt  werden  kann.  Die  Auslösung  aus  der  Bauchwunde, 
wenigstens  die  vollkommene  Excision  der  Darmenden,  ist  nicht  unumgänglich 
nothwendig,  wenn  wir  eine  Darmanastomose  mittelst  lateraler  Apposition 
ausführen  wollen,  da  diese  Operation  von  einer  vollständig  neuen  Laparo- 
tomiewunde  aus  unternommen  werden  kann,  welche  die  ursprüngliche,  ver- 
narbte Wunde  nicht  tangiert.  Eine  end-to-side  Darmanastomose,  das  heißt  die 
Implantation  eines  quer  durchschnittenen  Darmendes  an  die  seitliche  Oberfläche 
des  anderen,  setzt  wenigstens  die  Auspräparierung  des  zuführenden  Armes 
aus  der  Wunde  voraus.  Wollen  wir  jedoch  auch  bei  der  end-to-end  oder 
end-to-side  Apposition  der  Darmenden  die  Ausmündung  von  mit  Schleimhaut 
ausgekleideten  Öffnungen  auf  die  Haut  vermeiden,  so  wird  es  trotzdem 


428         Über  die  Behandlung  der  D;irmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters. 


nothwendig,  die  beiden  Enden  aus  der  vernarbten  Wunde  zu  excidieren 
und  dieselben  entweder  vor  oder  nach  ausgeführter  Anastomose  zu  invagi- 
nieren  und  jedes  für  sich   zu  vernähen. 

Wir  unterscheiden  endlich  eine  intermediäre  Sutur  des  Darmes, 
welche  zwar  nicht  unmittelbar  im  Anschlüsse  an  die  Resection  ausgeführt 
wird,  aber  auch  nicht  erst  dann,  nachdem  die  Wunde  vollständig  ver- 
narbt war.  Der  Zweck  einer  solchen  in  der  Zwischenzeit  unternommenen 
Darmnaht  ist  entweder  die  Abkürzung  der  Gesammtdauer  der  Er- 
krankung dadurch,  dass  wir  nur  abwarten,  bis  die  Wunde  vollständig 
gereinigt  ist  und  dann  die  Sutur  unternehmen,  wodurch  die  Zeit  bis  zur 
vollständigen  Übernarbung  erspart  wird.  Aber  auch  ein  weiterer  Grund 
kann  uns  zu  diesem  EingrifPe  nöthigen,  wenn  nämlich  die  Ernährung 
des  Kranken  bei  bestehender  abnormaler  Öffnung  des  Darmes  trotz 
überreicher  Zuführung  von  Nahrungsmitteln  abnimmt,  so  dass  wir  vor- 
aussetzen können,  dass  die  Darmöffnung  entweder  zu  hoch  im  Darme 
angelegt  ist  und  infolge  dessen  die  Nahrungsmittel  nur  ungenügend  aus- 
genützt werden,  oder  dass  sich  durch  Darmadhäsionen  in  der  Umgebung 
der  Wunde  Verhältnisse  eingestellt  haben,  welche  die  ungehinderte  Weiter- 
beförderung des  Darminhaltes  durch  Darmknickung  infolge  von  Adhäsionen 
und  dergleichen  unmöglich  machen.  Zur  intermediären  Darmsutur  entschließen 
wir  uns  aber  auch  dann,  wenn  der  Zustand  des  Kranken  bei  der  ersten, 
die  Einklemmung  beseitigenden  Operation  derart  ist,  dass  wir  dem  Orga- 
nismus eine  prolongierte  Narkose  nicht  mehr  zumuthen  können,  oder  wenn 
die  Darm  schlinge  bezüglich  ihrer  Ernährung  und  ihres  Weiterbestandes 
verdächtig  ist,  so  dass  wir  uns  entschließen,  dieselbe  behufs  genauerer  Be- 
obachtung außen  zu  belassen  und  wo  es  trotzdem  nach  36  bis  48  Stunden 
zu  einer  Gangrän  der  Darmwand  gekommen  ist.  Im  ersten  Falle  rechnen 
wir  auf  die  Erhaltung  des  Organismus  infolge  Behebung  der  Einklemmungs- 
ursachen  und  ihrer  Folgen,  im  zweiten  handeln  wir  eben,  nur  zwei  Tage 
später,  in  gleicher  Weise,  wie  wir  bei  entschiedener  Darmgangrän  nach 
Resection  der  Darmenden  sofort  gehandelt  hätten.  Es  ist  demnach  aus 
dem  Gesagten  klar,  dass  die  intermediäre  Darmsutur  in  einzelnen  Fällen 
bessere  Chancen  bietet  als  die  primäre,  und  nahezu  ebensolche  wie  die 
secundäre,  dass  es  aber  auch  Fälle  geben  kann,  wo  die  Prognose  der 
zweiten  Operation  nicht  eben  sehr  günstig  lautet,  da  die  Behebung 
der  ungünstigen  Verhältnisse  bald  nach  dem  ersten  Eingriffe  diesen  zweiten, 
vielleicht  noch  schwereren  operativen  Eingriff  erfordert,  als  es  der  erste 
bereits  gewesen  ist. 

•  Bezüglich  der  Darmresection  ist  es  jedenfalls  für  den  Operateur  un- 
gemein wissenswert,  in  welchen  Grenzen  er  sich  mit  der  Excision  des  Darmes 
bewegen  kann,  das  heißt,  wieviel  von  der  Darmlänge  er  unbeschadet  des 
AVeiterbestandes  des  Organismus  beseitigen  darf.  Trzebicky  hat  sich  mit 


über  die  Behandlung  der  Darmfistel  und  des  widernatürlichen  Afters.  429 


dieser  Frage  genauer  beschäftigt;  nachdem  er  aus  der  Literatur  einige  (8) 
Fälle  angeführt  hat,  in  denen  ausgedehnte  Partien  des  Darmes  excidiert 
worden  waren  und  unter  denen  im  Falle  K  ö  b  e  r  1  e  's  bisher  das  längste 
Stück,  nämlich  205  Centimeter  beseitigt  wurde,  referiert  er  über  einige 
Versuche  an  Hunden,  und  gelangt  zu  dem  Schlüsse,  dass  die  Hunde  den 
Verlust  von  ungefähr  der  Hälfte  des  Darmes  gut  vertragen,  während  die 
Excision  von  zwei  Dritteln  des  Ileums  und  Jejunums  den  Mechanismus 


Fig.  108  (siehe  Seite  427). 
Übergang  der  Darmschleimhaut  in  die  Haut  am  Rande  eines  Anus  praeternaturalis. 

und  Chemismus  der  Verdauung  derart  schädigt,  dass  der  Organismus 
nicht  weiter  bestehen  kann. 

Wenn  wir  nun  diese  Erfahrungen  auf  den  Menschen  übertragen,  dann 
wäre  es  zweckmäßig  zu  wissen,  wie  lang  der  Digestionstractus,  insbesondere 
wie  lang  der  Dünndarm  ist.  Trzebicky  unternahm  auch  einige  Messungen, 
deren  Methode  er  nicht  näher  besprach,  und  zwar  an  14  Cadavern,  und 
fand,  dass  die  Länge  des  Dünndarmes  ungefähr  561  bis  860  cm  beträgt; 
halten  wir  uns  nun  an  das  Minimum,  dann  könnte  die  Hälfte  von  560, 
nämlich  280  cm,  beim  Menschen  ohne  Schaden  excidiert  werden.  Zwei 
einschlägige  Fälle  wurden  auch  in  der  Klinik  des  Verfassers  operiert,  und 
zwar  einer,  in  welchem  ungefähr  drei   Meter  des  Dünndarmes  beseitigt 


430 


über  Hernientuberculose. 


werden  mussten  deshalb,  weil  bei  Resection  des  Blinddarmes  wegen  Tuber- 
culose  nach  Excision  der  geschwellten  und  tuberculös  geschmolzenen 
Mesenterialdrüsen  ein  großer  Theil  des  Dünndarmes  sich  schwarzblau  ver- 
färbte, woraus  eine  tiefe  Circulationsstörung  erschlossen  wurde.  Diese 
zwang  zu  einer  Excision  jener  Darmlänge,  welcher  Eingriff  sechs 
Wochen  überlebt  wurde,  worauf  die  Kranke  einer  anderen  Krankheit,  als 
der  ungenügenden  Ernährung,  unterlag;  sodann  ein  zweiter  Fall,  in 
welchem  ungefähr  ein  ähnliches  Stück  des  Jejunums  nach  Excision  von 
primären  tuberculösen  Mesenterialdrüsen  excidiert  wurde  und  welches  die 
Kranke  ohne  Schaden,  ja  mit  nachträglicher  guter  Erholung  und  Arbeits- 
fähigkeit überlebte.  Auch  diese  Beobachtungen  lassen  darauf  schließen,  dass 
sich  thatsächlich  bisher  ungeahnte  Längen  des  Dünndarmes  ohne  Schaden 
excidieren  lassen.  Hiezu  muss  aber  bemerkt  werden,  dass  das  Uberleben  einer 
Operation  noch  nicht  den  definitiven  Weiterbestand  des  Organismus  bedeuten 
muss,  weil  Senn  an  Hunden  eingehende  Experimente  ausgeführt  hat,  in 
welchen  er  sechs  Fuß  Darm  entfernte,  so  dass  nach  Tödtung  des  Thieres 
nur  45  Zoll  Dünndarm  (—  38"5%  der  Gesammtlänge)  in  der  Bauchhöhle 
vorgefunden  wurden  und  wo  das  Thier  die  Operation  trotzdem  161  Tage 
überlebte  und  da  noch  künstlich  getödtet  wurde  (dasselbe  war  allerdings 
zu  einem  Skelette  abgemagert),  weil  vermuthet  werden  konnte,  dass  sein 
Dasein  nicht  lange  mehr  hätte  verlängert  werden  können. 

Wir  wollen  uns  aber  auch  auf  die  bereits  früher  in  diesem  Buche 
angeführten  Maße  beziehen,  nach  welchen  die  Dünndarmlänge  bei  Frauen 
zwischen  334  und  845  cm,  bei  Männern  zwischen  455  und  998  cm  der 
Darmlänge  schwanke,  um  nach  jeder  Beziehung  hin  verlässlich  aussagen 
zu  können,  dass  bei  Frauen  die  Hälfte  des  Minimums,  nämlich  167  cm,  bei 
Männern  227  cm  ohne  Schaden  excidiert  werden  können,  womit  auch  die 
praktischen  Erfahrungen  stimmen.  Individuell  scheint  es  aber,  dass  auch 
diese  Längen  überschritten  werden  können.  Bei  einer  Reihe  von  Messungen 
an  Leichen,  welche  an  Hernien  gelitten  hatten,  betrug  die  Länge  des  Dünn- 
darmes circa  fünf  Meter,  so  dass  auch  auf  Grund  dieser  Erfahrung  die 
Excision  von  2  bis  2Y2  Meter  Dünndarms  im  Nothfalle  als  zulässig  be- 
zeichnet werden  kann. 


Über  Hernientuberculose. 

Diese  eigenthümliche  Erkrankung  in  Brüchen  ist  erst  seit  nicht  langer 
Zeit  auf  der  Tagesordnung  der  chirurgischen  Versammlungen.  Der  bisher 
zufällige  Befund  bei  mancher  Autopsie  (die  ersten  hieher  gehörigen  Beob- 


über  Hernientuberculose. 


431 


achtungen  stammen  von  Cruveilhier)  wiederholte  sich  in  der  aller- 
neuesten  Phase  der  operativen  Therapie  der  freien  Brüche  melirmals,  so 
dass  die  letzte  Publication  von  Tenderich  neben  3  eigenen  schon 
19  Beobachtungen  aus  der  Literatur  anführen  kann. 

Eine  klinische  Schilderung  solcher  Fälle  zu  geben  versuchte  zuerst 
im  Jahre  1889  Lejars  auf  Grund  von  7  gesammelten  Fällen,  worauf  in 
Bälde  die  Veröffentlichungen  von  Jonnesco  und  Phocas  folgten.  Hiezu 
kommt  die  Publication  von  Stilles  aus  dem  Jahre  1894  und  Goldmann 
aus  dem  Jahre  1895  über  die  Tuberculose  der  Tunica  vaginalis  propria 
testis.  eines  Raumes,  welcher  bezüglich  seines  Ursprunges  identisch  ist  mit 
vielen  (also  angeborenen)  Leistenbrüchen  der  testicularen  Abart.  Die  erste 
deutsche  Publication  über  diesen  Gegenstand  stellte  sich  in  Widerspruch 
gegen  die  Lejars'schen  Behauptungen.  Der  letztere  behauptete  nämlich 
ganz  bestimmt,  dass  die  Peritonitis  tuberculosa  herniaria  ein  Krankheits- 
vorgang vollständig  localer  Natur  sei  und  leitete  die  Prädisposition  der 
Hernien  zur  Tuberculose  von  den  zahlreichen  Insulten  und  Reizungen  der 
Hernien  ab,  welchen  sie  durch  Reibung,  Druck  von  Seiten  der  Bandagen 
und  der  Repositionsversuche  ausgesetzt  sind.  Jonnesco  geht  sogar  noch 
weiter  und  behauptet,  dass  in  allen  Fällen,  wo  sich  die  Tuberculose  der 
Bauchhöhle  mit  der  Tuberculose  der  Hernie  combiniert,  die  letztere  immer 
die  primäre  und  die  erstere  die  secundäre  war.  Hiezu  bemerkt  er,  dass 
die  Tuberculose  der  serösen  Häute  am  leichtesten  in  den  abhängigsten 
Stellen,  Taschen  und  Ausstülpungen  ausbreche  und  dass  die  Ansiedelung 
der  Tuberkelbacillen  in  Hernien  dadurch  erleichtert  sei,  dass  die  im  Bruche 
befindlichen  Theile  durch  Verlangsamung  des  Blutkreislaufes  infolge  des 
Druckes  am  Bruchringe  einer  solchen  Einimpfung  besonders  günstig  sind. 
Dagegen  wendete  nun  Bruns  ein,  dass  in  der  Regel  die  Ansicht  die  ge- 
rechtfertigteste sei,  dass  die  Tuberculosis  herniosa  nur  eine  secundäre  Er- 
scheinung einer  Peritonitis  tuberculosa  sei,  und  leugnet  die  eben  an- 
geführte vermeintliche  Prädisposition  von  Hernien  zur  Tuberculose,  welche 
beiden  Einwände  als  richtig  anerkannt  werden  müssen.  Einzelne  Beispiele 
freilich  müssten  als  primäre  Tuberculose  aufgefasst  werden  insofern,  als 
die  Möglichkeit  nicht  ausgeschlossen  erscheint,  dass  hie  und  da  die  Tuber- 
culose des  Hodens  oder  Samenstranges  sich  auch  auf  den  Bruchsack  aus- 
dehnt oder  dass  die  Infection  des  Bruchsackes  gerade  von  einem  Theile 
des  Bruchinhaltes  (Darmschlinge,  Tuba,  Ovarium)  oder  von  einer  auf  die 
Außenseite  des  Bruchsackes  aufliegenden  Lymphdrüse  auch  auf  die  benach- 
barte Serosa  sich  ausbreitet.  In  jenen  Fällen  aber,  in  denen  leere  Bruch- 
säcke von  Tuberculose  ergriffen  werden,  können  wir,  wenn  wir  außen  keinen 
Ausgangspunkt  eruieren  können,  nicht  anders  als  auf  eine  secundäre  Tuber- 
culose des  Bruchsackes,  daher  auf  eine  primäre  Tuberculose  der  großen 
Bauchhöhle  schließen. 


432 


über  Hernientuberculose. 


Klinisch  gibt  sich  die  Tuberculose  der  Hernie  dadurch  zu  erkennen, 
dass  sowohl  auf  der  inneren  Oberfläche  des  Bruchsackes,  als  auf  der 
Oberfläche  des  Bruchinhaltes  bei  Verschiebung  dieser  beiden  Theile  gegen- 
einander Rauhigkeiten  gefühlt  werden,  dass  der  Bruchsack  gewöhnlich 
verdickt  ist,  so  dass  eine  Unterscheidung  von  einer  angewachsenen  Hernie 
des  Netzes  recht  schwierig  ist.  dass  man  im  Innern  des  Sackes  neben 
anderem  Bruchinhalte  flüssiges  Exsudat  constatieren  kann,  ja  auch  dieses 
letztere  allein,  und  dass  wir  durch  Function  flockigen  Eiter  entleeren  können. 
Ein  peritoneales  Exsudat  unterstützt  die  Diagnose  insbesondere  bei  jüngeren 
Individuen,  da  eine  ganze  Reihe  von  Kranken,  welche  von  Hernientuberculose 
betrofi'en  waren,  noch  nicht  das  10.  Jahr  erreicht  hatten,  während  die  zahl- 
reichsten Fälle  nicht  weit  von  den  20er-Jahren  sich  bewegten.  Bei  älteren 
Individuen  müssen  wir  bei  chronischer  Peritonitis  und  Rauhigkeit  des  Bruch- 
sackes und  des  Bruchinhaltes  auch  Neubildungen  (Carcinom  und  Sarkom)  aus- 
schließen. Auf  Tuberculose  des  Bruchsackes  oder  eines  offenen  Processus 
vaginalis  peritonei  sind  verdächtig  jene  Fälle  der  Hydrocele  communicans, 
bei  denen  man  das  peritoneale  Exsudat,  welches  in  aufrechter  Lage  in  den 
Sack  herunterfließt  und  in  horizontaler  Lage  aus  demselben  wieder  ver- 
schwindet, anders  nicht  erklären  kann.  Dass  auch  die  Erkrankung  anderer 
Organe  an  Tuberculose  beim  Bestände  der  eben  erwähnten  Symptome  die 
Diagnose  auf  Hernia  tuberculosa  unterstützt,  ist  selbstverständlich. 

Die  Tuberculose  des  Bruchsackes  wird  ebenso  behandelt  wie  die 
Bauchfelltuberculose,  daher  auch  durch  Spaltung  des  Bruchsackes  und  Be- 
streichen der  inneren  Oberfläche  mit  lOYoigem  Jodoformglycerin,  welches 
wir  mittelst  Injection  auch  bereits  vor  der  Operation  verwenden  können. 
Ist  auch  eine  Tuberculose  des  Bauchfelles  vorhanden,  so  muss  der  Heilungs- 
versuch in  einer  Laparotomie  bestehen:  wenn  es  sich  erweisen  lässt,  dass 
die  Tuberculose  auf  den  Bruchsack  beschränkt  ist.  dann  ist  es  natürlich 
am  besten,  denselben  vollständig  zu  exstirpieren  und  mit  demselben,  falls 
dies  möglich  ist.  auch  den  ursprünglichen  Infectionsherd.  also  den  Neben- 
hoden, eine  Drüse,  die  Tuba,  den  Eierstock,  das  Netz  und  ähnliches.  Der 
Bruchinhalt  eines  von  Tuberculose  befallenen  Bruchsackes  wurde  öfters 
vollständig  intact  vorgefunden,  dagegen  macht  eine  Eruption  von  tuber- 
culösen  Knötchen  auf  dem  Darme  des  Bruchinhaltes  insbesondere,  wenn 
auch  die  in  der  Bauchhöhle  enthaltenen  Därme  in  ähnlicher  Weise  ver- 
ändert sind,  eine  erfolgreiche  Therapie  vom  Bruchsacke  aus  unmöglich. 
Unter  18  Hernien,  bei  denen  bisher  Tuberculose  nachgewiesen  wurde, 
waren  14  Leistenhernien  bei  Männern  und  4  Schenkelhernien  bei  Frauen; 
4  der  beobachteten  Fälle  waren  eingeklemmt,  die  übrigen  frei  oder  ihr 
Bruchsack  leer.  Ein  Theil  wurde  bei  der  Radicaloperation,  ein  Theil  zu- 
fällig bei  der  Section  beobachtet. 


Innere  Darmobstruction. 


433 


Innere  Darmobstruction. 

Hiemit  wollen  wir.  im  Gegensatze  zu  den  Darmverlegungen  in  den 
äußeren  Hernien,  jene  vorübergehenden  oder  dauernden  Verminderungen 
oder  Vernichtungen  der  Darmlichtung  bezeichnen,  deren  Ursache  innerhalb 
der  Bauchwandungen  gelegen  ist. 

Seit  altersher  waren  sich  die  Ärzte  dessen  bewusst,  dass  die  Symptome, 
vollkommen  oder  nahezu  identisch  mit  jenen  der  Einklemmung  eines 
äußeren  Bruches,  auch  bestehen  können,  ohne  dass  durch  eine  präformierte 
oder  zufällige  Bruchpforte  ein  Bruch  nach  außen  träte,  dass  also  die  Ur- 
sache jener  Symptome  innerhalb  der  Bauchhöhle  oder  der  Bauchwandungen 
zu  suchen  sei.  Die  Gesammtheit  jener  Erscheinungen  bezeichnete  man  mit 
dem  Namen  „Ileus"  oder  „Miserere".  Hiezu  gehören:  Schmerzen  im  Unterleib, 
Stuhlverstopfung,  Meteorismus,  Erbrechen,  manchmal  sogar  fäcaloider  Massen, 
und  Herzcollaps,  lauter  Symptome,  welche  wir  auch  bei  der  Einklemmung 
eines  äußeren  Bruches  zu  beobachten  pflegen,  so  dass  wir  eigentlich  von 
einem  Ileus  aus  außerhalb,  und  einem  aus  innerhalb  der  Bauchwandungen 
gelegenen  Ursachen  sprechen  sollten.  Doch  darf  diese  Auffassung  nicht  so 
weit  gehen,  dass  man  sagen  würde:  Jene  Erscheinungen  entstehen,  wenn 
eine  Darmpartie  entweder  außerhalb  oder  innerhalb  der  Bauchwandungen 
eingeklemmt  wird,  da  wir  neben  wirklichen  inneren  Hernien  auch  andere 
Zustände  (Torsionen,  Einschiebungen,  Knickungen  des  Darmes)  kennen,  welche 
unter  nahe  absolut  identischen  Symptomen  wie  äußere  Incarcerationen 
verlaufen.  Diese  Vorfälle  spielen  sich  zwar  sonst  zumeist  innerhalb  der  Bauch- 
wandungen ab,  ebenso  wie  äußere  Darm  Verlegungen  fast  ausschließlich 
Hernien  zu  sein  pflegen.  Außere  Verlegungen,  die  nicht  durch  Hernienein- 
klemmung verursacht  sind,  werden  aber  ab  und  zu  —  allerdings  ungemein 
selten  und  natürlich  stets  in  Begleitung  von  Hernien  —  beobachtet,  ebenso 
wie  innerhalb  der  großen  Zahl  der  inneren  Obstructionsfälle  Einklemmungen 
innerer  Hernien  wieder  zu  den  großen  Ausnahmen  gehören. 

Durch  seit  jeher  gebräuchliche  Gepflogenheit  gewöhnten  wir  uns,  die 
Zustände,  welche  einem  Ileus  zugrunde  liegen,  mit  dem  Namen  „acute 
Darmobstruction"  zu  belegen,  hiemit  diese  Symptomengruppe  in  Gegensatz 
zu  einer  anderen  stellend,  deren  Ursachen  wir  unter  dem  Namen  „chronische 
Darmobstruction"  zusammenfassen.  Hiemit  wollen  wir  andeuten,  dass  sich 
diese  Erscheinungen  in  gewissen  Stücken  ähneln,  in  anderen  dagegen  von- 
einander abweichen;  es  wäre  jedoch  unrichtig,  wenn  hiebei  der  Nachdruck 
auf  den  plötzlichen  Eintritt  oder  auf  die  allmähliche  Entwickelung  der 
Symptome  gelegt  würde,  im  Gegentheil:  mit  Rücksicht  auf  diesen  Umstand 
können  sich  beide  Gruppen  ungemein  ähnlich  sehen;  was  sie  aber  von- 
einander unterscheidet,  ist  der  Umstand,  dass  sich  bei  der  einen  wohl, 
•  bei  der  anderen  aber  kaum  je  —  und  wenn,  dann  infolge  eines  anderen 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  1.  28 


434 


Innere  Darmobstruction. 


Mechanismus  —  Darmgangrän  mit  allen  ihren  örtlichen  und  allgemeinen 
Folgeerscheinungen  entwickelt,  so  dass  das  Schlussbild  der  verschieden- 
artigsten acuten  Darmobstructionsfälle  hiedurch  nahezu  identisch,  das 
heißt,  das  einer  septicopurulenten  Peritonitis  ist. 

Außer  dieser  ganz  allgemeinen  Eintheilung  in  die  genannten  zwei 
Gruppen  lässt  sich  aber  jede  dieser  beiden  klinisch  nicht  gerade  leicht  in 
kleinere  Unterabtheilungen  gliedern,  während  eine  weitere  Eintheilung  auf 
pathologisch-anatomischer  Grundlage  gut  durchführbar  ist.  Die  Erfahrungen 
auf  diesem  Felde  sind  sehr  zahlreich,  denn  die  Zahl  der  Fälle,  welche  unter 
Symptomen  einer  acuten  oder  chronischen  Darmobstruction  zugrunde  gehen, 
ist  so  bedeutend,  dass  z.  B.  in  England  täglich  2000  Leute  an  Darm-Ob- 
struction  in  ihrer  verschiedenen  Form,  die  Hernien  nicht  eingerechnet,  sterben 
(Treves^).  Sollen  wir  demnach  eine  allgemeine  klinische  Unter-Eintheilung 
der  genannten  zwei  Gruppen  durchführen,  so  erwarten  wir,  schon  dem 
Namen  nach  den  Hauptunterschied  darin  zu  finden,  dass  in  der  einen  Gruppe 
die  Symptome  plötzlich  ohne  Prodrome  erscheinen,  während  ihnen  in  der 
zweiten  Gruppe  Prodromalsymptome  geringeren  Grades  vorausgehen.  Aber 
die  Erfahrung  lehrte  uns,  dass  oft  scheinbar  acute,  das  heißt  plötzlich  auf- 
tretende Darmobstructionen  doch  nur  in  die  Gruppe  der  chronischen 
Obstructionen  eingereiht  werden  müssen.  Damit  wollen  wir  soviel  sagen, 
dass  wir  solche  Fälle  trotz  des  plötzlichen  Einsetzens  der  Symptome  doch 
nur  in  diejenige  Gruppe  einreihen  können,  wo  wir  bei  expectativer  Therapie 
eine  gefährlichere  Verschlimmerung  oder  vergrößerte  Lebensgefahr  nicht 
befürchten  müssen,  während  eben  in  den  anderen  Fällen  einer  acuten 
Obstruction  mit  jeder  Stunde,  um  die  wir  die  einzig  richtige  und  mögliche 
Therapie,  nämlich  die  chirurgische  Operation,  verschieben,  die  ohnedies  nicht 
allzu  günstige  Aussicht  des  Patienten  auf  Heilung  sich  stark  verschlimmert. 
Bei  acuter  Darmobstruction  droht  also  bei  weiterem  Zuwarten  eine  sich 
rapid  steigernde  Lebensgefahr,  während  es  bei  chronischer  Obstruction  — 
mag  dieselbe  auch  plötzlich  ohne  Prodromalsymptome  entstanden  sein  — • 
erlaubt  ist,  den  Fall  expectativ  zu  behandeln.  Gleich  im  Anfange  wollen 
wir  anführen,  dass  es  in  einer  ganzen  Reihe  von  Fällen  nicht  einmal 
möglich  ist,  zu  bestimmen,  in  welche  von  diesen  zwei  Gruppen  man  sie 
einreihen  soll,  so  dass  man  ohne  genauere  Diagnose  zu  einem  sofortigen 
operativen  Eingriff  schreitet  —  und  noch  dazu  in  nicht  gerade  günstigen 
hygienischen  Verhältnissen  und  mit  ungenügender  Assistenz.  Und  gerade 
in  den  Fällen  der  Darmobstructionen  wäre  es  stets  weit  besser,  die  Operation 
auf  eine  angemessenere  Zeit  zu  verschieben  und  an  einen  günstigeren  Ort 
zu  verlegen,  weil  hiedurch  die  Aussicht  auf  Erfolg  um  ein  bedeutendes 


')  Dies  würde  allerdings  730.000  Todesfälle  im  Jahre  ausmachen,  was  nahezu 
27o  f^ei'  Oesammtbevölkerung  Großbritanniens  gleichkäme. 


Innere  Darmobstruction. 


435 


gesteigert  würde.  Solche  zweifelhafte  Fälle,  verursacht  eben  durch  die  voU- 
kommene  Unmöglichkeit,  in  einem  gegebenen  Falle  sich  für  diese  oder  jene 
Gruppe  zu  entscheiden,  dürften  aber  auch  in  Hinkunft  aus  unserer  Praxis 
und  unseren  Erwägungen  nie  ganz  verschwinden. 

Fragen  wir  nun,  was  die  Ursache  ist,  dass  in  einer  bestimmten 
Anzahl  von  Fällen  die  Lebensgefahr  mit  jeder  Stunde  sich  steigert,  in 
anderen  es  wieder  erlaubt  ist,  den  Fall  gründlich  zu  beobachten,  so  müssen 
wir  antworten,  dass  in  der  ersten  Gruppe  das  die  acute  Darmobstruction 
verursachende  Leiden  in  seinem  Verlaufe  zu  pathologischen  Veränderungen 
führt,  die  im  ganzen  jenen  bei  Incarcerationen  äußerer  Hernien  analog  sind, 
dass  es  also  schließlich  zur  Darmgangrän  kommt,  während  wir  bei  einer 
chronisch  verlaufenden  Darmobstruction  einen  solchen  Ausgang  nicht  zu 
befürchten  haben  und  die  Obstructionssymptome  ihre  Erklärung  durchwegs 
in  einer  rein  mechanischen  Verlegung  des  Darmlumens  ohne  bestehende 
und  sich  steigernde  Circulationsstörungen  finden.  Weiter  gehen  in  der 
ersten  Gruppe  die  Veränderungen  niemals  von  selbst  zurück,  höchstens 
bei  Volvulus  und  manchmal  bei  Darminvagination  (und  bei  dieser  erst  nach 
Ausscheidung  der  gangränösen  Partie),  während  bei  chronischer  Obstruction 
nach  Erreichung  einer  gewissen  Akme  oder  unter  nicht  operativer  Therapie 
(z.  B.  mit  Opium,  Auspumpen  des  Mageninhaltes  u.  s.  w.)  die  Symptome 
sich  verringern  und  bis  zum  nächsten  Anfall  manchmal  vollkommen  oder 
wenigstens  theilweise  verschwinden.  Bei  der  ersten  Gruppe,  bei  welcher  also 
außer  Darmverschluss  auch  Circulationsstörungen  vorliegen,  wo  es  dem- 
nach schließlich  stets  zur  Darmgangrän  kommt,  droht,  da  dies  alles  inner- 
halb der  Bauchhöhle  geschieht,  eine  acute  Peritonitis,  manchmal  in  ihrer 
schwersten,  nämlich  perforativen  Form,  während  wir  in  der  zweiten  Gruppe 
außer  einer  durch  Darmdistention  bewirkten  Reizung  des  Peritoneums 
längere  Zeit  hindurch  keinerlei  Symptome  einer  Entzündung  beobachten. 
In  der  ersten  Gruppe  treten  also  zu  den  Symptomen  des  mechanischen 
Darmverschlusses  bald  Symptome  einer  gewöhnlich  sehr  schnell  sich  ent^ 
wickelnden  Peritonitis  zum  Theil  localen,  zum  Theil  allgemeinen  Charakters, 
Symptome,  die  bei  chronischer  Darmobstruction,  außer  bei  besonderen 
Complicationen,  fehlen. 

Eine  weitere  Eintheilung  der  Obstructionsfälle  kann  je  nach  Ursache 
und  Wirkung  und  zwar  in  folgende  3  Classen  erfolgen: 

1.  Stellen  wir  uns  die  Frage,  wodurch  eine  Passagestörung  im  Darm- 
rohre hervorgerufen  werden  kann,  so  müssen  wir  in  erster  Reihe  mit 
Rücksicht  auf  die  den  Darminhalt  fortbewegende  Kraft  einen  dynamischen 
Ileus  unterscheiden,  der  entweder  durch  Schwächung  jener  Kraft  bewirkt 
wird  (paralytischer  Ileus)  oder  wo  ihre  bis  zum  Krämpfe  gesteigerte 
Leistung  das  Darmbimen  verlegt  (spastischer  Ileus).  Eine  Schwächung 
kann  offenbar  ihren  Ursprung  haben  in  der  Lähmung  einer  größeren  oder 

28* 


436 


Innere  Darraobstruction. 


kleineren  Darmpartie,  wie  eine  solche  z.  B.  nach  Einrichtung  großer 
incarcerierter  Inguinalhernien,  nach  großen  Operationen  am  Mesenterium, 
bei  Embolie  der  Arteria  meseraica  und  bei  Rückenmarksleiden  vorkommen, 
bei  welchen  die  Rückenmarksaffection  selbst  eine  Schwächung  der  Musku- 
latur, Darminhaltsstauung  und  endlich  Lähmung  bewirken  kann.  Am 
häufigsten  finden  wir  die  Darmlähmung  bei  Peritonitis,  besonders  bei  jenen 
Gruppen  der  Bauchfellentzündungen,  die  wir  Paratyphlitis,  Cholecystitis, 
Oophoritis  und  Salpingitis  nennen,  bei  Darmgeschwüren  und  schließlich 
bei  Operationen  in  der  Bauchhöhle,  welche  nicht  ohne  Reaction  verlaufen. 
Den  Lähmungsmechanismus  stellen  wir  uns  im  letzteren  Falle  so  vor, 
dass  durch  eine  parenchymatöse  Entzündung  der  Darmwände  diese  für 
Darmmikroorganismen  durchgängig  werden,  besonders  für  das  Bacterium 
coli  commune,  deren  toxische  Lebensproducte  die  Darmnerven  lähmen. 
In  anderen  Fällen  —  so  nach  Operationen  —  werden  die  Mikroben, 
Eitermikroorganismen  von  außen  hereingetragen.  Am  Peritoneum  selbst 
sehen  wir,  dass  die  Entzündung  entweder  nur  unbedeutende  Veränderungen, 
z.  B.  eine  Trübung  des  Peritoneums,  capillare,  punktförmige  Extravasate 
zur  Folge  hatte,  oder  wir  finden  schon  tiefere  Veränderungen,  Fibrin-  oder 
Eiterbeschläge  an  den  Darmschlingen,  schließlich  auch  eingekapselte  Abscesse, 
diese  am  häufigsten  im  kleinen  Becken  und  in  den  seitlichen  hinteren 
Partien  des  Peritonealraumes. 

An  dieser  Stelle  interessiert  uns  am  meisten  der  paralytische  Ileus, 
der  nach  Incarceration  und  Strangulation  vorkommt.  Zahlreiche  solche 
Fälle  sind  in  der  Literatur  verzeichnet.  Sie  wird  jedenfalls  eine  Folge  von 
Circulationsstörungen.  vielleicht  auch  directer  Nervenläsionen,  die  durch 
den  Druck  des  Schnürringes  entstanden  sind.  Eine  richtige  Erkenntnis 
dieser  Fälle  ist  sehr  wichtig,  freilich  auch  sehr  schwierig  und  verant- 
wortungsvoll, besonders  wenn  durch  die  Diagnose  einer  Darmparalyse  ein 
weiterer  chirurgischer  Eingriff  ausgeschlossen  werden  kann,  welcher  in 
anderen  Fällen  (bei  recidivierendem  Volvulus,  Invagination  u.  s.  w.)  dagegen 
der  einzige  Rettungsanker  sein  kann. 

Nach  Bardeleben  untersuchte  zuerst  M o r a w e k  die  Veränderungen, 
die  an  einer  incarcerierten  Schlinge  entstehen  können;  derselbe  constatierte, 
dass  die  Entzündung  der  Darmwand  einen  paralytischen  Zustand  zur  Folge 
haben  kann,  dem  der  Kranke  trotz  einer  regelrecht  durchgeführten  Hernio- 
tomie  unter  Symptomen  der  Occlusion  erliegen  kann. 

L  ei  chtenstern,  Borchart,  Reichel  u.  a.  behandeln  auch  mehr 
oder  weniger  eingehend  dieses  Thema;  der  letztere  weist  darauf  hin,  dass 
man  hiebei  immer  eine  Peritonealinfection  ausschließen  muss.  Diese  soll  auch 
ohne  (makroskopisch)  sichtbare  Zeichen  bestehen  können  und  nur  die 
bacteriologische  Untersuchung  gleich  nach  dem  Tode  kann  eine  solche 
Infection  beweisen  oder  ausschließen. 


Innere  Damiobstruction. 


437 


Es  muss  weiter  darauf  hingewiesen  werden,  dass  auch  Mittel,  die 
nach  Operationen  behufs  Schwächung  der  Darmperistaltik  gereicht  werden  — 
in  erster  Reihe  sind  es  Opiumpräparate  —  wesentlich  zur  Entstehung  des 
paralytischen  Ileus  beitragen  können.  Schon  A.  C  o  o  p  e  r  wies  auf  die 
Schädlichkeit  des  Opiums  hin,  ,,da  es  den  Darmtorpor  erhöht.  Da  der 
Kranke  nach  einer  Herniotomie  sich  ohnedies  nicht  früher  erholt,  cils  bis 
es  zu  einer  ausgiebigen  Defäcation  kommt,  so  soll  3  Stunden  gewartet 
werden;  tritt  dann  kein  Stuhl  ein,  dann  gebe  man  dem  Patienten  ein 
Klysma  aus  Infus,  sennse  comp,  mit  einem  großen  Quantum  Flüssigkeit, 
und  zwar  so  warm,  als  es  der  Kranke  verträgt.  Führt  auch  dies  nicht  zum 
Ziele,  dann  verabreiche  man  Ol.  Ricini  oder  Sal.  amarus  in  Aqua  car- 
minativa."  Dieselbe  Ansicht  vertritt  Dieffenbach  und  in  neuerer  Zeit 
L.  Tait,  Terillon  u.  a.,  die  das  Verabreichen  von  Opium  nach  Laparo- 
tomien und  besonders  nach  Herniotomien  für  schädlich  halten  und  auch 
septische  Peritonitis  nach  Laparotomien  mit  Salzpurgantien  behandeln. 

In  gleicher  Weise  empfiehlt  auch  Heidenhain  den  paralytischen 
Ileus  zu  behandeln  und  betont  nach  dem  Beispiele  Tietze's  und 
Greigh  Smith 's  bei  Ileusoperationen  die  Wichtigkeit  einer  ausgiebigen 
Inhaltsentleerung  während  oder  nach  einer  solchen  Laparotomie. 

Greigh  Smith  entleert  bei  einer  solchen  Operation  noch  bei  offener 
Wunde  den  Darm  durch  eine  kleine  Incision.  Andere  (Kümmell)  reichen, 
sobald  der  Kranke  aus  der  Narkose  erwacht  ist,  ein  Laxans;  scheint  uns 
auch  dieses  nicht  genügend  zu  sein,  oder  im  Falle  eines  negativen 
Resultates,  so  soll  nach  dem  Beispiele  Schede's  sobald  als  möglich  die 
Enterotomie  ausgeführt  werden. 

Nach  ausgeführter  subcutaner  Taxis  ist  es  jedoch  nicht  rathsam, 
bei  bestehenden  Ileussymptomen  sich  mit  der  Diagnose  einer  Darmatonie  oder 
Darmparalyse  zu  begnügen:  es  ist  vielmehr  besser,  sich  durch  eine  Incision 
der  Bauchdecken  oberhalb  der  Bruchpforte  zu  überzeugen,  ob  die  Taxis 
richtig  oder  unvollkommen  war,  wodurch  natürlich  auch  ähnliche  Sym- 
ptome entstehen  können. 

Aach  dem  gegentheiligen  Zustande  der  Function  der  Darmmuskulatur 
wurde  jüngst,  und  zwar  von  Heidenhain  (1897),  genauere  Aufmerksamkeit 
geschenkt,  insofern,  als  derselbe  durch  einige  fremde  und  eigene  Beobachtungen 
zu  dem  Schlüsse  kommt,  „dass  es  Fälle  gibt,  in  denen  ein  vollkommener 
und  anscheinend  unüberwindlicher  Darmverschluss  durch  eine  andauernde 
spastische  oder  tonische  Contractur  der  Darmmuskulatur  hervorgerufen 
wird."  Einige  —  allerdings  bis  nun  wenig  zahlreiche  —  Messungen  schienen 
eine  Temperaturerhöhung  mit  Herabsetzung  der  Pulszahl  als  wertvolles 
Begleit-Symptom  dieses  Zustandes  zu  bezeichnen.  In  den  als  Belege  heran- 
gezogenen Fällen  war  nun  außer  der  Contraction  der  Darmmuskulatur  kein 
anderes  Hindernis  im  Darme  vorhanden,  und  man  sah  sich  gezwungen. 


438 


Innere  Darmobstrnction. 


Erklärungsversuche  anzustellen;  so  wurde  das  Vorhandensein  von  Spul- 
würmern, Gallensteinen,  die  gleichzeitig  bestehende  Tabes  etc.  als  ursächliches 
Moment  des  Krampfes  bezeichnet:  in  anderen  Fällen  soll  eine  gleichzeitig 
vorhandene  Incarceration  unter  einem  Netzstrange,  ein  Volvulus  des  S-rom. 
den  Darm  zu  einer  heftigen  Contraction  auch  über  dem  Hindernisse  an- 
geregt haben;  einmal  fand  Riedel  die  Ursache  der  Störung  sogar  darin, 
dass  eine  Darmschlinge  über  die  Linea  innominata  ins  kleine  Becken 
herabhieng  (!).  In  einer  Reihe  von  geheilten  Fällen  schloss  man  aus  der 
Qualität  der  angewendeten  Mittel,  dass  es  sich  um  einen  Krampf  gehandelt 
habe,  so  vor  allem  aus  der  applicierten  subcutanen  Morphiumeinspritzung, 
die  den  Krampf  lösen  sollte,  oder  aus  der  Anwendung  von  Strychninsulfat 
und  starkem  faradischen  Strom  oder  eines  elektrischen  Klystiers,i)  welche 
durch  energische  Contraction  der  oberhalb  der  krampfig  contrahierten 
Stelle  gelegenen  Partien  die  letztere  überwinden  sollten. 

Sind  dies  auch  nur  die  ersten  Versuche,  um  gewisse,  durch  innere 
medicamentöse  Mittel  heilbare  Ileusformen  zu  erklären,  so  ist  unzweifelhaft, 
dass  an  diesen  Obstructionsmechanismus  schließlich  mit  ebensoviel  Be- 
rechtigung wie  an  eine  Paralyse  oder  Atonie  gewisser  Darmstrecken  ge- 
dacht werden  muss.  Verwirrend  wäre  allerdings  ein  solcher  Krampfzustand, 
wenn  er  Darmschlingen  oberhalb  eines  thatsächlich  vorhandenen  Hinder- 
nisses beträfe,  wie  z.  B.  in  einem  Falle  Heiden hain 's  oberhalb  eines 
Volvulus  des  S-rom.  contrahierte  Dünndarmschlingen  lagen.  Sollten  sich 
solche  Befunde  wiederholen,  so  müsste  ihnen  auch  die  Technik  der  Ileus- 
Laparotomie  Rechnung  tragen  und  auch  Darmstrecken  absuchen,  welche 
unterhalb  contrahierter  Darmschlingen  liegen,  wenn  am  Übergang  der 
geblähten  in  die  contrahierten  Därme  kein  Hindernis  gefunden  worden  wäre. 

2.  Neben  dem  dynamischen,  paralytischen  and  spastischen  Ileus 
unterscheiden  wir  noch  den  mechanischen  Ileus,  den  wir  in  zwei  große 
Gruppen  theilen,  deren  erste  wir  mit  dem  Namen  „Strangulations-",  die 
zweite  „Obturations-Ileus"  bezeichnen. 

Der  Strangulations-Ileus  —  sein  bestes  Beispiel  ist  die  incarcerierte 
Hernie  —  ist  charakterisiert  nicht  nur  durch  eine  vollkommene  Verlegung 
des  Darmlumens,  sondern  auch  durch  eine  Ernährungsstörung  der  afficierten 
Darmpartie,  so  dass  sich  ihre  Integrität  in  großer  Gefahr  befindet.  Solche 
Darmstrangulationen  können  außer  bei  Incarcerationen  äußerer  Hernien  auch 
innerhalb  des  Peritonealraumes  entstehen,  und  zwar  durch  Incarceration 
innerer  Hernien  entweder  in  präformierten  oder  in  neugebildeten  Räumen. 
Dasselbe  kann  auch  dadurch  entstehen,  dass  eine  Darmschlinge  durch  eine 

')  Negativer  Pol  eines  constanten  Stromes  auf  den  Bauch,  der  positive  in  das 
mit  Salzwasser  angefüllte  Rectum  eingeführt.  Stromstärke  10 — 50  MA,  Dauer  der  Sitzung 
5—20  Minuten;  eventuell  Stromwendung  nach  Aus-  und  Einschleichen  mit  Hilfe  des 
Rheostaten.  Dazwischen  Pausen  von  2  Minuten  (nach  Boudet-Larat). 


Innere  Darinobstruction. 


439 


Spalte  im  Mesenterium  oder  Omentum  hindurchschlüpft;  in  anderen  Fällen 
bewirkt  das  mit  dem  Annulus  inguinalis  internus  verwachsene  Omentum  oder 
irgend  ein  Pseudoligament,  oder  ein  Divertikel,  oder  der  Wurmfortsatz,  oder 
schließlich  eine  Appendix  epiploica  die  Strangulation.  Auch  eine  Rotierung 
des  Darmes  um  die  Mesenteriumwurzel  als  Stiel,  Knotenbildungen  zwischen 
zwei  Darmschlingen,  endlich  eine  Darminvagination  können  einen  Ileus 
durch  Einschnürung  bedingen. 

Diesen  sträng ulatorischen  Ileus  können  wir,  bis  auf  geringe  Ausnahmen, 
klinisch  mit  dem  acuten  Ileus  oder  der  acuten  Darmocclusion  identi- 
ficieren. 

Die  zweite  Gruppe  des  mechanischen  Ileus,  der  Obturations-Ileus, 
pflegt  mit  weit  geringerer  Lebensgefahr  verbunden  zu  sein ;  eine  solche  Darm- 
verstopfung kann  z.  B.  durch  Fremdkörper  (Kopro-,  Cholelithen)  entstehen, 
oder  durch  verschiedene  Darmgeschwülste,  in  erster  Linie  durch  Carcinome, 
weiters  durch  narbige  Darmstenosen  und  schließlich  auch  durch  eine  Darm- 
knickung, wie  eine  solche  bei  Verwachsung  des  Scheitels  irgend  einer 
Darmschlinge  mit  den  entzündeten  Eingeweiden  de& Umgebung  vorkommt, 
bewirkt  werden.  Diese  Gruppe  können  wir  im  großen  ganzen  klinisch  mit 
dem  Namen  „chronische  Darmocclusion"  bezeichnen. 

Zwischen  diese  beiden  Gruppen  können  wir  gewisse  Fälle  des  Vol- 
vulus  und  der  Invagination  einreihen,  insofern  sie  manchmal  zu  transitorischen 
Darmocclusionssymptomen  führen,  während  sie  in  anderen  Fällen  eine  schnelle 
und  schwere  Darmgangrän  zur  Folge  haben.  Um  die  Buntheit  der  Diagnosen 
bei  Darmocclusion,  zugleich  aber  die  Prognose  dieser  Affection  unter  rein 
interner  und  rein  chirurgischer  Therapie  zu  illustrieren,  führen  wir  Fol- 
gendes an: 

Wir  finden  unter  50  von  Goltdammer  angeführten  Fällen  lOmal  Car- 
cinoma coli,  7mal  Invagination,  6mal  Infraction  oder  Adhäsion,  5mal  Stricturse 
cicatricese,  4mal  Torsio,  2mal  Tuberculosis  peritonei.  2mal  Strangulation, 
Imal  Repositio  spuria,  Imal  Obturatio  per  calculum  biliosum,  2mal  Dia- 
gnosis  incerta.  Hiezu  bemerken  wir,  dass  Goltdammer  consequent  intern 
curierte;  in  15  Fällen  erreichte  er  Heilung,  während  35  Fälle  letal  endeten. 
Curschmann  constatierte  bei  ebenfalls  interner  Therapie  eine  Mortalität 
von  65o/o  (auf  105  Fälle).  Dem  gegenüber  wurde  unter  110  von  Obalinski 
operierten  Fällen  lOmal  Torsio  flexurse  sigmoidese,  19mal  Torsio  ilei,  llmal 
Strangulatio,  llmal  Stricturse  carcinomatosse,  9mal  Peritonitis  perforativa, 
7mal  Invaginatio,  5mal  Peritonitis  diffusa,  5mal  Repositio  spuria,  4mal 
Infractio  intestini,  4mal  Stenosis  cicatricea,  4mal  Tuberculosis  peritonei, 
3mal  Compressio  intestini,  3mal  Peritonitis  non  perforativa,  6mal  Hernia 
occulta  gefunden.  Obalinski  erreichte  durch  operative  Behandlung  un- 
gefähr ein  gleiches  Heilungsprocent  (34-5"/g)  wie  Curschmann  bei  interner 
Therapie. 


440 


Innere  Darmobsiruction. 


Ehe  wir  an  die  Beschreibung  der  einzelnen  Gruppen  herantreten, 
wollen  wir  uns  zuerst  mit  den  einzelnen  Symptomen  des  Ileus  überhaupt 
befassen. 

Einige  allgemeine  Symptome,  so  das  Erbrechen,  insbesondere  das  von 
Fäcalien,  erklärte  man  früher  durch  antiperistaltische  Bewegungen  des  Darmes, 
jetzt  sehen  wir  den  Grund  desselben  in  einem  Überfließen  des  Darminhaltes, 
welcher  infolge  der  Verwesung  fäculent  riechend  geworden  ist.  Wenn  wir 
also  von  fäculentem  Erbrechen  sprechen,  meinen  wir  damit  nicht  das  Er- 
brechen schon  formierter  Fäcalien,  wie  man  früher  glaubte,  sondern  z.  B. 
das  Erbrechen  von  Milchniederschlägen,  die  von  der  Galle  grün  gefärbt  und 
in  fäcaloid  riechender  bräunlicher  Flüssigkeit  suspendiert  sind.  Man  kann 
also  aus  diesem  Zusätze  zum  erbrochenen  Inhalte  nicht  vielleicht  auf  ein 
Hindernis  im  Dickdarme  schließen,  da  wir  hiebei  eher  überhaupt  kein  Er- 
brechen beobachten,  als  dass  bei  einer  solchen  Localisation  schon  formierte 
Fäcalien  erbrochen  würden. 

Den  Meteorismus  leiten  wir  nicht  nur  von  einer  Stagnierung  der  gas- 
förmigen Darmcontenta  vor  dem  Hindernisse,  sondern  auch  von  den  wirklich 
gesteigerten  Fäulnisvorgängen ,  denen  die  Proteine  unterliegen,  endlich  auch 
von  der  unvollkommenen  Absorbierung  der  gasförmigen  Bestandtheile  des 
Darminhaltes  ab.  Infolge  dessen  wird  Fenol  und  Indican.  beides  Producte  der 
Fäulnis  von  Eiweißstoffen,  die  in  das  Blut  aufgenommen  wurden,  in  größerer 
Menge  durch  den  Harn  abgesondert.  Man  sagt,  dass  Indicanurie  besonders 
dann  eintritt,  wenn  das  Hindernis  im  Dünndarme  sitzt,  während  diese  bei  einem 
Hindernis  im  Dickdarme  nicht  eintritt.  Eine  vorübergehende  Albuminurie 
wurde  bei  incarcerierten  Hernien,  sowie  bei  Ileus  beobachtet.  Obwohl  man 
diesen  Befunden  ein  größeres  Interesse  nicht  absprechen  kann,  so  dass  die- 
selben eines  detaillierten  Studiums  wert  sind,  so  sind  dieselben  doch  kein 
Kriterium,  welches  zur  Erkennung  des  Sitzes  und  der  Form  des  Hemm- 
nisses führen  könnte.  Bei  sehr  hochsitzendem  Hindernis  kann  der  Meteo- 
rismus fehlen,  oder  es  ist  bloß  der  Magen  mächtig  ausgedehnt. 

Die  Leibschmerzen  erklären  wir  gewöhnlich  durch  Reizung  der 
Peritonealnerven:  die  Verstopfung  bedarf  keiner  besonderen  Erklärung. 

Handelt  es  sich  darum,  einen  bestimmten  Fall  von  Ileus  zu  be- 
urtheilen,  so  müssen  wir: 

1.  den  dynamischen  Ileus  vom  mechanischen  differentiieren  können, 
einfach  aus  dem  Grunde,  weil  die  Therapie  des  dynamischen  Ileus  ein 
anderes  Mittel  erfordern  wird  als  die  des  mechanischen  Ileus. 

2.  wird  dann  erforderlich  sein,  zu  entscheiden,  ob  der  Fall  in  die 
Gruppe  der  acuten  oder  der  chronischen  Occlusion  zu  rechnen  sei,  wieder 
infolge  der  leichtbegreiflichen  Motivierung,  dass  bei  acuter  Occlusion,  im 
Falle  wir  nicht  das  Hindernis  wegschaffen  können,  bald  Symptome  der 
Darmgangrän  hinzutreten  würden,  während  bei  chronischer  Occlusion  die 


Innere  Darmobstruction. 


441 


Gefahr  nicht  so  drohend  und  weitere  Beobachtung  zulässig  ist.  Freilich 
kann  z.  B.  bei  Darmcarcinom  der  Darm  durch  Überfüllung  bersten  und 
zwar  selbst  an  ziemlich  entlegenen  Stellen;  es  kann  auch  durch  stercorale 
Geschwüre,  wie  solche  auch  bisweilen  am  zuführenden  Arme  der  incar- 
cerierten  Hernie  vorkommen,  eine  circumscripte  Darmgangrän  und  Peri- 
tonitis perforativa  verursacht  werden,  aber  diese  Erscheinungen  gehören 
nicht  nothwendig  in  das  Bild  des  Darmcarcinoms:  während  Gangrän  der 
Darmwand  bei  den  einzelnen  Gruppen  der  acuten  Occlusion  oder  des 
strangulatorischen  Ileus  eine  unausweichliche  Folge  der  Krankheit  ist. 
Es  wäre  also  erforderlich,  gleich  bei  der  ersten  Beurtheilung  des  Falles  zu 
entscheiden,  ob  eine  abwartende  Therapie  zulässig  ist  oder  nicht. 

Schließlich  wäre  3.  noch  wünschenswert,  dass  wir  in  jedem  Falle 
stricte  den  Sitz  des  Hindernisses  angeben  könnten,  wiederum  aus  dem 
Grunde,  damit  die  angemessenste  Therapie  gewählt  werden  könne.  Diese 
Forderungen  treten  an  den  Chirurgen  heran,  nicht  so  sehr  weil  es  sich 
um  die  richtige  Stellung  der  Diagnose  des  Ileus,  sondern  auch  um  die 
richtige  Wahl  der  Therapie  handelt.  Es  ist  also  die  Entwickelung  der 
Diagnostik  des  Ileus  ein  nicht  geringeres  Verdienst  der  modernen  Ausbildung 
der  chirurgischen  Therapie,  wie  die  Entwickelung  der  Diagnostik  der 
Bauchtumoren,  welche  vor  Einführung  der  Exstirpationstherapie  sich  oft 
mit  der  bloßen  Diagnose  „Bauchtumor"  zufriedenstellte. 

Wenn  wir  demnach,  den  erwähnten  diagnostischen  Weg  beschreitend, 
diese  3  Gruppen  charakterisieren  wollten,  so  kann  schon  aus  einer  genauen 
Anamnese  so  manches  Detail  diagnostisch  verwertet  werden.  So  kann  man 
schon  aus  der  Anamnese  erfahren,  ob  irgend  eine  Operation  durchgeführt 
wurde,  sei  es  nun  eine  mit  einer  Wunde  verbundene  Laparotomie  oder 
zum  Beispiel  eine  unblutige  Reposition  der  Hernie:  es  lässt  sich  constatieren, 
ob  der  Patient  an  einem  Rückenmarksleiden  litt,  man  kann  auch  bestimmen, 
ob  der  Kranke  eine  jener  typischen  Entzündungen  durchmachte,  die  eine 
circumscripte  Peritonitis  und  Adhäsionen  des  Darmes  (Entzündungen  in 
der  Gegend  des  Blinddarmes,  der  Gallenblase,  der  Uterusadnexe)  verursachen 
können,  oder  ob  er  eine  mit  Darmgeschwüren  verbundene  Krankheit 
(Typhus,  Dysenterie,  Lues,  Tuberculose)  gehabt  hat,  wo  die  Geschwüre  zu 
einer  Peritonitis  führen  und  später  eine  Fixation  der  anliegenden  Darm- 
schlinge und  winkelige  Knickung  des  Darmes  bewirken  können;  diese 
Krankheiten  können  auch  den  Ausgangspunkt  einer  allmählich  zunehmenden 
narbigen  Verengerung  des  Darmes  bilden.  Weiter  kann  der  Anamnese 
entnommen  werden,  ob  der  Patient  schon  früher  ähnhche  Anfälle  von 
Ileus  durchgemacht  hat,  welche  gut  verliefen,  aber  nach  einiger  Zeit  wieder- 
kamen, weiter,  ob  den  Beginn  der  plötzlichen  Darmocclusion  Symptome 
einleiteten,  die  auf  eiji  Wandern  von  Gallensteinen  durch  die  engen  normalen 
Ausführungswege  der  Leber  schließen  lassen ;  oder  ob  ihm  eine  Entzündung  im 


442 


Innere  Darmobstruction. 


rechten  Hypochondrium  vorangieng,  die  auf  eine  Perforation  der  Gallenwege 
oder  der  Gallenblase  durch  Gallensteine  in  das  Duodenum,  das  Jejunum 
oder  Colon  transversum  hinweisen  würden.  In  der  Anamnese  kann  weiters 
auch  constatiert  werden,  wo  der  Patient  früher  lebte,  ob  zum  Beispiel  in 
den  Tropen,  wo  Dysenterie  eine  häufige  Krankheit  ist,  ob  er  an  Darm- 
blutungen und  infolge  dessen  an  blutigen  Stühlen  —  das  Blut  kann  verdaut 
oder  frisch  gewesen  sein  —  gelitten  habe,  wie  solche  bei  Darmgeschwüren 
und  geschwürigen  Neubildungen  im  Darme  vorkommen.  Weiter  müssen 
wir  Rücksicht  nehmen  auf  das  Alter  des  Patienten,  denn  wir  wissen^  (Jass 
die  Invagination  vornehmlich  eine  Krankheit  des  Kindesalters  ist,  während 
Torsionen  der  Flexura  sigmoidea  und  Carcinom  in  vorgeschrittenerem 
Alter  vorkommen.  Wir  werden  auch  den  Patienten  fragen,  ob  er  nicht 
lange  Jahre  an  einer  Hernie  litt,  was  uns  leicht  die  Bildung  eines  Stranges 
zwischen  dem  Omentum  und  dem  Inguinalcanale  erklären  würde;  weiter 
ob  nicht  gewisse  Zeichen  bestanden,  welche  auf  eine  falsche  Reposition 
bei  der  Operation  oder  nach  Zerreißung  des  Bruchsackes,  oder  auf  eine 
Reposition  en  masse  bei  subcutaner  Taxis,  oder  auf  Reposition  einer 
perforierten  Schlinge  und  dergleichen  hinweisen  würden. 

So  können  wir  aus  der  Krankengeschichte  den  Kreis  von  Möglich- 
keiten, innerhalb  derer  sich  unsere  Diagnose  zu  bewegen  hat,  sehr  einengen, 
wobei  gleich  anfangs  erwähnt  werden  soll,  dass  die  Zahl  der  Eventualitäten, 
die  sich  im  Verlaufe  der  Zeit  bei  wirklichen  Fällen  wiederholen,  weit 
geringer  ist,  als  man  aus  der  großen  Reihe  der  oben  angeführten  verschiedenen 
Diagnosen  schließen  würde,  so  dass  wir  nur  in  Fällen,  wo  einige  Symptome 
oder  anamnestische  Daten  den  Fall  als  einen  ungewöhnlichen  erscheinen 
lassen,  erst  nach  den  selteneren  Symptomen  fahnden. 

Ähnlich  verhält  es  sich  auch  mit  der  Untersuchung  des  Falles  selbst, 
indem  wir  uns  durch  systematisches  Studium  der  einzelnen  Symptome  die 
Diagnose  sehr  erleichtern  können. 

Vor  allem  pflegt  bei  Ileus  sowohl  die  Beweglichkeit  als  auch  die 
Gestalt  des  Darmes  verändert  zu  sein.  Wir  wissen  aus  Experimenten  an 
Thieren,  dass  bei  Peritonitis  der  Darm  infolge  von  Lähmung  der  Muskulatur 
durch  den  bloßen  Inhalt  an  Darmgasen  gebläht  ist,  wodurch  der  Peritoneal- 
raum  vollkommen  ausgefüllt  und  der  Darm  in  seiner  Beweglichkeit  be- 
schränkt wird:  hiezu  kommt  noch  die  motorische  Lähmung.  Bei  theilweiser 
Lähmung  pflegt  der  gelähmte  Darm  nicht  allzu  gespannt  zu  sein,  da  oben 
und  unten  ein  Theil  der  Gase  abgehen  kann,  während  eine  diffuse  Entzündung 
zu  einer  gleichmäßigen  maximalen  Blähung  der  Darmschlingen  führt,  soweit 
es  der  Peritonealraum,  allerdings  bei  vollkommener  Unbeweglichkeit  der 
Schlingen  erlaubt.  Weiter  wissen  wir  aus  Erfahrung,  dass  bei  incarce- 
rierten  Hernien,  wo  die  Darmschlinge  mit  ihrem  Mesenterium  incarceriert 
ist,  diese  Darmschlinge  unbeweglich  und  gespannt  zu  sein  pflegt.  Bei 


Innere  Darmobstruction. 


443 


äußeren  Hernien  verhindert  der  unnachgiebige  Bruchsack  eine  Überanspannung 
der  Schlinge,  während  bei  innerer  Strangulation  oder  Torsion  die  Darmschlinge 
im  weiten  Peritonealraum  enorm  anschwillt.  Eine  solche  pralle,  am  Stiele 
fixierte  Schlinge  kann  nicht  beliebig  ihren  Ort  ändern  und  pflegt  durch 
Circulations-  und  Innervationsstörung  in  ihrer  peristaltischen  Bewegung 
gelähmt  zu  sein,  während  die  oberhalb  dieser  Stelle  gelegenen  Schlingen 
die  lebhafteste  peristaltische  Bewegung  zeigen.  In  den  tieferen  Partien  des 
Peritonealraumes  können  wir  bald,  schon  nach  12  Stunden,  Ascitesflüssigkeit 
constatieren,  wie  wir  sie  auch  bei  äußeren  Hernien  in  Gestalt  des  Bruch- 
wassers vorfinden.  Unter  der  Strangulationsstelle  sind  die  ableitenden  Schlingen 


Fig.  109  (siehe  Seite  444). 

coUabiert,  leer,  während  die  zuleitenden  Schlingen  allmählich  gebläht  werden. 
Diese  Blähung  der  zuleitenden  Darmpartie  pfiegt  umsoweniger  prall  zu 
sein,  je  schneller  und  fester  die  Strangulation  der  Darmschlinge  ist  und  je 
schneller  allgemeine  Symptome  hinzutreten,  so  dass  bei  schnell  tödtenden  oder 
wieder  schnell  zur  Genesung  führenden  Fällen  die  Blähung  der  zuleitenden 
Schlingen  unbedeutend  zu  sein  pflegt.  Und  umgekehrt:  je  länger  die 
Incarceration  dauert,  je  kleiner  die  strangulierte  Darmpartie  ist,  umsomehr 
füllen  sich  mit  jedem  Tage  die  zuleitenden  Schlingen.  Diese  Blähung  der 
Därme  reicht  weit  hinauf  von  der  incarcerierten  Stelle,  ist  aber  dadurch 
charakterisiert,  dass  hier  die  peristaltische  Bewegung  nicht  verloren  gieng, 
sondern  dass  im  Gegentheil  die  Schlingen  eine  gewisse  Zeit  hindurch  durch 
eine  energische  Peristaltik  das  Hindernis  zu  überwinden  bestrebt  sind. 


444 


Iiluere  Daniiobstraction . 


Figur  109  auf  Seito  443  stellt  deutlich  eine  solche  Darmblähung  mit  Con- 
traction  dar.  (Dasselbe  wurde  bei  Strangulation  des  Darmes  durch  ein 
ligamentöses  Band  bei  gleichzeitiger  narbiger  Darmverengerung  beobachtet.) 
Die  besonders  bei  dünner  Bauchwand  deutliche  Wellenbewegung  der  Darm- 
schlingen,  die  Markierung  der  einzelnen  Darmschlingen  auf  der  vorderen 
Bauchwand  (siehe  Fig.  109)  beweisen  das  Vorhandensein  der  Peristaltik 
und  hiemit,  dass  es  noch  zu  keiner  allgemeinen  Peritonitis  gekommen 
war,  die  eine  allgemeine  Darmlähmung  zur  Folge  gehabt  hätte;  denn 
sobald  diese  eintritt,  wird  der  Darm  unbeweglich,  gleichmäßig  gebläht.  Auch 
beim  Obturations-lleus  ist  der  ableitende  Arm  der  verstopften  Schlinge  leer 
und  collabiert;  auch  hier  füllt  sich  allmählich  der  zuleitende  Arm  und  die 
höher  gelegenen  Schlingen,  auch  hier  befinden  sich  dieselben  in  peristal- 
tischer  Bewegung,  besonders  am  Orte  des  Hindernisses  selbst;  auch  hier 
beweist  eine  pralle  AnfüUung  der  zuleitenden  Darmpartien  eine  allmähliche 
Entwickelung. 

Dass  es  sich  in  einem  bestimmten  Falle  um  Ileus  handelt,  lässt  sich 
aus  den  eben  angeführten  Symptomen  gerade  so  leicht  erkennen,  wie  man 
eine  durch  eine  Hernie  erzeugte  Impcrmeabilität  des  Darmes  diagnosticiert. 
In  natürlicher  Consequenz  sollte  also  die  Differentialdiagnose  weiter  uns 
darüber  informieren,  in  welche  der  oben  angeführten  Gruppen  ein  concreter 
Fall  einzureihen  ist  und  welche  anatomische  Veränderung  demselben  zugrunde 
liege,  das  heißt,  es  sollte  entschieden  werden,  ob  es  sich  um  eine  innere 
Hernie,  Carcinom  oder  Intussusception  u.  s.  w.  handelt,  und  endlich  wo 
das  Hindernis  sitzt. 

Zweifelsohne  lässt  sich  in  manchen  Fällen  eine  solche  Constatierung 
des  Ortes  und  der  Art  der  Obstruction  durchführen:  erinnern  wir  uns  nur  zum 
Beispiel  der  genug  häufigen  Fälle,  wo  Darmcarcinom  oder  Volvulus  vor 
der  Operation  richtig  diagnosticiert  wurde,  aber  in  einer  großen  Zahl 
der  Fälle  konnte  eine  verlässliche  anatomische  Diagnose  vor  der  Operation 
nicht  gestellt  werden.  Daher  erscheint  uns  das  Verlangen  v.  Wahl's: 
„zur  Forderung  zurückzukehren,  dass  die  anatomische  Diagnose  des  Ortes, 
der  Art  und  Weise  der  Occlusion  früher  constatiert  werden  müsse,  ehe  wir 
das  Messer  in  die  Hand  nehmen,"  derzeit  unerfüllbar.  In  einer  Reihe  von 
Fällen  würde  selbst  durch  eine  solche  Diagnose  unsere  Aufgabe  noch  nicht 
erfüllt  sein,  da  es  sich  in  einem  besonderen  Falle  noch  darum  handeln 
könnte,  zu  entscheiden,  ob  zum  Beispiel  ein  Fall  von  Volvulus  des  S-romani 
noch  der  internen  Therapie  zugänglich  oder  ob  schon  die  Operation 
nothwendig  ist. 

Daher  halten  wir  für  unsere  erste  Aufgabe,  den  klinischen  Symptomen 
gemäß  zu  bestimmen,  ob  wir  mit  der  Operation  noch  zuwarten  können 
und  die  interne  Therapie  indiciert  sei,  oder  ob  wir  gleich  zur  chirurgischen 
Therapie  unsere  Zuflucht  nehmen  müssen. 


Innere  Darmobstniction. 


445 


Freilich  kann  unsere  Entscheidung  auch  dahin  lauten,  dass  in  einem 
solchen  Falle  zwar  eine  sofortige  chirurgische  Hilfe  das  Hindernis  abschaffen 
und  das  Leben  erhalten  könnte,  dass  aber  der  richtige  Zeitpunkt  schon 
verpasst  sei,  daher  sich  nichts  mehr  thun  lasse  und  der  Fall  verloren  sei. 
Ein  Fortschritt  kann  nur  darin  bestehen,  dass  sich  der  Arzt  bei  jedem 
Falle  Yon  Ileus  die  Frage  vorlegt,  ob  derselbe  nur  einer  chirurgischen 
Therapie  zugänglich  sei,  und  zwar  gleich  anfangs,  solange  eine  Differential- 
diagnose wegen  fehlender  Darmblähung  und  Peritonitis  noch  möglich  ist.  denn 
später  lässt  sich  bei  ad  maximum  geblähten  Schlingen  der  für  die  technische 
Ausführung  der  Operation  so  wichtige  Status  praesens  nur  mehr  schwer  auf- 
nehmen. Sobald  nur  der  operative  Eingriff  als  die  einzige  Hilfe  erkannt  wurde, 
so  soll  der  günstige  Augenblick  nicht  durch  eine  aussichtslose  Expectation  ver- 
passt  und  sogleich  zur  Operation  geschritten  werden.  Dass  es  natürlich  Fälle 
gibt,  wo  wir  nicht  mit  apodiktischer  Sicherheit  werden  entscheiden  können, 
ob  dieselben  noch  der  inneren  Therapie  oder  nur  der  Operation  zugänglich 
seien,  dass  während  der  Zeit,  die  wir  zu  unserer  Entscheidung  brauchen, 
der  günstige  Augenblick  verstreichen  kann,  oder  dass  der  blitzschnelle 
Verlauf  ein  verlässliches  Urtheil  nicht  zulässt,  darüber  dürfte  wohl  niemand 
im  Zweifel  sein,  und  jedermann,  der  die  Schwierigkeiten  dieses  Gegenstandes 
aus  Erfahrung  kennt,  wird  zugeben,  dass  in  derartigen  Fällen  niemand 
einer  unzulänglichen  Diagnose  geziehen  werden  kann.  Auch  dass  es  solche 
Beobachter  gibt,  welche  in  zweifelhaften  Fällen  eine  präventive  Laparotomie 
für  angezeigter  halten,  als  dass  sie  die  günstige  Zeit  zur  Operation  verpassen 
möchten,  kann  keiner  abfälligen  Kritik  unterliegen;  sicherlich  ist  es  in 
ungewissen  Fällen  noch  der  einzige  Weg  zur  Heilung. 

Woraus  soll  nun  im  gegebenen  Falle  ein  Strangulations-  oder  Ob- 
turationsileus  erkannt  werden? 

Wir  haben  schon  erwähnt,  dass  wir  auf  einen  strangulatorischen  Heus 
oder  auf  eine  acute  Darmocclusion  im  allgemeinen  schließen,  wenn  der 
Kranke  plötzlich  von  heftigen  Schmerzen  ergriffen  wurde,  welche  am 
häufigsten  als  Krampfschmerzen  oder  Koliken  auftreten  und  durch  eine 
anfallsweise,  erfolglose  Contraction  der  Darmmuskulatur  verursacht  sind; 
daran  reiht  sich  ein  Schlag  auf  Schlag  erfolgendes  Erbrechen,  das  bald  ein 
stercorales  wird;  weiter  tritt  eine  vollkommene  Verstopfung  und  der  daraus 
resultierende  Meteorismus  ein. 

Das  Bild  pflegt  mit  Symptomen  der  Erschlaffung  der  Herzaction, 
häufig  mit  einer  großen  geistigen  Depression  zu  enden. 

Wir  sprechen  von  obturatorischem  Heus  oder  chronischer  Occhxsion 
auch  dann,  wenn  bei  längerer  Dauer  der  übrigen  Symptome  Herzer schlaff'ung 
nicht  eintritt  und  die  übrigen  Symptome  sich  auf  niederer  Stufe  erhalten, 
stillstehen,  zum  Beispiel  das  Erbrechen  nachlässt,  die  Verstopfung  nicht 
absolut  ist.  der  Meteorismus  nur  gering  und  dergleichen. 


446 


Innere  Darmobstruction. 


Von  besonderer  Wichtigkeit  ist  mit  Rücksicht  auf  diese  Classification 
die  dritte  (Übergangs-)  Gruppe,  das  ist. im  Wesen  eine  chronische  Occlusion 
mit  acuter  Exacerbation  der  Symptome,  sehr  ähnhch  einer  acuten  Impermea- 
bilität  des  Darmes.  Diese  Combination  hat  eine  verschiedene  Ursache,  zum 
Beispiel:  eine  narbige  oder  carcinomatöse  Strictur  wird  durch  einen  Fremd- 
körper vollkommen  undurchgängig,  oder  der  Volvulus  irgend  einer  Darm- 
schlinge führt  durch  weitere  Eotation  um  ISO''  zur  vollkommenen  Impermea- 
bilität,  oder  bei  irgend  einem  chronischen  Hindernisse  perforiert  ein  Geschwür, 
ein  Fremdkörper  in  die  Bauchhöhle  u.  s.  w.,  so  dass  sich  plötzlich  an 
bisher  milde  Symptome  heftigere  anschließen. 

In  dieser  Gruppierung  erkennen  wir  gewiss  sogleich  einerseits  die  ana- 
loge Gruppe  der  incarcerierten  und  andererseits  jene  der  entzündeten  Hernien, 
sowie  jene  Zwischengruppe,  wo  es  unmöglich  ist  zu  entscheiden,  ob  wir  es 
mit  einer  incarcerierten  oder  entzündeten  Hernie  zu  thun  haben.  Im  ersteren 
Falle  führen  wir  bekanntlich  immer  die  operative  Therapie  durch.  In  der 
zweiten  Gruppe  operieren  wir  des  Zustandes  wegen  überhaupt  nicht.  Die 
dritte  (Mittel-)  Gruppe  behandeln  wir  wie  eine  wirkliche  Incarceration  und 
sind  freudig  überrascht,  wenn  wir  statt  dieser  eine  bloße  Entzündung  vor- 
finden. Ebenso  sollten  wir  es  halten  bei  der  Darmocclusion,  besonders  in 
den  zweifelhaften  Fällen. 

Wodurch  ist  nun  die  chronische  Occlusion  im  besonderen  zu  erkennen? 

Bei  der  chronischen  Darmocclusion  handelt  es  sich  am  häufigsten  um 
eine  neoplastische  oder  narbige  Darmstenose.  Die  Narbe  kann  d  en  verschied  ensten 
Ursprung  haben :  geheilte  Geschwüre,  chronische  Peritonitis  (Hilten  Fagge'sche 
Contraction)  oder  innere  oder  äußere  Narben  nach  Incarceration  von  Hernien 
(die  mit  Gangrän  auf  der  Mucosa  oder  Serosa  beginnen)  u.  s.  w.  Auch  eine 
unvollkommene  Rotierung  der  Flexura  sigmoidea  kann  einen  chronischen 
Verlauf  haben. 

Daher  kündigt  sich  gewöhnlich  eine  chronische  Occlusion  mit  wachsenden, 
immer  an  derselben  Stelle  verspürten  Beschwerden  an,  und  zwar  entweder 
ohne  positive  Anamnese  (wie  beim  Carcinom)  oder  mit  bestimmter  Anamnese 
auf  entzündliche  Vorgänge  (Perityphlitis,  Pericholecystitis,  Salpingitis  u.  s.  w.), 
oder  auf  eine  Hernie,  oder  auf  Geschwüre  im  Darme  (Dysenterie  u.  s.  w.) 
hinweisend.  Überdies  pflegt  eine  Neubildung  oder  die  entzündete  Stelle  anfangs 
deutlich  genug  fühlbar  zu  sein,  so  lange  die  Darmblähung  nicht  alles  deckt. 

Eine  Zeit  lang  glaubte  man  auch,  dass  die  sichtbare  Peristaltik  einer 
fixierten  oder  wenig  beweglichen  Darmschlinge  ein  Symptom  der  chronischen 
Occlusion  sei.  Fenwick  glaubte,  dass  wir  diese  Erscheinung  nur  bei 
chronischer  Darmstenose  beobachten,  aber  nur  dann,  wenn  die  Wand  vor 
dem  Hindernis  schon  hypertrophierte.  Zur  Entscheidung  dieser  Frage  sind 
noch  weitere  Beobachtungen  erforderlich;  hiebei  müssen  wir  darauf  hin- 
weisen, dass  es  sich  nicht  nur  um  eine  bloße  Verhärtung,  deutlichere 


Innere  Darmobstruction. 


447 


Markierung  der  Schlingen  und  ihrer  durch  Reibung  und  Percussion  leicht 
hervorzubringenden  Einschnitte,  sondern  auch  um  eine  wirkliche  und  in 
bestimmter  Richtung  fortschreitende  Peristaltik  handelt. 

Die  Ausdehnung  der  Darmschlingen  pflegt  lang  genug  unbedeutend 
zu  sein  und  auch  die  endliche  Lähmungserschlaffung  tritt  entweder  über- 
haupt nicht  ein  oder  sie  nimmt  nur  ganz  allmählich  zu. 

Hier  sei  auch  darauf  hingewiesen,  dass  das  Repertoir  der  Möglich- 
keiten bei  chronischer  Occlusion  im  Vergleich  zu  den  unzähligen  Abarten 
des  acuten  Ileus  eigentlich  unbedeutend  ist,  dass  die  Diagnose  derselben 
nicht  nur  durch  die  Anamnese  sehr  erleichtert  ist,  sondern  dass  auch 
die  Localisation  (durch  Palpation  der  Geschwulst  oder  nach  der  Richtung 
der  Peristaltik  u.  s.  w.)  in  vielen  Fällen  gelingt. 

Nicht  vergessen  dürfen  wir,  worauf  unlängst  N  a  u  n  y  n  hinwies.  Nach 
seiner  Statistik  (288  Fälle)  führten  gleich  vorgenommene  Operationen  (im 
Verlaufe  der  ersten  zwei  Tage)  zu  den  besten  Resultaten,  nämlich  zur 
Heilung  in  75  bis  SO^/q.  Er  behauptet  aber  weiter  noch,  dass  die  Lapa- 
rotomie verhältnismäßig  dort  die  besten  Aussichten  darbietet,  wenn  die- 
selbe an  Kranken  ausgeführt  wird,  welche  vor  oder  noch  im  Augenblicke 
der  Entstehung  des  Ileus  an  einer  Hernie  litten,  wiewohl  in  diesen  Fällen 
niemals  eine  eigentliche  Incarceration  der  Hernie  der  Grund  des  Ileus  war. 
Von  309  Ileusfällen  konnte  er  39  in  diese  Gruppe  einreihen.  Obwohl  nun 
diese  Fälle,  bis  auf  fünf,  welche  im  Verlaufe  der  ersten  zwei  Tage  operiert 
wurden,  durchwegs  später  zur  Operation  kamen,  beträgt  ihre  Mortalität 
nur  28''/o  (11  Fälle).  Darunter  waren  20  „Repositio  spuria"  (3  Todesfälle  = 
200/0  Mortalität),  häufiger  Bänder  oder  Adhäsionen  in  der  Nähe  der  Brucli- 
pforte,  die  den  Darm  knickten  oder  einschnürten,  selten  Torsion.  Diese  ver- 
hältnismäßig günstigen  Resultate  erklärt  N  a  u  n  y  n  damit,  dass  die  Occlusion 
in  diesen  Fällen  irgendwie  mit  der  vorhergehenden  oder  bestehenden  Hernie 
zusammenhieng,  mit  anderen  Worten,  dass  der  Operateur  den  Sitz  des 
Hindernisses  kannte  und  darnach  planmäßig  vorgehen  konnte. 

Daher  räth  Naunyn,  dass  jeder  Fall  von  Ileus,  der  mit  einer  Hernie 
verbunden  war  oder  ist,  a  priori  operativ  behandelt  werde,  freilich  auch 
dann,  wenn  eine  äußere  Incarceration  nicht  constatiert  wurde. 

Topographisch  in  der  Bauchhöhle  gelingt  die  Bestimmung  des  Sitzes 
des  Hindernisses  in  Fällen  eines  acuten  Ileus  recht  selten.  Ja  selbst  Wasser- 
infusionen und  Luftinsufflationen  in  den  Darm  sind  nur  insofern  von  Nutzen, 
als  sie  eine  vielfache  Contraction  der  Darmschlingen  hervorrufen,  unter 
denen  sich  aber  wieder  die  für  uns  wichtige  „fixierte  Schlinge  mit  starker 
Peristaltik  (Schlange)"  schwer  finden  lässt. 

Andererseits  können  wir  manchmal,  wie  bei  Hernien,  aus  bestimmten 
Symptomen  darauf  schließen,  wie  weit  ungefähr  vom  Magen  oder  After 
das  Hindernis  sich  befindet. 


448 


Innere  Darmobstruction. 


Das  Hindernis  liegt  im  Duodenum,  wenn  der  Kranke  grüne  Galle  und 
zwar  in  manchen  Fällen  eine  große  Menge  davon  erbricht  (C  o  h  n),  oder  im 
Jejunum.  wenn  er  zuerst  grüne,  dann  gelbe  Massen  heraufwürgt  (Herhold). 

Riecht  die  erbrochene  Masse  fäcaloid,  so  ist  das  Hindernis  einige  Meter 
vom  Pylorus  entfernt.  In  der  Mehrzahl  der  Fälle  mit  liochsitzendem  Hindernis 
fehlt  Indican  im  Harne. 

Infusionen  in  den  Mastdarm  (und  zwar  wiederholte,  nicht  gleich  der 
erste  Versuch)  sind  sehr  lehrreich.  Behält  der  Kranke  nur  1/2 — ^/^  Liter, 
dann  sitzt  das  Hindernis  tief,  in  der  Nähe  des  Afters.  Verträgt  er  1 — 11/2  Liter, 
dann  wird  das  Hindernis  oberhalb  des  Mastdarmes  zu  suchen  sein,  ja  nach 
N  au  n  y  n  höher  als  in  der  Flexura  sigmoidea  und  dem  absteigenden  Dickdarm. 
Darauf  hat  schon  Brinton  vor  50  Jahren  hingewiesen  mit  dem  Zusätze, 
dass  das  Hindernis  nur  im  Colon  ascendens  gesucht  werden  müsse,  wenn 
der  Kranke  bis  4Y2  Liter  verträgt.  Freilich  liegt  in  diesen  Angaben  die 
Fehlerquelle  darin,  dass  bei  Retention  von  einem  Liter  Flüssigkeit  das 
Hindernis  zwar  höher  als  im  Mastdarm,  ja  selbst  im  Colon  ascendens  zu 
suchen  sei,  dass  aber,  auch  wenn  das  Hindernis  in  der  Flexura  hepatica 
oder  im  Blinddarm  seinen  Sitz  hat.  der  Kranke  nicht  4  Liter  vertragen 
muss,  sondern  vielleicht  auch  nur  circa  1 — ly,  Liter,  und  zwar  selbst 
nach  wiederholten  Versuchen.  Abwärts  vom  Hindernisse  vorhandener 
Spasmus  der  Darmschlingen  kann  die  Infusionen  vereiteln  und  zu  falschen 
Schlüssen  verführen. 

Nachdem  wir  die  allgemeinen  Symptome  des  Ileus  durchgenommen 
und  auf  jene  besonderen  Symptome  hingewiesen  haben,  nach  denen  wir  eine 
chronische  Darmocclusion  diagnosticieren  könnten,  liegt  vor  uns  die  ver- 
liältnismäßig  schwierigste  Aufgabe:  die  Charakteristik  der  acuten  Darm- 
occlusion zu  liefern.  Nach  unserer  Meinung  sollten  wir  diese  Bezeichnung 
nur  für  Fälle  des  sogenannten  strangulatorisehen  Ileus  reservieren,  das  ist 
für  jene  Darmimpermeabilität,  die  mit  drohender  Gangrän  der  afficierten 
Darmpartie  verbunden  ist.  Da  wir  schon  oben  den  Satz  aufstellten,  dass  es 
uns  gewöhnlich  zur  Zeit  nicht  möglich  ist,  die  einzelnen  causalen  Abarten 
des  Ileus,  bis  auf  geringe  Ausnahmen,  mit  Sicherheit  zu  bestimmen,  so 
lautet  unsere  Aufgabe  dahin:  Aus  welchen  Symptomen  lässt  sich  eine  ein- 
geleitete, drohende  oder  bestehende  Darmgangrän,  die  auch  von  Darmimper- 
meabilität begleitet  wird,  erkennen  oder  welche  Symptome  charakterisieren 
die  Darm  Strangulation?  Wir  sagen  bereits,  dass  es  einzelne  Fälle  von 
chronischer  Occlusion  gibt,  die  in  ihrem  Wesen  plötzlich  einen  acuten 
Charakter,  das  heißt  den  absoluter  Impermeabilität,  die  früher  nicht 
vorhanden  war.  annehmen  können;  so  kann: 

1.  dieselbe  anatomische  Ursache  bei  schwächerer  Wirkung  Symptome 
einer  chronischen  Impermeabilität  ohne  Gefahr  einer  Darmgangrän  hervor- 
rufen, aber  bei  weiterer  Steigerung  auch  Darmgangrän  bewirken,  zum 


Innere  Daiinobstruction. 


449 


Beispiel  eine  geringe  und  doppelte  Eotierang  irgend  einer  Darmpartie  oder 
eine  Compression  des  Darmes  durch  omentale  oder  neugebildete  Bänder, 
wenn  dieselbe  nur  eine  einzige  oder  plötzlich  ein  ganzes  Paket  von  Darm- 
schlingen betrifft,  kann  bald  eine  chronische  oder  acute  Occlusion  bewirken. 

2.  Auf  das  Bild  einer  chronischen  Occlusion  kann  sich  das  eines 
acuten  Ileus  aufpfropfen,  und  zwar  infolge  von  Veränderungen,  welche 
nicht  nothwendig  im  Eahmen  einer  chronischen  Darmocclusion  liegen, 
sondern  welche  zeitlich  mit  jener  Ursache  zusammenfallen,  eigentlich  aber 
durch  Ausnahmszustände  bewirkt  werden.  So  beobachtete  zum  Beispiel  der 
Autor,  dass  sich  zu  den  Symptomen  einer  durch  einen  Gallenstein  be- 
wirkten chronischen  Occlusion  scheinbar  das  ausgeprägteste  Bild  eines 
acuten  Ileus  hinzugesellte,  dessen  Ursache  bei  der  im  übrigen  resultatlosen 
Operation  darin  erkannt  wurde,  dass  der  Gallenstein  mit  einer  scharfen 
Kante  das  Duodenum,  das  Jejunum  bei  seiner  Wanderung  förmlich  auf- 
schnitt, worauf  von  dem  gangränösen  Streifen  am  Darm,  der  den  Weg 
des  Gallensteins  markierte,  eine  allgemeine  eitrig-septische  Peritonitis 
ausgieng.  der  der  Patient  erlag. 

Der  strangulatorische  Ileus  ist  freilich  dann  am  besten  zu  ^  erkennen, 
wenn  schon  der  Einfluss  auf  die  Blutcirculation  bemerkbar  wird,  wiewohl 
derselbe  manchmal  auch  durch  eine  selbständige  oder  den  Ileus  begleitende 
Peritonitis  bewirkt  werden  könnte.  Dieser  Einfluss  kann  sich  bei  manchen 
Ileusformen  (II.  acutissimus)  bis  zu  einem  beginnenden  Shock  steigern;  die 
Aussichten  bei  dieser  Art  des  Ileus  sind  äußerst  schlecht.  Sonst  schließen 
wir  auf  eine  acute  Occlusion,  wenn  die  Krankheit  mit  auf  eine  bestimmte 
Stelle  localisierten  Schmerzen  begann,  welche  fortdauern,  wenn  freies 
Exsudat  im  Peritonealraume  entsteht  (G  a  n  g  o  1  p  h  e),  das  allerdings 
bei  dem  schnell  fortschreitenden  Meteorismus  ziemlich  schwer 
zu  constatieren  ist.  v.  Wahl  machte  darauf  aufmerksam,  dass  die  stran- 
gulierte Schlinge  gespannt  ist  und  ihre  Lage  nicht  ändert,  also  auch  der 
peristaltischen  Wellenbewegung  und  jeglicher  Lpcomotion  entbehrt;  ist  ein 
größeres  Paket  von  Darmschlingen  afficiert,  so  kann  man  das  Hilton 
Fagge"sche  Symptom  constatieren:  „the  absence  of  the  visible  peristalsis", 
d.  h.  das  vollkommene  Fehlen  jeglicher  Wellenbewegung  (die  sich  auf  den 
Bauchwänden  nirgends  abzeichnet).  Freilich  darf  die  ergriffene  Schlinge 
nicht  von  den  vor  derselben  liegenden  ausgedehnten  Schlingen  verdeckt 
sein.  Ob  auch  die  „Peristaltik  der  unbeweglichen,  fixierten  Darmschlinge 
(Schlange)"  Symptom  des  acuten  Ileus  ist,  müssen  erst  weitere  Unter- 
suchungen zeigen,  sowie,  ob  außer  der  Intussusception  auch  eine  andere 
Strangulation  von  (im  Stuhle  nachweisbaren)  Blutergüssen  in  den  Darm 
begleitet  zu  sein  pflegt. 


May  dl,  Spccielle  Cliiiui'yie.  I. 


29 


450 


Innere  Darmobstruction. 


Am  verlässlichsten  lassen  sich  die  Darmocclusionen  nach  dem  patho- 
logisch-anatomischen Befunde  eintheilen,  und  es  bleibt  unsere  weitere 
Aufgabe,  zu  den  einzelnen  bei  der  Section  erhaltenen  Bildern  die  zugehörige 
Reihe  charakteristischer,  klinischer  Symptome  zu  sammeln. 

Es  scheint  nicht  die  Zeit  gekommen  zu  sein  —  und  sie  wird  viel- 
leicht überhaupt  nicht  kommen  —  dass  wir  z.  B.  einen  Theil  dieser  Befunde 
unter  die  acuten,  einen  anderen  unter  die  chronischen  Occlusionen,  oder 
die  einen  in  die  Reihe  des  dynamischen,  die  anderen  in  die  des  Obturations- 
die  dritten  in  die  Gruppe  des  Strangulations-Ileus  einreihen  könnten,  weil 
wir  Übergangsformen  zwischen  diesen  einzelnen  Gruppen  bei  gleichem 
pathologisch-anatomischen  Befunde  kennen,  deren  geringerer  Grad  einer 
chronischen,  deren  höherer  einer  acuten  Occlusion  entspricht  oder  wo  die 
eine  Form  durch  eine  zufällige  Complication  in  die  andere  übergeht. 

Der  Versuch  einer  auf  klinischer  und  anatomischer  Grundlage 
beruhenden  Eintheilung,  die  von  Treves  empfohlen  wurde,  möge  als 
Beweis  des  eben  angeführten  dienen.  Dieselbe  führt  an: 

1.  Acute  Occlusionen: 

Ä.  Einklemmung  durch  Bänder  oder  durch  Offnungen: 

a)  u.zw.:  Einklemmung  durch  isolirte peritoneale  Verwachsungen, 

b)  „  „  Omentalstränge, 

c)  „  „     das  Diverticulum  Meckelii, 

„  „     normale,  aber  abnormal  inserierende 

Gewebe  (Proc.  vermif.  oder  Tuba 
Fallopii  u.  s.  w.), 
fi)  „  in  Spalten  und  Öffnungen  verschiedener 

Art; 

außerdem  folgende  seltene  Befunde: 
/')  Einklemmung  über  Bändern, 
cj)  acute  Knickung  des  Dünndarmes, 

h)  gewisse  Fälle  (!)  von  Drehung  des  Dünndarmes, 

i)  „  „  (!)  von  außerhalb  des  Darmes  gelegenen  Ge- 
schwülsten, die  durch  plötzliche  Compression  des  Dünndarmes 
diesen  verstopfen. 

B.  Volvulus  S-romani: 

Als  seltene  Fälle:  Volvulus  anderer  Colonabschnitte  (gewisse 
Fälle!),  Fälle  von  winkeliger  Verziehung  und 
Knickung  des  angewachsenen  Colons, 

C.  Acute  (!)  Intussusceptionen. 

D.  Einige  Formen  der  Obstructionen  durch  Fremdkörper. 

Hieher  gehören  außerdem: 
einige  (!)  Fälle  von  Obstruction  durch  verschluckte  Fremdkörper, 
einige  (!)  Fälle  von  Obstruction  durch  Koprolithen. 


Innere  Darmobstruction. 


451 


2.  Chronische  Occiusionen: 

Ä.  Stenose  des  Dünndarmes. 

Mit  dieser  Gruppe  lassen  sich  diagnostisch  vereinigen: 
a)  einige  Fälle  von  Verziehung  des  adhärenten  Dünndarmes, 
h)      „        „      von  Verwachsungen  durch  die  eine  Darmpartie 

zu  einer  fixen  Schleife, 
(•)  Fälle  der  Darmcompression  durch  Adhäsionen, 
d)    „       „    gegenseitigen  Verwachsung  einiger  Schlingen, 
f)    „       „    Darmstenose    durch   Cirrhose    des  entzündeten 

Mesenteriums, 
/')    „     von  Stenose  infolge  Zugwirkung, 
cj)    „       „  Volvulus, 

h)  Obstructionen  durch  Neubildungen, 

i)  einige  Fälle  von  Obstruction  durch  Gallensteine  und  Fremd- 

körper, 

k)      „        „      von  Compression  durch  Geschwülste  außerhalb 
des  Darmes. 

B.  Stenose  des  Colons: 

Mit  dieser  Gruppe  sind  verwandt: 
a)  einige  Fälle  von  Verziehung  des  adhärenten  Colons, 
h)  Compression  des  Darmes  durch  Adhäsionen, 

c)  einige  Fälle  von  Volvulus  des  Cöcums, 

d)  Obstructionen  durch  Neubildungen, 

e)  Compression  durch  eine  Neubildung  außerhalb  des  Darmes, 
/)  einige  Fälle  von  Koprolithen. 

C.  Koprostase. 

D.  Chronische  Intussusception. 

3.  Fälle  von  chronischer  Occlusion  mit  plötzlicher  Verschlimmerung, 
acutem  Ausgang. 

Diese  Classification  führen  wir  nicht  als  ein  Vorbild  der  Übersicht- 
lichkeit, sondern  als  ein  Verzeichnis  jener  Möglichkeiten  an,  durch  welche 
Occiusionen  entstehen  können,  wobei  die  eigentlichen,  inneren  Hernien 
nicht  besonders  ausdrücklich  hervorgehoben  sind  (siehe  1.  A.  e). 

Da  wir  nicht  die  Absicht  haben,  ein  abgeschlossenes  Bild  der  Darm- 
occlusionen  zu  geben,  indem  wir  sie  nur  mit  Rücksicht  auf  die  inneren 
incarcerierten  und  nicht  incarcerierten  Hernien,  die  eine  acute  oder 
chronische  Impermeabilität  bewirken,  behandeln,  so  halten  wir  es  für 
zweckmäßiger,  auf  Grundlage  der  anatomischen  Bilder  die  nothwendigsten 
klinischen  Befunde  und  Erfahrungen  anzuführen  und  bloß  der  uns  be- 
sonders interessierenden  Gruppe  eine  eingehende  Betrachtung  zu  widmen. 

Beginnen  wir  mit  der  chronischen  Darmocclusion : 


29* 


452 


Der  paralytische  Ileus. 


Der  paralytische  Ileus. 

Die  gelindeste  Form  einer  chronischen  Darmobstruction,  also  jener 
Unmöglichkeit,  den  Darminhalt  zu  entleeren,  bei  welcher  sich  in  der  Regel 
nervöse  Erscheinungen  nicht  zu  entwickeln  pflegen,  da  die  Ernährung  der 
Darmwand  nicht  bis  zur  völligen  Aufhebung  der  Lebensfähigkeit  gelitten 
hat,  ist  die  chronische  Obstipation  oder  die  Obstruction  mit  normalem  Darm- 
inhalt oder  der  paralytische  Ileus.  Es  ist  von  vornherein  ungemein  wahr- 
scheinlich, dass  wir  die  Ursachen  des  paralytischen  Ileus  nahezu  aus- 
schließlich am  Dickdarm  zu  suchen  haben  werden,  da  hiezu  eine  gewisse 
Eindickung,  Festigkeit  des  Darminhaltes  erforderlich  ist,  die  wir  für  ge- 
wöhnlich am  Dünndarme  vermissen.  Der  Name  besagt  schon,  welche  An- 
sichten über  die  Ursachen  dieser  Ileusform  herrschen  und  dass  derselbe, 
und  das  aus  zwei  wichtigen  Gründen,  vornehmlich  Gegenstand  der  internen 
Therapie  sein  wird.  Dieselbe  soll  den  Darminhalt  zu  verflüssigen  und  die 
geschwächte  Kraft  der  Darmmuskulatur  zu  heben  trachten.  Doch  können 
auch  excessive  Fälle  vorkommen,  wo  die  Obstipation  einen  derartigen 
Grad  erreicht,  dass  selbst  die  energischeste  Peristaltik  der  über  der  ver- 
legten Stelle  gelegenen  Darmpartien  das  Hindernis  nicht  zu  überwinden 
vermag.  Infolge  des  dauernden  Verbleibens  der  inspissierten  Darminhalts- 
massen an  einer  Stelle  dehnt  sich  der  darüber  gelegene  Darmtheil  immer 
mehr  aus,  die  Muskelfaserbündelchen  werden  voneinander  entfernt,  bis  sie 
einreißen  und  die  Restitution  immer  schwieriger  und  schwieriger  wird. 

In  solchen  Ausnahmsfällen  könnte  es  sich  darum  handeln,  den  ein- 
gedickten Inhalt  aus  dem  Darme  selbst  manuell  oder  mittelst  Löffels  zu 
entfernen,  oder  die  Atonie  der  über  dem  Hindernis  gelegenen  Theile  durch 
Anlegung  einer  Darmfistel  zu  heilen,  ungefähr  in  ähnlicher  Weise,  wie  wir 
unmäßige  Magendilatation  mittelst  Anlage  einer  Magenfistel  rückgängig  zu 
machen  suchen.  Eine  derartige  chronische  Obstipation,  welche  für  ge- 
wöhnlich durch  Darreichung  einer  ganzen  Reihe  von  Abführmitteln  be- 
handelt und  in  der  Uberzahl  der  Fälle  auch  geheilt  wird,  erfordert 
manchmal  die  mechanische  Entleerung  wenigstens  der  untersten  vom 
Rectum  erreichbaren  Knollen,  damit  sodann  durch  äußere  Massage  des 
Bauches  auch  der  übrige  Inhalt  nach  und  nach  analwärts  —  eventuell 
passiv  —  verschoben  werde,  bis  er  vom  Anus  aus  wieder  erreichbar  ist. 

Der  Verfasser  erinnert  sich  eines  Falles,  in  welchem  er  ersucht 
wurde,  sich  über  die  Entfernbarkeit  eines  Rectalpolypen  zu  äußern,  der 
krebsverdächtig  war  und  durch  den  Anus  nach  außen  ragte.  Die  Patientin 
war  circa  55  Jahre  alt.  Bei  der  Untersuchung  fand  man  einen  groß- 
orangengroßen,  braunschwarzen,  aus  dem  Anus  hervorragenden,  durch  den 
Sphincter  kreisförmig  eingeschnittenen  Körper  von  glatter  Oberfläche.  Bei 
der  Untersuchung  war  es   schwierig,  zwischen  dem  Sphincter  und  dem 


Der  paralytische  Ileus. 


453 


Körper  durchzudringen  und  es  geschah  dies  endlich  auf  Kosten  des  Körpers, 
welcher  circumscripta  eingedrückt  wurde.  Jetzt  zeigte  es  sich  aber,  dass  der 
„Tumor"  nichts  anderes  war  als  ein  kugelförmiges  Stück  Koth,  welches 
nirgends  mit  der  Rectalwand  zusammenhieng.  also  keinen  Stiel  hatte,  und 
unter  gewissen  Beschwerden  beseitigt  wurde.  Nun  fand  aber  der  unter- 
suchende Finger,  dass  die  ganze  Rectalampulle  von  ähnlichen  verhärteten 
Kothballen  erfüllt  war.  ja  dass  der  ganze  Dickdarm  bis  zur  Bauhin'schen 
Klappe  mit  ähnlichen,  durch  die  schlaffen  Bauchdecken  gut  tastbaren 
kugelförmigen  Kothstücken  prall  angeschoppt  war.  Die  Patientin,  welche 
mehreremale  geboren  hatte,  ließ  sich  sehr  leicht  den  härtlichen  Darm- 
inhalt von  einem  Orte  zum  anderen  verschieben,  aber  es  dauerte  immerhin 
ganze  3  Wochen,  bis  auch  das  centralst  gelegene  Stück  (aus  dem  Blind- 
darme) nach  außen  befördert  war.  Wir  bemerken  hiezu,  dass  diese  Patientin 
eigentlich  nie  an  Zeichen  einer  Obstruction  gelitten  hat,  da  sich  der 
flüssige  Dünndarminhalt  zwischen  den  Kothballen  einen  Weg  gefunden 
hatte,  so  dass  dieser  Fall  die  paradoxe  Erscheinung  einer  diarrhöischen 
Stuhlentleerung  bei  vollständig  obturiertem  Dickdarm  bot. 

In  einem  anderen  Falle  hatte  es  sich  um  einen  19jährigen  hochauf- 
geschossenen jungen  Mann  gehandelt,  welcher  mit  14tägiger,  chronischer 
Obstipation  auf  die  Klinik  eingebracht  wurde  und  bei  dem  der  Verdacht 
einer  Darmknickung  oder  -Drehung  bestand.  Eine  weitere  Woche  vergieng, 
ohne  dass  wir  durch  die  üblichen  Mittel  Stuhl  erzielt,  ja  nhne  dass  wir 
irgend  einen  Aufschluss  über  die  Natur  oder  den  Sitz  des  Hindernisses 
erlangt  hätten.  Endlich  griffen  wir  —  vor  dem  Probeeinschnitt  —  zum 
letzten  Mittel,  der  Untersuchung  per  rectum  mit  halber  Hand.  Wir  erfuhren 
abermals  nicht  das  geringste,  und  setzten  für  den  nächsten  Tag  den  Ein- 
griff fest.  In  der  Nacht  erfolgten  nun  viele  copiöse  Stuhlentleerungen,  so 
dass  der  Kranke,  nachdem  sich  die  von  der  Untersuchung  zurückgebliebene 
Sphinctereninsufficienz  ausgeglichen  hatte,  gesund  entlassen  werden  konnte. 

Solche  Fälle  von  Koprostase  können  ausnahmsweise  auch  zum  Tode 
führen,  indem  die  Wand  der  ad  maximum  gespannten  Därme  an  einet 
Stelle,  oft  sehr  weit  vom  Hindernis,  mit  Vorliebe  in  der  Cöcalgegend 
auseinanderweichen  kann,  oder  indem  sich  andere  Complicationen  ent- 
wickeln. Stercorale  Geschwüre  können  Verlöthungen  der  Därme  unter- 
einander bedingen  und  diese  wieder  Knickungen  verursachen;  ein  andermal 
entstehen  Narbenstenosen  nach  Ausheilung  derartiger  ulcerativer  Processe. 
Oder  es  kann  der  mit  eingedickten  Kothballen  beschwerte  Darm  (Flexur, 
Cöcum)  plötzlich  einer  Drehung  unterliegen  und  hiedurch  dazu  Veran- 
lassung geben,  dass  sich  die  bisherigen  Zeichen  einer  chronischen  Ob- 
stipation in  Symptome  eines  Strangulationsileus  verwandeln. 

Zeichen  einer  derartigen  chronischen  Obstipation  sind:  Ausdehnung 
des  Bauches.  Stuhl verhaltung,  manchmal  von  Durchfallperioden  unterbrochen; 


454 


Über  Darmknickung. 


Herzpalpitationen.  Dyspnoe,  Nervenschmerzen  im  Nervus  genito-cruralis  und 
genito-inguinalis,  ischiadicus,  also  entweder  in  die  Genitalien  oder  in  die 
Oberschenkel  ausstrahlend:  weiter  Appetitverlust;  Varicocele,  nach  Koth 
riechender  Athem,  manchmal  auch  Erbrechen,  welches  sogar  fäculent  werden 
kann.  Wie  selten  die  Stuhlentleerung  werden~  kann,  geht  aus  dem  Falle 
Pollock  hervor,  in  welchem  eine  Frau  nur  einmal  im  Vierteljahr  einen 
Stuhl  hatte,  oder  aus  dem  Berichte  von  Blak,  welcher  von  einer  18  Wochen 
andauernden  Obstipationsperiode  erzählt;  endlich  wurde  Stuhl  erzielt,  aber 
der  Kranke  starb  nach  einigen  Tagen.  Thomas  Strong  erzählt  von 
einem  26jährigen  Manne,  der  an  einer  habituellen  Obstruction  litt,  die 
einzelnen  Obstipationsphasen  dauerten  76  Tage,  15  Wochen,  7,  8  bis  9 
Monate.  Solche  Fälle  werden  meistens  an  hysterischen  und  melancholischen 
Personen  beobachtet. 

Objectiv  kann  man  im  Bauche  einen  Tumor  constatieren,  welcher 
aus  Fäcalien  besteht.  Eine  solche  intraabdominelle  Schwellung  ist  knetbar, 
plastisch,  man  kann  in  ihr  Grübchen,  Eindrücke  machen,  und  zwar  gewöhnlich 
ohne  Schmerzen:  Am  ehesten  gelingt  dies  in  der  Blinddarmgegend,  über 
der  äußeren  Hälfte  des  Poupart'schen  Bandes.  Je  weiter  zum  Anus,  desto 
härter  werden  die  Knollen,  und  manchmal  kann  man  ihre  Untertheilung 
in  runde  oder  ovale  Säulenstücke  durchtasten.  Bei  solchen  Tumoren  muss 
man  sich  inacht  nehmen,  dass  man  sie  nicht,  z.  B.  in  der  Gegend  der 
Flexura  hepatica,  für  eine  Lebervergrößerung  oder  für  einen  carcinoma- 
tösen  oder  durch  Invagination  entstandenen  Tumor  etc.  hält. 

Zum  Schlüsse  sei  erwähnt,  dass  Thomas  in  solchen  Fällen  nach 
Darreichung  von  Abführmitteln  und  bei  Anwendung  von  Massage  mit  dem 
Stethoskop  Geräusche  hörte,  welche  angeblich  durch  die  sich  verschiebenden 
Kothmassen  verursacht  worden  sein  sollen. 


Über  Dannknickung. 

Unter  die  Fälle  von  chronischer  Darmverlegung  gehört  weiter  die 
Darmknickung  (coudure,  infractio),  bei  welcher  der  Darm  irgendwo  —  an 
einem  anderen  Darmstück,  Eingeweide  oder  Punkte  der  Bauchhöhle  — 
mittelst  kürzerer  oder  längerer  Adhäsionen  befestigt  ist,  sein  Verlauf  also 
an  dieser  Stelle  geknickt  ist.  Hiebei  ist  die  convexe  Darmwand  an  die 
mesenteriale  genähert,  und  der  Darminhalt  muss  den  vorspringenden  mesen- 
terialen Sporn  so  umgehen,  wie  bei  einer  Stercoralfistel.  Solche  Darm- 
knickungen haben  ihren  Ursprung  in  irgend  einer  vorausgegangenen 
circumscripten  Bauchfellentzündung.  Da  wir  in  der  letzten  Zeit  gewöhnt 


über  Darmkmoknng. 


455 


sind,  nur  einen  ganz  geringen  Theil  der  Bauchfellentzündungen  als  spontan 
aufzufassen,  vielmehr  beinahe  immer  einen  localen  Herd  als  Ausgangspunkt 
solcher  Peritonitiden  anerkennen,  so  wollen  wir  auch  hier  als  letzte  Ur- 
sachen der  Darmanwachsungen  jene  örtlichen  Processe  in  der  Bauchhöhle 
anführen,  welche  solche  Adhäsionen  liefern  könnten.  Als  solche  sind  vor 
allem  die  Entzündungen  in  der  Umgebung  des  Blinddarmes  zu  nennen, 
welche  zumeist  auf  ulcerativen  oder  perforativen  Vorgängen  am  Processus 


Fi<j.  110  (siehe  Seite  456). 


vermiformis,  seltener,  fast  ausnahmsweise,  am  Cöcum  beruhen.  In  zweiter 
Reihe  sind  die  gonorrhoischen  und  puerperalen  Entzündungen  der  Gebär- 
mutter und  ihrer  Adnexe  (Eileiter  und  Eierstock)  zu  nennen,  an  welche 
Organe  die  ins  kleine  Becken  herabsinkenden  Dünndarmschlingen  anzu- 
wachsen pflegen,  wodurch  schwere  Passagehindernisse  für  den  Darminhalt 
erwachsen.  Endlich  sind's  die  inflammatorischen  Processe  um  die  Gallenblase, 
welche  zumeist  das  Duodenum  oder  das  Colon  transversum,  in  selteneren 
Fällen  die  übrigen  Dünndarmschlingen  abknicken  können.  Von  außerhalb 
der  Bauchhöhle  gelegenen  Ursachen  sind  dann  allerdings  in  erster  Reihe 


456 


über  Darmkiiicknng. 


die  Verwachsungen  der  Darmschlingen  an  das  Bruchinnere  zu  nennen, 
wiewohl  wir  schon  an  anderer  Stelle  angeführt  haben,  dass  solche  Ver- 
wachsungen weit  häufiger  am  omentalen  Antheil  des  Bruchinhaltes  vor- 
zukommen pflegen,  als  am  intestinalen.  Außer  diesen  gibt  es  noch  weniger 
bestimmt  localisierte  Darmulcerationen,  z.  B.  dysenterischer,  stercoraler, 
typhöser,  tuberculöser  Natur,  welche  allmählich  bis  zur  Serosa  vordringend, 
auch  die  anliegenden  Darmschlingen  erfassen  können,  wodurch  Darm- 
hindernisse entstehen,  welche  ohne  operativen  Eingriff  kaum  zu  beseitigen  sind. 

Crede  benannte  die  bei  solchen  Darmknickungen  beobachteten  Unter- 
leibsschmerzen „schwere  Darmkoliken",  da  er  die  in  gewissen  Zeiträumen 
nach  dem  Nahrungsgenuss  auftretenden  Unterleibsschmerzen  von  krampf- 
hafter Natur  für  den  Ausdruck  der  peristaltischen  Anstrengung  hielt,  mittelst 
welcher  das  Hindernis  im  Darme  überwunden  werden  soll.  Der  Zeitpunkt, 
an  welchem  derartige  Darmkoliken  nach  der  Nahrungsaufnahme  zu  erscheinen 
pflegen,  ist  kürzer  oder  länger,  je  nach  der  Entfernung  des  Hindernisses 
vom  Magen.  Schon  vor  C r  e d e  wies  Halle  auf  den  perigenitalen  Ursprung 
solcher  Adhäsionen  hin,  und  der  Verfasser  selbst  konnte  einen  hergehörigen 
Fall  mittelst  dreifacher  Resection  des  Darmes  und  Resection  des  Blasen- 
scheitels ausheilen  (Allg.  Wien.  med.  Ztg.  1888).  Ein  weiterer  einschlägiger 
Fall  von  Darmknickung  ist,  bezüglich  seines  Aussehens  während  des  Kolik- 
anfalles, in  Fig.  109  auf  Seite  443  abgebildet.  Ein  Resectionspräparat  ist 
in  Fig.  110  auf  Seite  455  wiedergegeben.  Auf  den  pericholecystitischen 
Ursprung  solcher  Adhäsionen  wies  vornehmlich  Lauenstein  hin. 

Auch  am  Ubergang  von  der  Bauchhöhle  in  den  Bruchsack,  also  am 
inneren  Bruchring  und  seiner  unmittelbaren  Umgebung,  können  bewegliche 
Darmpartien  anwachsen.  Hiebei  ist  also  weniger  die  Örtlichkeit  im  Verlaufe 
des  Darmes,  als  die  Anwachsungsstelle  an  die  Bauch  wand  im  voraus  bestimmt. 
Im  letzteren  Umstände  liegt  auch  ein  schätzbarer  Wink,  an  welcher  Stelle 
der  operative  Eingriff  vorgenommen  werden  soll.  Wiewohl  es,  wie  schon 
erwähnt,  Fälle  gibt,  in  denen  der  Darm  durch  Anwachsungen  in  einem 
äußeren  Bruchsack  irreponibel  wird,  wodurch  gewöhnlich  Schmerzen,  zumeist 
in  der  Gegend  des  Nabels  empfunden,  entstehen,  so  gibt  es  außerdem 
auch  Verwachsungen  im  Bruchsackhalse  oder  in  der  Umgebung  des  inneren 
Bruchringes,  während  äußerlich  keine  Darmschlinge  im  Bruchsacke  vorliegt. 

In  einem  solchen  Falle  ist  die  Erschließung,  Diagnose  der  Ursache 
weit  schwieriger  und  man  muss  zu  anamnestischen  Angaben  des  Kranken 
Zuflucht  nehmen,  welcher  oft  recht  bestimmt  angibt,  dass  er  einmal  an 
einem  Bruche,  der  momentan  geheilt  sein  kann,  gelitten  habe;  ja  wir 
können,  wenn  wir  weiter  nach  eventuellen  Phasen  des  Ausbleibens  des 
Stuhles,  von  Empfindlichkeit  und  Irreponibilität  des  Bruchinhaltes  fahnden, 
eine  Entzündung  der  Hernie,  ja  eine  Brucheinklemmung  constatieren.  Es  ist 
nun  leicht,  von  dieser  Zeit  her  die  Verwachsungen  des  Netzes,  aber  auch  der 


über  Dannknicknng. 


457 


Därme  an  die  vordere  Wand  herzuleiten.  Aber  auch  an  eine  Verlöthung  der 
beiden  Anne  einer  eingeklemmt  gewesenen  Darmschlinge  untereinander  ohne 
Verwachsung  mit  der  Bauchwand  muss  gedacht  werden,  ja  es  verursachen 
eben  diese  Concretionen  der  Därme,  wegen  paralleler  Lage  der  Sehlingen- 
arme,  die  hartnäckigsten  Knickungen.  Ja,  diese  letzteren  sind  aus  dem 
Grunde  die  ungünstigsten  Fälle,  als  bei  Anwachsungen  der  Därme  an 
andere  Eingeweide  oder  Punkte  der  Bauchhöhle  durch  die  Peristaltik  die 
Adhäsionen  nach  und  nach  gedehnt  werden  können,  bis  sie  so  gut  wie  kein 
Hindernis  abgeben:  eine  frei  flottierende  Darmschlinge  dagegen  mit  ver- 
lötheten  Armen  kann  durch  eigenmächtige  peristaltische  Bewegung  kaum 
je  die  Enge  und  Schärfe  der  Knickung  bessern. 

Es  muss  daher  in  der  Anamnese  dieser  Zustände  nicht  nur  an  Perityphlitis, 
perigenitale  Adhäsionen,  Pericholecystitis.  sondern  auch  an  Hernien,  insbe- 
sondere deren  anatomische  Art  und  Veränderungen,  welche  dieselben  durch- 
gemacht haben  könnten,  gedacht  werden.  Hiemit  muss  natürlich  bei  Auf- 
nahme des  Status  praesens  auch  eine  gründliche  Untersuchung  der  genannten, 
zu  circumscripten  peritonealen  Entzündungen  prädisponierten  Gegenden  ver- 
bunden sein,  wobei  eventuell  auch  eine  bimanuelle  Untersuchung  in  der 
Narkose  zu  Hilfe  genommen  werden  muss. 

Dass  wir  der  Vollständigkeit  halber  auch  auf  seltenere  Entzündungen 
(Prostatitis,  Pericystitis),  weiter  auf  Verletzungen,  und  fremde  Körper  mit 
ihren  Ulcerationsfolgen,  sowie  an  Volvulus,  Intussusception  etc.,  welche 
insgesammt  Verlöthungen  der  Darmschlingen  untereinander  anbahnen 
können,  reagieren  müssen,  ist  selbstverständlich. 

Unter  den  klinischen  Erscheinungen  sind  vor  allem  jene  krampfhaften 
kolikartigen  Schmerzen  zu  nennen,  welche  eine  bestimmte  Zeit  nach  der 
Nahrungsaufnahme  wo  immer  in  der  Bauchhöhle  beginnen,  um  stets  an 
einer  vom  Patienten  genau  bezeichneten  Stelle,  wo  auch  die  Adhäsion 
(oder  Darmstrictur,  welche  ungemein  ähnliche  Symptome  hervorbringt)  sitzt, 
zu  enden,  und  um  dann  wieder  an  einer  entfernteren  Stelle  anzuheben 
und  peristaltisch  steigend  und  abfallend,  der  erwähnten  Stelle  sich  zu 
nähern  und  dort  zu  erlöschen. 

Während  dieser  Schmerzen  kann  man  mit  der  Hand  die  peristaltische 
Bewegung  einer  oder  mehrerer  Schlingen  tasten  oder  mit  dem  Auge 
wahrnehmen,  ebenso  eine  ballonartige  Blähung  der  vor  dem  Hindernisse  ge- 
legenen Darmpartie  constatieren.  Da  die  Lichtung  des  Darmes  kaum  ver- 
ringert, nur  seine  gerade  oder  bogige  Richtung  scharfwinkelig  geknickt  ist, 
so  bahnt  sich  der  Darminhalt  endlich  unter  gesteigerter  Peristaltik  den 
Weg,  worauf  die  Schmerzen  vollständig  nachlassen  und  der  Kranke  sich 
während  der  anfallfreien  Zeit  verhältnismäßig  wohlbefindet,  bis  sich  die 
unterdessen  aufgenommene  Nahrung  abermals  dem  geknickten  Orte  genähert 
hat.  Die  causale  Verbindung  zwischen  dem  Nahrungsgenuss  und  den  Schmerz- 


458 


über  Darmknickimg. 


anfallen  tritt  endlich  so  ins  Bewusstsein  des  Kranken  ein,  dass  er  sich 
die  letzteren  zu  verringern  oder  zu  mildern  sucht,  indem  er  so  wenig  als 
möglich  Nahrungsmittel  und  da  nur  mit  besonderer  Auswahl  der  flüssigen 
zu  sich  nimmt,  wodurch  er  beständig  an  Ernährung  abnimmt  und  sich  bei 
ihm  endlich  ein  Hungergleichgewicht  mit  höchstgradiger  Abmagerung 
einstellt.  Dies  ist  aber  auch  der  Grund,  warum  die  operierten  Kranken 
nach  erfolgreicher  Ausschaltung  des  Hindernisses  förmlich  aufblühen  und 
binnen  kaum  glaublicher  Zeit  eine  Gewichtszunahme  von  20 — 30  ky  (bis  4— 6  kg 
wöchentlich)  aufweisen.  Dass  derselben  auch  eine  gehörige  Nahrungszufuhr 


Fig.  III  (siehe  Seite  460  und  470). 

Scheitel  der  Flexura  romana  am  Boden  des  kleinen  Beckens  fixiert  und  auf  eine 

längere  Strecke  stricturiert, 
a  =  das  centrale,  h  =  das  periphere  Ende,  c  =  die  Strictuv  in  der  Schwiele  d. 

entspricht,  ist  selbstverständlich  und  stempelt  dieselbe  den  Reconvalescenten 
temporär  zu  einem  concertmäßigen  Vielesser  ! 

Ab  und  zu  geschieht  es,  dass  ein  Kranker  während  einer  adhäsiven 
allgemeinen  Peritonitis  derartige  vielfache  Verklebungen  der  Darmschlingen 
untereinander  und  mit  anderen  Bauchfellflächen  erleidet,  dass  die  ganze 
Peritonealhöhle  förmlich  obliteriert,  verschwunden  ist.  Dann  gibt  es  selbst- 
verständlich nicht  nur  eine,  sondern  eine  ganze  Reihe  von  Knickungen, 
und  kaum  hat  der  Darminhalt  eine  ungünstige  Stelle  passiert,  schon  hat 
er  eine  neue  zu  überwinden,  so  dass  sich  das  Leben  eines  solchen  Patienten 
zu   einem   wahren,   unaufhörlichen   Martyrium   gestaltet,    welchem  auch 


über  Darmknickung. 


459 


chirurgisch  schwer  abzuhelfen  ist  und  welches  den  Betroffenen  endlich 
zum  Selbstmorde  treiben  kann. 

Auch  in  den  Fällen  von  Darmknickung  kann  sich  die  unvollständige 
Obstruction  in  eine  absolute  steigern,  obwohl  dies  nur  selten  der  Fall  ist. 
Es  hängt  meist  wohl  davon  ab,  ob  die  Knickung  den  Dünn-  oder  Dickdarm 
betrifft;  im  ersteren  Falle  kommt  es,  da  die  Darmlichtung  nicht  aufgehoben 
und  der  Inhalt  flüssig  ist,  selten  zu  einem  Anfalle  von  absoluter  Darm- 
verlegung mit  allen  ihren  Folgen.  Doch  pflegt  die  Schmerzhaftigkeit  und 
Intensität  der  Koliken  bedeutend  zu  sein,  besonders  wenn  eine  Dünn- 
darmschlinge irgendwo  am  Grunde  des  Kleinbeckens  adhäriert,  wobei  der 
Verlauf  des  zu-  und  abführenden  Armes  parallel  ist. 


Fig.  112  (siehe  Seite  460  und  470). 


Innerer  Wachsabguss  des  Präparates  der  Fig.  III  vor  dem  Aufschneiden. 

Bei  Knickungen  des  Dickdarmes  kann  man  sich  schon  eher  eine 
Verstopfung  der  geknickten  Stelle  vorstellen,  und  zwar  schon  durch  einen 
gewöhnlichen  eingedickten  Kothballen. 

Darmknickungen  haben  aber  auch  eine  weitere  Tragweite.  Sie  dis- 
ponieren zu  Torsionen  des  Darmes,  oder  zu  Volvulus.  Wenn  nämlich  eine 
bewegliche  Darmschlinge  durch  Annäherung  und  Fixation  ihrer  beiden 
Fußpunkte  eine  enge,  schmale  Basis  gewinnt  und  beschwert  wird,  so  stellt 
sich  leichter  eine  Drehung  derselben  ein,  als  wenn  ihre  Basis  breit  ist.  So 
finden  wir  bei  Torsionen  der  zu  solchen  Drehungen  ohnehin  disponierten 
Flexura  romana  regelmäßig  den  Anfang  und  das  Ende  derselben  durch 
narbige  Fixationsstränge  aneinander  geheftet. 

Manche  Fälle  lassen  nur  eine  Wahrscheinlichkeitsdeutung  zu. 

So  litt  ein  Patient  als  Kind  an  einer  Hernie,  im  Alter  von  18  Jahren 
an  einer  Peritonitis,  von  der  er  genas.    Seit  der  Zeit  Stuhlbeschwerden, 


460 


Abplattung,  Compression  des  Darmes. 


welche  mit  Mühe  und  Noth  überwunden  wurden,  bis  es  im  Alter  von 
28  Jahren  zu  absoluter  Verlegung  kam.  Am  13.  Tage  derselben  Anus 
praeternaturalis,  trotzdem  Tod  am  3.  Tage  an  Perforationsperitonitis. 
Sectionsbefund :  Flexura  romana  mit  ihrem  Scheitel  am  Kleinbeckenboden 
mitten  in  schwieligen  Adhäsionen  adhärent  (Fig.  III  auf  Seite  458)  und 
auf  eine  längere  Strecke  hochgradig  verengt  (Fig.  112  auf  Seite  459).  Im 
Colon  descendens  zahlreiche  stercorale  Geschwüre,  eng  beieinander  stehende 
Gruppe  derselben  perforiert  (Fig.  121  auf  Seite  509).  Höchstwahrscheinlich 
hängt  der  Zustand  doch  mit  der  Hernie  zusammen  (Incarceration,  Taxis  ?). 


Abiilattmig",  Compressioii  des  Darmes. 

Pseudomembranöse  Stränge  und  Bänder  können  außer  Knickungen 
auch  Compression  des  Darmes  bedingen.  Denselben  Effect  können  aber 
auch  abnorm  fixierte  Netzstränge  haben,  ebenso  wie  das  MeckeTsche 
Divertikel,  mag  es  nun.  wie  ursprünglich,  im  Nabel  implantiert  sein  oder 
frei  geworden  an  anderen  Bauchhöhlenstellen  wieder  anwachsen  oder  mit 
seinen  mesenterialen  Gefäßen  einen  geschlossenen  Ring  bilden.  Auch 
andere  strangförmige  Gebilde,  Proc.  vermiformis,  Tuba.  Appendix  epiploica 
können  zu  ähnlichen  Abplattungen  des  Darmes  führen. 

Je  leerer  der  Darm  ist,  desto  weniger  können  die  erwähnten  Stränge 
ihre  Wirkung  äußern;  je  mehr  sich  der  Darm  füllt,  desto  mehr  schneidet 
eine  Adhäsion  oder  ein  Strang  in  den  Darm  ein,  und  desto  eher  kann  es 
geschehen,  dass  die  ausgedehnten  Darmschlingen  eine  nachbarliche  Schlinge 
an  das  Pseudoligament  anpressen.  Hiedurch  kann  auch  plötzlich  die  Er- 
nährung einer  Darmpartie  eine  tiefe  Schädigung  erfahren,  besonders  wenn 
neue  Darmschlingen  unter  den  Strang  hinein  schlüpfen.  Hiedurch  kann 
aber  auch  aus  einer  chronischen  Obstruction  das  Bild  eines  Strangulations- 
ileus  entstehen. 

Die  häufigsten  Erscheinungen  dieser  Art  sind  comprimierende  Netz- 
stränge, da  Netzzipfel,  wie  schon  erwähnt  wurde,  zu  Verwachsungen  mit 
dem  Bruchsackinnern  und  mit  dem  Bruchsackhalse  neigen;  dann  spannt  sich 
zwischen  der  inneren  Bruch sackmündung  und  dem  Colon  transversum  und 
Magen  saitenartig  ein  Strang,  der  leicht  die  darunter  liegenden  Darmschlingen 
comprimieren  kann.  Es  kann  jedoch  auch  geschehen,  dass  Darmschlingen 
zwischen  den  gespannten  Netzstrang  und  die  Bauchwand  hineinschlüpfen, 
besonders  im  entleerten  Zustande,  worauf  die  sich  ausdehnenden  Darm- 
schlingen den  Strang  an  die  vor  demselben  liegenden  Darmpartien  an- 
pressen oder  die  letzteren  um  den  Strang  bis  zur  Vernichtung  der 
Darmlichtung  umbiegen.    Am   Dünndarme  ist  dieses  Vorkommnis  recht 


Abplattung,  Compression  des  Darmes. 


4fil 


selten,  am  Dickdarme  dagegen  noch  seltener,  da  bedeutende  Theile  desselben 
unbeweglich  sind  (wenigstens  unter  normalen  Verhältnissen  der  Befestigungen 
des  Colon),  und  das  Colon  nur  schwer  zwischen  einen  Netzstrang  und  die 
Bauchwand  hineinschlüpfen  kann,  da  sich  das  Netz  ja  am  queren  Grimm- 
darm inseriert.  Doch  kann  derartiges  leicht  am  S-romanum  vorkommen, 
und  es  ist  eine  feststehende  Thatsache,  dass  vielen  Ileusformen  abnorme 
Lage-  und  Befestigungsbefunde  des  S-rom.  zugrunde  liegen  (Cursch- 
man  n). 

Im  ganzen  kann  man  wohl  sagen,  dass  man  selten  dazu  kommt, 
einen  solchen  Zustand  zu  operieren,  so  lange  der  Strang  eben  nur  eine 
Compression,  aber  noch  nicht  eine  Strangulation  verursacht.  Einen  ähn- 
lichen Fall  hatte  der  Verfasser  jüngst  Gelegenheit  zu  beobachten.  Ein 
17jähriger  Junge  wurde  von  der  internen  Abtheilung  auf  die  chirurgische 
transferiert.  Sein  Aussehen  hochgradig  verfallen,  die  Augen  von  braunen 
Höfen  umgeben,  tief  in  ihren  Höhlen.  Temperatur  Sö^",  Puls  nicht  fühlbar, 
Erbrechen,  Abdomen  kahnförmig  eingezogen;  in  demselben  nichts  Abnormes 
tastbar.  Operation  wurde  abgelehnt,  der  Befund  am  Abdomen  als  höchst 
auffällig  bezeichnet:  der  Kranke  starb  auf  der  internen  Abtheilung  unter 
der  Diagnose:  Mening.  tuberc.  (?)  Bei  der  Section  fand  man  folgenden  Be- 
fund am  Bauchinhalte:  Seine  Lage  entschieden  abnorm.  Von  einer  circa 
50  cm  von  der  Plica  duodenojejunalis  entlegenen  Jejunalschlinge  zieht  sich 
ein  Strang  gegen  den  Peritonealüberzug  der  Gegend  der  Synchondrosis 
sacro-iliaca  dextra.  Unter  diesem  Strang  liegt  der  ganze  übrige  Dünndarm 
bis  auf  eine  Strecke,  welche  circa  50  cm  von  der  Valvula  Bauhini  beginnt. 
Doch  auch  an  der  unter  dem  Ligament  befindlichen  Darmpartie  ist  noch 
eine  weitere  Veränderung  wahrnehmbar,  insoforne  dieselbe  in  der  Richtung 
des  Uhrenzeigers  von  links  nach  rechts  um  180"  torquiert  ist,  so  dass 
die  jejunale  Abgangsschlinge  des  Ligaments  rechts  von  dem  torquierten 
Mesenterialstiele  zu  liegen  kam.  Die  collabierten,  aber  nicht  gangränösen 
Schlingen  lagen  im  Kleinbecken,  am  Mesenterium  war  keine  Schnurfurche 
nachweisbar.  Das  vor  dem  Hindernis  liegende  Jejunum  enthält  nur  wenig 
Darminhalt.  Für  länger  dauernden  Bestand  des  Zustandes  spricht  außer  der 
elenden  Ernährung  des  Kranken  die  schiefergraue  Verfärbung  der  colla- 
bierten torquierten  Darmschlingen.  Das  Peritoneum  frei  von  jeder  Ver- 
änderung. Der  Strang  förmlich  varicös  anzusehen,  an  seiner  Implantation 
innen  im  Darme  kein  Grübchen,  keine  Eintrittsöffnung  in  denselben  (der 
Strang  wird  erst  mikroskopiert).  Dieser  Fall  illustriert  geradezu  classisch 
ein  Beispiel  einer  chronischen  Compression  des  Darmes,  nur  noch  mit 
Torsion  desselben  compliciert.  Der  Befund  des  kahnförmig  eingezogenen 
Unterleibes  (wie  bei  Bleivergiftungen)  erklärt  sich  dadurch,  dass  der  größte 
Theil  des  collabierten  Dünndarmes  im  kleinen  Becken  lag,  das  Jejunum 
über  dem  Strange  nur  wenig  Schleim  enthielt  und  der  Magen  nicht  aus- 


462 


Die  Verengungen  des  Dai-mes  oder  Stricturen. 


gedehnt,  eher  klein  zu  nennen  war.  Anamnese  war  wegen  des  moribunden 
Zustandes  des  Patienten  nicht  zu  erheben. 

Was  die  Behandlung  dieser  Zustände  —  nicht  der  hieraus  hervor- 
gehenden Darmstrangulationen  —  betrifft,  so  gehört  sie  zu  den  leichtesten 
Aufgaben  des  Chirurgen,  die  Zustände  selbst  aber  zu  den  angenehmsten 
Überraschungen  des  auf  die  compliciertesten  Befunde  und  Eingriffe  ge- 
fassten  Operateurs.  Eine  hinreichende  Incision  der  Bauchdecken,  eventuell 
eine  Eventration  der  Eingeweide  und  nun  Durchtrennung  des  Stranges, 
Netzzipfels,  Hohlorgans  (Proc.  vermif.,  Divertic.  Meckelii.  Tuba  etc.)  zwischen 
zwei  Ligaturen  stellt  die  Durchgängigkeit  des  Darmes  wieder  her,  wozu 
natürlich  eine  Retorsion  eines  Volvulus  etc.  nach  Bedarf  hinzugefügt 
werden  muss. 

Eine  weitere  Grundlage  der  chronischen  Darmobstruction  sind: 

Die  Verenguiigeii  des  Darmes  oder  Strietiiren. 

Eine  Darmverengung  kann  entweder  durch  eine  Neubildung  oder 
durch  Narbenentwickelung  nach  Geschwüren  verschiedenster  Art  be- 
dingt sein. 

Am  häufigsten  werden  durch  Carcinom-Entwickelung  bedingte  Stricturen 
beobachtet.  Darmkrebs  kommt  am  häufigsten  im  Dickdarm  vor,  selten 
im  Dünndarm,  und  zwar  verhältnismäßig  hievon  am  öftesten  im  Zwölf- 
fingerdarm vor.  Doch  auch  im  Dickdarm  verengt  das  Carcinom  die  doch 
ziemlich  bedeutende  Lichtung  des  Darmes  sehr  frühzeitig,  nicht  nur  dadurch, 
dass  dieselbe  mit  den  Neubildungsmassen  ausgefüllt  wird,  sondern  auch 
dadurch,  dass  skirrhösen  Formen  des  Carcinoms  eine  eigene  Schrumpfungs- 
tendenz innewohnt,  welche  sodann  durch  Verlegung  mit  Kothballen  nur 
noch  unterstützt  wird.  Am  Dickdarm  selbst  kommt  das  Carcinom  auf  den 
Umbiegungsstellen  mit  Vorliebe  vor:  demnach  im  Blinddarm,  an  der 
Flexura  hepatica,  lienalis,  romana  und  dann  am  häufigsten  im  Endstück 
des  Darmes,  dem  Rectum.  Auf  die  Verstopfung  mit  Kothpartikelchen  oder 
im  Darminhalt  enthaltenen  Fremdkörpern  sind  die  plötzlichen  Ver- 
schlimmerungen im  Verlaufe  der  Carcinomerkrankung  zu  beziehen,  ebenso 
wie  das  Auftreten  einer  absoluten  Darmobstruction,  welche  in  den  Gang 
des  allmählichen  Wachsthums  und  der  hiemit  zusammenhängenden  all- 
mählich fortschreitenden  Verengerung  scheinbar  nicht  hineinpassen  und 
die  Stadien  verhältnismäßigen  Wohlbefindens  bei  täglicher,  wenn  auch 
künstlicher  Stuhlentleerung  unversehens  unterbrechen. 

Die  carcinomatöse  Strictur  zeigt  sich  durch  blutige  Stuhlentleerungen 
an.  Das  dem  Stuhl  beigemischte  Blut  kann  entweder  als  schwarzes,  ver- 
dautes Blut  den  Stuhl  dunkel,  ja  schwarz  färben  (die  Patienten  bezeichnen 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


463 


den  Stuhl  auch  gern  als  verbrannt)  und  mit  dem  Darminhalte  innig  ver- 
mengt sein,  oder  das  Blut  ist  hellrotli  und  der  bereits  geformte  anders- 
farbige Stuhl  damit  wie  bestrichen,  oder  Blut  und  Schleim  werden  auch 
ohne  Stuhl,  bei  Rectalcarcinomen  nicht  selten  auch  unwillkürlich  entleert. 

Diese  Erscheinungen  erregen  bei  Individuen,  welche  in  Jahren  stehen, 
in  denen  Carcinom  am  häufigsten  vorzukommen  pflegt,  besonders  wenn  für 
sie  kein  anderer  Ursprung  (z.  B.  der  Beginn  unter  Fieberbewegungen,  unter 
bedeutenden  Schmerzen,  nach  Verletzungen  etc.)  ermittelt  werden  kann,  den 
Verdacht  auf  neoplastische  Darmstrictur.  Kann  man  außerdem  noch  einen 
charakteristischen  (nicht  sonderlich  umfänglichen,  derben,  grobhöckerigen,  mit 
einem  Trichter  einer-  oder  beiderseits  versehenen)  Tumor  durchtasten,  wozu 
sich  oft  eine  Rectalinsufflation  mit  Luft  eignet,  kann  man  regionäre  Drüsen- 
schwellungen mit  infiltrierten  vom  ursprünglichen  Tumor  zu  denselben 
ziehenden  Lymphgefäßen  nachweisen,  besteht  ein  mäßiger  Ascites  und  eine 
beginnende  Kachexie,  so  wird  die  Carcinomdiagnose  immer  wahrscheinlicher. 
Bezeichnend  ist,  dass  dem  Anfalle  einer  absoluten  oder  fast  absoluten  Darm- 
obstruction  oft  ein  —  auch  wiederholter  —  unvollständiger  Anfall  vorausgeht, 
welcher,  nachdem  er  nahezu  seine  Akme  erreicht  hat,  plötzlich  zurückgeht, 
worauf  eine  Phase  scheinbarer  Euphorie  den  Patienten,  ja  auch  mitunter  den 
Arzt  über  den  Ernst  der  Situation  täuscht,  bis  eine  Wiederholung  des  Anfalles 
einen  deutlicheren  Wink  gibt.  Dieser  scheinbare  Nachlass  des  Leidens  ist 
dadurch  zu  erklären,  dass  entweder  durch  erhöhte  Peristaltik  der  intra- 
intestinale Druck  derart  erhöht  wird,  dass  das  für  die  Fortbewegung  des  ein- 
gedickten Darminhaltes  bestehende  Hindernis  überwunden  wird,  oder  dass  der 
früher  zähere  Darminhalt  durch  Hypersecretion  des  Darmes  (infolge  Reizes 
von  Seite  des  stagnierenden,  sich  zersetzenden  Darminhaltes)  flüssiger  wird 
und  dann  leichter  durchgeht,  oder  endlich  durch  folgenden  Mechanismus: 
infolge  von  Stauung  des  Darminhaltes  bei  intacter  Muskulatur,  daher  bei 
bestehender  energischer  Peristaltik,  wird  das  zuführende  Darmstück  immer 
mehr  ausgedehnt,  bis  eine  retrograde  Invagination  der  stricturierten  Stelle 
eintritt,  so  dass  das  Carcinom  in  den  oberhalb  gelegenen  Darmantheil  wie 
die  Portio  vaginalis  in  die  Scheide  hineinragt.  Die  daselbst  angesammelte 
Flüssigkeit,  unter  hohem  Drucke  stehend,  comprimiert  den  hineinragenden 
Tumor  allseitig  derart,  dass  eine  kleinere  bisher  bestandene  Öffnung  voll- 
ständig comprimiert  werden  kann.  So  lange  die  intensiven  Darmcontractionen 
andauern,  lässt  die  Stärke  des  Anfalles  nicht  nach;  wenn  aber  die  Darm- 
muskulatur endlich  doch  ermüdet,  oder  wenn  wir  sie  künstlich  paralysiert 
haben  und  der  peristaltische  Krampf  nachlässt,  dann  breitet  sich  die 
Flüssigkeit  im  ganzen  Darme  (vielleicht  auch  Magen)  aus,  der  hohe  Druck 
im  Darme  und  auch  die  Compression  des  retroinvaginierten  Tumors  hört 
auf.  und  die  Flüssigkeit  sickert,  wenn  auch  in  dünnem  Strome,  durch  die 
enge  Stelle  durch.  Dies  sind  jene  scheinbar  paradoxen  Fälle,  in  denen  wir 


464 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


eine  Darmverengerung  mit  Paralyse  des  Darmes  überwinden:  daher  stammt 
auch  der  Effect  der  Opiumtherapie  bei  solchen  Zuständen  und  die 
Besserung  nach  Auspumpen  des  Magens,  wodurch  ja  auch  der  Inhalt  aus 
den  oberen  Dünndarmpartien  aspiriert  wird,  was  ja  gewiss  auch  den  intra- 
intestinalen Druck  herabmindert. 

Ein  weiteres  charakteristisches  Merkmal  des  Darmcarcinoms  ist  der 
Wechsel  von  Verstopfung  und  Durchfall.  Die  Erklärung  ist  schon  im  Vor- 
stehenden enthalten.  Die  erhöhte  Darmsecretion,  durch  die  Zersetzungspro- 
ducte  des  sich  stauenden  Darminhaltes  angeregt,  verflüssigt  den  eingedickten 
Darminhalt,  worauf  flüssige  Darmentleerungen  eintreten,  denen  gewöhnlich 
abermals  eine  Obstipationsphase  folgt.  Diese  Obstipationen  können  wie 
sonst  auch  von  geradezu  erstaunlicher  Dauer  sein,  während  welcher  der 
Kranke  manchmal  überhaupt  keinen  Stuhl  hat.  V  e  1  p  e  a  u  erzählt  von 
einem  Schiffscapitän,  welcher  vor  dem  Durchstich  der  Landenge  von  Suez 
die  sogenannte  „lange  Fahrt"  um  Afrika  nach  Indien  machte.  Dieser  litt 
an  einem  Darmcarcinom  und  hatte  während  seiner  ganzen,  5 — 6  Monate 
dauernden  Einschiffung  (Hin-  und  Rückfahrt)  kein  einzigesmal  Stuhl.  Er 
genoss  hinreichende  Mengen  Nahrungsmittel,  versah  anstandslos  seinen  be- 
schwerlichen Schiffsdienst,  entleerte  nach  Verbrauch  der  Nahrungsmittel 
den  Rückstand  aus  Magen  und  Darm  mittelst  Erbrechens  und  war  wieder 
frischer  Nahrungsaufnahme  fähig. 

Der  Sitz  des  Hindernisses  lässt  sich  manchmal  durch  Austasten  der 
Bauchhöhle  feststellen;  mit  einer  gewissen  Wahrscheinlichkeit  lässt  sieh 
aber  derselbe  auch  aus  der  Bauchform  erschließen.  Ist  der  Blinddarm  vom 
Carcinom  befallen,  dann  ist  hauptsächlich  die  Mitte  des  Bauches  durch 
ausgedehnte  Dünndarmschlingen  vorgewölbt,  während  die  Weichen  noch 
eingefallen  sind.  Befindet  sich  der  Tumor  an  einer  anderen  Stelle  des 
Dickdarmes,  so  gesellt  sich  zu  der  Schwellung  des  Mesogastriums  noch 
eine  Blähung  der  über  dem  Hindernis  gelegenen  Darmpartie,  während 
die  abwärts  gelegene  collabiert  ist.  Die  charakteristischesten  Bilder  ent- 
stehen, wenn  das  Carcinom  an  der  hepatalen  oder  lienalen  Flexur  sitzt 
und  das  Colon  descendens  demnach  leer  ist.  Dasselbe  füllt  sich  hingegen 
bei  der  Rectalinsufflation,  während  die  übrige  Form  des  Unterleibes  gleich 
bleibt.  Auch  durch  Auscultation  kann  man  hiebei  manches  erfahren,  da 
man  die  mit  dem  Zusammendrücken  des  Gasgebläses  synchronischen 
Geräusche  (vom  Einströmen  der  Luft)  entlang  des  ganzen  freien  Dick- 
darmes bis  zum  Hindernis  hören  kann,  während  man  oberhalb  des  Hinder- 
nisses entweder  überhaupt  keine  Geräusche  wahrnimmt  oder  nur  ein  gleich- 
mäßiges Sausen  von  durch  eine  enge  Stelle  durchgepresster  Luft.  In  letzter 
Zeit  konnte  Verfasser  eine  interessante  Beobachtung  machen.  Bei  einem  am 
Colon  ascendens  palpierten  Tumor  wurde  vom  Rectum  insuffiiert.  Als  die 
Spannung  des  ganzen  Dickdarmes  einen  hohen  Grad  erreicht  hatte,  füllte 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


465 


sich  auch  das  Cöcum  über  dem  Hindernis  allmählich  ziemlich  prall.  Als 
man  nun  die  Luft  per  anum  rasch  entleerte,  blieb  nur  die  Blinddarmpartie 
über  der  Strictur  ballonartig  gefüllt;  an  ihrer  oberen  Peripherie  war  der 
Tumor  deutlich  tastbar.  Dass  die  Palpation  und  auch  die  Insufflation  in 
Narkose  wegen  Wegfall  der  Bauchdeckenspannung  und  des  Widerstandes 
des  Individuums  besonders  lehrreiche  Resultate  gibt,  braucht  nicht  erst 
bemerkt  zu  werden;  ja  man  sollte  die  definitive  Diagnose  nicht  aussprechen 
und  über  den  zweckmäßigen  chirurgischen  Eingriff  nicht  früher  schlüssig 
werden,  ehe  man  nicht  eine  Untersuchung  in  der  Narkose  vorgenommen  hat, 
welche  natürlich  auch  zur  sofortigen  Vornahme  der  Operation  dienen  kann. 

Zum  Darmkrebs  gesellen  sich  im  weiteren  Verlaufe  infolge  von  Ver- 
wachsungen mit  anderen  Organen  verschiedene  Beschwerden,  so  z.  B. 
Harnbeschwerden  und  ischiadische  Schmerzen  beim  Carcinom  des  Mast- 
darmes. Bei  neoplastischer  Strictur  der  Flexura  sigmoidea  traten  Ver- 
wachsungen mit  anderen  Darmschlingen,  mit  der  Harnblase,  der  Gebär- 
mutter, ja  auch  mit  entlegeneren  Eingeweiden  ein,  was  zu  fistulösen 
Communicationen  zwischen  der  Flexura  und  der  Harnblase,  sowie  anderen 
Darmtheilen  führen  kann,  welche  Vorkommnisse  manchmal  auch  einen 
günstigen  Einfluss  auf  das  Befinden  des  Kranken  haben,  insofern,  als  das 
Hindernis  hiemit  umgangen  wird,  ähnlich  wie  bei  einer  beabsichtigten 
Enteroanastomose. 

Die  Behandlung  des  Darmkrebses,  also  insbesondere  des  Dickdarm- 
krebses, kann  doppelt  sein:  radical  oder  palliativ. 

Mit  palliativer  Behandlung  begnügen  wir  uns  bei  älteren  kachek- 
tischen  oder  sonst  kranken  Personen,  deren  Obstructionsanfall  schon 
geraume  Zeit  anhält,  deren  Ernährung  wesentlich  gelitten  hat  und  deren 
Appetenz,  wie  gewöhnlich,  vollständig  darniederliegt,  )jei  denen  die  localen 
Verhältnisse  eine  radicale  Operation  unmöglich  machen,  welche  bereits 
Metastasen  aufweisen  etc.  Der  palliative  Eingriff  besteht  entweder  in  der 
Anlage  eines  Anus  praeternaturalis  oder  in  der  Ausführung  einer  Entero- 
anastomose. Hiemit  beabsichtigen  wir,  die  gehemmte  Darmentleerung  anzu- 
bahnen, die  Zersetzung  des  Darminhaltes  hintanzuhalten,  die  Resorption 
von  giftigen  Zersetzungsproducten  aus  dem  Darminhalte  zu  verhindern, 
ebenso  wie  die  weitere  Ausdehnung  des  Darmes,  womit  auch  dessen 
Berstung,  Verschwärung  und  Perforation  in  den  stercoralen  Geschwüren 
vermieden  wird.  Auch  einer  Totalnekrose  der  Darmschlingen,  wie  sie  ab 
und  zu  beobachtet  wird,  wird  hiedurch  erfolgreich  gesteuert. 

Der  Anus  praeternaturalis  kann  am  Dickdarm  als  Colotomie  (fälschlich  . 
Colostomie  genannt,  da  es  sich  ja  hier  nicht  um  eine  Anlage  einer  Öffnung 
handelt,  durch  welche  Nahrung  aufgenommen  werden  soll  [Stoma])  aus- 
geführt werden,  oder  die  abnorme  Öffnung  muss  (bei  Blinddarmcarcinomen) 
am  Dünndarm  angelegt  werden  (Enterotomie  [Nelaton]).    Die  Colotomie 

Maydl,  Spocielle  Chiiuryie.  I.  30 


466 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


kann  retroperitoneal  (Callisen)  in  der  Lumbal gegend  oder  transperitoneal 
(Littre),  letztere  gewöhnlich  über  dem  Poupart'schen  Bande  am  lateralen 
Rectusrande  ausgeführt  werden. 

Bei  dem  physiologisch  ziemlich  gleichgiltigen  Aufenthalte  des  Darm- 
inhaltes im  Dickdarme  könnte  ohneweiters  derselbe  schon  aus  dem  Endstück 
des  Dünndarmes  abgeleitet  werden,  doch  erfordert  eine  solche  Öffnung 
wegen  der  Flüssigkeit  des  Dünndarminhaltes  beständige  Pflege  und  Verbände, 
und  ihr  Träger  ist  nahezu  vollständig  aus  der  menschlichen  Gesellschaft 
ausgeschlossen.  Anders  bei  Offnungen  am  Dickdarm,  wo  der  Inhalt  bereits 
eingedickt,  geformt  ist  und  bei  seiner  Entleerung  eher  besonderer  Nachhilfe 
bedarf.  Hiedurch  ist  aber  der  Kranke  gegen  das  permanente  Heraussickern 
des  Inhaltes  geschützt  und  zur  weiteren  Berufsthätigkeit  geeignet.  Der 
Verfasser  kennt  aus  seiner  Praxis  Fälle,  welche  2—4  Jahre  die  Operation 
überlebten.  Bei  der  häufigsten  Localisation  des  Carcinoms  im  Mastdarm 
und  in  der  Flexur  empfiehlt  sich  die  Anlage  des  widernatürlichen  Afters 
am  Beginn  der  Flexur,  da  hiedurch  dem  Prolapse  des  zuführenden  Schenkels 
(in  diesem  Falle  also  des  kurz  angehefteten  Colon  descendens)  vorgebeugt 
wird.  Bei  anderweitigem  Sitze  des  Carcinoms  im  Colon  kann  der  Anus 
am  Cöcum  angelegt  werden,  doch  kann  in  diesem  Falle  wie  auch  beim 
Krebs  des  Cöcums  mit  Vortheil  eine  Anastomose  zwischen  der  vor  und 
unter  dem  Hindernis  gelegenen  Darmpartie  hergestellt  werden. 

Bezüglich  der  Technik  dieser  Operation  kann  hier  nur  so  viel  an- 
geführt werden,  dass  die  frühere  Gepflogenheit,  nur  einen  Theil  der  Darm- 
peripherie in  die  Bauchwunde  einzupflanzen,  in  vielen  Fällen  verlassen  ist,  und 
zwar  aus  dem  Grunde,  weil  der  Inhalt  nicht  nur  zur  Darmfistel  herausfloss, 
sondern  auch  im  Darme  sich  weiter  bewegte,  endlich  aufs  Hindernis  stieß, 
sich  hier  staute,  zersetzte,  Ulcerationen  und  Perforationen  verursachte. 
Daher  wurde  der  Vorschlag  des  Verfassers,  bei  dieser  Gelegenheit  statt  einer 
stercoralen  Fistel  einen  Anus  praeternaturalis  anzulegen,  also  eine  ganze 
Darmschlinge  in  der  W^unde  zu  fixieren,  für  bestimmte  Fälle  acceptiert. 
Man  führt  demnach  diesen  Eingriff  folgendermaßen  aus:  In  der  linken 
Unterbauchgegend  sucht  man  von  einer  am  äußeren  Rande  des  geraden 
Bauchmuskels  angelegten  und  bis  in  die  Bauchhöhle  dringenden  Wunde 
den  Anfang  des  S-romanum  auf,  und  zieht  eine  Schlinge  desselben  soweit 
vor,  bis  das  Mesocolon  in  der  Wunde  sichtbar  wird.  Das  Colon  erkennt 
man  leicht  an  seinem  Caliber,  seinen  Haustris,  Tänien  und  den  Appendices 
epiploicse.  Nun  führt  man  durch  das  Mesocolon  einen  kleinfingerdicken 
Streifen  von  Jodoformgaze,  so  dass  die  Darmschlinge  auf  demselben  ge- 
wissermaßen reitet.  Im  Nothfalle  kann  hiemit  die  Operation  bereits  beendet 
sein,  indem  man  nur  die  Enden  des  Streifens  auf  der  Haut  fixiert.  Sonst 
empfiehlt  es  sich,  nicht  nur  bauchwärts  vom  durchgeführten  Streifen  die 
Schlingenschenkel   mit   einigen   Knopfnähten   gegeneinander  zu  fixieren. 


nie  Verengungen  des  Darmes  oder  Strictuien. 


467 


sondern  die  Peripherie  beider  Schenkel  in  der  Wunde  mit  dem  Peritoneum 
der  vorderen  Bauchwand  zu  umsäumen.  Eilt  der  Fall,  so  kann  der  Darm 
sofort  eröffnet  werden,  für  gewöhnlich  aber  warten  wir  4 — 6  Tage,  bis  die 
Serosaflächen  innig  verklebt  sind  und  eine  Infection  von  Seite  des  aus- 
fließenden Darminhaltes  nicht  mehr  zu  fürchten  ist.  Dann  eröffnen  wir 
mittelst  Paquelins  den  Darm  an  einer  kleinen  Stelle,  durch  welche  zumeist 
reichliche  Mengen  angestauter  Gase  abgehen. 
Sofort  oder  nach  24  Stunden  führen  wir 
ein  dünnes  Drainrohr  in  den  Darm  ein  und 
weichen  mit  Injectionen  lauwarmen  Wassers 
den  Darminhalt  auf,  welcher  nach  zeitweiser 
Entfernung  des  Drains  in  reichlichen  Mengen 
abgeht.  Unsere  Aufgabe  ist  beendet,  wenn 
auch  der  abführende  Schenkel  vollständig 
entleert  ist,  die  Wunde  übernarbt  ist  und 
für  den  Kranken  eine  Vorrichtung  construiert 
ist,  dass  ihm  wider  seinen  Willen  kein  Darm- 
inhalt abfließt.  Die  beigefügte  Abbildung 
(Fig.  113)  veranschaulicht  ein  zu  diesem 
Zwecke  erfundenes  Volksfabrikat.  Meist 
schließt  das  Drain  vollkommen  die  Fistel 
ab,  oder  man  muss  zu  einem  Zapfen-  oder 
Ballonverschluss  greifen.  Neuerer  Zeit  sucht 
man  das  wasserdichte  Abschließen  der  ab- 
normen Öffnung  dadurch  zu  erreichen,  dass 
man  die  Wunde  in  der  Bauchwand  mehr 
ins  Territorium  der  breiten  Bauchmuskeln 
(nach  außen)  verlegt,  deren  Bündel  man  bei 
der  Präparation  stumpf  voneinander  trennt, 
statt  sie  zu  schneiden;  dieselben  sollen 
hiernach  ein  dreifaches  (Obl.  ext.,  int.,  Trans- 
versus)  Sphinkterensystem  darstellen,  welches 
in  sich  das  Drainrohr  fast  luftdicht  ab- 
klemmt. Auch  die  Durchführung  der  Darm- 
schlinge unter  einer  Hautbrückc,  während 

die  ursprüngliche  Wunde  geschlossen  wird,  haben  wir  bereits  mehrmals  mit 
gutem  Erfolge  angewendet.  Ein  die  Hautbrücke  comprimierender  Verband 
drückt  gleichzeitig  den  Darm  unter  derselben  zusammen.  Von  der  Entero- 
anastomose  wird  an  einer  anderen  Stelle  dieses  Buches  ausführlicher  ge- 
sprochen werden.  In  den  Fällen  eines  paralytischen  oder  spastischen  Ileus 
hat  man  schon  von  der  Anlage  einer  wandständigen  Öffnung  (also  einer 
Fistula  stercoralis)  wohlthätigen  Effect  gesehen.  • 

30* 


Fi;/.  113. 

Volksproduct,  bestehend  aus  einem 
Gurt  und  einer  Pelotte,  an  welcher 
sich  ein  Abflussrohr  befindet,  an 
das  ein  blind  endigendes  Gummirohr 
angesetzt  ist;  in  diesem  soll  sich 
der  eventuell  trotzdem  abfließende 
Darminhalt  ansammeln. 


468 


Die  Verengungen  dos  Darmes  oder  Stricturen. 


Handelt  es  sich  aber  um  jüngere,  sonst  gut  erhaltene  Individuen  — 
und  der  Darmkrebs  kommt  häufig  bei  jüngeren  Personen  vor  —  und  weist 
der  locale  Befund  eine  wenig  umfängliche,  bewegliche  Geschwulst  ohne 
Lymphgefäß-  und  Lymphdrüseninfiltration  nach,  dann  empfiehlt  sich  eine 
radicale  Operation  des  Tumors,  und  es  gelang  durch  dieselbe  schon  mehrmals, 
das  Leben  eines  Patienten,  welcher  von  einer  krebsigen  oder  anderweitig 
maligneneoplastischen  Darmstrictur  betroffen  war,  auf  Jahre  hinaus  zu  er- 
halten, ja  sogar  definitiv  zu  retten. 

Da  es  sich,  wie  erwähnt,  meist  um  Carcinome  des  Dickdarmes  handelt, 
derselbe  auf  einzelnen  Strecken  seines  Verlaufes  an  der  Hinterseite  keinen 
Peritonealüberzug  hat,  so  müssen  daselbst  die  Darmenden  vereinigt 
werden,  ohne  dass  wir  einen  schützenden  Serosaüberzug  darüber 
decken  könnten.  Man  hat  jedoch  von  diesem  Umstände  keinen  besonders 
ungünstigen  Einfluss  auf  die  Heilung  der  Darmwunden  gesehen.  Soll  ein 
Carcinom  des  Cöcums  entfernt  werden,  so  handelt  es  sich  nach  der  Resection 
um  Implantation  dos  Ileums  ins  Colon.  Das  Missverhältnis  im  Caliber 
beider  Darmdurchschnitte  gleicht  sich  gewöhnlich  schon  vor  der  Operation 
aus,  indem  das  Ileum  dilatiert  wird,  das  Colon  aber  atrophiert.  Sind 
aber  die  Öffnungen  trotzdem  ungleich,  so  kann  der  Durchschnitt  am 
Ileum  dadurch  vergrößert  werden,  dass  man  es  schief  zuschneidet,  und 
zwar  so,  dass  seine  längere  Seite  an  der  Mesenterialinsertion  liegt.  Genügt 
auch  das  nicht,  dann  ist  es  wohl  am  besten,  eine  Colenteroanastomose 
auszuführen,  indem  man  das  Ende  des  Ileums  seitlich  in  das  Colon  ascendens 
einpflanzt  (terminolaterale  oder  end-to-side  Colenteroanastomose),  wobei  na- 
türlich der  Durchschnitt  am  Colon  ascendens  durch  Naht  geschlossen  wird. 

Behufs  Verbesserung  der  Erfolge  ist  es  unbedingt  nothwendig,  dass 
der  Operateur  von  dem  ersten  beobachtenden  Arzte  dadurch  unterstützt 
wird,  dass  er  die  Patienten  in  einer  Phase  der  Krankheit  zur  Operation 
bewegt,  wo  überhaupt  an  eine  radicale  Entfernung  der  Geschwulst  gedacht 
werden  kann,  und  solange  der  Kräftezustand  des  Kranken  ein  derartiger 
ist,  dass  man  ihm  einen  schweren,  langdauernden,  also  nicht  gleichgiltigen 
operativen  Eingriff  zumuthen  kann.  Dass  andererseits  der  Operateur  die 
Verpflichtung  übernimmt,  durch  genaue  Kenntnis  und  Übung  in  der  Operation, 
gründliche  Vorbereitung,  von  welcher  vieles  abhängt,  und  vorwurfsfreie,  tadel- 
lose antiseptische  Durchführung  des  Eingriffes,  den  Fall  zu  einem  gedeihlichen 
Ende  zu  führen,  dies  alles  muss  dem  Betreffenden  voll  und  ganz  bewusst  sein. 

Bezüglich  der  Enteroanastomose  soll  hier  nur  anmerkungsweise  ange- 
führt werden,  dass  diese  Operation  wegen  Cöcalcarcinom  im  Jahre  1842  von 
Maisonneuve  zweimal,  allerdings  erfolglos,  unternommen,  von  Adelmann 
experimentell  durchgeprüft  wurde.  Unter  dem  Schutze  der  Antisepsis  wurde 
sie  von  Billroth  und  seinen  Schülern,  besonders  Salz  er,  v.  Eiseisberg 
nebst  anderen  zu  einem  wohlbegründeten,  wohlthätigen  Eingriff  entwickelt. 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Striuturen. 


469 


Die  Einpflanzung  des  einen  Darmstückes  ins  andere  kann  so  geschehen, 
dass  das  eine  Ende  des  Darmes  in  die  Seitenfläche  des  anderen  (termino- 
laterale,  end-to-side  Anastomose)  eingenäht  wird,  oder  dass  zwei  Seitenflächen 
des  Darmes  vernäht  werden  (bilaterale,  durch  Apposition  erfolgende  side- 
to-side  Anastomose)  und  innerhalb  der  Nähte  miteinander  communicieren. 


Fig.  115. 


Wachsabguss  der  in  P''ig.  114  abgebildeten 
Darmstrictur  vor  dem  Aufschneiden. 


Fig.  Iii  (siehe  Seite  470). 

Der  Länge  nacli  aufgeschnittene  Strictur 
des  Darmes  nach  einer  früher  vorhan- 
denen, offenbar  eingeklemmten  Hernie, 
f     der  zuführende,  h  =  der  abführende  Schenkel,  «  und  (/  =  die  ehemaligen  Spuren  des 
Schnürringes,  e  =  eine  Darmwandhernie.  ,/'=  eine  Ausstülpung  am  abführenden  Schenkel. 

Nach  geschehener  Resection  —  also  als  Nachoperation  einer  radicalen 
Exstirpation  eines  Tumors  —  wird  bei  der  terrainolateralen  ein  Darmende 
(gewöhnlich  das  des  abführenden  Darmstückes),  bei  der  bilateralen  natürlich 
beide  Darmenden  in  verschiedener  Weise  verschlossen  (durch  gewöhnliche 
Naht  oder  vorausgehende  Invagination). 

Bezüglich  der  Anastomose  als  Palliativoperation  muss  bemerkt  werden, 
dass  sie  ebenfalls  in  den  beiden  erwähnten  Arten  ausgeführt  werden  kann. 


470 


Die  Verengungen  des  Damies  oder  Stricturen. 


Nur  wird  bei  der  terminolateralen  Anastomose  der  Durchschnitt  des  ab- 
führenden Schenkels,  statt  geschlossen  zu  werden,  lieber  in  die  Bauchwand 
eingenäht  (behufs  Reinigung  des  Darmes  von  den  gangränösen  Tumormassen  ), 
während  bei  der  bilateralen  Apposition  überhaupt  kein  freier  Querdurch- 
schnitt des  Darmes  vorhanden  ist. 

Die  Anfügung  der  Därme  kann  entweder  mit  einer  gewöhnlichen 
Darmsutur  in  zwei  Etagen  oder  mittelst  einer  Darmprothese  (Murphy 'scher 
Knopf  und  ähnliches)  geschehen. 

Außer  durch  maligne  Neubildungen  kann  eine  chronische  Darm- 
obstruction  auch  durch  Narbenstricturen  bedingt  sein,  welche  sich  auf 
Grund  von  Geschwüren  der  allerverschiedensten  Art  entwickeln  können,  wobei 
noch  hinzugefügt  werden  muss.  dass  manche  Geschwüre  durch  die  während 
ihres  Stadium  floritionis  ablaufenden  Veränderungen  eine  Darmverlegung 
verursachen  können,  was  hauptsächlich  von  tuberculösen  und  syphilitischen 
Geschwüren  gilt. 

Wir  sagten  schon,  dass  es  eine  ganze  Reihe  von  Darmgeschwüren 
gibt;  wenn  wir  jedoch  nur  jene  in  Betracht  ziehen,  welche  nachträglich  Darm- 
stenosen bewirken  können,  so  müssen  wir  hauptsächlich  folgende  nennen: 
Yerätzungsgeschwüre,  Geschwüre,  welche  nach  Einklemmung  von  Fremd- 
körpern zurückbleiben,  tuberculöse,  syphilitische  Ulcera,  Verschwärungen 
um  Perforationsölfnungen,  mittelst  welcher  Abscesse  aus  der  Nachbar- 
schaft des  Darmes  in  denselben  durchbrechen,  wie  bei  Perityphlitis;  Ge- 
schwüre nach  verschiedenen  Vorgängen  bei  Tncarceration  des  Darmes;  sodann 
dysenterische  Defecte  und  endlich  Substanzverluste  nach  zufälligen  Ver- 
letzungen und  nach  Operationen. 

Viele  dieser  Geschwürsprocesse  kommen  nur  ausnahmsweise  im  Dünn- 
darme und  am  seltensten  im  Zwölffingerdarme  vor.  Es  ist  jedoch  ohne- 
weiters  klar,  dass  Verätzungsgeschwüre  wieder,  wenn  überhaupt,  dann  nur 
in  der  Nähe  des  Pylorus  beobachtet  werden.  Wir  sprachen  auch  von  Gallen- 
steinen, welche  sich  gerne  im  Duodenum  und  im  Anfange  des  Jejunums 
einkeilen,  und  nach  längerem  Verweilen  an  einer  Stelle  circuläre  Decubitus- 
geschwüre,  welche  vernarben  und  schrumpfen,  erzeugen.  Auch  die  Intussus- 
ception  kann  nach  spontaner  Elimination  des  Intussusceptums  ein  circuläres 
Geschwür  und  später  eine  ebensolche  Narbe  zurücklassen.  Wir  berichteten 
auch  bereits  davon,  dass  bei  Einklemmungen  von  Hernien  eine  Nekrose 
der  Darmwand  (entsprechend  dem  Incarcerationsringe)  auf  der  Schleimhaut 
oder  auf  der  Serosa  beginnen  kann;  dringt  dieselbe  nicht  durch  die  ganze 
Darmwand,  so  kann  nach  Reposition  der  Schlinge  das  Leben  des  Patienten 
erhalten  bleiben,  während  an  der  afficierten  Stelle  eine  innere  oder  äußere 
Narbe  entsteht  (Palasciano,  Garre),  welche  im  Laufe  der  Zeit  eine 
chronische  Obstruction  bedingen  kann  (Fig.  114  und  115  auf  Seite  469, 
Fig.  III  auf  Seite  458  und  Fig.  112  auf  Seite  459).  Es  kann  eine  Darm- 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


471 


stenose  entstehen,  wenn  ein  Gallenstein  in  die  hepatische  Flexur  des  Dick- 
darmes oder  in  eine  Dünndarmschlinge  perforiert,  nachdem  durch  Perichole- 
cystitis  die  Gallenblase  und  der  anliegende  Darmtheil  in  eine  constringierende 
Narbenmasse  eingebettet  worden  waren. 

Diese  Geschwüre  führen  während  ihres  Bestehens  nur  selten  zur 
Darmverengerung;  nur  die  Tuberculose,  welche,  wie  sich  in  einer  ganzen 
Reihe  von  Blinddarmexstirpationen  nachweisen  ließ,  im  Blinddarme 
allein  ihren  Sitz  haben  kann,  macht  hierin  eine  Ausnahme.  Am  Rande 
dieser  tuberculösen  Geschwüre  bilden  sich  knotige  Wucherungen  und  ent- 
sprechend der  Entwickelung  der  Tuberculose  auf  der  Schleimhaut  entsteht 
eine  derartige  Verdickung  und  Starrheit  der  Darmwand,  dass  eine  Be- 
schränkung des  Darmlumens  die  Folge  ist.  Manche  von  den  übrigen  Ge- 
schwüren rufen  zwar  bereits  als  solche  gewisse  Symptome  hervor,  wie 
Schmerzen  bei  der  Kothpassage  und  beim  Betasten,  oder  blutige  Stühle, 
doch  Symptome  einer  Verengerung  treten  erst  während  der  Heilung  der- 
artiger Geschwüre  auf. 

üm  statistisch  das  Vorkommen  einer  solchen  Verengerung  nachzu- 
weisen, wollen  wir  die  Angaben  T  r  e  v  e  s'  anführen.  Dieser  beobachtete 
26  Fälle  von  Verengerung  des  Dünndarmes:  10  von  ihnen  waren  durch 
Vernarbung  eines  Geschwürs,  2  durch  eine  Narbe  nach  Verletzung,  4  durch 
eine  Narbe  nach  Darmeinklemmung  und  10  durch  eine  Krebsgeschwulst 
verursacht.  Überdies  beobachtete  er  in  44  Fällen  eine  Verengerung  des 
Colons,  und  in  8  Fällen,  in  welchen  es  sich  dreimal  um  eine  einfache, 
wahrscheinlich  perityphlitische  Verengerung  und  fünfmal  um  Krebs  handelte, 
fand  er  eine  Verengerung  der  Blinddarmklappe;  in  jenen  44  Fällen  gab 
es  28  Carcinome,  13  einfache  Verengerungen  und  3  Fälle,  wo  die  Ursache 
unbekannt  war.  Unter  diesen  44  Fällen  fand  man  die  Verengerung  27mal  in 
der  Flexura  sigmoidea,  5mal  im  Colon  descendens,  2mal  in  der  Flexura 
lienalis,  3mal  im  Colon  transversum,  5mal  in  der  Flexura  hepatica,  einmal 
im  Colon  ascendens  und  einmal  im  Blinddarme,  die  Klappe  nicht  betreffend. 
Fügt  man  nun  zu  diesen  44  Fällen  16,  welche  Fadge,  und  38,  welche 
Morris  gesammelt  hatte,  hinzu,  dann  betrafen  von  den  106  Fällen  (die 
Krebsgeschwüre  mitgezählt)  die  Flexura  sigmoidea  58, 

das  Colon  descendens  11, 
die  Flexura  lienalis  7, 
das  Colon  transversum  7, 
die  Flexura  hepatica  9, 
das  Colon  ascendens  2, 
das  Cöcum  4, 
die  Valvula  Bauhini  8. 
In  vielen  Fällen  lässt  sich  die  Ursache  der  Verengerung  durch  Be- 
fragen des  Kranken  feststellen,  da  ja  beispielsweise  Fremdkörper,  Dysenterie, 


472 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


Verletzung,  Perityphlitis  und  Bruch  mit  ihren  auffallenden  Erscheinungen 
der  Aufmerksamkeit  des  Kranken  kaum  entgehen.  Pehlen  nun  solche 
anamnestische  Angaben,  dann  stellt  man,  wofern  das  Alter  des  Kranken 
dafür  spricht,  die  Diagnose  des  Carcinoms  auf. 

Während  die  Symptome  der  Darmobstruction  bei  den  üoriden  tuber- 
culösen  Geschwüren  nicht  lange  auf  sich  warten  lassen,  kommt  es  bei 
den  übrigen  manchmal  erst  lange  nach  der  betreffenden  Krankheit  durch 
Vernarbung  zur  Verengerung.  So  erwähnt  Rokitansky  in  seinem  Buche 
einen  von  ihm  selbst  beobachteten  Fall,  wo  die  Symptome  der  Ob- 
struction  erst  30  Jahre  nach  einer  Dysenterie  sich  eingestellt  hatten. 
Bekanntlich  kommt  es  auch  nach  Perityphlitis  oft  erst  nach  Jahren  zur 
Verengerung,  obwohl  nach  den  perityphlitischen  Anfällen  die  Symptome 
chronischer  Obstruction  auch  in  verhältnismäßig  kürzerer  Zeit  auftreten. 
Insoferne,  als  nun  diese  Symptome  mit  jenen  der  chronischen  Darm- 
occlusion  aus  anderer  Ursache  große  Ähnlichkeit  besitzen,  stützt  sich 
die  Diagnose  bloß  auf  die  mehr  oder  weniger  bestimmten  Angaben  des 
Kranken. 

Bei  den  geschwächten,  schlecht  genährten  und  blassen  tuberculösen 
Individuen,  die  in  diesen  Fällen  von  häufigem  Durchfalle  geplagt  werden, 
ergreift  der  tuberculöse  Process  oft  genug  auch  noch  andere  Organe  (die  Lunge). 
Bei  der  Darmuntersuchung  lenken  wir  insbesondere  unsere  Aufmerksamkeit 
auf  die  Localisation  der  Tuberculöse  im  Dickdarme  und  oft  genug  lässt 
sich  aus  der  Empfindlichkeit  in  der  ganzen  Länge  des  Colons  mit  großer 
Wahrscheinlichkeit  auf  die  Ausbreitung  des  Processes  über  dessen  Schleim- 
haut schließen.  Hiebei  ist  in  der  Gegend  des  Blinddarmes  eine  höckerige 
Darmwandverdickung  wahrzunehmen,  welche  in  Ausnahmsfällen  auch  ganz 
isoliert  vorkommen  kann,  und  welche,  da  sie  mit  starker  Hyperplasie  der 
Mesenterialdrüsen  und  mit  Ascites  auftritt,  die  Diagnose  zwischen  einer 
höckerigen,  carcinomatösen  Geschwulst  und  Verdickung  recht  schwierig 
macht.  Oft  konnte  vor  der  Operation  nicht  entschieden  werden,  welche 
von  den  beiden  Krankheiten  vorliege,  ja  selbst  die  Operation  ergab  nicht 
den  erwünschten  Aufschluss,  da  die  miliare  Knoteneruption  auf  der  Serosa 
des  Darmes  sowie  der  Wand  beiden  Krankheitsprocessen  gemeinsam  ist, 
bis  die  mikroskopische  Untersuchung  einer  entnommenen  Darmpartie  die 
Entscheidung  ermöglichte.  Doch  sind  in  der  Literatur  Fälle-  verzeichnet 
und  ähnliche  sind  dem  Verfasser  aus  eigener  Praxis  bekannt,  wo  trotz 
sichergestellter  Tuberculöse  des  Blinddarmes  nach  dessen  Exstirpation 
jedwede  Beschwerden  verschwanden,  so  dass  es  sich  jedenfalls  entweder 
um  eine  isolierte  Erkrankung  oder  um  eine  so  unscheinbare  Affection  des 
übrigen  Dickdarmes  handelte,  dass  hiebei  das  Leben  wenigstens  auf  eine 
gewisse  Dauer  nicht  gefährdet  war.  Da  in  den  übrigen  Partien  des  Dick- 
darmes tuberculöse  Geschwüre  nur  äußerst  selten  oder  vielmehr  gar  nicht 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Strictiiren. 


473 


in  Heilung  übergehen,  so  findet  eine  Verengerung  während  ihres  Bestehens 
nur  ausnahmsweise  statt. 

Die  Darmtuberculose  kann  indessen  auch  ohne  Narbenbildung  im 
Stadium  der  tuberculösen  Verschwärung  eine  Stenose  hervorrufen,  obzwar 
diese  Ersdieinung,  mit  Ausnahme  der  classischen  Blinddarmtuberculose, 
eine  Seltenheit  ist.  Doch  kommen  in  seltenen  Fällen  sogar  multiple  tuber- 
culöse  Darmstenosen  vor,  wovon  sodann  eine  oft  die  Gegend  der 
Bauhini'schen  Klappe  betrifft.  Doch  gibt  es  auch  tuberculöse  Stenosen  des 
Dünndarmes,  und  zwar  sind  es  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  ausschließlich 
Stenosen  des  letzteren.  Hofmeister  (1897)  sammelte  13  Fälle  von  operativ 
geheilten  und  8  Fälle  von  durch  die  Section  nachgewiesenen  multiplen 
Stenosen  des  Darmes;  in  5  Fällen  wurde  eine  zweifache  und  in  3  Fällen 
eine  20fache  Darmstenose  sichergestellt.  Die  Ursache  multipler  Stenosen  ist 
gewöhnlich  die  Vernarbung  eines  circulären  Geschwüres,  während  die 
isolierte  Darmtuberculose  in  der  charakteristischen  Form  einer  hyper- 
trophischen Blinddarmtuberculose  auftritt.  Diese  wurde  schon  öfters  erkannt, 
während  für  jene  multiple  Stenosen  des  Dünndarmes  keine  einzige  Er- 
scheinung sprach. 

Die  Darmtuberculose  wurde  bisher  in  83  Fällen  chirurgisch  be- 
handelt, wovon  52  Fälle  (=  62-5''/o)  geheilt  wurden,  obzwar  mancher 
Fall  mit  letalem  Ausgange  verschwiegen  blieb  und  obwohl  mancher 
Operateur  den  Begriff  „Heilung"  oft  allzu  optimistisch  aufgefasst  haben  mag. 

Neben  anderen  operativen  Eingriffen  (gegen  50  Resectionen  mit  SO"/;, 
Mortalität,  5  Enteroanastomosen  ohne  letalen  Ausgang),  die  man  ebenso 
auch  bei  allen  anderen  Fällen  von  Darmstenose  vornimmt,  bediente  man 
sich  bei  der  Darmtuberculose  der  Methode  der  sogenannten  „Darmaus- 
schaltung" (Hochenegg,  Frank  u.  a.),  nach  welcher  der  Darm  entweder 
nur  oberhalb  oder  ober-  und  unterhalb  der  Verengerung  durchschnitten 
und  nun,  entweder  bei  Vereinigung  der  gesunden  Darmenden  durch  ge- 
wöhnliche Enterorrhaphie  oder  durch  Anastomose,  das  eine  oder  beide  Enden 
des  erkrankten,  auszuschaltenden  Stückes  in  die  Bauchwand  eingepflanzt 
wurden.  Hiedurch  wurden  bei  mehrfachen  Stenosen  selbst  meterlange 
Darmstrecken  ausgeschaltet.  Nun  mündeten  also  ein  oder  beide  Darmenden, 
welche  zu  den  Geschwüren  hinführten,  auf  der  Haut  aus.  Dadurch  ward 
die  Möglichkeit  einer  örtlichen  Behandlung  der  erkrankten  Stelle  gegeben, 
und  es  soll  auch,  nachdem  die  entzündliche  Schwellung  durch  Beseitigung 
des  immerwährenden  Reizes  gewichen  war,  die  Exstirpation  später  bei 
weitem  leichter  durchführbar  gewesen  sein,  als  es  gleich  bei  der  ersten 
Operation  der  Fall  gewesen  wäre.  Ohne  Vortheil  ist  das  Versenken  des 
ausgeschalteten  und  vernähten  Darmstückes,  da  ja  das  Geschwür  darin 
unablässig  secerniert.  Auch  das  Anlegen  eines  widernatürlichen  Afters  ist 
gewöhnlich  bei  der  Tuberculöse  nicht  zu  empfehlen,  außer  es  ließe  sich 


474 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturcn. 


mit  Rücksicht  auf  den  Zustand  des  Kranken  auch  die  Enteroanastomosis 
nicht  mehr  durchführen. 

Wie  oft  die  Tuberculose  in  der  Gegend  des  Cöcums  theils  combiniert 
mit  anderen  Localisationen.  theils  isoliert  vorkommt,  erhellt  am  besten 
daraus,  dass  auf  etwa  70  Fälle  von  Perityphlitis  mit  letalem  Ausgange 
gegen  30  Fälle  von  Blinddarmtuberculose  entfielen. 

An  dieser  Stelle  wollen  wir  erwähnen,  dass  auch  typhöse  Geschwüre, 
obzwar  sie  vernarben,  gewöhnlich  eine  Darmverengerung  nicht  nach  sich 
ziehen,  da  sie  niemals  die  Dünndarmschleimhaut  circulär  ergreifen,  sondern 
in  der  Längsachse  des  Darmes,  ähnlich  wie  die  Peyer'schen  Plaques,  in 
denen  sie  localisiert  sind,  gelegen  sind. 

Eine  Ähnlichkeit  mit  der  carcinomatösen  und  tuberculösen  Ver- 
engerung weist  im  Localbefunde  die  perityphlitische  Infiltration,  die  Ver- 
engerung der  Bauhini'schen  Klappe  und  der  ulcerative  Process  im  Innern 
des  Blinddarmes  auf.  Die  Entstehungsursache  der  Perityphlitis  liegt  be- 
kanntlich in  der  Verschwärung  des  wurmförmigen  Fortsatzes,  in  seltenen 
Fällen  sind  es  primäre  und  dann  stercorale  Geschwüre,  hierauf  kommt  es 
durch  Fortschreiten  des  Processes  bis  zur  Serosa  zum  Durchbruche  in  das 
benachbarte  Gewebe  und  zur  Entstehung  eines  Abscesses,  welcher  in 
günstigen  Fällen  von  reicher,  kleinzelliger  Infiltration  begleitet  wird,  die 
sich  durch  Organisation  in  eine  gewaltige  Narbengewebsschichte  verwandelt, 
als  Geschwulst  in  der  Gegend  des  Blinddarmes  fühlbar  ist  und  mit  den 
Darmschlingen  und  dem  Netze  vielseitig  zusammenhängt.  Diese  Geschwulst 
besitzt  die  Consistenz  eines  Skiirhus,  ist  höckerig  und  bietet  oft  gewisse 
Schwierigkeit,  wenn  man  entscheiden  soll,  ob  sie  rein  entzündlichen  Ur- 
sprunges sei  oder  ob  eine  Neubildung  vorliege,  und  dies  umso  eher,  als 
gerade  der  Darmkrebs  häufig  jüngere  Individuen  befällt,  ähnlich  wie  die 
Perityphlitis,  oder,  besser  gesagt,  die  Appendicitis ;  auch  hier  wurde  häufig 
erst  durch  die  Operation,  und  da  manchmal  auch  erst  nach  der  mikro- 
skopischen Untersuchung  des  operativ  gewonnenen  Präparates,  die  Diagnose 
einer  Perityphlitis,  nachdem  die  anamnestischen  Angaben  gewöhnlich  schon 
vorher  dafür  gezeugt  hatten,  festgestellt. 

An  dieser  Stelle  wollen  wir  von  allen  Stenosen  insbesondere  jene 
in  Betracht  nehmen,  die  in  einer  gewissen  Beziehung  zu  den  Brüchen 
stehen.  Als  solche  wollen  wir  keineswegs  jene  bezeichnen,  die,  durch  eine 
plötzliche  Einknickung  irgend  einer  Darmschlinge  verursacht,  eine  Be- 
schränkung des  Darmlumens  zur  Folge  haben,  sondern  wir  meinen  hier 
nur  wirkliche,  narbige  Verengerungen  der  Darmwand. 

An  anderer  Stelle  wurde  bereits  erwähnt,  dass  an  die  Einklemmung 
sich  Veränderungen  in  der  Darmwand  anschließen,  die  zuletzt  als  Geschwüre 
auftreten.  Diese  Erscheinungen  bespricht  bereits  S  t  r  e  u  b  e  1  und  führt 
Ptoux,  Jäger,  Dieffenbaeh.  Velpeau  und  andere  an  (in  der  neuesten 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen, 


475 


Literatur  beobachtete  Ceccherelli  die  Nekrose  der  beiden  äußeren 
Schichten  bei  erhaltener  Schleimhaut),  welche  Defecte  an  der  Serosa,  sowie 
Arnaud,  Ginzbarg,  sich  selbst  und  andere,  welche  Schleimhautgeschwüre, 
nach  Incarceration  entstanden,  beobachtet  haben.  South  und  S  a  n  s  o  n 
haben  sie  schon  längst  bei  der  Section  nachgewiesen.  Diese  Geschwüre 
breiten  sich  manchmal  bloß  über  den  halben  Darmumfang  aus  und  sind 
häufiger  an  der  zuführenden  als  an  der  abführenden  Darmschlinge  be- 
obachtet worden.  Durch  Granulation  dieser  Geschwüre,  ihre  Vernarbung  und 
die  darauffolgende  Schrumpfung  der  Narbe  können  also  Darmverengerungen 
entstehen,  und  zwar  sind  es  äußere  oder  innere  Narben.  Doch  gab  es  auch 
Fälle,  wo  die  Stenose  nicht  durch  Narbe,  sondern  durch  bestehende  Ulceration 
und  entzündhche  Verdickung  der  Wand  bedingt  war  (Garre,  1892).  Des- 
wegen stellte  P  a  1  a  s  c  i  a  n  o  die  Regel  auf,  dass  man  eine  bei  der  Hernio- 
tomie  entdeckte  Stenose  niemals  sich  selbst  überlassen  soll,  und  machte 
den  Vorschlag,  den  Darm  vor  der  Reposition  zu  erweitern,  und  zwar  durch 
Invagination  der  einen  Wand  in  die  verengte  Partie  mittelst  des  Fingers, 
auf  den  man  den  Darm  wie  einen  Handschuhfinger  schiebt.  Diese  Methode 
ist  —  nach  Analogie  der  Loretta'schen  Dilatation  der  narbigen  Pylorus- 
strictur  —  auch  bei  bereits  vollendeten  narbigen  Darmstenosen  zu  em- 
pfehlen, wenn  auch  dadurch  bei  Unmöglichkeit,  die  Narbe  selbst  zu  zer- 
stören, nichts  anderes  erzielt  würde,  als  dass  man  über  den  Grad  der 
Verengerung  belehrt  würde.  Derartige  Stenosen  können  sich  ebenso  wie 
die  Geschwüre  an  dem  zuführenden  wie  an  dem  abführenden  Arme  der 
Darmschlinge  entwickeln  (Fall  von  Ritsch.  Hey f eider  und  G u i g n a r d). 

Garre,  der  eher  geneigt  ist,  äußere  Narben  anzuerkennen,  veröffentlicht 
zu  gleicher  Zeit  ein  interessantes  Beispiel  der  Gegenansicht.  Die  Beobachtung 
Garre 's  ist  umso  seltener,  als  sie  eine  lange,  canalförmige  Verengerung 
betraf,  die  sich  über  die  ganze  Länge  der  eingeklemmten  Darmschlinge 
erstreckte  und  dem  Anscheine  nach  ihre  Entstehungsursache  in  der  totalen 
Nekrose  der  ganzen  Schleimhaut  hatte.  Diese  Veränderungen  scheinen  in 
dem  Absterben  der  Epithelien  ihren  Anfang  zu  haben,  worauf  durch  In- 
vasion von  Bacterien  ein  weiterer  septischer  Zerfall  stattfindet,  wie  es 
Gras  er  mikroskopisch  beweisen  konnte.  Die  Ursache  hievon  scheint  darin 
gelegen  zu  sein,  dass  es  an  den  nöthigen  Einrichtungen  fehlt,  durch  welche 
eine  collaterale  Blutcirculation  in  der  Schleimhaut  hergestellt  würde,  wenn 
irgendwo  eine  mechanische  Störung  eingetreten  ist.  In  dieser  Beziehung 
scheinen,  nach  den  Experimenten  Reiche  Ts,  die  Serosa  und  Muscularis 
besser  daran  zu  sein,  indem  es  in  diesen  Schichten  zahlreiche  Anastomosen  gibt. 
Diese  Aufeinanderfolge  bestätigen  auch  die  Experimente  Schweninger's, 
sowie  jene  von  Nicaise. 

Die  ersten  Symptome  der  Verengerung  traten  im  Falle  von  Garre 
bereits  in  der  fünften  Woche  nach  der  Herniotomie  auf,  im  Falle  des 


476 


Die  Verengungen  des  Uiirmes  oder  Stricturen. 


Verfassers  im  Laufe  eines  Jahres.  (Diaphragmatische  Verengerung  mit 
scharfem  Rande  siehe  Fig.  82  auf  Seite  349). 

Von  den  Symptomen,  welche  eine  derartige  chronische  Darmobstruction 
begleiten,  wären  die  kolikartigen  Schmerzen  anzuführen,  welche  mit  der 
Passage  des  Darminhaltes  an  der  Verengerung  vorbei  auftretend,  an  einem 
beliebigen  Orte  der  Bauchhöhle,  selbst  in  einiger  Entfernung  von  der  ver- 
engten Stelle  zum  Ausbruche  gelangen,  indessen  stets  in  der  Richtung 
nach  der  verengten  Stelle  verlaufen  und  daselbst  auch  enden,  welche 
nach  der  Passage  des  Darminhaltes  erlöschen,  um  bei  dem  nächsten 
Nahrungsdurchtritte  von  neuem  zu  erscheinen,  also  gewöhnlich  einige 
Stunden  nach  einer  reicheren  Mahlzeit:  um  die  4.  bis  5.  Stunde  nach- 
mittags, oder  um  die  10.  bis  11.  Stunde  nachts.  Häufig  vermag  der  Kranke 
selbst  und  der  Arzt,  wenn  er  dem  Anfalle  zugegen  ist,  eine  Darmauf- 
treibung  constatieren,  die  bis  zur  Stenose  sich  erstreckend,  oft  den 
Eindruck  eines  allseitig  verschlossenen,  aufgeblähten  Raumes  erweckt, 
woraus  man  auf  ein  krampfhaftes  Zusammenziehen  der  circulären  Darm- 
muskeln vor  einem  solchen  aufgetriebenen  Räume  schließen  kann.  Diese 
walzenförmig  aufgeblähten  Stellen  werden  durch  Anwendung  von  narko- 
tischen Mitteln,  von  warmen  Umschlägen  und  durch  Massage  spurlos 
beseitigt,  weil  sich  der  Darminhalt  dann  über  den  ganzen  Raum  des  Darmes 
ergießt.  Die  Beschwerden  der  Kranken  lauten  dahin,  dass  der  Stuhl  anfangs 
verlangsamt  erscheint,  hierauf  vielleicht  auf  einige  Tage  aussetzt:  doch  ist 
er  weit  eher  durch  Opiate  als  durch  Abführmittel  wieder  zu  erzielen.  Bei 
längerer  Dauer  eines  solchen  Obstructionsanfalles  kann  es  bis  zum  Er- 
brechen kommen,  der  Bauch  wird  von  den  gasgefüUteri  Schlingen,  an 
denen  die  energischen  Darmbewegungen  sich  beobachten  lassen,  aufgetrieben, 
das  Zwerchfell  und  die  Leber  werden  hoch  in  den  Thorax  gedrängt  und 
es  tritt  die  Unmöglichkeit  des  Urinierens  hinzu,  wobei  sich  in  dem  mühsam 
entleerten  Urin  (bei  tief  abwärts  gelegenen  Geschwüren)  eine  größere 
Menge  von  Indican,  aus  dem  zerlegten,  oberhalb  der  Verengerung  an- 
gestauten Darminhalte  herstammend,  nachweisen  lässt. 

Die  Therapie  dieser  Darmobstruction,  die  auf  nichtcarcinomatösen 
Verengerungen  basiert,  ist  ähnlich  jener  der  carcinomatösen  Darmverengerungen. 
AVenn  bei  der  Tuberculose,  und  zwar  bei  der  totalen  Alfection  des  Colons, 
der  Zustand  des  Kranken  überhaupt  einen  operativen  Eingriff  zulässt, 
dann  wäre  es  am  Platze,  die  leichteste  und  die  zweckmäßigste  Operation, 
nämlich  die  Enteroanastomose,  die  Apposition  der  unteren  Ileusschlingen 
an  das  Colon  ascendens  und  ihre  Vereinigung  (mit  verschiedenartigen 
Nebenmodificationen  dieser  Operation)  durchzuführen:  liegt  eine  isolierte 
Erkrankung  des  Blinddarmes  vor  uns,  sei  es  nun  Tuberculose  oder  was 
anderes,  oder  irgend  welche  andere  nichtcarcinomatöse  Verengerung,  dann 
muss  uns  der  Allgemeinzustand  des  Kranken  maßgebend  sein,  ob  wir  ihm 


Die  Verengungen  des  Darmes  oder  Stricturen. 


477 


eine  palliative  oder  radicale  Operation  vorschlagen  sollen;  je  bedenklicher 
der  Allgemeinzustand  des  Kranken,  je  undeutlicher  der  Localbefund,  umso 
eher  entscheiden  wir  uns  für  einen  palliativen  Eingriff,  besonders  wenn 
die  äußeren  Bedingungen  einer  Radicaloperation,  die  ohnedies  protrahiert 
und  durch  die  Narkose  erschwert  wird,  keinen  sicheren  Erfolg  in  Aussicht 
stellen.  Als  palliative  Operation  wählen  wir  wiederum  entweder  die 
Enteroanastomose  oder  die  Enterotomie  (widernatürlicher  After  am  Dünn- 
darm) bei  Blinddarmverengerungen,  die  Colotomie  bei  Verengerungen  in 
den  übrigen  Theilen  des  Colons. 

Einen  in  Wahrheit  zufriedenstellenden  Erfolg  kann  man  bloß  durch 
die  Radicaloperation  erzielen,  welche  in  der  Resection  der  verengten  Darm- 
stelle bestehend,  beim  günstigen  Zustande  des  Kranken,  sowie  bei  günstigen 
äußeren  Verhältnissen  insoferne  die  Aussicht  auf  eine  Restitutio  in  in- 
tegrum gewährt,  als  die  erkrankte  Darmpartie  vollends  beseitigt  wird  und 
die  beiden  Enden  eines  gewöhnlich  sonst  unversehrten  Darmes  aneinander 
genäht  werden.  Die  Stricturexcision,  welche  in  einer  bedeutenden  Aus- 
dehnung vorgenommen  werden  kann,  ist.  aus  technischen  Gründen  am 
Dünndarm  bei  weitem  leichter  als  am  Dickdarm  ausführbar  und  kann 
gerade  bei  Dünndarmverengerungen  dann  zur  vitalen  Indication  werden, 
wenn  die  Verengerung  so  hoch  sitzt,  dass  der  oberhalb  der  Strictur  ge- 
legene Darmabschnitt  eine  zum  Fortbestande  des  Organismus  durchaus 
unzulängliche  Ernährung  zu  bieten  vermag;  gewisse  palliative  Eingriffe, 
welche  die  Verengerung  bloß  umgehen  würden,  bringen  in  derartigen  Fällen 
die  gleiche  Gefahr  wie  der  radicale  Eingriff  selbst,  und  dies  sowohl  einer- 
seits durch  ihre  Dauer,  anderseits  auch  durch  das  mögliche  Nachgeben 
der  Suturen  an  den  genähten  Stellen.  Daher  ist  die  Radicaloperation, 
durch  welche  die  Krankheit  beseitigt  wird,  einer  Operation  vorzuziehen, 
welche  zwar  ebenso  ernst  ist,  doch  die  Krankheit  bloß  umgeht.  Nicoladoni 
hat  übrigens  recht  scharfsinnige  Vorschläge  in  dieser  Beziehung  vorgebracht, 
wie  man  nämlich  Verengerungen  an  gewissen  Stellen  umgehen  könnte;  doch 
wurden  dieselben  aus  den  obenangeführten  Gründen  bisher  nicht  benützt. 
Aus  verschiedenen  Gründen  empfiehlt  man  eine  Combination  der  palliativen 
mit  der  radicalen  Operation  in  der  Weise,  dass  man  im  Obstructionsajifalle 
selbst  die  palliative  Operation  (Enterotomie,  Colotomie)  vornimmt  und 
dann  nach  einiger  Zeit  mittelst  der  radicalen  Operation  die  kranke  Darm- 
stelle beseitigt.  In  einem  solchen  Falle  wird  die  palliative  Operation  in 
der  Nähe  oder  gerade  über  der  krankhaft  veränderten  Stelle  durchgeführt, 
damit  man  bei  der  Radicaloperation  nicht  an  zwei  Stellen  Resection  und 
Darmsutur  vornehmen  müsse.  Diese  Combination  birgt  insofern  einen 
Vortlieil  in  sich,  als  im  Anfalle  die  Widerstandsfähigkeit  des  Individuums 
entschieden  gering  ist;  dies  kommt  besonders  beim  Darmcarcinom  vor,  wo 
selbst  die  palliative  Operation  ohne  nachträgliche  peritonitische  Erscheinungen 


478 


Fremdkörper. 


manchmal  keinen  bedeutenden  Erfolg  aufzuweisen  imstande  ist.  Weiter  schafft 
die  vorausgeschickte  palliative  Operation  insofern  bessere  Bedingungen  zur 
Ausführung  der  Radicaloperation,  als  man  im  Obstructionsanfalle  den  mit 
Gasen  und  Flüssigkeit  gefüllten  Darm  zu  nähen  hätte,  dessen  Entleerung, 
abgesehen  davon,  dass  sie  äußerst  zeitraubend  wäre,  beinahe  unmöglich 
ist,  indem  ein  derartiger  Insult  der  Darmschlingen  eine,  wenn  auch  nur 
traumatische  Bauchfellentzündung  entfachen  würde;  außerdem  kommt  es 
infolge  der  Anstauung  der  Kothmassen  oberhalb  der  Verengerung  häufig 
zur  Ausbildung  von  großen  stercoralen  Geschwüren,  es  entsteht  auch  eine 
Darmwandverdünnung,  beides  Umstände,  welche  keinesfalls  dem  Zusammen- 
nähen und  dem  raschen  Verwachsen  der  resecierten  Darmenden  günstig 
sind.  Dagegen  lässt  sich  bei  vorausgegangener  Entero-  oder  Colotomie  die 
Radicaloperation  insoferne  unter  günstigeren  Verhältnissen  durchführen, 
als  man  den  zuführenden  Arm  vollends  entleeren  und  desinficieren  kann, 
so  dass  die  Nähte  zwischen  den  beiden  Enden  unter  dem  Anstoße  des 
Darminhaltes  nicht  zu  leiden  haben.  Ebenso  ist  die  Möglichkeit  gegeben, 
die  Darmschlingen  nach  der  Operation  mehrere  Tage  hindurch  in  Ruhe 
zu  erhalten,  da  sie  leer  sind;  den  Kranken  kann  man  indessen  während 
dieser  Zeit  durch  Mastdarmeingießungen  ernähren.  Ein  weiterer  Vortheil 
liegt  darin,  dass  wir  bei  der  provisorischen  Ausführung  der  Palliativ- 
operation nicht  wesentlich  veränderte  Darmschlingen  mit  aneinander  ver- 
einigen, da  sich  die  Radicaloperation  auf  so  lange  hinausschieben  lässt,  bis 
sämmtliche  Krankheitserscheinungen  an  denselben  vollständig  vorüber- 
gegangen sind.  Während  der  ganzen  Zeit  des  Bestandes  des  Anus  kann 
man  dem  Kranken  Nahrung  per  os  reichen  und  allenfalls  eine  ungenügende 
Ernährung  durch  Einspritzungen  in  den  abführenden  Darmabschnitt  von 
der  Wunde  aus  eine  gewisse  Zeit  hindurch  ergänzen.  An  einer  anderen 
Stelle  wurde  bereits  auseinandergesetzt,  welche  Gefahren  und  Nachtheile 
die  Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters  mit  sich  bringt,  so  dass  es 
auch  hier  wohl  nach  unserem  Wi;nsche  wäre,  neben  der  Ausheilung  eines 
Obstructionsanfalles  sofort  an  die  radicale  Beseitigung  des  Hindernisses 
schreiten  zu  können;  oft  bleibt  es  freilich  bei  diesem  Pium  desiderium. 


Fremdkörper. 

Zur  plötzlichen  Darmverstopfung,  doch  selten  zum  Strangulations- 
ileus  können  jene  Fremdkörper  Veranlassung  geben,  die  entweder  von 
außen  in  den  Darm  gelangen  oder  im  Organismus  selbst  ihren  Ursprung 
nehmen. 


Fremdkörper. 


479 


Mit  Rücksicht  darauf,  dass  man  im  Darme  eine  ganze  Reihe  von 
Fremdkörpern  —  allerdings  durch  den  Verdauungsprocess  soweit  ver- 
ändert, dass  sie  kein  Hindernis  im  Darme  bilden  —  vorfindet,  lassen  sich 
als  Fremdkörper  im  Darme  bloß  jene  bezeichnen,  die  durch  die  Verdauungs- 
säfte keine  Umwandlung  in  weiche  und  nachgiebige  Theile  erfahren.  Von 
außen  gelangen  solche  Fremdkörper  gewöhnlich  durch  den  Mund  in  den 
Darm,  denn  jene  Körper,  die  durch  den  After  hineingelangen  und  deren 
Zahl  recht  bedeutend  ist,  haben  nur  selten  eine  vollständige  Darmver- 
stopfung zur  Folge  und  lassen  sich  durch  Palpation  vom  Mastdarme  aus 
ungemein  leicht  nachweisen  und  auf  diesem  Wege  auch  entfernen;  das 
Eindringen  von  Fremdkörpern  von  einer  Wunde  «aus  ist  ein  so  seltenes 
Ereignis,  dass  man  davon  ganz  absehen  kann. 

Unter  den  Körpern,  welche  eine  plötzliche  Darmverstopfung  ver- 
ursachen können,  wären  insbesondere  jene  zu  erwähnen,  welche  bei  Über- 
raschung, aus  Furcht  vor  Entdeckung  (so  bei  Falschmünzern),  von 
Irrsinnigen  plötzlich  verschluckt  wurden  und  durch  ihre  Größe  eine  Be- 
hinderung des  Darmlumens  zu  bewirken  imstande  sind.  Gewöhnlich  unter- 
scheidet man  drei  Classen  von  derartigen  Körpern:  1.  die  am  wenigsten 
gefährlichen  runden  und  flachen  Körper,  als  Münzen,  Obstkörner  und 
ähnhches;  2.  jene  Massen,  durch  deren  Verklebung,  Verlöthung,  Ver- 
wickelung Körper  von  ansehnlicher  Größe  entstehen,  als  zum  Beispiel 
Haare,  Wolle,  Zwirn,  Getreide-  und  Traubenschalen:  durch  die  Anhäufung 
einer  größeren  Menge  derartiger  Fremdkörper  erstehen  die  größten  Con- 
cremente,  die  je  im  Darme  nachgewiesen  worden  sind:  3.  scharfe  Fremd- 
körper, als  Nadeln,  Messer,  Nägel,  falsche  Zähne  auf  Kautschukplatten, 
welche  der  Unversehrtheit  der  Darmwände  durch  Perforation  gefährlich 
werden  können.  Runde  und  flache  Fremdkörper  gehen  gewöhnlich  innerhalb 
24  bis  48  Stunden,  doch  auch  nach  3  bis  4  Tagen  durch  den  After  ab. 
Die  gefährlichsten  sind  jene  Fremdkörper  der  2.  Classe,  die  entweder 
schon  an  und  für  sich  einen  zu  großen  Umfang  besitzen,  oder  durch  Ver- 
löthung einer  Menge  von  kleineren  Körpern  entstanden  sind,  denn  sie  lassen 
sich  mit  Vorliebe  an  gewissen  Orten,  wie  im  Dünndarme,  im  unteren  Ende 
des  Ileums  und  hauptsächlich  im  Blinddarme  nieder,  wo  sie  —  und  dies  gilt 
besonders  im  letzteren  Falle,  wenn  sie  unter  der  Einmündung  des  Dünn- 
darmes in  den  Blinddarm  gelagert  sind  —  ganz  abseits  von  der  Passage 
des  Darminhaltes  liegen  und  auf  diese  Weise  allmählich  an  Größe  zu- 
nehmen können. 

Eine  Obstruction  durch  Fremdkörper  im  sonst  unversehrten  Darme 
kommt  nur  selten  vor,  während  Obstructionen  bei  bereits  bestehenden 
Darmverengerungen,  mögen  nun  diese  durch  Narbe,  Geschwulst  oder  durch 
was  immer  bedingt  sein,  ein  ziemlich  häufiges  Ereignis  bilden.  Eine  acute 
Verschlimmerung  bereits  dauernder  Erscheinungen  einer  chronischen  Darm- 


480 


Fremdkörper. 


obstruction  erregt  gewöhnlich  den  Verdacht  auf  eine  Verstopfung  einer  ver- 
engten Stelle  entweder  durch  einen  einzelnen  nicht  gerade  umfangreichen 
Körper,  oder  durch  Anhäufung  einer  größeren  Anzahl  von  kleineren  Körpern. 
Nicht  selten  trifft  man  daher  bei  Operationen  der  Darmverengerungen  auf 
eine  Masse  derartiger,  über  der  Verengerung  lagernder,  kleiner  Körperchen, 
die  nach  Angabe  der  Kranken  vor  Wochen,  ja  Monaten  genossen  worden  sind 
und  daher,  seit  dieser  Zeit  vor  der  Verengerung  angehäuft,  bei  der  nächsten 
günstigen  Gelegenheit  die  verengte  Darmstelle  plötzlich  vollends  undurch- 
gängig machen  können.  Insbesondere  sind  in  dieser  Beziehung  die  Kirsch- 
und  Traubenkörner  übel  berüchtigt.  Auch  ein  bereits  erwähnter  Fall  des 
Verfassers,  betreffend  die  erste  Blinddarmresection  wegen  narbiger  Stenose, 
gehört  hierher  (1882). 

Zuweilen  erregt  es  unsere  Verwunderung,  wenn  im  Darminnern 
Gegenstände  angetroffen  werden,  deren  Verbleiben  in  dem  unregelmäßig 
gekrümmten  Darme  wir  uns  kaum  je  gedacht  hätten;  so  wurde  zum 
Beispiel  ein  18  cm  langer  Löffel,  dann  Schlüssel,  eine  kleine  Flöte  und 
andere  ähnliche  Gegenstände  im  Darminnern  vorgefunden.  Nur  Geisteskranke 
schlucken  gewöhnlich  derartige  Dinge  hinunter,  falls  es  nicht,  wie  zum 
Beispiel  bei  Zauberkünstlern,  zum  Berufe  gehört,  ähnliche  Gegenstände 
hinunterzuschlucken;  im  übrigen  ist  das  Auffinden  von  umfänglicheren 
Gegenständen,  welche  plötzlich  eine  Darmverstopfung  verursachen,  eine 
nur  äußerst  seltene  Begebenheit. 

Viel  häufiger  vermögen  jene  Körper,  die  entweder  im  Darminnern 
selbst  oder  irgendwo  im  Organismus  überhaupt  entstanden  sind,  infolge 
ihrer  kugelförmigen  Gestalt  bei  gewisser  Größe  und  insbesondere  an  engeren 
Stellen  eine  vollständige  Verstopfung  der  Darmlichtung  herbeizuführen.  Eine 
solche  verengte  Stelle,  die  zum  Auffangen  von  Gallensteinen  wohl  geeignet 
ist,  bildet  der  Zwölffingerdarm  an  seinem  Übergange  aus  dem  retroperi- 
tonealen  Bindegewebe  in  die  Bauchhöhle;  solche  Gallensteine  gelangen 
entweder  nach  übermäßiger  Dehnung  des  Ductus  choledochus  oder  nach 
der  unmittelbaren  Perforation  der  Gallenblase  in  den  Zwölffingerdarm,  wo 
sie  plötzlich  in  der  Nähe  der  Plica  duodenojejunalis  aufgehalten  werden. 
In  Ausnahmsfällen  wird  eine  Obturation  der  Darmlichtung  durch  Darm- 
steine (Enterolithen)  hervorgerufen.  Diese  bestehen  ihrer  Zusammen- 
setzung nach  aus  phosphorsaurem  Kalk  oder  Magnesia,  aus  phosphor- 
saurer Ammoniak-Magnesia,  zuweilen  auch  aus  einem  Gemisch  der 
genannten  Bestandtheile  und  in  seltenen  Fällen  aus  kohlensaurem  Kalk. 
Da  die  Obturation  des  Dünndarmes,  durch  solche  Steine  hervorgerufen, 
zur  Seltenheit  gehört,  so  stellt  das  Präparat  aus  dem  Krankenhause 
St.  Thomas  zu  London  ein  pathologisches  Unicum  dar,  denn  hier  ward 
der  Dünndarm  in  einer  Ausdehnung  von  mehreren  Zoll  von  einem  aus 
phosphorsaurer  Magnesia  bestehenden  Stein  völlig  verschlossen.  Während 


rremdkörper. 


481 


die  Gallensteine  fast  niemals  die  Ursache  einer  Dickdarmverstopfang 
zu  sein  pflegen,  lassen  sich  die  Enterolithen  hingegen  nur  äußerst  selten 
anderswo  als  im  Dickdarme  antreffen,  wo  sie  entweder  im  Blinddarme, 
oder  in  den  Haustris  des  Dickdarmes,  oder  endlich  in  der  Ampulla  des 
Mastdarmes  haften.  Mit  Rücksicht  auf  diesen  Umstand  werden  die  Symptome 
eines  Ileus  wohl  weit  eher  durch  Gallensteine  als  durch  Darmsteine  ver- 
ursacht, da  ja  die  letzteren  im  Dickdarme  dem  vorbeipassierenden  Darm- 
inhalte genügenden  Raum  gewähren.  Überraschend  ist  zuweilen  das  lange  Ver- 
weilen mancher  Fremdkörper  im  Darminnern;  so  beobachtete  Bamberger 
einen  Stein  aus  kohlensaurem  Kalk  bei  einem  Knaben,  der  lange  Jahre 
hindurch  Kreide  genoss,  und  Hutchinson  entdeckte  im  Mastdarme  einer 
Frau  einen  Darmstein,  der  nach  SOjährigem  Genüsse  von  Magnesia  und 
Eisen  sich  gebildet  hatte,  wiewohl  bereits  seit  12  Jahren  diese  Gewohnheit 
von  der  betreifenden  Frau  aufgegeben  worden  war. 

Durch  Fremdkörper,  die  im  Darme  entstehen  und  nur  allmählich  an 
Größe  zunehmen,  kann  man  sich  eine  plötzliche  Darmverstopfung  wohl 
schwer  vorstellen,  weit  eher  geht  hier  ein  längeres  Stadium  einer  chronischen 
;  Darmobstruction  voran.  Ereignet  sich  aber  dennoch  ohne  irgend  welche 
vorhergegangene  Zeichen  einer  Stuhlerschwerung  eine  plötzliche  Darmver- 
stopfung, dann  kann  man  wohl  mit  größter  Wahrscheinlichkeit  annehmen, 
dass  der  Fremdkörper  ursprünglich  im  Magen  sich  gebildet  hatte  und  dass 
er  nach  seinem  Übertritte  in  den  Darm  die  plötzliche  Verstopfung  der 
Darmlichtung  zur  Folge  hatte.  So  geschah  es  wohl  im  Falle  von  Down, 
wo  im  Darme  eines  16jährigen  Idioten,  der  jahrelang  mit  dem  Matten- 
flechten beschäftigt  war  und  nach  einer  lötägigen  plötzlichen  Darmobstruction 
starb,  eine  Kugel  vorgefunden  wurde,  die  aus  verwickelten  Cocosnussfasern 
bestand,  also  aus  dem  zum  Mattenflechten  verwendeten  Material. 

Die  gefährlichsten  von  den  Fremdkörpern  sind  jene,  die  von  außen 
plötzlich  in  den  Darm  eindringen  und  deren  Oberfläche  an  irgend  einer 
Stelle  derart  beschaffen  ist,  dass  sie  die  ohnehin  ad  maximum  ausgeweitete 
Darmwand  entweder  nur  an  dem  Orte  ihres  Festhaftens  oder  auch,  falls 
sie  noch  weiter  herabsteigen,  in  der  Ausdehnung  ihres  Weitersch reiten s 
streifenförmig  dilatieren.  Ein  ähnlicher  Fall  wurde  vom  Verfasser  beobachtet: 
Ein  Gallenstein  mit  scharfer  Kante  drang  plötzlich  in  den  Darm  und  man 
fand  bei  der  eingeleiteten  chirurgischen  Therapie,  nämlich  der  Laparotomie, 
den  vom  Steine  zurückgelegten  Weg  durch  einen  schwarzen,  gangränösen 
4  mm  breiten  Streifen  scharf  angedeutet;  dieser  Streifen  erstreckte  sich 
von  der  Plica  duodenojejunalis  auf  einige  Decimeter  in  das  Jejunum  und 
über  die  Plica  duodenojejunalis  hinaus  in  den  Zwölffingerdarm.  Der  Stein 
wurde  natürlich  beseitigt,  doch  war  die  Infection  der  Bauchhöhle  schon  derart 
vorgeschritten,  dass  an  eine  Resection  des  beschädigten  Darmstückes  kaum 
gedacht  werden  konnte:  der  Kranke  unterlag  nach  Beseitigung  des  Steines 

May  (11,  Spcciellc  Clürurgie.  1.  31 


482 


Fremdkörper. 


der  bereits  bestehenden  Bauchfellentzündung.  Runde  Körper,  die  keine  be- 
sonderen Kanten  uud  Hervorragungen  besitzen,  bieten  hingegen  selbst  bei 
acuter  Obstruction,  falls  diese  rechtzeitig  eine  chirurgische  Behandlung 
erfuhr,  eine  immerhin  recht  günstige  Prognose,  da  die  Darmverstopfung 
gewöhnlich  auf  den  Dünndarm  beschränkt  ist,  das  Vorziehen  der  Darm- 
schlinge daher  leicht  möglich  ist,  vporauf  man  durch  eine  Längsincision 
den  oberhalb  des  Steines  angestauten  Inhalt  nach  außen  entleeren  und 
nach  Entfernung  des  Steines  die  Incision  auf  gewöhnliche  Weise  mittelst 
zweireihiger  Naht  vereinigen  kann.  Wenn  Fremdkörper  eine  bereits  be- 
stehende Darmverengerung  anderer  Art  plötzlich  zum  Ileus  heranwachsen 
lassen,  dann  bildet  die  Beseitigung  der  Fremdkörper  gegenüber  der  Be- 
seitigung der  Strictur  eine  bloß  untergeordnete  Aufgabe.  Hier  entscheidet 
der  Allgemeinzustand  des  Kranken,  ob  man  sich  für  den  Augenblick  mit 
der  Eröffnung  des  Darmes  oberhalb  der  Verengerung  und  mit  der  Beseitigung 
der  dort  angehäuften  Fremdkörper  begnügen  will,  oder  ob  man  mit  Rück- 
sicht auf  den  Zustand  des  Kranken  eine  Excision  der  Darmstrictur  mit 
folgender  circulärer  Naht  der  Darmenden,  beziehungsweise  mit  der  Anlegung 
.eines  widernatürlichen  Afters,  für  zulässig  hält.  Von  praktischer  Bedeutung 
sind  hiebei  vor  allem  die  vorangehenden  Erscheinungen,  hauptsächlich  jene, 
welche  einen  berechtigten  Verdacht  auf  Gallensteine  erwecken,  also  von 
ihnen  verursachte  Anfälle  vorübergehender  oder  andauernder  Art,  Icterus, 
Vergrößerung  der  Leber,  der  Gallenblase,  das  völlige  Nachlassen  aller 
dieser  Erscheinungen  und  das  plötzliche  Auftreten  der  Symptome  einer 
Darmobstruction.  Aus  der  Lecture  derartiger  Fälle  geht  hervor,  dass  es 
in  dieser  Beziehung  Beobachtungen  gibt,  die  an  Klarheit  fast  nichts  zu 
wünschen  übrig  lassen,  anderseits  aber  auch  solche,  die  kaum  irgend 
etwas  Bezeichnendes  an  sich  tragen.  Häufig  schließt  sich  dem  Kolikanfalle, 
der  offenbar  von  Gallensteinen  verursacht  wurde,  unmittelbar  eine  Occlusion 
an;  dann  drang  der  Stein  durch  den  Ductus-  choledoclms  in  den  Zwölf- 
fingerdarm. Perforationen  durch  eine  Fistel  bleiben  häufig  latent,  ein 
andermal  machen  sie  sich  durch  deutliche  Pericholecystitis  bemerkbar. 
Anfangs  erbricht  der  Kranke  eine  Menge  grüngefärbter  Galle,  der 
Meteorismus  pflegt  unbedeutend  zu  sein.  Mit  dem  Vordringen  des  Steines 
im  Darminnern  können  auch  diese  Erscheinungen  sich  verändern,  ja  sie 
können  verschwinden,  ohne  dass  der  Stein  abgegangen  wäre,  wenn  er  im 
Dickdarme  gelagert  ist.  Dagegen  kann  der  Ileus  auch  nach  Beseitigung 
der  Steine,  infolge  von  Ulcerationen  und  Perforationen  mit  folgender  Bauch- 
fellentzündung, auch  umschriebener  Form,  immerhin  andauern.  Unter  den 
125  Fällen  von  Courvoisier  gab  es  56%  Heilungen,  von  den  82  Fällen  von 
Schüler-Nauny  n  heilten  440/j  und  unter  72  Fällen  Dufourt's  gab  es  eben- 
falls 44 "/o  spontaner  Heilungen.  N  a  u  n  y  n  sammelte  23  operierte  Fälle,  von 
ihnen  heilten  7;  in  diesen  ungünstigen  Fällen  beträgt  also  die  Mortalität  70''/o- 


Volvnlns. 


483 


Volviiliis. 

Volvulus  oder  Darmverdrehung.  Die  bei  weitem  größere  Anzahl  der 
Fälle  besteht  in  der  Verdrehung  des  Darmes  um  das  zugehörige  Mesenterium. 
In  den  äußeren  Hernien  wies  eine  solche  Darm  Verdrehung  zuerst  Igreus 
nach,  doch  gewiss  kann  eine  solche  Beobachtung  fast  täglich  gemacht 
werden,  denn  auch  dem  Anfänger  fällt  es  auf,  dass  der  zuführende 
Schenkel  in  der  Bruchpforte  sehr  oft  zur  Rechten  liegt,  der  abführende 
dagegen  an  der  linken  Seite  hinzieht,  während  man  doch,  nach  der  Auf- 
einanderfolge der  Schlingen,  vom  Jejunum  bis  zum  Blinddarme  urtheilend, 
bei  einem  parallelen  Vorfalle  der  Schlingen  gerade  das  Gegentheil  erwarten 
würde.  Scarpa  fand  bei  vielen  Brüchen  eine  ähnliche  Kreuzung  (durch 
Drehung  verursacht)  vor,  und  Broca  machte  die  Wahrnehmung,  dass  eine 
derartige  Kreuzung  gewöhnlich  oberhalb  der  Bruchpforte  stattfindet.  Doch 
dachte  Scarpa  niemals  daran,  diese  Kreuzung  allein  als  Einklemmungs- 
ursache  hinzustellen,  obzwar  man  die  Erscheinungen  des  Ileus  bei  manchen 
äußeren  Hernien  nur  durch  einen  Volvulus  der  Schlinge  erklären  kann. 

Beobachtet  man  Darmschlingen  mit  unversehrtem  Mesenterium  und 
angefüllt  mit  Inhalt,  so  kann  man  sich  nur  schwer  vorstellen,  wie  eine 
bloße  Drehung  um  180°  eine  vollständige  Abschließung  der  Darmlichtung 
nach  sich  ziehen  könnte,  denn  allem  Anscheine  nach  geht  die  Fort- 
bewegung des  Darminhaltes  unter  diesen  Verhältnissen  sogar  leichter  vor 
sich,  als  beim  parallelen  Verlaufe  der  Schiingenarme,  wo  die  Schlinge  an 
ihrer  Spitze  eine  plötzliche  Verbiegung  erfährt. 

Bei  Gelegenheit  der  Publication  eines  vom  Verfasser  operierten 
Falles  besprach  ().  Zuckerkandl  diesen  Gegenstand.  Nach  seiner  Ansicht 
kann  ein  Volvulus  im  Bruchsacke  einen  verschiedenen  Befund  aufweisen. 
Die  Kreuzung  der  Schiingenarme  kann  in  der  Bauchhöhle  oder  bereits 
im  Bruchsacke  selbst  stattfinden.  Im  ersteren  Falle  kann  a)  entweder  der 
dilatierte  zuführende  Schiingenarm  (Volvulus  des  abführenden  Armes)  oder 
b)  der  collabierte  abführende  Arm  (Volvulus  des  zuführenden  Armes)  im 
Bruchsacke  angetroffen  werden.  Im  zweiten  Falle  können  die  verdrehten 
Darmschlingen  (die  Kreuzung  der  Arme  liegt  im  Bruchsackhalse)  allein 
den  Bruchinhalt  ausmachen  oder  es  befinden  sich  außer  ihnen  im  Bruch- 
sacke noch  ausgeweitete  oder  collabierte  Schlingen  vor  oder  hinter  der 
Kreuzung  gelegen  (die  Kreuzung  liegt  weiter  nach  außen  vor  der  Bruch- 
pforte). 

Bei  der  großen  Anzahl  von  Leisten-  und  Schenkelbrüchen  gelangt 
natürlich  der  Volvulus  in  diesen  Brüchen  am  häufigsten,  obzwar  in  ver- 
hältnismäßig seltenen  Fällen,  zur  Beobachtung.  Doch  haben  Goblet  und 
Kaufmann  je  eine  Zwerchfellhernie  beobachtet,  in  welchen  Fällen  eine 

.81* 


484 


Volvulus. 


Verdrehung  im  Bruchsacke,  und  zwar  im  ersten  Falle  den  Dickdarm,  im 
zweiten  den  Magen  betreffend,  den  Tod  herbeiführte. 

Ahnlich  wie  im  Bruchsacke  kann  auch  innerhalb  der  Bauchhöhle 
eine  Drehung  an  irgend  einer  Darmschlinge  stattfinden.  Es  ist  begreiflich, 
dass  dies  nur  an  frei  beweglichen  Darmschlingen  vorkommen  kann,  ins- 
besondere an  jenen,  bei  denen  der  eine  Arm  an  seinem  Übertritte  in  den 
folgenden  Darmabschnitt  natürlich  oder  künstlich  befestigt  ist.  Demgemäß 
wird  der  Volvulus  auch  an  gewissen,  besonders  hiezu  geeigneten  Orten 
angetroffen:  in  mehr  als  zwei  Dritteln  der  Fälle  erfährt  die  Flexura 
sigmoidea  eine  Kreuzung  oder  Drehung.  Offenbar  wird  durch  das  Anfüllen 
mit  festen  stercoralen  Massen  die  Drehung  der  Flexura  sigmoidea  er- 
leichtert, und  zwar  senkt  sich  sodann  ihr  dem  Magen  näher  liegender 
Schenkel  von  oben  und  rückwärts  nach  vorne  und  unten,  oder  es  steigt 
das  Mastdarmende  von  vorne  und  unten  nach  oben  und  rückwärts  auf 
(hiedurch  werden  die  Potain 'sehen  Typen  gebildet:  der  Mastdarm  nach 
rückwärts  und  der  Mastdarm  nach  vorne  gelegen).  Die  Drehung  der 
Flexura  sigmoidea  um  die  eigene  Achse  kann  mindestens  180"  betragen, 
doch  kann  auch  noeh  eine  weitere  zwei-  bis  dreifache  Torsion  stattfinden. 
Dies  wird  bedeutend  erleichtert,  wenn  die  Flexur  zu  jenen  gerechnet 
werden  kann,  die  Curschmann  als  „lang"  bezeichnet,  das  heißt,  wenn 
ihre  Spitze  bis  zum  Blinddarme,  zur  Leber,  zum  Zwerchfelle,  zur  Milz 
reichen  würde,  oder  wenn  sie  in  mehreren  übereinander  gelagerten 
Schlingenschichten  das  kleine  Becken  erfüllt. 

Weiter  wird  die  Verdrehung  der  angefüllten  Flexura  sigmoidea  da- 
durch bedeutend  gefördert,  wenn  an  ihrer  Basis,  nämlich  am  Ursprünge 
der  Flexur,  irgend  eine  chronische  Entzündung  des  Bauchfelles  adhäsiven 
Charakters  abgelaufen  ist,  wodurch  die  Schiingenarme  vermittelst  nar- 
bigen Gewebes  gegen  einander  fixiert  werden.  Alle  vier  von  uns 
operierten  Fälle  trugen  die  Spuren  dieser  Entzündung  an  der  Radix 
mesenterii  flexurse  sigmoideaä.  Nach  den  Angaben  Treves'  bildet  der 
Volvulus  flexurse  sigm.  ungefähr  ein  Vierzigstel  aller  Obstructionsfälle 
des  Darmes  und  kommt  bei  Männern  im  höheren  Alter  vor,  denn  unter 
den  20  Fällen  Treves'  betrug  das  Alter  im  Durchschnitte  49  Jahre.  Nach 
Angabe  Naunyn's  entfällt  von  den  operierten  Fällen  eine  gleiche  Anzahl 
auf  das  Alter  über  50  wie  unter  50  Jahre.  Neben  den  Erscheinungen 
der  Obstruction  machen  sich  bald  die  Symptome  der  Bauchfellentzündung 
bemerkbar,  welch  letztere  in  vorgeschrittenen  Fällen  durch  eine  Perforation 
verursacht  werden  kann;  häufig  ließ  sich  in  der  Bauchhöhle  Blut  nach- 
weisen. Bei  der  Operation  fällt  insbesondere  die  Dilatation  der  Flexur 
und  der  über  dem  Volvulus  gelegenen  Dickdarmabschnitte  auf,  woraus 
man  auf  eine  längere  Dauer  dieses  Zustandes  schließen  könnte,  da  ja 
zweifellos  den  acuten  Fällen  des  Volvulus   der  Flexura  sigmoidea  eine 


Volvalus 


485 


chronische  Verdrehung  dieses  Darmabschnittes  längere  Zeit  vorangeht.  Die 
Ausweitung  der  Flexura,  die  vom  Volvulus  betroffen  ward,  kann  bis  30  cm 
des  Umfanges  betragen,  ja  es  sind  Fälle  verzeichnet,  in  denen  die  Aus- 
weitung der  verdrehten  Flexura  einen  solchen  Grad  erreicht  hatte,  dass 
sie  wegen  ihrer  Füllung  mit  flüssigem  Inhalt  den  Eindruck  einer  intra- 
abdominalen Geschwulst,  nämlich  des  Ovariums,  machte,  und  als  solche 
auch  einer  Operation  unterzogen  wurde. 

Die  Krankheit  beginnt  gewöhnlich  mit  einem  plötzlichen  Schmerze 
im  Unterleibe  nach  einem  längeren  Stadium  der  Darmobstruction;  der 
folgende  anhaltende  Schmerz  pflegt  durchaus  nicht  besonders  bezeichnend 
zu  sein  und  kann  sich  zuweilen  durch  das  Vorkommen  von  kolikartigen 
Schmerzen  steigern:  später  kann  er  allmählich  in  die  Schmerzen  der 
Bauchfellentzündung  übergehen.  In  den  einzelnen  Beobachtungen  ließ  sich 
eine  besondere  Empfindlichkeit  beim  Betasten  nicht  constatieren.  Er- 
brechen kommt  bei  der  tiefen  Localisation  der  Krankheit  am  Darme 
nur  selten  vor,  dagegen  wird  Singultus  sehr  häufig  beobachtet.  Die 
Obstruction  pflegt  anfangs  nicht  vollständig  zu  sein,  und  selbst  wenn  ein 
vollständiger  Verschluss  erfolgt  (nach  San  so  n  erst  durch  eine  Drehung 
um  270''),  können  manchmal  noch  Kothmassen  aus  dem  Mastdarme 
durch  Klystiere  beseitigt  werden.  Der  Urin  enthält  nur  wenig  Indican. 
Eingießungen  von  größeren  Wassermengen  in  den  Mastdarm  sind  unmöglich. 

Eine  Lebensdauer  von  mehreren  Tagen  (8 — 10)  seit  dem  Beginne 
der  Erkrankung  ist  zwar  keine  Ausnahme,  doch  kamen  Fälle  vor,  wo  der 
Kranke  auch  binnen  48  Stunden  unterlag. 

Der  Volvulus  kehrt  leicht,  auch  nach  der  Operation  einer  gewöhn- 
lichen Retorsion,  wieder  zurück:  so  verzeichnet  Obaliriski  unter  14  Fällen 
4  Fälle,  die  ein  zweitesmal  eine  operative  Behandlung  erfuhren. 

Dieses  Bild  wird  indessen  bald  durch  das  Auftreten  von  Erscheinungen 
einer  beginnenden  und  fortschreitenden  Bauchfellentzündung  verändert 
und  der  Kranke  geht  nun  in  diesem  Zustande  zugrunde,  oder  er  wird 
einer  Operation  unterzogen,  die  darin  besteht,  dass  man  nach  den  mehr 
oder  weniger  bestimmten  Symptomen  eine  Incision  am  äußeren  Rande 
des  linken  geraden  Bauchmuskels  oder  in  der  Mittellinie  führt. 

In  den  vier  im  Laufe  der  letzten  Jahre  vom  Verfasser  an  der  hiesigen 
chirurgischen  Klinik  operativ  behandelten  Fällen  lagen  die  größten  Schwierig- 
keiten darin,  die  Verhältnisse  so  zu  gestalten,  dass  eine  Rückkehr  der 
Affection  auch  nach  der  Retorsion  der  Flexur  verhindert  und  dass  die 
Functionsherstellung  des  atonischen  und  übermäßig  dilatierten  Darmes 
wieder  angebahnt  würde.  Um  nun  die  Rückkehr  der  Flexura  in  die  fehler- 
hafte Lage  hintanzuhalten,  sowie  um  die  Atonie  des  Darmes  durch  Er- 
möglichung des  unbehinderten  Abflusses  des  Inhaltes  aus  der  Darmschlinge 
zu  paralysieren,  erwies  es  sich  am  vortheilhaftesten,  die  beiden  Schlingen- 


4H6 


Volvulus. 


arme  der  Flexura  durch  Serosanähte  an  die  vordere  Bauchwand  zu  be- 
festigen, so  dass  ihr  Scheitel  gegen  den  Nabel  gerichtet  war  (Enteropexis. 
Ventrofixatio  flexurae  rom.).  In  zwei  Fällen  erzielte  man  auf  diese  Weise 
eine  dauernde  Heilung  ohne  Fisteln.  Bei  gutem  Zustande  und  wenig  vor- 
gerücktem Alter  des  Kranken  könnte  man  auch  die  radicalste,  sofort 
ausführbare  Heilungsmethode,  die  auch  die  Rückkehr  von  Recidiven  un- 
möglich machen  würde,  anwenden,  nämlich  die  Resection  der  Flexura  mit 
Anlegung  eines  widernatürlichen  Afters,  oder  mit  gleich  angeschlossener 
Naht  der  beiden  zurückbleibenden  Darmenden.  Mit  Rücksicht  auf  die 
infolge  der  Dilatation  vorhandene  Dünnheit  der  Darmwand  scheint  es  uns 
bedeutend  zweckmäßiger  zu  sein,  die  Anlegung  eines  widernatürlichen 
Afters  vorzunehmen,  und  erst  wenn  nach  einer  längeren  Zeitdauer  die 
Contractu ität  wieder  hergestellt  ist,  mittelst  einer  secundären  Darmresection 
mit  folgender  Naht  die  Heilung  des  widernatürlichen  Afters  anzustreben. 
Auch  die  Enteroanastomose  ohne  oder  mit  vorangegangener  Resection  der 
Flexura  wandte  man  bereits  mit  Erfolg  an  (Winiwarter,  Wölfl  er).  Nach 
Naunyn  unterlagen  der  Erkrankung  von  30  operierten  Fällen  19  =  eS^/o. 
Von  unseren  Fällen  giengen  2  zugrunde  und  2  wurden  geheilt. 

Eine  weitere  Art  der  Verdrehung  findet  zwischen  der  Flexura  und 
dem  Dünndarme  statt.  Leichtenstern  hatte  Gelegenheit,  eine  derartige 
Darmobstruction  in  21  Fällen  zu  beobachten,  welche,  mit  Ausnahme  eines 
einzigen  Falles,  sämmtlich  Männer  im  Alter  von  24—64  Jahren  betrafen. 
In  einem  solchen  Falle  umschlingt  die  gewöhnlich  verlängerte  Flexur 
eine  über  ihr  quer  gelagerte  Dünndarmschlinge.  Die  beiden  Darmtheile 
sind  hiebei  stranguliert,  ihre  Wände  mit  Blut  durchtränkt  und  die  Bauch- 
höhle zuweilen  mit  blutigem  Transsudat  angefüllt. 

Die  Diagnose  einer  derartigen  Verknotung  ist  ungemein  schwer,  die 
Prognose  ungünstig,  denn  bloß  ein  einziger  Fall  überlebte  den  Beginn  der 
Verknotung  6  Tage,  alle  übrigen  Fälle  giengen  im  Laufe  von  zwei  Tagen, 
ja  selbst  im  Laufe  eines  Tages  zugrunde. 

Eine  andere  Art  stellt  die  Verdrehung  des  Colon  ascendens  und  des 
Blinddarmes  vor.  Es  gibt  mehrere  Abarten  einer  solchen  Verdrehung: 
a)  entweder  dreht  sich  das  Colon  ascendens  um  seine  eigene  Darmachse, 
oder  b)  es  dreht  sich  die  infolge  abnormer  Entwickelung  eines  langen 
Mesocolon  ascendens  entstandene  Darmschlinge  des  Colon  ascendens  um 
die  Achse  des  ihr  zugehörigen  Mesenteriums,  oder  c)  der  Blinddarm  dreht 
sich  nach  innen  und  oben  um  die  eigene  Achse.  Alles  dies  ist  jedoch  ein 
verhältnismäßig  seltenes  Ereignis. 

Der  letzte  Fall  kam  unlängst  an  der  Klinik  zur  Beobachtung.  Das 
beigefügte  Bild  Fig.  116  zeigt  die  rückwärtige  Fläche  des  nach  innen  und 
aufwärts  umgewendeten  Blinddarmes;  außerdem  den  Processus  vermiformis 
und  die  Mündung  des  Dünndarmes. 


Volvulus 


487 


Die  Fälle  b)  und  c)  lassen  sich  auf  eine  angeborene  Prädispositiun 
zurückführen.  Der  Blinddarm  pflegt  nämlich  zu  gewissen  Zeiten  innerhalb 
des  Nabelringes  gelagert  zu  sein,  allmählich  zieht  er  sich  in  das  linke 
Hypochondrium  zurück,  hierauf  wandert  er  in  das  rechte  Hypochondrium, 
bis  er  endlich  in  die  rechte  Darmbeingrube  herabsteigt.  Der  ganze  Dickdarm 
besitzt  in  diesem  Stadium  ein  sehr  langes  Mesenterium,  das  in  gewissen 
Fällen  das  ganze  Leben  hindurch  unverändert  fortbestehen  kann.  In  diesen 
Fällen  kann  eine  Torsion  einer  Colonschlinge  stattfinden,  was  man  sonst 
bei  normalen  Dispositionen  für  unmöglich  halten  würde. 


Flu.  ^^6'. 

Volvulus  des  Blinddarmes:  u    -  Proc.  vei-miformis ;  b  =  Ileum; 
c  =  Cöcum;  d  =  Colon  asc. 
Während  der  Operation  nach  der  Natur  photographiert. 

Auf  gleiche  Weise  wie  bei  der  Flexur  kommt  eine  Verknotung  auch 
an  einer,  wie  im  Fötalleben  mit  einem  langen  Mesenterium  ausgestatteten 
Colonschlinge  zustande;  so  wurde  ein  Fall  verzeichnet,  wo  der  Blinddarm 
in  der  Milzgegend  vorgefunden  wurde,  wobei  das  Colon  sodann  zweimal 
um  sein  bedeutend  verlängertes  Mesenterium  rotiert  war. 

Die  Diagnose  ist  mit  Rücksicht  auf  die  Voraussetzung  der  angeborenen 
Prädisposition  vielfach  geradezu  unmöglich. 

Bei  der  Abart  c)  kann  der  Blinddarm  entweder  nur  nach  innen 
umgelegt  sein,  oder  er  ist  wirklich  um  seine  Achse  gedreht;   in  jenem 


488 


Volvulus. 


Falle  ist  seine  hintere  Fläche  nach  vorne  gewendet  und  der  Processus 
vermiformis  steigt  nach  aufwärts;  bei  der  Drehung  ist  dann  freilich  die 
rückwärtige  Fläche  auch  nach  vorne  gerichtet,  der  wurmförmige  Ansatz 
geht  aber  vom  unteren  Rande  des  Blinddarmes  ab.  Der  Blinddarm  kann 
bis  im  linken  Hypochondrium  liegen. 

Von  weit  größerer  Bedeutung  als  diese  fast  durchwegs  tödtlichen 
Fälle  ist  der  Volvulus  des  Dünndarmes,  der  ebenso  wie  an  der  Flexur 
zwei  Abarten  der  Drehung  aufweist:  1.  Die  Drehung  einer  Dünndarm- 
schlinge um  die  Mesenterialachse,  2.  die  Verknotung  zwei  einander  an- 
liegenden Darmschlingen. 

Es  wurde  bereits  erwähnt,  dass  die  Kreuzung  von  Dünndarmschlingen 
im  Bruche  eine  ganz  gewöhnliche  Erscheinung  ist,  obzwar  sie  in  diesem 
Falle  keineswegs  zur  Obstruction  führt,  welche  ja  bekanntlich  von  der 
Bruchpforte  selbst  verursacht  wird. 

Karpatschenko  sah  in  der  Kreuzung  der  Bruchschlingenarme 
die  Ursache  der  Einklemmung,  eine  Ansicht,  die  schon  von  B.  Schmidt 
widerlegt  worden  ist. 

Zur  Entstehung  eines  mit  Darmobstruction  einhergehenden  Volvulus 
an  einer  nirgends  angewachsenen  Darmschlinge  ist  ein  besonders  langes 
Mesenterium  erforderlich,  und  außerdem  ist  es  nöthig,  dass  der  Anfang  und 
das  Ende  der  so  verlängerten  Darmschlinge  auf  irgend  eine  künstliche  Weise 
nahe  aneinander  fixiert  gehalten  werden.  Diesen  Bedingungen  entsprechen 
jene  Darmschlingen,  welche  eine  längere  Zeit  im  Bruchsacke  gelegen  und 
selbst  eingeklemmt  gewesen,  aber  zur  rechten  Zeit  reponiert  worden  sind. 
Die  mesenteriale  Bauchfellentzündung  heftet  die  Schiingenarme  derart 
aneinander,  dass  hiedurch  gleichsam  ein  schmaler  Stiel  gebildet  wird,  um 
den  sich  dann  der  Darm  leicht  dreht.  Bereits  nach  einem  kurzen  Bestände  des 
Volvulus  findet  man  die  Darmwände  verdickt,  dunkel  gefärbt  und  mit  den 
Zeichen  einer  beginnenden  Gangrän  versehen.  Diese  Fälle  sind  nicht  allzu 
häufig;  meist  handelt  es  sich  um  jüngere  Individuen,  denn  im  Durch- 
schnitte betrug  das  Alter  23  Jahre  und  das  jüngste  Individuum  war 
10  Jahre  alt.  Bald  genug  gesellt  sich  zu  einer  derartigen  Verdrehung 
eine  allgemeine  eitrige  Bauchfellentzündung,  und  ohne  chirurgischen 
Beistand  ist  an  eine  spontane  Wiederherstellung  kaum  zu  denken.  Auch 
die  Drehung  des  gesammten  Jejunoileums  um  die  ganze  Radix  mesenterii 
kam  einmal  zur  Beobachtung. 

Aneinander  liegende  Darmschlingen  müssen  ein  langes  Mesenterium 
besitzen,  um  sich  verknoten  zu  können;  nach  dem  Schema  L eicht en- 
stern's  findet  vielmehr  ein  Umkippen  der  Darmschlinge  statt, 
wodurch  eine  runde  Öffnung  entsteht,  in  welche  die  zweite  Schlinge 
hineinschlüpft.  Diese  Fälle  sind  äußerst  selten  und  einer  Diagnostik 
natürlich  nicht  zugänglich:  würde  der  Kranke  am  Leben  bleiben  und 


über  die  Einschiebung  des  Darmes. 


489 


sich  vielleicht  Darmfisteln  gebildet  haben,  dann  wären  wohl  derartige 
Zustände  in  ihren  Folgen,  wenigstens  in  den  eben  genannten,  einer 
Heilung  mit  den  modernen  Mitteln  fähig. 


Über  die  Einschiebung  des  Darmes  (Invagination,  Intussusception). 

Der  zweite  pathologisch-anatomische  Befund,  welcher  eine  acute  Darm- 
obstruction  zur  Folge  hat.  ist  die  Invagination  oder  Intussusception,  die 
Darmeinstülpung,  Darmeinschiebung.  Damit  sind  keineswegs  jene  Invagi- 
nationen  gemeint,  welche  in  der  Agonie  entstehen  und  bei  der  Section 
der  Kinder  häufig  angetroffen  werden.  Wirkliche  Invaginationen  können 
fast  an  jedem  Abschnitte  des  Darmes  vorkommen.  Die  Ursache  derartiger 
Darmeinstülpungen  kann  in  der  Verengerung  irgend  einer  Darmstelle, 
oder  in  der  Implantation  einer  gestielten  Geschwulst  in  der  Schleimhaut, 
oder  bei  Kindern  häufig  in  dem  Vorhandensein  von  Würmern  liegen. 

Die  gewöhnlichste  Form  ist  die  Einstülpung  des  dem  Magen  näher- 
liegenden Darmabschnittes  in  den  gegen  den  Mastdarm  hinziehenden  Darm, 
doch  sind  auch  Fälle  beobachtet  worden,  in  denen  der  umgekehrte 
Vorgang  der  Einstülpung,  nämlich  die  Invagination  des  peripheren  Darm- 
theiles  in  den  centralen,  nachgewiesen  wurde;  diese  Fälle  können  durch 
eine  einfache  peristaltische  Bewegung  wieder  ausgeglichen  werden,  die 
ersteren  dagegen  gehen  regelmäßig  mit  Todesgefahr  einher.  Der  Darm  kann 
sich  in  den  benachbarten  Darmtheil  entweder  nur  einmal  einstülpen,  doch  ist 
auch  eine  doppelte  Einstülpung  sicher  constatiert.  Bei  der  gewöhnlich 
auftretenden  Einstülpung  lassen  sich  am  Querschnitte  die  Durchschnitte 
von  drei  Darmwänden  constatieren,  hiebei  ist  die  innere  mit  Schleimhaut 
ausgekleidet  und  ebenso  die  einander  anliegenden  Flächen  der  beiden 
äußeren  Schichten;  eine  seröse  Hülle  zeigen  die  aneinander  liegenden 
Flächen  der  beiden  inneren  Schichten  und  die  Außenfläche  der  äußeren 
Schichte.  In  dem  Räume,  wo  die  beiden  serösen  Flächen  miteinander  in 
Berührung  stehen,  ist  gewöhnlich  das  zusammengeschobene  Mesenterium 
vorzufinden.  An  dem  von  der  Invagination  betroffenen  Theile  lassen  sich 
demgemäß  eine  äußere  Schichte  (Intussuscipiens)  und  zwei  innere  Schichten 
(Intussuscepta)  unterscheiden.  Alle  diese  Schichten  können,  wenigstens  an 
ihren  serösen  Oberflächen,  miteinander  verwachsen.  An  Vorfällen,  welche 
den  Invaginationen  ähnlich  sind,  also  zum  Beispiel  jene  Exvaginationen, 
die  durch  den  After  oder  durch  irgend  eine  unnatürliche  Öffnung  überhaupt 
(die  Colotomieöffnung  z.  B.)  erfolgen,  lässt  sich  häufig  eine  Verbiegung 
des  vorgefallenen  Darmtheiles,  der  also  bloß  aus  den  beiden  eingestülpten 


490 


Über  die  Eiiischiebuiig  des  Darmes. 


Schichten  ohne  die  äußere  Schichte  besteht,  wahrnehmen;  jene  Verbiegung 
erfolgt  nach  der  Seite  des  Mesenterialansatzcs  hin,  und  an  dieser  Stelle 
legt  sich,  wie  schon  Rokitansky  beschreibt,  die  Schleimhaut  in  feste 
Querfalten;  auch  das  Ende  oder  die  Mündung  eines  solchen  Vorfalles 
liegt  gewöhnlich  nicht  in  der  Achse  des  eingestülpten  Theiles.  sondern 
ist  zur  Seite  gewendet. 

Bezüglich  des  Umfanges  derartiger  Exvaginationen  wäre  zu  erwähnen, 
dass  Fälle  angeführt  wurden,  und  zwar  nicht  gerade  selten,  wo  sich  sogar 
ein  Vorfall  der  Bauhin'schen  Klappe  ereignet  hätte. 

Infolge  des  Druckes  auf  die  Mesenterialgefäße  kommt  es  bei  einer 
richtigen  Invagination  in  dem  invaginierten  Darmtheile  zu  Circulations- 
störungen,  hierauf  zur  Hyperämie  und  Entzündung,  wobei  fast  regelmäßig 
Darmblutungen  auftreten.  Zur  Vermehrung  und  Steigerung  dieser  Er- 
scheinungen bei  den  Vorfällen  eines  Intussusceptums  durch  den  After  wird 
gewiss  auch  die  Constriction  durch  den  Sphincter  nicht  wenig  beitragen. 
Der  ganze  Darmtheil  ist  verdickt  und  bald  beginnt  auch  die  Entzündung 
des  Bauchfellüberzuges,  und  zwar  gewöhnlich  an  dem  oberen  Ende  der 
Invagination. 

Durch  diesen  nicht  selten  plastischen  Entzündungsprocess  werden  die 
serösen  Flächen  (dort,  wo  auch  gewöhnlich  eine  Strangulation  in  Form 
eines  Schnürringes  aufzutreten  pflegt)  miteinander  verklebt,  ein  Ereignis, 
welches  insofern  als  ein  günstiges  Mittel  zur  spontanen  Ausheilung  der 
Invagination  zu  betrachten  ist,  als  auch  an  dieser  Stelle  eine  circuläre 
Gangrän  zu  entstehen  pflegt,  während  indessen  die  Bauchhöhle  durch 
Adhäsionen  vor  der  gangränösen  Stelle  geschützt  wird.  Auf  diese  Weise 
kann  das  ganze  Intussusceptum  abgestoßen  werden  und  geht  mit  dem 
Stuhle  ab,  wodurch  der  Kranke  für  den  Augenblick  von  seiner  lebens- 
gefährlichen Erkrankung  befreit  ist.  Solche  Fälle  sind  gewiss  verhältnis- 
mäßig selten.  Auch  eine  Perforation  in  die  benachbarten  Organe  (in  die 
Harnblase  bei  Bronchet  und  Boiffin)  kann  Heilung  erwirken.  Doch  ist 
die  Entstehung  einer  Strictur  an  dieser  Stelle  sehr  wahrscheinlich. 

Diese  Form  der  acuten  Darmobstruction  ist  verhältnismäßig  am  besten 
gegenüber  allen  übrigen  charakterisiert,  und  zwar  durch  einen  plötzlichen 
Schmerz,  durch  anhaltenden,  nicht  zu  beseitigenden  Tenesmus  ohne  Ent- 
leerung des  Darminhaltes,  aber  mit  Darmblutung,  in  Form  von  Blutgerinseln 
oder  übelriechendem,  blutigem  Schleime  einhergehend.  Nach  vielen  Autoren 
ist  die  walzenförmige  Geschwulst  gleich  anfangs  zu  tasten,  andere  wider- 
sprechen dem,  indem  sie  behaupten,  eine  solche  Geschwulst  sei  erst  bei 
der  chronischen  Invagination  zu  tasten.  Häufig  geht  der  Kranke  in  einigen 
Tagen  zugrunde,  nur  unter  günstigen  Bedingungen  ist  nach  der  Exfoliation 
des  Intussusceptums  die  Heilung  zu  erwarten.  Der  Tod  kann  infolge  einer 
Perforation  an  der  oberen  Grenze  binnen  wenigen  Stunden  erfolgen. 


über  die  Einschiebuiig  des  Dannesi. 


491 


Leichtenster n's  Casuistik  erwähnt  unter  1152  Fällen  von  Darm- 
obstructionen  445  Intussusceptionen,  doch  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  in 
dem  Londoner  Kinderkrankenhause  bei  einer  jährlichen  Aufnahme  von 
48.000  Fällen  bloß  ein  einziger  Fall  an  Intussusception  zugrunde  gieng. 
Obzwar  kein  Alter  vor  der  Darmeinstülpung  geschützt  ist,  so  kommt 
sie  doch  am  häufigsten  bei  Kindern  vor,  und  oft  werden  dann  die  Kinder 
im  Bette  kauernd  und  kniend  und  den  Kopf  tief  in  die  Polster  bohrend 
angetroffen.  Die  Diagnose  ist  manchmal  trotz  aller  erwähnten  Symptome 


Volv.  Bauliini 


Fig.  117. 

Ileocöcale  Darminvagination.  durcli  Resectioii  geheilt.  Nach  dem  Präparate  gezeichnet. 

ungemein  schwer,  so  dass  Rafinosque  bei  56  J'ällen  noch  35  unrichtige 
Diagnosen  verzeichnet. 

Die  operative  Behandlung  einer  frischen  Invagination  kann  immerhin 
einen  guten  Erfolg  aufweisen.  Das  Intussusceptum  wäre  von  dem  ihn 
umschließenden  Darme  zu  befreien,  und  sodann,  um  eine  Wiederholung 
der  Einschiebung  hintanzuhalten,  auf  irgend  welche  Weise  zu  befestigen. 
In  vorgerücktem  Falle  bleibt  wohl  nichts  anderes  übrig,  als  die  Resection 
des  Intussusceptums  vorzunehmen,  und  zwar  entweder  mit  Anlegung  eines 
widernatürlichen  Afters  oder  mit  sofort  anzulegender  circulärer  Darmsutur. 
Auf  diese  Weise  wurde  in  der  letzten  Zeit  an  unserer  Klinik  von  Dr.  K  u  k  u  1  a 
eine  Invagination  bei  einem  Erwachsenen  zur  Heilung  gebracht.  Hievon 
stammt  die  obenstehende  Abbildung  Fig.  117. 


492 


über  die  Einschiebung  des  Darmes. 


Sind  die  Bedingungen  für  einen  operativen  Eingriff  ungünstig,  dann 
wäre  die  Anwendung  von  Opium  zu  empfehlen,  um  durch  Aufhebung  der 
Peristaltik  die  Darmschlingen  zur  Ruhe  zu  bringen  und  eine  mögliche  Per- 
foration durch  die  anliegenden  unbeweglichen  Darmschlingen  zu  verdecken. 
Exvaginationen  durch  den  After  können,  falls  die  Stelle,  wo  das  Intussus- 
cipiens  zum  Intussusceptum  sich  wendet,  nicht  allzu  hoch  ist,  leicht  ope- 
rativ geheilt  werden,  wenn  man  den  vorgefallenen  Darmtheil,  mag  er  noch 
so  lang  sein,  reseciert,  dabei  eine  Beschädigung  der  möglicherweise  zwischen 
den  serösen  Flächen  der  inneren  und  äußeren  Schichte  gelagerten  Darm- 
schlingen wohl  vermeidend.  Der  letztere  Umstand  ist  auch  der  Grund, 
warum  die  alte  Operationsmethode,  nämlich  die  Ligatur  des  vorgefallenen 
Darmtheiles  auf  einem  in  das  Darminnere  eingeführten  Katheter,  aufgegeben 
wurde,  denn  leicht  könnten  bei  einem  solchen  Vorgehen  die  in  den  peri- 
tonealen Kecessus  herabgesunkenen  Darmschlingen  mit  abgebunden  werden, 
worauf  natürlich  die  Entstehung  einer  oder  mehrerer  Darmfisteln  die 
Folge  wäre.  Diese  circuläre  Resection  ist,  was  die  Gefahr  betrifft,  kaum 
mit  der  intraabdominalen  circulären  Darmresection  zu  vergleichen,  da  ja 
die  vernähte  Stelle  stets  in  die  Nähe  des  Afters  zu  liegen  kommt.  Wenn 
die  Wendungsstelle  des  Intussuscipiens  zum -Intussusceptum  zu  hoch  sitzt 
oder  überhaupt  nicht  zu  erreichen  ist,  dann  stehen  wir  von  der  äußeren 
circulären  Resection  aus  dem  Grunde  ab,  weil  einerseits  die  vollständige 
Beseitigung  der  Erkrankung  unmöglich  ist,  andererseits  aber  weil  selbst 
nach  der  Beseitigung  des  nach  außen  hervorragenden  Intussusceptums 
die  Invagination  im  Mastdarme  fortbesteht.  Unter  solchen  Verhältnissen 
würden  wir  als  das  einzige  Mittel  die  allmähliche  Retraction  des  ein- 
geschobenen Theiles  und  die  Fixation  der  einzelnen  Abschnitte  desselben 
Darmtheiles  an  den  entsprechenden  Stellen  empfehlen  (Enteropexis),  was 
natürlich  aber  nur  bei  nicht  verwachsenen  Invaginationen  realisierbar  ist. 

Die  operativen  Erfolge  bei  der  intraabdominalen  Intussusception  sind 
aus  einer  ganzen  Reihe  von  Berichten  ersichtlich.  McAdam  Eccles  ver- 
zeichnete 11  Todesfälle  unter  13  Operationen.  Back  er  beobachtete  bei 
44  operierten  Kindern  88  %  und  bei  32  Erwachsenen  75  «/o  Todesfälle. 
Rydygier  (1895)  führt  mit  Benützung  bloß  der  neuesten  von  den  152  ge- 
sammelten Fällen  für  42  acute  Fälle  31  Todesfälle  =  73-8  %  Mortalität 
an.  Dieselbe  betrug  in  27  Fällen  von  Intussusception,  die  bereits  ins 
chronische  Stadium  übergegangen  war,  7  Fälle  =:  25-9  o/q. 

Die  einzelnen  Methoden  wiesen  folgende  Erfolge  auf:  Die  Desinvagination 
ergab  in  24  Fällen  8  Heilungen.  Die  Resection  endete  nach  B  r  a  u  n  's 
Statistik  noch  durchwegs  mit  dem  Tode.  Nach  Rydygier  gab  es  bereits 
bloß  9  Todesfälle  unter  12  so  behandelten  Fällen.  Die  Resection  kann  auch 
bloß  auf  das  Intussusceptum  beschränkt  werden,  indem  man  sie,  nachdem 
die  äußere  und  mittlere  Schichte  am  Halse  der  Invagination  vernäht  wurdenj 


über  die  innere  Einklemmung. 


493 


von  einer  seitlichen  Incision  der  äußeren  Röhre  aus  in  der  Nähe  des 
Halses  vornimmt. 


Eine  ganz  besondere  Bedeutung  kommt  in  der  Chirurgie  jener  Gruppe 
des  plötzlichen  Strangulationsileus  zu,  welche  die  inneren  eingeklemmten 
Brüche  und  ihnen  ähnliche  Zustände  umfasst.  Solche  Zustände  sind  beispiels- 
weise das  Eindringen  von  Darmschlingen  durch  künstliche  Mesenterial- 
öffnungen,  durch  Omentumspalten.  weiter  Einklemmungen,  welche  durch 
neugebildete  Stränge  oder  strangförmige.  am  Ende  festangewachsene 
Organe,  welche  kreisförmige  Pforten  bilden,  herbeigeführt  werden;  in 
manchen  Fällen  ist  es  auch  bei  freibeweglichem  Ende  dieser  Stränge 
möglich. 

Die  inneren  Brüche,  deren  Wesen  an  einer  anderen  Stelle  dieses 
Buches  erschöpfend  auseinandergesetzt  wurde,  sind  nicht  allein  der  Dia- 
gnose schwer  zugänglich,  sondern  bieten  auch  der  operativen  Therapie 
nicht  geringe  Schwierigkeiten.  Deswegen  sind  auch  die  Beispiele  klinisch 
gut  beobachteter  und  erkannter  Fälle  von  eingeklemmten  inneren  Hernien 
überhaupt  eine  große  Seltenheit,  noch  kleiner  ist  die  Zahl  der  einer  Operation 
unterzogenen  Fälle,  und  die  geringste  Anzahl  betrifft  jene  Fälle,  bei  denen 
diese  Therapie  auch  wirklich  von  Erfolg  begleitet  war.  Erst  in  der  jüngsten 
Zeit  werden  hie  und  da  Nachrichten  von  derartigen  Beobachtungen  mitge- 
theilt,  wie  die  Berichte  von  R  o  s  e  (1895),  Aschoff  (1896),  Saniter  (1896), 
Nasse  (1896)  und  Schulz  (1896)  bezeugen.  Noch  Treves  erwähnt  diese 
Ursache  der  plötzlichen  inneren  Darraocclusion  sozusagen  nur  vorüber- 
gehend. Ein  Fall  von  innerer  supravesicaler  Hernie  wurde  auch  an  unserer 
Klinik  operiert.  (Siehe  Fig.  16  auf  Seite  50.) 

Es  ist  wohl  einleuchtend,  dass  es  unter  diesen  Umständen  nicht 
möglich  ist,  eine  Anleitung  zur  Erkenntnis  einer  inneren  eingeklemmten 
Hernie  zu  geben.  Leichtenstern  wies  bereits  bei  einer  Hernia  duo- 
denojejunalis  auf  die  Vertiefung  der  vom  Colon  eingenommenen  Gegend, 
auf  die  Auftreibung  des  Mesogastriums,  auf  die  im  Mesogastrium  unter 
dem  Eindrucke  einer  Cyste  tastbare  Geschwulst,  welche  jedoch  tympanitischen 
Klang  und  Darmgeräusche  aufwies. 

Rose  beobachtete  bei  einer  mesogastralen  Hernie  (Grub er)  Em- 
pfindlichkeit und  entzündliche  Anschwellung  der  Drüsen  unter  dem  Pou- 
part'schen  Bande,  und  ist  der  Ansicht,  diese  Erscheinungen  könnten  für 
die  Einklemmung  von  inneren  Hernien  pathognomonisch  sein.  Auch  die 
Mesenterialdrüsen,  welche  dem  ober  der  Einklemmungsstelle  befindlichen 


494 


über  die  innere  Einklemmung. 


Darme  angehörten,  waren  angeschwellt.  Die  Anschwellung  der  äußeren 
Drüsen  erklärt  Rose  mit  der  Resorption  des  Bruchwassers  und  mit  dem 
Znsammenhange  zwischen  den  mesenterialen  und  den  inguinalen  Drüsen. 

Schulz'   Abhandlung   über   die   Diagnostik    des   Ileus  überhaupt 
und  über  die  Diagnose  der  eingeklemmten  inneren  Hernien  beweisen  ja 


Fig.  118  (siehe  Seite  496). 

h  —  die  gewaltsanje  Einstülpung  eines  Bruchsackes,  an  dem  das  Omentum  mit  zwei  Zipfeln 
(rt  a)  angewachsen  ist,  wodurch  die  Öffnung  e  entstand,  durch  welche  die  Dünndarm- 
schlingen d  (1  durchschlüpften ;  c  =  der  durch  die  Sackeinstülpung  heraufgezogene  Hoden. 

(Siehe  auch  Fig.  119.) 

klar  genug,  dass  die  Arbeit  in  dieser  Richtung  erst  in  Angriff  genommen 
werden  muss. 

Brösike  gab  noch  das  Vorkommen  von  unzweifelhaften  einge- 
klemmten inneren  Hernien  bloß  in  drei  Fällen  zu,  wenn  man  nämlich  die 
in  dem  duodenojejunalen.  parajejunalen  Räume  und  in  der  Bursa  omentalis 
gelagerten  Brüche  in  Betracht  zieht.  Mit  Vorbehalt  anerkannte  er  eine 
intersigmoidale  Hernie  (E  w  e)  und  mit  großer  Wahrscheinlichkeit  als  peri- 
cöcale  Brüche  die  Fälle  von  Snow  und  Engel. 


über  die  innere  Einklemmung. 


495 


Die  obenerwähnten,  vor  nicht  langer  Zeit  veröffentlichten  Fälle  wurden 
neben  den  von  B  r  ö  s  i  k  e  anerkannten  entweder  schon  bei  der  Operation 
oder  auch  erst  bei  der  Section  nachgewiesen.  So  verzeichnete  Rose  einen 
mesogastralen  Bruch,  Aschoff  einen  retrocöcalen  Bruch,  weiter  eine 
Hernia  plicee  umbilicalis  (?)  und  einen  Bruch  mit  an  der  oberen  Mesenterial- 
fläche  des  unteren  Ileums  befindlichen  Bruchpforte,  Saniter  fand  einen 
retrovesicalen,  Nasse  einen  ileoappendicularen,  Schulz  einen  [hypo- 
gastralen  und  wir  einen  supravesicalen  Bruch  vor. 

Nachdem  also  diese  aclit  Beobachtungen  zum  Aufstellen  einer  diff'eren- 
tialen  Diagnostik  keineswegs  genügen,  so  sehen  wir  uns  genöthigt,  uns  mit 
der  Diagnose  der  plötzlichen  Darmocclusion,  des  Strangulationsileus,  zu- 
frieden zu  stellen  und  die  Fälle,  so  lange  es  noch  Zeit  ist,  einer  operativen 
Therapie  zu  unterziehen.  Im  Gegensatze  zu  der  Ansicht  Schulz',  dass  der 
Unterscheidung  zwischen  Einklemmungen  durch  pathologische  Stränge, 
zwischen    latenten    Brucheinklemmungen  im 


Die  Erweiterung  des  Ringes  muss  mit     Öffnnng  f«;  vor  (siehe  Seite  496). 
Vorsicht  vorgenommen  werden,  da  es  ja  aus 

der  Anatomie  bekannt  ist,  welch  große  Gefäße  der  Rand  der  Bruchpforte 
zu  enthalten  pflegt.  Bisher  ist  es  gewöhnlich  gelungen,  die  Schlinge 
durch  Druck  und  durch  Hervorziehen  vor  allem  des  collabierten  ab- 
führenden Armes  ohne  blutiges  Einschneiden  des  Ringes  zu  lockern.  Es 
ist  dies  also  eine  Herniotomie,  die  wir  mit  Recht  bei  äußeren  Brüchen 
als  eine  Herniotomie  von  innen  oder  rückwärts  bezeichnen  könnten. 
(Neuber,  1894:  „Ein  Bruchschnitt  von  hinten".) 

Die  Radicaloperation  müsste  die  Eintrittsöffnung  des  Bruches  durch 
das  Vernähen  der  Ränder  derselben  kleiner  oder  vollständig  undurchgängig 


Die  Strangulation  durch  pathologische  Stränge  ist  bereits  eine  viel 
häufigere  Erscheinung  sowohl  als  pathologisch-anatomischer  Befund,  als 
auch  als  Gegenstand  einer  chirurgischen  Therapie. 

Diese  Stränge  sind  entweder  neu  entstandene  Gebilde,  als  Adhäsionen, 
Pseudomembranen  entzündlichen  Ursprunges,  oder  es  sind  normale  strang- 
artige Gebilde,  deren  Ende,  unter  normalen  Verhältnissen  nirgends  befestigt, 


kleinen  Becken  und  denen  der  inneren  Brüche 
eine  praktische  Bedeutung  nicht  zukomme,  da 
ja  alle  diese  Fälle  einer  operativen  Behandlung 
unterlägen,  sind  wir  der  Meinung,  dass  man 
bestrebt  sein  muss,  diese  diagnostischen  Hinder- 
nisse zu  überwinden,  was  bei  den  Brüchen 
des  kleinen  Beckens  und  bei  pericöcalen 
Brüchen,  wenn  ihrer  rechtzeitig  gedacht  wird, 
am  ehesten  gelingen  könnte. 


Fig.  119.  stellt  die  Kreuzung 
der  Anne  in  der  künstlichen 


machen. 


496 


über  die  innere  Einklemmung. 


ab  und  zu  an  irgend  einer  Stelle  angewachsen  ist  (Appendix  epiploica. 
Processus  vermiformis,  Tuba,  am  häufigsten  ein  Omentalzipfel),  oder  es 
können  auch  Überbleibsel  aus  fötaler  Zeit  sein,  wie  das  Diverticulum  Meckelii. 

Betreffs  der  entzündlichen,  in  Stränge  ausgezogenen  Adhäsionen  wäre 
zu  bemerken,  dass  sie  insbesondere  an  jenen  Orten  anzutreffen  sind,  welche 
der  Sitz  von  circumscripten  adhäsiven  Bauchfellentzündungen  zu  sein  pflegen, 
also  in  der  Nachbarschaft  der  inneren  weiblichen  Genitalien,  des  Processus 
vermiformis,  der  Gallenblase,  und  weiter  in  der  Umgebung  der  Bruchpforten, 
hauptsächlich  nach  Entzündungen  und  Einklemmungen  der  Brüche;  auch 
die  Fixationen  der  strangförmigen  Organe  kommen  unter  diesen  Verhält- 
nissen zustande.  Die  häufigste  von  ihnen  ist  wohl  die  Anwachsung  des 
Omentums  an  die  innere  Leistenöffnung  oder  an  den  Bruchsack.  Diese 
Verwachsungen  werden  auf  einmal  in  intraabdominale  umgewandelt,  wenn 
die  Hernie,  wie  wir  in  zwei  Fällen  zu  beobachten  die  Gelegenheit  hatten, 
mit  Einstülpung  des  Sackes  in  die  Bauchhöhle  reponiert  wird.  (Siehe 
Fig.  118  auf  Seite  494  und  Fig.  119  auf  Seite  495.) 

Die  Einklemmungen  durch  das  Diverticulum  Meckelii  sind  bisher 
am  besten  untersucht  worden.  Mit  Rücksicht  auf  diese  Möglichkeit  ist 
es  zu  empfehlen,  stets  darauf  bedacht  zu  sein,  dass  nicht  die  Reste  des- 
selben etwa  für  eine  entzündliche  ausgedehnte  Dünndarmadhäsion,  welche 
bis  an  bestimmte  Stellen  der  Bauchhöhle  reicht,  gehalten  werden.  Das 
Diverticulum,  dessen  Ursprung  an  den  unteren  Theilen  des  Ileums,  und 
zwar  an  dessen  convexer  Seite  gelegen  ist,  besitzt  zuweilen  ein  Mesen- 
teriolum,  welches  vom  rückwärtigen  linken  Blatte  des  Dünndarmmesenteriums 
ausgeht  und  auch  dem  Diverticulum  Aste  der  Art.  mesent.  sup.,  sowie 
venöse  Gefäße  zuführt.  Dadurch  kann  die  Entstehung  eines  taschenförmigen 
Raumes  bewirkt  werden,  der  wieder,  nach  Aschoff 's  Beschreibung,  der 
Sitz  innerer  Brüche  werden  kann.  Doch  können  auch  nach  der  Membran- 
zerreißung des  Mesenteriolums  die  stehengebliebenen,  Gefäße  enthaltenden 
Ränder  einen  Strang  bilden,  der  die  Entstehung  eines  Ringes  und  somit 
einer  Bruchpforte  zur  Folge  haben  kann.  Der  Verfasser  operierte  mit  Erfolg 
einen  derartigen  Fall  und  die  Abbildung  Fig.  120  zeigt  den  Querdurchschnitt 
des  incarcerierenden  Stranges,  der  sich  von  der  Convexität  des  Dünndarmes 
zur  rückwärtigen  Fläche  des  Mesenteriums  erstreckte.  (W  a  g  n  e  r  beob- 
achtete Ähnliches  1833.)  Der  Ausgang  dieses  Stranges  am  Darme  kann 
ein  langes  Diverticulum  oder  dessen  Reste  bergen,  oder  es  lassen  sich 
auch  diese  nicht  mehr  darin  nachweisen. 

N  e  u  m  a  n  n  sammelte  in  seiner  Abhandlung  über  die  Darmdiverticula 
und  über  die  Rolle  der  Dottergefäße  bei  der  Einklemmung  (1891)  24  der- 
artige Fälle  von  Einklemmung  durch  das  Diverticulum. 

Ein  Diverticulum  Meckelii  mit  Nabelinsertion  war  in  5  Fällen,  dasselbe 
mit  Befestigung  an  verschiedenen  Stellen  der  vorderen  Bauchwand  (auch 


über  die  innere  Einklemmung. 


497 


am  inneren  Leistenringe!)  in  6  Fällen  die  tJrsache  von  Einklemmungen; 
Diverticularbefestigungen  an  anderen  Darmtheilen  oder  an  anderen  Organen 
(an  der  Harnblase,  an  einer  Appendix  epipl.  (!),  oder  am  Processus  vermiformis) 
hatten  in  weiteren  9  Fällen  Incarcerationen  zur  Folge.  Auch  mehrfache 
Endinsertionen  des  Diverticulums,  das  einen  Darmrest  umfasste,  kamen 
zur  Beobachtung.  Was  die  Länge  oder  den  Zusammenhang  des  Divertikel- 
endes  mit  irgend  welchen  Stellen  der  Bauchhöhle  betrifft,  so  wäre  wohl 
auf  gewisse  Modificationen  hinzuweisen :  es  kann  nämlich  das  Diverticulum 
bis  an  das  Implantationsende  an  jenen  Stellen  hinreichen,  oder  es  kann  das 
Diverticulum  bloß  in  der  Nähe  seines  Ausganges  den  Strang  bilden  helfen, 
worauf  bis  zur  eigentlichen  Insertion  nur  omphalomesenteriale  Gefäße  die 
Fortsetzung   darstellen,  oder  der  ganze  Strang  besteht  bloß  aus  Gefäßen 


Fig.  120. 

Der  Durchschnitt,  eines  durch  ungenügende  Involution  der  Dottergefäße 
entstandenen  Stranges. 


und  der  Ductus  omph.  mes.  ist  durch  Obliteration  und  Involution  ganz 
verschwunden. 

Nach  den  übereinstimmenden  Behauptungen  Leichtenstern's  und 
Neumann 's  sind  die  soeben  beschriebenen  Fälle  insbesondere  bei  Leuten 
unter  30  Jahren  anzutreffen;  unter  35  Fällen  von  Neumann  waren 
24  unter  dem  30.  Jahre  und  11  standen  im  Alter  von  über  30  Jahren. 
Am  häufigsten  werden  hievon  Männer  betroffen  (31mal  die  Männer  und  bloß 
7mal  die  Weiber).  Werden  hierher  auch  Einklemmungen  durch  frei 
bewegliche  Diverticula  gezählt,  dann  entfallen  nach  Leichtenstern 
von  66  Fällen  52  Fälle  auf  Männer  und  14  auf  Weiber.  Recht 
interessant  ist  weiter  der  Umstand,  dass  man  gewöhnlich  die  unteren 
Ileumschlingen  eingeklemmt  vorfindet,  so  dass  sowohl  die  Diverticularstränge, 
als .  auch  die  peritonealen  Adhäsionen  um  den  Processus  vermiformis 
nach  Perityphlitis  oder  Appendicitis  eine  Einklemmung  in  der  unteren 

May  (11,  Specielle  Chiiurgie.  I.  32 


498         über  Peritonitis  nach  Continuitätstrennungen  des  Magendarnicanals. 


hypogastralen  Gegend  herbeiführen,  wo  auch  innere,  pericöcale  Brüche 
vorzukommen  pflegen.  Dass  hierin  ein  Hinweis  für  das  diagnostische 
Vorgehen  enthalten  ist,  muss  wohl  nicht  besonders  hervorgehoben  werden. 

Einklemmungen,  welche  durch  Stränge  verursacht  wurden,  müssen 
durch  die  Vernichtung  dieser  Stränge,  nicht  aber  durch  das  bloße  Hervor- 
ziehen der  Schlingen  aus  dem  Schnürringe  behoben  werden.  Beim 
Processus  vermiformis  oder  Diverticulum  Meckelii  ist  nach  dem  Durch- 
schneiden die  Schleimhaut  am  Durchschnitte  zu  excidieren  und  eine 
Infection  der  Peritonealhöhle  durch  die  Einstülpung  der  restlichen  sero- 
musculären  Manschette  hintanzuhalten.  Andere  Stränge  werden  natürlich 
einfach  zwischen  zwei  Ligaturen  durchschnitten. 


Über  Peritonitis  iiaeli  Coiitiniiitätstreiiiuiiigeii  des  MageiHlarmcaiials 

und  ihre  Beiiaiidhing. 

Mit  dem  Namen  „Perforationsperitonitis"  bezeichnen  wir,  wie  derselbe 
selbst  schon  andeutet,  jene  Entzündungen  des  Bauchfells,  welche  durch 
Einwirkung  der  in  den  Hohlorganen  der  Bauchhöhle  enthaltenen  Stoffe 
entstehen,  bei  offener  Communication  dieser  Organe  mit  dem  Peritoneum. 
Da  jedoch  der  Perforationsperitonitis  ähnliche  Entzündungsformen  auch  bei 
gewissen  Erkrankungen  jener  Hohlorgane,  jedoch  ohne  Eröffnung  derselben 
gegen  die  Bauchhöhle  beobachtet  werden,  so  unterscheidet  man  auch  so- 
genannte Durchwanderungsperitonitiden. 

In  anderer  Richtung  unterscheiden  wir  sogenannte  chemische  Peri- 
tonitiden,  bei  denen  mehr  Resorption  von  Bacterienproducten  und  nicht 
das  Wachsthum  der  Entzündungserreger  selbst  Ursache  der  Peritonitis  ist, 
während  die  Entzündungsformen,  die  durch  weiter  fortschreitende  Ent- 
wickelung  der  Mikroben  bedingt  ist,  als  bacteriell  bezeichnet  werden. 

Weiter  ist  es  sehr  natürlich,  diese  Peritonitiden  darnach  zu  unter- 
scheiden, woher  die  Entzündungserreger  herstammen. 

Also     Ä.  solche,  welche  I.  vom  Magendarmcanal, 

H.  von  der  Gallenblase  und  Leber, 
HL  von  der  Niere  und  Blase, 
IV.  von  den  Genitalien  ausgehen: 

weiter  B.  solche,  welche  V.  durch  Traumen  (Zufall  und  Operation) 

bedingi  sind, 

endlich  VI.  solche,  welche  vom  Blute  durch  Übertra- 
gung von  anderwärts  angeregt  werden 
(hämatogene  P.). 


über  Peritonitis  nach  Continnitätstrennungeii  des  Magendarmcanals.  499 


In  diesem  Buche  interessieren  uns  selbstverständlich  vor  allem  die 
Peritonitiden  der  ersten  Gruppe  A.,  und  zwar  die  der  I.  Abtheilung,  kaum 
je  die  der  zweiten,  in  geringem  Maße  die  der  dritten  und  vierten  Ab- 
theilung, da  die  Peritonitiden  dieser  Abtheilungen  in  der  Praxis  nur  äußerst 
selten  durch  eine  gangränöse  Hernie  der  betreffenden  Organe  vertreten  zu 
sein  pflegen. 

Wir  müssen  demnach  unsere  Aufmerksamkeit  vor  allem  den  vom 
Magendarmcanale  ausgehenden  Perforations-  und  Durchwanderungsperitoni- 
tiden  zuwenden. 

Zu  diesem  Zwecke  empfiehlt  es  sich,  am  Digestionstractus  mehrere 
Abtheilungen  zu  unterscheiden,  und  zwar: 

1.  Den  Magen. 

2.  Das  Duodenum,  welches  bei  Hernienperitonitiden  belanglos  ist. 

3.  Den  Dünndarm. 

4.  Das  Cöcum  (sammt  Proc.  vermiformis)  und  Dickdarm. 

5.  Das  Rectum. 

Wir  hatten  es  demnach  mit  einer  visceralen  (=  Eingeweide-)  Peri- 
tonitis zu  thun;  dieselbe  wäre  entweder  bereits  verallgemeinert,  oder  noch 
umschrieben,  in  welch  letzterem  Falle  wir  von  einer  Perigastritis,  Peri- 
enteritis,  Perityphlitis  (Periappendicitis)  und  Pericolitis,  endlich  Periproctitis 
sprechen  könnten. 

Außerdem  könnte  es  sich  ab  und  zu  um  eine  Pericystitis,  Peri- 
oophoritis, Perisalpingitis,  Perimetritis  handeln. 

Bezüglich  der  gastrointestinalen  Form  der  Perforativ-  und  Durch- 
wanderungsperitonitis  gibt  es  neben  der  vorstehenden  anatomischen  Ein- 
theilung  auch  eine,  und  zwar  parallel  verlaufende,  klinische,  da  sich  die 
Entzündungsformen,  .welche  von  den  einzelnen  Abschnitten  des  Magen- 
darmcanals ausgehen,  in  ihrer  Erscheinungsweise  und  ihrem  Verlaufe  wesentlich 
voneinander  unterscheiden. 

In  Folgendem  wollen  wir  nach  Tavel  und  Lanz  die  experimentelle 
Grundlage  dieser  Thatsache  anführen. 

Allgemein  wird  anerkannt,  dass  dem  normalen  Magensafte  eine  außer- 
ordentlich wirksame  bactericide  Kraft  innewohnt,  welche  derselbe  nach 
Straus  und  Würz  weniger  den  Fermenten,  als  der  Anwesenheit  der 
Salzsäure  verdankt,  und  welche  nach  Kabrhel  durch  Anwesenheit  von 
Eiweißkörpern  wesentlich  abgeschwächt  wird.  Zur  Zeit  der  Tavel'-  und 
L anzusehen  Studien  (1893)  waren  noch  keine  bacteriellen  Untersuchungen 
der  Magenperitonitiden  bekannt  und  schließen  die  Autoren  aus  den  wenigen 
literarisch  verzeichneten  und  einer  eigenen  Untersuchung  bei  Duodenal- 
peritonitis, dass  das  Verhalten  der  Magenperitonitiden  bis  zu  einem  gewissen 
Grade  denselben  anal  og  sein  dürfte.  Bei  den  letzteren  blieben  die  geimpften 
Nährböden  entweder   steril,   oder    man   wies   Hefe-  und  Streptokokken 

32* 


500 


Über  Peritonitis  nacli  Continuitätstrennungen  des  Magendarmcanals. 


nach,  also  Organismen,  die  bedeutenderem  Säuregehalt  erfolgreich  wider- 
stehen. 

Bezüglich  des  Dünndarmes  muss  angeführt  werden,  dass  durch  mehrere 
Forscher  festgestellt  wurde,  dass  im  Dünndarminhalte  zu  jeder  Zeit  alle 
Arten  von  Bacterien  vorkommen,  wiewohl  es  keine  constanten  Bacterien- 
arten  im  Dünndarme  gibt  (Booker  z.  B.  isoherte  außer  Proteus  vulgaris 
und  den  dem  Bacterium  coli  ähnlichen  Bacillenformen  noch  19  Bacillen- 
arten!). 

Dickdarmbacterien  —  sonst  überaus  zahlreich  —  variieren  bei  weitem 
weniger  als  die  im  Dünndarm.  Durch  Cultur  bekommt  man  zumeist  den 
von  seinem  Entdecker  E  s  c  h  e  r  i  c  h  als  Bacterium  coli  commune  bezeichneten 
Mikroben  oder  dessen  Spielarten.  Eine  wahre  Infectiosität  sollte  nach  den 
damaligen  Ansichten  von  Tavel  und  Lanz  denselben  gar  nicht  inne- 
wohnen und  dieselben  erst  in  massiven  Dosen  pathogen  wirken,  eine 
Ansicht,  welche  allerdings  durch  die  Erfahrungen  der  letzten  Jahre  einer 
gewissen  Modification  unterzogen  werden  müsste.  Doch  auch  andere 
Bacterienarten  werden  im  Dickdarm  beobachtet. 

Der  Rectalgehalt  an  Bacterien  differiert  kaum  von  jenem  des  Dick- 
darmes. 

Bezüglich  der  Eiterungsmikroben  wurden  schon  im  Duodenum  Strepto- 
kokken nachgewiesen,  da  dieselben  einen  ziemlich  hohen  Säuregehalt  er- 
tragen. Und  auch  im  Dickdarm  findet  man  den  schon  im  Dünndarme 
constatierten  verflüssigenden  Streptococcus  coli  gracilis,  neben  einer  nicht 
verflüssigenden  Streptococcusart,  endlich  den  typischen  Pneumokokken,  resp. 
den  Streptococcus  lanceolatus. 

Mit  Rücksicht  auf  von  den  Harnwegen  ausgegangene  Peritonitiden 
bemerken  Tave.1  und  Lanz,  dass  sie  über  keine  bacteriologischen  Be- 
obachtungen von  Peritonitiden,  welche  von  den  Harnwegen  aus  angeregt 
worden  wären,  verfügen.  Nach  den  speciellen  Untersuchungen  des  Nieren- 
und  Blasengehaltes  erwähnen  sie,  dass  normalerweise  in  der  Niere  keine 
Bacterien  vorhanden  sind.  Unter  den  Mikroben  des  cystitischen  Harnes 
spielen  dem  Bacterium  coli  ähnliche  Bacillen  eine  hervorragende  Rolle, 
wiewohl  die  Cystitis  nach  den  Untersuchungen  von  Kostals ky  zumeist 
eine  Polyinfection  ist,  allerdings  im  Widerspruche  mit  anderen  Autoren. 

Was  die  weiblichen  Genitalien  betrifft,  so  sind  die  Tuben  und  der 
Uterus  unter  normalen  Verhältnissen  keimfrei;  in  der  Vagina  fand  Steffeck 
hie  und  da  Staphylococcus  pyog.  aur.  und  albus,  während  sie  Samschin 
nie  finden  konnte.  Nach  einer  Beobachtung  von  Kummer  (Drehung  einer 
Ovarialcyste,  allgemeine  Peritonitis,  Ovariotomie,  Heilung)  scheinen  auch 
anderweitig  nicht  inficierte  Tumoren  der  Genitalien  keimfrei  zu  sein. 

Bezüglich  des  Mechanismus  der  Infection  bei  Continuitätstrennungen 
des  Magendarmcanals  kann  es  wohl  keinem  Zweifel  unterliegen,  dass  die- 


über  Peritonitis  nach  Continuitätstrennungen  des  Magendarmcanals. 


501 


selbe  bei  Verletzungen  durch  Ausfließen  des  Magen-  oder  Darminhaltes 
geschieht,  während  bei  Diastasen  oder  Geschwürperforationen  des  Digestiv- 
tractus  auch  früher  schon  Infectionen  (durch  Transmigration  durch  die 
geschädigten  Wände)  angebahnt  sein  können,  welche  im  Momente  der 
wirklichen  Perforation  nur  ihren  Höhepunkt  erreichen.  Bei  kleineren  Conti- 
nuitätstrennungen traumatischen  Ursprungs  —  bei  solchen  innerhalb  von 
Geschwüren  kaum  je  —  kann  ab  und  zu  das  entstandene  Loch  durch  Eversion 
der  Schleimhaut  so  verschlossen  werden,  dass  überhaupt  nichts  aus  dem 
Magen-  oder  Darminnern  entweicht,  oder  nur  Gase,  während  flüssiger 
Erguss  ausbleibt,  oder  es  kann  dieser  Ventilverschluss  ungenügend  sein 
und  man  findet  gasförmige,  flüssige  und  feste  Bestandtheile  des  Magen- 
darminhalts in  der  freien  Bauchhöhle.  Dass  die  Wirksamkeit  dieses  Ver- 
schlusses offenbar  von  den  Spannungsverhältnissen,  welche  im  verletzten 
Theile  des  Digestivtractus  im  Momente  des  Traumas  herrschen,  abhängt, 
wäre  wohl  sehr  naheliegend.  Ebenso,  dass  die  Intensität  der  Infection  mit 
der  Qualität  und  Quantität  des  extravasierten  Inhaltes  zusammenhängt, 
sowie  mit  der  Länge  der  Zeit,  während  welcher  derselbe  —  z.  B.  bis  zur 
;  eventuellen  Entleerung  —  mit  dem  Bauchfell  in  Berührung  bleibt. 

Eine  weitere  Schutzvorrichtung  gegen  Austritt  und  Verbreitung  des 
Magendarminhalts  in  der  Bauchhöhle  sind  die  Verlöthungen  des  Netzes  mit 
verletzten  und  erkrankten  Theilen.  Insbesondere  scheint  die  wohlthätige 
Netzdeckung  der  Darmdefecte  bei  der  perityphlitischen  Wurmfortsatzper- 
foration häufig  im  Spiele  zu  sein.  Desgleichen  schützen  bei  Verletzungen 
sofort  eintretende  Verlöthungen  der  Darmöffnung  mit  den  benachbarten 
Schlingen  vor  weiteren  schlimmen  Folgen,  ein  Umstand,  welcher  bei  Ge- 
schwürsperforationen lange  vor  der  thatsächlichen  Durchlöcherung  des  Darmes 
angeregt  worden  sein  kann. 

Doch  auch  in  anderer  Beziehung  ist  das  Entstehen  einer  Perforations- 
poritonitis  an  gewisse  Bedingungen  gebunden,  welche  glücklicherweise  dem 
Chirurgen  nicht  jeden  Gedanken  an  eine  Heilung  einer  solchen  Afi'ection 
im  voraus  benehmen  und  demnach  eine  experimentelle  Basis  für  sein 
operatives  Eingreifen  schaffen.  Die  Untersuchungen  Grawitz',  welcher 
selbst  durch  Injectionen  von  Mikrobenreinculturen  und  Abkühlung  des 
Peritoneums  keine  Peritonitis  zu  erzeugen  vermochte:  dann  die  ungleich- 
mäßigen Resultate  der  Versuche  anderer  Forscher  (A.  Frankel,  Paw- 
1 0  w  s  k  y  und  andere),  die  mit  ähnlichen  Mitteln  arbeiteten  und  zu  dem 
Schlüsse  kamen,  dass  allzu  geringe  und  allzu  große  Dosen  der  Infections- 
stoffe  keine  Peritonitis  zur  Folge  haben,  da  sie  entweder  durch  Resorption 
unschädlich  gemacht  werden,  oder  vorzeitig  das  Thier  tödten,  ließen  die 
bis  nun  aus  den  angestellten  Experimenten  abgezogene  Anschauung  empor- 
kommen, dass  die  schädlichen  Stoffe  eine  gewisse  Zeit  brauchen,  bevor  sie 
ihre  deletäre  Wirkung  auf  das  Bauchfell  äußern  können  (Kraft  erzielte  dies 


502         Über  Peritonitis  nach  Continuitätstrenuungen  des  Magendarmcanals. 


durch  Verdünnung  derselben  mit  Agar).  Dass  Beimischungen  von  sonstigen 
Eitererregern,  Staphylo-  und  Streptokokken,  Typhusbacillen  die  Extravasation 
des  Magendarminhaltes  besonders  gefährlich  machen,  war  a  priori  ziemlich 
wahrscheinlich.  Doch  wurde  dieser  Ansicht  erst  durch  die  Versuche  Wald- 
hart's  der  feste  Untergrund  gegeben,  da  nach  denselben  die  in  die  Bauch- 
höhle eingespritzten  Mikroben  sich  an  denjenigen  Stellen  besonders  leicht 
festsetzen  und  vermehren,  welche  bereits  Sitz  von  Entzündung  sind.  Dem- 
entsprechend wäre  die  Magendarmperforation  bei  Greschwüren,  soferne  durch 
den  Bestand  derselben  in  der  Nachbarschaft  eine  entzündliche  Reizung  bereits 
geschaffen  würde,  bei  weitem  gefährlicher,  als  die  Continuitätstrennung  bei 
Verletzungen,  bei  denen  doch  der  Zustand  des  Peritoneums  zumeist  als 
normal  angenommen  werden  kann.  Man  wird  demnach  nicht  staunen,  dass 
unter  den  11  Heilungsfällen,  welche  nachPetry  bei  Verletzungen  den  149 
Todesfällen  gegenüberstehen,  in  10  Fällen  die  Heilung  unter  Bildung 
eines  Kothabscesses  zustande  kam,  welcher  3mal  spontan  aufbrach,  7mal 
operativ  eröffnet  werden  musste;  derselbe  hatte  eben  Zeit,  sich  allmählich 
zu  entwickeln. 

Wenn  wir  nun  an  unseren  Gegenstand  näher  herantreten,  wie  wir 
uns  nämlich  Perforations-  und  Durchwanderungsperitonitiden,  welche  von 
den  angeführten  Hohlorganen  ausgegangen  sind,  gegenüber  verhalten  sollen, 
so  sei  zuerst  bemerkt,  dass  diese  Frage  bezüglich  eines  Theiles  derselben 
schon  lange  in  Discussion  ist,  während  sie  bezüglich  des  anderen  Theiles 
erst  seit  wenigen  Jahren  in  Verhandlung  steht.  (Siehe  die  bereits  gegebene 
Schilderung  dieser  Frage  bei  den  incarcerierten  Hernien.) 

Den  ersten  Theil  bilden  die  offenen  Verletzungen  des  Gastro- 
intestinaltractus  mit  ihrer  eventuellen  Folge,  der  Peritonitis,  und  der 
andere  Theil  sind  .die  Geschwürsperforationen  des  Digestions- 
tractus  mit  ihren  unvermeidlichen  Folgen,  der  Entzündung,  welche  allerdings 
mittelst  Adhäsionen  recht  umschrieben  sein  kann.  Den  Übergang  beider 
Gruppen  bilden  die  subcutanen  Verletzungen  der  innerhalb  der  Bauch- 
wandungen gelegenen  Organe.  Aus  leichtbegreiflichen  Gründen  konnte  von 
einer  Therapie  der  intraabdominalen  Verletzungen  und  der  Geschwürs- 
perforationen erst  in  der  antiseptischen  Ära  der  Chirurgie  die  Rede  sein, 
wenn  den  Patienten  durch  den  therapeutischen  Eingriff  nicht  mehr  Schaden 
zugefügt,  als  Nutzen  gebracht  werden  sollte. 

Es  ist  wohl  selbstverständlich,  dass  die  Frage  nach  der  zweckmäßigsten 
Behandlung  der  offenen,  intraabdominellen  Verletzungen  sich  seit  jeher  den 
Chirurgen  mit  unabweislicher  Strenge  aufdrängte,  doch  waren  sich  die 
Chirurgen  früherer  Zeiten  der  fast  bis  zur  absoluten  Letahtät  gesteigerten 
Gefährlichkeit  der  Encheiresen  am  Bauchfell  so  wohlbewusst,  dass  bei 
offenbar  verlorenen  Fällen  wegen  Aussichtslosigkeit  des  Eingriffes  nichts 
unternommen  wurde,  bei  Fällen  dagegen,  welche  nur  irgend  einen,  selbst 


über  Peritüiiifis  nach  Contiiiuitiltstrciinungen  des  Magendarmciuuils.  503 


schwachen  Hoffnungsstrahl  auf  Genesung  bei  vollständiger  therapeutischer 
Abstinenz  gewährten,  wieder  kein  Eingriff  gewagt  wurde,  weil  man  seine 
Gefährlichkeit  kannte.  Es  ist  deshalb  nicht  erstaunlich,  dass  bis  auf  ver- 
einzelte Fälle  und  Beobachtungen  ausnahmsweise  waghalsiger  Chirurgen 
ein  einheitliches,  abstinentes  Verhalten  die  Regel  war.  Erst  als  durch  andere 
intraperitoneale  Operationen  die  Gefahrlosigkeit  der  Eingriffe  am  Peritoneum 
bei  sorgfältiger  Vorbereitung  und  Durchführung  wiederholt  erkannt  wurde, 
konnte  die  Frage  aufgeworfen  werden,  ob  nicht  durch  einen  rechtzeitigen 
Eingriff' jene  Fälle  gerettet  werden  könnten,  welche  bei  dem  früheren  Verhalten 
tödtlich  endeten,  trotz  ihres  anfangs  scheinbar  nicht  alarmierenden  Verlaufes. 

Sehr  naheliegend  war  diese  Frage  natürlich  dort,  wo  sich  intra- 
abdominelle Verletzungen  besonders  häuften,  wie  im  Kriege.  Bedenkt  man. 
dass  die  Mortalität  der  Bauchschusswunden 

im  Krim-Kriege  bei  den  Franzosen    91'7o/o  (1854), 

„     „    Engländern  92-5''/o  „ 
im  amerikanischen  Rebellionskriege      87  "/o  (1864), 
natürlich  unter  expectativer  Behandlung,  betrug,  so  war  unter  antiseptischer 
Behandlung  und  zweckmäßiger  Intervention  nur  ein  Fortschritt  zu  erzielen ! 

Wenn  sich  nun  gegen  den  äußersten  und  entgegengesetzten  Stand- 
punkt, nämlich  jede  penetrierende  Bauchschusswunde  sofort  zu  laparotomieren, 
eine  Opposition  geltend  machen  konnte,  so  beruhte  dies  auf  dem  Umstände, 
dass  experimentell  an  Thieren  und  erfahrungsgemäß  an  Verletzten  ein  ge- 
wisser Percentsatz  der  Bauchverletzungen  ohne  jede  Verletzung  des  Bauch- 
höhleninhaltes abläuft,  in  welchem  Falle  —  Blutungen  ausgenommen  — 
die  Laparotomie  überflüssig  gewesen  wäre.  So  fand  Henko  in  95  Ver- 
suchen, in  denen  er  einen  16  nvm  dicken  Eisenstab  mit  einer  dreikantigen 
zugeschliffenen  Spitze  in  verschiedenen  Regionen  der  Bauchhöhle  durch- 
stieß, dass  in  16  Fällen  keine  Darmschlingen  verletzt  waren.  Dies  passierte 
besonders  bei  Verletzungen  des  Epigastriums  und  bei  nicht  geblähten  Darm- 
schlingen. P.  Ziegler  wiederholte  diese  Versuche  mit  einem  10  cm 
langen  Messer  (Knicker)  und  fand  unter  100  Experimenten  47mal  keine 
Verletzung.  Reclus  untersuchte  123  Bauchverletzungen  vor  oder  nach 
dem  Tode  und  fand  in  12''/o  den  Darmtractus  intact.  Auch  Postempsky, 
ein  Hauptvertreter  der  absoluten  Intervention,  konnte  unter  58  eigenen 
Laparotomien  wegen  penetrierenden  Bauchwunden  22mal  die  Eingeweide 
als  unverletzt  constatieren. 

Diesem  Befunde  würde  also  ein  derartiges  Vorgehen  entsprechen,  dass 
ein  Theil  der  Verletzungen,  jene  mit  bestimmteren  Symptomen,  laparotomiert, 
dagegen  jene  mit  negativem  objectiven  Befunde  expectativ  behandelt  werden 
sollten  (relative  Intervention). 

Daneben  gibt  es  sogenannte  absolute  Interventionisten,  zu  denen  her- 
vorragende Vertreter  der  Chirurgie  aller  Nationen  gehören,  wie  Parkes, 


[)0i        Über  Peritonitis  nach  Continuitätstrennungen  des  Magendarmcanals. 


Bryant,  Mac  Cormac,  Back  er.  Postempsky,  Terrier,  Pozzi. 
Chaput.  Von  diesen  Forschern  sind  statistische  Zusammenstellungen  ge- 
liefert worden,  deren  wertvollste  eigentlich  jene  Postempsky 's  ist.  Bei 
Gelegenheit  des  Congresses  der  italienischen  Chirurgen  1891  berichtete 
Postempsky,  dass  er  von  den  letzten  58  Bauchverletzungen,  welche  er 
in  seiner  neuerbauten  Klinik  in  Rom  stets  sofort  laparotomierte,  48  Kranke 
am  Leben  erhielt  (=  82-8 %  Heilungen),  während  er  von  den  früheren 
625  Fällen,  die  er  expectativ  behandelte,  schon  bei  einfachen  Verletzungen 
60 — 70%,  bei  complicierten  100°/o  Mortalität  beobachtete.  Wenn  auch 
einige  Reihen  von  Thierexperimenten,  z.B.  jene  Schacliner's,  der  31  Hunde 
mit  Laparotomie,  5  expectativ  behandelte,  nachdem  er  sie  angeschossen 
hatte  und  hiebei  von  den  ersteren  17,  von  den  zweiten  1  rettete,  zu  Gunsten 
der  absoluten  Intervention  zu  sprechen  scheinen,  so  darf  nicht  verschwiegen 
werden,  dass  auch  ganz  widersprechende,  am  Menschen  und  am  Versuchs- 
thiere  gewonnene  Zusammenstellungen  vorliegen.  Diese  unsichere  Ziffern- 
grundlage, die  Möglichkeit,  dass  man  eine  eingreifende  Suche  nach  Ver- 
letzungen anstellt,  welche  gar  nicht  vorliegen,  dass  auch  thatsächlich  ein 
nicht  unbedeutendes  Percent  von  penetrierenden  Bauchverletzungen  be- 
obachtet wird,  bei  denen  kein  Baucheingeweide  tangiert  wurde,  dass  ein- 
fachere Verletzungen  nicht  selten  spontan  ohne  operative  Nachhilfe  heilen 
können,  die  nicht  gerade  ermunternden  Erfolge  mancher  absoluten  Inter- 
ventionisten (Stimson  z.  B.,  der  65"/|)  Mortalität  bei  Abstinenz,  81'2Yo  bei 
Intervention  beobachtete),  alles  dies  wird  die  allgemeine  Anerkennung  der 
Berechtigung  einer  sofortigen  Laparotomie  bei  Bauchverletziingen  hinaus- 
schieben und  dies  umsomehr,  als  ja  bei  Anerkennung  des  Principes  der 
relativen  Intervention  die  Heilung  der  Bauchverletzungen  ohne  Eingeweide- 
läsion und  jener  mit  einfacheren  Wunden  der  Bauchorgane  nicht  aus- 
geschlossen, sondern  sehr  wahrscheinlich  ist;  weiter  aus  dem  Grunde,  als 
ja  auch  die  Verhältnisse  an  und  für  sich  bei  vielen  Bauch  Verletzungen  die 
unmittelbare  Intervention  (z.B.  wegen  mangelhafter  hygienischer  Verhältnisse, 
fehlender  persönlicher  Übung,  ungenügender  Assistenz,  Hilfsmittelausstattung 
etc.)  verbieten  werden,  \md  endlich  aus  dem  Grunde,  weil  beim  ruhigen 
Anfangsverlaufe  und  späterer  Verschlimmerung  eine  Laparotomie  immer 
noch  ein  gutes  Resultat  liefere,  sofern  unterdessen  alles  auf  die  Möglichkeit 
einer  Intervention  vorbereitet  worden  ist.  Man  wird  in  solchen  Verhält- 
nissen unter  denselben  Verhältnissen  operieren,  wie  wenn  bei  einer  frischen 
Verletzung  wohl  definierte  Zeichen  einer  Verletzung  vorliegen,  die  sofortige 
Intervention  erfordern  würde,  nur  dass  jetzt  keine  gefährlichen  Improvi- 
sationen erforderlich  sind. 

Eine  Zusammenstellung  von  Lühe  1892  illustriert  übrigens,  wie  groß 
unter  sonst  gleichen  Verhältnissen  der  Einfluss  der  Zeit  ist,  in  welcher 
derartige  Verletzungen  nach  ihrem  Entstehen  versorgt  werden:  91  Schuss- 


über  Peritonitis  nach  Continuitätstrenniiugen  des  Magendarmcanals.  505 


wunden,  operiert  innerhalb  der  ersten  12  Stunden,  hatten  58"2''/o.  39  Fälle, 
welche  später  versorgt  wurden,  bereits  TO-ö^/o  Mortalität. 

Hiemit  hat  sich  der  Verfasser  wohl  klar  genug  als  Gegner  der  Ab- 
stinenz und  als  Anhänger  der  bedingten,  relativen  Intervention  declariert. ' 

Die  Senn 'sehe  Methode  (Einblasung  von  Wasserstoffgas  ins  Rectum 
behufs  Constatierung  von  Darmverletzungen)  hat  trotz  ihrer  enthusiastischen 
Aufnahme  am  Berliner  internationalen  Congress  keinen  Bestand  gehabt, 
da  man  ihr  vorwarf,  dass  sie  unsicher,  unverlässlich  sei,  durch  Ausdehnung 
der  Därme  eine  nachfolgende  eventuelle  Operation  erschwere,  Darminhalt 
in  die  freie  Bauchhöhle  entleere,  bereits  stattgefundene  Verklebungen  zer- 
reiße, abgesehen  davon,  dass  sie  nicht  jedermann,  immer  und  überall  zur 
Verfügung  stehe. 

Die  durch  rationelle  Intervention  bei  penetrierenden  Bauchverletzungen 
erzielten  Erfolge  brachten  auch  die  Frage  nach  dem  zweckmäßigsten  Ver- 
halten bei  subcutanen  Continuitätstrennungen  am  Magen- 
darm canal  in  Fluss. 

Hier  konnte  es  sich  freilich  nur  um  Fälle  handeln,  welche  bereits 
durch  bestimmte  Symptome  auf  eine  Continuitätstrennung  des  Digestiv- 
tractus,  eventuell  auch  anderer  Baucheingeweide  (Gallenblase,  Harnblase  etc.) 
hinwiesen. 

Infolge  der  angeführten  Gründe  begegnen  wir  auch  bei  der  Begut- 
achtung der  subcutanen  Verletzungen  der  Bauchorgane  dieselbe  Unsicherheit, 
wie  bei  der  Beurtheilung  der  penetrierenden  Bauchverletzungen,  welche  da 
wie  dort  dahin  charakterisiert  werden  kann,  dass  kein  verlässliches  Symptom 
eigentlich  bindend  vorhanden  sein  muss,  durch  welches  die  Schwere  der 
Verletzung  bestimmt  und  von  welchem  die  Prognose  abhängig  gemacht 
werden  könnte.  Dasselbe  wird  gesagt  durch  die  Formel,  dass  eine  vehemente 
Gewalteinwirkung  nur  von  unbedeutender  Reaction  gefolgt  sein  kann, 
während  ein  leichter  Insult  zu  den  ernstesten  Befürchtungen,  sogar  ums 
Leben  des  Verletzten  führen  kann.  Kann  man  aber  die  Dignität  der  Ver- 
letzung in  ihrem  ganzen  Umfange  nicht  sicher  taxieren,  so  ist  auch  die 
Vorhersage  über  ihren  Verlauf,  daher  auch  die  Wahl  über  die  therapeutischen 
Maßnahmen  eine  unverlässliche.  Deswegen  kann  es  auch  hier,  ebenso  wie 
bei  den  penetrierenden  Bauchverletzungen,  vorkommen,  dass  gleich  nach 
der  Gewalteinwirkung  ein  operativer  Eingriff  nothwendig  zu  sein  scheint 
und  auch  unternommen  wird,  der  sich  nachträglich  als  unnütz  erweist, 
ebenso  wie  der  Beobachter  durch  plötzlichen  letalen  Ausgang  bei  einem 
Falle  überrascht  wird,  der  anfänglich  zu  keinen  Besorgnissen  Veranlassung 
zu  geben  schien. 

Es  kann  uns  demnach  nicht  Wunder  nehmen,  dass  es  auch  hier  ein 
Lager  der  absoluten  Interventionisten  gibt,  welches  dem  der  reinen  Ex- 
spectanten  (Abstinenten)  schroff  gegenübersteht,  zwischen  denen  wieder  die 


5ü6         Über  Peritonitis  nach  Coiitinuitiitstreiinungen  des  Magendarmcauals. 


relativen  Interventionisten  oder  die  Anhänger  der  Exspectation  armee  zu 
vermitteln  suchen. 

Wenn  wir  abermals  auf  statistische  Angaben  recurrieren  wollen,  so 
könnten  wir  die  von  M  i  c  h  a  u  x  auf  dem  Congresse  der  französischen  Chirurgen 
(1897)  angeführten  Zahlen  eitleren.  Es  wurden  289  Verletzungen  zusammen- 
getragen: hievon  wurden  254  abstinent  behandelt,  wodurcli  178  Heilungen 
erzielt  und  wobei  76  Todesfälle  beobachtet  wurden.  Bei  35  ausgeführten 
Laparotomien  beobachtete  man  25  Todte  und  10  Heilungen.  Unter  den 
letzteren  25  Laparotomien  mit  letalem  Ausgange  wurden  16  bei  voll  ent- 
wickelter Peritonitis  ausgeführt.  Auch  wenn  wir  diese  Fälle  als  mit  größter 
Wahrscheinlichkeit  verloren  ausscheiden,  hätten  wir  9  Todesfälle  auf 
10  Heilungen;  auch  da  wäre  die  expectative  Therapie,  wenn  man  so  sagen 
darf,  überlegener  über  jene  der  absoluten  Intervention.  Diese  Ziffern  ver- 
lieren aber  sofort  jedwede  Beweiskraft,  sobald  durch  unnütz  ausgeführte 
Laparotomien  nachgewiesen  wird,  dass  man  auch  bei  recht  ernsten  Sym- 
ptomen fallweise  sich  überfiüssigerweise  zu  einem  operativen  Eingriff  ver- 
leiten lassen  kann.  Dass  ähnliche  Fälle  und  demnach  noch  eher  leichtere 
dieser  Art  auch  unoperiert  genesen  können,  '  ist  nur  zu  natürlich  und  be- 
nimmt den  oben  angezogenen  Ziffern  jedwede  Bedeutung.  Petry  sammelte 
jüngst  199  subcutane  Darmrupturen,  von  diesen  wurden  160  expectativ 
behandelt:  hiebei  endeten  149  mit  Tod  und  11  mit  Genesung.  Bei  122 
bestand  von  Anfang  an  diffuse,  septische  Peritimitis.  (Von  26  Magenver- 
letzungen heilten  13,  starben  13;  von  den  letzteren  11  an  diffuser  Peritonitis.) 
Von  den  übrigen  (39.  mit  den  Rehn'schen  und  Körte'schen  Fällen) 
42  Fällen  von  Darmruptur  starben  28  und  genasen  14.  Von  den  18  inner- 
halb der  ersten  24  Stunden  Operierten  genasen  8  und  starben  10  Fälle, 
von  den  24  später  Operierten  endeten  6  mit  Genesung  und  18  mit  Tod. 

Soll  die  Statistik  eine  brauchbare  Ziffernunterlage  liefern,  dann  müssen 
nur  gleichartige  Fälle  untereinander  verglichen  werden  und  es  muss  einer 
weiteren  Arbeit  vorbehalten  werden,  derartige  zuverlässige  Reihen  zu- 
sammenzustellen, wiewohl  schon  an  dieser  Stelle  nicht  geleugnet  werden 
darf,  dass  es  zweifellos  recht  schwer  halten  wird,  zu  den  abstinent  be- 
handelten, geheilten  Bauchverletzungen  gleichartige  Parallelreihen  sofort 
laparotomierter  Fälle  zu  finden,  da  unter  jenen  in  der  Mehrzahl  der  Fälle 
die  Diagnose  nicht  sicher  gestellt  worden  sein  dürfte. 

Im  Verhalten,  sowohl  den  penetrierenden  als  den  subcutanen  Bauch- 
verletzungen gegenüber,  müssen  wir  aber  in  der  letzten  Zeit  dennoch  einen 
Fortschritt  verzeichnen,  insofern,  als  man  beginnt,  die  erwähnten  Verletzungen 
nicht  in  Bausch  und  Bogen  abzuhandeln,  sondern  unter  ihnen  Kategorien, 
meist  nach  dem  Entstehungsmechanismus  zu  unterscheiden.  In  dieser  Richtung 
ist  hauptsächlich  die  Publication  P.  Ziegler's  (München)  1893  erwähnens- 
wert, welcher  z.  B.  zu  folgenden  Schlussätzen  gelangt: 


über  Peritonitis  nach  Continuitätstrennungen  des  Magendarnicanals.  507 


Er  verlangt  die  sofortige  Intervention  bei  den  penetrierenden  Baucli- 
wunden  auch  ohne  Nachweis  einer  inneren  Verletzung: 

1.  für  alle  Verletzungen  mit  großen  Stich-  und  Schnittwaffen,  wenn 
nicht  schon  die  äußere  Wunde  durch  ihre  Größe  genügende  Übersicht 
gewährt; 

2.  für  alle  Schussverletzungen; 

3.  für  alle  Stichverletzungen  mit  kleinen  Instrumenten  sofortige  Er- 
weiterung der  Wunde,  an  die  sich  dann,  wenn  nöthig,  die  sofortige  Laparo- 
tomie anschließen  kann. 

Man  ersieht  hieraus,  dass  der  Autor  auf  dem  äußersten  Flügel  der 
absoluten  Interventionisten  steht.  Wir  möchten  auch  für  diese  Auffassung 
der  Dinge  stets  noch  einen  Zusatz  als  unerlässliche  Bedingung  des  ge- 
schilderten Vorgehens  verlangen,  nämlich  den,  „wenn  der  Eingriff  unter 
günstigen  hygienischen  Bedingungen,  bei  genügender  persönlicher  Schulung 
des  Operateurs  und  der  Assistenz  vorgenommen  werden  kann".  Sind  solche 
nicht  vorhanden,  so  sind  wir  auch  bei  Vorhandensein  bedrohlicher  Er- 
scheinungen entweder  für  Abstinenz  oder  für  Aufschiebung  des  Eingriffes, 
bis  genügend  verlässliche  anti-  oder  aseptische  Verhältnisse  geschaffen  werden 
können,  und  dies  aus  dem  Grunde,  weil  man  sonst  dem  Patienten  nicht  nützt, 
sich  selbst  und  dem  Rufe  der  Methode  entschieden  schadet;  dies  gilt  be- 
sonders von  den  Kriegsschussverletzungen. 

Von  den  subcutanen  Bauchverletzungen  fordern  wieder  die  durch 
Hufschlag  entstandenen  durch  ihre  Häufigkeit,  Concentration  auf  ein  be- 
schränktes Terrain  und  die  Schwere  der  Erscheinungen  eine  besondere  Be- 
rücksichtigung heraus.  Aus  diesen  Gründen  werden  dieselben  bei  Discussion 
der  subcutanen  Bauchverletzungen  besonders  hervorgehoben,  wie  es  von 
mehreren  Chirurgen,  welche  dem  französischen  Congresse  1897  beiwohnten, 
geschah.  So  empfiehlt  Nimier  folgendes  Vorgehen: 

Er  verlangt  vor  allem  —  und  dies  unter  unserer  und  gewiss  aller 
erfahrenen  Praktiker  Billigung  — ,  dass  der  durch  Hufschlag  Verletzte 
sofort  ins  Spital  transportiert  werde.  Hier  wird  die  Anamnese  und  der 
Status  praesens  genau  aufgenommen.  Sodann  wird  eine  Permanenzbeobachtung 
des  Verletzten  eingeführt,  alle  zwei  Stunden  wird  die  Temperatur,  die 
Respiration  und  der  Puls  notiert  mit  ihren  wechselnden  Charakteren,  und 
die  örtlichen  und  allgemeinen  Erscheinungen  aufgezeichnet;  diese  Beobachtung 
soll  nicht  vom  leitenden  Arzte  selbst  durchgeführt  werden,  sondern  derselbe 
soll,  sobald  ein  neues  Symptom  (besonders  galliges  Erbrechen)  auftritt,  herbei- 
gerufen werden,  er  wird  den  Zustand  schärfer  beurtheilen  können,  wenn 
er  nach  2 — 3  stündigen  Pausen  erscheint.  Sobald  die  peritoneale  Reaction 
oder  die  allgemeine  Infection  unzweifelhaft  sind,  soll  der  Operateur  ein- 
greifen. Es  ist  dies  also  die  Vorschrift  der  secundären  Laparotomie  für  die 
zweifelhaften  Fälle. 


5U8        über  Peritonitisi  nach  Continuitiitstrennuiigen  des  Magendavmcaiials. 


Hiemit  ist  also  ein  gleichmäßiges  Vorgehen  der  vermittelnden  Partei 
für  beiderlei  Arten  der  Bauchverletzungen  in  Vorschlag  gebracht,  und  es 
ist  Aufgabe  der  künftigen,  nach  diesen  Anschauungen  geleiteten  Therapie 
dieser  Traumatismen   für  oder  wider  diese  Vorschriften  zu  entscheiden. 

Welche  sind  nun  die  Zeichen,  welche  primär  vorhanden,  uns  sofort 
zur  Laparotomie  Röthigen  oder  secundär  durch  ihr  Auftreten  uns  zu  einer 
solchen  veranlassen? 

Vor  allem  dürfen  wir  uns  durch  die  Erscheinungen  des  peritonealen 
Shocks  nicht  irreleiten  lassen,  während  welches  auch  eine  Probeincision 
mit  Narkose  keinen  gleichgiltigen  Eingriff  darstellt,  jedenfalls  aber  auch 
bei  Vorhandensein  positiver  Symptome  einer  Magendarmverletzung  den 
dringend  indicierten  Rettungsversüch  wesentlich  ernster  macht. 

In  zweiter  Reihe  ist  wohl  das  Vorliegen  einer  abundanteneren  Blutung, 
wie  sie  bei  Bauchverletzungen  beiderlei  Kategorien  nicht  selten  durch  An- 
stich oder  Zerreißungen  der  Gefäße  vorzukommen  pflegt,  auszuschließen. 
Tastbare  Hämatome  um  die  Nieren,  Milz,  sofort  nachweisbare  Flüssigkeits- 
ansammlungen im  Bauchraume,  eventuell  mit  Aspiration  von  Blut,  mit 
zunehmender  Blässe  und  Ohnmachtsneigung,  lassen  aüf  Blutungen  schließen. 
Erfolgreich  ausgeführte  Unterbindungen  von  Gefäßen,  welche  Darmresectionen 
nothwendig  machen  können,  in  anderen  Fällen  Naht  (bei  Nierenblutungen), 
ja  sogar  Exstirpation  der  Organe  (Milzblutungen)  können  dringend  noth- 
wendig werden. 

Wenn  wir  an  dieser  Stelle  nur  die  Symptome  einer  Magendarmver- 
letzung berücksichtigen  (jene  der  Blasen-  Nieren-,  Gallenblasen-,  Leber- 
u.  s.  w.  Verletzung  vernachlässigend),  so  muss  zugestanden  werden,  dass  es 
ein  stets  vorhandenes  untrügliches  Zeichen  einer  solchen  nicht  gibt.  Bald 
sind  es  Zeichen,  welche  eine  Missdeutung  absolut  ausschließen  (Vorfall  der 
verletzten  Schlinge,  Ausfluss  von  Magendarminhalt,  freies  Gas  in  der  Bauch- 
höhle mit  Abdrängung  der  Leber  und  ähnl.),  bald  fehlt  primär  überhaupt 
jedwede  auf  eine  Continuitätstrennung  des  Magendarmcanals  hinweisende 
Erscheinung.  Dazwischen  gibt  es  eine  ganze  Reihe  von  Symptomen,  welche 
immerhin  noch  Zweifel  zulassen.  So  fehlt  z.  B.  selten  die  Schmerz- 
haftigkeit,  sie  kann  jedoch  circumscript  oder  diffus,  spontan  vorhanden 
sein  oder  durch  Betastung  hervorgerufen  werden,  sie  kann  anhaltend  oder 
vorübergehend  sein,  dauernd  oder  anfallsweise  auftreten.  Oberflächliche 
Bauchdeckenschwellung  oder  leichter  Meteorismus  klären  unsere  Zweifel 
nicht  auf,  ebensowenig  wie  ein-  oder  zweimaliges  Nahrungserbrechen.  Daneben 
gibt  es  jedoch  Zeichen,  welche  unsere  Entscheidung  für  eine  Magendarm- 
verletzung positiv  beeinflussen,  wozu  wir  abnehmende  Körperwärme,  Blässe 
der  Haut,  schwachen,  schwindenden  Puls  mit  hoher  Frequenz,  beschleunigte 
Respiration,  Angst,  muskuläre  Unruhe  rechnen ;  weiter  eine  eigenthümliche  Starre 
(gewissermaßen  Schutzcontraction)  der  Bauchwand  mit  oder  ohne  Meteorismus, 


über  Peritonitis  nach  Contimiitätstrennungen  des  Magendarmcanals.  509 


sogar  ausnahmsweise  mit  kahnförmiger  Einziehung  derselben ;  endlich 
dirimieren  natürlicherweise  blutiges  Erbrechen,  blutige  Stühle.  Gasaustritt 
mit  Schwinden  der  Leberdämpfung  und  Auftreten  einer  eigenthümlichen, 
trommelärtigen,  gleichmäßigen  Sonorität  über  der  vorderen  Bauchwand, 
Emphysem  der  Wundumgebung.  Ausfließen  von  Magendarminhalt  für  eine 
Verletzung    des  Magendarmcanals 

und  daher  für  sofortigen  Eingriif.  -^^„^       .„^^gi^  ,  , 

Bevor  wir  auf  die  Technik 
des  letzteren  eingehen,  welche  an" 
jene  des  Radicaleingriffes  bei  Ileus 
erinnert,  wollen  wir  der  letzten, 
eine  Perforativperitonitis  an- 
regenden Gruppe  der  Contimiitäts- 
trennungen am  Magendarmcanal 
gedenken,  welche  wir  als  spontane, 
pathologische,  dem  Wesen  nach  als 
geschwürige  Läsionen  des 
Digestivtractus  bezeichnen  wollen. 

Zu  einem  gewissen  Theile 
gehören  hierher  auch  alle  Fälle 
eines  vorgeschritteneren  Strangu- 
lationsileus,  dann  jene  Fälle  des 
Obturationsileus,  welche  zur  Bildung 
von  stercoralen  Geschwüren  führen 
(siehe  Fig.  121),  in  denen  auch 
thatsächlich  die  Perforation  öfters 
aufzutreten  pflegt  (daneben  freilich 
auch  in  den  vom  primären  Krank- 
heitsherd ergriffenen  Darmtheile, 
also  auch  mitten  in  einer  luetischen 
oder  carcinomatösen  Darmstrictur); 
weiter  gehören  von  den  bereits  in 
diesem  Capitel  besprochenen  Krank- 
heitszuständen,  also  Verletzungen, 
jene  her,  welche  nach  Piotrowski 

so  erklärt  werden  müssen,  dass  ursprünglich  der  mäßig  gefüllte  Darm 
durch  die  Gewalteinwirkung  gegen  die  harte  Unterlage  der  Wirbelsäule 
und  Beckenknochen  gedrückt  wurde,  was  zur  Störung  der  Circulations- 
verhältnisse  eines  bestimmten  Darmtheiles  fährte,  welcher  durch  nach- 
trägliche Nekrose  sich  exfoliierte  und  hiedurch  zur  Perforationsperitonitis 
Anlass  gab,  nachdem  einige  Tage  verhältnismäßig  ruhigen,  symptomlost>n 
Verlaufes  vorausgegangen  waren. 


Fl;/.  121. 

Zahlreiclie  stercorale  Gesclivviire  in  verschie- 
denen Eutwickehingsstadien.  Bei  <(  =  3  Ge- 
schwüre übereinander  perforiert,  durch  dünne 
Brücken  voneinander  getrennt.  Beobachtet 
bei  narbiger  Stenose  der  Flexur  (siehe  Fig.  III 
anf  Seite  458  und  Fig.  112  auf  Seite  459). 


510 


über  Peritonitis  nach  Continiiitätstrennungen  des  Magendarmcanals. 


Abgesehen  von  diesen  Fällen,  gehören  zu  dieser  Gruppe  alle  jene 
Fälle  von  Perforationsperitonitiden,  die  durch  Zerfall  eines  die  sämmtlichen 
Schichten  des  Magendarmcanales  durchdringenden  Geschwüres  angeregt 
wurden.  Es  wären  also  an  dieser  Stelle  zuerst  freilich  alle  jene  Geschwürs- 
processe  zu  nennen,  welche  im  Verlaufe  einer  —  hauptsächlich  incarcerierten 
—  Hernie  vorzukommen  pflegen  und  welche  entweder  bloß  in  der  Gegend 
der  Schnürfurche  des  Incarcerationsringes,  aber  auch  im  Verlaufe  der  Bruch- 
schlinge vorzuliommen  pflegen  und,  wie  bereits  angeführt  wurde,  sowohl 
an  der  Mucosa,  als  an  der  Serosa  beginnen  können,  um  dann  auch  die 
übrigen  Darmschichten  zu  verzehren.  Sodann  würden  die  stercoralen  Ge- 
schwüre Erwähnung  verdienen,  welche  ab  und  zu  am  zuführenden  Schenkel 
bis  weit  vom  Bruche  ab  beobachtet  werden. 

Häufiger  jedoch  als  diese  —  bei  richtiger  Führung  der  Hernien- 
behandlung  leicht  zu  vermeidenden  —  Vorkommnisse  bei  Hernien  sind  die 
sonstigen  geschwürigen  Magendarmperforationen.  Es  wären  hier  an  erster 
Stelle  die  Perforationen  zu  nennen,  welche  infolge  eines  Ulcus  rotundum 
des  Magens  oder  des  Duodenums  nebst  seinen  Folgen  auftreten.  Wir  werden 
sehen,  dass  es  speciell  ein  Fall  von  Magenruptur  war.  an  welcher  der  erste 
therapeutische  Versuch  gemacht  wurde  (1880,  Mikulicz).  Wenn  auch 
natürlicherweise  die  Resultate  der  chirurgischen  Behandlung  eines  per- 
forierten Magengeschwüres  kaum  je  glänzend  zu  nennen  sein  werden,  so  ist 
schon  der  Erfolg  der  von  Pariser  (1895)  zusammengestellten  43  Operationen, 
welche  11  Heilungen,  und  der  von  Comte  (1895)  ziisammengetragenen 
65  Fälle  mit  19  Heilungen  ein  immerhin  achtungswerter,  da  ja  die  be- 
treffenden Patienten  unentrinnbar  dem  Tode  verfallen  wären.  Besonders 
Geschwüre  der  vorderen  Wand  sind  in  dieser  Richtung  äußerst  gefährlich. 

In  ähnlicher  Weise  werden  gleichartige  Geschwürsperforationen  des 
Duodenums  in  neuester  Zeit  in  Angriff  genommen  (Tavel-Lanz,  Festal 
und  and.),  doch  sind  die  betreffenden  Beobachtungen  zu  selten,  als  dass  sie 
ein  ungefähres  Bild  der  Aussicht  auf  Erfolg  wiederspiegeln  würden.  Ein  vor- 
übergehender Erfolg  der  Übernähung  eines  perforierten  Duodenalgeschwüres 
wird  von  Landerer -Glücksmann  (1896)  gemeldet. 

Eine  zweite,  vielleicht  noch  reichlichere  Quelle  für  Perforationen  ist  die 
Appendicitis  suppurativa  et  A.  gangrainosa.  Abermals  war  es  Mikulicz, 
welcher  durch  einige  Operationen  von  Peritonitis-perforativa-Fällen  nach 
Appendicitis  die  Chirurgen  zum  activeren  Vorgehen  auf  diesem  Felde  an- 
regte, nachdem,  wie  es  scheint,  B  o  u  i  1 1  y  die  erste  derartige  Operation  ge- 
wagt hatte.  Bouilly  erzielte  bei  11  Operierten  6  Genesungen,  dagegen 
Mikulicz  unter  14  Fällen  nur  3,  Jalaguier  bei  14  Fällen  auch  nur  2 
(sämmtlich  bei  Kindern),  während  wieder  Lawson  Tait  unter  10  Fällen 
7mal  Heilung  erzielte.  Kr  ecke  (1891)  fand  für  36  Fälle  von  Wurmfortsatz- 
peritonitis  19  Todesfälle.  Man  müsste  sich  eben  auch  in  dieser  Beziehung 


über  Peritonitis  nach  Continuitätstrennungen  des  Magendarmcanals.  511 


streng  einigen,  was  man  unter  einer  Peritonitis  perforativa  verstehe:  ob 
eine  bereits  generalisierte  oder  circumscripte  Form,  oder  beide:  im  letzteren 
Falle  müsste  man  die  Fälle  in  zwei  Classen  scheiden,  je  nachdem  die  Ent- 
zündung noch  begrenzt  oder  schon  diffus  wäre.  Allgemein  wird  zugegeben, 
dass  die  fast  exsudatlose,  anatomisch  kaum  durch  Trübung  der  Serosa  und 
wenig  Flüssigkeit  im  Douglas  gekennzeichnete,  wahrscheinlich  durch  Re- 
sorption von  giftigen  Stoffen  (Ptomainen)  rasch  tödtende  Peritonitis  kaum 
Gegenstand  eines  chirurgischen  Eingriffes  werden  dürfte,  während  die  La- 
parotomie bei  der  sogenannten  pregredienten  eitrigen  Peritonitis  (Mikulicz) 
Aussicht  auf  Erfolg  hätte.  Offenbar  hängt  auch  dann  der  Ausgang  davon 
ab,  ob  die  Eiterung  bereits  Orte  ergriffen  hat,  welche  durch  Drainage  und 
Irrigation  auch  nach  der  Operation  und  Reposition  der  Därme  leicht  be- 
herrscht werden  können.  Gelingt  die  Etablierung  günstiger  Verhältnisse  in 
dieser  Beziehung  nicht,  so  dürfte  auch  die  vorausgegangene  Laparotomie 
keinen  definitiven  Erfolg  haben. 

Gegen  die  Häufigkeit  der  Peritonitis  bei  Wurmfortsatzperforationen 
treten  die  Fälle  von  Bauchfellentzündungen  infolge  anderer  Processe  wesent- 
lich zurück.  So  gehören  Perforationen  syphilitischer,  dysenterischer  und 
tuberculöser  Darmgeschwüre  zu  den  Ausnahmen,  wahrscheinlich  deshalb, 
weil  ihr  allmähliches  Indietiefegreifen  doch  eher  die  Entwickelung  von  ab- 
schließenden Adhäsionen  befördert. 

Eine  Kategorie  von  Geschwüren  bekundet  jedoch  eine  ausgesprochene 
Tendenz  zu  Perforationen;  es  sind  dies  die  typhösen  Ulcera.  Wenn  wir  be- 
denken, dass  Ferrarosi  1  Fall,  Körte  2  Fälle  (1892),  Mikulicz  3,  der 
Verfasser  auf  seiner  Klinik  4  einschlägige  Fälle  operiert  hat,  so  stehen 
dieselben  manchen  anderen  Ileusursachen  in  der  Zahl  gewiss  nicht  nach. 
Es  eher  (in  Triest  1887)  untersuchte  die  Todesursache  bei  764  Typhvis- 
fällen  im  Triester  Hospital  (1875 — 1884)  und  fand  146  Todesfälle,  wovon 
16  an  Darmperforation  (=  11  "/o),  welche  Zahl  mit  der  von  Lieber meister 
angegebenen  (8 — 12'*/o)  ziemlich  übereinstimmt.  Die  Zusammenstellung  der 
betreffenden  Operationen  von  Gesselewitsch  und  W  an  ach  berichtet 
über  63  Operationen  mit  11  Heilungen. 

Dass  die  Erfahrungen  und  technischen  Operationsverbesserungen,  welche 
man  bei  der  Gastrointestinalperitonitis  gewinnt,  auch  auf  die  sonstigen 
Peritonitisformen  aus  anderen  Ursachen  übertragen  und  versucht  werden 
können,  ist  außer  allem  Zweifel,  besonders  da  eine  spontane  Ausheilung 
nur  in  den  allerseltensten  Fällen  vorkommen  dürfte. 

Wir  schreiten  nun  zum  letzten  Absätze,  nämlich  zur  Erörterung  der 
zweckmäßigsten  Art  und  Weise  der  Ausführung  eines  operativen  Eingriffes, 
welcher  bei  einer  traumatischen  oder  geschwürigen  Magendarmruptur  noth- 
wendig  werden  kann,  und  zwar  gleich  nach  der  Verletzung,  wenn  bestimmte 
Symptome  auf  eine  Verletzung  des  Digestionstractus  hinweisen,  oder  auch 


512        über  Peritonitis  nacli  Continuitiitstreiniungen  des  Magendarmcanals. 


später  im  gegebenen  Augenblick,  sobald  unter  beständiger  Beobachtung  bei 
bisher  fuhigem  Verlaufe  ein  alarmierendes  Symptom  auftritt. 

Dass  der  Eingeiff  nur  in  den  denkbar  besten  hygienischen  Bedingungen 
unternommen  werden  soll,  wurde  bereits  angedeutet,  und  sind  wir  ent- 
schiedene Gegner  der  Lühe'schen  Vorschrift,  z.  B.  bei  allen  durchbohrenden 
Bauchwunden  in  der  Krankenhaus-,  als  Landpraxis,  sowohl  im  Kriege  als 
im  Frieden,  so  früh  als  möglich  den  Bauchschnitt  auszuführen  und  halten 
diesen  Grundsatz  auch  gegenüber  den  lleusfällen  fest. 

Im  allgemeinen  liebt  man  es  nicht,  die  nothwendig  gewordene  Operation 
innerhalb  der  Dauer  des  Verletzungsshocks  zu  machen,  wiewohl  dann  auf 
möglichst  sorgfältiges  Auseinanderhalten  des  Shocks  und  der  Blutungs- 
anämie mit  ihren  Folgen  zu  dringen  ist.  Man  hat  gerathen,  im  Falle  eines 
wohlentwickelten  Shocks  die  Operation  dann  zu  unternehmen,  wenn  auf 
die  Phase  der  primären  Pulsbeschleunigung  jene  der  Puls  verlangsamung 
gefolgt  ist.  Es  soll  hier  auch  erwähnt  werden,  dass  bei  reinen  Contusionen 
des  Abdomens  ohne  Continuitätstrennung  der  Eingeweide  der  Shock  schwerer 
zu  sein  pflegt,  als  bei  Wunden  und  Rupturen  der  Organe  selbst. 

Die  Schnittfährung  kann  durch  die  bereits  vorhandene  Wunde,  oder 
die  Stelle  der  größten  Gewalteinwirkung,  endlich  bei  Geschwürsperitonitiden 
durch  den  eventuellen  diagnosticierten  Ausgangspunkt  derselben  wesentlich 
beeinflusst  werden  (bei  Appendicitis  z.  B.  im  rechten  Hypogastrium).  In 
zweifelhaften  Fällen  mache  man  eine  Medianincision,  zu  Drainierungszwecken 
oder  zur  Anlage  eines  Anus  praeternaturalis  können  dann  separate  Wunden 
angelegt  werden. 

Vielfach  wird  die  Größe  der  ersten  Incision  und  die  Art  des  Absuchens 
des  Magens  und  Darmes  nach  eventuellen  Wunden,  Rupturen  und  Per- 
forationsöffnungen, discutiert.  Die  einen  schlagen  nämlich  vor,  man  solle 
nur  eine  kleine  Incision  anlegen  und  den  nächsten  anliegenden  Darmtheil 
vorziehen,  eventuell  diese  Schlinge  durch  einen  durchs  Mesenterium  durch- 
gezogenen Jodoformstreifen  markieren  und  nun  unter  weiterem  Vorziehen 
der  nächsten  Schlinge  und  Versenken  der  bereits  abgesuchten  sowohl  gegen 
das  Cöcum  als  gegen  die  Plica  duodenojejunalis  vordringen,  wodurch  der  Dünn- 
darm absolviert  ist.  Sodann  wird  das  Colon  transversum,  endlich  der  Magen 
auf  eventuelle  C^tinuitätstrennungen  untersucht  und  bei  negativem  Resultat 
das  Colon  ascendens  und  descendens,  sowie  die  Flexur  zur  Ansicht  gebracht. 
Bei  begründetem  Verdachte,  z.  B.  Stich-  oder  Schussverletzungen  im  Epi- 
gastrium,  kann  auch  die  Reihenfolge  umgekehrt  oder  anders  sein. 

Diesem  Verfahren  gegenüber  steht  der  Rath,  die  Laparotomie,  besonders 
bei  Verletzungen  und  Geschwürsperforationen  frischen  Datums  ohne  besondere 
Peritonealerscheinungen,  dadurch  einzuleiten,  dass  eine  ausgedehnte  Incision 
in  jder  Mittellinie  angelegt  wird,  welche  zur  simultanen  Eventration  des 
ganzen  beweglichen  Bauchinhaltes,  also  hauptsächlich  des  Magendarmcanales 


über  Peritonitis  nach  Continuitätstrennimgen  des  Magendarmcanals.  513 

dienen  soll.  An  diesem  wäre  sowohl  die  Diagnose  einer  Verletzung  oder 
ülcusperforation  leichter  zu  machen:  daher  müsste  der  Eingriff  nicht  durch 
prolongiertes  Absuchen  des  Bauchinhaltes  verlängert  werden.  Es  wäre  aber 
auch  die  Reinigung  der  Darmschlingen,  sowie  des  Bauchhöhleninnern  ein- 
facher, gründlicher  ausführbar,  als  wenn  eine  gereinigte  Schlinge  wieder 
durch  die  im  Innern  befindlichen  besudelten  verunreinigt  würde.  Wir  wollen 
an  dieser  Stelle  auf  die  Untersuchungen  ReicheTs  hinweisen,  welche  es 
nahelegen,  dass  weder  durch  Ausspülen  noch  Austupfen  eine  völlige  Säuberung 
der  Bauchhöhle  herbeizuführen  ist;  ja  dass  Spülungen  leicht  eine  Weiter- 
verbreitung des  entzündlichen  Processes  veranlassen,  weiter  eine  blutige 
Exsudation  des  Bauchfelles  mit  Schädigung  des  Allgemeinbefindens  anregen. 

Es  macht  den  Eindruck,  als  ob  in  zweifelhaften  Fällen  die  erstere 
Methode  empfohlen  werden  könnte,  während  bei  primär  offenkundiger  Darm- 
magenperforation oder  Läsion  die  zweite  Methode  sofort  oder  sobald  eine 
Continuitätstrennung  sichergestellt  wäre,  wenigstens  dann  unverzüglich  in  An- 
wendung kommen  sollte.  Bei  letzterer  beließe  man  das  verletzte  Eingeweide 
außerhalb  der  Bauchhöhle  und  könnte  den  übrigen  Magendarmcanal  repo- 
nieren unter  provisorischem  Schluss  der  Bauchhöhle.  Sodann  würde  man  die 
Versorgung  des  getrennten  Magens  oder  Darmes  oder  eventuell  der  Därme 
vornehmen,  die  provisorische  Naht  lüften,  das  versorgte  Eingeweide  reponieren 
oder  einnähen  und  dann  die  Bauchwunde  ganz  oder  theilweise  schließen. 
War  Magendarminhalt  deutlich  ausgeflossen,  dann  empfiehlt  sich  ausgiebige 
Drainage  mittelst  Jodoformgazestreifen,  Jodoformdochten,  gewöhnlichen  oder 
Glasdrains.  Wir  verwenden  mit  Vorliebe  der  Länge  nach  halbierte  Drains, 
also  Gummi-  oder  Glashalbrinnen,  in  denen  das  Secret  weniger  leicht  ge- 
rinnt, also  auch  nicht  die  Drains  verstopft,  wie  es  bei  geschlossenen  Röhren 
vorkommt.  Drainierte  Wunden  behandelten  wir  gerne  im  permanenten  Wasser- 
bade, wie  es  auf  des  Verfassers  Klinik  eingerichtet  ist. 

Doyen,  welcher  das  Bestreichen  blutender  Stellen  nach  der  Methode  • 
von  Snegireff  (Moskau)  mit  hochgespanntem  Wasserdampf  empfiehlt, 
rühmt  auch  die  hochgradige  Desinfectionskraft  dieser  Bestrahlung  mit  Wasser- 
dampf, selbst  bei  bereits  entzündlichen  Veränderungen  der  Oberfläche.  Weiter 
empfiehlt  derselbe  die  Tamponade  für  ausgewählte  Fälle,  räth  aber,  die 
tamponierte  Höhle  —  als  zur  Eiterung  bestimmt  —  von  der  übrigen 
Bauchhöhle  abzuschließen.  Endlich  construierte  derselbe  ein  Drain,  welches 
mittelst  einer  Auftreibung  in  der  Bauchhöhle  fixiert  wird,  während  zwei  An- 
hängsel von  Glas  seine  Durchgängigkeit  sichern,  selbst  bei  innigem  Anliegen 
von  Darmschlingen.  Das  äußere  Ende  des  Drains  trägt  ein  sterilisiertes 
Kautschuksäckchen,  welches  die  Secrete  aufnehmen  soll.  So  ist  das  Peritoneum 
drainiert,  aber  doch  geschlossen. 

Wie  soll  man  nun  die  verletzten  oder  gerissenen  Partien  (fes  Magen- 
darmcanales  versorgen? 

May  dl,  Specielle  Chirurgie.  I.  33 


514        Über  Pei'itonilis  nach  Continuitätstrennungen  des  Magendarmcanals. 


Scharf  getrennte  Hieb-,  Stichwunden  können,  falls  sie  nicht  sugilliert 
sind,  mit  Naht  vereinigt  werden.  Contundierte,  also  hauptsächlich  Schuss- 
wunden sind  besser  anzufrischen  und  dann  zu  nähen.  Am  Magen  kann  die ' 
hiezu  nothwendige  Excision  recht  ausgedehnt  sein,  am  Darm  kann  durch 
dieselbe  eventuell  eine  totale  Darmresection  veranlasst  werden,  wobei  man 
die  Mesenterialinsertion  möglichst  schont:  ist  dies  nicht  zulässig,  so  empfiehlt 
es  sich,  behufs  Abkürzung  des  Verfahrens,  den  Murphy-Knopf  zu  applicieren. 
Rupturen  behandelt  man  ebenso,  d.  h.  näht  sie  unter  Anfrischung  der 
Ränder  oder  reseciert  am  Darme  quer  in  der  Ausdehnung  der  Ruptur.  Am 
schwersten  sind  Geschwürsperforationen  am  Darme  zu  versorgen,  wo  sie 
aber  zum  Glück  am  seltensten  vorkommen,  während  sie  am  Magen  leichter, 
am  leichtesten  am  Processus  vermiformis,  wo  sie  sich  am  häufigsten  ereignen, 
und  zwar  durch  Exstirpation  des  Wurmfortsatzes  geschlossen,  respective 
ausgeschaltet  werden  können. 

Landerer  und  Glücksmann  haben  eine  ganze  Stufenleiter  von 
Eingriffen  zusammengestellt,  mittelst  deren  Geschwürsperforationen  behandelt 
werden  können,  und  zwar: 

1.  mit  Excision  des  Ulcus,  Vernähung  der  Ränder; 

2.  übernähung: 

a)  directe,  wo  nur  Darmserosa  genäht  wird, 

h)  indirecte,  durch  Herbeiführung  einer  Verlöthung  mit  anderen 
Organen ; 

3.  Excision  eines  Darmsegmentes  mit  dem  Ulcus; 

4.  Gastroenterostomie  (bei  einem  Duodenalulcus);  wir  fügen  hinzu 
auch  temporäre  Jejunostomie  oder  in  anderen  Regionen  andere  Hilfsein- 
griffe (Entero-,  Colenteranastomosen); 

5.  Drainage  und  Umlegung  mit  Jodoformgaze. 

Was  die  künstliche  Deckung  der  Darmdefecte  mit  anderen  Organen 
betrifft,  so  kann  hier  die  von  Croft,  Michaux,  Sieur  ausgeführte  Me- 
thode der  Übernähung  des  (vereinigten)  Defectes  mit  einem  Netzlappen 
empfohlen  werden.  In  bestimmten  Fällen  greifen  wir  zu  Chaput's  Greffe 
intestinale,  d.  h.  Deckung  des  Defectes  oder  Nahtlinie  mit  einer  benachbarten 
Darmschlinge.  Wo  es  ausführbar  ist.  fixieren  wir  aber  den  perforierten  oder 
verletzten  Darm-,  Magentheil  oder  Stumpf  des  Proc.  vermiformis  entweder 
gegen  die  oder  in  die  Bauchwunde,  um  bei  Reperforationen  die  gefährliche 
Stelle  extraperitoneal  zu  lagern. 


Anhang. 


Während  des  Druckes  dieses  Buches  wurden  zwei  Kranke  mit  ein- 
geklemmten Hernien  im  moribunden  Zustande  auf  die  Klinik  eingebracht, 
so  dass  von  einer  Operation  Umgang  genommen  wurde.  Eine  dritte  eben- 
solche wurde  bei  der  Section  erst  entdeckt.  Sämmtliche  drei  Fälle 
wurden  nun  so  hergerichtet,  dass  der  Darm  am  zu-  und  abführenden 
Stücke  unterbunden,  die  ganze  Herniengegend  sammt  den  Knochen  heraus- 
genommen, und  das  Präparat  in  einer  eigenen  Formollösung  gehärtet,  nach 
dem  Hartwerden  aber  in  Celloidin  eingegossen  und  nun  erst  verwendet 
wurde.  Durch  Abtragung  von  dünnen  Schnitten  suchte  man  der  Hernie 
so  beizukommen,  dass  eine  genaue  Übersicht  der  Verhältnisse  gewonnen 
werden  konnte.  Nach  den  so  angefertigten  Präparaten  wurden  die  Zeich- 
nungen Fig.  42,  43,  122,  123  und  124  (Seite  91,  93,  516  und  517)  an- 
gefertigt und  zwar  von  dem  Facultätspräparator  H.  Rejsek. 


33* 


517 


ii^/y.  Eine  Hernia  obturatoria  incarcerata  s.  Reine  Darniwandliernie. 

Verticaler  Durchschnitt,  von  der  medialen  Seite  gesehen. 

Die  Arterie  kommt  von  außen  und  unten  bei  der  Hernie  hervor.    Im  Bilde  nur  der  zuführende 
Darmsehenkel  sichtbar  mit  rückläufigen  Falten  im  Innern  und  capillären  Innenraum.  Hernie 
enthielt  nur  etwas   Schleim.    Ttas  Präparat  ist  identisch  mit  dem,    nach  welchem  auch  Ab- 
bildung i2  und  43  angefertigt  wurden. 


Druck  von  Leopold  Karafiat  in  liiiuui. 


Medicinischer  Verlag  von  Josef  Safär  in  Wien. 


über  pseudo-interligamentöse  Eierstocksgeschwülste. 

Ein  Beitrag  zur  Lehre  von  den  fintziindnngen  des  Reclvenl)iiuclifelles. 

Von  Prof.  Dr.  K.  Pawlik. 

Mit  6  lithographirten  Tafeln. 
1891.  —  Preis  M.  2.20  =  fl.  1.20. 


Von 

Docent  Dr.  Richard  Braun  von  Fernwald, 

Assistent  an  der  pteburtsliilflichen  Klinik  des  Hofrathes  Prof.  Gustav  Brann  in  Wien. 
1894.  -  Preis  M.  2.20  =  fl.  1.20. 


Von  demselben  Verfasser: 

Der  Kaiserschnitt  bei  enorem  Becken. 

1894.  —  Preis  M.  3.-  =  fl.  l.Gü. 


Über  Asepsis  und  Antisepsis 

in  der  Geburtshilfe 

mit  specieller  Berücksichtigung  der  Verlialtnisse  und  Erfolge  an  der  geburtsliillliclien  Klinik 

des  Herrn  Hofratlies  Professor  Gustav  Braun  in  Wien. 

1895.  -  Preis  M.  3.60  =  fl.  2  — . 

„Die  vorliegende  Monographie,  die  für  den  Fachmann  in  vielfacher  Richtung  interessant  ist,  sei  jedem 
praktischen  Arzte,  der  Geburtshilfe  ausüben  will,  bestens  empfohlen.  Er  wird  darin  viel  Belehrendes  finden." 

(  Wiener  lUinisr.he  liundschau,) 


Die  fötalen  Kreislaufwege  des  Neugeborenen 

und  ihre  Veränderungen  nach  der  (Jeburt. 

in  besonderer  Riieksiclii  anf  Bcdciitnng  nnd  Verwei'inng  derselljeii  bei  gericlitsiirzHiclicii  Untcrsnciningen. 

Von 

Dr.  Albin  Haberda, 

Professor  an  der  k.  k.  Universität  in  Wien. 

Mit  3  lithographirten  Tafeln. 
1896.  —  Preis  M  4.—  =  fl.  2.20. 


Medicinischer  Verlag  von  Josef  Safär  in  Wien. 


Handbuch 


für 

k.  iinci  k.  Militärärzte. 

Systematisch  geordnete  Sammlung 

der  in  Kraft  stehenden  Vorschriften,  Circular-Verordnungen,  Reichs -Kriegs-Ministeria 
Erlässe  otc.  über  das  k.  und  k.  Militär-Sanitätswesen  und  die  persönlichen  Verhältnisse  d 

Militärärzte,  als  Ergänzung  zum 

Reglement  für  den  Sanitätsdienst  des  k.  und  k.  Heeres. 

Bearbeitet  von 

Dr.  Paul  Myrdacz, 

k.  und  k.  Stabsarzt,  o.  Mitglied  des  Militär-Sanitiits-Comite. 

Zweite,  vermehrte  und  verbesserte  AufLage. 

XII  und  1185  Seiten  Lexikon-Octav. 

1893.  —  Preis  fl.  9.-  ==  M.  18.—,  in  eleg.  Halbfranzbd.  fl.  10.50  =  M.  20.50. 
I.  Nachtrag  (1894)  60  kr.  =  M.  1.20.  —  II.  Nachtrag  (1895)  fl.  1.60  =-•  M.  3.20. 
III.  Nachtrag  (1896)  fl.  1.50  =  M.  3.—.  —  IV.  Nachtrag  (1897)  fl.  —.75  =  M.  1.50. 

Handbuch  für  k.  unO.Jilitärärzte.  II.  Band. 

Beiträge  zur  Kenntnis  des  Militär-Sanitätswesens  der  europäischen  Großmächte  und  des  Sanitäi 
dienstes  in  den  wichtigsten  Feldzügen  der  neuesten  Zeit. 

Unter  Mitwirkung  hervorragender  Facligenossen  herausgegeben  von 

Dr.  Paul  Myrdacz, 

k.  und  k.  Stabsarzt,  o.  Mitglied  des  Militär-Sanitäts-Comite. 
-   .i^-i..  I.  Ht-rt:  .^.^^  

Das  französische  Militär-Sanitätswesen. 

Geschichte  und  gegenwärtige  Gestaltung. 
Vom  Herausgeber. 
Zweite,  durchgesehene  Auflage. 
1897.  —  Preis  fl.  1.20       M.  2.20. 
 ^^.f.   II.  Hert:   

Sanitätsgfischiclite  des  Krimkrieges  1854-185G. 

Vom  Herausgeber. 
Mit  3  Kartenskizzen.  —  1895.  —  Preis  fl.  1.-  =  M.  1.80. 
 ^N^K  III.  Heft:  -(—^  


Greschich.  te 

des 


l  iid  I.  ö 


Von 

Dr.  S.  Kirchenberger, 

k.  und  k.  Stabsarzt. 
1895.  —  Preis  fl.  3.60  =  M.  6,50. 
Anhang  hiezu:  Chronologische  Tabellen.  —  1896.  —  Preis  fl.  1.-  =  M.  1.80. 


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